Ausgrenzung wird nicht durch Eingliederung bekämpft, sondern durch den Angriff auf die Kräfte, die ausgrenzen, welche zahlreich sind und selten vollständig in unserem Handlungsbereich liegen.1
Geschlecht ist ein Kriegswerkzeug. Es gibt einen Krieg, der gegen unsere Körper, unseren Geist und das Potenzial, das in unseren Beziehungen liegen könnte, geführt wird: der soziale Krieg. Was ist Geschlecht und was bedeutet es, ein Geschlecht zugewiesen zu bekommen? Geschlechter sind sozial konstruierte Kategorien, die mit nebulösen Parametern rund um Verhalten, Sexualitäten, Ästhetik, soziokulturelle Rollen, Körpern, etc. verknüpft sind. Geschlechter konkretisieren sich unterschiedlich, je nach Ort, Zeit und Individuen; einige werden Geschlecht als etwas sehr einschränkendes erleben, während andere sich nie an den Einschränkungen stoßen werden, die ihr Geschlecht ihnen auferlegt. Geschlecht ist unauflösbar mit Sexualität verbunden, und beide formen und definieren einander fortwährend. Die zwei am häufigsten auferlegten Geschlechter sind Mann/männlich und Frau/weiblich, und sich von ihnen davonzustehlen, sich gegen sie zu bewegen oder gegen sie zu handeln beschwört die Vollstreckungsbeamt*innen der Gesellschaft herauf. Geschlecht nützt denjenigen, die uns kontrollieren, sozialisieren und verwalten wollen und die uns nichts im Gegenzug anbieten. Jedes Mal, wenn eine Person begutachtet und ihr ein Geschlecht zugewiesen wird, hat die Gesellschaft diese angegriffen, sie eingeschränkt und Krieg gegen sie geführt.
Sozialer Krieg ist der Konflikt, der die ganze Gesellschaft umspannt. Sozialer Krieg ist der Kampf gegen die Gesellschaft – das heißt gegen alle existierenden sozialen Beziehungen. Die selbstzerstörerische Neigung innerhalb der Gesellschaft, sogenanntes „antisoziales Verhalten“, das Verlangen zu befehlen und zu gehorchen, Akte der Rebellion und Akte des Verstärkens der Ordnung, der Aufstand und die Rückkehr zur Arbeit: das sind die Angriffe und Gegenangriffe in diesem Krieg. Sozialer Krieg sind die Kämpfe zwischen denen, die die Gesellschaft zerstören wollen und denen, die sie aufrechterhalten. Chaos gegen Kontrolle. Nichts und Potenzial, gegen Alles und das Bestehende. Alles, das die Gesellschaft zusammenhält, isoliert uns voneinander; jeder Schlag gegen Herrschaft und Kontrolle ist eine Schritt näher zueinander, ein Schritt weg von unseren auferlegten Identitäten, unserer Entfremdung und unendlichen Möglichkeiten entgegen. Weil Gesellschaft überall ist, ist der einzige Weg, um ihr zu entkommen, den sozialen Krieg zu gewinnen: die Gesellschaft zu zerstören. Geschlecht ist eine der Fronten, an denen der soziale Krieg geführt wird.
Geschlecht selbst wird als Zentralisierungs- und Kolonisierungswerkzeug verwendet. Als die Europäer*innen Europa für weitere koloniale Projekte verließen, brachten sie ihre Vorstellungen und Auffassungen von Geschlecht. Die Kleinfamilie und die spezifischen Geschlechter und Sexualitäten, die dafür erforderlich sind, waren vielen nicht-westlichen Kulturen fremd, die Familien in vielen anderen erdenklichen Form hatten. Die Kleinfamilie ist eine Einheit, die sich sehr gut in das soziale Narrativ der herrschenden westlichen Kulturen einfügt; sie spielt sehr gut patriarchalen Machtdynamiken in die Hände. Innerhalb der Kleinfamilie vollbringt der Patriarch die Arbeit des Kolonisators: Sozialisierung, Verhalten und Rollen kontrollieren, und natürlich die Durchsetzung und die Reproduktion von Geschlechtern, die in der Lage sind, friedlicher innerhalb westlicher Hierarchien zu existieren. Die Ausdehnung der Kirche und die Verbreitung des Christentums spielten eine große Rolle in der Verbreitung der Kleinfamilie und von westlichen Auffassungen bezüglich Geschlecht und Sexualität. Eine Bevölkerungen akzeptierten das Christentum, integrierten es in unterschiedlichen Graden in ihre Kultur, während andere gewaltsam dazu gezwungen wurden es „anzunehmen“. Das soll nicht heißen, dass Geschlecht nicht in irgendeiner Form außerhalb von Kolonialismus und westlichen Kulturen existierte. Andere Kräfte sind sicher am Start, um zu definieren und zu limitieren, was Geschlecht ist, doch was sicher ist, ist, dass die aktuellen „universellen“ und „natürlichen“ Vorstellungen von Geschlecht heutzutage teilweise vom Kolonialismus und einem Bedürfnis danach stammen, nicht-westliche Lebensformen zu zentralisieren und zu kontrollieren.
Die cis/trans Binarität fördert ebenfalls Zentralisierung und Kolonialismus, indem sie alle Identiäten außerhalb ihrer selbst assimiliert und kategorisiert. Wie alle Formen der Repräsentation, ist die cis/trans Binarität als ein allumfassendes Set an Kategorien gleichzeitig verflachend und inadäquat. Es gibt Geschlechter, die nicht cis sind, sich aber auch nicht im trans Spektrum verorten. Doch trotzdem wird jede*r, die*der nicht cis ist, als trans angesehen, und umgekehrt. Eine LGBTQ-Avantgarde macht sich auf, um alle „ungewöhnlichen“ Geschlechter und sogar das Fehlen eines Geschlechts unter Transsein zu subsumieren. Dies lässt niemandem Raum, sich außerhalb dieser Kategorien zu verorten. Dies spielt sich of in einer kolonialen Weise ab, um nicht-westliche Geschlechter lesbar und von westlichen LGBTQ-Narrativen von Geschlecht und Sexualität leicht zu handhaben zu machen.
Niemand von uns gehört außerhalb des Kontextes des sozialen Kriegs zu einem Geschlecht. Das heißt, Geschlecht wird uns sozial auferlegt, es ist ein Mittel, um uns unter Kontrolle zu halten (indem das, was für alle, egal welches Geschlecht ihnen auferlegt wird, akzeptabel ist, limitiert wird). Die reine Existenz von trans Personen jeglicher Couleur (insbesondere nichtbinäre Leute) und von intersexuellen Körpern, die die Bemühungen zunichte machen, Geschlecht anhand gewisser anatomischer Merkmale zuzuordnen, stellt das Narrativ infrage, dass Geschlecht zwei stabile biologische Kategorien umfasst, die sich aus spezifisch vergeschlechtlichten Körpern ergeben. Diese Realitäten zwingen uns dazu anzuerkennen, dass Geschlecht etwas ist, das uns widerfährt und nicht etwas, das wir innerlich oder „natürlicherweise“ sind.
Jede*r von uns ist ein gewaltiges und nicht quantifizierbares Nichts, eine unendlich starke Singularität. Uns ein Geschlecht aufzuerlegen, sogar eine Identität, kann uns lediglich im besten Fall ersticken und uns im schlimmsten Fall zerstören. Zu versuchen uns zu definieren wird immer scheitern. Keine Kategorie kann uns vollständig umfassen; jede Identität wird uns notwenigerweise einschränken, und deshalb müssen wir uns Identität widersetzen. Jedoch wären wir dumm die materiellen Konsequenzen des Indentitätsmythos zu leugnen – diese Mythen sind immerhin Teile des Fundaments der Unterdrückung. Jede*r, die*der gesagt wird, er*sie sei eine Frau, wird „wie eine Frau“ behandelt, trotz des Fakts, dass Frauen nichts anderes teilen als den Mythos des Frauseins und die gesellschaftliche Gewalt, die diesen Mythos begleitet. Jedes Mal, wenn uns ein Geschlecht zugewiesen wird, versucht die Gesellschaft uns zu beschränken: auf bestimmte Verhaltensweisen und Rollen, auf bestimmte Handlungen und Ästhetiken. Frauen sind fürsorglich und schwach; Männer sind unsensibel und stark. Geschlecht beraubt uns unseres Potenzials alles zu tun und zu sein, und bietet uns dann ein limitiertes Angebot an Rollen, Handlungen, Ästhetiken und Verhaltensweisen, verpackt als spezifische soziale Kategorie. Wir haben das Potenzial alles zu sein, aber Geschlecht ist der Mythos, der uns erzählt wir seien ein spezifisches Etwas und nur dieses Etwas. All die Züge, die unterschiedliche Geschlechter uns „anbieten“, sind Züge, die wir selbst verkörpern können, ohne ein Geschlecht auferlegt zu bekommen.
Sich auf eine Weise zu verhalten, die als außerhalb der Domäne unseres auferlegten Geschlechts wahrgenommen wird, wird unweigerlich Repression nach sich ziehen. Ob diese Repressions sich durch ein unangenehmes Lachen eines Geschwisters äußert oder durch ein heftige Tracht Prügel und eine Gefängnisstrafe, wird vom Kontext abhängen; doch egal welche Repression folgt, solange Geschlecht intakt bleibt, werden wir auf die Liste an Handlungen beschränkt sein, die für das Geschlecht, als welches wir betrachtet werden, annehmbar sind, aus Angst mit züchtigender Gewalt konfrontiert zu werden. Wir gewinnen nichts daran einem bestimmten Geschlecht zugewiesen zu werden, das nicht daher kommt, entweder unserem Geschlecht entsprechend zu handeln oder daraus Gewinne zu ziehen andere zu kontrollieren und die Geschlechter von anderen durchzusetzen. Anders gesagt, wir gewinnen nichts von Geschlecht, das nicht darauf basiert andere zu kontrollieren oder uns selbst einzuschränken. Außerdem perpetuiert und verstärkt jede Zuweisung eines Geschlechts Hierarchie. Hinsichtlich der Hierarchie sind Cissein und Männlichkeit im Zentrum, priorisiert und bestärkt. Leuten ein Geschlecht zuzuweisen plaziert Menschen näher oder weiter weg vom Zentrum, folglich über oder unter andere. Wegen der Art und Weise, wie Geschlechter in der Gesellschaft definiert werden, sind unterschiedliche Geschlechter mehr oder weniger geschätzt. Dies, in Kombination mit dem Fakt, dass niemand von uns ihrer*seiner Sozialisation entkommen kann, führt dazu, dass die Geschlechterhierarchie von allen konstant aufrechterhalten wird. Jedes Geschlecht existiert als eine Schnittmenge von Unterworfenem und Unterwerfendem. Kombinationen von Geschlecht, race, Trans-/Cissein und eine Myriade von anderen Faktoren erschaffen Subjekt-Positionen, innerhalb derer es möglich ist, zu unterdrücken als auch unterdrückt zu werden. Hiarchie ging immer Hand in Hand mit Kontrolle und Herrschaft. Geschlecht ist lediglich eine weitere Facette der hierarchischen Kontrolle, des sozialen Kriegs.
Während einige Forderungen an die Gesellschaft stellen Geschlechter aufzunehmen, zu respektieren und sogar gleichzustellen, müssen wir über Geschlechtergleichstellung und Geschlechterintegration hinausschauen und alles zerstören, das Geschlecht aufrechterhält und auferlegt. Wir müssen uns gegen die Gesellschaft selbst wenden. Geschlecht ist ein Krieg gegen uns alle, und denjenigen, die sich nach Freiheit sehnen, wird nichts weniger als die vollständige Vernichtung von Geschlecht genügen. All denjenigen von uns, die alle Mauern zwischen uns entfernen wollen anstatt von einander (und von uns selbst) wegen Eingruppierungen, die wir nie ausgesucht haben, entfremdet zu sein, denjenigen von uns, die Zugang zu all ihren möglichen Taten haben wollen, zu unserem Potenzial alles zu werden anstatt uns innerhalb der Beschränkungen der Geschlechter, von denen wir wissen, dass sie unzureichend sind, zu bewegen, sagen wir: Lasst uns die Gesellschaft zerstören, lasst uns das Geschlecht zerstören.
Aus LIES Volume II. A Journal of Materialist Feminism.
1Ignorant Research Institue. „How to destroy the World.“ 2012. http://anarchalibrary.blogspot.com/2012/06/how-to-destroy-world-2012.html.
Entnommen aus Das Patriarchat abfackeln.