In den urbanen Zentren der Industriekultur gibt es einen merkwürdigen Widerspruch. Die Menschen, die diese Zivilisation als den Gipfel des Fortschritts ansehen, die die Städte als Orte des Lebens, der Kultur, der Freiheit ansehen, verdrücken sich im Urlaub so schnell wie möglich aus eben diesen Städten und fliehen in die „Natur“ – in den „unterentwickelten Süden“, dorthin, wo der Weisse Mann möglichst noch nicht seine Fussstapfen hinterlassen hat. Waren das Ziel dieser Massenflucht zunächst die warmen Strände Spaniens, Italiens, Tunesiens, der Türkei, oder auch – allerdings immer weniger – die „zurückgebliebenen“ Dörfer im eigenen Land, so lesen wir auf den Seiten „Reise und Urlaub“ in unseren Tageszeitungen zunehmend von Abenteuer- und Expeditionstourismus zu „Höhlenmenschen“, „Kannibalen“, „wilden Kopfjägern und Steinzeitmenschen“ in Malaysia, auf den Philippinen, auf Papua Neuguinea, am Amazonas usw. Hier kann sich der verwöhnte Wohlstandsmensch dann fühlen wie Kolumbus, sozusagen: Brust an Brust mit der Wildnis. Und wie die frühen Abenteurer und Piraten des 16. bis 18. Jahrhunderts „erschliessen“ sie diese „jungfräulichen Gebiete“ für die Zivilisation, sprich Tourismus und Geldmacherei, und ruinieren sie dabei.
„Sie zerstören, was sie suchen, indem sie es finden.“ (1) Oder: Der frustrierte kleine Angestellte nimmt teil an einer Western-Abenteuer-Tour, organisiert vom Zigarettenkonzern Marlboro, und „plötzlich bist du wie John Wayne“. Mann ist wieder Mann im Kampf gegen die „wilde“ Natur. (2)
In die gleiche Sparte gehört auch der „ländlich integrierte Tourismus“, im Senegal, wo die europäischen Touristen hautnah mit den „Eingeborenen“ in den Dörfern zusammenwohnen – in Hütten nach afrikanischer Bauweise, mit einem Minimum des für Europäer gewohnten Komforts, mit afrikanischem Essen, Verzicht auf fliessendes Wasser und wo die europäischen mit den „afrikanischen Kindern zusammen spielen. Afrika zum Anfassen“ sozusagen. (3) Oder warum organisiert der Deutsche Alpenverein Trekking-Touren in Ladakh, wobei die deutschen Touristen nicht nur Durchfall und Krankheiten in Kauf nehmen, sondern sich auch gebührend als Herrenmenschen gegenüber den einheimischen „Drecksäcken“, ihren Bergführern, fühlen können. (4)
Doch ähnlich wird auch der Urlaub auf einem Bauernhof angepriesen: Welches Programm darf es sein für die Zivilisationsflüchtigen, die z.B. „Natururlaub“ auf einem Bauernhof in der Eifel verbringen wollen. Das Urlaubsmenue bietet an: „Auf Du und Du mit Pferd und Kuh“, „Mit dem Förster durch den Wald“, „Aufstehen mit dem Hahnenschrei“ – alles für fünfzehn Mark, Frühstück inklusive. Nicht nur die Vulkanlandschaft dürfen die Touristen bewundern, sondern auch das echte Bauernleben, wo die Butter noch mit der Hand gedreht und die Wurst noch selbst gemacht wird. Und sie geniessen die alten Geschichten, die ihnen die wenigen übriggebliebenen Bäuerinnen von den schlimmen Schmuggelzeiten erzählen. „Hier können Städter einen Traum von Landleben träumen.“ (5)
Nur die Realität dürfen sie nicht kennenlernen – nämlich, dass diese kleinen Bauernhöfe nun endgültig durch die Globalisierung und Liberalisierung des Weltagrarmarktes liquidiert wurden. Und dass nur wenige für einige Zeit durch solche Museumsprogramme für verwöhnte Touristen überleben können. Noch zweifelhafter ist es, dass solche Touristen auf die Idee kämen, statt ihres nostalgischen Voyeurismus den Bauern bei ihrer Arbeit zu helfen, gewissermassen als Ersatz für die Maschinen, die ja nicht in die Idylle passen.
Ein weiteres Beispiel: Bei einer Party in Köln drehte sich die Unterhaltung darum, in der Stadt möglichst auf das Auto zu verzichten und die Strassenbahn zu benutzen. Eine etwa vierzigjährige Frau wies dieses Ansinnen empört zurück: Es wäre doch nicht zumutbar, dem Geruch fremder Menschen, die neben einem sitzen, so ausgesetzt zu sein. Da würde sie noch lieber zu Fuss gehen. Gleichzeitig berichtete sie davon, dass sie jedes Jahr ihren Urlaub in Nepal auf Trekking-Touren verbringe.
Die Beispiele liessen sich beliebig vermehren. Was geht hier eigentlich vor? Wieso bleiben die Menschen, die die Unterwerfung der Natur, die Errungenschaften der weissen Zivilisation, der „Moderne“, so grossartig und notwendig finden, in ihrer Freizeit nicht in ihren Städten voller Kaufpaläste, Autos, Fernseher, Kinos, Theater, Büros, Hochhäuser und Banken? Wozu sehnen sie sich immer noch, oder wieder nach dieser „wilden“ oder „unberührten“ Natur, die sie andererseits gerade durch diese Sehnsucht zerstören?
Folgen wir einmal den Spuren dieser Sehnsucht, dann stellen wir zum ersten fest, dass die Utopie der Moderne, die weisse Zivilisation, die in unseren Städten realisiert worden ist, offenbar ein Betrug ist. Zumindest lässt sie ein Gefühl tiefen Unbehagens, tiefer Unzufriedenheit, ja gar der Verzweiflung zurück, das inmitten des Warenüberflusses nicht befriedigt werden kann, das im Gegenteil als Gefühl des ständigen Mangels, des Unglücklichseins, der Armut und zwar zunehmend auch des materiellen Mangels empfunden wird.
Zum zweiten aber wird nicht versucht, die Sehnsucht nach „wilder Natur“ dort zu befriedigen, wo wir uns befinden, nämlich in den urbanen Zentren der weissen Zivilisation. Das würde nämlich bedeuten, dass frau/man das auch hier täte, was sie/er im Urlaub geniesst, zum Beispiel zu Fuss gehen anstatt Auto zu fahren, oder zumindest den „wilden“ Geruch fremder Menschen in der Strassenbahn der sterilen Einsamkeit des eigenen Autos vorzuziehen, wodurch dann wieder die Stadtluft weiter entgiftet würde. Nein, die Sehnsucht richtet sich nicht auf die Natur, die wir selbst sind, oder die – wenn auch in Resten – noch um uns ist, sondern auf die durch den Weissen Mann ausdrücklich aus der Zivilisation ausgegrenzte Natur „in den Kolonien“, in den gerade darum als „rückständig“ definierten Ländern Asiens, Afrikas oder Lateinamerikas.
Ähnliches können wir in bezug auf die Sehnsucht nach dem Land, nach der möglichst unberührten Landschaft sagen. Auch die Natur um unsere Städte herum wurden seit dem 18. Jahrhundert zunehmend nur als Hinterland der Städte angesehen, das einerseits zwar die Nahrung für die städtische Bevölkerung liefern soll, aber ähnlich wie die äusseren Kolonien rücksichtslos ausgebeutet wurde und darum als rückständig gilt. Trotz dieser Abwertung der Natur und des Landes und damit einhergehend der Abwertung der Bauern und ihrer Arbeit, durch die die lebensnotwendige Erzeugung von Nahrung in Gang gehalten wird, richtet sich eben auf dieses Land die Sehnsucht der StädterInnen.
Zum dritten ist aber festzustellen, dass die Menschen nicht versuchen, diese Sehnsucht dadurch zu befriedigen, dass sie tatsächlich wieder auf dem Lande arbeiten, wie es z.B. noch vor ein paar Generationen üblich war. Damals fuhren die Arbeiter in den Städten in ihrem Urlaub „in ihr Dorf“ und halfen dort dem daheimgebliebenen Bruder oder der Schwester bei der Ernte. Und die Kinder taten das auch. Und als Erwachsene schwärmen sie noch heute von diesen Ferien in „ihrem Dorf“.
Die heutigen Land- und Dritte-Welt-Touristen wollen keineswegs an der notwendigen Subsistenzarbeit der Bauern teilnehmen. Sie wollen Natur und Landschaft rein konsumptiv und voyeurhaft geniessen. Und das können sie, solange sie Geld in der Tasche haben. Ihr Verhältnis zu fremden, exotischen Ländern und dem eigenen Land ist kein produktives, sondern ein verbrauchendes, durch das auch die „Wildnis“ als Ware, als Ressource, verschlungen, das heisst zerstört wird und wobei nur Müll übrigbleibt. Die unausweichliche Konsequenz dieser Sehnsucht, die über den Warenmarkt, also konsumptiv, befriedigt wird, ist daher auch: Sie zerstören, wonach sie sich sehnen.
Neben den kolonisierten, exotischen Ländern und der kolonisierten Natur, dem Land, der Landschaft, sind die Frauen, insbesondere der Frauenkörper, der dritte Ort, auf den sich die Sehnsüchte der modernen Menschen, genauer hier der modernen Männer, richten. Er ist die Projektionsfläche für ihre Sehnsüchte. Am Beispiel der „dritten Kolonie“, den Frauenkörpern, lässt sich vermutlich genauer aufzeigen, was die Zerstörung des Naturzusammenhangs und die Sehnsucht nach eben diesem Naturzusammenhang verbindet. Ehe wir zu dieser Analyse kommen, zunächst einige Beispiele, in denen sich diese Verbindung äussert.
Was die Geschichte dieser polarisierten Verhältnisse betrifft, so sei hier kurz auf die massenweise Vernichtung und Folterung von Frauen in der europäischen Hexenverfolgung hingewiesen, die zeitlich parallel zur Geschichte der kolonialen Eroberung und Expansion des Weissen Mannes sowie der Etablierung der neuen Herrschaft eben dieses Weissen Mannes über die Natur durch Naturwissenschaft und Technik stattfand. (6) Nach dieser Orgie der Gewalt gegen Frauen – die ja bis in die Zeit der Aufklärung im 18 Jahrhundert anhielt (7) –, finden wir sehr schnell die Sehnsucht nach dem „Weiblichen“, die Sentimentalisierung und Romantisierung der Frau im 18. und 19. Jahrhundert. Dass die wirklichen Frauen – „die Weiber“ – erst mal vernichtet, zerstört, mit Gewalt der neuen herrschenden Klasse, den weissen Bürgermännern unterworfen werden mussten, ehe diese Männer ein neues Weiblichkeitsbild schaffen konnten, auf das sich ihre Sehnsüchte richten konnten, dieser merkwürdige Widerspruch kennzeichnet bis heute das moderne Verhältnis zwischen Männern und Frauen, vor allem in den westlichen Industrieländern.
Deutlichstes Beispiel für den Zusammenhang zwischen Gewalt und Sehnsucht ist die Pornographie. Viele Männer sind nicht imstande, eine ganze, wirklich lebendige Frau zu lieben, sie brauchen ein Bild von einem Frauenkörper, auf dass sie ihre Sehnsucht projizieren können. Aber selbst diese Bilder müssen den Gewaltakt, die Zerstückelung der Ganzheit widerspiegeln. Die Sehnsucht richtet sich auf Teile des Frauenkörpers, einen Oberschenkel, eine Brust, das Gesäss – vor allem möglichst ohne Kopf –, auf unverbundene Teile. (8) Von diesem pornographischen Blick, der Gewalt und Sehnsucht zusammenzwingt, lebt ein grosser Teil der Werbeindustrie – und mit ihr das Industriewachstum, die Flut der Magazine, die Bildmedien wie Fernsehen, Film und die Video-Industrie.
Wie bei der Sehnsucht nach der Natur ist die Sehnsucht nach den Bildern nackter Frauenkörper eine rein konsumptive, voyeurhafte, die sich im Prinzip auf Leichenteile richtet. Denn das Leben, das sich der pornographisch stimulierte Mann anzueignen sucht, ist offensichtlich nur als totes Bild, als Vorstellung erträglich. Nicht die wirkliche Frau ist attraktiv, sondern nur Bilder von Frauenkörperteilen. Die Leichenhaftigkeit der Pornographie entspringt freilich – darauf wird noch einzugehen sein – der Leichenhaftigkeit der Waren der Industriegesellschaft insgesamt. Dabei nimmt aber die psychische Tätigkeit, die zur Herstellung innerer Bilder notwendig ist, die eigene Vorstellungskraft, offensichtlich auch immer mehr ab. Denn das würde ja noch Eigentätigkeit bedeuten. Es geht eigentlich nur noch um ein simples, optisches Reiz-Reaktions-Schema, bei dem nicht einmal eine Beziehung zur eigenen Person existiert. Automat reagiert auf Automat.
Ein weiteres Beispiel für den Zusammenhang zwischen Sehnsucht und Gewalt ist der Prostitutionstourismus. Beim Prostitutionstourismus ist nicht nur die Frau der Ort der Projektion von Sehnsucht, sondern vor allem die exotische Frau, die nicht-weisse Frau, die Frau der Kolonisierten, die wegen ihrer Armut und „Unterentwicklung“ dem weissen Herren-Mann dankbar sein muss, dass er ihr etwas Geld gibt oder sie gar heiratet. Hier schiesst die Sehnsucht nach der unterworfenen Frau mit der Sehnsucht nach dem „guten Wilden“ [9], dem Naturmenschen, zusammen. Auch hier handelt es sich um ein rein konsumptives, nicht liebendes, kreatives, produktives Verhältnis. Die „Ware Liebe“ [10], die hier gesucht wird, hängt von der Kaufkraft der DM, des sFr., des Yen und des US-Dollars in den Taschen der Männer ab, die die „Sex-Paradiese“ in Südostasien und Afrika bereisen. Und diese Kaufkraft macht’s möglich, dass auch einfache, deutsche Arbeiter-Männer sich ‚mal wie Kolonialbosse fühlen und benehmen, dass sie sich wie „Herrenmenschen“ [11] vorkommen können. Wesentlich für die Attraktivität des Sex- und Prostitutionstourismus ist ja eben das Herr-Magd-Gefälle zwischen dem weissen Mann und der exotischen Frau.
So schreibt die Psychologin Berti Latza, dass deutsche Männer in Thailand den Prostituierten befehlen, ihr Cottage zu putzen und sie den ganzen Tag zu füttern. Sie suchen unterwürfige Sklavinnen, die sie bedienen. Sex und Liebe sind oft sogar sekundär. Die Kunden wollen vor allem vollkommene Macht über die Frauen ausüben. Die Sehnsucht nach dem Herrenmenschentum, die am einfachsten durch die Versklavung einer Frau aus den Kolonien zu befriedigen ist, gehört jedoch noch in das übliche Schema der Herrschaft des weissen Mannes über Frauen, Natur, fremde Völker.
Was aber hier mehr interessiert, ist eben die Kehr- oder Unterseite dieses Verhältnisses. Und die wird ebenfalls am Prostitutionstourismus deutlich. Neben den deutschen Herrenmenschen gibt es nach Berti Latza unter den Prostitutionstouristen noch einen zweiten Typ von Männern, nämlich die Regressiven. Diese Männer wollen ins frühkindliche Stadium zurückkehren. Sie verlangen, dass die thailändischen Prostitutierten sie waschen, füttern, verwöhnen, ihnen den Po ölen und pudern. „Sie verfallen sogar in die Baby-Sprache und würden am liebsten noch aufs Klo getragen werden.“ [12] In dieser Regression der Männer auf das Baby-Stadium, die sie sich bei den thailändischen Prostituierten eingestehen können, zeigt sich, dass der kleine Mann im Sextourismus noch mehr sucht als die Nachahmung des grossen Herrenmenschen, seinem Leitbild. Hier wird all das gesucht, was aus dem Männerbild, aus der Männerwirklichkeit in den Industrieländern ausgegrenzt, negiert und herabgewürdigt wird; eben jene regressiven Bedürfnisse. Um sich wieder „ganz“ zu fühlen, reisen diese Männer um den halben Globus und lassen sich einer bezahlten armen Frau wie ein Baby behandeln und den Po ölen!
Es ist nachgewiesen, dass ein grosser Teil der Männer, die sich eine Philippina aus dem Katalog bestellen oder eine Sex-Tour nach Kenia, Thailand oder der Dominikanischen Republik machen, überhaupt unfähig zu einer menschlichen Liebesbeziehung zu Frauen sind. Sie können mit einer wirklichen, erwachsenen Frau, die ihnen nicht unterlegen ist (nicht arm ist, nicht jünger ist, ihre Sprache spricht), nichts anfangen, sind eigentlich kommunikationsunfähig. [13] [14] Selbst wenn sie eine „exotische“ Frau geheiratet haben, sind sie zu keiner Beziehung fähig. Die mit Schweizer Männern verheirateten Philippinas klagen fast alle über Einsamkeit, Leere und Gewalt. Die Männer behandeln sie wie ein Möbelstück.
Die meisten Arbeiten, die sich mit Sextourismus und internationalem Frauenhandel befassen, fragen nach den Ursachen in den „Kolonien“ (Thailand, Dominikanische Republik, Kenia, Philippinen), warum Frauen sich den Männern aus den reichen Industrieländern als Katalogbräute oder Prostituierte zur Verfügung stellen. (Militärbasen, Armut und Unterentwicklung, sowie gewisse einheimische Traditionen gelten als die Standarderklärungen für diese Bereitschaft.) Selten wird gefragt, was eigentlich mit den europäischen, amerikanischen, japanischen Männern los ist. Warum begehren sie plötzlich die exotischen Frauen, die schwarzen, braunen, gelben, die sie ja ansonsten verachten? Was ist der eigentliche Inhalt dieser Sehnsucht? Warum reichen ihnen die eigenen Frauen nicht, oder gar die Sex-Shops, Porno-Magazine oder Sex-Maschinen? Warum erwarten sie ausgerechnet von der armen, fremden, abhängigen, „unterworfenen“ Frau, dass sie ihnen Glück, Leben, Ganzheit, Extase gibt?
Wenn wir uns nicht mit den Oberflächenerklärungen wie Entfremdung, Kaufkraft der DM, Tourismus usw. begnügen wollen, müssen wir fragen, was Sexualität und Erotik überhaupt für die Männer der Industriegesellschaft bedeuten. Denn im Prostitutionstourismus wird nur der Charakter des Verhältnisses manifest, das Männer in den „fortschrittlichen“ Industrieländern zu sich selbst, zur Natur, zu Frauen und zu anderen Menschen haben. Der Idealtyp Mann in den Industrieländern hat während des grössten Teils seines Lebens, während seiner Arbeits- und Konsumzeit, kaum noch unmittelbaren körperlichen Kontakt zur Natur, zur Erde, zu Pflanzen, Tieren, den Elementen. Zwischen ihm und dieser Natur sind Maschinen als Distanzwaffen geschoben, durch die er diese Natur bearbeitet, zerstört und seinen Plänen unterwirft. Je mehr die Technik „fortschreitet“, umso grösser wird diese Distanz, umso abstrakter wird das Verhältnis zur Natur, umso fremder wird dem Mann sein eigener organischer sterblicher Körper, der dennoch, und das ist die Grenze, an die er stösst, die Quelle aller Gefühle von Glück und von Genuss bleibt. Je mehr Maschinen der zivilisierte Mann zwischen sich und die Natur schiebt, je mehr er die Natur – einschliesslich der Frauen – nur reduktionistisch als Zerstückelte, Ausgebeutete, Unterworfene, wahrnehmen kann, umso grösser wird sein Hunger nach der ursprünglichen, wilden, freien, ganzen Natur und Frau.
Die Befriedigun dieses Hungers, dieser Sehnsucht scheint lebensnotwendig zu sein, trotz aller Faszination, die die Maschinen meist für Männer haben. Offensichtlich reicht ihre Liebe zu den Maschinen nicht aus, um sie glücklich zu machen. Ich stimme Roger Garaudy zu, wenn er sagt:
„Der sexuelle Akt ist zum nächstliegenden und fast einzigen Kontakt mit der Natur geworden, der uns noch zugänglich ist. Ein Bruch ist entstanden zwischen einem Alltag im Rhythmus von Produktion, Konsum und Fernsehen und einem meist von allen sonstigen Dimensionen des Lebens abgekoppelten sexuellen Akt, der entweder selbst wieder ins Netz von Konsum und wirtschaftlicher Ausnutzung gerät, oder aber als ein dem Leben äusserliches Heiligtum zur Zuflucht wird.“ [15]
Die steigende Sucht nach Sex ist meines Erachtens eine direkte Fole der in der Arbeit nicht mehr erfahrbaren sinnlichen Interaktion mit der Natur. Darum soll Sexualität auch gar nichts mehr mit Arbeit zu tun haben. Sie ist geradezu das Jenseits der Transzendend der Arbeit. Der „Himmel“, der nach dem irdischen Jammertal der Lohnarbeit kommen soll, die Quintessenz der „Freizeit“.
Das ist der tiefere Grund für die Kombination: Tourismus, Sonne, Sex.
Die Tragik besteht allerdings darin, dass auch dieser Himmel ein gekaufter ist, eine Ware, und dass die erhoffte Wildheit, Ursprünglichkeit, Natürlichkeit, Freiheit, Ganzheit sich meist schnell als billiger Schein entpuppen. Darum hält, wie bei anderen Waren die Befriedigung immer kürzer an. Aus dem Bedürfnis wird die Sucht. [16]
Reproduktions-Technik
Ein weiteres Beispiel für die Wahrheit des Satzes „Sie sehnen sich nach dem, was sie zerstört haben“ ist die Reproduktionstechnologie, mit der Frauen und Männer versuchen, trotz Unfruchtbarkeit ihren Kinderwunsch zu erfüllen. Während der Ort der Sehnsuht bei Pornographie und Sextourismus der (fremde) Frauenkörper ist, ist es für Frauen bei der Reproduktionstechnik der eigene Körper und seine Gebärpotenz.
Gebärpotenz, diese „wilde Fruchtbarkeit“ des weiblichen Körpers, ist aber seit Beginn dieses Jahrhunderts als das grösste Handicap für die Emanzipation der Frauen angesehen und zunehmend mit mechanischen, chemischen und biologischen „Waffen“ (Kontrazeptiva) bis hin zur Sterilisation bekämpft worden. Nun lässt sich bei vielen diese Fruchtbarkeit nicht mehr nach Belieben wieder „anschalten“. Wie Renate Klein durch ihre Untersuchungen in Australien nachgewiesen hat, ist die Unfruchtbarkeit von Frauen häufig eine Folge von vorher benützten Verhütungsmitteln, die ihre schädlichen Langzeitwirkungen jetzt zeigen. [17] Bei Männern und Frauen ist nachgewiesen, dass ihre Unfruchtbarkeit eine Folge von Dauerstress und Umweltschäden ist.
Für die Sehnsucht nach dem eigenen Kind gibt es viele Motive. Eins, das von vielen fruchtbaren wie unfruchtbaren Frauen genannt wird, ist der Wusch, den eigenen Körper in seiner natürlichen Kreativität und Potenz, neues Leben zu schaffen, zu erleben, „am eigenen Leibe“ die lebensschaffende Naturkraft, die die ganze Natur durchwirkt, zu erfahren. Sie sehnen sich nicht nur nach dem „Produkt“ dieses kreativen Prozesses, dem Kind, sondern nach dem Prozess selbst. Dieser wird – oder wurde – bisher zwar von Frauen beeinflusst, sie sind immer schon mit Schwangerschaft und Gebären bewusst umgegangen [18], aber dieser Prozess unterlag nicht ihrer totalen Kontrolle. Sie hatten – und haben – diese lebensschaffende Naturkraft, die sie selbst darstellen, nicht ganz im Griff. Sie blieb „wild“. Und genau das, so meine ich, war/ist das Ziel dieser Sehnsucht. Ein Kind zu schaffen ist eben etwas anderes als ein Auto zu konstruieren. Hier hat die Frau keine Blaupause im Kopf, nach der das Kind angefertigt wird. Sie hat Wünsche, Vorstellungen, aber das, was da tatsächlich in ihrem Körper entsteht, in Symbiose mit der Natur, die sie ist, das hat sie nicht in der Hand, darüber verfügt sie nicht. Und es ist meines Erachtens genau diese Nicht-Verfügen-Können, was den innersten Kern dieser Sehnsucht ausmacht, das ist das Glück, das gesucht wird. Es besteht nämlich aus Überraschung, aus dem Unerwarteten, dem Neuen, dem, was ich nicht schon vorher total geplant und gewusst habe. Gerade dieses Neue, die unendliche Vielfalt und Vielgestaltigkeit, die Spontaneität machen ja das aus, was uns an Kindern entzückt. Im sogenannten Kinderwusch drückt sich diese Sehnsucht nach der Natur, dem Ursprünglichen, Spontanen, Neuen quasi mit Naturgewalt aus. Das Perverse daran aber ist, dass sie mit den selben Methoden und Techniken ihre Befriedigung sucht, auf die selben medizinisch-technischen Bio-Ingenieure vertraut, die ja schon vorher die spontane Fruchtbarkeit des weiblichen Körpers bekämpft haben. Diese können der Frau dann unter Umständen zwar ein Kind zusammenbauen, wenn sie vorher – stets gewaltsam – die verschiedenen „Reproduktionskomponenten“ aus dem lebendigen Zusammenhang, den die Frau darstellt, isoliert haben. Sie können ein Kind konstruieren, wie sonst ein Ingenieur ein Auto baut. Sie können aber niemals die tiefe Sehnsucht der Frau nach jenem Ursprünglichen, Spontanen, Neuen befriedigen. Im Gegenteil. An die Stelle der freudigen Erwartung, der „guten Hoffnung“, die ansonsten eine natürliche Schwangerschaft begleitet, tritt die Angst, dass etwas schief gehen könnte, und in ihrer Folge die totale Verunsicherung, die totale Fremdkontrolle über den Schwangerschaftsprozess. Dadurch wird die Frau nun, wie der Mann auch, endlich gerade in diesem intimsten Prozess ihrem eigenen Körper entfremdet, durch den sie sich wieder der Kreativität ihrer eigenen weiblichen Natur versichern wollte. Und wie beim Tourismus als Natursehnsucht erlebt die Frau auch hier, dass sie das, was sie sucht, zerstört, indem sie es findet, nämlich jene spontane, nicht-technische, nicht beherrschte und unterworfene „wilde“ Gebärfähigkeit. Renate Klein hat ein Beispiel aufgezeigt, wo eine Frau nach vielen vergeblichen Versuchen der IVF aufgab und dann ganz normal schwanger wurde. [19]
Ja, sie zerstört sich selbst auch noch als „lebendigen Zusammenhang“, als Person, und macht sich selbst zu einem Arsenal von Bio-Teilen.
Ähnliche Beispiele für den Zusammenhang der gewaltsamen Zerstörung von lebendigen Natur- und menschlichen Zusammenhängen durch „Modernisierung und Industrialisierung“ (und der Sehnsucht nach eben dieser zerstörten Welt) und dem quasi automatisch sich vollziehenden Fortschritt liessen sich auch noch aus vielen anderen Bereichen der heutigen Wirklichkeit anführen, zum Beispiel aus der Computerwelt, wo die Simulation der Wirklichkeit die Wirklichkeit durch „virtual realities“ ersetzt; aus der Autowelt, aus der Arbeitswelt, aus dem Sport. Die angeführten Beispiele sollen aber genügen, um aufzeigen zu können, worum es eigentlich bei dieser Sehnsucht geht, wo ihre emotionalen und strukturellen Ursachen liegen, und letztlich, wie diese Sehnsucht endlich zu befriedigen wäre.
Was wird da gesucht?
Ehe wir zu dieser Frage kommen, ist es angebracht, die inhaltlichen Gemeinsamkeiten der verschiedenen Sehnsüchte – nach der unberührten Natur, nach Exotik, der schönen Landschaft, der Wildnis, der Frau, dem Kind aus eigenem Fleisch und Blut, der Erfahrung eigener Gebärfähigkeit, usw. zusammenzufassen. Worum geht es eigentlich bei diesen ständig zunehmenden Sensüchten? Was wird da eigentlich gesucht?
Offensichtlich zunächst einmal das genaue Gegenteil dessen, was der Mythos der Moderne als positiv, erstrebenswert, zivilisiert, wertvoll ansieht und wonach das Alltagsleben in den Industriegesellschaften strukturiert ist. Da ist zum Beispiel die Sehnsucht nach Wildheit, das heisst nach einer noch nicht vom Menschen zerstückelten, manipulierten, gezähmten, seinen utilitaristischen Zwecken unterworfenen Natur. Trotz aller immer wieder beschworenen Ängste vor der Natur als Chaos, als Feindin, als Zerstörerin, bleibt genau diese Wildheit auch Ziel der Sehnsucht. Denn gleichzeitig wird diese Natur auch als die gute Natur, die Freundin, die Mutter gesucht. Dies Wissen, dass wir trotz Wissenschaft, Technik und westlicher Rationalität und Zivilisation Teil dieser Natur sind und bleiben, dass wir wie andere Tiere von Frauen geboren werden und sterben, und dass dies kein Unglück sondern ein Glück ist, ist unterschwellig eben immer noch da.
Darum ist neben der Sehnsucht nach der Natur im ursprünglichen, empatischen Sinn die Sehnsucht nach der Kindheit ein wesentlicher Inhalt der Suche. Kindheit steht hier für die unkomplizierte, spontane, unreglementierte Beziehung zur Umwelt wie zu den Menschen. Dazu gehört natürlich auch die Suche nach Liebe, Wärme, Zuneigung, ohne vorherige Gegenleistung. In der zivilisierten Gesellschaft richten sich diese Bedürfnisse aber fast ausschliesslich auf die Frau als Mutter. Und neben der „wilden Frau“ als Ort für die sexuelle Sehnsucht ist „die Mutter“ der soziale Ort für alle sogenannten regressiven Sehnsüchte. Wobei der psychoanalytische Begriff „Regression“ diese Sehnsüchte ja schon denunziert und abwertet. Ein erwachsener Mensch soll solche Gefühle und Bedürfnisse nicht mehr haben. Aber sie und er haben sie dennoch und sie suchen auch ihre Befriedigung, wie und wo auch immer.
Mit der Sehnsucht nach der Ursprünglichkeit der Kindheit ist verknüpft die Sehnsucht nach Freiheit und Abenteuer. Wenn wir uns diese Freiheitswünsche genauer ansehen, dann ist allerdings etwas anderes damit gemeint, als das, was in den westlichen Demokratien gemeinhin unter Freiheit verstanden wird, nämlich Wahlfreiheit im ökonomischen und politischen Supermarkt. Wunsch nach Freiheit, wie er sich zu Beginn des bürgerlichen Zeitalters noch artikulierte, war allerdings hauptsächlich auf Freiheit von unnötiger gesellschaftlicher Unterdrückung und Herrschaft gerichtet, nicht so sehr auf Freiheit von der Natur. [20] Vielmehr sollte die bürgerliche Revolution selbst die Natur von feudaler Zwangszurichtung befreien. [21]
Die heutige Sehnsucht nach Freiheit ist vor allem der Wunsch, aus der Zwangsreglementierung durch die technische Industriewelt hinauszukommen, der Wunsch, „ins Freie zu treten“, „frei atmen zu können“, nicht bei jedem Schritt auf ein bürokratisches Ge- oder Verbot zu stossen, den Blick nicht durch Mauern eingeschränkt zu haben. Die Ketten sind heute weniger die feudalen Ketten, als die einer rationalisierten, technisierten, bürokratisierten Lebenswelt, in der es keinen Raum mehr für die so gemeinte Freiheit gibt.
Die Suche nach dem Abenteuer entspricht der tiefen Neugier des Menschen, der Sehnsucht nach Überraschungen, nach Vielfalt, nach Neuem. Diese Sehnsucht erwächst vor allem aus der Langeweile, die sich in der Industriegesellschaft gerade wegen ihres Warenüberflusses wie ein schleichendes Gift verbreitet hat. Da die Industrie diese Sehnsucht nach Neuem sehr wohl erkannt hat, versucht sie sie durch stets neue Moden zu befriedigen. Aber die Befriedigung hält für nur immer kürzere Zeiträume an. Das liegt nicht nur daran, dass die Industrie in immer schnellerem Tempo ihre eigenen Produkte durch den Ausstoss weiterer, neuerer Produkte zum „alten Eisen“ macht und wegwirft, sondern auch daran, dass der Reiz des Neuen oft schon mit dem Kaufakt selbst erschöpft ist und die Freude an den gekauften Dingen der Langeweile Platz macht. Sie liegt letztlich am Warencharakter der Dinge selbst, die wir konsumieren.
Die Suche nach Abenteuer ist aber auch eine Reaktion auf die total reglementierte Arbeitswelt, der die meisten Menschen in den Industrieländern unterworfen sind. Es passiert halt kaum „was Neues“! Alles wird Routine. „Metro, Boulot, Dodo“ (Metrofahren, Malochen, Pennen) war der Solagn, mit dem um 1968 diese tödliche Langeweile von französischen StudentInnen und ArbeiterInnen ausgedrückt wurde. Und wie bei der Mode wurde nicht versucht, die Arbeit interessanter zu machen, sondern die Routinearbeiten wurden auch noch Maschinen übertragen, den Computern. Nach der Anfangseuphorie und Faszination macht sich inzwischen dieselbe tödliche Langeweile auch an den Computer wieder breit und die Sehnsucht nach Abenteuer wird umso grösser.
Bei den Männern verbindet sich mit der Suche nach Abenteuer natürlich auch der Wunsch, sich endlich nochmal als richtiger Mann zu fühlen. Und das heisst im patriarchalischen Kontext, sich quasi Brust an Brust als Bezwinger der wilden Natur erfahren zu können, die Grenze immer weiter zu überschreiten. Denn mit fortschreitender technischer Beherrschun der Natur und ihrer Kräfte schwindet fortschreitend diese elementare Erfahrung, sich mit Wasser, Wind, Bergen, Wäldern, wilden Tieren, Erde, Feuer usw. auseinandersetzen zu müssen. Die sogenannten Abenteuer der Wissenschaft beinhalten zwar auch noch jenes Moment des Überwindens der Grenzen, aber hier fehlt natürlich zunehmend die Körper- und Sinneserfahrung.
Die Sehnsucht nach der Kindheit, nach Mütterlichkeit geht meist einher mit einer tiefen Sehnsucht nach Heimat. Paradoxerweise wird diese Heimat sehr häufig in der Fremde, auch in den „unterentwickelten“ Ländern, auf dem Lande, in den Dörfern gesucht. Zur Suche nach Heimat gehört auch immer die emotionale Beziehung zu einer bestimmten Gegend, zu einer Landschaft. Obwohl als Folge der Globalisierung der Wirtschaft und damit der allgemeinen Abwertung der Landarbeit und der Arbeitslosigkeit auf dem Lande der Zug in die Städte als Orte der Zukunft, der Erwerbsarbeit, des Konsums und des modernen Lebensstils vor allem unter der Landjugend anhält, werden die Städte dennoch nicht mit dem Begriff Heimat verbunden. Die Städte sind Orte der Fremde, der Heimatlosigkeit, der Einsamkeit, Anonymität, Gleichgültigkeit, Ungeborgenheit, Kälte, Atomisierung. Die Abkehr vom Land und von der Landarbeit und die Attraktion des urbanen Lebens haben darum als notwendiges emotionales Pendant das Heimweh, die Sehnsucht nach Heimat, nach einer vertrauten Landschaft, nach informellen Beziehungen, nach Geborgenheit, Wärme, usw. Diese Sehnsucht gibt es selbst bei eingefleischten Städtern, die selbst keine direkten Beziehungen mehr zum Land haben. Bei der Fluchtbewegung aus den Städten in der Urlaubszeit spielt auch die Suche nach Heimat eine Rolle. Diese Suche richtet sich dann allgemein auf die Natur, die Landschaft, das dörfliche Leben.
Ein weiterer Inhalt der Sehnsucht nach der Natur, nach dem Land, nach Frauen, nach Exotik ist die Suche nach Schönheit. Offensichtlich befriedigen die Produkte der Industriekultur in den städtischen Konsumparadiesen das tiefe Bedürfnis nach Schönheit nicht, obwohl sie ja immer glitzernder, immer perfekter, immer luxuriöser ausgestattet wird. Wie schon erwähnt, hält die Warenästhetik nicht, was sie verspricht, sondern lässt in kurzer Zeit Langeweile, Ekel oder die Sucht nach stets Neuem zurück. Alle Bemühungen um Stadterneuerung und -verschönerung können das Gefühl – denn hier handelt es sich um Gefühle – der prinzipiellen Hässlichkeit der modernen Städte nicht vertreiben. Gesucht wird eine andere Schönheit, die Naturschönheit, die nicht Kunstwerk und Menschenwerk ist, sondern die unendliche Vielfalt und Veränderlichkeit der Natur, des Himmels, des Wassers, der Landschaft, der Pflanzen, Tiere, des Wechsels der Jahreszeiten widerspiegelt. Im Gegensatz zur Schönheit der Waren wird der Mensch der Naturschönheit nicht überdrüssig, sie langweilt nicht, sondern überrascht immer aufs Neue. Man kann sich täglich an ihr erfreuen, wie am Anblick eines Kindes.
Das Gemeinsame dieser Sehnsüchte ist, dass sie sich alle auf etwas Lebendiges, ja eigentlich auf das Leben im empatischen Sinne richten. Offensichtlich befriedigt die Industriezivilisation, die ja auftrat mit dem Anspruch, über das blosse Überleben, über die Subsistenz hinaus das eigentliche, das reiche Leben, den Überfluss zu schaffen, diese Sehnsucht nach Leben nicht. Der Waren- und Geldreichtum hat im Gegenteil zu einer zunehmenden Verarmung nicht nur im psychischen, sondern auch im materiellen Sinn geführt. Die glitzernden mondernen Städte sind Orte des akuten Lebensmangels: Mangel vor allem an der Erfahrung der lebendigen Zusammenhänge, die eigentlich Leben ausmachen. WIR WOLLEN LEBEN steht darum als Slogan auf manchen besetzten Häusern in unseren Städten. Was hinter dieser Sehnsucht nach Leben steht, ist etwas, was ich die Suche nach dem lebendigen Zusammenhang genannt habe. Die Industriezivilisation hat mehr Leben dadurch versprochen, dass sie die lebendigen Zusammenhänge – oder auch Symbiosen – die Mensch und Natur umfassen, zerstört. Diese lebendigen Zusammenhänge gibt es nicht nur in der Natur sondern auch zwischen Menschen – etwa zwischen Müttern und Kindern, Männern und Frauen und sozialen Gemeinschaften, zwischen den Generationen –, aber ebenfalls zwischen Leben und Tod, zwischen Mensch und Tier und zwischen den verschiedenen Geschöpfen der Natur. Eben diese lebendigen Zusammenhänge werden zerstört, in ihre Einzelbestandteile zerlegt und dann wieder neu zusammengesetzt, entsprechend einer reduktionistischen Wissenschaft. Das Leben hat sich bei diesen Prozessen und ihren künstlichen Produkten zunehmend verflüchtigt. Die Sehnsucht der Ökologiebewegung, der Naturkost- und Naturheilbewegung, vieler Gruppen der Alternativbewegung und auch der Frauenbewegung richtet sich letztlich auf die Wiederherstellung solcher lebendiger Zusammenhänge.
Es wird zunehmend deutlich, dass der Preis für die Emanzipation von diesen lebendigen Zusammenhängen, die ja nie ohne Gewalt vor sich ging, in Einsamkeit, Beziehungslosigkeit, Kälte, Identitätsverlust besteht. Das Streben nach „besserem Leben“, vermittelt über Geld- und Warenbesitz, hat dabei das Leben zerstört. Ein – wenn auch verborgener – Inhalt der Sehnsüchte ist es, sich selbst wieder als integriert in solchen lebendigen Zusammenhängen zu erfahren. Ganzheitlichkeit ist ein anderer Begriff für das, was hier lebendige Zusammenhänge genannt wird.
Die Befriedigung der Sehnsüchte, die sich auf obige (und ähnliche) Inhalte und Orte richten, wird jedoch nicht, wie schon erwähnt, in einer Wiederbelebung solcher Verhältnisse gesucht, in denen diese Inhalte Teil des Arbeits- und Lebensalltags sind, das heisst in einer Subsistenzorientierung, sondern über den Warenmarkt. Die Sehnsucht nach der wilden Natur wird nicht durch Landarbeit befriedigt, sondern durch Erlebnis-Tourismus und Ästhetisierung der Landschaft, die Sehnsucht nach Sexualität und Erotik wird nicht in der Liebe zu wirklichen Frauen befriedigt, sondern durch den Kauf von pornographischen Bildern, oder durch Sextourismus. Die Bedürfnisse nach Heimat, Geborgenheit, Mütterlichkeit, Freizeit, Abenteuer werden nicht durch eigene Arbeit in Kooperation mit der Natur befriedigt, sondern wiederum durch den Kauf und Konsum von Waren. Es geht also nicht, wie oft behauptet wird, um ein „Zurück zur Natur“, um eine Rückkehr in den Garten Eden, in paradiesische, kindliche, vormoderne Zustände, sondern es geht um eine sentimentalistische (Schiller), im Gegensatz zur naiven, Beziehung zu den genannten Inhalten, eine Romantisierung, Idyllisierung und Ideologisierung, die gerade davon lebt, dass diese Inhalte nur als Bilder, als Vorstellungen oder als Simulationen des wirklichen Lebens genossen, voyeurhaft konsumiert werden. Das setzt voraus, dass die Menschen erstens schon von den direkten ganzheitlichen lebendigen Zusammenhängen, zu sich selbst, zu anderen und zur Natur abgetrennt wurden, zweitens, dass sie Geld haben, um diese Sehnsüchte konsumptiv – nicht kreativ – befriedigen zu können. Die „Sehnsucht nach dem, was sie zerstört haben“, bedeutet in der Regel ja nicht, dass die Menschen jetzt prinzipiell Schluss machen wollen mit dem, was die Moderne ausmacht, die Ausbeutung und Beherrschung von Natur zum Zwecke ihrer Verwertung und Vernutzung in der Herstellung von Waren. Sie wollen ja keineswegs aus der Industrie- und Warengesellschaft aussteigen, oder die Industriegesellschaft überwinden, sondern sie verlangen beides: Das Geld und den Warenreichtum der Industriegesellschaft und das Glück jenes ursprünglichen Naturverhältnisses, weiter wachsendes Bruttosozialprodukt und gesunde Umwelt, mehr Autos und mehr Ruhe in den Städten und gesunde Wälder, weitere technische Kontrolle von Schwangerschaft und Geburt durch Medizin-Ingenieure und mehr Selbstbestimmung von Frauen, mehr Geld und Waren und mehr LEBEN im empatischen Sinn.
Da die Industriegesellschaft aber auf grundlegenden dualistischen Spaltungen, grundlegenden Antagonismen zwischen Mensch und Natur, Mann und Frau, Stadt und Land, Metropolen und Kolonien, Arbeit und Leben, Natur und Kultur usw. beruht – Illich nennt sie Apartheid, ich nenne sie Kolonisierungen –, kann das Abgespaltene, real Zerstörte, in den Untergrund Verdrängte und gleichzeitig Ersehnte daher immer nur in sentimentalistischer, romantischer, simulierter Form auf den nach wie vor bestehenden Boden der Moderne draufgesetzt werden, „wie die Sahne auf den Kuchen“. [22] Nichts anderes bedeutet das Gerede von der Post-Moderne oder der Übergang von der Arbeitsgesellschaft zur Kulturgesellschaft.
Da die moderne Industriegesellschaft darauf beruht, dass sie „Natur in zunehmendem Mass verwerten muss, um selbst als moderne Gesellschaft überleben“ zu können, [23] muss das moderne Naturverhältnis zu einem „sentimentalistischen“ werden. Ja, dieses sentimentalistische Naturverhältnis ist unabdingbar abhängig, nicht nur von einer grösseren Distanz zur Natur, die die moderne Naturwissenschaft ermöglicht hat, sondern genauer von der Naturzerstörung, der Zerstörung der verschiedenen lebendigen Zusammenhänge oder Symbiosen, die bisher das Leben auf dem Planeten Erde erhalten haben.[24]
Darum reicht es meines Erachtens auch nicht, darauf hinzuweisen, dass die sogenannte Moderne seit der Aufklärung gekennzeichnet ist von einem Auf und Ab struktureller Ambivalenzen zwischen Rationalität und Irrationalität, Aufklärung und Romantik, Kultur und Natur usw. Verachtung und Verwertung von Natur, Frauen, Wilden, das heisst ihre „Naturalisierung“ einerseits [25] und ihre gleichzeitige Sentimentalisierung und Idealisierung andererseits, die Betrachtung der Natur als Feindin (Merchant) und die gleichzeitige Suche nach der Natur als Freundin. Eder weist besonders auf diese dem mondernen Naturverhältnis seit dem 17. Jahrhundert innewohnende Doppelstruktur hin, vor allem auf die Gleichzeitigkeit der theoretischen Neugierd auf die Natur als Gegenstand wissenschaftlicher Erkenntnis und der Lust an der Natur. Eder redet gar von einem Null-Summen-Spiel.
„Es steigert sich gleichermassen der instrumentelle wie der nicht-instrumentelle Umgang mit der Natur… Der Umgang mit dem ‚Körperlichen‘, das Tier und Menschen teilen, wird Teil einer Geschichte sozialer Kontrolle. Die Verwertung des Körpers findet seine Apotheose in der medizinischen, kriminologischen und psychiatrischen Instrumentalisierung des menschlichen Körpers. Diese Körperlichkeit wird andererseits moralisiert: Sie wird mit Psyche gefüllt und mit Empfindungen versehen. Es entsteht eine neuartige Sensibilität gegenüber der Natur.“ [26]
Was bei dem Diskurs über diese strukturelle Ambivalenz der Moderne ausgeklammert und darum auch weiterhin verschwiegen bleibt, ist die direkte und strukturelle Gewalt, die diesen Prozess der Moderne von den Anfängen bis heute begleitet. Und diese Gewalt kann mit dem Verweis auf Ambivalenzen nicht abgeschafft werden. Denn sie ist der wesentliche Mechanismus, durch den die Natur, die Frauen, die Kolonisierten zu dem verwertbaren „Anderen“ gemacht wurden. Da die Gewalt im Diskurs über die Moderne nicht mit bedacht und thematisiert wird, kann auch nicht erklärt werden, warum die Suche nach „Anderen der Vernunft“ [27] die sentimentalistische Sehnsucht nach der ursprünglichen Natur, nach LEBEN mit den Mitteln der modernen Industriegesellschaft nur zu immer weiterer Zerstörung führen muss. Die westdeutschen Touristen, die an die Sonnenstrände Spaniens und Italiens fliehen, zerstören diese Strände durch ihren Tourismus, die AutofahrerInnen, die aus den Städten in die Natur fliehen, zerstören durch ihre Autoabgase die Wälder, in denen sie sich erholen wollen. Die Sextouristen, die nach Thailand fliehen, zerstören die Frauen (stecken sie z.B. mit AIDS an), bei denen sie sich erholen wollen.
Vor der Sehnsucht kommt die Zerstörung, vor der Romantisierung kommt die Gewalt. Im folgenden soll dieser Zusammenhang an einigen historischen Beispielen aufgezeigt werden.
Vor der Idylle kommt die Gewalt
Frauen
Es ist das Verdienst der neuen internationalen Frauenbewegung, dass sie die direkte und strukturelle Gewalt als den zentralen Mechanismus zur Herstellung Aufrechterhaltung ausbeuterischer und unterdrückerischer das heisst patriarchalischer Mann-Frau-Verhältnisse öffentlich gemacht hat. Dies geschah nicht im Rahmen eines akademischen Diskurses, sondern zunächst im politischen Alltagskampf gegen Vergewaltigungen, prügelnde Männer, pornographische Verherrlichung von Gewalt, sexistische Anmache auf der Strasse und am Arbeitsplatz usw. Hier wurde in neuerer Zeit erstmals im Zentrum der so fortgeschrittenen, angeblich freien und friedlichen Industriegesellschaften der Untergrund von Gewalt und Brutalität sichtbar, auf dem dieses ganze Zivilisationgebäude des „Weissen Mannes“ [28] errichtet worden war, zumindest, was sein Verhältnis zu Frauen betrifft. Veronika Bennholdt-Thomsen war in Deutschland die erste, die das Werk von Elias aus einem feministischen Blickwinkel kritisierte. [29] Erst im Zusammenhang mit dieser politischen Widerstandspraxis (Frauenhäuser, Notrufzentralen etc.) kam auch die Frage nach der Geschichte dieser Gewalt an die Oberfläche. Das führte zu der feministischen Forschung über die Hexenverfolgungen, die ja nicht, wie uns die Aufklärer weisgemacht haben, Auswüchse des finsteren, abergläubischen Mittelalters waren, sondern zeitgleich mit dem Beginn der europäischen Moderne, der Neuzeit, dem Zeitalter der Entdeckungen und Erfindungen stattfanden und bis zur Französischen Revolution andauerten. Diese Orgie der Gewalt, speziell gegen Frauen, ist bisher von keiner der sogenannten unzivilisierten Gesellschaften übertroffen worden, obwohl die Kolonialisten des 19. Jahrhunderts sich vor allem über Witwenverbrennungen, Kannibalismus und Kindestötung in Asien, Afrika und Amerika aufregten.
Die Formen dieser Gewalt, ihre Ursachen und ihre ideologischen Begründungen sind in vielen, neueren feministischen Publikationen dargestellt worden. [30] [31] [32][33][34][35] Deshalb will ich in diesem Zusammenhang nur darauf verweisen, dass diese Gewaltorgie gegen die Frauen des eigenen Volkes, vor allem der ärmeren Klassen, die eigentliche Grundlage für die Herausbildung der modernen Naturwissenschaft, der modernen Medizin, der modernen Ökonomie, des modernen Rechts, des modernen Staates waren. Die Hexen, die vorher als Weise Frauen und Volksärztinnen Teil des gesamten gemeinschaftlichen Zusammenhanges zwischen Mensch und Natur und zwischen den Menschen waren, werden nun selektiert, ausgesondert, aus der menschlichen Gemeinschaft ausgestossen und zur Vernichtung freigegeben. In den Folterungen ihrer Körper vollzieht sich dasselbe moderne Prinzip des Zerteilens, Selektierens, Vernichtens noch einmal.
Carolyn Merchant hat in ihrer Geschichte der modernen Naturwissenschaft nachgewiesen, wie eng die Beziehung zwischen der gewaltsamen Unterwerfung der Frauen in den Hexenpogromen und der gewaltsamen Zerstückelung, Penetration, Unterwerfung der Natur war. Sowohl die Frauen als auch die äussere Natur wurden auf ähnliche Weise „naturalisiert“, das heisst zu blossen Naturressourcen zu oder Produktionsbedingungen für den aufsteigenden Kapitalismus erklärt. [36] [37] Ähnlich erging es den „Wilden“ und ihren Territorien in Amerika, Asien und Afrika als quasi „äusserer Natur“ des Weissen Mannes.
Erst nachdem die Hexen als „böse Frauen“ vernichtet worden waren, konnte im 18. und 19. Jahrhundert das Bild der „guten Frau“ quasi als Kontrastkategorie zu dieser „wilden Frau“ entstehen, nämlich das Bild der gezähmten, dem Manne und dem Staate unterworfenen, gehorsamen Hausfrau und Mutter. Dieses neue Frauenbild stellte die notwendige ideologische Begründung für die neue gesellschaftliche und geschlechtliche Arbeitsteilung zwischen Produktion und Reproduktion, Arbeit und Leben, Produktion und Konsum dar, ohne die der Kapitalismus überhaupt nicht in die Gänge gekommen wäre. [38]
Und erst jetzt beginnt jene romantische Idyllisierung der „guten Frau“, die gleichzeitig die physische, ökonomisch und politisch-gesellschaftlich schwache Frau ist, die „beschützt“ werden muss, die aber vor allem als Mutter und Repräsentantin von Mitmenschlichkeit dafür zu sorgen hat, dass das andererseits von allen Aufklärern akzeptierte Rationalitätsprinzip und das mörderische Konkurrenzprinzip, der wirtschaftliche Kampf aller gegen alle à la Hobbes, Grundlage des modernen Reichtums, der „Zivilisation“, nicht die existenziellen Grundlagen der Gesellschaft zerstört. Die „häusliche“ Idylle in der die „züchtige Hausfrau“ waltet, war nicht nur das phantasierte Wunschbild der Bürger – und später auch der Arbeitermänner –, sondern quasi gesellschaftlich notwendiges Gegenstück zum im „Lebenskampf“ um Erwerb und Profit sich verschleissenden Mann. Die Romantisierung und Idyllisierung der Frau als der „Anderen“ soll mit der schlechten, aber angeblich naturnotwendig so gewordenen Realität versöhnen. Sie verhindert aber geradezu, dass die Ursachen für diese schlechte Realität, nämlich Gewalt, Konkurrenz und Ausbeutung überhaupt ins Bewusstsein dringen. Denn trotz der Sehnsucht nach der Idylle hält der Weisse Mann eisern an dem Mythos der Herrschaft über die Natur, die Frauen, die „Wilden“ als sein geschichtsteleologisch vorgegebenes Programm und die Voraussetzung für Fortschritt, Rationalität, Reichtum, Demokratie und Zivilisation fest. Das bedeutet aber gleichzeitig die Höherbewertung des Mannes gegenüber der Frau, der Produktion gegenüber der Reproduktion, der instrumentellen Vernunft gegenüber Intuition, Gefühl und Erfahrung, dem Tauschwert gegenüber dem Gebrauchswert. Die Idylle wird zwar ersehnt, aber sie ist nach den Massstäben der sich entfaltenden Warenwirtschaft „nichts wert“ – ja, sie darf nicht nach den Kriterien des Marktes bewertet werden, sonst verflüchtigt sich der schöne Schein, der konsumptive Genuss, die phantasierte heile Welt. Nur als Ausgegrenzte und Entwertete – was letztlich auf Gewalt beruht – wurden Frauen, genauer Frauenbilder, zum Zielpunkt aller Sehnsüchte, die in der Konkurrenzwelt der modernen Wirtschaft nicht befriedigt werden. Das ist auch der Grund, warum die Aufklärer (Diderot, Rousseau) die „Natur“ der Frau neu bestimmten, sie auf Emotionalität, Beziehungsarbeit, Mütterlichkeit festlegten, warum sie sie aus dem öffentlichen Bereich, aus der Wirtschaft und der Politik ausgrenzten. Lieselotte Steinbrügge weist zu Recht darauf hin, dass die Frau zur „moralischen Instanz“ einer Gesellschaft gemacht wurde, „die bestimmte, direkt zwischenmenschliche Gefühle aus ihren öffentlichen Verkehrsformen verbannt hat. Sie (die Frau M.M.) wird zum moralischen Geschlecht. Die unmittelbare Weiblichkeit behauptet sich nur noch als weibliches Prinzip… Es geht um den Verbleib der Mitmenschlichkeit in einer Gesellschaft, deren ökonomische Reproduktion auf dem Kampf aller gegen alle beruht.“ [39]
Wir werden sehen, dass diese Sehnsucht nach der Frau, genauer nach dem „Weiblichen“ oder dem „weiblichen Prinzip“ nicht nur jede Welle der Romantik, der Gegenbewegung gegen Aufklärung, Rationalismus, Ausbreitung des Industriesystems begleitet, sondern auch immer drängender wird in unserer Zeit. So dass einige der an der Moderne verzweifelnden Männer gar in diesem „weiblichen Prinzip“ die einzige Rettung sehen (Marcuse, Garaudy, Capra).
Die „Wilden“
Denselben Mechanismus und dieselbe Gleichzeitigkeit von Gewalt und Idyllisierung können wir seit der Zeit der Aufklärung, das heisst dem 17.-18. Jahrhundert in bezug auf die Menschen in den Kolonien beobachten. Der Diskurs über den „guten oder edlen Wilden„, wie die Menschen noch ganz naiv genannt wurden, in deren Gebiet die Europäer eingedrungen waren, ist so alt wie die Gewalt, mit der sie vernichtet, unterworfen, ihrer Autarkie, Freiheit und natürlichen Reichtümer beraubt wurden, und mit der sie aus ihren kommunalen Zusammenhängen herausgerissen und zur Zwangsarbeit im Dienst des Weissen Mannes, seines Fortschritts, seiner Zivilisation herangezogen wurden. [40]
Auch diese Gewaltgeschichte ist von den Aufklärern und ihren Nachfolgern verschwiegen und verdrängt worden. Stattdessen wird nach wie vor der Mythos verbreitet, die europäische Industriekultur, die sich heute über die ganze Welt verbreitet hat, sei ein Ergebnis der überlegenen Intelligenz, der Kopf- und Handarbeit der Europäer. Andere führen rassistische oder klimatische Begründungen an. Marxisten reden oft vom Fortschritt der Produktivkräfte, quasi als sei das ein Automatismus.
Und doch gibt es genügend Analysen, die den engen Zusammenhang zwischen der gewaltsamen Unterjochung und Vernichtung der „Wilden“ und dem Aufstieg des Weissen Mannes nachweisen. Ich möchte hier nur auf die Arbeit von John H. Bodley verweisen, der den Weg der Zerstörung der Stammesvölker durch die industrielle Zivilisation nachgezeichnet hat [41], die bis heute noch nicht zu Ende gekommen ist. In zahllosen Beispielen folgt Bodley der Blutspur des Weissen Mannes und seiner späteren braunen und schwarzen Nachahmer, die alle von dem Mythos beseelt waren, Stammesvölker seien „Wilde“, also auf einer niederen Stufe der gesellschaftlichen Evolution steckengeblieben, es sei das Gesetz der Geschichte, dass sie dem Fortschritt zu weichen hätten. Ein simpler und unverblümter Sozialdarwinismus rechtfertigt die Gewalt, die gegen die „Wilden“ angewandt wurde, als Recht der höheren Zivilisation. Wie Bodley berichtet, wurden die Stammesangehörigen in den Kolonien in Afrika und Amerika in den dreissiger Jahren des 19. Jahrhunderts als Wilde, halbe Tiere, als Untermenschen angesehen, die der Weisse Mann ohne weiteres töten durfte. In Kanada galt z.B. die Tötung eines Indianers als „verdienstvolle“ Tat. Die Einstellung der weissen Siedler in den USA zu den Indianern ist im Satz Sheridans ausgedrückt: „Der einzige gute Indianer ist ein toter Indianer.“
In Südafrika betrieben die frommen holländischen Buren das Töten von Eingeborenen so beiläufig wie die Rebhuhnjagd. Ein Siedler soll voller Stolz geprahlt haben, persönlich 300 Eingeborene getötet zu haben. In Australien wurden die Aborigines im Staate durch Mehl vernichtet, dem man Arsen beigemischt hatte, und 1861 wurde in Westaustralien Strychnin zur Ausrotung der Ureinwohner benutzt. Bodley zitiert Price, der berichtet: „Es war allbekannt, dass die Nigger (black-fellows) wie Krähen abgeschossen wurden und niemand Notiz davon nahm.“ [42]
In Südamerika verhielt es sich nicht anders: „In São Paulo behauptete ein Mann 1888, zweitausend Kaingang-Indianer getötet zu haben, indem er ihr Trinkwasser mit Strychnin vergiftete.“ [43]
In Paraguay sollen weisse Siedler 103 Guayaki-Indianer getötet haben und ihre Leichen als Köder für Jaguar-Fallen benutzt haben. [44]
Diese Heldentaten des weissen Zivilisationsmannes sind aber nicht nur im 19. Jahrhundert geschehen, sie geschehen immer noch weiter. Noch 1971 hielt das wahllose Abschlachten der Guayaki-Indianer durch weisse Siedler, darunter viele Deutsche, die ihre Häuser mit Guayaki-Trophäen schmückten, an. Ais Brasilien wurde 1968 berichtet, dass weisse Viehzüchter im Mato Grosso Indianer-Gruppen durch Arsen und Dynamit und durch Maschinengewehrfeuer aus Kleinflugzeugen vernichteten. Aus Kolumbien wird von ähnlichen Massakern an Indianern durch Viehzüchter berichtet. Bezeichnend ist, dass die Mörder, die 1967 15 Indianer hinterhältig umgebracht hatten, vom Geschworenengericht freigesprochen wurden, „da das Töten von Indianern als gang und gäbe angesehen wurde.“ [45]
Für alle diese zivilisierten Mörder ist kennzeichnend, dass sie kein Unrechtsbewusstsein haben. „Ich glaubte nicht, etwas Verkehrtes zu tun. Es waren ja nur Indianer“, sagte einer der erwiesenen Mörder. [46] Oder ein anderer: „Ich tötete diesen Indianer, da ich wusste, dass uns die Regierung dafür weder massregeln noch für das begangene Verbrechen zur Kasse bitten würde.“ [47]
Indianer, Wilde, Eingeborene, Nigger usw. darf der Weisse Mann, der Mensch, töten, denn sie sind ja Untermenschen und müssen sowieso irgendwann von der Bildfläche verschwinden. Noch vor wenigen Jahren wies der brasilianische Ministerpräsident Sarney mit Empörung die Einmischung der Europäer und US-Amerikaner in die Vernichtung des Regenwaldes am Amazonas und die sentimentale Aufmerksamheit für die dort lebenden Indianer zurück, die doch nur Wilde auf einer primitiven Kulturstufe seien. Die Logik dieses Zusammenhanges zwischen Vernichtung und Barbarei und Zivilisation, (die Zivilisation ist der Ursprung der Barbarei, nicht umgekehrt), Fortschritt, Brutalität und Emanzipation ist seit dem 16. Jahrhundert bis heute die gleiche: Diese Ausrottungspolitik wird moralisch ganz einfach durch das sozialdarwinistische „Recht des Stärkeren“ gerechtfertigt. Nach der Ausrottung der Hereros durch die deutsche Schutztruppe in Südwestafrika drückt der Leiter der Siedlungskommission für das Territorium Paul Rohrbach dies im Jahre 1907 unmissverständlich aus:
„…dass die Eingeborenen von dem Lande, auf dem sie bisher ihr Vieh haben weiden lassen, weichen müssen, damit der Weisse Mann auf diesem selben Land sein Vieh weiden lässt. Wenn man nach dem moralischen Recht dieses Standpunktes fragt, so gilt die Antwort, dass für Völker von dem Kulturstandpunkt der südafrikanischen Eingeborenen der Verlust ihres freiheitlichen nationalen Barbarentums und die Entwicklung zu einer Klasse von Arbeitern, in Lohn und Brot der Weissen, erst ein Existenzrecht im höheren Sinne schafft. Für die Völker gilt es, so gut wie für die Individuen, dass eine Existenz erst in dem Masse berechtigt erscheint, in dem sie nützlich für den Gang der allgemeinen Entwicklung ist. Man kann mit keinem Argument der Welt beweisen, dass die Aufrechterhaltung irgendeines Masses von nationaler Selbständigkeit, nationalem Besitz und politischer Organisation unter den Stämmen Südwestafrikas einen grösseren oder auch nur ähnlichen Gewinn für die Entwicklung der Menschheit im allgemeinen, oder des deutschen Volkes im besonderen bedeutet hätte, wie ihre Dienstbarmachung zur Ausnutzung ihres einstigen Herrschaftsgebietes durch die weisse Rasse.“ [48]
Rohrbach hat klar erkannt, dass der Aufstieg der proletarischen Massen bei den „Kulturvölkern“ Europas nur möglich war, wenn die Eingeborenen Afrikas nicht als Menschen gleichen Rechts angesehen wurden und dem „historischen Gesetz“ der Entwicklung der Produktivkraftentfaltung unterworfen wurden. 1909 schreibt er:
„Ein Recht der Eingeborenen, welches um den Preis verwirklicht werden könnte, dass die Entwicklung der weissen Rasse darüber an irgendeinem Punkt verkümmern müsse, existiert nicht. Die Idee, dass die Bantus, Sudanneger und die Hottentotten in Afrika ein Recht darauf hätten, nach ihrer eigenen Façon zu leben und zu sterben, selbst, wenn darüber unzählige Existenzen bei den Kulturvölkern Europas in einem proletarischen Kümmerdasein stecken bleiben, anstatt dass sie durch eine Vollausnutzung der Produktionsfähigkeit unseres Kolonialbesitzes sowohl selbst zu einem reicheren Dasein emporsteigen, als auch den Gesamtbau der humanen und nationalen Wohlfahrt freier in die Höhe richten helfen… diese Idee ist absurd.“ [49]
- Die „Wilden“ müssen zuerst von ihrem Land, aus ihren Wäldern, von ihrem Territorium vertrieben werden, damit es der Weisse Mann in Besitz nehmen, seine natürlichen Reichtümer ausplündern und in Geldreichtum und Profit verwandeln kann.
- Die selbstversorgende, autarke Subsistenzwirtschaft, durch die sich die Menschen in diesen Gebieten seit Jahrtausenden in Zusammenarbeit mit der Natur erhalten haben, muss zerstört werden. Denn so lange Menschen noch eine relativ intakte Subsistenzbasis haben, sind sie nicht anfällig für die Verlockungen der industriellen Zivilisation. Bodley berichtet von zahllosen Stammesvölkern, die bis heute für die Erhaltung dieser autonomen Subsistenz kämpfen, denen ihre Freiheit und ihre Würde wichtiger ist als die angeblichen Reichtümer und Bequemlichkeiten der Industriemenschen.
- Erst die gewaltsame Trennung der Menschen von ihrem Territorium, erst die gewaltsame Zerschlagung des Gemeineigentums, erst die Zerstörung der kommunalen Clan- und Stammeszusammenhänge, erst die Zerstörung der eigenen Kultur [50] schafft die Voraussetzung für die Faszination des städtischen Konsummodells. Erst dann kann der „koloniale Minderwertigkeitskomplex“ [51], der zu einer Abwertung der eigenen Kultur, der eigenen Lebensweise, der eigenen Stärke führt, seine verheerende Wirkung entfalten und die so Entwurzelten auf den Weg der „nachholenden Entwicklung“ locken. (Auch heute sind noch viele Informierte der Ansicht, dass die Armen im Süden freiwillig ihre Dörfer wegen der Attraktivität der Städte verlassen.)
- Dazu gehört auch, dass den Stammesangehörigen die politische Souveränität über ihr Gebiet abgesprochen wird. Das zu besetzende und auszubeutende Land musste rechtlich-politisch als „leeres Land“ (territorium nullius), „jungfräuliches Land“ angesehen werden. Auch hier ist ein fortschreitender Rückschritt zu beobachten. Während die frühen spanischen und portugiesischen Kolonialisten die nichtchristlichen Völker noch als souveräne „Nationen“ betrachteten, erklärten die Engländer, Franzosen und Deutschen um das Ende des 19. Jahrhunderts, jegliche souveränen Rechte der Stammesvölker in Afrika, Australien und Südamerika für null und nichtig. [52]
Die Etablierung der politischen Herrschaft der Kolonialherren war notwendig, wenn die ökonomische Ausbeutung, die vor allem seit der Expansion Europas auf den Rest der Welt in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts die Grundlage der Industrieentwicklung bei den „Kulturnationen“ wurde, aufrechterhalten werden sollte.
Auch die europäische Arbeiterbewegung hatte nichts gegen diesen Kolonialismus, denn sie erkannte auch, dass ihr eigener Aufstieg zum Niveau der „Kulturmenschen“, dass die Produktivkraftentfaltung in den Industrieländern von der Kontrolle über Kolonien abhing. [53] [54] Wenn die Arbeiter mehr Komfort, mehr Selbstbestimmung haben wollten, dann war es notwendig, dass die „Naturvölker“ der Fremdbestimmung durch die europäischen Herrenmenschen [55] unterworfen wurden.
Die Beziehung zwischen kolonialer Gewalt und Fortschritt war aber – ähnlich wie bei den Frauen – von Anfang dieses Projekts der Moderne begleitet von jener Romantisierung und Idyllisierung des „guten Wilden“ und seiner exotischen, „freien“ Natur. Begriffe wie „Naturmenschen“, „Naturvölker“ – im Gegensatz zur Zivilisation oder den „Kulturvölkern“ – lösen seither eben auch jene positivien Vorstellungen bei den Zivilisierten aus, auf die sich dann die Sehnsucht richtet. Das wird nirgends deutlicher als im Diskurs der Aufklärer, vor allem Diderots und Rousseaus über den arkadischen Urzustand der „Wilden“. Der Enzyklopädist Diderot sieht in dem gerade vorher „entdeckten“ Tahiti den Ort, wo sich die menschliche Natur in ihrer Fülle entfalten kann, das heisst wo der zivilisierte Mann die menschliche Natur im positiven Urzustand studieren kann, wo es kein Eigentum, keine Hierarchie, vor allem keine sexuelle Repression gibt. Tahiti wird zum Ort des „Goldenen Zeitalters“, auf den und auf das alle Freiheits- und Glückserwartungen der Zivilisierten projiziert wurden, die offensichtlich in der – damals noch feudal organisierten – Gesellschaft nicht erfüllt werden konnten. Gleichzeitig ist Tahiti oder das arkadische Zeitalter aber auch das Bild der Zukunft. Denn seither richten sich die utopischen Vorstellungen von einer glücklicheren, menschlichen Gesellschaft an jenem vergangenen Goldenen Zeitalter aus. Die Vergangenheit liefert das Bild der Zukunft.
Die Verbindung zwischen Tahiti als dem Ort jenes glücklichen Urzustandes und dem angestrebten neuen bürgerlichen Goldenen Zeitalter, stellt die Einordung der Menschengeschichte in die Naturgeschichte dar, wie sie vor allem von Rousseau vorgenommen wurde. Die Natur wird historisiert und verschiedene Menschen – die Frauen, die Wilden – werden naturalisiert. [56] Für Rousseau sind Frauen und Wilde allerdings nicht nur naturgeschichtlich ausgeschlossen von Raissonnement und Konkurrenzkampf, sondern sollen auch in der zukünftigen Gesellschaft jene natürlichen, „wilden“ Eigenschaften wie Gefühl, Mitmenschlichkeit, Spontaneität, Wärme etc. verkörpern, ohne die die moderne rationale Männergesellschaft sich durch ihre eigenen Prinzipien und Institutionen – Kapitalakkumulation, Eigentum, Eigeninteresse und Konkurrenzprinzip – zugrunde richten würde. Die Wilden und die Frauen müssen also als komplementäres Gegenstück und Gegenbild auf einen sogenannten Naturzustand festgeschrieben werden. Da die Menschheitsgeschichte als Naturgeschichte sich nach den Vorstellungen der Aufklärer in aufsteigender Stufenleiter linear „nach oben“ entwickelt, werden bei Rousseau Frauen, wie Wilde, auf die zweite Stufe des Naturzustands, das „Goldene Zeitalter fixiert“. Dort sollen sie bleiben, um dem Zivilisationsmann nicht nur die Naturbasis zu seiner eigenen Reproduktion zu erhalten, sondern auch jene Mitmenschlichkeit, ohne die er selbst nicht überleben kann. [57]
Allerdings ist bei Rousseau und anderen Aufklärern kaum die Rede von der Gewalt, die dem Fortschritt der reflektierten, raisonnierenden modernen Vernunftmänner vorausging und sie begleitete. Das Verhältnis von Gewalt und Rationalität, Fortschritt und Selbstbestimmung; Gewalt und Emanzipation ist der eigentliche rote Faden, der sich von Anfang der Moderne bis heute durch ihre Realgeschichte zieht. Um den strukturellen Charakter dieses polarisierenden Verhältnisses richtig zu verstehen, genügen aber Begriffe wie Ambivalenz, Widerspruch oder gar Dialektik nicht. Eine dialektische Sicht dieses Verhältnisses geht nämlich immer noch davon aus, dass sich der jeweilige „Knecht“ (Hegel) – in diesem Falle die „Wilden“ – in einem Kampf auf Leben und Tod gegen den „Herrn“ (den Weissen Mann) durchsetzen und so zu einer neuen, höheren, gesellschaftlichen Synthese beitragen wird. Diese dialektische Sicht der Geschichte akzeptiert die heutigen Opfer als notwendig für eine bessere Zukunft. Nur: diejenigen, die von dieser Zukunft profitieren sollen, sind nicht diejenigen, die heute die Opfer bringen. Diese Dialektik funktioniert vor allem dann nicht, wenn das Opfer das des eigenen Lebens und der eigenen Lebensgrundlage ist. Das ist einer der Gründe, warum zunehmend Stammesvölker und andere Gemeinschaften in der Dritten Welt sich gegen die weitere Zerstörung ihrer Subsistenzbasis und gegen die Verlockungen des Kapitalismus wenden. [58] [59]
Sie wissen, dass sie nicht einmal in den Genuss der zweifelhaften Segnungen des Fortschritts kommen werden. Die durch Dammbauten vertriebenen Bauern und Stammesleute in Asien und Lateinamerika bekommen nicht einmal eine ausreichende Geldkompensation, geschweige denn neues Land oder Arbeitsplätze oder gar Anteil an der Elektrizität, die durch die Dämme erzeugt werden soll, z.B. die Narmada-Dämme in Indien. [60]
Darum richten sich ihr Protest und Widerstand zunehmend gegen das gesamte Entwicklungsprojekt, das hinter solchen Projekten wie Dämme und Tourismus steht. Für sie ist das Verhältnis Gewalt zu Fortschritt in keinem Sinne ein dialektisches, sondern nur ein polarisierendes. Sie sind die Verlierer, nicht nur jetzt, sondern auch in Zukunft. Die anderen – die Herrenmenschen, die über die Gewaltmittel verfügen – sind die, wenn auch selbst betrogenen, Gewinner. Die historische Rechung, die Herr Rohrbacher aufmachte, dass die gewaltsame Unterwerfung der Eingeborenen und der Verwertungsinteressen der kapitalistischen Wirtschaft der Weissen Herren auch den Unterworfenen letztlich ein reicheres, höheres, menschlicheres, freieres Leben „in der Zukunft“ ermöglichen würde, ist bis heute nirgends in der Welt aufgegangen. Im Gegenteil, die Schere zwischen den reichen Industrienationen und den hinunterentwickelten armen Ländern klafft immer weiter auseinander. Die Utopie der Moderne, die Utopie der nachholenden Entwicklung hat die Opfer betrogen. Sie kommen nie „oben“ an.
Die Natur
Der dritte „Ort“, auf den sich die Sehnsucht richtet, ist das Land, die Landschaft, oder zusammenfassend: die Natur. Die Sehnsucht nach der Natur ist der allgemeinste Ausdruck für das, was bei den Frauen, den „Wilden“ gesucht wird. Und gerade hier wird deutlich, dass dieser so sehnsüchtig aufgeladene Naturbegriff schon ein Resultat jener Zerstörungsgeschichte ist, die die Moderne begleitet. Das wird nirgendwo deutlicher als in der modernen Natur- und Landschaftsästhetik und im modernen Naturschutz. Wie Lucius Burckhardt in seinem „Faltplan für die Fahrt nach Tahiti“ schreibt;
„Nur wo der Mensch die Natur zerstört hat, wird die Landschaft wirklich schön. … Tahiti wird nicht deshalb friedlich, weil der Löwe mit dem Schaf zusammen graste, sondern weil es in Wirklichkeit ein Schlachtfeld war.“ [61]
Claudia von Werlhof weist darauf hin, dass bei dieser Schaffung des Naturschönen auf dem Boden der Schlachtfelder der Moderne das Schöne nur das von Menschenhand Geschaffene ist:
„… was nicht soeben aus Menschenhand geworden ist, ist das Nicht-Schöne. Es darf daher geplündert, geplant, planiert werden und wird dann schön gemacht, als ob es eine Leiche zu schminken gelte… Das nun Schöne war das ehemalige Nicht-Schöne. Die Verschönerung setzt die Beschädigung voraus.“ [62]
Wer denkt hier nicht an „Dorfverschönerung“, nachdem die bäuerlichen Familienbetriebe vernichtet worden sind. Derselbe Zusammenhang ist bei der Landschaftsplanung und Landschaftspflege zu beobachten. Sie funktioniert im Sinne einer kosmetischen Verschönerung. Dabei wird aber auch verschleiert, wer eigentlich diese kosmetische Verschönerung der Leiche Natur verursacht hat. Oder genauer: die Opfer dieses Zerstörungs- und Verschönerungsprozesses erscheinen plötzlich als die Schuldigen. Nicht die Industriekapitalisten sind es, nicht die chemische Industrie, nicht der Staat mit seiner neuen, am kapitalistischen Wachstumsmodell orientierten Agrarpolitik sind die Verursacher der Zerstörung der angeblich ursprünglichen Natur, sondern die Bauern sind es, die durch Pestizid- und Düngemitteleinsatz und durch industrialisierte Landwirtschaft die Landschaft kaputt machen. Und Städter sehen es dann als ihre Aufgabe an, aus dieser Landschaft wieder eine „Naturlandschaft“ zu machen. [63]
Ähnlich ist es mit den Menschen in den Kolonien. Nomadenstämme im Sahel werden für ökologische Zerstörung in diesem Gebiet verantwortlich gemacht, weil sie durch Überweidung zur Dürrekatastrophe beitrügen. Den armen Frauen in Afrika und Asien wird die Schuld für die Vernichtung der Wälder und die folgende Bodenerosion zugeschoben, weil sie auf der Suche nach Brennholz in immer höher gelegene Waldgebiete vorstiessen und auch keine Rücksicht mehr auf die natürlichen Produktionszyklen des Waldes nähmen. Den brandrodenden Stammesbewohnern wird auf der ganzen Welt die Zerstörung der tropischen Regenwälder zugeschrieben. Die Holzfirmen, die Möbel-, die Sport- und Papierindustrie, die Viehzüchter- und Fleischproduktionskonzerne, die Fast-Food-Ketten, die Agrarindustrie und schliesslich die überfütterten Konsumenten in den Industrieländern tauchen bei der Schuldzuweisung meist gar nicht auf. Als All-Erklärung dient lediglich der Bevölkerungsdruck. Und wiederum sind es städtische, inzwischen ökologisch erwachte Mittelklasseangehörige, die für den Schutz der Natur in den Kolonien eintreten: den Schutz der Tierwelt, den Schutz der Regenwälder, den Schutz der Stammesvölker. Bekanntlich wird ja inzwischen die Verschuldung der „Dritten Welt“ für einen neuen Ökokolonialismus genutzt, vor allem durch die „Debt-for-Nature-Swaps“. Internationale Umweltorganisationen kaufen einen Teil der Schulden eines Landes von den Gläubigerbanken und bekommen dafür von den Schuldnerländern das Recht zugebilligt, bestimmte Gebiete ihres Territoriums unter Naturschutz zu stellen.
Embryonenschutz
Am deutlichsten tritt jene merkwürdige Umkehrung der Schuldzuweisung im Zusammenhang mit der Frage der Abtreibung und den neuen Reproduktionstechnologien zutage. Nicht die patriarchalen Geschlechterverhältnisse, nicht die Kinderfeindlichkeit der modernen Industriegesellschaft, nicht die immer noch bestehene Unvereinbarkeit von Mutterschaft und Erwerbsarbeit, nicht der krasse Utilitarismus, die Gier nach Wirtschaftswachstum, Geld und ungebremstem Warenausstoss gelten als Feinde des ungeborenen Lebens, sondern ausgerechnet die Frauen selbst, die Mütter, vor denen nun die Embryonen geschützt werden sollen. Nicht nur sogenannte konservative Lebensschützer machen sich zu Anwälten der ungeborenen Embryonen gegen die Mütter, sondern auch angeblich progressive und liberale Wissenschaftler und der Staat. Krassester Ausdruck dieser Perversion des Denkens ist der Entwurf eines Embryonenschutzgesetzes, das 1992 im Parlament verabschiedet wurde. Da die modernen Reproduktions- und Gentechnologien den lebendigen Zusammenhang, die Symbiose, die eine schwangere Frau darstellt, technisch auseinander nehmen, in seine reproduktioven und genetischen Bestandteile zerlegen und wieder neu zusammenkombinieren – dies gilt als wünschenswerter Fortschritt –, tritt gleichzeitig die Möglichkeit des Missbrauchs, der unzulässigen Manipulation auf. Hier nun soll der Staat die Embryonen nur nur von den Müttern, sondern auch vor solchem Missbrauch schützen. Doch wie andere ähnliche Schutzgesetze (Naturschutz, Tierschutz, Artenschutz, etc.) richten sie sich nicht gegen diese zerstörerische Technologie als solche, sondern ermöglichen ihr erst auf diese Weise eine allgemeine, legale Akzeptanz und damit die ungehinderte, kommerzielle Nutzung und Industrialisierung der Fortpflanzungsvorgänge. [64]
Mit Recht fragt Claudia von Werlhof, vor wem die Natur, die Pflanzen, die Tiere, die Kinder, die Frauen, das Leben usw. geschützt werden muss.
„Wieso ist die Natur, sind Pflanzen, Tiere, Frauen und Kinder sowie das Leben überhaupt da, wenn sie nicht immer geschützt wurden… Wieso ist Schutz auf einmal nötig? Der Naturschutz beginnt im 18. Jahrhundert, ausgerechnet dem Zeitalter der Aufklärung, der Helligkeit, der Erklärung der allgemeinen Menschenrechte, der Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Wie passt das zusammen? Wer hat die Natur … und das Leben plötzlich angegriffen, so dass sie gerade nun auf einmal des Schutzes bedürfen?“ [65]
Was geschützt werden muss, ist vorher einem Angriff, einem Krieg ausgesetzt gewesen:
„Naturschutz beschäftigt sich mit dem Resultat des Eingriffs der Menschen in die Natur, der dadurch, dass er einen Schutz nötig macht, ein Angriff sein muss. Naturschutz müsste also eigentlich den Eingriff oder Angriff verhindern, seine Folgen wieder gutmachen können und/oder den Ein- bzw. Angriff in sein Gegenteil verwandeln, nämlich in eine Liebkosung.“ [66]
Aber genau darum geht es nicht bei all den Schutz-Bestimmungen, angefangen beim Naturschutz bis zum jetzt gerade diskutierten „Embryonenschutz“. Der Angriff, die Eingriffe, der Krieg gegen die Natur, einschliesslich der menschlichen und hier vor allem der weiblichen Natur, sollen nicht aufhören, denn damit käme ja das wunderbare Projekt des Weissen Mannes, sein Zivilisationsmodell, die „Moderne“ an ein Ende. Es geht also nicht um einen wirklichen Frieden mit der Natur, sondern nur um den schönen Schein von der Natur, um Naturbilder. Nur in der ästhetisierten, voyeurhaften Simulation von Natur kann das antagonistische Verhältnis zwischen Mensch und Natur, das die Geschichte der Neuzeit bestimmt, harmonisiert werden. Denn im „Traum von der Natur“ wird gleichzeitig die Unabhängigkeit des Menschen von der Natur – die Leitidee der modernen Naturwissenschaft –, wie seine imaginierte Lust an der Natur gefeiert. Allerdings eben nur als schöner Schien, als Museum oder Reservat.
Dieser Zusammenhang wird auch an Tschernobyl deutlich, das für 1000 Jahre unbetretbar geworden ist und nach den Plänen sowjetischer Wissenschaftler nun zu einem „Naturmuseum“ gestaltet werden soll. (FR. 29.8.89) [67] Nur so kann Natur zur abstrakten Idee werden, sowohl für die Progressiven wie für die Konservativen. Beiden geht es nicht um ein Ende des tatsächlichen Kriegszustands zwischen Mensch und Natur, Mann und Frau, Metropolen und Kolonien. Die Sehnsucht nach dem Zerstörten und die Schaffung von geschützten Reservaten und Museen, die Suche nach dem verlorenen Arkadien als „schöner Schein“ soll einmal die Verursacher und Nutzniesser dieses Krieges vor öffentlicher Kritik schützen und weiterhin die hässliche Seite der Moderne, den gewalttätigen Interessenkampf aller gegen alle, den beliebigen, gleichgültigen, unlebendigen, maschinenhaften Charakter der Warenwelt durch den Schein des ursprünglichen spontanen Lebens erträglicher machen. Und dieser Schein lässt sich umso besser vermarkten, je unerträglicher selbst für die Nutzniesser der Moderne die Segnungen der Zivilisation werden.
Doch dieser Schein ist nicht zu haben ohne vorherige und gleichzeitige Zerstörung der lebendigen Zusammenhänge, in die wir als Naturwesen mit anderen Naturwesen eingebunden sind. Fortschritt bedeutet nichts anderes als diese gewaltsame Zerstörung solcher Zusammenhänge und Kreisläufe, die Neuzusammensetzung der auseinandergerissenen Teile zu Maschinen [68] und auf diese Wiese Herrschaft über die Natur. Zunächst ist Fortschritt ein „Fortschreiten von der Natur“ (C. v. Werlhof), ein Sich-Entfernen aus solchen Zusammenhängen und Symbiosen. Und genau diese Entfernung wird als emanzipatorischer Schritt, als Weg von der Natur zur Kultur, vom Reich der Notwendigkeit zum Reich der Freiheit, von der Immanenz zur Transzendenz gesehen. Vergessen wird die Tatsache, dass auch der moderne Fortschrittsmensch von Frauen geboren wird, Nahrung zu sich nehmen muss, die aus der Erde kommt, und dass er stirbt. Und ferner, dass er nur so lange lebendig, heil und glücklich ist, solange er in solchen lebendigen Zusammenhängen bleibt. Solche lebendigen Zusammenhänge lassen sich aber weder durch Ästhetisierung noch durch Landschafts-, Natur-, Tier-, Pflanzen-, Mütter-, Kinder-, Embryonen-, etc. Schutz wiederherstellen – noch auch durch eine blosse Spiritualisierung, sondern durch ein anderes, liebendes, Zusammen-Arbeiten mit der Natur, die, wie wir, ein vielfältiges, lebendiges, beseeltes Wesen und nicht nur Rohstoff ist.
Die faschistische Besetzung der Sehnsucht
Seit der Aufklärung – besonders aber seit dem 19. Jahrhundert – ist die Natur, und alles für das sie steht: das Land, das Dorf, die Bauern, die Frauen allgemein und die Mütter im besonderen, Heimat, die „Naturvölker“ zum beliebten Streitobjekt zwischen den politisch-ideologischen Lagern geworden, den sogenannten (ich sage „sogenannt“, weil ich der Auffassung bin, dass diese Lager sich im Kern weniger unterscheiden als dies auf der Oberfläche erscheint) Konservativen und den sogenannten Progressiven, das heisst den Linken und Liberalen. Beide gehen von einem scheinbar diametral entgegengesetzten Naturbegriff aus. Die Progressiven, die sich als Fortsetzer und Vollstrecker der rationalistischen Bewegung des 17. Jahrhunderts verstehen, sehen in der Natur die Feindin, die durch Wissenschaft und Technik, marxistisch gesprochen durch die Entwicklung der Produktivkräfte, unterworfen und in den Dienst des Menschen gestellt werden muss.
„Die moderne Rationalität befindet sich in einem erbitterten Kampf gegen die alte Welt, die sie sich ihrer Dressur unterwerfen will. Die Wildnis, die nichtkultivierte Natur steht auf der Gegenseite der Vernunft, ist ihr Feind, der unterworfen werden muss.“ [69]
Im Gegensatz dazu sehen konservative Kritiker die Natur als Freundin, als gute Mutter, die vor der bloss utilitaristischen Verwertung und Vernutzung durch den Industriekapitalismus geschützt werden sollte. Allerdings, wie wir sahen, nur in Teilbereichen: in Biotopen, Landschaftsgärten, Museen und durch Ästhetisierung und Romantisierung und den Schutz der Natur. Diesen beiden Naturauffassungen entsprechen zwei unterschiedliche Formen der Kapitalismuskritik, der linken und der konservativen, die, nach Sieferle, auch von zwei spiegelbildlich verkehrten Utopien ausgehen, „einmal auf die Zukunft, das andere Mal auf die Vergangenheit projiziert.“ [70]
Die konservative Zivilisations- und Kapitalismuskritik, ihre Romantisierung und Idyllisierung vormoderner, vorkapitalistischer, vorwissenschaftlicher Zustände und Inhalte wird seit dem 19. Jahrhundert bis heute von Linken und Liberalen als reaktionär, irrational, fortschrittsfeindlich, maschinenstürmerisch und – seit den Erfahrungen des Hitlerregimes – als potentiell faschistoid denunziert, aber nicht erklärt. Besonders die Linke hält an der Marx’schen Geschichtsphilosophie fest, wonach fortschreitende Naturbeherrschung und Entwicklung der Produktivkräfte die Grundlage für politische Emanzipation aus veralteten gesellschaftlichen Verhältnissen – Produktionsverhältniisen – ist. Dieser Fortschritt, diese Höherentwicklung wird wie ein sich quasi naturgesetzlich vollziehendes, notwendiges Geschehen angesehen, das durch angeblich nur rückwärtsgewandte, romantische Gegenbewegungen nicht aufgehalten werden kann. „Es gibt doch in der Geschichte kein Zurück“, kann man oft hören.
Dabei werden Gefühle, wie Trauer um die zerstörte Natur, um die verlorene Heimat, die Sehnsucht nach Geborgenheit, Unmittelbarkeit, Spontaneität, Lebendigkeit, Freiheit häufig mit Frauen und Müttern assoziiert. Gefühle der Angst vor der Zerstörung unserer natürlichen Lebensgrundlagen, Gefühle der Verzweiflung über die tote, maschinenmässige Industriekultur, Gefühle der Entsinnlichung und Sinnlosigkeit der Arbeit, die Angst vor Industriekatastrophen wie Tschernobyl, die Verzweiflung der Mütter über diese Katastrophen, solche Gefühle werden von Liberalen und Linken häufig immer noch als blosse Hysterie, als Irrationalismus, als Fortsetzung der anti-rationalistischen, anti-revolutionären und letztlich reaktionären konservativ-romantischen Tradition des 19. Jahrhunderts angesehen. Diese Art von einfachem, dichotomischem Rechts-Links-Denken schiebt damit alle oben aufgezählten Inhalte und die durch sie mobilisierten Gefühle einfach in die rechte Ecke. Diese Gefühle und Sehnsüchte fanden und finden sich jedoch nicht nur beim gelangweilten, städtischen Bildungsbürgertum, sondern wurden auch von den „proletarischen Massen“ geteilt. Christel Neusüss hat nachgewiesen, dass die Rationalisierungsdebatte der SPD in der Weimarer Republik, bei der es hauptsächlich um die Durchsetzung des Fordistischen Produktionsmodells, um die Umstrukturierung der Arbeit zugunsten der Kopfarbeit und um eine Entwertung der Handarbeit ging, entsprang nicht nur dem Interesse, ein grösseres Stück vom Kuchen des Profits abzubekommen, sondern ebenfalls jenen Gefühlen der Trauer, der Entfremdung, des Getrenntseins von „Mutter Natur“, vom eigenen Körper, der Enteignung der sinnlichen und sinnvollen Arbeit. Doch die SPD und auch die KPD haben diese Gefühle entweder gar nicht wahrgenommen oder sie eben, wie schon gesagt, als bloss irrational und faschistoid-reaktionär abgetan. Damit haben sie diesen ganzen Gefühlskomplex, der hier mit der Metapher Natur-Sehnsucht umschrieben wird, einfach den Faschisten überlassen. Sie waren nicht in der Lage, ihn in ihre eigene Utopie zu integrieren. [71]
Die Faschisten jedoch haben alle diese Gefühle, Sehnsüchte und Topoi „besetzt“ und für ihre Utopie einer organizistischen, neuen Gesellschaft genutzt. Der Erfolg der Nationalsozialisten, die Zustimmung, die sich bei den Massen fanden, die Hoffnung, die sie für viele – auch Arbeiter – darstellten, die Tatsache, dass sie durch reguläre Wahlen an die Macht kamen – all das lässt sich meines Erachtens nicht erklären, wenn man nicht die Geschichtsmächtigkeit jener Gefühle und Inhalte, ihre tatsächliche Verankerung in unserer eigenen Existenz in die Analysen miteinbezieht.
Dieses Einbeziehen geschieht aber gerade nicht, wenn diese Inhalte und Gefühle nur denunziert werden. Nach der moralischen Niederlage des Faschismus geschieht das permanent dadurch, dass die Beschäftigung mit diesen Komplexen durch Linke und Liberale sehr schnell in die Nähe des Faschismus gerückt wird. Dieser explizite und implizite Faschismusverdacht, der sich inzwischen auch gegen viele Grüne richtet, wirkt inzwischen wie ein Denk- und Handlungsverbot, das vor allem verhindert, dass über die brennenden Fragen der Zeit anders als bisher nachgedacht wird. Jeder Versuch der Eröffnung eines anderen Blicks auf die Natur, die Frauen und die kolonisierten Völker wird sehr schnell mit einem „Déja vue“ abgetan. Das haben wir ja alles schon mal gehabt, das ist ja nichts Neues, das hat ja die Romantik, die Lebensphilosophie, die Lebensreform, die alte Natur- und Heimatschutzbewegung auch schon so oder ähnlich gesagt. Wer sich mit Natur, Bauern, Heimat, Müttern und Kindern befasst, setzt angeblich nur reaktionäre und faschistoide Traditionslinien fort. [72] In der Frauenbewegung ist dieses sterile Rechts-Links-Schema, oder dieses Hinken nach beiden Seiten – mal auf dem rechten, dann auf dem linken Bein – besonders an der Anti-Atombewegung der Mütter nach Tschernobyl und im Zusammenhang der Auseinandersetzung um das Müttermanifest von Teilen der Frauen bei den Grünen noch einmal klar zutage getreten. [73] Dieser Déja-vue-Standpunkt, vor allem in der Frauenbewegung, ist dadurch gekennzeichnet, dass er sich wieder auf den alten, positivistischen, distanzierten – und leicht blasierten – Wissenschaftsbegriff zurückzieht, der nach wie vor an der Subjekt-Objekt-Trennung festhält, die Frauenbewegung lediglich als Forschungsgegenstand betrachtet und so verakademisiert. [74]
Duch die Denunzierung der Mütter und der Mütterlichkeit wird eine andere als die bisherige Auseinandersetzung mit der Tatsache, dass Frauen Mütter sein können, verhindert. Dadurch, dass alle Frauen, die sich mit der „Mütterfrage“ befassen, in die rechte Ecke gestellt werden, wird ausserdem verschleiert, dass ja nicht diese angeblich irrationalen Mütter vom Faschismus profitiert haben, sondern umgekehrt die dem Rationalismus verpflichteten Wissenschaftler, die Juristen, Beamten und die Industrie. Da die Linken den Rechten diese Topoi für ihre Propaganda und ihre Utopie überlassen, kann sich der Natur, Frauen und fremde Völker gewaltsam unterwerfende Industrienationalisms und -kapitalismus umso ungehinderter entfalten. Die linken und liberalen KritikerInnen jener „aus dem Bauch“, wie es heisst, agierenden Gegenbewegungen haben bis heute keine andere Utopie als die anzubieten, die auf fortgesetzter Naturzerstörung basiert.
Es gehört allerdings inzwischen zum guten Ton jener Richtung, die sich post-modern nennt, auf Utopien ganz zu verzichten, da ja alle bisher gescheitert seien. Und wer kann nach dem Zussamenbruch des realexistierenden Sozialismus noch so vermessen sein, noch einmal einen Gegenentwurf zur heutigen Gesellschaft auszudenken, wenn alles ja schon da war, wenn es eh nichts Neues unter der Sonne gibt, wenn das „Ende der Geschichte“ gekommen ist (Fukuyama). Darum ist auch aus der Déja-vue-Richtung kein Hinweis auf Hoffnung auf eine mögliche Alternative zu finden. Man/frau beschränkt sich auf die kritische Kritik, ohne einen eigenen neuen Gedanken oder eine Position zu formulieren. So kann man/frau sicher sein, immer auf der richtigen Seite zu stehen. Denn es ist in der Tat dieser verzweifelte Nihilismus, diese blasierte und auf dem Hintergrund der realen Verhältnisse zwischen Industrieländern und armen Ländern häufig nur affektiert wirkende Hoffnungslosigkeit, die wieder einmal den Weg ideologisch frei macht für die oben erwähnte faschistische Besetzung und Ausnützung jener tiefgreifenden Gefühle und Inhalte einerseits und andererseits für die ungebremste kapitalistische Vernutzung und Verwertung genau jener Sehnsüchte und ihrer Orte. Für Frauen heisst das inzwischen die Verwertung und Industrialisierung ihrer Gebärfähigkeit und ihres Körpers. Von Frauen noch als von „Müttern“ zu reden, von Menschen als von „Frauen Geborenen“ wird angesichts des rasanten „Fortschritts“ der Gen- und Reproduktionstechnologien immer obsoleter, altmodischer, ja, im Sinne jener KritikerInnen immer „reaktionärer“, „essentialistischer“. Wer heute für die Natur, für die Frauen, die Mütter eintriff und nichts mehr von dem janusköpfigen Fortschritts-Rückschritts-Paradigma, das Rechte und Linke vereint, hält, wird verdächtigt, feudal-patriarchale Verhältnisse wieder herstellen zu wollen, oder gar vom Ökofaschismus angesteckt zu sein. Ein anderes Denken als in diesen linearen Vorwärts-Rückwärts-Kategorien scheint vielen nicht möglich. Doch angesichts der realen Bedrohung unserer realen, auch der materiellen Existenzgrundlagen, ist es an der Zeit, diese antagonistischen Dualismen (Plumwood) zwischen „guter“ und „böser“ Natur, zwischen „Rationalität“ und „Irrationalität“, zwischen „Subjekt“ und „Objekt“ – dem „Ich“ und dem „Anderen“, der „Natur“ und der „Kultur“ aufzugeben. [75] Sie bringen uns nicht mehr weiter. Die Natur ist, wie Claudia von Werlhof schreibt, weder gut noch böse, sondern sie ist vor allem lebendig, wie wir selbst lebendig sind. Und dass sie, wie die Indianer sagen, „unsere Mutter“ ist, eben nicht bloss Materie, Rohstoff, „sondern geistig beseelte Materie, sich materialisierender Geist. Wir haben vergessen, dass wir das, was wir ihr antun, uns selbst antun.“ [76]
Vom „schönen Schein“ zur Wirklichkeit: Die Erhaltung und Wiedergewinnung der Subsistenz
Wie wir sahen, richtet sich die Sehnsucht der Menschen in den Industrieländern auf das, was vorher im Zuge der Industrialisierung notwendigerweise zerstört worden war. Allerdings führte die Suche nach Ganzheit, nach Wiederversöhnung mit diesen zerstörten, abgespaltenen, ins „Irrationale“ verdrängten Teilen der Wirklichkeit nicht dazu, diesen mörderischen Modernisierungs- und Industrialisierungsprozess als solchen in Frage zu stellen. Die Wiederversöhnung mit der geknechteten Natur geschah in der Vorstellung, die Wiederzusammenfügung der abgetrennten Teile zu einem Ganzen sollte die Kunst liefern, das Naturganze erschien als Tableau. Sinnlichkeit und Vernungt sollten durch das Spiel, die Ästhetik, die Kultur wieder vereint werden.
Aber die harte Welt der Arbeit, der Produktion, der Konkurrenz und Interessengegensätze, der Wirtschaft und Politik blieb ausgespart. Der wissenschaftliche Sozialismus und mit ihm alle Fortschrittsfreunde sahen zwar ebenfalls die Zerstörungen, die der Industrialismus anrichtete, vor allem an den Menschen, die er zu blossen Arbeitsmitteln degradierte. Im Gegensatz zu den konservativ-romantischen Fortschrittsfeinden suchten sie die Versöhnung zwischen Mensch und Natur jedoch nicht als Illusion, sondern in der harten historischen Wirklichkeit, und zwar durch den dialektischen Geschichtsprozess selbst, der, angetrieben durch den auf dem Privateigentum beruhenden Trieb zur Profitmaximierung, den Widerspruch zwischen gleichzeitiger Steigerung des Reichtums auf der einen und des Elends auf der anderen Seite, zwischen Arbeit und Kapital, so vorangetrieben habe, dass nun die Aufhebung dieses Widerspruchs historisch angesagt sei. Mit der Aufhebung des Privateigentums im Kommunismus solle auch das Ende der Entfremdung des Menschen von seiner wahren Natur, die Versöhnung zwischen Mensch und Natur eingeläutet werden. Diese Versöhnung sei dann nicht mehr nur schöner Schein, romantischer Traum und sentimentalistische Tröstung, sondern wirkliche Lebenspraxis.
Wie wir heute erleben, sind aber nicht die Opfer dieses gigantischen Zerstörungsprozesses der Zivilisation betrogen worden, die diversen Kolonien des Weissen Mannes, einschliesslich der Arbeiter, sondern auch seine Nutzniesser am anderen Ende dieser polarisierenden Beziehung. Dazu zählen nicht nur die Kapitalisten und die Mittelklassen in den reichen Industrieländern, sondern auch die Arbeiter in diesen Ländern, auch die Frauen. Doch auch in den ehemaligen realsozialistischen Ländern hat sich mehr und mehr das Bewusstsein ausgebreitet, dass die sozialistische Utopie nicht gehalten hat, was sie versprochen hat – nämlich Reichtum an Gütern und gleiche Verteilung dieses Reichtums. Da diese Utopie sich aber qualitativ nicht von der des Industrialismus unterscheidet und die Menschen inzwischen an der Strategie der „nachholenden Entwicklung“ verzweifeln, sie ausserdem nicht mehr auf eine Kompensation für ihr materiell armes Leben in einem spirituell reichen Jenseits hoffen, fliehen sie in die kapitalistischen Länder als den Orten des realen Schlaraffenlandes, an der realisierten Utopie der Moderne. Hier erhoffen sie die Freiheit, das Glück zu finden. Was sie aber tatsächlich finden, ist lediglich die Freiheit des Warenkäufers im Supermarkt.
Während viele Menschen in den ehemaligen realsozialistischen Ländern diese westlichen Industrieländer immer noch als das „Bild der Zukunft“ ansehen, während viele versuchen, wenigstens in ihrem eigenen Leben einen Zipfel von diesem angeblich guten, reichen, freien Leben zu erwischen und darum in Scharen in diese Länder dringen, bricht nun häufig bei denen, die es in diese Länder geschafft haben, miten im Schlaraffenland selbst der Ekel und die Verzweiflung über diesen Fortschritt und seine Folgen aus. Wenn wir nun fragen, was diese heutige „Sehnsucht nach dem, was sie zerstört haben“ von früheren ähnlichen Gegenbewegungen unterscheidet und warum sie eben nicht, wie die Déja-vue-DefaitistInnen meinen, die blosse Wiederholung des ewig Gleichen seit der Aufklärung ist, dann ist zunächst zu fragen, was die heutige, historische Situation von den damaligen im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts unterscheidet.
1. Es geht ums Überleben nicht um die Idylle: Es geht bei den heutigen Sehnsuchts- und Fluchtbewegungen nicht mehr nur um den schönen Schein der Harmonie mit der Natur, sondern, bedingt durch die Bedrohung der tatsächlichen, materiellen Existenzgrundlagen allen Lebens durch die industrialisierte Produktion und Konsumption ums Überleben selbst.
Die Angst vor der Zukunft, das Unglücklichsein inmitten einer Überfülle von materiellen und immateriellen Waren, haben in den letzten Jahren, besonders nach Tschernobyl, quantitativ rapide zugenommen, gerade in den industriellen Zentren. Dieses Unglücklichsein hat auch eine andere Qualität bekommen. Ging es bei den früheren Sehnsuchts- und Gegenbewegungen, so auch noch in der Studentenbewegung, hauptsächlich um das psychische und geistige Elend in den Industriegesellschaften – marxistisch gesprochen, um Entfremdung –, so geht es inzwischen zunehmend um eine neue materielle Armut am Lebensnotwendigen mitten im Warenreichtum. Wir leben in einer Situation akuten materiellen Mangels: Mangel an guter, unverpesteter Luft, Mangel an unvergiftetem Wasser, Mangel an notwendiger Ruhe, Mangel an körperlicher Bewegung, Mangel an freiem Raum, Mangel an gesunder, unvergifteter Nahrung, ja – inzwischen schon Mangel an nicht dioxin-verseuchter Muttermilch. Hinzugekommen ist die neue Armut in der Zweidrittel-Gesellschaft. Das psychische Elend und die Entfremdung sind ausserdem nicht verschwunden. Aber es wird inzwischen immer deutlicher, dass es die Suche nach diesen lebensnotwendigen materiellen Existenzbedingungen ist, die die Menschen in den Industrieländern in immer entferntere Weltgegenden treibt, wo es noch sauberes Wasser, gute Luft und Ruhe gibt. Und es wird auch immer klarer, dass durch eben jene Fluchtbewegungen, durch diese Sehnsüchtigen selbst auch in jenen Gegenden die letzten Reste von guter Luft, sauberem Wasser, Ruhe zerstört werden (vg. Algenpest an den Stränden Italiens und der Nordsee). Die heutigen Fluchtbewegungen entstehen also aus einer anderen existentiellen Dringlichkeit. Sie sind angeheizt von einer real begründeten Existenzangst, die nicht mehr nur auf dem Gegensatz Reichtum für einige – Armut für viele oder dem zwischen schönem Traum und harter Wirklichkeit beruht, sondern auf der empirisch selbst erfahrenen und durch eben jene moderne Wissenschaft selbst belegte reale Bedrohung durch den Industrialismus. Die Katastrophe von Tschernobyl und der Sommersmog von 1994 stehen hier für viele solcher Industriekatastrophen, die das Vertrauen der Menschen in dieses Industriesystem erschüttert haben. [77] Dass dieses auf dauerndes Wachstum orientierte Industriesystem in die ökologische Katastrophe führen muss, haben zahlreiche Wissenschaftler seit Anfang der siebziger Jahre mit stets dringenderen Warnungen belegt.
2. Die linke Kritik an den Fortschrittsfeinden hat immer wieder betont, dass die konservativ-romantische Fortschritts-, Industrie- und Kapitalismuskritik von den Angehörigen einer gesellschaftlichen Klasse getragen wurde, deren Existenz durch den Industriekapitalismus bedroht wurde, also vor allem von feudalen Grundbesitzern. Ihre Utopie sei daher eine rückwärtsgewandte, die auf Erhaltung und Wiederherstellung feudal-patriarchaler Zustände und Privilegien hinauslaufe. [78] Heute sind es aber nicht feudale Grundbesitzer, die, wie Hoffmann von Fallersleben 1871, die Verkopplung der Landschaft beklagen und die durch ihre „Agrarromantik“, wie Sieferle meint, die Grundlage für die völkische und rassistische Ideologie der Nazis geschaffen hätten, bei gleichzeitiger Abwehr von „Rationalisierung und politischer Revolution.“ [79]
Die heutige Kritik am Fortschritt, am Industrialismus, am Paradigma der stets wachsenden Wirtschaft kommt, wie schon erwähnt, teilweise von Naturwissenschaftlern selbst (Chargaff, Capra, Einstein, Jonas, Dürr, Weizenbaum), aber vor allem von den vielen Menschen in den neuen sozialen Bewegungen – der Frauen-m der Ökologie-, der Friedensbewegung. Klassenmäßig gehören die meisten dieser Menschen zu den Lohn- und Gehaltsabhängigen, das heisst, sie haben kein Produktiveigentum zu verteidigen. Zwar sind sie, im Vergleich zu der Mehrzahl der Menschen auf der Erde, privilegiert durch ihren Lebensstandard. Es ist auch richtig, dass viele von ihnen immer noch glauben, dieser Lebensstandard liesse sich bei einer gleichzeitigen, ökologischen Umgestaltung aufrechterhalten. Und es ist auch richtig, dass sich viele dieser Menschen vor diesem Dilemma dadurch drücken, dass sie jene Sehnsuchtsorte touristisch und voyeurhaft romantisieren,
Doch drängt sich immer mehr Menschen in den Industrieländern die Wahrheit auf, dass die Rede von der „ökologischen Umgestaltung der Industriegesellschafft“ ein Betrug ist, dass beides zusammen nicht zu haben ist: dauerndes Wirtschaftswachstum und eine gute, gesunde Umwelt, sich selbst erhaltende ökologische Kreisläufe und ständig steigender Warenkonsum. Allein an der Abfallfrage (Atomarer Abfall, Chemieabfall, Haushaltsabfall) wird schon die Unmöglichkeit dieser Gleichung deutlich. Neben der Zerstörung der Ozonschicht, dem Waldsterben ist die Frage „Wohin mit unserem Müll?“ die für die Zukunft wahrscheinlich brennendste. An ihr wird – endgültig – deutlich, dass wir auf einem begrenzten Planeten leben, dass die „Externalisierung der Kosten“, und aller anderen unerwünschten Folgeerscheinungen der industriellen Warenprodukiton unweigerlich wieder auf uns selbst zurückfallen. Es gibt kein Aussen mehr, alle künstlichen Abgrenzungen zwischen Zivilisation und angeblicher Wildheit brechen materiell zusammen. – Darum hilft auch das St. Florians-Prinzip nicht mehr weiter. Diese Einsichten haben überall zur Radikalisierung der Ökologiebewegung geführt. Zwar hängen viele ökologisch besorgte Menschen in den Industrieländern noch der Illusion an, die Wissenschaftler und die Politiker würden es schon noch einmal schaffen, sie würden uns aus der Sackgasse des Industriesystems durch weitere neue technologische Entwicklungen hinausführen, doch dies wird zunehmend zu einem verzweifelten Festhalten an einem alten Glauben, zu einem Pfeifen im Wald.
3. „Behaltet euren Fortschritt und eure Entwicklung“: Was die heutige Industrialismus- und Fortschrittskritik ausserdem von früheren, meist onservativen, ähnlichen Bewegungen unterscheidet, ist die Tatsache, dass es nicht nur städtische Mittelklasseangehörige in den Industrieländern sind, die den Betrug durch die verwirklichte Utopie der Moderne einsehen, sondern ebenso die Menschen, die heute am untersten Ende der globalen Ausbeutungs- und Akkumulationspyramide stehen, die um die Erhaltung der ökonomischen und ökologischen Grundlagen ihrer Existenz kämpfen. Das sind zum einen Gruppen und Gemeinschaften, die noch in Resten der alten autonomen Subsistenzökonomie leben, die heute massiv durch die aggressive Durchsetzung des Modernisierungsprogramms in der Dritten Welt bedroht sind: das sind die Stämme in den Regenwaldgebieten Brasiliens, Borneos, das sind die Kleinbauern und Stammesangehörigen, die durch grosse Staudammprojekte in Indien von ihrem angestammten Land vertrieben werden sollen, das sind die Menschen in Ladakh, die sich der „Entwicklung“ des Landes durch den Tourismus widersetzen, [80] das sind die Frauen der Chipko-Bewegung an den Hängen des Himalaya in Indien, die sich gegen Holzfällerfirmen und Kalkbergwerke wehren und ihre unabhängige, ökologisch intakte Subsistenzbasis durch „Umarmen der Bäume“ verteidigen. Ähnliche Bewegungen sind in anderen Teilen Indiens entstanden. [81]
Ähnliche Bewegungen sind aber auch in Regionen zu beobachten, die schon einmal in den zweifelhaften Genuss der modernen Entwicklung gekommen sind, und die jetzt durch die ökologische und ökonomische Krise, vor allem verursacht durch Verschuldung und Unzuverlässigkeiten des Weltmarktes, erfahren müssen, dass sie betrogen worden sind. Dass sie in dem Moment vom internationalen Kapital fallengelassen werden, wo sie die Zinsen für ihre Kredite nicht zahlen können. Dann folgt der Entwicklung die Ent-Entwicklung, der Industrialisierung die De-Industrialisierung.
Wenn die Menschen in diesen Regionen dann noch irgendeinen Zugang zum Land haben, kehren sie zur Selbstversorgung, zur Subsistenzproduktion zurück, weil es keine andere Alternative gibt. Beispiele für diesen Prozess gibt es in Mexiko, Nigeria, Uganda, Peru, Venezuela. In solchen Bewegungen bedeutet „Zurück oder Vorwärts zur Subsistenz“ keineswegs eine romantische Agrarmarotten von entfremdeten Zivilisationsmüden, sondern die einzige ihnen verbleibende Überlebensmöglichkeit. In diesen Bewegungen und Prozessen wird aber gerade in der Dirtten Welt auch das Entwicklungsmodell des Weissen Mannes als Ganzes in Frage gestellt. [82]
Während der FINNRAGE-UBINIG Konferenz im März 1989 [83] in Bangladesh, bei der es um einen internationalen Austausch unter Frauen über die „Errungenschaften“ der modernen Gen- und Reproduktionstechnik ging, sagte eine Teilnehmerin aus Sambia: „Wenn das der Fortschritt ist, dann könnt ihr ihn behalten, dann wollen wir ihn nicht.“ [84] [85]
Während des Internationalen Soziologie-Kongresses 1994 in Bielefeld bestand unter den Teilnehmerinnen des Forums „Envisioning the Future“, von denen viele aus der Dritten Welt kamen, mehr oder weniger Konsens, dass die „Alternativen zur Entwicklung“ zunächst darin bestehen, dieses Entwicklungsparadigma aufzugeben.
Besonders bei den einfachen Menschen in den Basisbewegungen der Dritten Welt hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass diese Entwicklung, dieser Fortschritt sie des letzten Restes ihrer ökologischen, ökonomischen, sozialen und kulturellen Lebensgrundlagen, Lebenszusammenhänge, Kultur, vor allem ihrer Freiheit und Menschenwürde und ihrer Autonomie beraubt wird. Für sie ist dieser „Fortschritt“, diese Entwicklung nicht wünschenswert. Anders als die bereits ihrer Subsistenzbasis beraubten „proletarisierten“ urbanen Mittelklassen und Arbeiter in den Industrieländern, sind sie immun gegen die Verführungen des Industrie-Schlaraffenlandes. Ihre Widerstandsbewegungen sind daher alles andere als romantisch und sentimental. Sie sind entsprungen aus der Notwendigkeit, ihr eigenes Überleben zu verteidigen.
Anmerkungen
[1] Klemens, Ludorf: Sie zerstören, was sie suchen, in: Frankfurter Rundschau, 14.1.1989.
[2] Gaserow, Vera: Plötzlich fühlst du dich wie John Wayne, in: Die Tageszeitung, 13.5.89.
[3] Meckel, Wolfgang: Afrika zum Anfassen, in: Die Tageszeitung, 13.5.1989.
[4] Hildebrand, Ursula: Alles nur Drecksäcke, in: Die Tageszeitung, 17.9.1988.
[5] Schmid, Nicole: Ein Ferienmenue à la Carte, in: Frankfurter Rundschau, 18.6.1994.
[6] Mies, Maria: Patriarchat und Kapital. Frauen in der internationalen Arbeitsteilung, Rotpunktverlag, Zürich 1992 a.
[7] Dross, A.: Die erste Walpurgisnacht. Hexenverfolgung in Deutschland, Verlag Roter Stern, Frankfurt 1978.
[8] Dworkin, Andrea: Pornography: Men Possessing Women, Perigee Books, New York 1987.
[9] Kohl, Karl-Heinz: Entzauberter Blick. Das Bild vom Guten Wilden und die Erfahrung der Zivilisation, Medusa Verlag, Berlin 1981.
[10] Renschler, Regula, u.a.: Ware Liebe; Sextourismus, Prostitution, Frauenhandel, Peter Hammer Verlag, Wuppertal 1987.
[11] Manozai, Martha: Herrenmenschen. Frauen im deutschen Kolonialismus, rororo aktuell, Reinbek 1984.
[12] Latza, Berti: Most Sex-Tourists have Psychological Problems, in: Bangkok Post, 6.3.1986.
[13] Ebenda.
[14] Dauth, J.: Frankfurter Rundschau, 9.1.1989.
[15] Garaudy, Roger: Das schwache Geschlecht ist unsere Stärke: Für die Feminisierung der Gesellschaft, dtv, München 1985.
[16] Than-dam truong: Sex, Money and Morality. Prostitution and Tourism in South-East-Asia, Zed Books, London 1990.
[17] Klein, Renate, D. (ed.): Infertility, Women Speak Out About their Experiences of Reproductive Medicine, Pandora Press, an unprint of the Trade Division of Unwin Hyman, 1988. (Dt.: Das Geschäft mit der Hoffnung: Erfahrungen mit der Fortpflanzungsmedizin; Frauen berichten, Orlanda, Berlin 1989.)
[18] Mies, Maria: Wider die Industrialisierung des Lebens. Eine feministische Kritik der Gen- und Reproduktionstechnik, Centaurus, Pfaffenweiler 1992 b.
[19] Klein, Renate, D. (ed.): a.a.O.
[20] Kohl, Karl-Heinz: a.a.O. (dort über Lahontan, S. 63-76).
[21] Katalog der Ausstellung 1789-1989; Zeihundert Jahre Französische Revolution, Berlin 1989.
[22] Sakar, Saral: Die Bewegung und ihre Strategie, in: Kommune Nr. 5/1987.
[23] Eder, Klaus: Die Vergesellschaftung der Natur. Studien zur sozialen Evolution der praktischen Vernunft, Suhrkamp, Frankfurt 1989, S. 254.
[24] Merchant, Carolyn: The Death of Nature. Women, Ecology and the Scientific Revolution, Harper & Row, San Francisco 1987.
[25] Mies, Maria: a.a.O. (1992).
[26] Eder, Klaus: a.a.O., S. 232.
[27] Böhme, Hartmut & Gernot: Das Andere der Vernunft. Zur Entwicklung von Rationalitätsstrukturen am Beispiel Kants, Suhrkamp, Frankfurt 1985.
[28] Elias, Norbert: Über den Prozess der Zivilisation, Bd. I u. II, Suhrkamp, Frankfurt 1978.
[29] Bennholdt-Thomsen, Veronika: Zivilisation, moderner Staat und Gewalt. Eine Kritik an Norbert Elias‘ Zivilisationstheorie; beiträge 8. Jg. 1985 Heft 13 S. 23-36.
[30] Ehrenreich, English: 1973.
[31] Becker/Bovenschen/Brackert: 1977.
[32] Dross, A.: a.a.O.
[33] Honegger: 1979.
[34] Merchant, Carolyn: a.a.O.
[35] Mies, Maria: a.a.O., 1992 (a).
[36] Merchant, Carolyn: a.a.O.
[37] Mies, Maria: a.a.O., 1992 (a).
[38] Ebenda.
[39] Steinbrügge, Lieselotte: Das moralische Geschlecht. Theorien und literarische Entwürfe über die Natur der Frau in der französischen Aufklärung, Beltz Verlag, Weinheim, Basel 1989, S. 14.
[40] Kohl, Karl-Heinz: a.a.O.
[41] Bodley, John H.: Victims of Progress, The Benjamin / Cummings Publishing, New York 1983. (Dt. Der Weg der Zerstörung. Stammesvölker und die industrielle Zivilisation; Trickster, München 1989, S. 31-35, 42, 44, 76.)
[42] Ebenda, S. 107-108.
[43] Ebenda, S. 41.
[44] Ebenda.
[45] Ebenda, S. 42.
[46] Ebenda.
[47] Ebenda, S. 44.
[48] Ebenda, S. 76.
[49] Mamazoi, Martha: a.a.O., S. 58.
[50] Lüpsen, Susanne: Die Erweiterung der Geldökonomie in Yanque (Department Arequipa) Peru. Ein Prozess der Entwertung der Überlebensproduktion, Diplomarbeit, Wintersemester 1988, Fakultät für Soziologie, Universität Bielefeld.
[51] König, René: Über einige offene Fragen und ungelöste Probleme der Entwicklungsforschung, in: Aspekte der Entwicklungssoziologie, Sonderheft 13/1969 der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Köln/Opladen, S. 30.
[52] Bodley, John H.: a.a.O., S. 86-87
[53] Mies, Maria: a.a.O., 1992 (a).
[54] Neusüss, Christel: Die Kopfgeburten der Arbeiterbewegung oder: Die Genossin Luxemburg bringt alles durcheinander, Rasch & Röhrig, Hamburg 1985.
[55] Mamozai, Martha: a.a.O.
[56] Steinbrügge, Lieselotte: a.a.O., S. 67.
[57] Ebenda, S. 82ff.
[58] Norberg-Hodge, Helena: Ancient Futurs: Learning from Ladakh. Rider, London 1987.
[59] Bodley, John H.: a.a.O.
[60] Methfessel, Thomas: Noch fliessen Shivas Tränen, Durga Press Taschenbuch, Herrsching 1988.
[61] von WErlhof, Claudia: Männliche Natur und künstliches Geschlecht. Texte zur Erkenntniskrise der Moderne, Wiener Frauenverlag, Wien 1991, S. 169.
[62] Ebenda.
[63] Ebenda.
[64] Mies, Maria: a.a.O., 1992 (b).
[65] von Werlhof, Claudia: a.a.O., S. 165.
[66] Ebenda.
[67] Als Muster für ein solches „Naturmuseum“ der menschlichen Naturzerstörung könnte das Museum Hiroshima gelten, das die Erinnerung an den Abwurf der ersten Atombombe wachhalten soll.
[68] Merchant, Carolyn: a.a.O.
[69] Sieferle, Rolf Peter: Fortschrittsfeinde. Opposition gegen Technik und Industrie von der Romantik bis zur Gegenwart, Beck, München 1986, S. 239.
[70] Ebenda, S. 256.
[71] Neusüss, Christel: a.a.O., S. 149-168.
[72] Sieferle, Rolf Peter: a.a.O.
[73] Pinl, Claudia: Vom kleinen zum grossen Unterschied. Geschlechterdifferenz und konservative Wende im Feminismus. Konkret Literatur Verlag, Hamburg 1993.
[74] Mies, Maria: Frauenbewegung und 15 Jahre Methodische Postulate zur Frauenforschung, Kore-Verlag 1994.
[75] Plumwood, Val: Feminism and the Mastery of Nature, Routledge, London 1993.
[76] von Werlhof, Claudia: Kaputt durch Naturschutz, in dies.: Männliche Natur und künstliches Geschlecht. Texte zur Erkenntnis der Moderne, Wiener Frauenverlag, Wien 1991, S. 172.
[77] Gambaroff, Marina, Mies, Maria, Stopczyk, Annegret, von Werlhof, Claudia u.a.: Tschernobyl hat unser Leben verändert, rororo aktuell, Reinbeck 1986.
[78] Sieferle, Rolf Peter: a.a.O., S. 187.
[79] Ebenda.
[80] Norberg-Hodge: a.a.O.
[81] Shiva, Vandana: Das Geschlecht des Lebens. Frauen, Ökologie und Dritte Welt, Rotbuchverlag, Berlin 1989.
[82] Viezzer, Moema (Hg.): Mit Wissen und Witz. Frauen in der nachhaltigen Entwicklung: Landwirtschaft und Sammelwirtschaft; veröffentlicht in: Rundbrief Subsistenzperspektive 5, Köln 1994.
[83] FINRRAGE-UBINIG: Internationale Conference; Declaration of Comilla, FINRRAGE International, Hamburg 1989.
[84] Comilla Declaration: 1989.
[85] Esteva: 1987.
Kapitel 10 aus Mies, Maria und Shiva, Vandana: Ökofeminismus.