Friederike Kamann: Anarchafeminismus, Anarchismus und Feminismus (1988)

Redebeitrag von der 1. Regensburger Fachtagung für „Lust und Freiheit“ vom 4. – 20. Dezember 1987

Viele fallen auf den Versuch herein »Anarchafeminismus« lediglich als eine gelungene Mischung zu begreifen. Dieser »Eintopf« liegt all denen schwer im Magen, die spüren, daß auf solchem Wege Aufbruchsversuche von Frauen in eine eigene, selbstbestimmte Zukunft nur wieder für eine vorgegebene Männerbewegung nutzbar gemacht werden könnten.

Anarchismus – stellt die Frage nach der Herrschaft in der Gesellschaft und muß die feministische Herausforderung annehmen, diese Herrschaft auch als sexistische zu begreifen – als Einschränkung und Festlegung von Frauen auf bestimmte herrschaftsfunktionale weibliche Rollen.

Feministinnen – müssen begreifen, daß diese Herrschaft auch von ihnen selbst, in ihren eigenen Köpfen aufrechterhalten wird und nicht durch vordergründige Kampagnen beseitigt werden kann, wie z.B. die für Quotierung der Teilnahmemöglichkeiten an der patriarchalischen Macht. Feministinnen fallen sich da in den Rücken, wo sie die patriarchalische Bedingtheit ihrer eigenen Entwürfe nicht erkennen.

Ich gehe an mein Thema also von drei Richtungen heran:

  1. vom Anarchafeminismus her, als einer irgendwie gearteten Symbiose, um der Konkretisierung und Neufassung es mir letzten Endes überhaupt geht. Ich werde dabei zunächst einmal den aktuellen Stand wiedergeben.
  2. vom Anarchismus her, – den ich einerseits als Männerbewegung begreife und kritisiere, auf dessen Utopie einer nichthierarchischen Gesellschaft von Gleichen (ob Männern oder Frauen) ich mich aber positiv beziehe und seine Kritik an allen hierarchischen, einschränkenden und ausbeuterischen Strukturen aufgreife – sowohl im Bereich der Arbeit, des Warenverkehrs – wie auch im Bereich der sozialen Reproduktion. Der Anarchismus – so wie ich ihn verstehe – bedeutet letztendlich: die immer neue Frage nach den gesellschaftlichen Mechanismen der Verankerung von Herrschaft. Und zwar nicht nur: wo sind Orte der Herrschaft, sondern auch wo verlängern wir selbst diese Herrschaft unhinterfragt durch unsere eigenen politischen Aktionen?
  3. Da ich aber bei allem von meiner Situation als Frau ausgehe, davon, daß ich FRAU BIN, mir diese gesellschaftliche Rolle nicht aussuchen konnte und sie daher offensiv angehen will – ist der dritte Aspekt der Feminismus.

Bei allen Diskussionen um Anarchafeminismus möchte ich daher die konkrete Veränderung der Situation von Frauen im Auge behalten – und nicht etwa nur die Erweiterung der theoretischen Perspektive. Sonst kann es geschehen – frau vergleiche etwa die Geschichte der Mujeres Libres im Spanischen Bürgerkrieg – daß die Kämpfe von Frauen nur für übergeordnete Ziele funktionalisiert werden, sie selbst dabei für sich nichts gewinnen.

Wenn ich von Feminismus rede, habe ich deshalb vor allem die Bewegung – wie diffus sie auch ist – im Blick, mit all den konkreten Frauen darin und ihrem persönlichen Interesse an grundlegenden Veränderungen. Ich beziehe mich natürlich auch – aber eben nicht ausschließlich – auf seine Theorie; positiv vor allem auf die des Radikalen Feminismus, der autonomen Frauenbewegung – wobei auch dieser Begriff zunächst wieder völlig diffus bleibt.

Noch einmal: Ich bin Frau – kann davon und meiner spezifischen Betroffenheit nicht abstrahieren; habe gelernt, die Deformation und Funktionalisierung des Weiblichen und damit der Einschränkung meiner ganz persönlichen Möglichkeiten in dieser Gesellschaft zu begreifen – und habe deshalb bei allen Diskussionen um Anarchismus und Feminismus vor allem immer das Interesse, diese Beschränkungen und Festlegungen anzugehen – in der theoretischen Analyse und der möglichen Praxis.

Daraus leite ich auch meine Kritik an aktuellen feministischen Zielsetzungen, Reformversuchen usw. ab. Diese haben in der augenblicklichen ›Krise‹ der kapitalistischen Produktion oft ja nur den Effekt, mittels der Parole von der »Emanzipation« der Frauen in die sich verändernden Produktions- und Warenbeziehungsstrukturen neu einzupassen. Die neuen Bilder der »Weiblichkeit« werden dabei gleich mitgeliefert, denen Frau sich wie gehabt – eifrig anzupassen sucht. Eine tatsächliche Emanzipation, in der Frauen sich ihre eigenen, selbstbestimmten Möglichkeiten erkämpfen und dabei u.a. auch die Inhalte der Arbeit verändern – ist das nicht. Ich beziehe mich hier vor allem auf die Diskussion um die Quotierung. Aber auch auf die immer neue und vorschnelle Festlegung auf eine positiv besetzte »Weiblichkeit«. Können wir überhaupt eine Weiblichkeit definieren, die nicht von patriarchalischen Antagonismen wie etwa Natur/Kultur abgeleitet ist und deshalb immer ein reduziertes Pendant zum Männlichen bleibt?

Ich kritisiere alle Biologismen im Sinne von: »Frauen sind so – Männer dagegen so – und deshalb müßten Frauen an die Stellen von Männern gesetzt werden« – oder im Sinne von: Frauen seien anders, besser als Männer und deshalb, usw. …

Ebenso kritisiere ich die weitverbreiteten neuen Mythen, etwa von der besonders dem eigentlichen Leben verbundenen Existenzform der Mütter. Auch dies bedeutet wieder ein Einschwören von Frauen auf reduzierte Rollen und verhindert einen offenen Entwurf, in welchem Frau sich nicht auf einen Teilbereich festlegen muß. Und darum geht es nur!

I.

Der Begriff des Anarchafeminismus kommt ursprünglich aus US-amerikanischen Diskussionen und wurde Mitte der 70er durch die Übersetzung von Beiträgen von Peggy Kornegger, Carol Ehrlich u.a. in die anarchistische Bewegung der BRD eingebracht. Radikale Feministinnen waren auf der Suche nach einem politischen Gerüst, mit dessen Hilfe sie die von ihnen angestrebte feministische Revolutionierung der Gesellschaft vorantreiben und verbreiten konnten. Dabei stießen sie auf die Prinzipien des kommunistischen Anarchismus im Sinne Kropotkins. Sie meinten, hier im wesentlichen ihre eigenen Ansätze wieder zu finden. Ihre hauptsächlichen Thesen sind (ich beziehe mich hierbei auf das kleine Buch »Anarchafeminismus« aus dem Libertad-Verlag Berlin):

  1. Alle radikalen Feministinnen sind im Grunde »natürliche« Anarchistinnen – »aufgrund ihrer Zuneigung zu nicht-hierarchischen Beziehungen, ihrer Vorliebe für Arbeit in kleinen Gruppen und ihrer Fähigkeit, aus der Kraft der Massen einen Nutzen zu ziehen« (S. 9).
  2. Anarchismus und Feminismus entsprechen einander und sollen sich gegenseitig ergänzen.
  3. Der Anarchismus liefert dem Feminismus »ein klares Verständnis von Hierarchie und Autorität« (S. 11).
  4. »Der Feminismus erkennt, daß alle Arten der Unterdrückung miteinander in Beziehung stehen, daß sich die persönliche, ökonomische und politische Unterdrückung im Leben von uns allen manifestiert, der Feminismus bietet den anarchistischen Männern Aufschluß über ihr maskulines Erbe, welche ihre Emotionen und Ausdrucksmöglichkeiten verkrüppelt.
    Der Feminismus gibt dem Anarchismus den Sinn für das Kreisförmige, die Verbindungen, die das existierende anarchistische Bewußtsein abrunden und vervollkommnen, und für die menschlichen Bedürfnisse nach Schönheit, Freude und Ausdruck« (S. 12).

Über diese idealtypischen Grundstzerklärungen kamen die Anarchafeministinnen lange nicht hinaus. Rezipiert wurden sie von der feministischen Bewegung in der BRD kaum. Widerhall fanden sie dagegen in der zu diesem Zeitpunkt immer noch zum größten Teil von Männern getragenen anarchistischen Bewegung. In deren Kreisen fanden ja auch die Veröffentlichungen statt. Allein schon dadurch erklärt sich aber auch die sofort einsetzende Akzentverschiebung bei der Rezeption.

Wie schon gesagt: die Männer waren meistens unter sich, während gerade Frauen, die aus feministischen Zusammenhängen kamen, sich nicht gerade davon angezogen fühlten, wie sich die anarchistische Bewegung der BRD in ihren Gruppen wie auch theoretisch präsentierte. Erklärbar ist diese Erscheinung – die ja auch alle anderen politischen Gruppen der sogenannten »Neuen Linken« vorweisen – durch das Nachwirken der arroganten Abfuhr, die die politisch engagierten Frauen im SDS bekamen, als sie ihre eigene Situation als Frauen auf die Tagesordnung zu setzen versuchten. Diese Erfahrung war ja ein entscheidender Impuls für die Bildung der autonomen Frauenbewegung.

Das Fehlen der Frauen fiel natürlich auch den Männern auf. Und der Anarchafeminismus wurde in diesem Sinne von ihnen begeistert aufgegriffen:

der Feminismus (und damit hoffentlich auch die Vertreterinnen) wurde als genuin anarchistisch begriffen und so dem Anarchismus einzuverleiben versucht. Er verlor dadurch auch manches von seiner bedrohlichen Infragestellung und Herausforderung. MANN meinte, den Frauen doch nun endlich etwas bieten zu können. Vor allem die Infragestellung der anarchistischen Gruppen durch die offensichtliche Abstinenz von Frauen aus der autonomen Frauenbewegung schien als gefährlicher Separatismus endlich gebannt. Auch wenn sie es noch nicht einsehen wollten – im Grunde gehörten sie doch alle dazu.

Gerade die anarchistische Diskussion um den Anarchafeminismus geriet so zur arroganten männlichen Spitze gegen den Separatismus der autonomen Frauenbewegung, und wurde in diesem Sinne als Infragestellung des Separatismus überhaupt begeistert aufgegriffen.

Auf dem Internationalen Anarchistischen Kongreß in Venedig 1984, bei dem es auch zu mehreren Veranstaltungen zum Thema Anarchismus – Feminismus kam, wurde dieser (mein) Eindruck ziemlich verstärkt. Ich habe im SF-16 ausführlich darüber geschrieben. Viele der Rednerinnen standen auch hier immer noch unter einem erkennbaren Druck, sich am Anfang ihrer Beiträge vom separatistischen Feminismus zu distanzieren. – Aus Angst, sonst gar nicht richtig angehört, sondern nur mit dem Spaltungsvorwurf konfrontiert zu werden. Indem sie bekannten »nie Feministinnen im klassischen Sinne, sondern immer vor allem Anarchistinnen gewesen zu sein, daß sie Frauen und Männer vereinigt in einem Kampf für die Anarchie sehen, daß die anarchistische Bewegung die Kämpfe der Frauen schon vom Anspruch her umfasse, reduzierten sie damit das Problem auf die persönlichen Haltungen der Männer, die sich quasi von selbst in ihren bevorteilten Positionen unwohl fühlen müssten.« (SF-16, S. 8).

Das Treffen in Venedig hinterließ bei mir ein ziemliches Mißtrauen gegenüber dem sogenannten Anarchafeminismus, – verursacht durch eine solche mögliche Funktionalisierung. Verstärkt wurde dieses Mißtrauen durch die m.E. zu einseitige rein theoretische Ausformung des Ansatzes. So konnte der Feminismus möglicherweise auf ein rein theoretisches Hilfsmittel zur Analyse von Hierarchien reduziert und als solches instrumentalisiert werden. Natürlich lehne ich die theoretische Analyse nicht ab. Im FLI (Forum für libertäre Informationen) haben wir aber bereits 1986 formuliert, daß »der Feminismus keine Philosophie ist, sondern in unseren weiblichen Alltag gehört« (SF-23, S. 8) Er betont und betonte immer die Zusammengehörigkeit von öffentlicher Politik und nur scheinbar privatem Alltag.

Der Anarchafeminismus aber krankt bislang an einer ausgeprägten Praxisferne. Was fehlt sind nicht Thesen oder Grundsätze, sondern experimentelle Erfahrungen; die Bereitschaft, soziale Experimente zu waren; was fehlt, sind Autorinnen, die ihre Beiträge auf deren praktische Anwendung in der sozialen Revolutionierung des Alltags hin verfassen. Vom Feminismus muß sich der Anarchismus ständig neu befragen lassen, ob er die gesellschaftliche Realität von Frauen und die sexuelle Herrschaft nicht nur plakativ sondern auch praktisch einbezieht.

II.

Nun zum Anarchismus.

Er stellt sich historisch gesehen als Bewegung von Männern dar – als eine Oppositionsbewegung unter vielen innerhalb der männlich dominierten Sphäre der Politik.

Dabei ist er aber diejenige Strömung, die die traditionellen Formen von Politik am grundsätzlichsten und radikalsten in Frage stellt.

So rüttelt er an der Grundstruktur aller von Männern beherrschten politischen Organisationen: der Hierarchie – und hält ihr z.B. die Prinzipien des Föderalismus, der freien Vereinbarung und der Gegenseitigen Hilfe entgegen – sowie seine Utopie von der grundsätzlichen Gleichwertigkeit aller Menschen.

In die Utopie der Gleichheit und Freiheit sind die Frauen miteingeschlossen, mitgemeint. Ihre Unterdrückung wird ausdrücklich benannt. Und: die Rollen Mann und Frau in der bürgerlichen Gesellschaft werden nicht biologistisch gesehen – also als »natürliche« Wesensbestimmungen – sondern als soziale Rollen im Herrschaftsgefüge und damit veränderbar, ja notwendigerweise zu verändern.

So formulieren alle anarchistischen Klassiker ihre Kritik am Zwangscharekter der autoritären väterrechtlichen Familie und setzen ihr als Modell der Befreiung, schon jetzt, das Konzept der »Freien Liebe« entgegen. Eine Ausnahme bleibt Proudhon, der gan seiner patriarchalischen Zeitstimmung verhaftet bleibt und die Frau sogar irgendwo zwischen Mensch und Tierwelt ansiedeln will, so daß menschliche Freiheitsforderungen sie gar nicht betreffen können!

Bakunin dagegen fordert die soziale Verantwortung für die Mutterschaft; Kropotkin will in seinem Entwurf eines revolutionierten Arbeitslebens die Frau gleichberechtigt einbezogen sehen. Er fordert für alle ein Maximum von höchstens 3-4 Stunden Arbeit täglich. Maschinen sollen die zu seiner Zeit noch viel mühseligere Hausarbeit erleichtern; in ihrer freien Zeit sollen die Frauen gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Ihre Atomisierung und soziale Isolierung durch die Kleinhaushalte gilt es zu durchbrechen.

Insgesamt ist das Thema »Frauen« im Anarchismus dennoch ein Randthema. Die männlichen Theoretiker kommen nur dort auf das sogenannte »andere Geschlecht« zu sprechen, wo sie selbst auch betroffen sind – wenn es nämlich um die freiheitliche Organisierung ihres Privatlebens geht.

Theoretisch eingeschlossen wird die Frau in die Entwürfe zwar überall, explizit beziehen sie sich dauf ihre besonders unterdrückte Lage jedoch nur bei Themen wie Familie, Ehe, Reproduktion – belassen sie also doch gedanklich auf diese traditionellen »weiblichen« Bereiche beschränkt.

Im Sinne der Prämisse, daß jeder Mensch seine Befreiung schon selbst in die Hand nehmen muß – und sie daher nicht stellvertretend für die Frauen Forderungen aufstellen dürfen, die diesen vielleicht gar nicht entsprechen – ist das auch folgerichtig. Warum aber dann wenden sich fast alle so vehement gegen die sogenannten »Emanzipierten« ihrer Zeit? Brandmarken deren Aktionen für gleiche Bürgerinnenrechte als durchgängig »bürgerlich« und »beschränkt«? Verlangen von den Frauen, bevor diese ihre Anerkennung als gleichberechtigte politische Akteurinnen durchgesetzt haben gleich den 2. Schritt?

Natürlich haben sie recht. Der Kampf um das Frauenwahlrecht wurde nicht von der Utopie einer herrschaftsfreien Gesellschaft getragen. Er führte im Gegenteil dazu, daß nun auch die Frauen mit einem Häppchen scheinbarer Macht zufriedengestellt wurden – wie schon zuvor die Organisationen der Arbeiterbewegung durch den reformerischen Kurs der SPD und der zentralistischen Gewerkschaften auf den ›Sozialstaat der Sozialistengesetze‹ vereidigt worden waren. Die Vehemenz der antifeministischen Attacken seitens der in diesem Konflikt unterlegenen Anarchisten und Lokalisten (später: Anarchosyndikalisten) wäre damit erklärt. Nur zu oft werden diese Attacken aber in einem frauenverachtenden, zynischen Ton vorgetragen, der unterstellt, daß vom »schwachen Geschlecht« ja auch nichts anderes zu erwarten sei. Viele Anarchisten trennen trotz aller Lippenbekenntnisse zur Befreiung der Frau nach wie vor zwischen »öffentlich« und »privat« und behaupten die Sphäre der Politik für sich. Konstruktiver Umgang mit den Forderungen gerade auch der Frauen in den eigenen Reihen ist eine Seltenheit.

Da, wo aus anarchistischen Reihen konkrete Vorschläge zur Selbstorganisierung von Frauen geäußert werden – zu ihrer spezifischen Unterdrückung und Erniedrigung, zu ihrer sozialen und sexuellen Notlage – kommt es aus dem Munde von Frauen: wie Emma Goldman, wie Voltairine DeCleyre, wie Louise Michel, den Mujeres Libres, oder den Frauen des anarchosyndikalistischen Frauenbunds.

Hier hören wir die Forderung nach freier Abtreibung, freiem Zugang zu Verhütungsmitteln und finden Berichte über Selbsthilfegruppen in den autonomen und anarchistischen Frauenorganisationen, in der Nachbarschaftshilfe, hören von Arbeiterinnen-Streiks, von Ein-Küchen-Häusern, vom Problem der Prostitution, dem weiblichen Analphabetismus, usw. An den Reaktionen der männlichen Genossen auf die Parolen und Aktionen der oft enthusiastischeren weiblichen Mit›glieder‹ läßt sich ablesen, daß es den Männern, wenn sie Frauenorganisationen unterstützen, hauptsächlich um die Propaganda ging, um die Rekrutierung der Bewegung auch aus den Reihen der Frauen. Und für ihre – als männliche Prioritäten gesetzten Ziele. Die Forderungen der Frauen brannten ihnen nicht unter den Nägeln – und sie versuchten, sie stets im kontrollierbaren, eingeschränkten, eben »weiblichen« Rahmen zu halten. Frauenforderungen wurden instrumentalisiert – da wo sie für die Privilegien der Männer gefährlich werden konnten, legte man ihnen immer neue Steine in den Weg.

So wurden im Spanischen Bürgerkrieg die Frauen beim System des Familienlohns eklatant benachteiligt, um deutlich zu machen, daß sie nur vorrübergehend in der Produktion geduldet waren – ihre eigentliche »weibliche« Aufgabe aber im Bereich des Hauses liege. In die gleiche Richtung zielt die Verdrängung der Frauen aus den Milizen. Eine parallele Entwicklung hat Ulrich Klan in seinem Beitrag im SF-19 über den Anarchosyndikalistischen »Frauenbund« der Weimarer Zeit beschrieben.

Damit, daß der Anarchismus die Kämpfe der Frauen um ihre Befreiung nicht richtig ernst nahm, beraubte er sich selbst aber letztendlich auch der Möglichkeit zur Durchführung der sozialen Revolution – die ja nicht nur auf die Ebenen der politischen Aktion und der Arbeit (der Produktion) beschränkt werden kann sondern den gesamten Alltag erfassen muß – auch und vor allem den der sogenannten Reproduktion, die nach wie vor als sogenannte »Privatsphäre« den Frauen angelastet bleibt.

Frauen mußten und müssen sich in der anarchistischen Bewegung immer selbst artikulieren, ihre eigenen Forderungen aufstellen und in Angriff nehmen, sich selbst organisieren – ihren eigenen Zielen und Bedürfnissen entsprechend, eben: AUTONOM!

Dabei müssen sie aber darauf hinarbeiten, sich aus der Verklammerung der sogenannten »Frauen-Bereiche« zu befreien. Nur so können sie auch den Männern klar machen, daß diese Bereiche auch in männliche Zuständigkeit gehören – und nicht nur aus ab und zu gutem Willen«.

Die Zuweisung der Rollen und Arbeitsbereiche muß beiderseits durchbrochen werden. Das bedeutet aber auch den notwendigen Abschied vom Bild des heroischen anarchistischen Revolutionärs. Ad absurdum geführt wird diese Rolle ja gerade von Frauen wie Emma Goldman – die sich zwangsläufig daran orientierten, daran gemessen wurden und sich daran aufrieben und -reiben. Ihre zunehmende Einsamkeit, ihre Selbstbeschränkungen (z.B. Unterdrückung ihres Kinderwunsches bei E.G.), Selbstverleugnungen, ihre Konflikte mit der Sehnsucht nach Zärtlichkeit und Liebe machen die Unhaltbarkeit des Klischees nur zu deutlich.

III.

Und damit wäre ich beim letzten Punkt, und der 2. Hälfte des Begriffs – dem Feminismus – angekommen. Theoretisch beziehe ich mich – wie schon gesagt – auf den radikalen Feminismus; und dabei besonders auf die Analyse des Sexismus – als Gewaltverhältnis, das die patriarchalische Gesellschaft prägt.

Wir stehen als Frauen im Patriarchat unter diesem Gewaltmonopol, das völlig anders geartet ist, als der Zwang, dem sich Männer ausgesetzt sehen.

Wir können dieser Gewalt nicht ausweichen, sie durchzieht unseren Alltag – Männer können sich aber entscheiden, ob sie die Rolle des Herrschenden einnehmen wollen oder nicht.

Nich mehr: die patriarchalische Gewalt, die uns angetan wird, ist nicht allein eine Frage männlichen Willens. Sie setzt sich in Strukturen des Denkens, der Sprache, der Männerphantasien unterschwellig fort. Von dieser Gewalt können sich Frauen nur selbst befreien, in ihrem Alltag.

Sexismus ist darüberhinaus der Inbegriff des männlichen Überlegenheitsdünkels – und auf der Seite der Frauen: die anerzogene Überzeugung von der eigenen Minderwertigkeit. Sexismus bedeutet das Festmachen gesellschaftlicher Hierarchien am Geschlecht und in der Konsequenz: die Verstümmelung der Sexualität. Männlicher wie vor allem weiblicher.

Für Frauen bedeutet das:

  1. die Enteignung ihrer Gebärfähigkeit; was sich vom Verbot der Abtreibung – über die Aufrichtung der männlichen Domäne der Gynäkologie bis zur Kommerzialisierung in der Gentechnologie erstreckt.
  2. die Enteignung der sexuellen Lust – versinnbildlicht durch das patriarchalische Gegensatzpaar: Mama oder Hure und letztlich die Androhung der Vergewaltigung. Als positive Selbstverwirklichungsmöglichkeit müssen sich Frauen ihre Sexualität erst wieder zurückerobern. Dies wird noch dadurch erschwert, daß gerade an der Sexualität die gesellschaftliche Verachtung der Frau festgemacht ist. Als extremstem Ausdruck in der Pornographie, der Vergewaltigung und in abgeschwächter Form in der sexistischen Werbung. Damit tagtäglich konfrontiert, eingebunden in Systeme von subtiler Gewaltandrohung gegenüber allen selbstbestimmten Befreiungsversuchen – und sei es nur der nächtliche Spaziergang ohne Begleitung – entwickeln Frauen vor allem Vermeidungsstrategien; werden immer neu durch Rückzugsgefechte lahmgelegt, am Vorausschreiten verhindert. Ein ganzheitlicher Lebensentwurf ist für Frauen quasi unmöglich. Was eine Frau vorfindet – sind Rollenstereotype, mit denen sie sich identifizieren kann, aus denen sie sich aussuchen kann, auf was sie sich günstigen Falls reduzieren will.

Wir stehen auf der Suche nach einer authentischen, offenen Weiblichkeit immer noch ganz am Anfang – vorschnelle Festlegungen locken von allen Seiten. Jeder Schritt ist mit Widerhaken versehen.

Das Gleiche betrifft natürlich auch die männliche Sexualität. Ich denke – aber hier müssen sich die Männer selbst klar werden und äußern – daß bei deren gesellschaftlicher Bewertung nach wie vor die Potenzfähigkeit im Vordergrund steht. Eine Sexualität, die auf der Verfügbarkeit und damit Verachtung des weiblichen Sexualpartners ausgelebt wird, kann ebenfalls nicht glücklich machen.

Dennoch – die Lage der beiden Geschlechter unterscheidet sich darin grundsätzlich, daß Männer (Homosexuelle ausgenommen) zur Erlangung eines sozialen Status nicht ihre Sexualität unterdrücken müssen. Während Frauen der ständigen Gefahr ausgesetzt sind, über die Identifizierung mit ihrer Sexualität als minderwertig gebrandmarkt zu werden. Gegen die psychologische Wirkung von Männerwitzen hilft eben keine berufliche Qualifikation!

Die Beschreibung des Sexismus bleibt in solcher Kürze natürlich recht thesenhaft. Sie ist m.E. aber die wichtigste notwendige Erweiterung, die der Anarchismus von der feministischen Analyse aufnehmen muß. Denn der anarchistische Freiheitsbegriff, seine Analyse von Herrschaft umfaßt ja bereits ausdrücklich beide Geschlechter und bezieht in seine theoretischen Entwürfe (vgl. Murray Bookchin) auch eine Kritik am herrschenden Verhältnis zur Natur mit ein.

Die feministische Forderung nach der Befreiung der Frauen, der Beseitigung der patriarchalischen Herrschaft, ist für den Anarchismus also nichts Neues! Seine These ist allerdings auch, daß eine Situation immer nur konkret auch von den konkret Betroffenen verändert werden kann. Deshalb ist ihm der Feminismus nicht einfach einzuverleiben, sondern er muß eine autonome, kämpferische Bewegung von Frauen bleiben. Daß der Feminismus, wie er sich in seinen aktuellen Diskussionen in der BRD darstellt, mit seinen zahlreichen, gegensätzlichen Flügeln auch von sich aus schon niemals im Anarchismus aufgeht, liegt auf der Hand. Er bedarf der anarchafeministischen Kritik. Wie ich mir diese konkret vorstelle, möchte ich am Beispiel der Diskussion um die Quotierung abschließend deutlich machen.

Kritik an der Quotierung

Hören wir zunächst Mechthild Jansen, Quotierungskämpferin und Herausgeberin von »›Halbe-Halbe‹ – der Streit um die Quotierung, Berlin 1986«:

»Die Forderung nach Quotierung symbolisiert einen Bruch zur gesamten bisherigen Funktionszuweisung für Frauen in der kapitalistischen Gesellschaft und einen Gegendruck gegen die Abwälzung der Krisenlasten, gegen Ausbeutung und Gewalt überhaupt. Die »quotierte« Frau ist das Gegenbild zur »flexiblen« Frau, nach der die neokonservative Politik ruft, um mit ihr die gesamte Gesellschaft zur flexiblen Reserve für höhere Profite zu degradieren.« (S. 8)

Nun Elisabeth Kiderlen in ihrer am 4.12.87 in der taz dokumentierten Rede (anläßlich ihrer Entgegennahme des Elisabeth-Selbert-Preises von der Hessischen Landesregierung):

»Quotierung war ein erster Schritt. Jetzt gilt es, sie zu ergänzen. Sie meinte ja nichts anderes als die Forcierung von Chancengleichheit, das Eindringen in männliche Berufe, die Möglichkeit für Karrieren, den Einstieg in die Politik. Das bedeutet aber auch Anpassung der weiblichen Lebensläufe an die der Männer, …« und das möchte sie so geändert sehen:

»Bei der Bewältigung der Arbeitslosigkeit wird schon jetzt implizit vom klassischen Modell eines weiblichen Lebenslaufs ausgegangen: Ausbildung, Beruf, Pause, Neueinstieg, Weiterbildung, Teilzeit. … Das Modell müßte offensiv verfochten werden.«

Der Widerspruch ist offensichtlich: laut Frau Jansen bedeutet die Quotierung eine Strategie gegen die Flexibilisierung der Ware »weibliche Arbeitskraft« – Frau Kiderlen möchte jedoch die Perspektive nach der errungenen Quotierung in Richtung einer Flexibilisierung für alle, – nicht mehr nur für Frauen! Das von ihr skizzierte Modell der Teilzeitarbeit entspricht genau dem momentanen ökonomischen Konzept der Hausfrauisierung der Lohnarbeit.

Was bei beiden völlig untergeht, ist die Frage nach den Inhalten der Arbeit. Ist es überhaupt wünschenswert, daß sich Frauen »halbe/halbe« in die Organisation der Welt einbinden wie sie sich heute darstellt? Zum einen werden sich die 50% Männer kaum von ihrem eingefahrenen Trott abhalten lassen – haben sie doch dazu die ganze historische Macht der Institutionen auf ihrer Seite. Zudem fehlt völlig eine radikale Institutionenkritik – wenn Kritik geäußert wird, dann werden Institutionen lediglich als »männlich« charakterisiert; was auch immer das heißen soll!?

Zum anderen wird sich die Art der Arbeit nur dadurch, daß sie nun von Frauen getan wird, kaum ändern. Sie bekommt allerdings vielleicht einen freundlicheren kosmetischen Anstrich – wieder wird also die »alte Weiblichkeit« ausgebeutet, von der wir doch wegwollen.

So formuliert auch Anita Heiliger von der KOFRA (Kommunikationszentrum für Frauen zur Arbeitssituation) München:

»Was wir brauchen sind … zunächst unzählige Möglichkeiten für Frauen, ihre Fähigkeiten und Möglichkeiten selbst zu entwickeln und zu praktizieren, nach ihren Interessen – statt halbe/halbe an dem teilzuhaben, was Männer geschaffen haben – dabei aber keinen Raum zu haben, eigenes zu entwickeln.« (Heft 10/11, 1987, S. 8)

Was durch solche reformerischen Vorhaben wie die Quotierungsforderung also allenfalls erreicht wird, ist ein Abrücken von der Utopie. Die Situation der Frauen, ihre Ausgangsmöglichkeiten werden zwar verbessert – die Frauen selbst andererseits aber gerade auf die patriarchalischen Strukturen vereidigt, die verändert werden sollen.

Diese Gefahr liegt immer dort, wo Frauenpolitik nicht mehr den Rahmen des bestehenden überschreiten will, sondern nur noch auf ihren anerkannten Platz darin pocht.

 

Entnommen aus der Sonderausgabe Feminismus – Anarchismus des Schwarzen Fadens von 1988.