Maria Mies: Das Geschäft mit dem Patriarchat (1987)

Bevölkerungskontrolle und neue Reproduktionstechniken in der Dritten Welt

Bis vor einigen Jahren war ich der Meinung, daß die internationale Arbeitsteilung in bezug auf die neuen Fortpflanzungstechniken in folgender Weise funktioniere: Die Techniken zur Bekämpfung der Fruchtbarkeit werden in erster Linie in der Dritten Welt angewandt, die Techniken zur Bekämpfung der Unfruchtbarkeit sind jedoch hauptsächlich für die weißen Frauen in den USA und Europa gedacht. Die einen sollen möglichst wenige, die anderen vor allem mehr Kinder produzieren (s.o.).

Bei meinem Indienbesuch 1986 mußte ich diese Vorstellung über die internationale Auslese- und Ausmerzepolitik leicht modifizieren. Am 7. August 1986 wurde nämlich im KEM-Hospital in Bombay das erste indische Retortenbaby zur Welt gebracht. Es war produziert worden von Frau Dr. Hinduja in Zusammenarbeit mit Forschern des Institute for Reproductive Research (IRR). Die Presse berichtete voller Stolz, daß nun auch Indien bewiesen haben, daß es diese fortschrittliche Technologie der Menschenproduktion beherrsche.

Ich wunderte mich. Wie ließ es sich vereinbaren, daß auf der einen Seite Steuergelder für die technische Menschenproduktion ausgegeben wurden – das KEM-Hospital ist ein Regierungskrankenhaus – und die Regierung auf der anderen Seite ein aggressives und umfassendes Programm zur Bevölkerungskontrolle durchführt? Dieser Zusammenhang wurde mir erst richtig klar, als ich an einem von feministischen Gruppen organisierten Workshop teilnahm, der sich mit Bevölkerungskontrolle und den langwirkenden hormonellen Verhütungsmitteln befaßte, die jetzt überall in der Dritten Welt, so auch in Indien, massenweise zum Einsatz gebracht werden sollen. Dort erfuhr ich auch, daß Bombay schon seit langem ein Zentrum der Reproduktionsforschung ist.

Nach dem „Verlust“ Chinas für die „freie Welt“ wurde Indien das Hauptziel für die Bevölkerungskontrollpolitik der amerikanischen privaten Kapital-Interessensverbände, vor allem der Rockefeller Foundation, der Ford Foundation, der Moore Foundation, des Pathfinder Fund. Diese Stiftungen gründeten und finanzierten zahlreiche Familienplanungsorganisationen, finanzierten und förderten die Entwicklung der verschiedenen Verhütungsmittel und -methoden und starteten die zu ihrer Verbreitung notwendigen Kampagnen. Da die Intervention der privaten westlichen vor allem der nordamerikanischen Organisationen in das Fortpflanzungsverhalten in der Dritten Welt dort zunehmend auf Widerstand stießen, kanalisierten diese hinfort ihre Gelder und ihre Experten mehr und mehr über die UN-Organisationen und über die Weltbank.

Die Geschichte der Familienplanung in Indien spiegelt nicht nur diese imperialistische Interventionspolitik deutlich wider (1987), sondern auch die wechselnden Geschäftsinteressen der Herstellerfirmen von Verhütungsmitteln. Die Summen, die die indische Regierung für Familienplanung erhielt, stiegen von 6,5 Millionen im ersten Fünfjahresplan (1947-52) auf 1010,0 Millionen Rupies im laufenden Fünfjahresplan (1987). Diese „Entwicklungshilfe“ floß dann aber sofort wieder in die Taschen der Pharmakonzerne, die Indien mit ihren Verhütungsmitteln überschwemmten. Im Hungerjahr 1965/66 wurde zum Beispiel die US-Weizenhilfe dadurch zusätzlich zurückgezahlt, daß Frauen massenweise „Lippes Loop“ – eine Art Spirale eingesetzt wurde. Diese Spiralen mußte die indische Regierung bezahlen.

Ähnlich ging es mit anderen Verhütungsmitteln. Sie wurden durch Gelder der USAID (United States Agency for International Development), des Population Council, der Ford Foundation und der WHO von amerikanischen oder europäischen Experten entwickelt und dann in Massenkampagnen, die die indische Regierung zu organisieren und zu bezahlen hatte, unter die Frauen, vor allem unter die ärmsten Frauen gebracht. Während anfangs noch Kampagnen zur Verteilung von Kondomen durchgeführt wurden, sind seit einiger Zeit, vor allem aber nach Beendigung des Notstands im Jahre 1977, Frauen die Zielgruppe für Bevölkerungskontrollmaßnahmen. Das gilt sowohl für Verhütungsmittel als auch für Sterilisationen. Bis 1977 wurde der größere Teil der Sterilisationen an Männern durchgeführt, nach 1977 sind um 80 Prozent aller Sterilisationen an Frauen durchgeführt worden. Der Anteil der Frauen ist vor allem seit der Einführung der Sterilisation per Laparoskopie angestiegen [1]. Während der Population Council das von ihm hergestellte Kupfer-T als Verhütungsmittel vermarktet, treibt die International Planned Parenthood Foundation (IPPF) die Verteilung von Laparoskopen zur Sterilisation von Frauen voran. 1984 wurden Laparoskope in allen indischen Distrikten verteilt (Buxamusa 1985).

Die Politik der offenen Tür gegenüber imperialistischer Bevölkerungskontrolle hat auch dazu geführt, daß Indien eins der beliebtesten Testgebiete für stets neue Methoden für Fruchtbarkeitsbekämpfung wurde. Ein großer Teil der Gelder, die in die Familienplanung fließen, wird seit den fünfziger Jahren in Indien für bio-medizinische Forschung ausgegeben, die meist im Auftrag der oben erwähnten Organisationen erfolgt.

Während in den sechziger und siebziger Jahren noch versucht wurde, die Frauen, die an solchen Versuchen teilnahmen, über die möglichen Nebenwirkungen aufzuklären, ist dies in neuerer Zeit immer mehr vernachlässigt worden. Das gilt vor allem für Versuche mit hormonellen Verhütungsmitteln wie Pillen, Implantaten und Injektionen. Es geht den Betreibern um schnelle Ergebnisse und Vermarktungschancen. Da ist es allemal billiger, arme Dritt-Welt-Frauen für ein Testprogramm zu haben, vor allem, wenn das offizielle Familienplanungsinstrumentarium dazu benutzt werden kann, als amerikanische oder deutsche Frauen zu rekrutieren. Die „Pille danach“ soll demnächst getestet werden, ebenfalls werden bereits Impfstoffe erprobt und Prostaglandine, die zum Schwangerschaftsabbruch führen (Kusha 1985).

Wie bereits erwähnt, hat in den letzten Jahren jedoch das Testen und Anwenden langwirkender hormoneller Injektionen wie Depo Provera – hier bekannt als Dreimonatsspritze – und NET-OEN (Norehisterone Oenanthate, in der BRD als Noristerat oder Norigest bekannt) zu heftigen Kontroversen geführt. Feministische Gruppen haben sich zu einer Kampagne gegen solche langwirkenden hormonellen Verhütungsinjektionen zusammengeschlossen. Sie fordern vor allem, daß arme indische Frauen nicht länger als meist unwissende Versuchskaninchen für multinationale Pharmakonzerne mißbraucht werden (s.o.).

Nachdem Depo Provera, entwickelt von der US-Firma Upjohn, nach Protesten amerikanischer Frauengruppen wegen seiner krebsfördernden Eigenschaften dort verboten wurde, versuchte Schering mit NET-OEN eine andere Spritze dieser Art auf den Markt zu bringen. Schering führte erste Felduntersuchungen in Peru durch, wo das Präparat auch 1967 bereits vermarktet wurde. Dann wurde es wieder zurückgezogen, weil bei weiteren Tierversuchen festgestellt wurde, daß die Ratten Knoten in der Hypophyse und in der Brust entwickelten. Seit 1984 führt das Indian Council for Medical Research (ICMR) im Auftrag der WHO Versuche mit NET-OEN in 45 Dorfgesundheitszentren durch, wobei das Personal des Familienplanungsprogramms eingesetzt wird.

Die indischen Feministinnen kritisieren, daß solche langwirkenden Hormonspritzen, deren Neben- und Langzeitwirkungen nicht einmal bekannt sind, die Frauen der Verfügung über ihren Körper berauben. Sind die Hormone einmal eingespritzt, dann kann die Frau nichts mehr machen, gleichgültig, welche Komplikationen auftreten.

Drei Frauengruppen haben eine Petition beim Obersten Gericht eingereicht, in der sie fordern, daß die Tests mit NET-OEN gestoppt werden. In eigenen Untersuchungen haben sie festgestellt, daß die Frauen, die an den Tests teilnahmen, nicht einmal wußten, daß da etwas an ihnen ausprobiert wurde. Ihnen war nur gesagt worden, es handele sich um eine neue Spritze zur Familienplanung. Sie waren nicht über mögliche Neben- und Spätwirkungen aufgeklärt worden. Als sie diese Informationen von den Frauengruppen bekamen, stiegen viele aus dem Versuchsprogramm aus.

Außerdem weisen die Feministinnen auf eine Reihe von Nebenwirkungen hin, die von Schering, aber auch von der WHO und dem ICMR heruntergespielt werden.

Für die multinationalen Konzerne und das internationale Bevölkerungskontroll-Establishment wiegen diese Nebenwirkungen bei armen Inderinnen wenig. So sagte eine Befürworterin langwirkender Verhütungsspritzen, die größte Gefahr für die Gesundheit der Frauen in der Dritten Welt seien nicht diese Nebenwirkungen, sondern die Geburt zu vieler Kinder (Kapil 1985).

Eine weiter Kampagne der indischen Frauenbewegung ist die Kampagne gegen Geschlechtsbestimmungstests, insbesondere gegen Amniozentese, der Fruchtwasseranalyse, die entwickelt wurde, um fötale Anormalitäten zu entdecken, die Feststellung des Geschlechts ist. In Indien ist der Hauptzweck der Amniozentese so gut wie unbekannt, während der Nebeneffekt zu einer raschen Ausbreitung dieser Technik mit anschließender selektiver Abtreibung weiblicher Föten geführt hat. Da Mädchen wegen der steigenden Mitgiftforderungen und patriarchalischer Vorurteile unerwünscht sind, versuchen viele Frauen unter dem Druck von Schwiegereltern und Ehemann, die Geburt weiblicher Kinder zu verhindern (Mies 1986).

Die feministische Kampagne gegen die Amniozentese begann 1982. Im März 1986 schlossen sich mehrere Frauengruppen in Bombay und Delhi zum Forum gegen vorgeburtliche Geschlechtsbestimmungstechniken zusammen. Mitglieder dieser Gruppen führten selbst Untersuchungen in Bombay und anderen Städten durch. Dabei stellten sie fest, daß die meisten führenden Gynäkologen Bombays die Amniozentese zur Geschlechtsbestimmung durchführen. Selbst Krankenhäuser, die gegen Abtreibungen sind, führen den Test durch und schicken die Patientinnen dann zu anderen Kliniken, wo sie abtreiben lassen. Sie verlangen außerdem daß die Frauen die abgetriebenen Föten für Forschungszwecke zurückbringen (Abraham u. Sonal 1986).

Nach mehr als 1.000 Amniozentesetests, die in Bombay durchgeführt wurden, wurde in keinem Fall abgetrieben, wenn der Fötus männlich war. Aber 97 Prozent aller weiblichen Föten wurden abgetrieben. „Geschlechtsbestimmung wird rasch ein großes Geschäft“, schreibt R. P. Ravindra (Ravindra 1986).

Während das Forum Against Sex Determination and Sex-Pre-Selection noch damit beschäftigt war, die Kampagne gegen Amniozentese zur Geschlechtsbestimmung voranzutreiben, war, wie schon erwähnt, die private Citi Clinic in Bombay bereits dabei, eine andere, modernere Methode der Geschlechtsbestimmung zu praktizieren, an der nicht das Odium der Tötung weiblicher Föten haftete. Bei dieser Methode wird das Geschlecht des Kindes vor der Empfängnis ausgewählt. Sie wurde 1984 von dem Amerikaner Ronald Ericsson entwickelt und basiert auf der Erkenntnis, daß die männlichen X- oder Y-Chromosomen in den Samenzellen für das Geschlecht des Kindes ausschlaggebend sind. Nach Ericssons Methode werden die X-haltigen von den Y-haltigen Spermien getrennt, indem eine Samenprobe durch das Serum Albumin gefiltert wird. Die Y-haltigen Spermien bewegen sich schneller und sammeln sich konzentriert unten im Glas. Dieses Konzentrat wird dann der Frau eingespritzt.

Der Leiter der Citi Clinic, Dr. Mehta, erzählte mir im August 1986, daß das ganze Programm drei bis vier Monate dauere und 3.000 Rupien koste. 70-80 Prozent der Frauen, die auf diese Weise geschwängert wurden, brachten die gewünschten Söhne zur Welt. Die Citi Clinic hatte erst im Mai 1986 mit dieser Methode begonnen, aber schon etwa 50 Personen hätten sich für das Programm registrieren lassen, sagte Dr. Mehta.

Dr. Ericsson hat sich seine Methode patentieren lassen und eine Firma gegründet: Die Gametrics Ltd. Sie hat ihren Sitz in Sausalito, Kalifornien. Diese Firma hat inzwischen 48 Zentren auf der Welt errichtet, die mit Lizenz von Dr. Ericsson arbeiten. Die Citi Clinic in Bombay ist eins davon. Die Lizenzgebühren betragen 15.000 Dollar, außerdem müssen diese Zentren das Serum Albumin von Gametrics Ltd. kaufen.

Der größte Teil dieser Kliniken befindet sich in den USA. Die acht ausländischen Zentren sind alle in Ländern, die eine ausgeprägt patriarchalische Tradition und daher eine starke Präferenz für männliche Nachkommen haben, nämlich Ägypten, Jordanien, Pakistan, Malaysia, Singapur, Taiwan.

Es ist klar: Das Geschäft mit dem Patriarchat blüht. Wenn es noch nicht existierte, müßte es erfunden werden.

Dr. Mehta ist stolz auf seine neue Firma. Er betrachtet die Ericsson-Methode als ethisch einwandfrei, weil ja kein Leben getötet wird. Außerdem stelle sie einen großen Fortschritt in der Wissenschaft dar. Er gab mir bereitwillig eine Reihe wissenschaftlicher Veröffentlichungen zu der Methode, die das belegen sollten. In einigen dieser Artikel gab es Zweifel an der Effizienz dieser Methode, nirgendwo wurde aber die Technik der vorgeburtlichen Geschlechtsbestimmung als solche, vor allem zur Selektion männlicher Nachkommen, kritisiert. Daß mit diesen Methoden die Frauen mehr denn ja zu einer „bedrohten Spezies“ werden, wie Vibhuti Patel es auf dem Workshop in Bombay ausdrückte, scheint außerhalb des Denkhorizonts jener Wissenschaftler und medizinischen Unternehmer zu liegen, die sich auf die Freiheit der Wissenschaft berufen, um ihr Geschäft mit dem Patriarchat zu machen.

Anmerkungen

[1] Materialien zum Workshop: Injectable Contraceptives (Net-En) in the Context of Family Planning, Bombay, 10. August 1986.

Literatur

Abraham, Ammu u. Sonal: Sex Determination Tests: Women’s Centre Bombay, zitiert in Vibhuti Patel: Amniocentesis – An Abuse of Advanced Scientific Technique, Paper, vorgelegt beim XI. Weltkongreß der Soziologie, 18, New Delhi, 22.8.1986

Buxamusa, Ramala: The Price of Assistance, in: Socialist Health Review, Politics of Population Control, Vol. 1, Nr. 4, Bombay, 1985.

Kapil, Iris: Case for Injectible Contraceptives, in Economic and Political Weekly, 11.5.1985.

Kusha: Contraceptive Research in India, in Socialist Health Review, Vol. 1, Nr. 4, Bombay, 1985.

Mies, Maria: Indische Frauen zwischen Unterdrückung und Befreiung, Syndikat, Frankfurt, 1986, S. 292.

Ravindra, R.P.: The Scarcer Half, Counterfact No. 9, Centre for Education and Documentation, Bombay, 1986.