Aus Ramasuri: Can’t hold us down
Wir sehen Rache als einen möglichen Ausdruck von Wut gegen etwas oder jemanden. Rache als Reaktion auf Handlungen, die wir als ungerecht, schmerzhaft etc. empfinden – wir wissen, das ist nicht allgemeingültig oder ‚objektiv‘ und schon garnicht deckungsgleich mit dem, was staatlich als ‚Unrecht‘ definiert wird. Und genau deshalb denken wir, dass Rache etwas sein kann, das uns aus der Ohnmacht herausführt. Rache entzieht sich der staatlichen Logik und folgt dem Empfinden derjenigen, die sich rächen. Auch der Staat fügt gezielt Verletzungen zu – rächt er sich? Vielleicht. Aber staatliches Strafen hat nichts mit Rache als Selbstermächtigung zu tun. Der Staat besitzt die zentrale Machtposition in unserer Gesellschaft und innerhalb seiner Logik geht es immer darum den Status Quo aufrechtzuerhalten. Der Staat basiert auf Ungleichheit, auf einer Gesellschaft von Unterdrücker_innen und Unterdrückten, die mittels des Strafsystems erhalten werden soll. Diejenigen, die entscheiden, diejenigen, die strafen, sind weder die Verletzten noch die Entmächtigten. Wenn wir uns aus einer benachteiligten Position heraus rächen, kann das aber Selbstermächtigung sein, uns handlungsfähig machen, um etwas, das genommen oder verletzt wurde, wiederzuholen oder wiederherzustellen.
Uns an einem übergriffigen Menschen zu rächen, kann eine Machtposition verschieben. Der Akt des Übergriffes zeigt, dass die übergriffige Person einerseits in der Lage dazu ist, sich so zu verhalten und andererseits sich dazu berechtigt fühlt. Das heißt nicht, dass eine übergriffige Person sich zwangsläufig in allen Aspekten in einer mächtigeren Position als die betroffene Person befindet, aber sie nutzt ein bestimmtes Machtverhältnis, agiert diesem Verhältnis entsprechend. Beispielsweise führt uns ein Typ, der uns einen sexistischen Spruch hinterher ruft oder uns auf einer Party angrapscht vor Augen, in welchen gesellschaftlichen Rollen wir gesehen werden und stecken, er bestätigt und verfestigt durch sein Handeln die Normalität solcher Übergriffe. Rache zu üben an einer Person, die sich uns gegenüber in einer Machtposition befindet und diese durch ihr Verhalten bestätigt, hat nichts damit zu tun ‚auch nicht besser zu sein‘, sondern uns selbst zu ermächtigen, die eigene Handlungsfähigkeit (wieder) zu erlangen und ganz klar diese unterdrückende Struktur in Frage zu stellen. Zu sagen, dass diese Macht nicht einfach ausgeübt werden kann. Zu zeigen, dass wir das Bewusstsein über diese Positionen haben und uns darin wehren können. Zu zeigen, dass dieses Machtverhältnis, das uns schwach und ohnmächtig machen soll, zerstört werden kann und muss. Das Selbstbewusstsein zu erschaffen, den eigenen Ausdruck für die Gefühle zu erlangen und anstatt uns selbst zu zerstören, das zu zerstören, was uns diesen Schmerz zugefügt hat. Das anzugreifen, was uns kaputt macht, ist Selbstermächtigung, ist Emanzipation.
Ob Rache im Auftrag oder im Namen einer anderen Person oder gemeinsam ausgeübt werden kann, ob Rache an etwas Abstrakterem als einer konkreten Person, etwa Rache an einem System, einer Gesellschaft existieren kann und wie diese aussehen könnte – das sind alles Fragen, die existenziell und weiterführend für unser Handeln sind.
Bei Rache geht es nicht darum, zu verhandeln oder Konflikte zu lösen, es geht um einen Zugang zu unserer Wut, um einen Umgang mit der erfahrenen Gewalt, mit unseren Verletzungen, um die Zerstörung des Bestehenden. Wir fragen uns aber auch: Sind wir überhaupt in der Lage dazu, uns zu rächen? Wie weit sind wir eigentlich bereit zu gehen? Sind wir wirklich offen für Veränderung? Und sind wir bereit, innerhalb der Erkenntnis zu handeln, dass es keine Harmonie mit allen geben kann?
Das Gewalttätigste, was wir in einer Welt voller Gewalt tun können, ist nichts tun gegen diese gewaltvollen Verhältnisse. Wir leben in einer Welt, die auf Gewalt aufbaut, in der Unterdrückung und Aufrechterhaltung der Herrschaft durch täglich reproduzierte Gewalt geschieht. Der Staat besitzt die einzig ‚legitime‘ Gewalt, die Legitimation von Gewalt ist aber noch komplexer. Strukturelle Diskriminierung und Unterdrückung ist zwar teilweise gesetzlich vom Staat ‚verboten‘, jedoch gibt es klare Unterschiede zwischen gesellschaftlich anerkannter Gewalt und solcher, die es nicht ist. Im Patriarchat, in dem wir leben, ist Gewalt von Männern gegenüber Frauen viel mehr verbreitet und anerkannt als anders herum. Nicht ‚männlich‘ oder ‚weiblich‘ zu sein, sein zu wollen, wird oft weder anerkannt noch ernst genommen. Was vom heterosexuellen System der Zweigeschlechtlichkeit abweicht, gilt als Ausnahme, Sonderfall, ‚anders‘. Dies sind Vorstellungen von Normalität, die die Gewaltverhältnisse formen, in denen wir leben. Sie stimmen nicht unbedingt mit den scheinbar ‚gleichberechtigten‘ Gesetzen überein, bestimmen aber unsere Realität. Es gibt Gesetze, um häusliche Gewalt und Vergewaltigungen zu verbieten und zu bestragen, gleichzeitig (re)produziert die Gesellschaft eine Normalität, die diesem Verhalten zu Grunde liegt und es überhaupt erst erschafft.
Gewalt erfahren wir in vielen unterschiedlichen Formen; für uns greift eine Definition von Gewalt, die diese lediglich als physischen Angriff sieht, zu kurz. Mit der Gewalt der Normalität, aus der wir nicht herausfallen dürfen, wird uns ein Leben aufgezwungen. Gewalt wird uns angetan von der Schule, die wir schon von klein an besuchen müssen, von den Eltern, die uns anschreien, weil wir ihnen nicht ‚gehorcht‘ haben. Gewalt ist der erste Sex, von dem wir denken, es wäre normal, dass es weh tut. Gewalt sind nicht nur die Bullen, die uns knüppeln, sondern die bloße Existenz der Bullen. Gewalt das sind die Politiker_innen, die meinen, uns in einem Parlament zu repräsentieren. Die Gewalt ist überall, offensichtlich und subtil. Und wir können nicht außerhalb von ihr handeln. Unser Mittel ist nicht die vermeintliche ‚Friedlichkeit‘, eine subtile Form der Gewalt, die uns gegenüber der bestehenden Gewalt(verhältnisse) in Schach halten soll. Unser Mittel ist es, den bestehenden Gewaltverhältnissen gezielte Angriffe entgegenzusetzen.