Maria Mies: Gesellschaftliche Ursprünge der geschlechtlichen Arbeitsteilung (1980)

1. Die Suche nach den Ursprüngen innerhalb einer feministischen Perspektive [1]

Seit den zwanziger Jahren, als Positivismus und Funktionalismus zu der beherrschenden Richtung in den westlichen Sozialwissenschaften wurden, ist die Frage nach dem Ursprung der ungleichen und hierarchischen Verhältnisse zwischen Menschen im allgemeinen und zwischen Männern und Frauen im besonderen tabu.

Erst jetzt wird diese Frage wieder erneut gestellt. Bezeichnenderweise jedoch nicht von Akademikern, sondern von Frauen, die aktiv an der Frauenbewegung teilnehmen. Was auch immer die Unterschiede zwischen den verschiedenen feministischen Gruppen und Strömungen sein mögen, sie sind vereint in ihrer Rebellion gegen das hierarchische Mann-Frau-Verhältnis. Dieses Verhältnis wird nicht mehr länger als biologisches Schicksal akzeptiert, sondern wird als etwas gesehen, was aufzuheben ist. Die Suche nach den gesellschaftlichen Ursprüngen dieser Herrschaftsbeziehung zwischen Männern und Frauen ist die notwendige Konsequenz der feministischen Rebellion. Für die Frauenbewegung ist aber die Frage nach den Anfängen keine akademische Frage sie ist vielmehr Teil der politischen Strategie der Frauenemanzipation. Sie wird gestellt, weil wir eingesehen haben, daß wir ohne Verständnis der Anfänge, der Entwicklung und der Mechanismen der Asymmetrie zwischen Frauen und Männern nicht in der Lage sein werden, sie aufzuheben.

Diese politische und strategische Motivation unterscheidet unsere Suche nach dem Ursprung der sozialen Ungleichheit zwischen den Geschlechtern von anderen Forschungsanstrengungen. Ihr Ziel ist nicht, eine neue Interpretation oder Erklärung für ein altes Problem zu finden, sondern es geht darum, es zu lösen.

2. Unser Problem mit der Begrifflichkeit

Als Frauen anfingen, nach den Ursprüngen der hierarchischen Beziehungen zwischen den Geschlechtern zu fragen, stellten sie bald fest, daß keine der Erklärungen, die seit längerem von der Wissenschaft vorgelegt wurden, ausreichend war. Denn alle Erklärungen sehen die soziale Asymmetrie und Hierarchie zwischen den Geschlechtern als in letzter Instanz biologisch determiniert, und das heißt unerreichbar für Prozesse sozialen Wandels.

Dieser verdeckte oder offene biologische Determinismus – zusammengefasst in Freuds Statement, daß Anatomie Schicksal sei – ist wahrscheinlich das größte Hindernis aus dem Weg zur Erkenntnis der Ursachen der ungleichen Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen.

Dieser verborgene biologistische Determinismus ist nicht nur bei Evolutionisten, Behavioristen, Positivisten, Funktionalisten und Strukturalisten anzutreffen, sondern teilweise auch bei Marxisten – zumindest dort, wo sie von Frauen reden. Das ist der Fall bei Engels, Lenin und selbst bei Marx. Solcherart biologistisch verzerrte Begriffe sind unter anderem die Begriffe „Natur“, „Arbeit“, „geschlechtliche Arbeitsteilung“, „Produktivität“, „Familie“.

Vor allem der Begriff „Natur“ ist immer wieder benutzt worden, um soziale Ungleichheit oder ausbeuterische Verhältnisse als naturgegeben darzustellen. Besonders Frauen müssen mißtrauisch werden, wenn ihr jeweiliger gesellschaftlicher Status durch „natürliche“ Faktoren wie: biologischer Zwang zur Mutterschaft, schwächere Konstitution usw. erklärt wird. Ihr Anteil an der Produktion des Lebens wird häufig als eine Funktion ihrer Physiologie, ihrer „Natur“ gesehen. Hausarbeit und Kindererziehung gelten dann als die „natürliche“ Konsequenz der Tatsache, daß Frauen einen Uterus haben und Kinder gebären können. Die Arbeit, die Frauen in diese Produktion des Lebens stecken, wird nicht als bewußte Interaktion eines Menschen mit der Natur interpretiert, sondern erscheint als ein Akt der Natur selbst, die Pflanzen und Tiere hervorbringt, ohne selbst Kontrolle über diese Prozesse zu haben. Diese Definition der weiblichen Interaktion mit der Natur als Akt der Natur hat weitreichende Konsequenzen.

Denn was sich im biologistisch verzerrten Naturbegriff verbirgt, ist ein Herrschaftsverhältnis, die Herrschaft des (männlichen) Menschen über die (weibliche) Natur. Dieses Herrschaftsverhältnis wird implizit auch in den anderen, oben erwähnten Begriffen mitgedacht, zum Beispiel im Begriff der Arbeit. Wegen der biologistischen Sicht der weiblichen Tätigkeit wird ihre Arbeit im Haushalt nicht als Arbeit definiert. Der Begriff der Arbeit wird meist benutzt in dem eingeschränkten Sinn für sogenannte »produktive Arbeit« unter kapitalistischen Verhältnissen, und das heißt Arbeit zur Produktion von Mehrwert. Obwohl auch Frauen solche Mehrwert produzierende Arbeit leisten, wird der Begriff Arbeit meist mit einem männlichen Vorzeichen versehen, weil Frauen im Kapitalismus typischerweise als Hausfrauen, das heißt als Nichtarbeiterinnen, definiert werden. Die Arbeitsinstrumente, die körperlichen Produktionsmittel, die bei diesem biologistisch und androzentristisch verzerrten Arbeitsbegriff mitgedacht werden, sind immer nur die Hand und der Kopf, nicht aber der Uterus oder die Brust der Frau. Wir sehen daran, daß nicht nur Männer und Frauen in ihrer Interaktion mit der Natur unterschiedlich definiert werden, sondern daß der menschliche Körper selbst in sogenannte wahrhaft »menschliche« (Kopf und Hand) und »natürliche«, das heißt »animalische« (Genitalia, Uterus, Brust) Teile aufgespalten ist. Diese Aufteilung ist nicht allein einem universalen Sexismus der Männer zuzuschreiben, sondern ist ein Ergebnis kapitalistischer Produktionsweise. Die kapitalistische Produktionsweise ist nur an den Teilen des menschlichen Körpers interessiert, die direkt als Arbeitsinstrumente zur Erzeugung von Mehrwert eingesetzt werden oder die eine Ergänzung der Maschine werden können.

Auch der Begriff der geschlechtlichen Arbeitsteilung ist biologistisch verzerrt. Oberflächlich betrachtet, meint dieser Begriff nichts anderes, als daß Männer und Frauen sich in die verschiedenen notwendigen Aufgaben in der gesellschaftlichen Produktion teilen. Der Begriff verschleiert die Tatsache, daß die männlichen Tätigkeiten als wirklich menschliche (das heißt bewußte, rationale, geplante) gelten, während die weiblichen wiederum hauptsächlich als durch ihre »Natur« bestimmt erscheinen. Weiterhin verdunkelt dieser Begriff daß zwischen männlicher (»menschlicher«) und weiblicher (»natürlicher«) Tätigkeit ein Herrschaftsverhältnis und letztlich ein Ausbeutungsverhältnis besteht. [2]

Doch wenn wir nach den Ursprüngen der geschlechtlichen Arbeitsteilung fragen, ist es wichtig, klarzumachen, daß dieses hierarchische und ausbeuterische Verhältnis gemeint ist und nicht eine einfache Verteilung von Aufgaben unter gleichwertigen Partnern.

3. Zur Vorgehensweise

Die Suche nach dem Ursprung der asymmetrischen geschlechtlichen Arbeitsteilung sollte nicht auf die Suche nach dem Moment in der Vorgeschichte oder Geschichte beschränkt werden, an dem sich »die welthistorische Niederlage des weiblichen Geschlechts« ereignete (Engels 1969). Obwohl das Studium der Primatologie, der Archäologie und der Vorgeschichte wichtig für unsere Fragestellung ist, kann es uns doch nur dann weiterhelfen, wenn wir einen neuen, nichtbiologistischen Begriff von Frauen und Männern und deren Verhältnis zu Natur und Geschichte entwickeln. Nach Roswitha Leukert ist »der Beginn menschlicher Geschichte … zuerst keineswegs das Problem der Setzung eines konkreten Termins, sondern zuerst das Problem eines materialistischen Begriffs von Mensch und Geschichte«. (Leukert 1976:18) Wenn wir diesem Ansatz folgen, können wir feststellen, daß die Etablierung ungleicher Verhältnisse zwischen Männern und Frauen keineswegs nur eine Sache der Vergangenheit ist, sondern sich unter unseren Augen weiter vollzieht. Wir können viel über die Entstehung der asymmetrischen geschlechtlichen Arbeitsteilung erfahren, wenn wir untersuchen, was mit Frauen in der Dritten Welt unter dem Einfluß der sogenannten neuen internationalen Arbeitsteilung geschieht. Unter dem Diktat der globalen Kapitalakkumulation arbeiten nicht nur Arbeiter, Bauern und Marginalisierte generell für den Weltmarkt, sondern es wird sowohl im Westen als auch in der Dritten Welt eine spezifisch sexistische Politik betrieben, um ganze Völker und Klassen unter kapitalistische Produktionsverhältnisse zu zwingen.

Aneignung der Natur durch Männer und Frauen

Nach einem materialistischen Begriff von Frauen und Männern und ihrer Geschichte suchen heißt nach ihrer menschlichen Natur suchen. Die menschliche Natur ist jedoch nichts biologisch Gegebenes, sie ist vielmehr das Resultat der Geschichte der Interaktion der Menschen mit der Natur und miteinander. Denn Menschen leben nicht einfach (Tiere leben), Menschen produzieren ihr Leben. Diese Produktion des Lebens hat zu allen Zeiten zumindest zwei Dimensionen: die Produktion der täglichen Lebensmittel, Nahrung, Kleidung usw. und die Produktion neuer Menschen. (MEW 3:28ff) Marx charakterisiert diese Produktion des Lebens später auch als einen Prozeß der Aneignung der Natur durch menschliche Arbeit: »Die Arbeit ist zunächst ein Prozeß zwischen Mensch und Natur, ein Prozeß, worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigne Tat vermittelt, regelt und kontrolliert. Er tritt dem Naturstoff selbst als eine Naturmacht gegenüber. Die seiner Leiblichkeit angehörigen Naturkräfte, Arme und Beine, Kopf und Hand, setzt er in Bewegung, um sich den Naturstoff in einer für sein eigenes Leben brauchbaren Form anzueignen.« (MEW 23:192) Durch die Aneignung von äußerem Naturstoff verändert er jedoch auch seine eigene Natur: »Indem er durch diese Bewegung auf die Natur außer ihm wirkt und sie verändert, verändert er zugleich seine eigne Natur. Er entwickelt die in ihr schlummernden Potenzen und unterwirft das Spiel ihrer Kräfte seiner eigenen Botmäßigkeit.« (MEW 23:192) An dieser Stelle wird verschiedenes deutlich: 1. »Aneignung der Natur« ist ein Charakteristikum aller menschlichen Geschichte, einschließlich der ersten primitiven Phasen. 2. Marx hat vor allem den männlichen Menschen im Kopf gehabt, der mit »Armen, Beinen, Kopf und Händen« auf die äußere Natur einwirkt. 3. »Aneignung der Natur« bedeutet für Marx an diesem Punkt bereits Herrschaft über die Natur. Damit hat er den Aneignungsbegriff, der in den Frühschriften noch im Sinne von »zu eigen machen«, »vermenschlichen von Natur« gebraucht wurde, auf ein Herrschaftsverhältnis reduziert. Ein solcher Aneignungsbegriff aber erweist sich für Frauen als problematisch.

Aneignung der eigenen Körperlichkeit

Nach Marx ist der Arbeitsprozeß in seiner elementaren Form bewußte Tätigkeit zur Erzeugung von Gebrauchswerten. Die Veränderung der äußeren und der eigenen Natur begleitet diesen Produktionsprozeß. Das heißt, auf Männer und Frauen bezogen, sie verändern nicht nur ihre Umwelt, sondern auch ihre Körper. Aneignung von Natur heißt dann Aneignung der eigenen Körperlichkeit oder: Vermenschlichung der eigenen Körperlichkeit.

Jede Produktion bedarf eines Produktionsmittels. Das erste – und letzte – Produktionsmittel, mit dem Menschen auf die Natur einwirken, ist ihr eigener Körper. Die Körper sind die ewige Voraussetzung aller weiteren Produktionsmittel. Aber die Körper sind nicht nur »Werkzeuge«, mit denen Menschen die äußere Natur bearbeiten, die Körper sind auch das Ziel dieser Arbeit – nämlich die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse. Menschen benützen ihre Körper nicht nur, um Gebrauchswerte zu erzeugen, sie leben auch durch ihre Körper, im weitesten Sinn, durch den Genuß ihrer Produkte.

Marx macht bei seiner Analyse des Arbeitsprozesses keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen. Er spricht vom Menschen als Gattungswesen. Für unsere Fragestellung ist es jedoch wichtig, festzustellen, daß Frauen und Männer mit qualitativ unterschiedlichen Körpern auf die Natur einwirken und sie sich aneignen. Diese Differenz zwischen Männern und Frauen in der Aneignung (oder Vermenschlichung) von Natur bildet den Ausgangspunkt für unsere Analyse der geschlechtlichen Arbeitsteilung.

4. Weiblicher und männlicher Gegenstandsbezug zur Natur

Der weibliche Gegenstandsbezug

Wir müssen zunächst den Unterschied zwischen einem menschlichen und einem tierischen Gegenstandsbezug hervorheben. Der menschliche Gegenstandsbezug ist Praxis, das heißt Aktion und Reflexion und erneute, reflektierte Aktion. Er beinhaltet nicht nur Geschichtlichkeit, sondern auch gesellschaftliche Kooperation. In diesem geschichtlich-gesellschaftlichen Gegenstandsbezug wird der eigene Körper nicht nur als erstes Arbeitsinstrument oder Produktionsmittel erfahren, sondern auch als erste Produktivkraft. Das heißt, der menschliche Körper wird als produktiv erfahren und angeeignet in dem Sinne, daß er Neues hervorbringen, die äußere und seine eigene Natur verändern kann. Im Gegensatz zu den Tieren ist also der menschliche Gegenstandsbezug zur Natur ein produktiver. [3] In der historischen Aneignung der Produktivität – oder der Produktivkräfte – des eigenen Körpers hat der Geschlechterunterschied zwischen Frauen und Männern weitreichende Konsequenzen gehabt. Was charakterisiert den weiblichen Gegenstandsbezug zur Natur – zu ihrer eigenen wie zur äußeren? Zunächst ist festzuhalten, daß Frauen ihren ganzen Körper als produktiv erfahren können, nicht nur ihre Hände oder ihren Kopf. Aus ihrem Körper produzieren sie neue Menschen und die erste Nahrung für diese Menschen. Es ist von entscheidender Bedeutung für unsere Fragestellung, daß der Zusammenhang zwischen Gebären und Nähren als echt menschliche, das heißt bewußte, historisch-gesellschaftliche Tätigkeit gesehen wird. Frauen haben sich die Fähigkeit, Kinder zu gebären und Milch zu produzieren, in der gleichen Weise angeeignet, wie die Männer sich ihre körperliche Natur angeeignet haben, nämlich in dem Sinn, daß ihre Hände und ihr Kopf durch Arbeit und Reflexion Fertigkeiten erlangten bei der Schaffung und Handhabung von Werkzeugen. Darum ist die Aktivität der Frauen beim Gebären und Nähren von Kinder als Arbeit zu interpretieren. Es ist eins der größten Hindernisse für die Frauenemanzipation, daß diese Aktivitäten als rein biologische Funktionen interpretiert werden, vergleichbar denen von anderen Säugetieren und daher außerhalb eigener, bewußter Steuerung. Diese Gleichsetzung der Produktivität des weiblichen Körpers mit animalischer Fruchtbarkeit ist jedoch ein Resultat patriarchalischer Arbeitsteilung, nicht aber ihre Voraussetzung. Frauen haben die Veränderungen ihres Körpers beobachtet und studiert und haben im Verlauf ihrer Geschichte einen reichen Schatz an Erfahrungswissen über die Produktivkräfte ihres Körpers, ihre Sexualität, den Zeitrhythmus der Menstruationen, über Schwangerschaft und Geburt erworben. Diese Aneignung ihrer Körperlichkeit ist eng verbunden mit dem Erwerb von Wissen über die Produktivkräfte der Natur, über Pflanzen und Tiere, Erde, Wasser und Luft.

Frauen haben also nicht ähnlich wie Kühe ihre Jungen zur Welt gebracht, sondern sie haben sich diese Fähigkeit zu eigen gemacht, das heißt vermenschlicht. Sie haben über frühere Erfahrungen reflektiert, daraus gelernt und sie ihren Schwestern und Töchtern weitervermittelt. Das heißt, sie waren den generativen Kräften ihres Körpers nicht blind ausgeliefert, sondern waren in der Lage, sie zu beeinflussen, einschließlich der Zahl der Kinder, die sie haben wollten.

Wir verfügen über genügend historische Beispiele, die belegen, daß Frauen in vorzivilisatorischen Gesellschaften es besser verstanden, die Zahl ihrer Geburten und Kinder zu regulieren, als die modernen Frauen, die dieses Wissen als Folge ihrer Unterwerfung unter den männlichen Zivilisationsprozeß verloren haben.

Unter Sammlern und Jägern und anderen primitiven Gruppen gab und gibt es verschiedene Methoden, die Zahl der Geburten und Kinder zu beschränken. Die früheste war wahrscheinlich der Infantizid, der von Eskimos, den Bewohnern der Kalahari und ozeanischen und australischen Stämmen praktiziert wurde. Frauen halfen Frauen bei der Geburt, Männer waren meist ausgeschlossen. Bei den Kimberley Aborigines in Australien entschied die Mutter darüber, ob ein Kind leben sollte oder nicht. (Vgl. Fisher 1979: 202) Unter patriarchalischen Verhältnissen bestimmt jedoch der Vater über Leben und Tod eines Kindes, vor allem der Mädchen. In Indien und China existierte der weibliche Infantizid bis in unsere Tage.

Abtreibung und Empfängnisverhütung waren andere Methoden der Geburtenkontrolle, die von vielen primitiven Völkern praktiziert wurden. Dabei benutzten die Frauen verschiedene Pflanzen zur Empfängnisverhütung oder zur Beendigung einer Schwangerschaft, die die Ute-Indianer, die Lithospermi benutzten. (Fisher 1979: 203) Die Bororo in Brasilien kannten eine Pflanze, die sie zeitweilig steril machte. Die Missionare überredeten die Frauen, diese Pflanze nicht mehr zu benutzen. (Fisher 1979: 203f) Elisabeth Fisher berichtet über ähnliche Beispiele aus Australien, Ozeanien und dem frühen Ägypten, wo vor 3800 und 3500 Jahren Methoden der Empfängnisverhütung praktiziert wurden, deren Prinzipien heute noch angewandt werden, zum Beispiel den Gebrauch von vaginalen Schwämmen, die, in Honig getaucht, die Beweglichkeit der Spermien bremsten, oder die Anwendung von Akazienspitzen, die eine Säure enthalten, die die Spermien tötet. (Fisher 1979:205)

Eine andere, auch heute noch weitverbreitete Methode der Geburtenkontrolle unter primitiven Sammler- und Jägerstämmen ist die verlängerte Stillzeit. Robert M. May berichtet über Forschungen, die nachweisen, daß in fast allen primitiven Sammler- und Jägergesellschaften die Fruchtbarkeit [4] niedriger ist als in fast allen gegenwärtigen zivilisierten Gesellschaften. Durch lange Stillzeiten wird die Ovulation unterdrückt, und die Folge sind lange Intervalle zwischen den Geburten. Außerdem wurde im Gegensatz zu zivilisierten Völkern ein viel späteres Einsetzen der Pubertät beobachtet. (May 1978:491) May kritisiert auf Grund dieser Fakten zwar die Ansicht, daß das ausbalancierte Bevölkerungswachstum – wie es unter früheren Völkern existierte – die Folge eines brutalen Überlebens- und Ausmerzungskampfes sei, aber auch er schreibt diese Tatsache „kulturellen Praktiken zu, die unbewußt dazu beitragen, die Fruchtbarkeit zu verringern“ (May 1978:491 [5]). Daß diese Praktiken eine bewußte kulturelle Leistung der Frauen sein könnten, erscheint ihm nicht als Möglichkeit.

Die Produktion neuen Lebens, von neuen Frauen und Männern, ist eng verbunden mit der Produktion der Lebensmittel für dieses Leben. Mütter, die Kinder gebären und stillen, sind auch darauf verwiesen, Nahrung für sich und diese Kinder zu beschaffen. Die Aneignung ihrer körperlichen Fähigkeiten, Kinder und Milch zu produzieren, macht sie auch zu den ersten Beschafferinnen der täglichen Dauernahung. Die erste Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern, nämlich die zwischen der Sammlertätigkeit der Frauen und der sporadischen Jagd der Männer, hat wohl ihren Grund in der Tatsache, daß Frauen notwendigerweise die Verantwortung für ihre eigene und die Subsistenz ihrer kleinen Kinder hatten. Das Sammeln von Dauernahrung: Pflanzen, Körnern, Wurzeln, Nüssen, kleinen Tieren, Fischen, usw., war darum von Anfang an eine gesellschaftliche Aktivität.

Die Notwendigkeit der täglichen Nahrungsbeschaffung für sich und ihre Kinder führte dazu, daß Frauen im Laufe der Geschichte einen reichen Schatz an Wissen über Pflanzen, die Erde, das Wasser, die Jahreszeiten erwarben. Diese über Jahrtausende angesammelte Erfahrung führte schließlich zur Erfindung des regelmäßigen Anbaus von Pflanzen. Nach Gordon Childe fand diese Erfindung in der Neusteinzeit statt, und zwar hauptsächlich in Eurasien, wo erstmalig wilde Getreidearten angepflanzt wurden. Er und viele andere Wissenschaftler schreiben diese Erfindung samt den dazu benutzten Werkzeugen den Frauen zu. (Childe 1976, Reed 1975, Thomson 1960, Borneman 1975, Chattopadhyaya 1973, Ehrenfels 1941, Boulding 1977, Briffault 1952)

Die Produktion von neuem Leben und von Nahrung ist nicht nur eine bewußte, menschliche Aktivität, sondern auch gesellschaftliche Produktion. Im Gegensatz zu den erwachsenen Männern, die für sich alleine sammeln und jagen konnten, waren die Frauen darauf verwiesen, Nahrung für sich und ihre Kinder zu beschaffen. Das heißt, daß ihr Gegenstandsbezug zur Natur ein sozialer war. Sie waren nicht nur die Erfinderinnen der ersten produktiven Wirtschaft, nämlich des Ackerbaus, sondern auch die Erfinderinnen der ersten sozialen Beziehungen, der Beziehungen zwischen Müttern und Kindern. Diese Beziehung ist immer wieder in biologistischer Sicht als „Mutterinstinkt“ interpretiert worden. Alle faschistischen Ideologien mystifizieren die Mutter-Kind-Beziehung als instinktbedingt und verweisen damit die Frauen ins (beherrschbare) Reich der Natur.

Viele Wissenschaftler sind zu dem Schluß gekommen, daß die Mütter-Kinder-Gruppen die ersten Zellen der Gesellschaft waren, daß Frauen und Kinder beim Sammeln und im frühen Hackbau zusammenarbeiteten. Diese Autoren sind der Ansicht, daß erwachsene Männer nur temporär und peripher in diese frühen matristischen [6] Gruppen integriert waren. (Thomson 1960, Briffault 1952, Reed 1975, Fisher 1979) Martin und Voorhies sind der Meinung, daß diese matrizentrischen Gruppen mit einer vegetarischen Phase der Evolution der Hominiden zusammenfallen. „Erwachsene Männer hatten keine permanente Bindung an diese Mutter-Kind-Einheiten, außer an die ihrer Geburt.“ (Martin und Voorhies 1975:175) Die Produktivkräfte, die in diesen Zellen entwickelt wurden, waren nicht nur technologischer Art, sondern waren vor allem auch menschliche Kooperationsfähigkeit, der Sinn für die „Planung für morgen“, die Fähigkeit, voneinander und aus früheren Erfahrungen zu lernen, die Entwicklung von Verantwortlichkeit füreinander.

Wir können den Gegenstandsbezug der Frauen nun wie folgt zusammenfassen:

a) Ihre Interaktion mit der Natur ist ein reziproker Prozeß. Sie verstehen ihren eigenen Körper als produktiv, wie sie die Natur auch als produktiv verstehen und nicht nur als Material für ihre Produktion.

b) Obwohl sie sich die Natur aneignen, führt diese Aneignung doch nicht zu Eigentums- und Herrschaftsbeziehungen. Sie verstehen sich weder als Eigentümerinnen ihrer Körper noch der Natur, sondern kooperieren vielmehr mit den Produktivkräften ihrer Körper und der Natur zur Produktion des Lebens.

c) Als Produzentinnen neuen Lebens werden sie auch die Erfinderinnen der ersten Produktionswirtschaft. Ihre Produktion ist von Anfang an soziale Produktion und beinhaltet die Schaffung sozialer Beziehungen, das heißt die Schaffung von Gesellschaft.

Der weibliche Gegenstandsbezug zur Natur, wie er sich im Verlauf ihrer Geschichte herausgebildet hat und wie er materiell immer gegeben ist, wurde unter der Einwirkung des patriarchalischen Zivilisationsprozesses verändert, so daß die meisten Frauen heute das Bewußtsein ihrer eigenen Produktivität, die nach wie vor besteht, verloren haben.

Der männliche Gegenstandsbezug

Ähnlich wie der weibliche Gegenstandsbezug zur Natur hat der der Männer eine materiell-körperliche und eine historische Dimension. Die körperliche Seite dieses Gegenstandsbezugs bedeutet, daß die Männer sich die Natur durch einen qualitativ anderen Körper zu eigen machen als die Frauen. Männer können ihren eigenen Körper nicht in der gleichen Weise als produktiv verstehen wie Frauen, da sie nichts Neues aus ihrem Körper hervorbringen.

Männliche Produktivität kann daher nicht ohne die Vermittlung äußerer Instrumente oder Werkzeuge erscheinen. Der Beitrag der Männer zur Produktion des Lebens, obwohl notwendigerweise vorhanden, konnte daher erst im Verlauf eines langen historischen Prozesses der Einwirkung auf die äußere Natur sichtbar werden. Der Begriff, den Männer von ihrer eigenen Körperlichkeit haben, ist ein Resultat des Reflexionsprozesses ihrer instrumentellen Einwirkung auf die äußere Natur. Daher sind die Begriffe, mit denen Männer über ihren eigenen Körper reflektieren, oft Analogien ihrer Interaktion mit der äußeren Natur und der Werkzeuge, die sie bei ihrem Arbeitsprozeß verwenden. Männliches Selbstbewußtsein, das heißt Bewußtsein ihrer Menschlichkeit, ist darum eng damit verknüpft mit der Erfindung und Kontrolle von Technologie. Ohne Werkzeuge ist der Mann kein Mensch. Das ist der Grund, warum sein Verhältnis zur Natur, zu seiner eigenen wie zur äußeren, die Tendenz zeigt, zu einem instrumentellen Verhältnis zu werden. Für Männer liegt es näher, die Natur als etwas außerhalb ihrer selbst zu verstehen und zu vergessen, daß sie selbst Teil der Natur sind, als für Frauen, die immer sichtbar an diese Tatsache erinnert werden. Die Vorstellung, daß der Mensch im Gegensatz zu den Tieren, vor allem ein „tool-making animal“ (Franklin) sei, entspringt diesem Denken.

Dieser instrumentelle Gegenstandsbezug zur äußeren Naur findet auch Ausdruck in den Symbolen, mit denen Männer in verschiedenen historischen Epochen ihre eigenen Körperorgane beschreiben. Das erste männliche Organ, das Prominenz als Symbol männlicher Produktivkraft erlangte, war nicht die Hand, sondern der Phallus. Das geschah wahrscheinlich, als der Pflug – als männliches Werkzeug – den Grabstock und die Hacke der frühen weiblichen Hackbaukulturen verdrängte. In mehreren indischen Sprachen gibt es eine enge Analogie zwischen „Pflug“ und „Penis“, und im bengalischen Slang heißt der Penis einfach yantra (das Werkzeug). Diese Symbolik drückt natürlich nicht nur ein instrumentelles Verhältnis zur äußeren und eigenen Natur aus, sondern auch zu den Frauen. Der Penis ist das Werkzeug, der Pflug, das „Ding“, mit dem die Frauen „bearbeitet“ werden. Darum wird auch die Frau als Erde, ihre Vagina als Furche gesehen, in die der Mann seinen Samen sät. [7] Diese Analogie macht deutlich, daß den Frauen bereits eine eigene menschliche Produktivität abgesprochen wird. Sie werden bereits als Teil der äußeren Natur gesehen, die vom Mann bearbeitet werden muß.

Viele Analogien zwischen (männlichen) Werkzeugen und ihren Körperorganen, vor allem ihren Genitalien, drücken jedoch bereits einen Gegenstandsbezug aus, der durch Herrschaft charakterisiert ist. Ehe Männer jedoch eine Herrschaftsbeziehung zur Natur, zu den Frauen und zu ihrem eigenen Körper etablieren konnten, mußten sie eine Produktivität entwickeln, die, zumindest scheinbar, unabhängig war von weiblicher Produktivität. [8]

5. Weibliche Produktivität, die Voraussetzung männlicher Produktivität

Das Mensch-als-Jäger-Modell

Nach dem Vorausgegangenen können wir nun für die weitere Analyse der Entstehung einer asymmetrischen Arbeitsteilung zwischen Frauen und Männern mit Roswitha Leukert folgende Hypothese formulieren: „Matristische Gesellschaften sind nicht nur notwendigerweise der Beginn der Geschichte, sondern matristische (weibliche) Produktivität ist notwendigerweise die Vorbedingung aller weiteren welt-historischen Entwicklung bis hin zur heutigen Zeit.“ (Leukert 1976:53)

Diese Aussage hat sowohl analytische als auch empirisch-historische Bedeutung. Die analytische Bedeutung besteht darin, daß Frauen zu allen Zeiten die Produzentinnen neuer Frauen und Männer sind und daß ohne diese Produktion alle anderen Produktionen und Entwicklungen hinfällig wären. [9]

Wichtiger für unsere Fragestellung ist jedoch zunächst die empirisch-historische Bedeutung obiger Hypothese, auf die ich im folgenden eingehen werde.

Die erste Form der geschlechtlichen Arbeitsteilung, die wir historisch vorfinden, ist die zwischen Frauen, die hauptsächlich sammeln und später Hackbau betreiben, und Männern, die sich weitgehend auf die Jagd spezialisieren. Diese Arbeitsteilung konnte nur auf der Grundlager entwickelter weiblicher Produktivität entstehen. Sie bestand darin, daß Frauen als Sammlerinnen oder Hackbäuerinnen in der Lage waren, die täglichen Lebensmittel nicht nur für sich selbst, sondern auch für die Horde oder den Clan zu sichern. Sie waren die „Ernährerinnen“ nicht nur ihrer Kinder, sondern weitgehend auch der Männer, die ja nicht immer Glück auf ihren Jagdexpeditionen hatten.

Es ist inzwischen schlüssig nachgewiesen worden, vor allem durch den kritischen Blick feministischer Wissenschaftlerinnen, daß das Überleben der Menschheit weit mehr der Frau als Sammlerin als dem Mann als Jäger zu verdanken ist, wie uns die meisten neodarwinistischen Theorien weismachen wollen. Unter noch existierenden Jägern und Sammlern schaffen die Frauen bis zu 80% der täglichen Nahrung herbei, während die Männer nur einen geringen Anteil durch Jagen beisteuern. (Lee and De Vore 1976, zitiert bei Fisher 1979:48) Martin und Voorhies haben durch eine Sekundäranalyse eines Samples von Jägern und Sammlern aus dem ethnographischen Atlas von Murdock nachgewiesen, daß 58% der Subsistenz dieser Gesellschaften durch Sammeln und nur 25% durch die Jagd, der Rest durch Sammeln und Jagen beschafft wurde. (Martin und Voorhies 1975:181) Ähnlich berichtet Jane Goodale über die Tiwi-Frauen in Australien, die sowohl Sammlerinnen als auch Jägerinnen von kleinen Tieren sind. 50% ihrer Nahrung erwarben sie durch Sammeln, 30% durch Jagen und 20% durch Fischen. Sie schreibt: „Die Frauen konnten nicht nur  den größten Teil des täglichen Bedarfs an verschiedenen Nahrungsmitteln für die Mitglieder des Camps herbeischaffen, sondern taten dies auch tatsächlich … Die Jagd der Männer verlangte besondere Geschicklichkeit und Stärke, aber die Vögel, Fledermäuse, Fische, Krokodile, Dugongs, Schildkröten, die sie zum Haushalt beisteuerten, waren eher Luxusartikel als Dauernahrungsmittel.“ (Goodale 1971:169)

Diese Beispiele machen deutlich, daß unter noch existierenden primitiven Völkern die Jagd keineswegs die ökonomische Bedeutung hatte und hat, die ihr weitgehend zugeschrieben wird, und daß die Frauen den größten Teil der Subsistenzmittel der Gruppen herbeischafften. In der Tat sind alle Jäger von großen Tieren auf die Dauernahrung angewiesen, die durch die Frauen beschafft wird, wenn sie auf eine Jagdexpedition gehen. Das ist der Grund, warum die alten Irokesen-Frauen ein Mitspracherecht bei Entscheidungen über Jagdexpeditionen und Kriegszüge hatten. Wenn sie es ablehnten, den Männern Proviant auf diese Expeditionen mitzugeben, dann mußte die Jagd oder der Krieg abgeblasen werden. (Leacock 1978:253, Brown 1970)

Elisabeth Fisher gibt nicht nur weitere Beispiele noch existierender Sammler- und Jägervölker, bei denen die Frauen den Hauptanteil der täglichen Nahrung durch Sammeln besorgen, vor allem in den gemäßigten und südlichen Zonen, sondern vertritt auch die These, daß das Sammeln von vegetativer Nahrung für unsere Vorfahren eine wichtigere Rolle spielte als die Jagd. Aus dem Studium von Koprolithen – fossilen Exkrementen – hat man geschlossen, daß die Nahrung von Gruppen, die vor 200 000 Jahren an der französischen Riviera lebten, hauptsächlich aus Muscheln, Austern und Körnern bestand, nicht aber aus Fleisch. Zwölftausend Jahre alte Koprolithen aus Mexiko weisen darauf hin, daß Hirse die Hauptnahrung war. (Fisher 1979:57f) Diese Beispiele machen deutlich – wenn es nicht der gesunde Menschenverstand schon tut –, daß die Menschheit wohl nicht überlebt hätte, wenn die Produktivität der Jäger die Basis für die tägliche Subsistenz der frühesten menschlichen Gesellschaften gewesen wäre.

Trotzdem verbreiten popularwissenschaftliche Bücher und Filme, aber auch renommierte Wissenschaftler weiterhin die Ansicht, daß der Mann als Jäger der große Kulturbringer der Menschheit gewesen sei. In der Nachfolge von Raymond Dart, der 1925 behauptete, daß die ersten Hominiden vor einer Million Jahren ihre ersten Werkzeuge aus den Knochen erschlagener Artgenossen gemacht hätten (vgl. Fisher 1979:49f.), vertreten neoevolutionistische Anthropologen und Verhaltensforscher wie Konrad Lorenz (1963), Robert Ardrey (1966, 1976), Lionel Tiger und Robin Fox (1976) die Hypothese, daß die Jagd der Motor der menschlichen Entwicklung sei und daß die heutigen Herrschaftsverhältnisse zwischen Frauen und Männern aus der „Biogrammatik“ (Tiger und Fox 1976) der steinzeitlichen Jäger hervorgegangen sein. Nach dieser Hypothese ist der (männliche) Jäger nicht nur der Erfinder der ersten Werkzeuge (sprich Waffen) , sondern auch des aufrechten Ganges, weil er die Hände frei haben mußte fürs Werfen und Schießen. Er ist auch der Ernährer, Beschützer und Herr der schwachen und abhängigen Frauen und Kinder. Darüber hinaus ist er der Sozialingenieur, der Erfinder gesellschaftlicher Normen und hierarchischer Systeme, die vor allem das eine Ziel haben, die biologisch programmierte Aggressivität der Männer im Kampf um die Weibchen einzudämmen.

Tiger und Fox beschreiben diese Verhältnisse bei den Primaten folgendermaßen: „Das Primatenmännchen strebt danach, in die Spitze der männlichen Hierarchie aufzusteigen, um sich dadurch die Weibchen zum Zwecke der sexuellen Befriedigung untertan zu machen … Das Streben des menschlichen Primaten, das scheinbar nur geringfügige, aber in Wahrheit tiefgreifende Unterschiede aufweist, geht dahin, an die Spitze der männlichen Hierarchie zu gelangen, um die Kontrolle über die weiblichen Mitglieder seiner eigenen Gruppe zu gewinnen, damit er sie gegen die Frauen einer anderen Gruppe austauschen kann. (Hervorhebung: Tiger und Fox) Auf diese Weise verschafft er sich sexuelle Befriedigung und politische Vorteile.“ (Tiger und Fox 1976)

Die „Kulturleistung“ dieser menschlichen Jägerprimaten besteht also darin, daß sie von der Vergewaltigung und Unterwerfung der Frauen zum Frauentausch „emporstiegen“. Für Tiger und Fox ist die asymmetrische Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen bereits eine ausgemachte Sache bei den Primaten und biogrammatisch vorgegeben: Die Männer als Beschaffer von Fleischnahrung, die von den Sammlerinnen begehrt wurde, waren in der Lage, sich die Frauen permanent als Sexualobjekte und Arbeitsbienen zu unterwerfen. Die Gruppenjagd führte darüber hinaus zum Prinzip der „männlichen Bindung“, das die Männer angeblich befähigte, komplexere Gemeinwesen, Stämme, Staaten, usw. aufzubauen.

Feministische Wissenschaftlerinnen haben auf Grund eigener und anderer neuerer Forschungen diese Hypothes vom Primat der Jagd widerlegt, samt den Thesen über die Überlegenheit der Fleischnahrung, des männlichen Bindungsprinzips usw. Sie haben das Modell des Menschen als Jäger als sexistische, kapitalistische und imperialistische Projektion heutiger Verhältnisse in die Vorzeit entlarvt. Die ideologische Funktion dieser Projektionen ist die Legitimierung bestehender Herrschaftsverhältnisse zwischen Frauen und Männern, unterworfenen Klassen und Völkern und ihren Beherrschern und Ausbeutern als universal, zeitlos und naturgegeben.

Wenn wir auch heute in der Lage sind nachzuweisen, daß die „Großen Jäger“ nicht einmal selbst überlebt hätten, wären sie nicht durch die tägliche Subsistenzproduktion der sammelnden Frauen erhalten worden, so bleibt doch die Frage, warum die überlegene Produktivität der Frauen als Sammlerinnen und frühe Ackerbäuerinnen nicht in der Lage war, das Entstehen einer hierarchischen und ausbeuterischen Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern zu verhindern. Um diese Frage zu beantworten, müssen wir die verschiedenen Werkzeuge ansehen, die von Frauen und Männern erfunden und benutzt wurden.

Werkzeuge der Männer, Werkzeuge der Frauen

Die Mensch-als-Jäger-Hypothese ist mit der Mensch-als-Werkzeugmacher-Hypothese verknüpft. Werkzeuge sind im Licht diese Hypothese vor allem Waffen, Tötungswerkzeuge. Die frühesten erhaltenen Werkzeuge, die wir kennen, die Steinbeile, Schaber, Faustkeile usw., haben jedoch keinen eindeutigen Charakter. Die können benutzt werden, um Nüsse, Körner, Pflanzen aufzuschlagen und zu zermahlen, um Wurzeln auszugraben, abszuschaben, zu zerkleinern, sie können auch benutzt werden, um Tiere zu töten. Wir können annehmen, daß sie von Frauen und Männern für beide Zwecke benutzt wurden. Die Erfindung von Werkzeugen, die jedoch nur für die Jagd benutzt werden konnten, die Erfindung von Wurfspießen, von Pfeil und Bogen deutet darauf hin, daß das Töten von Tieren zu einer wichtigen Spezialisierung für einen Teil der Gesellschaft geworden war. Die Vertreter der Jäger-Hypothese sind der Meinung, daß die ersten Werkzeuge von Männern erfunden wurden. Die Erfindungen der Frauen bei der Sammlertätigkeit – einschließlich des Fischens, Fallenstellens usw. – und beim frühen Ackerbau übersehen sie. Dabei ist wahrscheinlich, daß die ersten Werkzeuge Behälter waren, um Nahrung aufzusammeln und aufzuheben: Körbe, Behälter aus Blättern, Rinden und später Krüge. Grabstock und Hacke waren weitere weibliche Erfindungen. Wichtig ist, daß alle Werkzeuge der Frauen Produktionsmittel im eigentlichen Sinne waren, das heißt, sie wurden benutzt, um etwas Neues zu produzieren und das Produzierte zu transportieren und aufzubewahren. Die Jagdinstrumente jedoch, die Waffen, sind nicht eigentliche Produktionsmittel. Sie können für keinen anderen Zweck benutzt werden als zum Töten. Pfeil und Bogen und Speere sind daher eigentlich Destruktionsmittel. Ihre Bedeutung liegt in der Tatsache, daß sie benutzt werden können, um Tiere zu töten, aber auch um Menschen zu töten. Es ist diese Ambivalenz der Jagdinstrumente, die entscheidend wurde für die weitere Entwicklung ungleicher und ausbeuterischer gesellschaftlicher Verhältnisse und einer asymmetrischen Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen, und nicht die Tatsache, daß die Jäger durch die Beschaffung von proteinreicher Fleischnahrung einen höheren Rang in der Gesellschaft erwarben. Die Bedeutung der Jagd lag nicht in ihrem ökonomischen Beitrag als solchem, sondern in dem spezifischen Gegenstandsbezug zur Natur, der sich durch Waffen herstellen läßt. Die Merkmale dieses Gegenstandsbezugs sind folgende:

a) Waffen sind nicht Instrumente, um Leben zu vermehren oder zu erhalten, sondern um Leben zu zerstören. Sie können darum stets auch als äußerste Zwangsmittel gegen Menschen benutzt werden.

b) Das gibt den Jägern eine Macht über lebende Wesen, Tiere und Menschen, die nicht aus ihrer eigenen produktiven Tätigkeit erwächst. Jäger können sich nicht nur, wie die Sammlerinnen, Pflanzen und Tiere aneignen, die sie in der Natur vorfinden, sondern sie können sich auch mit Hilfe der Waffen andere Produzenten und Produzentinnen aneignen und unterwerfen.

c) Der Gegenstandsbezug, der durch Waffen vermittelt wird, ist darum im Grunde genommen ein beutemachender oder ausbeuterischer [10], das heißt, mit Hilfe von Waffen kann Leben angeeignet und unterworfen, aber nicht produziert werden. Alle späteren Ausbeutungsverhältnisse zwischen Produktion und Aneignung könnten ohne Waffen als Zwangsmittel nicht aufrechterhalten werden.

d) Der durch Waffen vermittelte Gegenstandsbezug ermöglicht ein Herrschaftsverhältnis zwischen Jäger und Natur und steht im Gegensatz zum kooperativen Prinzip der Sammlerinnen. Dieses Herrschaftsverhältnis wurde schließlich ein integraler Bestandteil aller späteren Produktionsverhältnisse, die durch Männer errichtet wurden. Ohne Herrschaft über Natur und Menschen konnten Männer keine produktiven Systeme aufbauen und sich selbst nicht als produktiv verstehen.

e) Die „Aneignung von Naturstoff zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse“ (Marx) wird mit Hilfe von Waffen ein Prozeß einseitiger Aneignung und führt schließlich zum Aufbau von Eigentumsverhältnissen, nicht aber zu einer „Vermenschlichung“ von Naturstoff.

f) Da die Jäger nicht nur Tiere jagen, sondern auch die Camps oder Dörfer anderer Gruppen überfallen konnten, konnten sie auch unbewaffnete Frauen und Kinder rauben und sich als Beute aneignen. Vieles deutet darauf hin, daß nicht irgendein ökonomischer Überschuß in der Form von Vieh oder Nahrung die erste Form des Privateigentums darstellte, sondern weibliche Sklaven, die geraubt worden waren. (Meillassoux 1975, Borneman 1975)

An dieser Stelle ist es wichtig, darauf hinzuweisen, daß nicht die Jagdtechnologie als solche schon ein Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnis zwischen Mensch und Natur, Mensch und Mensch herstellt. Neuere Studien über noch lebende Jägervölker haben gezeigt, daß primitive Jäger keineswegs ein aggressives und dominierendes Verhältnis zu den Tieren haben. Die Pygmäen zum Beispiel sind nach den Untersuchungen Colin Turnbulls (1961) ein äußerst friedliches Volk, das weder Krieg noch Streit, noch Zauberei kannte. Auch ihre Jagd war nicht eine aggressive Angelegenheit, sondern war von Gefühlen des Bedauerns und des Mitleids mit den Tieren, die sie töten mußten, begleitet. (Vgl. Fisher 1979:53)

Das bedeutet, daß die Jagdtechnologie nur die Möglichkeit beinhaltete, Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse aufzubauen. Solange die Jäger in ihrem begrenzten sozialen Kontext blieben, konnten sie diese Möglichkeit nicht realisieren. Ihr ökonomischer Beitrag war nicht ausreichend, sie blieben von der Subsistenzproduktion ihrer Frauen abhängig. Es mag Ungleichheit zwischen Frauen und Männern gegeben haben, aber die Jäger waren nicht in der Lage, ein ausgebildetes Herrschaftssystem zu errichten. Die „Produktivkräfte“ [11] dieser beutemachenden Produktionsweise konnten erst auf der Grundlage anderer entwickelter Produktionsökonomien zu ihrer vollen Entfaltung kommen, vor allem des weitgehend von Frauen betriebenen Ackerbaus und der Hirtenkulturen.

Nach Ansicht vieler Wissenschaftler fand die permanente Unterwerfung der Frauen unter die Männer erst unter den kriegerischen Hirtennomaden statt, die von der Bewirtschaftung von Vieh und vom Einfall in fremde Gebiete lebten. Elisabeth Fisher ist der Ansicht, daß die Männer erst durch die Züchtung von Tieren – deren reproduktives Verhalten sie schon als Jäger kennengelernt hatten – ihre eigenen reproduktiven Funktionen entdeckten. Sie entdeckten, daß ein Bulle viele Kühe befruchten konnte, und diese Erkenntnis führte zur Ausmerzung und Kastration schwacher männlicher Tiere. Der Zuchtbulle aber mußte dann zu den Zeiten, die die Hirten für geeignet hielten, die Herde befruchten. Die weiblichen Tiere wurden dem gleichen Zwang unterworfen. Das heißt, die freie Sexualität der Tiere in der Wildnis wurde nun einer Zwangsbewirtschaftung unterworfen zum Ziel der Erzeugung von Nachwuchs. Es ist einsehbar, daß Haremshaltung, Raub und Vergewaltigung von Frauen, die Errichtung patriarchaler Abstammungs- und Erbfolgelinien, die Bewirtschaftung von Frauen als Teil des beweglichen Eigentums die Folge dieser neuen Wirtschaftsweise war. Sie war jedoch durch zwei Elemente ermöglicht worden: durch den Waffenbesitz der Männer, der die Herrschaft über Tiere und Menschen ermöglichte, und durch die lange Beobachtung des reproduktiven Verhaltens der Tiere. Indem die Männer das sexuelle und reproduktive Verhalten der Tiere veränderten und ihren Interessen unterwarfen, entdeckten sie ihre eigene Zeugungsfähigkeit. Dadurch veränderte sich auch die geschlechtliche Arbeitsteilung. Für die Hirten sind Frauen nicht als Arbeiterinnen und Produzentinnen von Nahrung interessant, sondern als Gebärerinnen von Kindern, vor allem von Söhnen. Ihre Sexualität und Fruchtbarkeit wurde daher der gleichen Zwangsbewirtschaftung unterworfen wie die der Tiere. Das heißt, ihre Produktivität wurde durch die Männer angeeignet. (Vgl. Fisher 1979:248ff)

Im Gegensatz zur Jagd war die Wirtschaft der Hirtennomaden eine Produktionswirtschaft. Doch ist klar, daß diese Wirtschaftsweise ohne Zwangsmittel, ohne Eroberung neuer Weideplätze, ohne Herrschaft der Patriarchen über die Tiere und die Frauen nicht möglich gewesen wäre. Es ist darum wahrscheinlich richtig, die Hirtennomaden als die Väter aller Herrschaft, besonders der der Männer über die Frauen, zu bezeichnen. Doch gibt es viele Hinweise darauf, daß auch unter Ackerbauern ausbeuterische Verhältnisse zwischen Frauen und Männern errichtet wurden, und zwar nicht erst unter der Pflugwirtschaft, wie Esther Boserup (1970) annimmt, sondern auch schon unter den Hackebauern Afrikas, wo die Feldarbeit bis in unsere Tage hauptsächlich von den Frauen besorgt wird. Meillassoux (1975a) weist darauf hin, daß besonders die alten Männer in diesen „économies domestiques“ in der Lage waren, ihre eigene Herrschaft über jüngere Männer und Frauen aufzubauen, weil sie mehr Frauen erwerben konnten, die für sie arbeiten konnten. Das Heiratssystem war der Mechanismus, durch den sie Frauen und Reichtum akkumulierten. Meillassoux erwähnt in diesem Buch jedoch nur nebenbei die historischen Wurzeln dieses ungleichen Tauschs von Frauen, nämlich die Tatsache, daß die Männer in diesen Gesellschaften frei waren, von Zeit zu Zeit auf Jagdexpeditionen zu gehen, während ihre Frauen die Subsistenzproduktion durch die Feldarbeit sicherten. Die Jagd war für die Männer weniger eine wirtschaftliche Betätigung als ein Sport und eine politische Aktivität. Bei den Expeditionen kidnappten sie auch verstreut sammelnde Frauen anderer Dörfer oder Stämme. In dem von Meillassoux herausgegebenen Werk über die Sklaverei im vorkolonialen Afrika finden sich viele Beispiele darüber, daß solche Jagdexpeditionen nicht nur alles mitnahmen, was sie zufällig im Dschungel fanden: Frauen, junge Männer usw., sondern daß sie auch regelrechte Razzien in andere Dörfer veranstalteten, um Frauen zu rauben. Die so geraubten Frauen waren nicht „öffentliches Eigentum“ der ganzen Gruppe, sondern wurden durch den Führer der Expedition angeeignet, der sie als Sklavinnen entweder für sich arbeiten lassen konnte oder gegen Heiratsgut austauschte. Diese geraubten Frauen waren also eine direkte Quelle von Geld und Reichtum (Meillassoux 1975b).

Die Sklaverei erwuchs also nicht aus dem Handel, sondern aus dem Monopol der Männer über Waffen. Ehe Sklaven verkauft werden konnten, mußten sie durch Gewalt angeeignet worden sein. Die gewaltsame Aneignung fremder – meist weiblicher – Arbeitskräfte für die Arbeit in den eigenen Feldern und für den Verkauf wurde von diesen Jäger-Kriegern als die „produktivste“ Betätigung angesehen. Die Jäger-Krieger Afrikas lebten in einem ökonomischen System, das auf der produktiven Feldarbeit der Frauen basiert. Sie waren die Gatten dieser Feldarbeiterinnen, ohne deren Erzeugung von Hirse, Bier und anderer Nahrung sie auch nicht auf ihre Jagdexpeditionen hätten gehen können. Die „Produktivität“ dieser Männer wird darum von einem alten Mann des Samo-Stammes im Oberen Volta als die Produktivität von Pfeil und Bogen beschrieben, durch die alle anderen Produkte erworben werden können: Hirse, Bohnen, Frauen, usw. „Die Alten von früher wurden mit ihrer Hacke, ihrer Kreuzhecke, ihrem Pfeil und ihrem Bogen geboren. Ohne Bogen kann man nicht im Dschungel arbeiten. Mit dem Bogen erwirbt man den Honig, die Erdnüsse, die Bohnen, und dann erwirbt man eine Frau, dann Kinder und schließlich kann man Haustiere kaufen, Ziegen, Schafe, Esel, Pferde. Das waren die Reichtümer von früher. Man arbeitete mit Pfeil und Bogen im Dschungel, weil es immer einen geben konnte, der dich überraschte und dich tötete … Es gab ‚Kommandos‘, die durch den Dschungel streiften, um vereinzelte Frauen und Männer zu fangen. Jedes Kommando bestand aus fünf oder sechs Männern. Die Gefangenen wurden verkauft.“ (F. Héritier in Meillassoux 1975b:491)

Diese Passage zeigt deutlich, daß die Samo-Männer ihre Produktivität auf den Besitz von Waffen zurückführten, durch die sie sich fremde Arbeitskräfte aneignen konnten, die sie für sich selbst arbeiten lassen oder verkaufen konnten. Der Grund für diese Sichtweise ist folgender: Was im Dschungel gefangen worden ist, ist Privateigentum, im Gegensatz zum Land und den darauf produzierten Gütern, das dem Dorf oder Clan gehörte. Dieses Privateigentum wurde durch den erblichen Häuptling (früher den Regenmacher) angeeignet, der diese Gefangenen dann an andere Clans verkaufte, sei es als Gattinen gegen Brautpreis (im Fall der Samo gegen Kaurimuscheln als Geld) oder als Sklavinnen für die Feldarbeit oder gegen Lösegeld an das eigene Dorf der Gefangenen.

Weibliche Sklaven hatten einen höheren Wert als männliche Sklaven, denn sie waren in doppelter Weise produktiv: sie waren Feldarbeiterinnen, und sie konnten weitere Sklaven produzieren. Bei ihren Razzien in andere Dörfer töteten die Samo meistens die gefangenen Männer, denn sie waren von keinem ökonomischen Nutzen für sie. Frauen und Kinder wurden dagegen versklavt und verkauft. (Héritier in Meillassoux 1975b:484)

Jean Bazin, der Krieg und Sklaverei bei den Segu untersuchte, nennt das Einfangen von Sklaven durch Krieger die „produktivste“ Aktivität der Männer dieses Stammes: „Die Produktion von Sklaven ist in der Tat eine Produktion … Im Gesamtkontext der beutemachenden Aktivität ist das die einzige Praktik, die effektiv produktiv ist, denn die Plünderung von Gütern ist nur eine Veränderung des Ortes oder der Handhabe. Das herrschende Moment dieser Produktion ist die Ausübung von Gewalt gegenüber dem Individuum, um es aus dem Netzwerk seiner Beziehungen zu reißen (Alter, Geschlecht, Abstammung, Allianzen, Verwandtschaftslinien, Klientel, Dorf).“ (Bazin in Meillassoux 1975b:142)

Diese Beispiele aus dem vorkolonialen Afrika machen nicht nur deutlich, daß die beutemachende Produktionsweise der Männer, bedingt durch Waffenbesitz, erst dann „produktiv“ werden kann, wenn eine andere, meist weibliche Produktionswirtschaft existiert, sie zeigen auch klar den direkten Zusammenhang zwischen Raub und Handel, der „höheren Form“ der unproduktiven Produktionsweisen. Der nichtproduktive, beutemachende Gegenstandsbezug zwischen Jäger und Natur wird durch die Jäger-Krieger auch auf die Frauen übertragen, die dann in ähnlicher Weise einer Zwangsbewirtschaftung unterworfen werden wie bei den Hirtennomaden. Die Jäger-Krieger haben allerdings nicht nur ein Interesse an den Frauen als Gebärmaschinen, sondern auch als Arbeitskräfte und als Tauschmittel, das heißt als Ware. Frauen als einzige wirkliche Produzentinnen, im Gegensatz zu den parasitären und aneignenden Männern, sind die einzige Quelle des Reichtums.

Die asymmetrische, ungleiche und ausbeuterische Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen können wir also in letzter Instanz auf dieses beutemachende Produktionsverhältnis zurückführen, das durch das Monopol der Männer über Zwangsmittel, Waffen und direkte Gewalt bedingt ist, wodurch permanente Herrschaftsbeziehungen zwischen den Geschlechtern aufgebaut und erhalten werden konnten.

Dieser Schluß hat weitreichende Konsequenzen für die weitere Analyse unseres Problems.

1. Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, der Frauen durch die Männer, unterworfener Klassen und Völker, ist nicht das Resultat der bloßen Existenz eines ökonomischen Überschusses und friedlichen Handels, sondern die Folge direkter Gewalt. Der Handel selbst und die Definition von Überschuß und Reichtum sind selbst Resultate eines beutemachenden, gewalttätigen, unproduktiven Verhältnisses zu Natur und Menschen. [12]

2. Eine der weitreichendsten Folgen dieser beutemachenden oder ausbeuterischen Produktionsverhältnisse ist die Verwandlung lebendiger, autonomer Menschen, ihrer Lebenskraft und Produktivität in Naturressourcen, in Natur oder, wie Marx sagt, in Produktionsbedingungen, wie Erde, Wasser, Tiere, Wälder, usw. Diese Definition in die Natur von Menschen, die vorher selbständig ihr Leben produzierten und reproduzierten, hat zuerst die Frauen betroffen, die von Männern mittels Waffen zur „Natur“ gemacht wurden, zum Zwecke der Beherrschung und Bewirtschaftung.

3. Die gewaltsame Aneignung von Produzenten und ihrer Produkte durch Nichtproduzenten kann auch als der Anfang der Klassenherrschaft in der Geschichte gesehen werden. Die Aneignung weiblicher Produzentinnen durch männliche Nichtproduzenten blieb das Paradigma aller späteren Klassenbildungen.

Die beutemachende Aneignungsweise, die erst zu ihrer vollen Entfaltung kam, als andere produktive Ackerbaukulturen überfallen, beraubt und später dauernd unterworfen werden konnten, wurde nicht beseitigt, als andere entwickeltere Produktionsweisen entstanden. Sie wurde lediglich transformiert und erschien in allen späteren Epochen wieder unter verschiedenen Formen ökonomischen und außerökonomischen Zwangs. Die asymmetrische Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen, einmal gewaltsam durchgesetzt, wurde durch mächtige Institutionen wie Heiratssysteme, Familiensysteme, den Staat und den Aufbau riesiger ideologischer Systeme, vor allem der patriarchalischen Religionen, aufrechterhalten. Kontrolle über mehr Frauen bedeutete Kontrolle über mehr Reichtum. Die Männer der herrschenden Klassen und Kasten bestimmten nicht nur die Produktionsverhältnisse, sondern wurden auch die Manager und Bewirtschafter der sozialen Reproduktion. (Meillassoux 1975b) In allen großen patriarchalischen Zivilisationen behielt das Verhältnis zwischen Frauen und Männern den Aneignungs- und Zwangscharakter, durch den die Frauen zu einem Teil der beherrschbaren Natur gemacht wurden.

Auch in der uns näherliegenden Geschichte des europäischen Feudalismus erlebte die beutemachende Aneignungsweise eine Renaissance. Diesmal waren die begehrten Aneignungsobjekte jedoch nicht nur Frauen, Sklaven, Vieh und Weideplätze, sondern Land, Ackerland. Die gewaltsame und räuberische Aneignung fremder Ländereien, die ja nicht mehr wie der Dschungel Niemansland waren, durch die bewaffnete feudale Klasse bildete einen unlöslichen Bestandteil dieser Produktionsweise. (Elias 1978, Wallerstein 1974) Mit dem Land wurden jedoch auch diejenigen angeeignet, die dieses Land bebauten, die Bauern. Sie waren mit dem Land die notwendigen Produktionsbedingungen für den Feudalherren. Analog zu den Frauen unter der beutemachenden Wirtschaft wurden nun auch die Bauern „in die Natur hineindefiniert“. Für den Feudalherrn hatten sie einen ähnlichen Status wie Frauen, ihre Leiber gehörten nicht mehr ihnen selbst, sondern dem, der das Land mit Waffengewalt erworben hatte. Sie waren Leibeigene. [13] Das heißt, selbst nachdem die gewaltsame Aneignung durch „friedlichere“ Formen der Arbeitskontrolle ersetzt war, beruhte die feudale Produktionsweise in letzter Instanz auf dem Monopol über Zwangsmittel in den Händen der herrschenden Klasse. Das Modell des beutemachenden Jäger-Kriegers behielt seine Gültigkeit nicht nur für die Anfangszeit dieser Epoche, sondern auch in ihrer Blütezeit.

Das gleiche können wir vom Kapitalismus sagen. Als Kapitalakkumulation der treibende Motor produktiver Tätigkeit wurde, wurde Lohnarbeit die herrschende Form der Arbeitskontrolle. Doch die Durchsetzung dieses „friedlichen“ Ausbeutungsverhätlnisses zwischen Kapital und Arbeit geschah erst nach Jahrhunderten einer enormen Ausdehnung der beutemachenden Aneignungsweise. Direkter Raub von Gold und Silber und von anderen begehrten Produkten in den spanischen und portugiesischen Kolonien in Amerika, von Sklaven in Afrika, Plünderung und Erpressung von Primärproduzenten von Gewürzen und Textilien in Süd- und Südostasien erwies sich als die „produktivste“ Aktivität der aufsteigenden europäischen Bourgeoisie seit dem 15. Jahrhundert. Der Kapitalismus hat nicht brutalere Formen der Kontrolle über menschliches Arbeitsvermögen beseitigt, sondern, wie Wallerstein feststellt, erst recht erfunden.“Ausgedehnte Sklaverei oder Zwangsarbeit für die Produktion von Tauschwerten ist vor allem eine kapitalistische Einrichtung, ausgerichtet auf die frühe, vorindustrielle Phase der kapitalistischen Weltwirtschaft.“ (Wallerstein 1974:88) Zwangsarbeit und Sklaverei sind wiederum nur möglich, wenn einerseits die Herren dieser Produktionsform über das Monopol effektiver Waffen verfügen und andererseits ausgedehnte Jagdgründe außerhalb der eigenen Sphäre vorhanden sind, in denen Frauen genügend menschliches „Vieh“ produzieren, das gejagt, angeeignet und unterworfen werden kann.

Damit ändert sich freilich auch der Gegenstandsbezug des Menschen-als-Jägers zur Natur und zu den Frauen, den fremden wie den eigenen. Während unter Produktionsverhältnissen, die auf Landbesitz basieren, die Frauen als „Erde“ und die Bauern als Teil der Erde definiert werden, weil „Natur“ vor allem als Erde gesehen wird, werden Sklaven unter frühkapitalistischen Bedingungen hauptsächlich als Arbeitstiere betrachtet und die Frauen aus Zuchttiere dieses Viehs. Was den Kapitalisten freilich von den frühen Hirtennomaden unterscheidet, ist die Tatsache, daß er sich um die Reproduktion dieses Menschenviehs nicht kümmert, er ist zunächst kein Produzent, sondern ein Aneigner, entsprechend dem Mann-als-Jäger-Modell. Mare Bloch beschreibt die Probleme dieser auf Sklaverei gründenden Wirtschaftsweise: „Die Erfahrung hat es bewiesen: Von allen Formen der Zucht ist die des menschlichen Viehs am schwierigsten. Wenn Sklaverei, angewandt im großen Unternehmen, sich auszahlen soll, muß es eine Menge billigen Menschenfleisches auf dem Markt geben. Du kannst es nur durch Sklavenjagden erhalten. So kann eine Gesellschaft kaum einen großen Teil ihrer Ökonomie auf domestizierte menschliche Wesen gründen, es sei denn, sie habe in erreichbarer Nähe schwächere Gesellschaften, die sie besiegen oder ausplündern kann.“ (Bloch: 247) Aus dieser Passage wird klar, daß nach der kapitalistischen Version des Mann-als-Jäger-Modells nicht nur bestimmte Frauen, nämlich Afrikanerinnen, als Zuchttiere menschlichen Viehs definiert wurden, sondern daß auch sichergestellt werden mußte, daß die Extraktion dieses Viehs von den weiblichen Zuchttieren, die damit zu einer Naturressource wurden, außerhalb der Sphäre stattfand, wo Kapital akkumuliert wurde, nämlich Europa, „so daß Europa sich keine Sorgen zu machen brauchte um die ökonomischen Konsequenzen für die Zuchtregion, die durch die ausgedehnte Sklavenjagd ihrer Arbeitskraft beraubt wurde“ (Wallerstein 1974:89).

Was die frühen Kapitalisten an diesem Menschenvieh interessierte, war nur ihre Muskelkraft, ihre Energie. Die Natur war für sie ein Rohstoffreservoir, und die afrikanischen Frauen waren eine scheinbar unerschöpfliche Energiequelle. Die beutemachende Aneignung dieser menschlichen Arbeitskraft und ihre Ausbeutung mittels direkter Gewalt ermöglichte der aufsteigenden europäischen Bourgeoisie die Akkumulation ihres ersten Investitionskapitals. Sie machte allerdings auch die „Befreiung“ der verarmten europäischen Bauern vom Land und ihre Verwandlung in Lohnarbeiter möglich. Die Transformation feudaler Herr-und-Knecht-Verhältnisse in ein Vertragsverhältnis zwischen Arbeit und Kapital in Europa wäre nicht möglich gewesen ohne die Anwendung massenweiser direkter Gewalt in Afrika, Asien, Lateinamerika und die Definition dieser Gebiete und ihrer Bewohner zu ausbeutbarer Natur. Man könnte sagen, daß in demselben Maße, wie die europäischen Arbeiter ihrer Menschlichkeit erwarben oder „humanisiert“ wurden, die Arbeiter in Asien, Afrika, Lateinamerika und Osteuropa „naturalisiert“ wurden. Die „Befriedung“ der europäischen Arbeiter, die Durchsetzung einer neuen Arbeitskontrolle über den Lohn, die Verwandlung direkter Gewalt in strukturelle Gewalt, verlangte nicht nur ökonomische Konzessionen, sondern auch politische.

Diese politischen Konzessionen sind nicht nur, wie die meisten Leute denken, die Teilnahme des Arbeiters am demokratischen Prozeß durch den parlamentarischen Wahlmechanismus, sondern der Anteil des männlichen Arbeiters am Paradigma der herrschenden Klasse, dem Modell des beutemachenden Aneigners. Seine „Kolonie“ oder seine „Natur“ ist freilich nicht Afrika, sondern sind die Frauen der eigenen Klasse, Bezüglich dieses Teils der „Natur“, deren Grenzen durch Ehe- und Familiengesetze abgesteckt sind, hat er das gleiche De-facto-Gewaltmonopol, das die herrschende Klasse in den kapitalistischen Zentren dem Staat zugeschrieben hat.

Die „Naturalisierung“ betraf jedoch nicht nur die Kolonien insgesamt und die Frauen der Arbeiterklasse, sondern auch die Frauen der Bourgeoisie wurden in die Natur definiert als Gebärerinnen und Aufzieherinnen der meist männlichen Erben der herrschenden Klasse. Im Unterschied zu den afrikanischen Frauen, deren Produkte (Menschen) nur geraubt und angeeignet wurden, wurden die Frauen der Bourgeoisie einer strengen Bewirtschaftung und Zuchtwahl unterworfen, die ie aller sexuellen und produktiven Autonomie beraubte. Diese Domestizierung der Frauen der Bürgerklasse, ihre Transformation in Hausfrauen, die vom Einkommen des Mannes abhängig sind, wurde zum Modell der geschlechtlichen Arbeitsteilung unter kapitalistischen Verhältnissen. Die Hausfrauisierung der Frauen war nicht nur die Voraussetzung für die billigste Reproduktion der Arbeitskraft, sondern auch eine politische Notwendigkeit, um die reproduktiven Funktionen der Frauen – und zwar aller Frauen – unter Kontrolle zu bekommen. Der Prozeß der Proletarisierung der Männer war darum begleitet von der Domestizierung der Frauen.

Auch dieser Prozeß der Durchsetzung der kapitalistischen Version der geschlechtlichen Arbeitsteilung verlief nicht friedlich. Die europäischen Frauen sind erst nach Jahrhunderten des brutalsten Kampfes gegen ihre sexuelle und ökonomische Autonomie zu den abhängigen, gezähmten Hausfrauen geworden, die wir heute im Prinzip alle sind. Die Sklavenjagd in Afrika hatte darum in den gleichen Jahrhunderten ihr Gegenstück in der Hexenjagd in Europa. Der Grund für diesen Zusammenhang besteht in dem Hauptwiderspruch des Mann-als-Jäger-Modells. Sosehr die (kapitalistischen) Männer die Frauen zur „Natur“ zu machen, anzueignen und auszubeuten suchten, so waren sie doch mit einem Grunddilemma konfrontiert: Sie konnten keine Menschen, auch keine menschliche Arbeitskraft ohne die Frauen produzieren. Waffen gaben ihnen die Möglichkeit zu einer exklusiv männlichen „Produktions“-weise, nämlich Sklaverei, die nach Meillassoux ein männlicher Ersatz für die Reproduktion innerhalb eines Verwandtschaftssystems ist. (Meillassoux 1978:7) Doch die Versklavung afrikanischer Männer und Frauen reichte nicht aus, um aus europäischen Männern gefügige Lohnsklaven zu machen. Dazu war es auch notwendig, daß die produktiven und reproduktiven Funktionen der europäischen Frauen unter Kontrolle gebracht wurden. Vom 14. bis 18. Jahrhundert wurden nicht nur Handwerkerinnen von der aufsteigenden städtischen Bourgeoisie und den männlichen Zünften aus der produktiven Sphäre verdrängt, sondern Millionen von Frauen, meist verarmte städtische oder Bauersfrauen, wurden verbrannt, gefoltert, jahrelang gequält, als Hexen denunziert, weil sie versuchten, Autonomie über ihren Körper, vor allem über den Produktionsprozeß neuen Lebens auszuüben. Es ist interessant, daß zu dieser Zeit die Frau noch nicht als das sexuell passive, ja sogar asexuelle Wesen angesehen wurde, als das sie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und bis zu den sechziger Jahren unseres Jahrhunderts, das heißt bis zum Beginn der Frauenbewegung, erschien. Im Gegenteil, die sexuellen Energien der Frauen galten als Bedrohung für den tugendhaften Mann, das heißt den aufsteigenden Bürgersohn, der seine geistigen und körperlichen Energien auf Kapitalakkumulation und nicht auf Genuß ausrichten sollte und der die „Reinheit“ seiner Nachkommen, das heißt der Erben seines Eigentums, sichern mußte. Um die Sexualität ihrer Frauen unter Kontrolle zu bringen, wurden die Männer angewiesen, ihre Frauen streng zu behandeln und zu züchtigen. (Bauer 1971) Alle diese direkten und ideologischen Angriffe gegen die sündige Natur der Frauen dienten vor allem dem Zweck, die männliche Oberherrschaft in allen ökonomischen und nichtökonomischen Bereichen durchzusetzen.

Am Ende dieses „Zivilisationsprozesses“ finden wir Frauen, die diszipliniert genug sind, um als Hausfrau für einen Mann zu arbeiten oder als Arbeiterin in einer Fabrik oder als beides. Sie lernten schließlich, die direkte Gewalt, die drei, vier Jahrhunderte lang gegen sie angewandt worden war, gegen sich selbst zu richten, zu internalisieren und in Freiwilligkeit und „Liebe“ umzuinterpretieren. (Bock/Duden 1977) Kirche, Staat und vor allem die Familie lieferten die notwendigen ideologischen und institutionellen Stützen für diese Selbstunterdrückung. Die Trennung des Arbeitsplatzes von der Familie und die Beschränkung der Frauen auf letztere bildeten das notwendige strukturelle Element zur Verfestigung der neuen Formen der sexuellen Arbeitsteilung, durch die alle Frauen zu abhängigen Hausfrauen und alle Männer zu Brotverdienern erklärt werden. Die asymmetrische Arbeitsteilung, die zwischen Frauen und Männern durchgesetzt wurde, ist das Modell, nach dem die ganze Welt heute in das System einer ungleichen, ausbeuterischen Arbeitsteilung integriert ist. Obwohl zumindest in den Industriestaaten, diese Ausbeutung der menschlichen Arbeit zumeist die „rationale“ Form des ungleichen Tauschs angenommen hat, wird die Aufrechterhaltung dieser ungleichen Verhältnisse überall durch direkte Zwangsmittel garantiert.

Zusammenfassend können wir sagen, daß die verschiedenen Formen der asymmetrischen, hierarchischen Arbeitsteilung, die im Laufe der Geschichte hervortraten, bis in unsere Epoche auf dem Grundmodell der beutemachenden und bewaffneten Jäger-Krieger beruhen, die, ohne selbst zu produzieren, sich Produzenten und Produkte aneignen.

Anmerkungen

[1] Dieser Artikel ist das Resultat eines längeren, kollektiven Reflexionsprozesses unter Frauen. Er fand in den Frauenseminaren statt, die ich zwischen 1975 und 1977 an der Universität in Frankfurt abhielt. Die hier vorgelegten Grundgedanken wurden vor allem in dem Seminar „Arbeit und Sexualität in matristischen Gesellschaften“ entwickelt. Der Beitrag wurde in englischer Sprache bei der Konferenz „Underdevelopment and Subsistence Reproduction“, Universität Bielefeld, Juli 1979 vorgetragen.

[2] Der Begriff Ausbeutung wird hier in dem Sinne verstanden, daß eine Trennung stattgefunden hat zwischen Produzenten und Konsumenten und daß letztere sich die Produkte und Dienstleistungen der ersteren aneignen, ohne selbst zu produzieren. Die ursprüngliche Situation in den egalitären Gesellschaften, daß die, die konsumieren (in einem intergenerationellen Sinn), auch diejenigen sind, die produzieren, wird unter ausbeuterischen Verhältnissen verändert. Dieser Begriff der Ausbeutung trifft für weite Strecken der Geschichte auf das Mann-Frau-Verhältnis zu. Über die Anfänge dieses Ausbeutungsverhältnisses siehe weiter unten.

[3] Der Begriff „produktiv“, „Produktivität“ wird im folgenden in diesem umfassenden Sinn verwandt.

[4] Auch hier wird noch der Begriff „Fruchtbarkeit“ benutzt, der die weibliche generative Produktivität als unbewußten Prozess begreift.

[5] Übersetzung aller englischen und französischen Zitate durch die Verfasserin.

[6] Mit Bornemann benutze ich den Begriff „matristisch“ im Gegensatz zu „matriarchalisch“, weil Frauen auch in matrilokalen, matrilinearen Gesellschaften nie Herrschaftssysteme aufgebaut haben. (Bornemann: 1975)

[7] Eine Diskussion dieser Symbolik von Produktion und Reproduktion, vor allem der Analogie von Samen und Feld in der alten indischen Literatur findet sich bei Iravati Karve 1964, Maria Mies 1973 und Leela Dube 1978.

[8] Es ist nicht von ungefähr, daß heutige Arbeiter den Penis als „Bohrer“, „Hammer“, „Feile“, „Gewehr“ und so weiter bezeichnen.

[9] Obwohl Männer ihren Beitrag zu dieser Produktion leisten, ist die Kontrolle über diesen Prozeß letztlich in der Hand der Frauen. Wie wir sahen, haben Frauen von Anfang der Geschichte an darüber entschieden, ob sie Kinder haben wollten oder nicht. Die Männer haben gewaltige Institutionen wie Familie, Staat, Religion, Recht aufgebaut, um den Frauen diese Entscheidung durch tatsächlichen Zwang und ideologische Indoktrination zu entreißen.

[10] Das deutsche Wort „Ausbeutung“ hat diesen einseitigen und antagonistischen Gegenstandsbezug, wie er aus der Jagd abgeleitet wurde, noch bewahrt.

[11] Es ist notwendig, diesen Begriff hier mit Anführungszeichen zu versehen, denn die Jäger produzieren eigentlich nichts, sie eignen nur an.

[12] Diese Analyse bestätigt Sohn-Rethels Kritik an Marx‘ Theorie der Ausbeutung. Sohn-Rethel argumentiert, daß Ausbeutung notwendigerweise dem Tausch von Subsistenzmitteln als Werten, das heißt von Waren, vorausgegangen sein muss. „Mit anderen Worten, bevor Austausch von Subsistenzmitteln als Werten, als Warentausch, zur gesellschaftlichen Verkehrsform werden kann, muß Ausbeutung entstanden sein.“ (Sohn-Rethel 1978:43) Er sagt jedoch nicht, wie Ausbeutung historisch entstand.

[13] Die Leibeigenschaft der Frauen, das heißt, daß ihr Körper Eigentum eines anderen ist, ist nicht das Resultat des Feudalismus, sondern umgekehrt, die feudalistische Leibeigenschaft der Männer ist nach dem Muster der Aneignung der Körper der Frauen durch beutemachende Krieger entwickelt.

[…]

 

Entnommen aus Frauen, die letzte Kolonie.