Jackie Christeve: The Witches are Back!

Santa Cruz, März 1974: Hebammen in Santa Cruz verhaftet

Self-help hat sich als ein Kernthema der feministischen Bewegung erwiesen. Es ist eines der wichtigsten Aspekte von Bewußtseinsveränderung, wie sich unsere Einstellung und unsere Gefühle gegenüber unseren Körpern ändern. Die ‚Medizin‛, wie wir sie heute kennen, ist eine äußerst mystifizierende Erfahrung. Für Frauen ist diese Mystifizierung noch spürbar verstärkt. Medizin sollte eine Suche nach Alternativen sein, wie wir alle Erfahrungen, die wir mit unserer körperlichen und seelischen Gesundheit gemacht haben, benützen und zusammenfügen können. Frauen müssen sich zusammentun und diese neuen Alternativen schaffen helfen. Wenn wir zusammenkommen und über die Gesundheitsprobleme reden, so gewinnen wir eine Basis, von der aus wir bestimmen können, was wir verändern wollen und auf welche Weise.
Carol Downer1

Am Freitag, den 8. März 1974, rief ich aus einer starken Intuition heraus eine gute Freundin in Santa Cruz, Kalifornien, an, um einfach mal zu hören, wie es ihr geht. Das erste, was sie mir erzählte, betraf die Verhaftung dreier Hebammen im Geburtenzentrum von Santa Cruz und die Schließung des Zentrums. Ich empfand sehr stark, wie wichtig dieses Ereignis war, denn mir ist seit langem klar, daß Self-help eines der entscheidenden feministischen Themen ist. Es hieß, die angeklagten Hebammen seien entschlossen, wenn nötig bis zum höchsten Gericht zu gehen, weil die Kontrolle über unseren Körper auf dem Spiel stehe…, das Recht der Frauen zu wählen, welche Art von Gesundheitspflege wir wollen und von wem wir sie empfangen wollen. Früher oder später mußte es so kommen.

In Wirklichkeit geht es natürlich um MACHT. Babies „entbinden“ ist Big Business. Ein Kind im Krankenhaus auf die Welt zu bringen kostet im Durchschnitt TAUSEND DOLLARS!2 Die Hebammen von Santa Cruz haben in nur zwei Jahren nahezu 300 Babies „aufgefangen“ (dieses Wort benutzen sie anstelle von „entbinden“)3. Das bedeutet, 300.000 Dollars weniger fließen in die – sowieso schon überquellenden – Taschen der ortsansässigen Ärzte und Kliniken. Das California State Department of Consumer Affairs (staatliche Behörde für Verbraucherfragen, d. Üb.) stellte anderthalb Jahre lang Nachforschungen an, angeblich auf die Klage eines Arztes hin (dessen Identität den Angeklagten noch nicht bekanntgegeben wurde) beim Board of Medical Examiners (zuständige Behörde für Ärzteapprobation, d. Üb.); das Ganze geipfelte am 6. März 1974 in der Verhaftung dreier Hebammen: Kate Bowland, 29, Linda Bennett, 25, und Jeanine Walker, 31. Die Verhaftung wurde von sieben Männern vorgenommen: sie repräsentieren das State Department of Consumer Affairs, die Staatsanwaltschaft, das Polizeipräsidium von Santa Cruz und das Board of Medical Examiners. Man warf den Frauen vor, ohne offizelle Genehmigung Medizin auszuüben; die zwei letztgenannten Hebammen waren zu einer vorgetäuschten Geburt gerufen worden, die von Polizeibeamten inszeniert worden war: darunter war eine schwangere Frau, die einige Monate lang mit ihrem Freund – auch einem Beamten – zur Schwangerenvorsorge ins Geburtenzentrum gekommen war. Beinahe gleichzeitig mit der Verhaftung bei der vorgetäuschten Hausgeburt durchsuchten Polizeibeamten das Geburtenzentrum selbst – ein altes Haus in einer ruhigen Wohngegend. Ein Kurs über natürliche Geburt war gerade im Gange, und Kate Bowland wurde auf der Stelle verhaftet. Einzelheiten über die Verhaftung sind an anderer Stelle veröffentlicht worden.4

Nach den gegenwärtigen kalifornischen Gesetzen (und denen einiger anderer Bundesstaaten) über das „Ausüben von Medizin“ kann man verhaftet oder angeklagt werden, wenn man jemandem ein Pflaster auf einen Schnitt im Finger klebt, oder wenn man einem Freund den Rat gibt, gegen seine Erkältung Vitamin C zu nehmen. Die Hebammen von Santa Cruz wurden verhaftet aufgrund von Abschnitt 2141 des Business and Professions Code des Staates Kalifornien (Gesetz über Handel und Berufe, d. Üb.), er lautet: „… Jeder, der in diesem Staat irgendeine Methode oder Weise der Behandlung der Kranken oder Leidenden praktiziert, zu praktizieren versucht oder für sein Praktizieren wirbt oder sich5 darbietet, oder der irgendein Leiden, einen Makel, eine Verunstaltung, Krankheit, Entstellung, Störung, Verletzung oder einen anderen geistigen oder körperlichen Zustand irgendeiner Person diagnostiziert, behandelt, operiert oder Heilmittel dafür verschreibt, ohne zu der Zeit, wo er dies tut, ein gültiges, nicht widerrufenes Zertifikat zu haben, wie es in diesem Kapitel festgesetzt ist, oder ohne ermächtigt zu sein, eine solche Handlung gemäß einem Zertifikat zu begehen, das er in Übereinstimmung mit irgendeiner anderen Vorschrift des Gesetzes erlangt hat, ist eines Vergehens schuldig.“ (Unterstreichung von der Autorin)

Bei einem so breit auslegbaren, vage definierten Gesetz ist es kein Wunder, daß viele Ärzte sich eher darum sorgen, man können ihnen wegen unrechtmäßiger Medizinausübung den Prozeß machen, als daß sie sich um Gesundheitspflege kümmern.

Die Hebammen von Santa Cruz kritisieren nicht nur die Unbestimmtheit und Uneindeutigkeit der Gesetze, die sich mit der Ausübung von Medizin befassen, sondern sie fordern auch das Recht für die Bevölkerung, alternative Formen von Gesundheitspflege zu wählen, besonders wenn bewiesen ist, daß solche Alternativen mehr Sicherheit und Bequemlichkeit bieten. Natürlich können bei jedem normalen körperlichen Vorgang Komplikationen auftreten, und in solchen Fällen sollte jeder das Recht auf gute medizinische Behandlung haben. Aber die Entscheidung, welche Art der Pflege man möchte, sollte den Einzelnen überlassen bleiben. Die Gesetze der meisten Bundesstaaten sind sehr wenig eindeutig: es wird nirgends ausdrücklich erwähnt, daß Schwangerschaft und Geburt als Krankheiten zu betrachten sind und daher ausschließlich in die Domäne der etablierten Medizin fallen.

Das Geburtenzentrum hat bei den 287 Geburten, die seine Hebammen in den über zwei Jahren seines Bestehens betreut haben, ausgezeichnete Ergebnisse aufzuweisen: 286 lebendgeborene Babies, die alle am Leben blieben; ein totgeborenes Kind (dabei deutet vieles darauf hin, daß das Baby noch in der Gebärmutter gestorben ist, bevor die Wehen einsetzten; es war z. B. mazeriert (d. h. teilweise verfault, d. Üb.) und es waren während der Geburt keine kindlichen Herztöne zu hören. Es gab keine mütterlichen Todesfälle. Manchmal wirkten die Hebammen bei Klinikgeburten mit – obwohl man sie oft erst in den Kreißsaal ließ, wenn die gebärenden Frauen immer wieder nach ihnen verlangt hatten. Während dieser Zeit – 1971 bis 1973 – starben fünfzehn von je tausend lebendgeborenen Kindern, die mit Hilfe von Ärzten in den Kliniken von Santa Cruz geboren worden waren (die genaue Zahl ist 15,4). Die Hebammen des Geburtenzentrums betreuten ungefähr 10 % aller Geburten, die während dieser zwei Jahre in Santa Cruz stattfanden. Sie führen ihre sehr guten Ergebnisse auf folgende Ursachen zurück:

  1. Das Geburtenzentrum bietet während der Schwangerschaft ausgezeichnete Anleitung und Pfflege. Die Hebammen geben Unterricht in Ernährung, Atmen, Gymnastik, Kinderpflege und Stillen.
  2. Die Hebammen wenden keine Medikamente an und zerren die Babies nicht mit Gewalt ans Tageslicht – weder mit noch ohne Zange. Die Mutter tut die Arbeit; die Hebammen stehen ihr bei, unterstützen sie und vermitteln ihr ein Gefühl der Sicherheit: dann und wann geben sie ihr vielleicht einen kleinen Kräutertee, legen ihr ein kühles Tuch auf die Stirn oder halten ihre Hand. Aber sie bleiben die ganze Zeit im Hintergrund und versuchen nicht, die Situation selbstherrlich zu dominieren. Gebären ist eine Erfahrung für die Mutter, und man läßt ihr die Freiheit, diese Erfahrung so zu machen, wie sie will.
  3. Wenn irgendetwas auf eine mögliche Komplikation hinweist, sei es vor oder während der Geburt, so wird die Mutter zur Geburt sofort in die Klinik gebracht. Treten solche Anzeichen vor der Geburt auf, dann rät man der Mutter, ihr Baby mit Hilfe eines Arztes in der Klinik zur Welt zu bringen. Die Hebammen sind sehr gewissenhaft – vielleicht übervorsichtig. Es geht möglicherweise um Leben und Tod, und ihnen liegt sehr viel am Leben und daran, es zu bewahren und zu nähren. Wenn irgendein Zweifel besteht, dann gehen sie lieber auf Nummer sicher. Das ist bei weniger als 20 % der Frauen, die ins Geburtenzentrum kamen, der Fall gewesen.

Für Frauen, die eine Hausgeburt haben wollen, ist Schwangerenvorsorge lebenswichtig; dies gab den Anstoß für das – kollektiv betriebene – Geburtenzentrum (der zündende Funke war Raven Lang‘s THE BIRTH BOOK). Die örtlichen Berufsmediziner weigerten sich, den Frauen eine solche Vorsorge zu geben. Seit 1971 kommen jede Woche achtzehn bis zwanzig schwangere Frauen ins Geburtenzentrum, um Filme und Photoausstellungen zu sehen, Tonbänder zu hören und Kurse in natürlicher Geburt, Kinderpflege und Gesundheit während der Schwangerschaft zu nehmen.

Das Geburtenzentrum hift jeder Schwangeren, egal ob sie eine Hausgeburt plant oder nicht, und eine Hebammen begleitet die Frau auch ins Krankenhaus, wenn sie das möchte. Das Geburtenzentrum sorgt dafür, daß alle Frauen unbedingt ihre Beckenmaße messen, um sicher zu sein, daß das Becken breit genug ist. Frauen lernen, ihre Blutgruppe festzustellen und ihr Hämoblobin (Konzentration des roten Blutfarbstoffs im Blut, d. Üb.) zu messen. Frauen mit Blutfaktoren, die auf eine komplizierte Hausgeburt hinweisen könnten oder eine Hausgeburt nicht ratsam erscheinen lassen, wurden Gynäkologen überwiesen, um mit ihnen die Möglichkeit oder Notwendigkeit einer Klinikgeburt zu diskutieren.

Die Hebammen im Geburtenzentrum erheben keine Standard-„Gebühr“ für ihre Dienste. Sie nehmen entgegen, was die Frauen ihnen geben; manchmal schlagen sie einen Betrag vor, entsprechend dem, was sie brauchen (z. B. Mietgeld für das Geburtenzentrum). Einige Formen von Austausch haben sich herausgebildet – Arbeit beim Reparieren des Zentrums, Versorgen der Kinder, Nahrungsmittel aus biologischen Gärten.

Vor kurzem wurde in Santa Cruz eine Studie mit dem Titel „Komplikationen bei Hausgeburten“ durchgeführt. Die Untersucher analysierten die sorgfältigen Protokolle über die 287 Geburten, bei denen die Laien-Hebammen des Geburtenzentrums von 1971 bis 1973 mitgewirkt hatten. Über Komplikationen irgendwelcher Art, die während der Geburt auftraten, stellten sie fest:

„231 Frauen (das sind 81 %) hatten völlig unauffällige Hausgeburten. Es wurde beobachtet, daß die Gruppe, die eine natürliche Geburt ohne Schmerzbetäubung hatte, weniger Risiko einging als die Durchschnittsbevölkerung, und daß Hausgeburt dieses Risiko anscheinend nicht signifant steigerte… In 2,1 % der Fälle kam es vor, daß das Fruchtwasser durch Mekonium ( = Kot des ungeborenen Kindes, d. Üb.) verfärbt war (dies gilt als ein Zeichen für Sauerstoffmangel beim Fötus); das ist nur ein Fünftel des entsprechenden Prozentsatzes bei der Durchschnittsbevölkerung. Man führt das darauf zurück, daß keine Anästhesie verwendet wurde, daß die Frauen dieser Gruppe auf die Geburt vorbereitet waren, daß die liegende Position während der Geburt vermieden wurde und daß viele Quellen von Stress, denen die Mütter bei einer Klinikgeburt gewöhnlich ausgesetzt sind, wegfielen. Dammrisse kamen vor in 6,6 % der Fälle, bei denen erfahrene Hebammen witwirkten; diese Zahl stieg allerdings auf 17 %, wenn Väter oder unerfahrene Hebammen die Entbindung leiteten. Frühgeburten gab es in 2,6 % der Fälle, das ist ungefähr ein Viertel des Prozentsatzes, den der Bezirk Santa Cruz zu derselben Zeit aufwies. Eine der 287 Frauen entwickelte eine Schwangerschaftsoxikose (Schwangerschaftskomplikation mit Bluthochdruck und Störung der Nierenfunktion, d. Üb.).

Man kam zu dem Schluß, daß Hausgeburten für die Frauen, die nicht in der Klinik gebären möchten, eine sichere Alternative ist, und daß durch bessere Kooperation von seiten der Ärzte und bessere Ausbildung der Hebammen viele der aufgetretenen Komplikationen vermieden werden könnten.“6

Bei keiner der Hausgeburten wurden Anästhesie oder schmerzstillende Medikamente benutzt; diese begünstigen das Auftreten von Atemdämpfung beim Neugeborenen und von Sauerstoffmangel beim Fötus. Die Sauerstoffversorgung des Fötus wird außerdem beeinflußt von der Gebärmutterdurchblutung; diese wiederum hängt sehr stark von der Körperstellung der Mutter während der Wehenperiode und der Entbindung ab. In den Kliniken werden die Frauen gezwungen, während der Entbindung auf dem Rücken zu liegen, obwohl viele Frauen das starke Bedürfnis haben, sich während der Wehenperiode umzudrehen oder auf Hände und Knie zu stützen, besonders wenn sie nicht anästhesiert sind und daher einen stärkeren Kontakt zu den Signalen ihres Körpers und eine bessere Intuition haben. Von den sechs Mekonium-gefärbten Neugeborenen in der oben zitierten Studie waren drei die Folge einer liegenden Position während der Wehen und bei der Entbindung, die anderen drei waren in der Lamaze-Position geboren worden (einer halb-sitzenden Position mit dem Rücken in einem Winkel von 45 Grad). KEINES der Kinder, die in der Stellung auf allen vieren entbunden wurden, wies eine Mekoniumfärbung auf. Sowohl in der liegenden als auch in der Lamaze-Position besteht die Möglichkeit, daß die großen Blutgefäße zusammengedrückt werden und dadurch die Sauerstoffversorgung des Kindes während des Geburtsvorgangs vermindert ist.

Über Dammschnitte reißen die Ärzte oft Witze – sie lächeln der frischgebackenen Mutter (wenn sie bei Bewußtsein ist) und/oder dem frischgebackenen Vater zu und sagen, während sie noch einen Extrastich nähen: „Dieser letzte hier ist für den Vati – für dich, Bill.“ Dammschnitte sind bei den meisten Geburten nur eine unnötige Routineprozedur. Bei ausreichendem Dammschutz7, den eine sachkundige Hebamme oder sogar der Vater geben kann, kommen nur sehr wenige Dammrisse vor. Geburten, die von erfahrenen Hebammen in Santa Cruz betreut wurden, ergaben den geringen Prozentsatz von 6,6 % Dammrissen. In Amerika werden durchschnittlich bei 73 % der Geburten Dammschnitte gemacht. Viele Ärzte tun es sogar in 100 % der Fälle, damit die Geburt schneller geht – „Zeit ist Geld“. In Santa Cruz wurden Frauen mit Dammrissen entweder zuhause genäht oder in die Klinik gebracht. Dammschnitte sind im allgemeinen ausgedehnter als die natürlichen Dammrisse, und der Heilungsprozess dauert länger und ist unangenehmer für die Mutter – viele Frauen haben danach bis zu einem Jahr lang Schmerzen beim Geschlechtsverkehr. Meistens sind drei bis sechs Monate das Minimum.

In den meisten Fällen bekamen die Hebammen von Santa Cruz nur beschränkte oder gar keine Unterstützung durch Ärzte. Die Kliniken und Ärzte in Santa Cruz waren sehr wenig kooperativ, wenn es darum ging, Frauen behilflich zu sein, die eine Hausgeburt planten. Im Januar 1971 hielten die Ärzte aus dem Bezirk Santa Cruz ein Treffen ab mit dem Ergebnis, daß kein Geburtshelfer in der Stadt bereit war, den Frauen Schwangerenvorsorge zu gewähren, die zuhause entbinden wollten.8 Einem Arzt, der sich bereit erklärte, Hausgeburten in Santa Cruz zu betreuen, wurden die Klinikprivilegien entzogen. Die meisten weigern sich sogar dann, zu einer Hausgeburt zu kommen, wenn es tatsächlich Komplikationen gibt und man nach ihnen ruft.

Hausgeburten sind in den Vereinigten Staaten im Anwachsen. Ich glaube, das liegt hauptsächlich daran, daß die verfügbare Gesundheitspflege immer entfremdeter und unmenschlicher wird, und an den ungeheuren Unkosten, die mit einer Geburt verbunden sind. Zweifellos liegt es auch an einem wachsenden Trend zur „Naturverbundenheit“, der den Leuten hilft, mehr mit ihrem Körper in Kontakt zu kommen und dadurch das Bedürfnis zu entwickeln, sich stärker auf eine der tiefsten Erfahrungen des Lebens einzulassen – die Geburt.

Natürlich hat es eine ziemliche Tragweite, wenn Hausgeburten für Frauen in städtisch besiedelten Gebieten verfügbar werden, in denen die Kliniken äußerst überfüllt sind. Daß dadurch Betten für die wirklich Kranken freiwerden, die jetzt oft aus Mangel an sofortiger oder ausreichender Behandlung sterben, sollte Grund genug sein, den gegenwärtigen Restriktionen ernsthaft den Kampf anzusagen. Die Tatsache, daß Hausgeburt in Wirklichkeit für Mutter und Kind mehr Sicherheit bietet, macht das Fortdauern der gegenwärtigen gesetzlichen Beschränkungen zu einer Absurdität.

Das gilt nicht nur für das Geburtenzentrum von Santa Cruz. Es gibt auch anderswo in den Vereinigten Staaten und im Ausland Beweise, daß Hausgeburten sicher und gefahrlos sind:

„Das Geburtenzentrum von Chicago, ein von Ärzten geleiteter Hausgeburten-Dienst mit ausgebildeten Hebammen und ärztlicher Unterstützung, führte zwischen 1950 und 1960 über zwölftausend Hausgeburten durch, und zwar ohne einen einzigen mütterlichen Todesfall zu einer Zeit, wo der Landesdurchschnitt zwei Todesfälle auf tausend Geburten betrug. Mehr als die Hälfte der holländischen Frauen entbinden zuhause unter Betreuung einer Berufshebamme und einer Helferin. Die vergleichsweise geringe Anzahl von kindlichen Todesfällen (1,4 auf 1000 Lebendgeburten zu einer Zeit, wo in den USA die Rate 27,1 auf 1000 Geburten betrug) und die geringe Anzahl von Geburtsverletzungen beweist, daß ein richtig entwickeltes Hausgeburten-System zuverlässig sein kann. Der Frontier Nursing Service in Appalachia hat 23 Jahre lang ohne einen mütterlichen Todesfall Hausgeburten durchgeführt.“9

Aber die Laienhebammen aus dem Geburtenzentrum von Santa Cruz hatten ihren phänomenalen Erfolg ohne direkte ärztliche Überwachung, ohne ein System professioneller Unterstützung zur Erleichterung des Transports ins Krankenhaus, und ohne berufsmäßige Ausbildung der Hebammen. Wenn all diese Unterstützung noch hinzukäme, könnte man mindestens ein gesteigertes Gefühl von Sicherheit bei Mutter und Hebamme erwarten, was möglicherweise die ganze Geburt sicherer und gefahrloser machen könnte, denn Angst spielt bei Geburtskomplikationen oft eine Rolle. Mehrere Studien haben gezeigt, daß Angst die Beweglichkeit und Durchblutung der Gebärmutter ungünstig beeinflußt und zu schwierigeren Geburtswehen führt.

Man hat uns Frauen die Möglichkeit geraubt, unsere eigene Stärke kennenzulernen und unsere natürliche Fähigkeit wiederzuentdecken, ohne fremde Hilfe zu gebären. Dieser Diebstahl, diese Verneinung unseres Rechtes, eine der bedeutsamsten und intensivsten körperlichen Erfahrungen unseres Lebens zu machen, ist nur wieder eine der Methoden, mit denen die Männer ihre Feindseligkeit gegen unsere mehr zu Tage tretende Verbindung und Einheit mit der Natur ausgedrückt haben. Männliche Ärzte und von Männern geschaffene Mythen machen aus dem Kinderkriegen eine der angstvollsten, entfremdetsten, gefahrvollsten und unangenehmsten Erfahrungen für eine Frau. Ist Schwangerschaft eine Krankheit? Oder ist das Gebären ein natürlicher Bestandteil der Lebensvorgänge, so wie das Zahnen, die Menstruation, die Wechseljahre, das Altern, das Sterben – etwas, das man auf eine natürliche, hoffentlich positive Weise erleben sollte. Unsere Gesellschaft entfernt uns immer weiter und weiter von den natürlichen Vorgängen des Lebens.

Trotz aller Medikamente, Maschinen und sogenannten Erkenntnisse der modernen Medizin ist die Sterblichkeit der in Kliniken geborenen Babies höher als die der Babies, die zuhause mit Hilfe von Hebammen zur Welt kommen. Die schandbar hohe Neugeborenensterblichkeit (18,5 Todesfälle auf 1000 Lebendgeburten) in den Vereinigten Staaten, dem technologisch „fortgeschrittensten“ Land der Welt, ist oft das Ergebnis von schlechter Schwangerenvorsorge und davon, daß man sich bei der Entbindung auf Medikamente und die technische Ausrüstung der Klinik verläßt. Dreizehn Länder haben eine geringere Neugeborenensterblichkeit als die Vereinigten Staaten. Die Länder mit der geringsten Sterblichkeit sind die, wo normale Entbindungen zuhause mit Hebammen durchgeführt werden, und komplizierte Geburten in der Klinik mit Ärzten.

Die Geburt mit einer Hebamme ist nicht notwendigerweise für alle Frauen der Geburt mit einem Arzt vorzuziehen; es geht um das Recht aller zu wählen, ob und wann und von welchem der in der Gesundheitspflege Arbeitenden – von einem Arzt oder jemand anderem – sie betreut werden möchten.

Frauen waren Heilkundige und Förderer der Gesundheit, lange bevor die männlichen Ärzte auftauchten und den Beruf „Medizin“ schufen. Hebammen haben jahrhundertelang geholfen, Babies auf die Welt zu bringen, bevor man ein Zertifikat erfand, um ihnen eine offizielle Erlaubnis für ihre Praxis vorzuschreiben und diese gleichzeitig dadurch einzuschränken. Wir müssen unsere Macht und die Kontrolle über unseren Körper wiedergewinnen, indem wir uns lebensfähige Alternativinstitutionen schaffen, die unsere wirklichen Bedürfnisse erfüllen – körperlich und psychisch.

Dieses Schaffen unserer eigenen Alternativen wird nicht unangefochten bleiben. Das Gesetz und das Un-Rechtssystem, das es stützt, sind patriarchalisch und diskriminieren Frauen (siehe die Gesetze über Vergewaltigung und das Fehlen von gerechten Urteilen). Die gegenwärtige Anklage gegen die drei Hebammen ist ein Beispiel für diesen Angriff. Viele Frauen und Männer arbeiten zusammen, um die Rechtslage zu untersuchen, um Material für die Verteidigung bereitzustellen, um Unterstützung von Fachleuten zu bekommen und Geld zu sammeln. Die Frauen haben zwei feministische Rechtsanwältinnen der Spitzenklasse aus dem Gebiet der San-Francisco-Bucht gewählt, Anne Flower Cumming und Susan Jordan. „Das ist einer der Gründe, warum ich Jura studiert habe“, sagt Cummins. „Ich habe es satt, daß Männer vor Gericht über die Angelegenheiten von Frauen verhandeln.“ Cummings und Jordan gehören zu einem der wenigen Anwaltsbüros für Strafverteidigung im ganzen Land, die nur aus Frauen bestehen.

Die Medizin in unserem Land steht im scharfen Gegensatz zur sozialisierten Gesundheitspflege in anderen Ländern. Eine kanadische Frau, die sich sechs Monate lang beim Geburtenzentrum von Santa Curz ausgebildet hat, erhielt nach ihrer Rückkehr nach Vancouver von der Regierung eine Unterstützung von 36 000 Dollar jährlich, um dort ein Geburtenzentrum in Gang zu setzen. Sie bekommt Geld von der kanadischen Regierung, um genau das zu tun, wofür die Hebammen von Santa Cruz verhaftet worden sind!

In Kalifornien sind zur Zeit Bestrebungen im Gange, das Hebammentum als legitime Praxis für diejenigen, die gültige Diplome haben, in die bestehenden Gesetze aufzunehmen.10 Aber der hauptsächlich zur Debatte stehende Gesetzesentwurf (Beilenson-Assembly B i11 1332) ist in Wirklichkeit gar nicht so fortschrittlich. Er schließt das Laien-Hebammentum völlig aus. Unter dem Druck der California Nurses Association (Krankenschwesternverband, d. Üb.), des American College of Obstetricians and Genecologists (Standesorganisation der Frauenärzte, d. Üb.) und anderer Ärzte und Krankenschwestern legt der Gesetzesentwurf genau fest, daß er sich auf Krankenschwestern-Hebammen (d. h. offiziell ausgebildete und diplomierte Hebammen, d. Üb.) bezieht. Ein Zusatz zum Beilenson-Entwurf verlangt, daß die Krankenschwestern-Hebammen strenge Ausbildungskriterien erfüllen, d. h. daß sie offizielle Lehrgänge besuchen, deren Dauer zwischen acht und 24 Monate beträgt, je nachdem welche Art des Praktizierens sich die einzelne Krankenschwester zum Ziel gesetzt hat. Weiterhin werden schriftlichte Prüfungen auf nationaler und lokaler Ebene plus klinische Erfahrung und Kompetenz gefordert.

Diejenigen Angehörigen der medizinischen Berufe, die diesen Entwurf unterstützen, befürworten Hausgeburten im allgemeinen nicht und macht oft sogar keinen Hehl aus ihrem Widerwillen gegen Hausgeburten. Studien über von Hebammen betreuten Geburten, Versuchsprogramme mit Hebammen und Erklärungen darüber, ob es ratsam sei, den Krankenschwestern-Hebammen die Berufslizenz zu geben, beziehen sich alle auf Geburten im Krankenhaus, und die meisten interessiert es mehr, daß eine weitere „Helferin“ dem Arzt Vorteile bringt, als daß sie sich um die Gefühle der gebärenden Frau kümmern.

Hausgeburt kann eine politische Tragweite haben. Es könnte eine starke Bedrohung für Vater Staat bedeuten, daß die Kinder, die nicht in der Klinik geboren werden, bei der Geburt nicht unbedingt staatlich registriert werden müssen. Stellt euch ein Kind vor, das weder auf Bundesebene noch in seinem Geburtsstaat registriert ist!

Der Hebammenprozess von Santa Cruz ist kein alltäglicher kleine-Fische-Prozeß, egal wie der „offizielle“, legale Ausgang sein wird. Er ist wichtig in unserem Kampf um die Kontrolle über unsere Körper und Köpfe.

Am Freitag, den 14. Juni, einen Tag nach meiner Rückkehr zur Westküste, ging ich in den Hinterhof des Geburtenzentrums von Santa Cruz; ich hatte eine Verabredung mit Kate Bowland. Kate und drei andere Hebammen, die zum Zentrum gehörten, lagen in der warmen Sommersonne, zum größten Teil ohne Kleider, völlig unbefangen, und redeten über Babies, Geburten und Körper, über ihre eigenen und die von anderen. Kate kommt gerade in den sechsten Monat ihrer Schwangerschaft; es ist ihr erstes Kind. Die anderen Hebammen diskutieren über ihre kleinen Kinder oder über ihre Lust, wieder schwanger zu werden, und eine sagt: „Diesmal kriege ich mein Kind zuhause.“

Eine der anderen Frauen, Kitty Lakos, hütet die kleine drei Monate alte Kalute, die die meiste Zeit in einem Korbbett schläft. Jade Saxton redet darüber, daß sie wieder schwanger werden möchte, und stellt fest, daß „jeder einzelne Teil meines Körpers sich schwanger fühlt.“ Allee Jay hat ein sehr aktives Auge auf ihren sehr aktiven einjährigen Benjamin, der nackt im Hof herumwandert und alles erforscht, was interessant aussieht. Jeanine Walker, eine der Angeklagten, kam für ein Weilchen vorbei. Ich habe ungefähr eine Stunde lang zugehört und erst dann versucht, die Diskussion um „den Fall“ herum zu strukturieren. Es folgt eine (gekürzte) Wiedergabe unserer Unterhaltung.

KATE: Eine Menge Leute haben keine Ahnung, worin sich die Arbeit der Hebammen von der der Ärzte unterscheidet. Ich fände es mal gut, darüber zu reden, was da verschieden ist.

JEANINE: Also, ich bin mit einem Arzt verheiratet, und ich weiß, was Medizin ausüben heißt, und ich weiß, daß ich als Hebamme was anderes mache. Es ist völlig anders. Wir benutzen überhaupt keine Medikamente… und machen keine Chirurgie oder sowas. Das Chirurgie-ähnlichste, was bei einer Geburt passiert, ist das Durchschneiden der Nabelschnur, und das tun manchmal die Eltern selbst.

KATE: Wenn wir zu einer Geburt gehen, dann tun wir gar nichts mit der Frau, außer daß wir ihr was zu trinken geben, ihr eine Körperhaltung vorschlagen, ihren Rücken reiben, dafür sorgen, daß sie Ruhe hat und daß die Umgebung angenehm ist, und daß sie vor der Entbindung richtig gereinigt wird…

JACKIE: Und wir zählen die Wehen…

KATE: Ja, nur um zu sehen, was sich tut… wie es vorwärtsgeht…

JACKIE: Um zu sehen, was jetzt als nächstes kommt?

KATE: Ja, aber das kannst du sowieso sehen, indem du einfach beobachtest, wie sich die Frau verhält – wenn du schon ein paar Geburten miterlebt hast. Man braucht nicht vaginal zu untersuchen, um zu sehen, wie weit der Gebärmuttermund erweitert ist, man braucht nur die Frau anzuschauen. Bestimmte Dinge verändern sich – sie geht hin und her, dann legt sie sich hin – gewöhnlich legt sie sich hin, wenn der Muttermund vier bis sechs Zentimeter weit ist – bei 6 cm wird sie wirklich ernsthaft – und bei 7 wird sie sehr, sehr ernsthaft. (Alle lachen.)

Wenn du eine erfahrene Hebamme bist, kannst du sagen, wann eine Frau in die zweite Phase der Geburt kommt, zum Beispiel danach, wie sie sich verhält, wie sie sich anhört, wie sie atmet. Im Krankenhaus haben sie nur eine Methode herauszufinden, ob eine Frau in der zweiten Geburtsphase ist, nämlich die vaginale Untersuchung, d. h. sie stecken ihre Finger rein, um zu fühlen, wo das Baby ist. Wir haben gelernt, all das zu tun, indem wir die Frau anschauen und ihr zuhören – was sie mit ihrem Körper und mit ihrem Baby tut, und wie sie sich anhört. Sie (die Ärzte) sind von den einfachsten Dingen, die einem sofort ins Auge springen, dermaßen weit entfernt! Sie messen die Stärke der Wehen mit ihren Maschinen. Ich sitze da und lege meine Hand auf den Bauch der Frau und fühle die Wehe – wenn ich ihr beim Atmen zuhöre, kann ich sagen, wie schwer es für sie ist, eine Wehe durchzumachen – ich kann mein Ohr auf ihren Bauch legen und den Herzschlag des Babys hören…

JADE: Die Ärzte sind aus irgendeinem Grund davon besessen, daß sie unbedingt Maschinen dazu brauchen – weil sie den Maschinen mehr trauen als sich selbst.

JACKIE: Gerade geht es mir durch den Kopf, daß, je mehr die Leute mit ihrem eigenen Körper in Kontakt kommen – nicht nur die Frauen, sondern Leute allgemein – und mit den natürlichen Rhythmen und Funktionen ihres Körpers, daß sich dadurch die ganzen Begriffe von Leben und Tod ändern werden. Die Menschen werden in Frieden sterben und das Sterben als eine Erfahrung erleben, so wie sie auch die Geburt erleben, und sie werden keine Angst davor haben. Ich finde, damit würde ein wichtiger Anfang gemacht, das wirklich anzukratzen, was für mich ein unterdrückerisches, ausbeuterisches Medizin-System ist. Ich habe darüber in meinem Leben eine Menge nachgedacht, wie man mit dem Begriff „Tod“ umgehen kann, und mit mehr spirituellen Ideen, wie Reinkarnation, dem menschlichen Geist, und solchen Dingen.

Erleben viele der Frauen, die zuhause entbinden, die Geburt auf eine spirituelle Weise? Ich meine, über die körperlich-sexuelle Erfahrung hinaus…

JADE: Nun, ich denke, wenn du „spirituell“ als etwas über die normale Erfahrungsebene hinaus Gesteigertes definierst, dann erleben die meisten Frauen – wenn auch nicht alle – die Geburt spirituell. Du kannst einfach nicht mehr auf derselben Ebene sein, wenn du ohne Medikamente ein Baby zur Welt bringst. Da wir von Leben und Tod reden – die Technologie hat uns aus dem Reich der Natur herausgerissen. Geborenwerden und Sterben sind die zwei tiefsten Erfahrungen, die du in deinem Leben machst. Das Leben ist nicht einfach nur das, was zwischen diesen beiden Erfahrungen stattfindet. Abzuschätzen oder zu bestimmen, was diese beiden Vorgänge sind – wenn es Sache der Technologie wird, das zu entscheiden…

JACKIE: Oder Sache des Staates…

JADE: Oder des Staates, der die Technologie kontrolliert… dagegen setze ich mich am meisten zur Wehr! Wenn ich eine Frau in die Klinik bringe, und sie schnallen ihr einen Kardiotokographen (Gerät zum Registrieren der kindlichen Herztöne, d. Üb.) um den Bauch, stecken ihr eine Sonde in die Möse und legen eine Infusion in die Armvene, die klick-klick-klick-klick-klick macht und die Tropfen Patocin zählt… der Arzt hat in drei Stunden nicht ein einziges Mal seine Hand auf die Frau gelegt – eine Maschine registriert die Wehen – das ist wie eine komputer-programmierte Medizin.

KATE: Es ist vorgekommen, daß Frauen sich mit diesen Bändern um den Bauch auf die andere Seite gedreht haben, und das Oszillokop, das die kindlichen Herztöne mißt, hat nicht mehr funktioniert, und die Frauen sahen das und gerieten in Panik und dachten, das Herz ihres Babys hätte aufgehört zu schlagen.

JADE: Die Maschine sagte, es sind keine Wehen da, aber ich konnte sehen, daß welche da waren. Der Arzt kam rein, guckte auf die Maschine und sagte: „Ihre Wehen kommen nicht in Gang. Ich werde einen Kaiserschnitt machen müssen.“ Aber ich konnte sehen, daß sie schon in eine neue Geburtsphase überwechselte, ihr Atem änderte sich, der Muttermund wurde weiter. Sie schauen die Frau nicht mal an, bloß die beschissene Maschine. Und daher stellt er ihr das Ultimatum, daß sie sich jetzt sofort entscheiden muß, ob sie einen Kaiserschnitt will, weil der Operationssaal nicht noch weitere zwei Stunden zur Verfügung steht. Und er sagt ihr, das Baby könne vielleicht sterben, wenn sie’s nicht tut – er spielt seine Macht aus und jagt ihr eine furchtbare Angst ein – die psychologische Tour: „Du wirst schuld daran sein!“ die Ärzte benutzen das als Waffe, um die Frauen zu zwingen, sich schnell zu entscheiden – damit die Ärzte es bequemer haben, damit sie nach hause zu ihren Parties und Abendessen und solchen Sachen gehen können. Es gibt allerdings ein paar, die nicht so sind.

JACKIE: Ich denke, daß die Publicity um den Prozeß herum, ganz gleich, wie weit wir vor Gericht kommen werden, sehr wichtig sein könnte: die Leute werden vielleicht nach und nach ihre Auffassung ändern, daß man wegen allen möglichen Gesundheitsproblemen und, sagen wir, auch Problemen psychischer Gesundheit zu Berufsmedizinern gehen muß.

KATE: Ja, ich finde, das ist in der Medizin allgemein so, die Leute kriegen eine Gehirnwäsche, bis sie glauben, daß die westliche Medizin die einzige Lösung ist, und das ist eine sehr engstirnige Auffassung von Medizin, und sie wird weltweit praktiziert. Ich meine, es ist eine engstirnige Auffassung von Geburtshilfe, wenn man denkt, man kann das nur in einem Krankenhaus machen, mit Medikamenten und Zange, und daß wir die Frauen aufschneiden müssen, daß wir sie auf den Rücken legen und festschnallen müssen.

JADE: Und ihnen die Schamhaare rasieren.

KATE: Ja, es ist ungeheuer, was sie mit den Leuten machen.

Man hat uns alle dazu gebracht zu denken, daß das die einzige Art und Weise ist, ein Kind zu bekommen, und daß es keinen anderen Weg gibt.

KITTY: Uns bringen sie nicht mehr dazu!

KATE: Ich glaube, das ist etwas an der Hebammenbewegung, was noch nicht richtig verstanden wird. Hebammentum bedeutet nicht, ein Handwerk genauso auszuüben, wie es normalerweise in diesem Land ausgeübt wird. Es bedeutet wirklich eine andere Einstellung – unsere Einstellung gegenüber Frauen, die Kinder bekommen, und die, die Frauen selbst zu ihrem Körper, zu sich selbst und zur Geburt haben, unterscheidet sich sehr von dem, was in unserer Kultur üblich ist – und von dem, was uns anerzogen worden ist.

JACKIE: Wo, würdest du sagen, liegt der Unterschied?

JADE: Ich denke, es liegt darin, daß wir nachdenken über das, was wir wollen. Ich hätte mir wahrscheinlich nie besonders viele Gedanken über die ganze Sache gemacht, wenn ich nicht mit 18 Jahren auf einer Geburtshilfe-Station gearbeitet hätte, und damals habe ich mir geschworen, nie ein Kind zu kriegen.

ALLEE: Genauso ging’s mir, als ich in San Francisco in einer Geburtshilfe-Station gearbeitet habe.

JADE: Ich wollte um nichts in der Welt ein Kind. Sowas konnten sie mit mir einfach nicht machen – mit mir nicht. Ich habe einfach eine Frau nach der anderen rauskommen sehen, als ob ihr jemand eins über den Kopf gehauen hätte. Und sie sind mit unglaublichen Angstzuständen aus der Narkose aufgewacht, haben auf ihre Bäuche geschaut und gefragt: „Was ist mit meinem Baby passiert?“

KATE: „Ist es normal?“

ALLEE: „Was ist es denn? Wie sieht es aus?“

JADE: Sie wußten nicht mal, daß sie ein Baby geboren hatten. Und ich habe darüber nachgedacht. Ich hatte Ängste, als ich mir überlegte, das Kind zuhause zu bekommen. Aber ich habe die Sache durchgedacht, und ich dachte, da ich mit meinem Körper im Einklang bin, und da die Geburt ein ganz normaler Vorgang im Körper einer Frau ist…

KATE: Solange du’s nicht zu oft tust! (Alle lachen)

JACKIE: Hast du noch mehr Kinder?

JADE: Ich habe eines.

JACKIE: Hast du‘s zuhause bekommen?

JADE: Ja, ich bin die erste, die in Raven entbunden hat.

KITTY: Sie ist die erste aus dem BIRTH BOOK. (Jade hatte in dem Buch den Namen Doris.)

JADE: Weißt du, ich habe nach einer Alternative gesucht. Bei dieser Art Entscheidung spielen eine Menge Dinge mit; ich war zum Beispiel auch alleinstehend. Mir wurde klar, daß es für mich eine unglaubliche Erfahrung sein würde, und das wollte ich mir nicht wegnehmen lassen. Ich wußte, was ich wollte.

JACKIE: Ich glaube, es gibt wirklich Verbindungen zwischen dem, was vor Jahrhunderten mit den Hexen und Hebammen passiert ist, und dem, was heute mit Frauen und Männern passiert, die ihr Bewußtsein verändern und anfangen, geistige und körperliche Konzepte miteinander in Einklang zu bringen.

JADE: Das ist einer der Gründe, warum ich finde, Geburtshilfe sollte nicht in die medizinische Praxis eingeschlossen werden, – weil die Geburt ein sexueller Vorgang ist.

JACKIE: Ein sexueller Vorgang?

JADE; Ja, ich meine, es ist etwas, das ein bestimmtes Maß an Privatheit erfordert, d. h. was die Leute betrifft, mit denen du diese Erfahrung teilen willst. Es gibt Frauen, die während der Geburt Orgasmen haben. Ich kann mir nicht vorstellen, daß es einer Frau wohl dabei ist, wenn sie auf einem Entbindungstisch im Krankenhaus einen Orgasmus hat –, oder, daß sie überhaupt einen hat. Ich meine, durch den Dammschnitt und die Betäubung fühlst du dein Baby überhaupt nicht mal mehr – es macht einfach flupp – du verlierst es. Und so zu tun, als ob Geburt eine Krankheit ist oder eine Fehlfunktion oder eine Verunstaltung – da fehlt absolut jedes Verständnis. Ich kann mir nur eines vorstellen, nämlich daß die Medizin so lang von Männern beherrscht worden ist, und daß sie einfach keinen Begriff davon haben, wie man ein Kind zur Welt bringen kann…

JACKIE: Sie haben völlig den Kontakt verloren…

JADE: Ein Mann kann niemals eine subjektive Erfahrung haben, die er auf das Kinderkriegen beziehen kann.

KATE: Und die Männer, die in dieser Generation die Entbindungen durchführen, haben gewöhnlich noch nie eine normale, ungestörte Geburt gesehen. Wir „entbinden“ keine Babies. Wir helfen bei einer Geburt mit, und „wir fangen Babies auf“. Die Mutter „entbindet“ sie. Manchmal fangen die Väter die Babies auf; manchmal fängt sogar die Mutter ihr Baby selbst auf – sie beugt sich herunter und nimmt das Baby, wenn es halb geboren ist, zieht es vollends heraus und legt es auf ihre Brust. Wir haben darüber einen Film gedreht. In den Kliniken kann man die Ärzte sagen hören: „Ich habe gerade eine Entbindung gemacht“ oder: „Ich habe gerade Zwillinge entbunden“ und so weiter. Nun, er hat das nicht getan, sie hat es getan. Die Mutter entbindet das Baby.

KITTY: Darüber hat sich meine Mutter immer furchtbar aufgeregt. Sie sagte: „Wie kann er behaupten, er hätte mein Baby entbunden; ich hab‘s getan; wie kann er so viel Geld von mir verlangen, wo ich die ganze Arbeit gemacht habe?“

JACKIE: Kann man schon etwas darüber sagen – oder habt ihr genügend Informationen –, ob die Hausgeburten einen Einfluss auf die Beziehungen zwischen den Männern und Frauen hatten, die daran beteiligt waren?

JADE: Das ist eine schwierige Frage. Es ist überhaupt noch nicht klar. Ich glaube, daß sich zwischen den betreffenden Eltern und dem Kind etwas verbessert hat. Ich denke, die Väter bekommen leichter Zugang zu ihren Babies, wenn sie an der Geburt teilhaben und die ganze Zeit dabei sind und nicht ausgeschlossen werden.

KATE: Es wäre schön, wenn wir sagen könnten, daß die Beziehungen dadurch besser werden – aber unsere Gesellschaft ist in vieler Hinsicht so verkorkst, daß wir das nicht in den 24 Stunden einer Geburt oder in den neun Monaten einer Schwangerschaft auflösen können. Man kann sich wirklich näher kommen, und in mancher Hinsicht ist es für einige sogar schmerzlich gewesen, sich durch die Schwangerschaft und Geburt so nahe zu kommen – und dann kam die Realität des Kinderaufziehens rein und machte alles ganz unromantisch und unspirituell…

JACKIE: Und dann natürlich die wirtschaftliche Seite des Ganzen.

KATE: Ja, natürlich.

JADE: Etwas, was ich gerne betone, wenn wir über unser Konzept alternativer Gesundheitspflege während der Schwangerschaft reden, ist die Wichtigkeit der kontinuierlichen Betreuung der Schwangerschaft durch dieselben Leute, die auch bei der Geburt dabeisein werden – mit dem Ziel, die Geburt so vollkommen wie möglich zu machen, so normal, natürlich und gesund wie möglich. Es ist riskant, sich auf Ärzte zu verlassen, die bei der Entbindung darauf bauen, daß die Klinik die Fehler schon ausgleichen wird, die sie selbst bei der Schwangerenvorsorge gemacht haben. Der Arzt, der dein Kind entbindet, hat dich vorher vielleicht noch nie gesehen, oder nur ein paarmal. Vielleicht kriegt er nicht mit, daß jemand Zwillinge bekommt, oder daß jemand Schwangerschaftstoxikose hat oder nicht gut beieinander ist. Ich glaube, wir sind da gewissenhafter – wir bieten den Frauen, die zu uns zur Entbindung kommen, durchweg bessere Pflege und Vorsorge als die meisten Ärzte. Und was die Geburt betrifft: das Schöne daran, eine Hebamme zu sein, ist unter anderem, daß wir uns der Situation anpassen, anstatt sie zu kontrollieren. Von uns wird keine besondere Rolle erwartet, die wir starr auszufüllen hätten. Ich habe Frauen gehabt, die mich nur ab und zu brauchten, wenn sie sich unsicher fühlten – und das einzige, was sie von mir brauchten, war zu sagen: „Alles ist in Ordnung.“ Vielleicht mußt du zu der Frau auch wie eine Mutter sein – eine Nährerin – oder vielleicht mußt du einfach im Hintergrund bleiben – aber du als Hebamme fügst dich bei der Geburt immer in den Platz ein, der für dich da ist; wohingegen der Arzt immer die Kontrolle behalten muß; er muß immer die Befehlsgewalt haben, und er muß immer recht behalten.

JACKIE: Ich bin sicher, ihr werdet langsam müde… Ich möchte euch nur eine weitere Frage stellen.

KATE: Nein, nein, wir reden wochenlang so.

JACKIE: Also, ich möchte gerne wissen… Warum tut ihr das alles?

KATE: Darüber denke ich selbst oft nach. Ich versuche gerade, ein Paper darüber zu schreiben. Ich weiß nicht – verstehst du, wenn irgendwo ein Bedürfnis ist, dann springt irgendjemand ein und füllt die Lücke – und hier gibt es gerade jetzt ein wirklich offensichtliches Bedürfnis. Geburt ist in meinem Leben immer eine wirklich positive Sache gewesen. Meine Mutter hat viermal geboren, und sie sagte, das war das Wunderbarste, was sie je erlebt hat. Sie ist Künstlerin, und sie hat mir ein gutes Verhältnis zu Geburten vermittelt. Es war immer da. Als meine Freundinnen anfingen, Kinder zu bekommen – ich weiß nicht – es hängt alles mit der Frauenbewegung zusammen – in der Frauenbewegung zu sein – Gesundheitsfragen – Self-help – ich habe vor ungefähr drei Jahren angefangen, mich mit self-help zu beschäftigen – und jetzt gibt es in Santa Cruz ein starkes Frauen-Gesundheits-Kollektiv – alles ist sozusagen einfach Stück für Stück gewachsen und… es muß einfach getan werden… und… es gefällt mir. Es gefällt mir sehr. Es gefällt mir sehr.

JACKIE: Es muß wirklich eine sehr wichtige Erfahrung sein, wenn man in einem solchen Moment am Leben eines anderen Menschen teilhat – eine sehr tiefe Art von Kommunikation.

KATE: Oh ja… und es gibt in unserer Gesellschaft nicht allzu viele Möglichkeiten für Frauen, die Fähigkeiten, die wir haben, zu gebrauchen – Intelligenz, Intuition, Geist und Ausdauer. Hebamme zu sein, ist der Art von Energie, die in die Kunst einfließt, sehr ähnlich. Ich bin Künstlerin, und ich kenne diese Ähnlichkeit. Hebammenarbeit ist ganz bestimmt eine Kunst.

JADE: Ich setze mich dafür ein, daß jeder in Frieden gelassen wird, wenn er es möchte. Unser Körper gehört uns, und er ist so unantastbar wie unser Geist und unsere Seele.

1Zitiert aus einer Rede, die in der Los Angeles Feminist Women‘s Health Clinic gehalten wurde; veröffentlicht wurde sie in COMMUNITY WOMEN‘S CENTRE NEWSLETTER, April 1974, Regina, Saskatchewan, Canada.

2In den USA gibt es keine gesetzlich vorgeschriebene Krankenversicherung; die meisten Leute sind überhaupt nicht versichert. Auch die Privatversicherungen kommen im allgemeinen für Schwangerenvorsorge und Entbindung nicht auf. (Anm. d. Übs.)

3„Entbinden“ heißt im Englischen „to deliver“, das ist wörtlich „liefern“. Die Hebammen gehen davon aus, daß die Gebärende selbst das Kind „liefert“, nicht der Arzt oder Geburtshelfer. Die Hebamme „fängt das Kind auf“ oder „nimmt es entgegen“ (englisch „to catch“). (Anm. d. Übs.)

4Michael Goldberg, „Birth Center/Midwives Busted!“, ROUGH TIMES, März/April/Mai 1974, Vol. 4, Issue 2.

5„Sich“ heißt im Englischen „himself“, d. h. schon in der Sprache kommt die männerbezogene Tendenz zum Audruck. (Anm. d. Übers.)

6Unveröffentlichtes Manuskript: Board of Community Studies, Nancy Shaw et al., University of California at Santa Cruz.

7Dammschutz: Wenn der Kopf des Kindes herauskommt, legt die Geburtshelferin eine flache Hand auf den Damm (mit leichtem Druck) und sorgt dafür, daß der Kopf langsam und kontrolliert durch den Scheideneingang tritt und nicht plötzlich und ruckartig, weil dabei das Dammgewebe reißen könnte. (Anm. d. Übs.)

8Raven Land, THE BIRTH BOOK, Genesis Press, P. O. Bos 877, Ben Lomons, California 95005. Ich kann das BIRTH BOOK gar nicht genug empfehlen. Jedes Mal, wenn ich es lese, ist es ein tiefes, oft emotionales Erlebnis. Und die Bilder sind eine Freude.

9Board of Community Studies, op. Cit., S. 1.

10In den USA ist nicht nur – wie bei uns – das Laien-Hebammentum verboten, sondern selbst ausgebildete Krankenschwester-Hebammen dürfen nur in Anwesenheit und unter Anleitung eines Arztes entbinden. (In der Bundesrepublik ist es den Hebammen erlaubt, unkomplizierte Geburten allein durchzuführen.) (Anm. d. Übers.)