queer cannibal collective: Ein Aufruf zur wahnsinnigen Flucht

wir können nicht für die maschine arbeiten; die maschine wird niemals für uns arbeiten

die domestizierung des mensch-tieres [9] ist ein zentraler und grundlegender prozess der zivilisation, der als primäre kraft ihrer fortdauer funktioniert. ohne die menschen beständig zu domeszizieren könnte sich die zivilisation (inlusive ihrer anhaltenden domestizierung des rests der welt) nicht selbst aufrechterhalten.

für diejenigen, die nach der zerstörung der zivilisation streben, ist es notwendig, diese domestizierung zu annulieren. um wege in richtung dieser annulierung/zerstörung zu finden, blicken wir dorthin, wo eine ungebetene herausforderung entsteht, aus dem kreis der zivilisierten. hier sehen wir unzählige leerstellen in der hegemonie der domestizierung: den wahnsinn ihrer subjekte.

während die domestizierung das mensch-tier in die mensch-person deformiert, gibt es diejenigen, die unfähig oder unwillens sind, sich ihren anforderungen zu beugen. diese unfähigkeiten [inabilities] und verweigerungen wurden erst als krankheit des geistes und nun als krankheit des verstandes bezeichnet. in beiden paradigmen wird ein mangel innerhalb bestimmter tiere [10] verortet. wir werden als schatten betrachtet; unerfüllte bedürfnisse und dislozierte sehnsüchte sind nur als annomalien der form sichtbar. das terrain der medizin dient folglich dazu, unzählige erfahrungen auf eine handvoll diagnosen herunterzubrechen. die arten, auf die wir bisher in dieser welt überlebt haben, egal wie gut oder schlecht sie für uns funktionieren, werden als scheitern “angemessen zu leben” typisiert.

wir dementieren diese behauptung. ein scheitern, sich zufrieden an die mechanismen der zivilisation zu fesseln ist kein scheitern zu leben. wir scheitern nicht am lernen, wenn wir nicht unterrichtet werden können; wir scheitern nicht daran uns selbst zu versorgen, wenn wir nicht beschäftigt werden können. wir sind nicht isoliert, wenn wir mit dem symbolischen nicht umgehen können. im gegenteil! es ist die ordnungsgemäße funktion dieser mechanismen, dass unsere leben des lebendigen beraubt, unsere sein dem dasein und uns hilflos in einer produzierten welt der abstraktion zurücklässt, getrennt von unseren sehnsüchten. unsere unfähigkeit [inability] daran teilzunehmen erfordert, dass wir nach etwas anderem suchen. wie findet ein defektes zahnrad leben in einer maschine, die uns die unseren raubt?

wir suchen unseren eigenen weg hinaus

eine gewissheit stellt sich ein, wenn “nicht können” mit “nicht werden” zusammentrifft. wenn die gesamte erkenntnis aus der unmöglichkeit des lebens in dieser welt resultiert, sich die turbulenzen des sozio-politischen in ein verständnis unseres zustands und unserer feinde auflösen.

es wird klar, dass in beziehung zu dieser gesellschaft wir eine art von feind sind. Genauer: wir sind das gegenbeispiel der erfolgreichen produktion einer mensch-person. wir sind reuelose abfallprodukt; wir sind gewissermaßen furchteinflößend, aber empathisch abstoßend. wir sind die un-geraden.

gemäß der institutionen, die uns angreifen, gibt es eine heilung. sie erzählen uns, dass es wege in die wundervollen sphären gäbe – repräsentation, akzeptanz, inklusion, eine gemeinschaft. aber es gibt keine “gesundheit” in den domestizierten lebensweisen und wir sind überzeugt davon, dass ihre worte lügen sind: es existieren keine wundervollen sphären, produktive arbeiter*innen wollen sich ebenfalls selbst umbringen und nirgendwo in diesem ödland existiert irgendeine gemeinschaft.

ungeachtet der institutionellen versuche der anpassung und ihrer rhetorik der inklusion wird es immer irgendwelche ausgemusterten produkte der domestizierung geben. Wenn wir es nicht sind, wenn die gussform neu geformt wird, um nachsicht mit uns zu zeigen, wird es andere Andere geben. damit die internalität der zivilisation lesbar bleibt, muss es ein Außerhalb [11] geben und die wahnsinnigen haben eine bestimmte und eigenartige position als teil davon. wir sind das Außerhalb, dass ein innerhalb eröffnet – wir sind die löcher im Innerhalb, unvorhersehbare risse in seinem gewebe. wenn die illusion der realität zu dünn aufgespannt wird und reißt, dann sind wir diese leerstellen.

unsere position im inneren macht klar, dass ihre einteilung des Äußeren und Inneren eine erfindung ist, ein notwendiges konstrukt für die zwecke der zivilisation. die einteilung wird in der gelebten erfahrung nur insofern widergespiegelt, als dass sie durch soziale gewalt erzwungen wird. dennoch können sie sie nicht vollkommen erzwingen: ihr narrativ befördert die hegemonie aber kann die lebendige masse, die sie umgibt und untehalb von ihr schwankt, nicht vollständig verbergen.

es gibt eine welt jenseits der Welt der abstraktionen, die über uns liegt wie ein leichentuch, das vergeblich versucht, das keimende und sprießende Leben, dessen wir teil sind und immer waren zu verbergen. mensch-personen arbeiten unermüdlich, um dieses leben auszuschließen (und sich selbst im Inneren einzusperren), aber im wahnsinn erhaschen wir einen flüchtigen blick auf die welt jenseits des leichentuchs, ob wir wollen oder nicht. in unserer fähigkeit der abstraktion der welt zu widerstehen, uns selbst gegenüber der repressentation und dem symbolischen blind zu machen, darin so unerschütterlich nutzlos für die maschine zu sein, wie möglich, suchen wir nach einem ausweg aus dem käfig.

unsere erfahrung in dieser welt zu leben wie wir sind ist unabweisbar. sie ist vielleicht das einzige, das wir nicht bestreiten können. darin liegt eine gelegenheit; auf diese art und weise erfahren die wahnsinnigen eine bestimmte form der bestätigung. durch unsere nichtverhaftung mit dem polsternden und leitenden effekt der normativen sozialen realität empfinden wir diese welt auf eine art und weise, die diejenigen, die vollständig innerhalb ihrer realität sind, nicht wahrnehmen können.

unser wissen ist schmerzhaft. aber wäre es auf irgendeine weise weniger schmerzhaft für uns, es zu ignorieren? wir sind der überzeugung, dass es in unserem besten interesse liegt, unsere erfahrung zu nutzen, um ein flucht gleich welcher art zu wagen. wenn unser wahnsinn ein loch in der domestizierung ist, müssen wir den kräften widerstehen, die uns drängen, es abzudichten, uns selbst zuzunähen; wir müssen uns stattdessen aufreißen, das gewebe des Inneren so gut wir können zerreißen.

für uns gibt es hier drinn kein leben, nicht als die wesen, die wir sind. um zu leben müssen wir den wahnsinn ergreifen und uns gegenseitig helfen, herauszukommen.

Anmerkungen

[9] das heißt die trennung des mensch-tieres von der welt. menschliche domestizierung wird durch die abstraktion von der realen erfahrung erreicht, inklusive der einteilung dieser erfahrung in die innere welt des selbst und die äußere welt der sinne, die benennung des seins und handelns in vorherseebare und kontrollierbare formen (so wie die endlosen folgen der identitätsbildung, die uns akzeptable und inakzeptable arten uns aufeinander zu beziehen diktieren – die trennung von mensch-tieren oder ihren handlungen in moralisch zulässige und moralisch unzulässige, die zahllosen methoden, die entwickelt wurden, um die persönlichkeit zu bestimmen, etc. etc.).

[10] obwohl die jüngere psychiatrische auffassung zugibt, dass bestimmte spezifische abweichungen – depression, angststörungen, etc. – vom kontext des eigenen lebens verursacht werden können, liegt die verantwortung sich selbst zu “reparieren” noch immer vor allem beim individuum. das ziel der behandlung bleibt das gleiche: ein produktives mitglied der zivilisation zu werden. wir geben uns nicht mit einer liberalen “akzeptanz” von abweichung zufrieden, die niemals das system, das uns traumatisiert in frage stellt. die psychiatrie behauptet, den schmerz zu lindern, aber sie kann die blutung nicht stillen.

[11] mit Außerhalb meinen wir den ort, den die zivilisation zu erobern anstrebt. das Außerhalb ist die natur in dem sinne, in dem dieses wort typischerweise genutzt wird; es umfasst sowohl die materiellen ressourcen, die notwendig sind, um die produktion fortzusetzen, als auch den symbolischen raum, der existieren muss, um das Innen zu definieren. das Außerhalb ist die dunkelheit, die für diejenigen, die am feuer sitzen, undurchdringlich ist. das Außerhalb ist das vor dem die agent*innen der ordnung (militär, polizei, ärzt*innen und der ganze rest) die gewöhnlichen bürger*innen schützen.

Entnommen aus Eine ikonoklastische Ungeheuerlichkeit. Behinderung gegen die Zivilisation, erschienen beim Maschinenstürmer Distro.