»Und so forderten die stolzen, starken und unabhängigen Runden Menschen die Götter heraus. Und Zeus bestrafte sie, indem er sie in zwei teilte. Nun konnte jede halbe Person nicht mehr mit ihren vier Armen und vier Beinen umherrollen, sondern musste aufrecht auf zwei Beinen gehen und ihr einziges Gesicht in demütigem Gebet zu den Göttern empor richten. Und in ihrer Schwäche begann jede der Hälften nach ihrer anderen Hälfte zu suchen, so dass die entzweigeschnittenen in Gänze und Stärke wiedervereint werden könnten.«
Altertümliche Mythen sterben nicht und so kommt es, dass die Runden Menschen, wie sie von Aristophanes in Platos Gastmahl beschrieben werden in ›Men and Masculinity‹ wiederkehren, einer Sammlung von Artikeln geschrieben vor allem von Männern, die an dem, was ihre Anhänger »Männerbefreiungsbewegung« nennen, seit 1971 teilnehmen. Obwohl von den 31 Autor*innen vielfältige Perspektiven eingenommen werden, geht es hauptsächlich darum, dass Männer und Frauen gleichermaßen unvollständig seien, gleichermaßen eingeschränkt durch eine Reihe unterdrückerischer, erlernter Verhaltensweisen ihrer Geschlechterrollen. Wenn Männer nur zart, gefühlvoll und für die Gefühle anderer emfpänglich werden würden – wenn Frauen nur durchsetzungsfähig, unabhängig und stark werden würden – dann könnte sich unsere derzeitige Gesellschaft von Halb-Menschen endlich selbst befreien. Und besser noch, sie würden die befreite Gesellschaft herbeiführen.
Ich denke die meisten Feministinnen sind der Ansicht, dass Sexismus nicht nur durch die Anstrengungen von Frauen alleine zerstört werden kann. Obwohl die Mehrheit der Männer zweifelslos damit fortfahren wird, Widerstand gegen die Minderung ihrer Macht zu leisten, gibt es eine kleine (aber hoffentlich zunehmende) Zahl von Männern, die widerwillige Patriarchen sind – Männer, die nach Wegen suchen die Privilegien abzulegen, die ihnen automatisch durch ihre Geburt als Männer verliehen wurden.
Diese Männer sind aufrichtig daran interessiert sexuelle Unterdrückung zu beenden, so dass Frauen und Männer eines Tages auf wahrhaft gleichberechtigte Weise leben können. Sie müssen natürlich von den hippen Charakteren unterschieden werden, die angesichts der angenommenen Gelegenheit, ›befreite Frauen‹ flachzulegen nur so geifern, ebenso wie jenen Oportunisten, die Profit aus ihren literarischen Ergüssen schlagen wollen, jenen Bewegungsmännern, die politische Frauen als nützliche ›Werkzeuge‹ für welche Art von männerdominierten Aktionen sie auch immer gerade voranbringen, betrachten, jenen Männern – Zynisch? Verängstigt? Vielleicht eine instabile Mischung aus beidem? –, die lernen die rituellen Erklärungen abzugeben, so dass die Last von ihnen abfällt und jenen akademischen Imperiums-Baumeistern, die in den ›Männerstudien‹ eine gute neue Abzocke sehen (Die Pleck-Sawyer Bibliografie zeigt, dass das MIT »ein ausführliches Archiv zu ›Männerstudien‹ besitzt«. Auf seine eigene Weise wirkt das wie der Höhepunkt des ignoranten akademischen Sexismus: Frauenstudien wurden entwickelt, weil die gesamte Akademie bereits ›Männerstudien‹ waren).
Mein Eindruck ist, dass die Herausgeber von ›Men and Masculinity‹ und viele (wenn nicht alle) der in dieser kurzen (184 Seiten) Sammlung abgedruckten Männer aufrichtige Absichten haben. Aus diesem Grund sollten sie ermutigt werden; und aus diesem Grund empfinde ich eine gewisse Ambivalenz dabei, ›Men and Masculinity‹ zu kritisieren. Negative Kommentare könnten als ein Akt des Purismus von einer verbitterten Feministin interpretiert werden. Schließlich wird noch immer ein dringend gutes Buch zum Thema des Sexismus – oder tatsächlich eine Reihe guter Bücher – von und für interessierte Männer geschrieben benötigt. Die Pleck-Sawyer Anthologie ist ein wohlmeinender Versuch in diese Richtung, aber sie ist unausgegoren und ohne Entfaltungsmöglichkeit.
Es ist nicht nur so, dass die meisten männlichen Autoren etwas annehmen, das so schlicht nicht angenommen werden kann (z.B. dass Männer und Frauen auf irgendeine Weise gleich unterdrückt wären – aber mehr dazu später), sondern der Fokus liegt beinahe ausschließlich auf den persönlichen Aspekten der männlichen Rolle. Vielleicht liegt das daran, dass die beiden Herausgeber Psychologen sind; oder vielleicht spiegelt es schlicht wieder, was Barbara Katz, eine der drei weiblichen Autorinnen, die im Buch abgedruckt wurden, über Anhänger der Männerbefreiung sagte – dass sie ›mehr nach innen gewandt sind, als politisch‹. Was auch immer der Grund ist, so blicken doch nur wenige der hier wiedergegebenen hinter den Vorhang einer individuellen männlichen Erkundung.
Ein anderer Grund für die Überbetonung des Persönlichen mag an den Zugehörigkeiten der meisten Autoren zu Klasse und Rasse liegen. Wie die Herausgeber offen und ehrlich einräumen, handelt es sich hier um ein Buch von und für »weiße heterosexuelle Männer der Mittelklasse, die in den Vereinigten Staaten leben«. Es dreht sich daher großteils um relativ privilegierte Männer, die sich der persönlichen Kosten des »guten Lebens« bewusst geworden sind, das ihnen in einer kapitalistischen Gesellschaft zugänglich ist. Es dreht sich um Männer, die wissen, dass das gute Leben Konformismus mit der männlichen Rolle erfordert, und die – um das kapitalistische Motiv auszuweiten – es nicht erkaufen. Es sind Männer, die gelernt haben, dass ein Mann der erfolgreich in die Zwillings-Forderungen seiner Rolle des ›Vorwärtskommens‹ und ›Cool bleibens‹ sozialisiert wird, die Verbindung mit anderen wertvollen Aspekten seines Selbst verliert, wie Zärtlichkeit und dem Interesse an anderen.
Unvermeidbar wird der*die Leser*in Zeuge der inneren Erkundungen jener Männer, die die Beziehungen individueller Männer mit anderen Männern, Frauen und Kindern beschreiben. Wir erfahren von den Traumas die von den Männern, die gut in Sport sind erfahren werden, ebenso wie von jenen, die schlecht in Sport sind; von Männern die Erektionen bekommen, wenn sie sie nicht haben wollen, oder – in unserer Kultur weitaus schlimmer – von Männern, die keine Erektionen bekommen können, wenn sie sie haben wollen. Wir erfahren, dass letzteres Problem ›Impotenz‹ genannt wird. Wir lesen von Männern, die sich nicht entscheiden können, ob sie sich sexuell von Männern oder Frauen angezogen fühlen. Es gibt Männer, die nicht miteinander sprechen können, nicht weinen und nicht lieben können. Wir lesen anerkennend von Männern, die sich mit der Fürsorge von Kindern beschäftigen, aber der Schwerpunkt in drei von vier Artikeln liegt dabei auf dem Mann, anstelle auf den Kindern, darauf, wie Männer mit ihrem inneren Selbst in Kontakt kommen. Wir lesen von Männern in Beziehung zu Arbeit, aber mit Ausnahme eines provokanten Artikels vom ehemaligen Soziologieprofessor Michael Silverstein, betonen die Artikel die persönlichen Probeleme dabei, das eigene maskuline Selbstbild an finanzielle oder unternehmerische Errungenschaften zu binden. Von den drei Artikeln im Kapitel »Männer und Arbeit« hinterfragt nur der von Silverstein ob Männer überhaupt Teil der kapitalistischen Wirtschaft sein wollen sollten. Interessanterweise beschreibt der männliche Autor, der am erfolgreichsten die »Übereinstimmung« zwischen Männlichkeit und unserer politischen Ökonomie beschreibt (I.F. Stone, »Machismo in Washington«), diese vollständig außerhalb der Perspektive der »selbstreferentiellen Männerbefreiung«. Hier liegt eine politische Lektion: Das Persönliche ist nicht von sich aus Politisch. Die Menschen müssen die Verbindung zwischen ihren individuellen Problemen und der Unmenschlichkeit unserer politischen und sozialen Institutionen begreifen. Solange wir in einer kapitalistischen Gesellschaft leben, wird die Betonung von Hierarchie und Dominanz auf gewisse Weisen zum Nachteil der meisten Männer sein und auf noch viel mehr Weisen zum Nachteil der meisten Frauen. Und wenn sie diese wichtige Verbindung einmal gezogen haben, müssen sie sich darüber klar werden, was sie tun werden, um die politische Ökonomie zu ändern, ebenso wie was sie hinsichtlich der verstümmelnden Auswirkungen des Sexismus in ihrem Alltag zu tun gedenken.
Nichtsdestotrotz scheinen sich die meisten dieser Autoren kaum der Macht des institutionalisierten Sexismus bewusst zu sein und seiner Diskussion wird nur sehr wenig Platz eingeräumt. Als Resultat muss jede politisch bewusste Leserin mit den widersprüchlichen Reaktionen der Sympathie für den persönlichen Schmerz, der von diesen Männern ausgedrückt wird, ebenso wie der Wut über deren apolitische Selbstgefälligkeit kämpfen. Ein Beispiel geben etwa einige Auszüge aus dem Manifest des Männerzentrums von Berkeley:
Wir als Männer wollen unsere vollständige Menschlichkeit zurück. Wir wollen uns nicht länger anstrengen und miteinander wetteifern, um einem unmöglichen, unterdrückerischen Männlichkeitsbild zu entsprechen – stark, schweigsam, cool, gutaussehend, unemotional, erfolgreich, Herr über die Frauen, Anführer der Männer, wohlhabend, brilliant, athletisch und ›mächtig‹. Wir wollen nicht länger die Notwendigkeit empfinden, sexuell, sozial oder auf irgendeine andere Art und Weise zu performen, um einer von der konservativen Amerikanischen Gesellschaft oder einer ›Gegenkultur‹ auferlegten männlichen Rolle zu entsprechen.
Wir wollen uns selbst lieben … Wir wollen unsere Gefühle in Gänze ausdrücken … Wir wollen Masturbation ohne Schuldgefühle genießen oder ohne das Gefühl zu haben, dass Masturbation ein schlechter Ersatz für interpersonellen Sex wäre …
Wir werden von den Zuständen unterdrückt, die uns nur zu halben Menschen machen. Diese Zustände dienen dazu, eine Gegenseitige Abhängigkeit von männlichen (abstrakt, aggressiv, stark, unemotional) und weiblichen (fürsorglich, passiv, schwach, emotional) Rollen zu schaffen. Wir werden von dieser Abhängigkeit von Frauen für Unterstützung, Fürsorge, Liebe und Mitgefühl unterdrückt. Wir wollen uns selbst und andere Männer lieben, pflegen und unterstützen, ebenso wie auch Frauen …
Wir glauben, dass die Befreiung des Menschen nicht alleine aus individuellen Bedürfnissen her rührt, sondern dass diese Bedürfnisse Teil des gleichen Prozesses sind. Wir fühlen, dass alle Befreiungsbewegungen gleich wichtig sind; dass es keine Hierarchie der Unterdrückung gibt …
Wie können Männer ihre verlorenen Hälften finden (und wo haben die Frauen ihre verloren)? Unsere Gesellschaft muss kooperativ werden. Die Profite müssen ein Ende finden. Wie? Das sagen sie nicht.
Das Manifest macht etwas klar, das verstörenderweise in vielen der Artikel und den Kommentaren der Herausgeber mitschwingt. Es ist eine bevormundende Einstellung gegenüber Frauen. Es gibt den Versuch – zweifelslos unbeabsichtig, aber nichtsdestotrotz arrogant und widerwärtig – die Frauenbewegung (und in ihrer Erweiterung alle anderen Bewegungen) zu banalisieren, indem darauf beharrt wird, dass »alle Befreiungsbewegungen gleich wichtig sind; es keine Hierarchie der Unterdrückung gibt«. Parallel dazu wird die äußerst notwendige Suche bewusster Männer nach einer anderen Lebensweise in den Status einer »Befreiungsbewegung« erhoben. Oder, wie es der Mit-Herausgeber Sawyer so nett ausdrückt: »Herr zu sein, beinhaltet seine Bürden.« Man stelle sich die Reaktionen auf diesen einzelnen Kommentar vor, wenn man ihn auf rassistische oder ökonomische Dominanz überträgt! Man stelle sich einmal vor, dass Weiße zu Schwarzen, Bosse zu Arbeitern, Sklaveneigentümer zu Sklaven sagen würden: »Herr zu sein hat auch seine Bürden.«
Im folgenden ist ein Auszug aus Sawyers Essay »On Male Liberation«, der ursprünglich in Liberation abgedruckt wurde. Ich habe die Worte »Frauen« und »Männer« durch »Arbeiter« und »Kapitalist« ausgetauscht. (Die Auswirkungen sind auch sehr interessant, wenn man stattdessen »Schwarze« und »Weiße« einsetzt.)
In der zunehmenden Wahrnehmung des Rechts der (Arbeiter) an den Belangen der Welt gleichberechtigt teilzuhaben liegt zugleich eine Gefahr wie auch ein Versprechen. Die Gefahr besteht darin, dass (Arbeiter) schlicht mit einem gleichen Anteil der Beteiligung am wettberwerbsorientierten, entmenschlichenden System enden, dass (die Kapitalisten) geschaffen haben. Das Versprechen besteht darin, dass (Arbeiter) und (Kapitalisten) gemeinsam auf ein System hinarbeiten könnten, das Gleichheit für Alle schafft und niemanden dominiert. Die (Arbeiter-)Bewegung hat betont, dass (Arbeiter) nach einem besseren Modell menschlichen Verhaltens suchen, als jenem, das bisher geschaffen worden ist. (Arbeiter) versuchen Menschen zu werden, und (Kapitalisten) können das selbe tun. Weder (Kapitalisten) noch (Arbeiter) müssen bloß von den Stereotypen der Arbeitswelt bestimmt bleiben, die »angemessenes Verhalten« definieren. Das derzeitige Modell für (Kapitalisten) und (Arbeiter) scheitert darin, adäquate Möglichkeiten für menschliche Entwicklung hervorzubringen. Die eine Hälfte der menschlichen Gattung soll dominant und die andere Hälfte unterwürfig sein. Das ist mit einer Vorstellung von Freiheit unvereinbar. Freiheit erfordert, dass es keine Dominanz und Unterwürfigkeit geben sollte, sondern, dass alle Individuen frei sind, ihre eigenen Leben als Gleiche zu bestimmen.
Wer könnte etwas an den letzten beiden Zeilen aussetzen? Aber wie sie auch immer auf Papier aussehen, so kann ihr Ziel in der Praxis doch von niemandem erreicht werden, der Sawyers grundlegende Annahmen vertritt. Zusätzlich zu der Vorstellung, dass Männer und Frauen irgendwie gleichermaßen unterdrückt wären (während Männer zur gleichen Zeit Frauen dominieren!) scheinen Sawyer und die meisten anderen hier abgedruckten Autoren zu glauben, dass persönlich einschränkende Rollenanforderungen die wichtigste Art von geschlechterbezogener Unterdrückung sei, die es gibt. Zudem gibt es die seltsame Annahme, dass individueller Sexismus institutionellen Sexismus hervorbringen würde. Noch einmal Sawyer:
Die Akzeptanz von Geschlechterrollen-Stereotypen beschränkt nicht nur das Individuum, sondern hat auch negative Auswirkungen auf die Gesellschaft als Ganzes … Der Haupteffekt besteht heute darin, dabei zu helfen, ein System aufrechtzuerhalten, in dem private ›Tugenden‹ zu öffentlichen Lastern werden.
Wenn das Persönliche das Politische bestimmen würde, dann würde daraus folgen, dass alles was man tun müsste darin bestünde, die selbstzerstörerischen Verhaltensweisen zu identifizieren und sich dazu entscheiden, sie aufzugeben. Geschafft! Sexismus besiegt! Wenn also Sawyer und sein Mit-Herausgeber Pleck Verbindungen zu kapitalistischen Institutionen, hierarchischem Verhalten und der männlichen Rolle ziehen (beispielsweise in ihrer Einführung zum Kapitel »Männer in der Gesellschaft«) besteht ihr einziger Handlungsvorschlag darin, dass Männer es ablehnen sollten ›Vorwärtszukommen‹ und ›Cool zu bleiben‹. Das ist kaum eine angemessene Reaktion auf die Unmenschlichkeiten unserer politischen Ökonomie. Natürlich wird es, wenn Männer die Verbindung zu ihren Emotionen wiederentdecken, lernen zu weinen und Zärtlichkeit auszudrücken, Aggression und Gewalt und phallische Dominanz ablehnen, Hausarbeit machen und sich um Kinder kümmern, sowie aufhören ihr Selbstwertgefühl anhand ihres Kontostands zu messen, ihre Leben bereichern und die Dinge für diejenigen, die mit ihnen zusammenleben einfacher machen. Schon deswegen lohnt es sich, die Veränderung des eigenen Selbst in Angriff zu nehmen.
Wie viele Feminist*innen betont haben – meiner Meinung nach zu Recht – handelt es sich bei Männern um eine privilegierte Kaste. Ein individueller Mann mag ablehnen, was er als unerwünschte Elemente seiner Rolle betrachten mag, aber weil er ein Mann ist, wird er noch immer bestimmte Privilegien seiner Kaste besitzen, selbst wenn er diese nicht befürworten mag. Er wird noch immer Teil einer Gruppe sein, die qua Geburtsrecht mehr Macht besitzt und mehr geschätzt wird als die niedere Kaste – Frauen.
Eine andere Weise, das auszudrücken bedient sich der Begriffe des institutionellen vs. persönlichen Sexismus. Ein Mann mag sich weigern, die Frau, die er kennt zu unterdrücken, er mag die Hausarbeit und Versorgung der Kinder mit ihr teilen, er mag versuchen jedes widerwärtige Element seines Machoverhaltens abzulegen. Und doch ist er, wenn er mehr Geld verdient, als seine Kolleginnen, eher angestellt wird, als eine gleichwertig qualifizierte Frau, befördert wird, weil er eine Familie zu versorgen hat, oder sich aufgrund einer irrelevanten Größenanforderung für einen Job qualifiziert, ihm in einer Diskussion zugehört wird, weil er ein Mann ist, oder sieht, dass Männer in den Massenmedien besser vertreten sind, oder ein Lehrbuch aus seinem Gymnasium oder der Uni aufschlagen kann und weiß, dass alle menschlichen Errungenschaften ihm zugeschrieben werden, oder einfach an Fremden vorrüber gehen kanne, ohne dass ihm nachgepfiffen wird, er angemacht wird oder eine Vergewaltigung fürchten muss, oder er nicht versuchen muss, die Sozialleistungen zu strecken, um sich und seine Kinder einen weiteren Tag zu ernähren, oder sich nie um die negativen Auswirkungen von Verhütungsmitteln auf seinen Körper Sorgen machen muss – dann ist er noch immer Teil einer privilegierten Gruppe.
Aus all diesen Gründen hat Sawyer nur teilweise Recht damit, wenn er sagt: »Der Kampf der Frauen um Freiheit muss kein Kampf gegen Männer als Unterdrücker sein. Die Entscheidung darüber, ob Männer der Feind sind, liegt an ihnen selbst.« Er hat Recht wenn er sagt, dass sich Männer entscheiden können, auf wessen Seite sie stehen. Aber diese Entscheidung muss etwas mehr beinhalten, als bloß das unangemessene eigene Verhalten zu korrigieren. Sawyer wird sich unter den Frauen, denen er dadurch beitreten will, keine Freundinnen damit machen, dass er die gleiche Verantwortung für ihre eigene Unterdrückung auf sie abwälzt. Und genausowenig werden Frauen einen Mann wertschätzen, der bekannt gibt, dass er ›sich seinen feministischen Schwestern in ihrem gemeinsamen Kampf anschließt‹, wenn dieser gleiche Mann erzählt, wie er einst seine erste Freundin verlassen hat, als er zu dem Entschluss gekommen war, dass sie ›einfach gestrickt und langweilig‹ (nach zwei Jahren) war und eine andere seiner Freundinnen dafür kritisiert, dass sie ›zu abhängig und schwach‹ geworden sei (Jeff Keith, ›My Own Men’s Liberation‹). Unsere einzige rationale und selbstschützende Antwort besteht darin, herauszufinden ob er jemals entdeckt hat worum der Kampf um Frauenbefreiung geht, oder nicht. Bis wir uns dessen sicher sein können, können wir Frauen nicht dafür verantwortlich gemacht werden, wenn es uns schwer fällt, Männerbefreiung ernst zu nehmen.
Diejenigen Männer, die unwillige Patriarchen sind, haben eine Verpflichtung dazu, Revolutionäre zu werden. Wie also wird ein weißer, heterosexueller amerikanischer Mann der Mittelklasse zum Revolutionär? Für diese Männer hat ein revolutionärer Lifestyle oft ein rhetorisches oder mit der Waffe herumwedelndes Macho-Gehabe zu entwickeln beinhaltet – eine radikale, hippe Version des ›behaarte Brust Syndroms‹, wie es von Gloria Stein in ihrer Beschreibung von Amerikas kampfeslustiger politischer und militärischer Elite geschildert wird (›The Myth of Masculine Kystique‹). Wie politische Frauen nur allzu gut wissen, haben männerdominierte linke Organisationen nur allzu sehr dazu geneigt die Muster sexistischer und klassistischer Dominanz zu reproduzieren, und die Herausgeber und Autoren, die hier repräsentiert sind, lehnen so ein Modell zurecht ab. Aber was sie als ein geeignetes Alternativmodell vorstellen genügt nicht.
Es genügt nicht, weil Männer zugleich an der Veränderung ihrer individuellen Beziehungen zu Frauen (und anderen Männern) arbeiten müssen, aber auch daran unser politisch-ökonomisches System zu verändern, das auf der Macht ein paar privilegierter Männer über die Massen der Amerikaner*innen, sowohl Männer als auch Frauen, basiert. Unsere politische Ökonomie zu verändern wird ziemlich schwer sein und die Veränderung wird nicht dadurch kommen, dass ein paar Männer die Anforderungen der Männlichkeit zurückweisen. Sawyer, Pleck und ihre männlichen Freunde ›geben also die Macht‹ über andere ›auf‹. Und dann? Außerhalb ihrer unmittelbaren Kreise, wo soll das unzweifelhaft einen beachtlichen Unterschied machen, welchen Unterschied kann das in den Leben von allen anderen machen? Wird es die amerikanische Beeinflussung der Wirtschaften der Dritte Welt Länder beenden? Wird es unsere Unterstützung von Militärdiktaturen beenden? Wird es eine weitere Intervention wie die gegen die sozialistische Regierung Chiles verhindern? Wird es die immer größeren Einkommensunterschiede zwischen weißen Männern und allen anderen beenden? Wird es den institutionellen Sexismus und Rassismus zerstören?
Es wird nichts an diesen und anderen Verhältnissen ändern, weil – um das offensichtliche zu sagen – die meisten Personen in privilegierten Positionen ihre Macht über andere nicht aufgeben wollen – selbst wenn man einmal annehmen will, dass sie sich ihrer Macht über andere vollkommen bewusst wären. Und wenn sie sie nicht aufgeben wollen, dann muss sie ihnen genommen werden. Nicht nur ein paar von ihnen, sondern allen von ihnen und nicht durch Individuen, sondern von Menschen, die sich zu diesem Zweck zusammentun.
Aus diesem Grund ist es, wenn wir uns ansehen was getan werden muss, um eine nichthierarchische Gesellschaft zu erschaffen, absurd, Männern zu sagen, dass es ihre Wahl sei, einer bewusstseinserweckenden Gruppe beizutreten. Das Bewusstsein zu wecken ist ein wichtigs Mittel zu einem bestimmten Zweck – dem Zweck persönlicher und sozialer Veränderung – aber es ist kein Ziel an sich. Sich so zu verhalten, als ob es das wäre, ist eine Ausflucht.
Die Veränderungen in den Leben von Männern sind üblicherweise unauffällig, bislang von den Medien unberücksichtigt, im Privaten genossen und oft leidenschaftlich. Diese Veränderungen … besitzen keine größeren Ökonomischen oder institutionellen Ausformungen: Sie werden im Allgemeinen nicht in den nationalen wirtschaftlichen oder sozialen Statistiken erfasst. Zunehmend jedoch sprechen Männer über ihre inneren Erkundungen und Wünsche. (Robert A Fein, ›Men and Young Children‹).
Der Pleck-Sawyer Reader beinhaltet zu viele Beispiele von hippen Akademikern und zarten Aussteigern, die nach stillen persönlichen Veränderungen streben. Man wünsche ihnen alles Gute. Aber Pleck und Sawyer zumindest sollten wissen, dass dieses Sozialsystem leicht ein paar Abtrünige vertragen kann, besonders wenn diese Abtrünigen sich selbst darauf beschränken, ihre Köpfe zu verändern, alleine oder zusammen mit ähnlich gesinnten Männern. Und Heute sowie Morgen, in der absehbaren Zukunft braucht sich nichts anderes allzusehr verändern.