Sport – Krieg – Männlichkeit (1994)

Krieg, Sport und Männlichkeit gehören irgendwie zusammen, das leuchtet spontan ein. Der Junge kann im Sport die Elemente der Männlickeit am eigenen Leib erfahren: Konkurrenz, Kampf, Mut, Härte, Zähigkeit, Sieg und Niederlage. Und damit lugt er doch schon um die Ecke, der Mann, wie er im Krieg gebraucht wird – oder? Schaut man genauer hin, liegen die Dinge, wie üblich, nicht so einfach, wie es zunächst aussieht. Das Verhältnis von Krieg, Sport und Männlichkeit ist komplex, ich will mich deshalb darauf konzentrieren, einige Denkgewohnheiten aufzulockern.

Es empfiehlt sich, mit einem Blick in die Geschichte anzufangen. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gelangen die bürgerlichen Ärzte in vielfachen Publikationen den allgemeinen gesundheitlichen und sittlichen Verfall der Jugend zu beklagen. Sie schlugen vor, gymnastische Übungen und Spiele als Gegengewicht zur „verweichlichten Erziehung“ in die Schulen einzuführen. Dies würde außerdem der Wehrkraft gute Dienste leisten. Was hier gleichsam im Nebensatz erwähnt wird, bekommt von nun an ein zunehmend größeres Gewicht. Am Beginn des 19. Jahrhunderts schreibt Friedrich Ludwig Jahn, der „Turnvater“: „Erst wenn alle wehrbare Mannschaft durch Leibesübung waffenfähig geworden, streitbar durch Waffenübungen, schlagfertig durch erneuerte Kriegsspiele und Immergerüstetsein, kriegskühn durch Vaterlandsliebe – kann ein solches Volk ein wehrhaftes heißen.“

Die Leibesübungen sichern die körerlichen Voraussetzungen einer schlagkräftigen Armee, so lautet dieses Argument. Er wird alsbald gefolgt von einem zweiten. Das von ihm „erfundene“ Turnen, so Jahn wenig später, bildet gleichzeitig das Bewußtsein für die nationale Verbundenheit und hebt den nationalen Stolz. Es stellt nicht nur die Wehrfähigkeit, sondern mit der „Vaterlandsliebe“ auch den Wehrwillen her, die geistige Bereitschaft aus sich einen Soldaten machen zu lassen.

Diese Argumente werden seitdem von allen Turnpädagogen des 19. Jahrhunderts vorgetragen, wenn sie sich für die Einrichtung von Turnplätzen, die Einführung des Turnunterrichts an den Schulen und die staatliche Anstellung von Turnlehrern einsetzen.

Springen wir ins Zwanzigste Jahrhundert. Einer der einflußreichsten Männer im bürgerlichen Sport der ersten Jahrhunderthälfte war Carl Diem. Er hat gern und ausführlich zu unserem Thema Stellung genommen. Zum Beispiel so: „Sport bedeutet Freude am Kampf und Schmerz. (…) Wie kommt es eigentlich, daß junge Menschen solche schmerzhaften und mühevollen Unternehmungen als Vergnügen betrachten? Sie sind Idealisten. Vor ihrem Auge steht ein menschliches Ideal, dem sie zustreben: ein Mensch, der sich vor Anstrengung, Gefahr und Schmerz nicht fürchtet, ja, der sie aufsucht, um sie zu bestehen. Wie nennt man solches Ideal? Es ist ein soldatisches Ideal. Sport ist freiwilliges Soldatentum.“ Pierre de Coubertin, Begründer der neuzeitlichen Olympischen Spiele, war der gleichen Ansicht. Daß im nationalsozialistischen Deutschland die Lobpreisungen des Sports als Vorschule des Krieges geradezu gebetsmühlenhaften Charakter annehmen, wird niemand besonders erstaunen.

Nach dem zweiten Weltkrieg versiegt dieser breite Strom an Äußerungen in der Bundesrepublik, besser gesagt: er kehrt sich sozusagen um. Der Sport soll nun nichts mehr mit dem Krieg zu tun haben, vielmehr wird er zum Ausdruck der Völkerverständigung und Friedensliebe. In der DDR dagegen kommen die alten Argumentationsfiguren bald wieder zu neuen Ehren, unter dem Ettikett der sozialistischen Vaterlandsverteidigung versteht sich.

Im wissenschaftlichen Mainstream wird dies unter dem Theorem der Fremdbestimmung des Sport rubriziert. Leibesübungen, so seine gedankliche Voraussetzung, sind eigentlich zweckfrei. Es handle sich um einen Mißbrauch, wenn Sport zur vormilitärischen Ausbildung oder zur nationalchauvinistischen geistigen Kriegsvorbereitung eingespannt werde. Einige Phänomene fügen sich allerdings nicht leicht in dieses friedliche Bild.

Es gibt scheinbar eine spontane Tendenz, Erlebnisse im Bereich des Sports in der Bildsprache des Krieges auszudrücken. Es ist ein Evergreen der Sportkritik, daß man für die Beschreibung von Sportspielen auf das Vokabular des Schlachtfeldes angewiesen ist. Doch es sind nicht nur die Fußballer, die stets angreifen, stürmen, schießen, Bomben und Granaten loslassen. Auch Erlebnisberichte von Bergsportlern sind mitunter kaum von Kriegserzählungen zu unterscheiden. Schauen wir zunächst an einem Beispiel ein, was die Wehrkraftargumentation der Sportpädagogen taugt.

Im Sommer 1810 begleitet der Lehrer Jahn einige Schüler vor die Tore Berlins, um dort „Jugendspiele und einfache Übungen“ zu leiten. Die Zahl der Teilnehmer wächst durch Mund-zu-Mund-Propaganda. Sind es anfangs Quintaner und Quartaner, stellen sich doch bald auch Oberstufenschüler ein. Der Turnplatz, den sich die Gruppe in der Hasenheide einrichtet, wird zur Publikumsattraktion und schließlich beteiligen sich selbst Studenten der Berliner Universität. Aus dieser Keimzelle entwickelt sich innerhalb weniger Jahre eine territorial verbreitete, strukturell gefestigte und mitgliederstarke Bewegung – es handelt sich um den Beginn der deutschen Nationalbewegung.

Was treiben die Turner da eigentlich? Ein Beteiligter schreibt rückblickend, die Spiele „Jagd“, „Ritter und Bürger“, „Schwarzer Mann“ und „Sturmlauf“ wären die wichtigsten Aktivitäten gewesen. Das Turnen besteht also am Anfang vor allem aus Spielen, genauer: aus Rollenspielen. Dies sollte bis zum Verbot im Jahre 1819 auch so bleiben. Beim „Schwarzen Mann“ und der „Jagd“ tritt ein mächtiger Gewalttäter auf. Die Flüchtenden werden von ihm durch Abschlagen symbolisch getötet, sie verwandeln sich auf der Stelle in Gehilfen des Mächtigen. Wer es schafft, am längsten zu überleben, darf als Belohnung in der nächsten Runde in die Rolle des Gewalttäters schlüpfen. Beim „Ritter und Bürger“-Spiel handelt es sich um ein Parteispiel: Jede Gruppe bekommt eine „Festung“ zugeteilt, die Aufgabe ist, Mitglieder der anderen Partei gefangenzunehmen oder deren Festung zu stürmen. Vorposten werden aufgestellt, Patrouillen entsandt, Hinterhalte gelegt, Überfälle versucht. „Sturmlauf“ wird an einem sandigen Abhang gespielt – die Verteidiger versuchen zu verhindern, daß die Angreifer den Hügelkamm erklettern.

Man sieht: die Turner treiben Kriegsspiele oder Spiele, bei denen Gewalt und Tod eine wichtige Rolle spielen. Tatsächlich ist die spielerische Inszenierung von Krieg und Kampf rund um den Turnplatz allgegenwärtig. Hat eine Teilgruppe außerhalb des Turnplatzes gespielt, so schleicht sie sich an die Zurückgebliebenen an und versucht sozusagen im Handstreich den Platz zu erobern. Oft ist schon der Weg von zu Hause zum Turnplatz hin in ein Kriegsspiel eingebunden. Es leuchtet ein, daß die Turnübungen in diesem Kontext eine spezifische Bedeutung bekommen: Klettern, Ringen, Balancieren, selbst die Stärkung der schieren Körperkräfte sind stets projektiert auf die Verwendung in kriegerische Spielszenen.

Jahn hat diese Spiele nicht etwa aus dem Nichts erfunden. Zahlreiche autobiographische Berichte zeigen, daß zu Beginn des 19. Jahrhunderts – wie heute – Kinder und Jugendliche sich ohne pädagogische Leitung zu Cliquen gesellen, dass sie Spiele wie „Räuber und Gendarm“ spielen, daß die männlichen Cliquen sich untereinander erbittert und ausdauernd befehden. Diese „Knabenkriege“ sind eine bevorzugte Beschäftigung der männlichen Jugendlichen und gerade deshalb nehmen sie auf dem Turnplatz eine so vorherrschende Rolle ein – ein trockenes Üben formalisierter Bewegungen hätte die Turner nicht interessiert und sie wären einfach weggeblieben.

In den Ferien treffen sich die Turner zu gemeinsamen Wanderausflügen, dabei besuchen sie bevorzugt Schlachtfelder und malen sich aus, wie die Kampfhandlungen vor sich gegangen sind. Sie besprechen, wie man im Gelände Marschwege wählen würde, wo Angriffs- und Verteidigungsstellungen aufzubauen sind, usw. Man sieht: Kriegsphantasien werden nicht nur im Spiel ausagiert, sie bilden den Stoff zu gemeinsamen Tagträumen. Das soziale Leben in der wandernden Gruppe tut ein Übriges. Campieren in Scheunen, Herumziehen in einem quasi uniformierten Jungmännerhaufen – die gesamte Turnfahrt wird zur Inszenierung einer Kriegsphantasie. Wenn wir zusammenfassen, spielt der Krieg für die Begeisterung am Turnen eine zentrale Rolle, er stellt eine Erlebniserwartung dar, die im Spiel ausagiert, in Gruppenphantasien imaginiert und im sozialen Leben und Habitus der Gruppe inszeniert wird.

Jahn sah in den Turnspielen eine unmittelbare Vorbereitung für die Kriegstätigkeit. Vergleichen wir dies mit der Auffassung einer militärischen Autorität – Carl von Clausewitz. Er beschreibt den zeitgenössischen Krieg folgendermaßen: „Man stellt sich in großen Massen neben- und hintereinander geordnet ruhig hin, entwickelt verhältnismäßig nur einen geringen Teil des Ganzen und läßt diesen ausringen in einem stundenlangen Feuergefecht (…). Hat dieser eine Teil sein kriegerisches Feuer auf diese Weise nach und nach ausgeströmt, und es bleiben nichts als Schlacken übrig, so wird er zurückgezogen und von einem anderen ersetzt. Auf diese Weise brennt die Schlacht mit gemäßigtem Element wie nasses Pulver langsam ab.“

Verglichen mit den Kriegsbildern könnte das Bild des Analytikers kaum gegensätzlicher gewählt sein. Hier gibt es kein Dahinjagen, keine ungeheuren Explosionen, die Schlacht wird vielmehr dargestellt, als hochkomplexe, zielgerichtete, möglichst kontrollierte Zerstörungsarbeit. Die Truppen bilden die dazu nötigen Arbeitsmittel. Ihr Gebrauchswert bestimmt sich durch die Menge, Ausrüstung und jene Tugenden, die Clausewitz die „moralischen“ nennt. Der wichtigste moralische Faktor ist die „kriegerische Tugend“. Sie setzt sich zusammen aus Ordnung, Gehorsam, Furchtlosigkeit, Unempfindlichkeit gegen physische Belastung und Zutrauen zu den Führern.

Clausewitz kennt nur zwei Mittel, die kriegerische Tugend des Heeres herzustellen; sie müssen überdies zusammenwirken. Das erste ist der Drill, das zweite die Gewöhnung an Gefahr und Anstrengung. Letztere kann nur im Krieg selbst erworben werden. In den Augen des Militärtheoretikers machen weder Tapferkeit noch Enthusiasmus den Krieger aus. Als Stratege jedem Dogmatismus abhold, benutzt Clausewitz, wenn es um die militärische Erziehung geht, regelmäßig die Worte: Disziplin, Ordnung, Regel, Methode.

Mit solchen Vorstellungen läßt sich das Treiben auf der Hasenheide nicht in Einklang bringen. Wie wenig das Turnen auf den realen Krieg vorbereitet, zeigt sich dann in den Freiheitskriegen 1813-1815. Jahn wird zwar zum Mitbegründer des berühmten Lützowschen Freikorps, doch als Offizier ist er schlicht unfähig. Er hat weder Interesse noch Begabung, sich die Taktik der Kompanie- und Bataillonsführung anzueignen, zieht sich vielmehr schon bald gekränkt nach Berlin zurück. Die jugendlichen Turner strömen als Freiwillige zu den Waffen, viele zum Lützowchen Korps. Doch das Freikorps spielt im Kriegsverlauf keine Rolle und es weist im Vergleich zu den Linientruppen eine exorbitante Desertationsrate auf.

Das Verhältnis zwischen Turnspielen und Krieg muß also vom Kopf auf die Füße gestellt werden. Die Kriegsspiele bereiten nicht auf den Krieg vor, vielmehr stellen sich die Turner den Krieg als eine Fortsetzung ihrer Kriegsphantasien mit anderen Mitteln vor. Es erhebt sich nun die Frage, weshalb die Kriegsphantasien eine so große Faszination auf die Jugendlichen ausgeübt haben, warum sie sich ihnen mit solcher Hingabe widmeten und so große Affektbaträge in sie investierten.

Die folgenden Zeilen aus Friedrich Schillers „Wallersteins Lager“ wurden ein paar Jahre vor der Entstehung des Turnens geschrieben, sie können uns weiterhelfen:

„Wohl auf, Kameraden, aufs Pfed aufs Pferd!
Ins Feld, in die Freiheit gezogen.
Im Feld, da ist der Mann noch etwas wert.
Da wird das Herz gewogen.
Da tritt kein anderer für ihn ein.
Auf sich selber steht er ganz allein.
Aus der Welt die Freiheit verschwunden ist,
Man sieht nur Herren und Knechte,
Die Falschheit herrschet, die Hinterlist
Bei dem feigen Menschengeschlechte.
Der dem Tod ins Angesicht schauen kann,
Der Soldat allein ist der freie Mann.“

Der Soldat verkörpert ein Wunschbild, das Bild des selbstbewußten, autonomen Mannes. Anziehend an diesem Bild ist zunächst eine geschlechtliche Identität: der Soldat ist zweifelsfrei ein Mann, ein, wie man sagen könnte, „wahrer“ Mann. Zum Wunschbild gehört ein bestimmter szenischer Zusammenhang, denn nur im Felde ist der Soldat der freie Mann, also nur, wenn eine bestimmte soziale Beziehungslage mit dem dazugehörigen Handlungskontext hergestellt ist, dann kann der Mann männlich und frei sein. Clausewitz hat uns bereits wissen lassen, daß die hier geäußerten Vorstellungen pure Illusion sind, gerade deshalb lohnt es sich, sie noch weiter auszuloten.

In der zweiten Strophe wird benannt, weshalb der Mann im Frieden nichts zählt: Im Zivilleben gibts nur Herren und Knechte. Das bedeutet, daß der Mann nicht an seinen Fähigkeiten gemessen wird, daß er Güter, Anerkennungen und sozialen Rang nicht aufgrund seiner Leistungen erwirbt, sondern durch ständische Geburt in eine soziale Rolle gezwängt ist.

Der zweite Grund ist, daß im Frieden Falschheit und Hinterlist herrschen. Es wird mit Mitteln gekämpft gegen die sich ein wahrer Mann nur schwer zur Wehr setzen kann. Wer wendet sie an? Schwächlinge und Frauen – wir werden darauf zurückkommen.

An dieser Stelle ist es nötig, die gesellschaftlich-sozialen Hintergrundprozesse in Betracht zu ziehen. Die Entstehung der Turnbewegung fällt in eine Zeit, die von einem grundlegenden Umbruch gekennzeichnet ist. Die spätabsolutistische Ständegesellschaft war auch in Preußen an ein Ende gekommen, unter ihrer Decke regten sich schon lange die Kräfte der aufkommenden bürgerlichen Ordnung. Das Bürgertum hatte bereits seit dem letzten Viertel des 18. Jahrhunderts eigene Vorstellungen von Kindererziehung, Jugendleben und Ausbildung, und nicht zuletzt vom Verhältnis der Geschlechter entwickelt und öffentlich propagiert. Zentraler Teil dieses kulturellen Hegemonialprojekts ist ein neues Familienideal, bei dem der Mann hinaus muß ins feindliche Leben und die Frau den Herd hütet und die Kinder erzieht. Dieses Ideal setzt voraus, daß der Arbeitsplatz des Mannes räumlich von der Wohnstätte der Familie getrennt ist. Um seiner „natürlichen“ Bestimmung nachzugehen, muß er das Haus verlassen. Zudem ist die Familie auf die Kleinfamilie geschrumpft: Vater, Mutter, Kinder. Dienstboten, Gesellen, Lehrlinge, andere Verwandte gehören nicht mehr dazu. Die Einkünfte des Mannes sollen ausreichen, um die Familie als ganze zu ernähren. Die Frau ist mit Hausarbeit sehr wohl beschäftigt; die Idee aber, daß auch sie Produkte ihrer Arbeit verkauft, erscheint im Rahmen des neuen Ideals lediglich als Beweis für die Unzulänglichkeit des Mannes. Die materiellen und sozialen Bedingungen, unter denen dieses Familienideal funktionieren kann, waren zu Beginn des 19. Jahrhunderts nur in einer kleinen sozialen Gruppe vorhanden. Wichtiger war es vielleicht durch die in ihm angelegten Konsequenzen:

  • Die Lebenskreise von Mann und Frau werden dichotomisiert. Die Frau regiert das Haus, der Mann geht in die Öffentlichkeit des gesellschaftlichen Lebens.
  • Diese Dichotomisierung wird als naturgegeben dargestellt. Die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung war in der traditionellen Gesellschaft an die soziale Funktions- und Rangordnung gebunden, z.B. die Herrschaftsrechte des pater familias usw. Jetzt entspringt die Rollen- und Arbeitsteilung direkt aus einem postulierten naturgegebenen Charakter der Geschlechter.

Mit diesem Ideal ist ein ganzes Bündel gesellschaftlich-politischer Implikationen verbunden. In ihm wird die Lebensweise der herrschenden Klasse, des Adels, ebenso verworfen und unnatürlich erklärt, wie die der unterbürgerlichen Schichten. Ein zweiter Aspekt betrifft das Verhältnis der Geschlechter. Das Bürgertum trägt seine Forderungen nach gesellschaftlicher Partizipation mit einer naturrechtlichen Argumentation vor: Ständische Schranken und Vorrechte stehen dem natürlichen Recht des Menschen auf Entfaltung seiner Talente und Leistungsfähigkeit entgegen. Das würde bedeuten, daß Frauen die gleichen Partizipations- und Aufstiegschancen einzuräumen sind.

Der Rekurs auf die besondere Natur der Frau wehrt diesen Anspruch ab: nicht mehr aus der ständischen Ordnung heraus, sondern von Natur her ist die Frau dem Mann untergeordnet.

Vor diesem Hintergrund ist also Schillers Rede von den Herren und Knechten zu interpretieren. Der wahre Mann ist der bürgerliche Mann, er ist weder Herr noch Knecht. Der Krieg ist der Ort, an dem er nach seinen Leistungen beurteilt wird, hier kann sich der Bürgermann bewähren und angemessenen Rang und Ansehen erreichen. Das Bild des Soldaten im Kriege stellt so in gewisser Weise den bürgerlichen Männlichkeitskodex schlechthin dar.

Kehren wir zu den Turnern zurück: Tatsächlich wird mit der Auflösung der ständischen Ordnung das Problem drängender, eine quasi natürliche männliche Geschlechtsidentität zu konstruieren. Im ständischen Rahmen hatten die Zünfte und Gilden definiert, in welchen Abschnitten sich männliche Entwicklung vollziehen sollte: Lehrling, Geselle, Meister. Hinzu kamen weitere Statusübergänge, wie die Zulassung zu Tanz- und Trinkstube, Verleihung eines Dolches, u.ä. Entsprechende Prüfungen sicherten die Statuspassage ab. Für die bildungsbürgerliche Jugend waren die Lebenslaufstationen nie so deutlich strukturiert. Zudem war durch lange Ausbildungszeiten und unberechenbare Status- und Einkommensaussichten die Identitätsbildung immer schon prekärer. Es ist kein Zufall, dass die Turnerbewegung eine Sache des Bildungsbürgertums war, Turner sind in überwältigender Mehrheit Gymnasiasten, Studenten oder Lehrer. Das Problem zeigt sich deutlich, an einem der Lieblingssentenzen von Jahn:

„Vergiß in keinem Augenblick Deiner Jugend, daß des deutschen Knaben und Jünglings heiligste Pflicht ist, ein deutscher Mann zu werden und es, geworden, zu bleiben.“

Der Junge wird nicht durch seine biologische Ausstattung zum Mann, er muß Pflichten erfüllen, um Männlichkeit zu erreichen. Männlichkeit ist ein außerordentlich wichtiges Gut, ihr Besitz bleibt stets bedroht. Es bedarf weiterer Anstrengungen und Vorkehrungen, damit der Mann ein Mann bleibt.

Der Katalog der Eigenschaften, die den bürgerlichen Mann ausmachen, ist wohlbekannt: er muß aktiv, arbeitssam und ausdauernd sein, sein Körper soll stark, geschickt und bedürfnislos sein. Zudem ist er umfassend gebildet, intelligent und meistert alle Schwierigkeiten. Noch etwas kommt hinzu, er tut seine Pflicht, ist ehrbar und tugendhaft. Der Turnplatz ist für Jahn der Königsweg zur Männlichkeit, denn dort gilt:

„nichts Unmännliches mitmachen; sich auch durch keine Verführung hinreißen lassen, Genüsse, Vergnügungen und Zeitvertreib zu suchen, die dem Jugendleben nicht geziemen (wie z.B.) faulthierisches Hindämmern, brünstige Lüste und hundswütige Ausschweifungen“.

Sexualität ist offenbar eine ernste Gefahr für die Männlichkeit. Jahn spielt einerseits auf die Antimasturbationskampagne der bürgerlichen Pädagogik an, die wenige Jahre zuvor über Europa hinweggerollt war. Ärzte und Pädagogen hatten gewarnt, daß die Onanie eine Seuche sei, die neben allerlei körperlichen Leiden schließlich die Zeugungsunfähigkeit, die Entmannung also zur Folge haben werde. Jahn hat aber die sexuelle Betätigung überhaupt im Sinn. An anderer Stelle heißt es:

„Jeder Mann tauscht Menschheit mit Viehheit, der Mannheit und Männlichkeit durch die Kraft der Zuchtthiere und Beschäler zu beweisen wollüstelt. Er ist schon geistig und sittlich entmannt, und verdient solchen Greuel auch leiblich unter dem Hämmlingsmesser zu büßen.“

Wie mit allem anderen soll der Bürgermann auch mit der Lust sparsam umgehen. Gleichzeitig wird hier aber auch ein Angstaffekt deutlich: die Sexualität schlechthin ist eine enorme Gefahr für den Körper des Mannes. Wer sich auf die sexuelle Lust einlässt, wird entmannt, kastriert. Es wird erkennbar, daß die Männlichkeitsvorstelllungen auch einen Abwehrcharakter haben: Mann zu sein bedeutet, der Gefahr der Entmannung getrotzt zu haben. Im Männlichkeitsbild stecken gerade die Eigenschaften, die vor der Kastration schützen: In diesem Fall die bürgerliche Mäßigkeit.

Die mit der Sexualität verbundene Gefahr geht natürlich von denen aus, die sexuelle Wünsche im Mann erwecken könnten: Frauen. Das Frauenbild der Bildungsbürger gespalten in die Gegenbilder der sinnlich-aktiven, verführerischen Frau auf der einen und die sittsam-bescheidene, dem Mann unterworfene auf der anderen Seite. Der bürgerliche Männlichkeitsentwurf wird denn auch begleitet von Verhaltenskodizes und Erziehungsempfehlungen, die sicherstellen sollen, daß Mädchen sich zu jenem Bild der Frau entwickeln, das dem Mann weniger bedrohlicher erscheint. Unheimlich bleibt die Sache dennoch: Wer kann denn wissen, ob sich unter der Larve der Biederfrau nicht eine sinnliche Verführerin verbirgt, die einen Anschlag auf die Männlichkeit im Schilde führt, eine „Männin und Buhlin“, wie Jahn sagt? Die bedrohliche Frau ist neben ihrer Sexualität durch ein zweites Merkmal gekennzeichnet: sie hat sich ein Stück Männlichkeit angeeignet, die Männin, das Mannweib. Entsexualisierung, Kontrolle und Unterordnung der Frau sollen als Sicherung fungieren, und dennoch scheint dies alles nicht zu genügen.

An der Frau ist nämlich noch ein anderer Aspekt beunruhigend. Wird der Mann bei der mütterlich-versorgenden Frau nicht seine Unabhängigkeit und Bedürfnislosigkeit verlieren, männliche Härte mit kindlicher Weichheit vertauschen? Wird er nicht abhängig werden von der Frau und so seine Männlichkeit aufs Spiel setzen? Diese Gefahr des Wiederverschlungenwerdens in kindliche Abhängigkeit geht gerade von der fürsorglichen, mütterlichen Frau aus. Der Mann muß deshalb um eine gewisse Distanz bemüht sein, auch darin steckt ein Abwehraspekt: Die Angst vor der Verschlingung in die weibliche Weichheit offenbart einen Ambivalenzkonflikt.

Einerseits sind mächtige Wünsche nach passsiver Versorgtheit vorhanden, andererseits würde sich die männliche Identität und Autonomie bei Rückkehr in kindliche Abhängigkeit verlorengehen. „Ein Mann muß immerfort der Verderbnis entgegen widerstehen bis zum Hinschwinden“ heißt es bei Jahn. Der Mann schützt sich, indem er sich in männliche Reservate zurückzieht. Der Krieg ist die männliche Sphäre par excellence, er ist auch in der Phantasie ein sozialer Ort, von dem Frauen ausgeschlossen sind. Deshalb ist in Kriegsphantasien der Aufbruch auch mit einer gewissen Erleichterung verbunden, mit dem Gefühl, noch einmal davon gekommen zu sein.

Wir haben gesehen, daß Kriegsphantasien eine dominierende Rolle in der frühen Turnbewegung spielten, sie wurden in Spielen agiert, in Gruppenphantasien imaginiert und in der sozialen Aktivität und Struktur der Turnbewegung inszeniert. Diese Phantasien sind auch den körperlichen Aktivitäten unterlegen, die unmittelbar mit ihnen nicht verbunden scheinen: Den Körperübungen und den gemeinsamen Fahrten zum Beispiel. Diese Aktivitäten leisten für eine Vorbereitung auf den realen Krieg recht wenig, sie leisten dafür umso mehr für Identitätsbildungsprozesse. Dabei überlagern sich drei Ebenen von Identitätsbildungsprozessen:

  • die individuelle Herausbildung männlicher Geschlechtsidentität im Jugendalter;
  • die Herausbildung eines bildungsbürgerlich-patriarchalen Selbstverständnisses als langfristige gruppenspezifische Identität mit seinen spezifischen Sexualitäts- und Affektkontrollen, seinen Geschlechtsrollen- und Familienvorstellungen und seinen auf Wissen, Moral und Körperlichkeit bezogenen Leistungsanforderungen;
  • schließlich, und das füge ich hier nur an, ohne es auszuführen, die Herausbildung einer nationalen Identität.

Die Verarbeitung individuell-lebensgeschichtlich entwickelter Phantasien wird so mit der Deutung der gesellschaftlichen Realität auf eine Weise kurzgeschlossen, die gleichzeitig Identitätsbildung und Sicherung von bürgerlich-patriarchalen Machtansprüchen verheißt. Die für das Turnen im 19. Jahrhundert charakteristischen Spaltungen, die Spaltung des männlichen vom weiblichen Körper, die Spaltung des Frauenbildes in die sinnliche und die keusche Frau, die Spaltung des Bildes vom männlichen Körper in den gesunden, abgehärteten und den weichlichen, entmannten Körper, diese Spaltungen bewähren sich gleichzeitig zur Abwehr innerer Konflikte und zur Beherrschung äußerer Verhältnisse. Diese Verschmelzung von psychologischen und sozialen Funktionen hat sich als sehr dauerhaft erwiesen.

Das am Beispiel des Turnens Entwickelte läßt sich auf den Sport allgemein übertragen. Immer sind die konkreten Aktivitäten unterlegt mit latenten Phantasien, häufig eben Kriegsphantasien. Diese vorbewußt/unbewußte emotionale Erlebnisdimension des Körperlichen verschafft sich Ausdruck, wenn das Sporttreiben verbal beschrieben wird – plötzlich werden die Kriegs-, Gewalt- und Bedrohungsphantasien kenntlich. Diese Phantasien geben dem sozialen Raum des Sports insgesamt seine besondere Bedeutung. Im Jahre 1912 schreibt ein Ruderer, der den Ausschluß von Frauen aus den Ruderclubs fordert, zur Begründung:

„Damen sind sehr hübsch – sie gehören aber nicht auf das Schlachtfeld.“

 

Entnommen aus Männerrundbrief Nr. 4.