Die heutigen Möglichkeiten des Eingriffs in die Reproduktionsfähigkeit der Frau werden als Erfolge der Hormonforschung, der Endokrinologie, gewertet. Ob hormonelle Verhütung oder Superovulation, sowohl die Möglichkeit der Verhinderung als auch die der künstlichen Initierung der Fortpflanzung sind durch Begriffe wie Regulation und Kontrolle geprägt. Regulation und Kontrolle der weiblichen Reproduktion als Ziel begleitet die Hormonforschung als sogenannte Grundlagenforschung seit Jahrzehnten. Eine anarchische, wertfreie Wissenschaftsentwicklung, wie sie der Grundlagenforschung zugeschrieben wird, gibt es meiner Meinung nach nur in Einzelfällen.
Die Fragestellungen, die in Forschungsinstituten, Universitäten und Industrieunternehmen Unterstützung und Finanzierung finden, müssen hinterfragt werden. Die Fragen an sich sind nicht neutral oder wertfrei. Fragen nach Aufklärung der hormonellen Regulation des weiblichen Zyklus, nach Chemie und physiologischem Wirkmechanismus der Hormone sind hier als Beispiele dafür zu nennen. Schon zu Beginn dieses Jahrhunderts waren diese Fragen mit der Vorstellung verknüpft, Sexualität und Fortpflanzung beinflussen und gesellschaftliche Normen biologisch begründen zu können.
Wie sahen die gesellschaftspolitischen Bedingungen und Einflüsse aus, die zu dem Durchbruch der Sexualhormonforschung Ende der 20er, Anfang der 30er Jahre führten? Der Ausgangspunkt meiner Betrachtungen führt mich in die experimentelle Biologie in den 20er Jahren und deren Einfluß auf Experimente in der Medizin, die dann nach 1933 eine dramatische Radikalisierung erfuhren.
Die erste chemisch identifizierte Gruppe weiblicher Sexualhormone, die Östrogene, wurden 1933 international einheitlich nach dem griechischen Begriff für „Brunst“ gleich „Östrus“ benannt. 1926 wurde Brunst in Meyers Lexikon als die Zeit der geschlechtlichen Reife beim Männchen definiert (wörtlich: Stachel, Stich, Leidenschaft; anstacheln, reizen, toben, wütend sein). Ziemlich eindeutig bezieht sich die Definition des Begriffs Brunst auf weibliche Säugetiere, und wie die Sprache vermittelt, scheint die Einbeziehung von Frauen beabsichtigt. Diese Beschreibung steht in auffälligem Gegensatz zu dem, was im umgangssprachlichen Sinn assoziiert wird. Dieser Widerspruch, daß aktive Sexualität nur als männliche Äußerung begriffen werden kann, ist Ausdruck des gesellschaftlichen Geschlechterverhältnisses einer normierten heterosexuellen Beziehung, in der es für viele Männer noch immer problematisch wird, eine initiationslustige, mit eigenen sexuellen Wünschen konfrontierende Frau zu akzeptieren.
Normierung des Sexualtriebes
Im folgenden soll diskutiert werden, wie sich gesellschaftliche Vorstellungen von Sexualität in den 20er Jahren einerseits zu wandeln begannen, andererseits jedoch die Kenntnisse der Hormonforschung für die Medizin als willkommenes Mittel zur Normierung scheinbar abweichenden weiblichen Sexualverhaltens eingesetzt wurden.
Zu Beginn dieses Jahrhunderts wurde der Frau, mit Ausnahme der femme fatale, gesellschaftlich keine autonome sexuelle Begierde zugestanden. Mit der nach 1918 neu entstandenen Frauenbewegung und der Sexualreformbewegung veränderten sich die gesellschaftlichen und sexuellen Ansprüche von Frauen.
Besonders von Frauen selbst entwickelte, durchaus auch sehr unterschiedliche Vorstellungen zu Ehe, Sexualität, Verhütung und Abtreibung wurden einerseits kontrovers diskutiert, andererseits von vielen Frauen aller Klassen mutig und kompromißlos gelebt. Die neue Sexualmoral der „Neuen Frau“ bestand aus einem verstärkten Wahrnehmen und Empfinden ihres Körpers und ihrer sexuellen Wünsche und in einem Zugeständnis sexueller Beziehungen auch ohne Ehe und ohne Kinderwunsch. Die „Neue Frau“ will sich nicht über den Mann definieren, das galt natürlich auch für ein Erleben ihrer Sexualität (vgl. Soden).
„Sie verfolgt diese neuen Ziele nicht nur als einzelne, nicht nur für sich allein, sondern in Gemeinschaft, und zwar in organisierter Gemeinschaft mit vielen gleichgestimmten Geschlechtsgenossinnen.“ (Weber) Auch lesbische Frauen fürchteten die Öffentlichkeit nicht länger, organisierten sich in Clubs, Vereinen und Organisationen und bildeten in Großstädten politische Subkulturen und Kommunikationsnetze (vgl. Kokula).
Wissenschaftler äußerten sich über den Feminismus und den Geschlechtstrieb der Frau in einer Art und Weise, die ihre Angst vor Gefühlsausbrüchen und einer nicht mehr „kontrollierbaren“ weiblichen Sexualität verrät. In dem Buch „Feminismus und Kulturuntergang“ heißt es:
„Wer aber das menschliche Leben kennt und die Natur des Weibes, die so leicht zur Schrankenlosigkeit neigt, der wird die Gefahren nicht verkennen können, die sich erheben, wenn es allgemeines Recht des weiblichen Geschlechtes würde, sich sexuelle ungehemmt nach seinen Wünschen und Anlagen auszuleben.“ (Eberhard) Das Sexualideal der Männerwelt war jedoch nicht mehr unumstrittenes Ideal, dem Frauen nacheilen: „Die arbeitende, nach Selbständigkeit ringende Frau, die das Haar kurzgeschnitten, hals- und fußfreies Reformkleid ohne Korsett trug, hatte für den Mann alle sexuelle Anziehungskraft verloren (…) die knabenhaft aussehende Frau stellt an die sexuellen Triebe und Fähigkeiten des Mannes sicherlich so große, wenn nicht sogar größere Ansprüche als die sexuell betonte Frau früher. Denn sie fordert mehr als den Koitus.“ (Fuchs)
Stimmen sowohl aus der linken Sexualreformbewegung als auch aus der konservativen Richtung beschäftigen sich so ausführlich mit dem Geschlechtstrieb der Frau, daß die Annahme einer selbstbewußter gelebten Sexualität vieler Frauen erhärtet wird. Auf der ersten internationalen Tagung für Sexualreform 1921 in Berlin dokumentiert der Beitrag über „Sexualreform und weiblichen Geschlechtstrieb“, daß man die weibliche Libido bisher unterschätzt hatte und fortan nicht nur der Geschlechtstrieb des Mannes einen „eruptiven Charakter“ besäße. Der Autor hält es jedoch für einen Fehler, daß „manche fanatische Anhängerinnen der Frauenbewegung (…) gleich brünstigen Weibchen die Stärke ihres Triebes in die Welt hinausposaunten“ (Friedländer).
Was wird bezweckt mit der Suche nach einem generalisierbaren und normierbaren Maß für weibliche Libido? Die Behauptung der Veranlagung zur geschlechtlichen Gefühllosigkeit kann offenbar in den 20er Jahren nicht aufrechterhalten werden. Eine am männlichen Geschlechtstrieb gemessene weibliche Libido darf diesen jedoch keinesfalls übersteigen. „Bei beiden Geschlechtern sei die Libido ungefähr gleich stark“, und obwohl Vertreter der Sexualreform der Frau das Recht zugestehen, „sich ihr Sexualleben nach eigenem Ermessen zu gestalten“, wird die patriarchale Normierung in folgendem Zitat deutlich: „Eine ruhige, ernste, sachliche Aufklärung (…) wird ganz von selbst die Grenze aufrichten, einerseits zwischen der Schamhaften Zurückhaltung des Weibes, die wir alle wünschen und schätzen, und der restlosen, vollen Hingabe, frei von störenden Hemmungen, andererseits“ (Friedländer). Die sachliche Aufklärung, von der hier gesprochen wird, wurde von den Verfechtern der Sexualreformbewegung und der Sexualwissenschaft unterschätzt und sollte in frühester Jugend besonders den Mädchen ihren Weg weisen, um „natürliche Dinge auch als natürlich zu empfinden“ (Friedländer). Vergleichbare Tendenzen der Normierung von weiblichen Empfindungsmöglichkeiten waren in der Diskussion von lesbischer Liebe, Selbstbefriedigung und sexueller Verweigerung zu beobachten.
Eine Begründung für Frigidität, die oft eher eine sexuelle Verweigerung der Frauen darstellt, findet sich bei Eberhard 1927: „Die bedenklichste Folge des weiblichen Autoerotismus ist häufig eine dauernde Entfremdung von natürlichem Empfindungsleben; nicht wenige Masturbantinnen passen sich diesem Surrogat des Liebesgenusses so sehr an, daß sie dem normalen Verkehr schließlich keinen Geschmack mehr abgewinnen können und bei der Selbstbefriedigung bleiben, selbst wenn die ehrbare Befriedigung ihrer Triebe durch die Eheschließung ermöglicht wird.“
Weiblicher Sexualtrieb und Hormonforschung
Die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse über Wirkungsweisen der webilichen Sexualhormone fanden, noch bevor diese chemisch bekannt waren, direkte Umsetzung in der biologischen Begründung für benötigtes Sexualverhalten. Nicht in die gesellschaftliche Norm passende Sexualität wurde auf diese Weise bei Frauen und Männern als Ausrutscher der Natur erklärbar. Die Festsetzung der Norm für weibliches Sexualverhalten wurde von männlichen Rollenvorstellungen geprägt.
„Der Geschlechtstrieb ist eine chemische Wirkung des inneren Keimdrüsensekretes und beruht auf einer ‚Erotisierung‘ des Zentralnervensystems. Diese Erotisierung ist ausschließlich durch die innere Sekretion der Zwischenzellen der Keimdrüsen bewirkt.“ Friedländer argumentiert mit dieser Behauptung, die aus Tierversuchen resultierte:
„Wir wissen, daß die Libido der Ausdruck der inneren Sekretion der Keimdrüsen ist. (…) Bei einem Teil der Prostituierten (…) sind sicher innersekretorische Momente von ausschlaggebender Bedeutung. Diese Frauen, mögen sie aus sozial-niedrigstem Milieu stammen, mögen sie in Fürstenhäusern heimisch sein, kommen durch ihr Ovarium zur Prostitution.“ (Friedländer) Diese reduktionistische, biologistische Betrachtungsweise der Hormonwirkungen wurde nicht von allen Sexualwissenschaftlern zu Beginn der 20er Jahre geteilt. So reiht Magnus Hirschfeld die Sexualwissenschaft auch in die Erkenntnisse des Krafft-Ebing und in die Psychoanalyse Freuds ein. Hirschfeld sieht den Geschlechtstrieb ebenso in seiner „quantitativ und qualitativ sehr beträchtlichen Variationsweite mit der individuellen Besonderheit der Gesamtpersönlichkeit in engstem, untrennbarem Zusammenhang“ (Hirschfeld, 1922).
Dennoch erscheinen auch für die Sexualwissenschaft die Errungenschaften der Biologie, wie die Entdeckung der weiblichen Eizelle und des Befruchtungsvorganges, Darwins Abstammungslehre, Mendels Vererbungslehre und die Erkenntnisse der Hormonforschung, für Hirschfeldals „wissenschaftliche Großtaten“, an die es sich anzulehnen gilt (Hirschfeld, 1921). Die Orientierung der jungen Sexualwissenschaft wird so frühzeitig ausgerichtet: „Da es sich bei allen sexuellen Erscheinungen um Naturerscheinungen handelt, kann die Sexualwissenschaft nichts anderes als Naturwissenschaft sein.“ (Hirschfeld 1922) Der Grund hierfür dürfte das Bemühen um Anerkennung der Sexualwissenschaft als Wissenschaftszweig und um eine wissenschaftliche Legitimation von Sexualreformen gewesen sein. Objektives Wissen über das „Naturphänomen der Liebe“ soll den „schwankenden Boden subjektiver Empfindungen“ ersetzen (Hirschfeld, 1921). Dieses naturwissenschaftliche Verständnis spiegelt sich im Rahmen des von M. Hirschfeld gegründeten Instituts für Sexualwissenschaft in Berlin mit der Einrichtung verschiedener Forschungsabteilungen und deren personellen Besetzungen wider. Insbesondere die eugenische Abteilung 1922 unter der Leitung von Hans Graaz, sowie die inkretorische unter Arthur Weil erscheinen bei den Zusammenhängen zwischen Sexual- und Fortpflanzungspolitik und Hormonforschung interessant. Die Aufgaben der Eugenik, die offensichtlich auch im Institut für Sexualwissenschaft Anerkennung fanden, wurden von H. Graaz in einer Zusammenfassung über die „Aufgaben der Eugenik“ mit einem deutlichen Bild versehen: „Gärtner zu sein im Menschengarten, durch Auswahl der Keimlinge und Pflege der Schößlinge, ist Aufgabe der Eugenik.“ Graaz macht in seinem Aufsatz deutlich, daß in die Ehe- und Frauenberatung, dem „ursprünglichsten Arbeitsgebiet der Eugenik“, die neuesten Ergebnisse der biologischen Wissenschaft, besonders der inkretorischen Vorgänge einfließen müssen und auch „praktisch angewandt werden können“. Forschung, Beratung und Therapie waren im Berliner Institut für Sexualforschung in optimaler Weise miteinander verflochten.
Ohne die Verdienste der Sexualreformbewegung in bezug auf die Homosexuellenfrage und die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs zu ignorieren, muß jedoch auf die starke eugenische Ausrichtung sowohl in der Forschung als auch im Beratungsalltag hingewiesen werden. Geburtenregelung und Hormonforschung waren Schwerpunktthemen der Internationalen Tagungen für Sexualreform zwischen 1921 und 1930 und von internationalem Interesse. So formulierte Magnus Hirschfeld auf dem „Sexual Reform Kongreß“ 1928 in Kopenhagen: „Biologisch und soziologisch ist das eugenische Problem von äußerster Bedeutung für die Höherentwicklung des Menschengeschlechts. Hier bietet sich eine Möglichkeit einer sexuellen Auslese, besonders seit wir die Lehre von den Erbeinheiten-Genen haben und seit Charles Darwin und Francis Galton die allgemeinen und Gregor Mendel die speziellen Grundlagen der Menschenzüchtung geschaffen haben.“ (Hirschfeld, 1929)
Hormontherapieexperimente in der Gynäkologie
Wie spiegeln sich Auslese- und Menschenzüchtungsphantasien, Frauen erniedrigende und ausbeutende Ideologien in der Anwendung und Weiterentwicklung der Hormonforschung wider?
Es wurden eine Vielzahl von Experimenten an Frauen mit sehr unterschiedlichen Organextraktpräparaten in gynökologischen Kliniken durchgeführt. Therapierte Frauen litten an einem fehlenden oder unregelmäßigen Zyklus. Im Gegensatz zu den Ovariumimplantationen konnte mit den Extraktionspräparaten meist keine Menstruation herbeigeführt werden. Auf der „Versammlung der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie“ 1922 in Innsbruck hieß es: „Im Extrakte fehlen die wirksamen Substanzen. (…) Ich habe alles mögliche eingespritzt und so viel, daß uns die Frauen davongelaufen sind, aber geholfen hat nichts.“ (Zondek) Eine Weiterentwicklung der Präparations- und Isolierungsverfahren für Keimdrüsenhormone ist somit schon eine Forderung gewesen.
Zur erfolgreichen Behandlung von Frauen ohne sexuelle Lust, von Frauen, die unter Schmerzen beim Koitus litten, und von Frauen, die keine Kinder bekommen, empfahlen mehrere Ärzte Eierstocküberpflanzungen, da für die „Empfindungen des Weibes (…) die dominierende Rolle dem Ovar zufällt“.
Beobachtungen, die Mansfeld nach Transplantationen von Eierstockgewebe in seiner Klinik machte, „zeigten das unerwartete Ergebnis, daß eine große Zahl der Operierten merkwürdig erotisiert war“. Obwohl er zu Beginn seiner Publikation sagt: „Mit Geschlechtstrieb und Lust des Weibes befaßte sich die klinische Gynäkologie recht ungern“, kommt er doch zu dem Schluß, daß „nicht die Psychoanalyse, sondern das tiefere Erforschen der Eierstockfunktion“ uns weiterführen kann. Die Begründung hierfür drückt er folgendermaßen aus: „Die Erotisierung an sich hätte nur dann einen höheren Zweck, falls sie in den Dienst der Fortpflanzung gestellt werden könnte.“
In diesem Sinne beschreibt der Frauenarzt Offergeld in dem Beitrag „Hormonale Beeinflussung der weiblichen Libido“ die therapeutische Anwendung von Extrakten des Ovars und der Epiphyse. Dabei beruft er sich auf Veröffentlichungen, in denen ebenfalls Frauen mit „Übererregbarkeit auf sexuellem Gebiet mit abnormer geistiger Betätigung“ behandelt wurden. Frauen wurden von Offergeld folgendermaßen charakterisiert: „Kohabitationen nachgewiesenermaßen auch zur Zeit der Menses, ja dann von ihr selbst bevorzugt und verlangt“; „entwickelt sie darin“ (Tagebuch) Ansichten, „die auf allen Gebieten das gerade Gegenteil von der herrschenden Ansicht darstellen“; „verlangt die Frau von selbst (…) den sexuellen Verkehr, der gerade zu dieser Zeit dem Manne höchst ungelegen ist“. Auch der Wunsch des Ehemanns floß in die Therapieentscheidung ein: „Weil der Mann eine ‚kalte Frau‘ einer exzessiv erotischen, wie es seine Gattin bei der Menstruation war, vorzog, und er sich eher anderwärts entschädigen wollte.“ Die erfolgeiche Therapie wurde durch Verhaltensänderung bestätigt: „Kehrte auch die Libido auf das erträgliche Maß zurück“; „die Erotik schwand, die Stimmung wurde unauffällig“; „sie wird für den Haushalt anstelliger und macht wieder Handarbeiten“; „konnte die abnorm gesteigerte Libido auf ein für den anderen Partner erträgliches Maß zurückschrauben“. (Offergeld)
Sterilisation durch Hormone
Im gleichen historischen Zeitraum war die Weiterentwicklung der Sexualhormonforschung auch von den Versuchen geprägt, eine zeitweise oder totale Sterilisation durch orale Verabreichung von Hormonpräparaten zu erreichen.
So postulierte der Physiologe Haberland als erster die Möglichkeit einer hormonellen Sterilisation. Er deutet in seiner Publikation die praktische Anwendung an: „Die Möglichkeit einer sicheren temporären Sterilisation des geschlechtsreifen Weibes bei Verhütung einer Funktionsausschaltung der innersekretorischen Tätigkeit der Geschlechtsdrüsen wäre ja in prophylaktischer bzw. eugenischer Hinsicht von größter Bedeutung (…).“ Die Anwendungsmöglichkeiten für Medizin, Sexualhygiene und Eugenik betont er verstärkt in seinen darauffolgenden Publikationen (vgl. Haberland). Haberlands Versuche wurden von Gynökologen und Sexualwissenschaftlern aufgenommen. Dabei fällt auf, wie wichtig den Wissenschaftlern war, daß die Verfügungsgewalt über die Fortpflanzungsfähigkeit in den Händen der Ärzte blieb. So sagt Schiffmann 1928, „daß für die nicht operativen Methoden, die ja leicht ohne ärztliche Hilfe anwendbar sind, meist das subjektive Wollen der Frauen die Indikation abgibt. (…) bei diesen darf man sich, dies kann nicht scharf genug betont werden, von subjektiven Wünschen der Frauen nicht beeinflussen lassen.“
1930 auf dem „Internationalen Kongreß der Weltliga für Sexualreform“ in Wien trägt Haberland seine neuesten Ergebnisse vor. So heißt es in einem Kongreßbericht der Zeitschrift „Archiv für Bevölkerungspolitik, Sexualethik und Familienkunde“ (Hrsg. Hans Harmsen 1931): „Das besondere Ereignis der Tagung war aber der Bericht des Innsbrucker Physiologen Prof. Haberland über die biologische Sexualforschung. Haberland berichtete, daß es ihm nach zweijähriger mühevoller Arbeit gelungen sei, ein Präparat herzustellen, das aufgrund seiner hormonalen Eigenschaften eine zeitweilige Sterilität der Frau zur Folge habe. Es wird bereits in Tablettenform in den Handel gebracht; ein Mißbrauch soll dadurch verhindert werden, daß es nur auf ärztliche Verordnung dort verabreicht werden darf, wo eine Schwangerschaft mit schwerem gesundheitlichen Schaden für die Frau verbunden sei.“
Weder sexuelle Befreiung der Frau noch die Entscheidungsfreiheit über Schwangerschaft tauchen als Grund für die Entwicklung der hormonalen Verhütungsmittel in den Äußerungen der Wissenschaftler auf. Durchgängig ist die Betonung der Anwendung für eugenische Ziele, unabhängig von ihren sonstigen gesellschaftspolitischen Vorstellungen. So heißt es 1929 in der Zeitschrift für Sexualwissenschaft: „Sollte es gelingen, durch eine schmerzlose, subcutane Einspritzung, etwa zweimal im Monat, die Konzeption zu verhindern, (…) so würden die dadurch geschaffenen praktischen Möglichkeiten die schönsten Hoffnungen der Eugenik dem Ziele naherücken.“ (Pirkner)
Nur innerhalb der Frauenbewegung wurden die Aussichten hormoneller Antikonzeption als „Revolution in der Befreiung der Frau“ angenommen. Die Unfruchtbarmachung der Frau durch Tabletten sollte nun endlich Liebe und Fortpflanzung voneinander trennen (vgl. Stöcker) und das Erleben sexueller Lust ohne Angst vor ungewollter Schwangerschaft ermöglicht werden. Sicher spielte dieser Aspekt für die einzelne Frau eine wichtige Rolle; aus heutiger Sicht muß die Frau sich jedoch fragen, ob diese optimistische Projektion gerechtfertigt war.
Ich danke allen Freundinnen, die mit mir diskutiert haben, für kritische Anregungen und neue Ideen zum lustvollen Weiterarbeiten.
Literatur
Eberhard, E.F.W., Feminismus und Kulturuntergang. Braunmüller Universitätsbuchhandlung, Wien und Leipzig 1929.
Friedländer, K., „Sexualreform und weiblicher Geschlechtstrieb“, in: A. Weil (Hg.), Sexualreform und Sexualwissenschaft, Vorträge gehalten auf der I. Internationalen Tagung für Sexualreform auf sexualwissenschaftlicher Grundlage in Berlin 1921. Püttmann, Verlagsbuchhandlung, Stuttgart 1922.
Fuchs, Malvy, „Ehe- und Sexualreform – über das heutige Sexualideal des Mannes“, in: Helene Stöcker (Hg.), Die Neue Generation, Verlag der Neuen Generation, Berlin 1927.
Haberland, L., „Über hormonale Sterilisierung des weiblichen Tierkörpers“, in: Münchener Medizinische Wochenzeitschrift 68, 1921.
Hirschfeld, M., „Sexualreform auf sexualwissenschaftlicher Grundlage“, Begrüßungsansprache der I. Internationalen Tagung für Sexualreform auf sexualwissenschaftlicher Grundlage in Berlin 1921, in: A. Weil (Hg.), Sexualreform und Sexualwissenschaft, Püttmann Verlagsbuchhandlung, Stuttgart 1922.
Hirschfeld, M., „Sexualreform im Sinne der Sexualwissenschaft“, in Sexualreform Congress, Copenhagen 1929, 26-36, Lebin & Munksgaard und Georg Thieme Verlag, 1929.
Kokula, Ilse, „Freundinnen, lesbische Frauen in der Weimarer Republik“, in: Kristine von Soden und Maruta Schmidt (Hg.), Neue Frauen. Die zwanziger Jahre, Elefanten Press, Berlin 1988.
Offergeld, H., „Hormonelle Beeinflussung der weiblichen Libido“, in: Zeitschrift für Sexualwissenschaft 14, 264-270, 301-305, 323-332, 1927.
Pirkner, E.H., „Eine biologische Methode zur Unterdrückung der Empfängnis“, in: Zeitschrift für Sexualwissenschaft 15, 406-408, 1929.
Schiffmann, J., „Die temporäre Sterilisierung der Frauen“, in: Wiener Klinische Wochenschrift 49, 29-31, 1928.
Soden, Kristine von, „Die ’neue Frau‘ und die ’neue Sexualmoral'“, in: Sexualberatungsstellen der Weimarer Republik 1919-1933. Edition Hentrich, Berlin 1988.
Stöcker, Helene (Hg.), „Unfruchtbarmachung der Frau durch Tabletten“, in: Die Neue Generation 23, 1927.
Weber, Marianne, „Die Neue Frau“, in: Frauenfragen und Frauengedanken. Verlag von I.c.B. Mohr, 1919.
Zondek, B., Diskussion während der 17. Versammlung der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie 117, 1922.