An die Leser*in
1985 erfuhr unsere Freundin und Gefährtin Andréa, dass sie Krebs hat. Sie unterzog sich einer Operation, einer Chemotherapie und Strahlenbehandlung, aber am Ende musste jede Hoffnung auf Genesung aufgegeben werden. 1990 bekam sie das Angebot zu einem Versuchskaninchen bei einer experimentellen Studie einer neuen Art von Medikament zu werden. Sie lehnte ab und gemäß einem lange zuvor entwickelten Schlachtplan durchtrennte sie all ihre Verbindungen zur Welt der Krankenhäuser und der Medizin. Das war ihre Art, die Kontrolle über ihr eigenes Lebensende zu bewahren. Sie schrieb zwei Briefe, eine an ihre Krankenpfleger*innen, den anderen an ihre Freundin Bella. Sie hatte ihre Entscheidung getroffen und sie kehrte zu ihren Freund*innen zurück, auf der Suche nach einer Komplizenschaft, die nicht auf der Krankheit beruhte, sondern auf der Solidarität mit ihrem Kampf. Wie sie es ausdrückte, hatte sie « viel Aufhebens » um eine « sehr gewöhnliche Sache » gemacht. Hier ist diese Geschichte.
Os Cangaceiros
Dieses Buch ist für Fatima
« Du musst dich immer für den Pfad mit Herz entscheiden, damit du das Beste aus dir selbst machst, und vielleicht auch damit du immer in der Lage sein wirst zu lachen. Der weise Mensch lebt durch seine Handlungen, nicht durch das Nachdenken über seine Handlungen und noch weniger, indem er darüber nachdenkt, was er denken wird, wenn er seine Handlungen vollendet hat. Der weise Mensch wählt den Pfad mit Herz und folgt ihm. »
– Der Yaqui Indianer
1990
Brief an meine Krankenpfleger*innen
November 1990
Wie zynisch, mir diese beiden Bögen Papier zum Unterschreiben auszuhändigen! Es ist mir nicht einmal erlaubt worden, den dreißigseitigen Bericht zu lesen, auf den sie sich beziehen. Ihr kommt zu mir und fordert « nur eine kleine Unterschrift » und sprecht über die offensichtlich unzweifelhaft absolute Dringlichkeit für euch, deren « neues » Produkt an mir zu testen. Die Welt steht Kopf: Ich soll Verantwortung dafür übernehmen, was eine absolut unverantwortliche Handlung meinerseits wäre, während ich gleichzeitig einen Pharmakonzern und ein Krankenhaus von jeglicher Verantwortung ihrerseits befreien soll, dass sie mich in ein informiertes und einwilligendes Versuchskaninchen verwandeln.
Natürlich – so versichert es mir das Dokument in sibyllinischem Tonfall – « stehe es mir frei, meine Einwilligung jederzeit zu widerrufen, ohne irgendwelche Nachteile zu erleiden, blah blah blah … » Verdammt nochmal Nein! Auch das noch! Wer wird für all diese experimentellen Stümpereien mit den Blutzellen der Leute bezahlen – meiner Blutzellen, in diesem Fall? Sanofi1 sicherlich nicht. Sanofi scheffelt nur das Geld, mit vollster Unterstützung der Nationalen Ethik-Kommission (!) und dem Ohn-Machtsgefühl des mitmachenden medizinischen Personals.
Machtlosigkeit hat den Verstand der Leute tatsächlich so sehr im Griff, dass die zynische Einstellung der pharmazeutischen Labore nicht einmal mehr bemerkt wird. Außer natürlich von den Patient*innen, denen diese oft nur allzu vertraut ist und die es dennoch vorziehen, von der Illusion genährt zu werden, dass immer noch irgendetwas für sie getan werden kann – dass es immer noch eine letzte Chance gibt.
Diese Illusion brauche ich nicht, vielen Dank.
Und ihr, meine lieben Krankenpfleger*innen, seid Teil davon, indem ihr um jeden Preis Hoffnung verteilt (ungeachtet dessen, was die Kosten für die Patient*in sind). So süß wie ihr seid, fällt es mir schwer, euch zu tadeln. Aber ob es euch gefällt oder nicht, ihr kollaboriert mit einem medizinischen Beruf, der ebenso streng ist wie jeder Richter und wahnsinnig eifersüchtig auf dessen Privileg, Fußtritte zu verteilen. So heftig ihr auch die Unmenschlichkeit der modernen Medizin mit der Milch der menschlichen Liebenswürdigkeit wegwaschen wollt, so könnt ihr einfach nicht die immer offenkundigere Kluft überbrücken, zwischen den tatsächlichen Bedürfnissen der Kranken und der Art und Weise, auf die sie von den Biochemiker*innen, von den subventionshungrigen Pharmakonzernen und Forschern, von Krankenhäusern und Kliniken, von der Atomlobby, usw. behandelt werden.
Wenn ihr bei eurem letzten Streik wenigstens die skandalöse Art, auf die das menschliche Leben missachtet wird, offengelegt hättet. Ihr wisst immerhin das eine oder andere darüber. Das wäre eine genuin menschliche Sache gewesen. Und alle hätten euch unterstützt. Denn Geld regiert, ja – aber als Krankenpfleger*innen hättet ihr etwas anderes, etwas qualitativ anderes zu erzählen.
Bitte betrachtet diese paar Zeilen als ein Zeichen der Erkenntlichkeit von jemandem, die lieber einen Monat Freiheit genießt anstatt ein Jahr Chemotherapie, ungeachtet all der voraussichtlichen Konsequenzen.
Ich will, dass ihr alle wisst, dass meine Entscheidung, wenn sie auch in der Not getroffen wurde, nichts Perverses an sich hat. Hoffnung ist ebenso wie Verzweiflung ein Sklaventreiber. Ich handle weder aus Verzweiflung noch aus Trotz. Ich bin nur vernünftig. Ich muss etwas frische Luft atmen.
Mit meinen besten Grüßen an das gesamte Pflege- und Büropersonal.
N’Dréa
Brief an Bella
30. November 1990
« Wo gehe ich hin, mit so vielen Teilen
meiner selbst? »
Moha der Verrückte, Moha der Weise
– Tahar Ben Jelloun,
Bella,
Nun, ich habe es getan – Ich habe ihnen gesagt, dass sie sich mit ihrer Chemo ein für alle Mal verpissen sollen. Schluss! Sie können ihre lächerlichen Experimente ohne mich machen. Zur Hölle mit ihnen. Alles, was mit dir nicht stimmt, wird nur schlimmer, erheblich schlimmer, durch die Erniedrigung, der du in der Folge ausgesetzt wirst – der zusätzlichen moralischen Bürde, von der von dir erwartet wird, dass du sie für jedes physische Defizit auf dich nimmst. Alles, was mir bleibt, ist meine Gedankenfreiheit – und das muss mit einem passenden Marseiller Akzent ausgesprochen werden. Okay, ich bin also krank – es gibt nichts, was ich dagegen tun kann. Aber ich bin entschlossen, das letzte Wort zu haben. Die bloße Vorstellung bereitet mir enorme geistige Zufriedenheit, obwohl ich natürlich schon vorher weiß, was die Folgen meiner Entscheidung sein werden. Aber ich sage: Nieder mit der unanständigen Vorstellung der Ökonomie – zur Hölle mit ihrem « Schauen Sie, ich verlängere um ein Jahr, Sie können mir später danken… », und all dieser Scheiße. Auf Teilzeitbasis zu leben ist nichts für mich.
Ich weiß, es gibt große Fieslinge da draußen, die sagen werden, dass ich ein Großmaul sei und dass jede*r in meinem Zustand einfach die Luft anhalten solle; die mich dafür verspotten, « unfähig zu sein zu rennen, kaum eine Flasche Wein tragen zu können, alle öffentlichen Orte vermeiden zu müssen, an denen ein Hauch Tabakrauch weht » – diese Art von Dingen. Ich habe mich nie unter solche Leute gemischt, aber ich habe eine ganze Menge Trottel der Art getroffen, die denken, dass « ihre » Rechte der Weisheit letzter Schluss seien. Ich verfluche sie in meinem impotenten Zorn und ich tröste mich mit dem Gedanken, dass, wenn sie in meiner Haut stecken würden, sie sich vor Angst in die Hose machen würden. Ein schwacher Trost, fürchte ich.
Ich werde Paris den Rücken kehren, wo man nicht einmal mehr atmen kann. Wo die bloße Funktion der Atmung nicht als notwendig betrachtet wird – denke daran, wann die Gehirne der Pariser zuletzt Sauerstoff bekommen haben. (Nun, das stimmt nicht ganz: Vor nicht allzu langer Zeit blies ein leichter Lufthauch frischer Luft von bestimmten, wilden Vororten und schaffte es, wenn auch nur kurz, den erstickenden Nebel zu vertreiben.) Ich war sowieso immer nur auf der Durchreise in der Stadt und meine wiederholten Besuche (wie jede Wiederholung) haben sich ein bisschen zu sehr nach Arbeit angefühlt. Außerdem zwingt mich mein Husten, der schlimmer geworden ist, besonders in der Nacht, das Vorspielen eines « allgemein guten Gesundheitszustands » aufzugeben; es wäre schwer für mich, das jetzt vorzutäuschen – selbst für die Liebe eines blonden Köpfchens. Ich lerne meine Emotionen zu zähmen, oder zumindest sie zu kanalisieren; es wäre ein zu großes Zugeständnis meinerseits, wenn ich Verantwortung nicht nur für meinen eigenen Kampf übernehmen würde, sondern auch für eine Besorgnis, die ich selbst nicht empfinde, aber die ich unter den weichherzigeren Mitgliedern meines Freundeskreises wegen ihrer Liebe für mich errege. Kurz gesagt: alles sprach für die Entscheidung, die ich getroffen habe. Nun, da die Würfel gefallen sind, bin ich erregt. Die Ruhezeit, die nun vor mir liegt, werde ich dem Schreiben widmen. Und sagen: « Hals- und Beinbruch! »
Um den Ball ins Rollen zu bringen habe ich meinen Krankenpfleger*innen eine Nachricht geschickt, in einem Zuge niedergeschrieben. Indem ich mich weigere ein Versuchskaninchen zu werden, habe ich sie davor bewahrt zwei Arten von Verrat zu begehen: mich anzulügen um mir falsche Hoffnungen zu machen, noch mir den wahren Grund für die Experimente zu verheimlichen, die den Laboratorien auf Kosten des Patienten Gewinn bringen. (Man fragt sich wirklich, wie viel Spielraum wird ihnen gegeben, besonders nach dem Scheitern ihrer zwei vorherigen Protokolle.) Ich wollte die Krankenpfleger*innen bloß an den kleinen Gefallen, den ich ihnen getan habe, erinnern. Du kannst dir sicher sein, dass es ihnen andernfalls nicht gedämmert wäre. Alle reichen den Schwarzen Peter weiter und schmoren dann mit ihrem schlechten Gewissen, anstatt Konsequenzen zu ziehen. Um dir die Wahrheit zu sagen, ich hatte die Überdosis ihrer beständigen Nettigkeit einfach satt.
Der vollständige Verlust der Autonomie in der Medizin reicht bis zum Zweiten Weltkrieg zurück. Der Staat konnte es sich nicht leisten, eine solche Macht außerhalb seines Einflussbereichs zu dulden. Dieser Tage wurde die Gehirnwäsche von Rebellen in der verbunkerten Verborgenheit eines Gefängnisses oder einer Psychiatrie als eine Art von ultimativem experimentellen medizinischen Akt in Folge von Zwangsarbeit und Einkerkerung vollzogen. Immer wenn sie ans Tageslicht drang, hatte eine solche Kollaboration zwischen der Medizin und der Macht noch ein gewisses Potenzial zu schockieren. Heute werden die Experimente im großen Stil durchgeführt, willkürlich und auf die abstrakteste Art und Weise, das heißt über den Zeitraum eines Jahres, womit sie sich der Wachsamkeit der Sinne entziehen. Strahlen werden ein paar Mal verabreicht, hinterrücks, poliert, ohne Schmerzen, ohne Geruch, ohne Farbe, ohne Ton – und du stellst fest, dass du kastriert wurdest, man kann es nicht « sanfter » machen. Die ultimative diskrete Verkaufstaktik… Ach ja wir hatten Ihnen gesagt, dass Ihr Sexualvermögen unbeeinträchtigt bliebe… Zu spät!
Es gibt diesbezüglich sogar eine internationale Koordination. Jede Chemotherapie, Strahlenbehandlung oder Hormontherapie ist das Ergebnis eines internationales Protokolls für die imperiale Macht der Statistiker*innen, der Pharmaindustrie, der Atomlobby, usw. Auf nationaler Ebene wacht die Ethikkommission über die Anwendung dieses Protokolls, deren Mitglieder diskret rekrutierte Sprecher*innen der gleichen Interessen sind.2 Dagegen wird in der Endphase einer Krankheit (und wenn dem Patienten einmal eine unterschriebene Einwilligung abgeleiert wurde) die Art der Behandlung, die durchgeführt werden soll, direkt von den Pharmakonzernen in Zusammenarbeit mit einem krankenhäuslichen Rat bestimmt, bekannt als « Ethikrat » – ein wichtigtuerischer Name, der bequemerweise die*den Patient*in verwirrt, die*der oft keinen Unterschied zwischen diesem Krankenhaus-Komitee und der Nationalen Ethikkommission erkennt. Jedenfalls werden Worte verwendet um genau das Gegenteil von ihrer wahren Bedeutung zu sagen. Ethik fürwahr! Wir blicken einer Zukunft entgegen, in der medizinische Experimente, egal wie massiv sie durchgeführt werden, immer « kontrolliert » sein werden, und egal wie brutal sie sind, immer strikt legal sein werden. Der Stempel des Staates macht es unmöglich, zwischen einer Bürgerschaft zu unterscheiden, die von der Welt, in der sie lebt, krank gemacht wird, und dieser Welt selbst, die die Krankheit, die sie geschaffen hat, als ein Geschäft betrachtet, das das Versprechen endloser Profite beinhaltet. Auf lange Sicht jedenfalls werden sich die zugelassenen Forschungsmethoden von heute als schlimmer herausstellen als die Krankheiten, die sie behandeln. Nuklearenergie erzeugt Tumore, die dann durch Bestrahlung behandelt werden, die wiederum Tumore erzeugt, und so weiter.
Medizin im Besonderen und Wissenschaft im Allgemeinen haben nicht länger irgendeine Vision der Entwicklung der Menschheit oder der Welt. Ihre einzige Sorge sind Flickwerk-Lösungen für dringende Probleme. Diese Einstellung rechtfertigt jede Art von Manipulation, egal was ihre Langzeitfolgen sein mögen. Und nach unserer Vernichtung verdoppelt sich die Macht des Staates im Namen unserer « Genesung ».
An diesem Punkt Macht über unsere Leben, unsere Gene, unsere Hormone, unsere Genitalien, unsere Würde, etc. zu haben, das hat es noch nie gegeben!
Der Bürger in George Orwells 1984 lebte in einer Art Hochsicherheitsgefängnis, inklusive beständigem Gedanken-Polizieren, Elektroschocktherapie und elektronischer Überwachung. Aber heute wird die anonyme und allgegenwärtige Macht von Big Brother nicht einmal gebraucht. Wir leben in einer « vollendeten » Welt, in der die Enttäuschung eine allgemeine Machtlosigkeit geschaffen und jede moralische Verantwortung beseitigt hat. Die Menschheit hat der Kontrolle über die Welt abgeschworen und als ein Resultat werden wir von einer Katastrophe nach der nächsten heimgesucht, eine jede « unvermeidbarer » als die vorherige. Radioaktivität ist beispielsweise versehentlich in die Atmosphäre gelangt, oder ein See verschwindet – und all diese Ereignisse sind unumkehrbare Veränderungen, an die wir uns anpassen müssen, lernen müssen von Tag zu Tag ohne Zukunft zu leben, in erzwungener Instabilität und institutionalisierter Künstlichkeit. Diese soziale Degeneration hat nun endgültig die innerste Essenz des menschlichen Wesens beeinträchtigt, den « Kern » seiner Zelle. Im Zeitalter von Frankreichs « alles nuklear[tout nucléaire] »-Energiepolitik gibt es eine eindeutige Beziehung zwischen dieser Dysfunktionalität im Herzen des Lebendigen und der Unordnung, die die Welt regiert. Die Mechanismen des Zusammenbruchs sind die gleichen: Umgehung der Immunabwehr, Sabotage der Kommunikation, einseitige Ablenkung von Informationen, Organisierung im Interesse des Teils zum Nachteil des Ganzen, Rückschritt zu einem undifferenzierten Zustand, unkontrollierte Wucherung … bis der Tod des Wirts eintritt.
Onkogen und Proto-Onkogen, positiv und negativ: sie sind so nahe beieinander, einander so ähnlich, dass du das eine beinahe für das andere halten könntest. Das kleinste bisschen ahnungsloser Verwechslung kann fatal sein. Eine winzige Zeitzünder-Bombe kann in eine große Maschine der Zerstörung verwandelt werden. Das ist Terrorismus für den individuellen oder familiären Gebrauch, alleine mittels Gefühlen übertragbar. Erinnere dich, dass bei AIDS ebenso wie bei Krebs die Emotionen schuld sind: Gefühle der Liebe, des Hasses oder der Zuneigung zu haben, kann eine tödliche Schwäche sein – Big Brother wird wirklich nicht benötigt. Die « Schwerter », Gladio, in allen europäischen Sprachen, können sich mittlerweile auflösen: Terror erzeugt sich nun selbst in den Weichteilen des sozialen Körpers. Ich würde es gerne schaffen, zu diesem Thema zu schreiben.
Da die offizielle Medizin nichts als Argwohn erregt, ist es kaum überraschend, dass die Marginalisierung des Professor Beljanski3 ein Glücksfall für diejenigen ist, die davon leben. Unsere Systemkritiker [der 1968er] sind in den 80er Jahren hinterlistige und pragmatische Verwalter von Stress und Verlust im Allgemeinen geworden! So kam es, dass ich nach Lyon reiste, auf der Suche nach Beljanskis berümten Kapseln. Wie müde mich diese Reise gemacht hat und wie verarscht ich mir vorgekommen bin! Ich habe die vollständige Behandlung bekommen, gar keine Frage:
- Das Foto für den Magnetiseur
- Das Gemälde zur Interpretation durch die Dingsbums-Methode
- Die zwei kleinen Sätze, die jeden Tag niedergeschrieben werden mussten (« Ich segne meine Feinde … »)
- Die gesamte Palette von « Beljanski »-Produkten
- Die ganze Reihe an Untersuchungen, die nicht von der Krankenkasse erstattet werden
- Die Liste der zu lesenden Bücher
- Im Falle, dass nichts von oben Genanntem helfe, die Überweisung an eine Schweizer Klinik für ein beaufsichtigtes Fasten, die nur 7000 Francs koste
- Untersuchungen zu 400 Francs das Stück.
Das Einzige, was fehlte, war die Pilgerfahrt nach Lourdes!
Die Idee eines beaufsichtigten Fastens für eine totkranke Patientin ist schwer zu schlagen, findest du nicht? Wenn sie billiger gewesen wäre, wäre es schwer gewesen, die Sache ernst zu nehmen (natürlich, meine Liebe, ist der Wettbewerb halsabschneiderisch …).
Die meisten von Beljanskis Patient*innen sind AIDS-Patient*innen und sein armseliges Repertoire an Tricks ähnelt nichts so sehr wie der Verzweiflung, über die er jeden Tag sinniert.
Gerade mache ich die Runde in unserer erweiterten Familie. Ich hoffe, dass ich die Gelegenheit haben werde, dich und deine brandneuen Lieben zu sehen, Bella. Ich denke an dich, deine blaue Haut, wie sie so schwarz von der Sonne ist. Rolle deine R’s weiter – und behalte diese Rundungen – und, nun, das ist alles … Wir lieben dich … Lebe weiter, Jugend!
Liebes,
ich schicke dir einen dicken Kuss,
N’Dréa
Es ist neun Monate her, dass ich eine « Letzte-Chance »-Behandlungsmethode abgelehnt habe, die mich zu einem Versuchskaninchen bei einem Experiment gemacht hätte, über das ich keine Kontrolle gehabt hätte.
Alles war immer nur schlimmer geworden, trotz ihrer « Instandhaltungs »-Chemotherapie [dt. auch palliative Chemo]. Aus ihrer Sicht war das natürlich eine sehr logische Tatsache. Das Pflegepersonal wusste, dass es mir nur gelang mit den Unterbrechungen zurechtzukommen, die ein Vier-Tage-Krankenhausaufenthalt mit sich brachte, weil ich zwischen diesen Behandlungen reiste und weil ich im Stillen einen unersättlichen Appetit nach allem, das das Leben zu bieten hatte, entwickelt hatte. Höchstwahrscheinlich hatten sie gespürt, dass es sehr schwierig sein würde, mich dazu zu bringen, irgendwelche zusätzlichen Restriktionen zu akzeptieren.
Am ersten Tag im Krankenhaus musste ich gewöhnlich Schlaf nachholen und dieses Mal war keine Ausnahme. Ich befand mich also im Tiefschlaf, als sie entschieden, zu mir zu kommen und meinen Kopf zu bearbeiten. Meine Chemo müsse umgehend verändert werden, wurde mir mit Bestimmtheit mitgeteilt und dann verließen sie mich wieder. Bevor ich meine Augen richtig aufbekam, bekam ich eine Stippvisite vom medizinischen Personal und ein Assistenzarzt stand bereits mit dem Rücken zu meinem Bett, bereit mir die erste Dosis zu verabreichen, und erzählte mir, dass ich nur eben ein oder zwei Papiere unterzeichnen müsse …
Unterschreiben? Hoppla, N’Dréa! Zeit den Rückwärtsgang einzulegen!
Je wacher ich wurde, desto mehr wurde das unerhört autoritäre Geschnatter abgemildert, sehr zur Belustigung der anderen Frauen auf der Station, die daran große Freude hatten. Um Zeit zu gewinnen, forderte ich Dinge, die offensichtlich unmöglich waren. Eines war eine Probe des Medikaments, das sie mir aufdrängten, damit ich homöopathische Globuli bekommen könne, die daraus gemacht wären – etwas, das wegen der geheimen Rezeptur niemals erlaubt werden würde; der Assistenzarzt lief den ganzen Tag auf und ab, auf der Suche nach meiner alten Medizin, die ich nun nicht länger verschrieben bekam, aber deren Molekularstruktur vergleichbar sei. Und die Schrillheit ihrer Forderungen schwand weiter dahin, bis der Tonfall schließlich beinahe flehend war: « Aber das könnte Ihnen zehn weitere Lebensjahre verschaffen! » Ihnen waren die Argumente ausgegangen und die beiden Papiere, die ich unterschreiben sollte, waren absolut verlogen. Ich verweigerte wieder und wieder und schließlich nahm ich unter dem Vorwand, dass ich Zeit bräuchte, um darüber nachzudenken, Abschied vom Krankenhaus und kehrte nie wieder zurück.
Während der zwanzigtägigen Bedenkzeit, die ich mir eigenmächtig genommen hatte, wich mein Ärger zunächst Zweifel und wachsender Sorge. Ich hatte mir geschworen das zu tun, auf jede medizinische Behandlung zu verzichten, aber ich hatte mir dieses Versprechen vor langer Zeit gegeben und ich konnte nicht umhin, mich zu fragen, ob die Zeit vielleicht noch nicht reif sei, ob ich nicht zu früh aufgeben würde. Auf der anderen Seite wurde die Krankheit in meinem Fall sogar immer noch heftiger, sobald die Chemo beendet war, wie mir meine Erfahrung sagte, also worin lag der Nutzen? Andererseits war es vielleicht besser ohne Schmerzen im Krankenhaus zu sterben?
Kurz gesagt ertrank ich in einem Meer von unbeantwortbaren Fragen. Unterdessen wurde mein Husten immer schlimmer.
Sollte ich die Entscheidung auf später verschieben?
Das Problem war, dass ich später nicht mehr stark genug sein könnte, eine Entscheidung zu treffen.
Am Ende, am zwanzigsten Tag, hatte ich meine Entscheidung getroffen. Schluss.
Die Entscheidung fiel mir nicht leicht. Es ist jedoch so, dass es für uns Patient*innen etwas wahrhaft Unbegreifliches an diesen Behandlungen gibt, die dich krank machen. Sie sind so unbegreiflich wie der Krebs selbst. Wir alle sprechen von chemotherapeutischen Medikamenten als « Scheißdreck ». Seit Tschernobyl weiß jeder, dass radioaktive Strahlung nicht wenig mit dem Auftreten von Krebs zu tun hat, mit der Schwächung unserer Fähigkeit uns gegen ihn zu verteidigen (bis zu dem Punkt, an dem sich einige Menschen fragen, ob die Rückfälle nicht tatsächlich direkt mit dieser Katastrophe zusammenhängen). Es ist natürlich absolut irrational, sich einer Strahlenbehandlung zu unterziehen; das Paradoxe daran ist, dass du die Strahlen nicht spüren kannst, außer insofern, dass sie eine temporäre Linderung der Schmerzen verschaffen, weshalb eine solche schizophrene Einstellung überhaupt möglich und begreiflich ist.
Alle Patient*innen haben eine Antipathie gegenüber diesen Behandlungen, weil sie so unlogisch sind – und so sehr im Widerspruch mit jedem Lebensgefühl stehen. Dennoch gibt es nichts anderes; selbst die alternative Medizin lehnt Chemotherapie und Bestrahlung nicht ab, sondern strebt bloß danach, ihre Nebenwirkungen zu lindern. Die Behandlung, die uns serviert wird, ist also unbegreiflich und doch ist sie anerkannt, als wäre sie unvermeidlich. Sie ist effektiv sogar obligatorisch gemacht worden – ein weiterer Aspekt der alles umfassenden obligatorischen Unbegreiflichkeit, die unsere gesamte Welt definiert. « Du musst es nicht verstehen, du musst es nur glauben. » Logische Argumente haben keine Chance gegen Tatsachen dieser Art.
Eigentlich hatte ich keine Wahl. Ich konnte entweder ein Versuchskaninchen werden oder konnte fliehen – und diese ganze kleine Welt zurücklassen. Meine Ansprüche im Leben waren immer eindeutig gewesen; ich war sicherlich nicht bereit, die Kontrolle über meinen eigenen Tod abzugeben. Aber die Tatsache, dass ich keine Wahl hatte, dass mich der Tod in jedem Fall erwartete, bedeutete, dass ich mich sofort entscheiden musste. Menschlich zu sein ist ein Risiko, das man eingehen muss.
Als meine Entscheidung getroffen war, war ich von der Ruhe beeindruckt, die über mich kam. Alles, was ich unterdrückt hatte, kehrte zurück an die Oberfläche und setzte eine beeindruckende Energie frei, von der ich aufgegeben hatte, sie jemals wieder zu spüren. Ich war endlich im Reinen mit mir. Ich fand meine Freiheit wieder, die nach nichts Schönerem suchte, als Tag um Tag zu wachsen. Ich hatte den einzigen Weg gewählt, den zu wählen menschenmöglich gewesen ist.
Ich war zerstückelt. Mein Ziel war nun, den souveränen Akt zu vollbringen, meine verschiedenen zerstreuten Teile wieder zusammenzusetzen, mich selbst wiederzusammenzusetzen.
Ich machte Selbstversuche. Stück für Stück gelangte ich zu der Schlussfolgerung, dass ich gegen viele Dinge allergisch war. Das hat mir eine bessere Perspektive auf das Voranschreiten meiner Krankheit verschafft; Ich kann nun, soweit das meine Lungen betrifft, zwischen der eigentlichen Krankheit und den Allergien unterscheiden, die sich an ihr festgesaugt hatten. Es dauerte nicht lange, bis ich sah, wie absurd es war, zu versuchen einen Lungentumor, und übrigens auch andere Tumore, an einem Ort wie Paris loszuwerden.
Meine Entscheidung war von einer bestimmten Kraft begleitet gewesen oder hatte sie geschaffen. Zuvor hatte ich in einem Zustand der Machlosigkeit um mich geschlagen. Das Krankenhaus war ein Ort der Entfremdung, ein Ort, an dem ich in Obhut genommen und bevormundet worden war. Seit ich alle Fesseln an es gesprengt habe, habe ich die Kontrolle über mein Leben erlangt.
1985
« Wem einmal, so, wie dir, die ganze Seele beleidiget war, der ruht nicht mehr in einzelner Freude, wer so, wie du, das fade Nichts gefühlt, erheitert in höchstem Geiste sich nur, wer so den Tod erfuhr, wie du, erholt allein sich unter den Göttern. »
Hölderlin
« Die Menschen sind müde, lange bevor sie es überhaupt merken. » Wer weiß, vielleicht habe ich bereits einen oder mehrere Tumore produziert und zerstört, bevor sich einer von ihnen festklammerte und sichtbar wurde? Jedenfalls hatte ich ein Jahr, bevor ich irgendetwas bemerkte, einen Traum, der mich davor warnen wollte, was sich in den Untiefen meines Körpers zusammenbraute.
Wir nehmen unsere Körper nicht mehr wahr, wenn sie zu uns sprechen; mehr noch, die moderne Gesellschaft nötigt uns dazu, den Körper als eine Abstraktion zu behandeln. Wie könnten wir andernfalls auch solche Lebensbedingungen ertragen? Der Körper kann nicht so sehr misshandelt werden wie der Verstand; der Verstand kann gezwungen werden, den Körper als eine Abstraktion zu behandeln, aber der Körper ist ein blindes Wesen, das nie « zur Vernunft gebracht » werden konnte. Seine absolute Blindheit öffnet die Tür zur Wahrheit. Unsere Körper können tun, was unser fehlgeleitetes Bewusstsein nicht mehr tun kann: sie können reagieren.
Es kam der Tag, an dem der Tod sein Zeichen auf die Spitze meiner Brust malte. Jahrelang hatte ich meiner nach innen gewandten und einziehbaren Brustwarze den Spitznamen « mein inneres Auge » gegeben; was wusste ich schon, dass genau hinter ihr ein Tumor lauerte. Die Menschen bekunden niemals große Überraschung, wenn sie erfahren, dass sie Krebs haben: Dafür gibt es so viele mögliche Gründe! Es ist sinnlos, nach einem einzigen Ereignis als dem Ursprung des Malignoms zu suchen (außer natürlich im Falle eines katastrophalen Ereignisses – ein nuklearer Unfall zum Beispiel).
Die Äthiologie [Lehre von den Krankheitsursachen] hat allgemein mit wiederholten und vielgestaltigen Überfällen zu tun, die, weil sie unbemerkt bleiben, selbst im Rückblick nicht identifiziert werden können.
Die Isolation, Beklemmung und Gefühle der hoffnungslosen Niederlage, die unser Leben ausmachen, verschwören sich mit Umwelteinflüssen. Latente Unzufriedenheit erschöpft die Individuen bereits in ihrer Verteidigung. Wir werden von einem unerbittlichen Druck erstickt, der uns überschüttet und möglicherweise unsere Immunsysteme überwältigt. Unsere Entfremdung von uns selbst und von unseren Vertrauten wird zu einer mentalen Krankheit, die unsere Neurosen freilegt und unsere Charaktere panzert. Eine Welt in offenkundiger Feindschaft zu unseren tiefsten Verlangen verbindet unsere versteckten Monstruositäten.
Krankheit decktdie Feindseligkeit der Welt gegenüber dem Individuum auf. Und es sind unsere Körper, die, blind wie sie sind, als erste diese Feindschaft wahrnehmen. Ein guter Teil dieses Gefühls erreicht niemals das Bewusstsein und zeigt sich nicht einmal auf emotionaler Ebene. Die reine Objektivität greift jedes Individuum in seinem Körper an. « Wenn die Seele aus dem Leibe entflohen ist, so beginnen die elementarischen Mächte der Objektivität ihr Spiel. Diese Mächte sind sozusagen fortwährend auf dem Sprunge, ihren Prozeß im organischen Leibe zu beginnen, und das Leben ist der beständige Kampf dagegen. » (Hegel).
In seiner Essenz angegriffen, indem es die Abwesenheit von Kommunikation in totaler Isolation erfährt, kämpft das individuelle Subjekt mit allem, was es sofort in die Hände bekommt – mit seinem eigenen Charakter, mit seinen Krankheiten, ob sie bereits zu Tage getreten sind oder nicht – und es muss dies ohne Distanz tun, ohne die Möglichkeit eines reflektierenden Nachdenkens. Man hat einen medizinischen Zustand und dieser Zustand herrscht über einen, und man ist machtlos sowohl im Hinblick auf einen selbst als auch auf seine Liebsten. Das ist üblicherweise der ausgesuchte Moment, in dem sich das Subjekt « dem hingibt, zu was es neigt », wenn « sich den Tod holen » zu einem klinisch wahrnehmbaren Phänomen wird.
Das Auftreten von Krankheit ist der Moment, in dem sowohl von der*dem Patient*in als auch von der medizinischen Wissenschaft die Tatsache Anerkennung findet, dass das Individuum beschädigt ist, nicht jedoch die Logik, die diese Beschädigung hervorgerufen hat. Im Gegenteil, die Medizin sucht zuerst nach dem einen Verursacher, der angeblich für den Zustand verantwortlich ist – dem Virus, Mikroorganismen, verhaltensinduzierten Risikofaktoren, und so weiter. Und wenn, wie im Falle von Krebs, so ein Verursacher nicht lokalisiert werden kann, nimmt die Medizin die Symptome ins Visier, ganz gemäß dem Prinzip « wenn du etwas nicht verstehst, dann zerstöre es »; ein Ansatz, der bestenfalls den degenerativen Prozess verlangsamt und ihn schlimstenfalls beschleunigt.
An diesem kritischen Punkt wird dem Leiden des Individuums ein Name gegeben: « metastasierender Krebs », « AIDS », « Wahnsinn », und so weiter. Und die außenstehende Welt fährt damit fort, eine Offensive im großen Stil zu starten, mit dem Ziel, die Bedrohung, die durch den Zustand des Subjekts dargestellt wird, aus dem Weg zu räumen und in diesem Prozess die Zerstörung des Subjekts abzuschließen.
Du befindest dich in den Händen der Medizin. Ein Patient. Isoliert. Überwacht. Beaufsichtigt. Du leistest Widerstand, du kämpfst verzweifelt gegen die Krankenhausverwaltung, um etwas von dir zurückzuholen; für dich wird die Verwaltung selbst zum Verursacher der Krankheit. Zweifel sind nicht länger erlaubt und dieser Untersagung zu trotzen bedeutet eine Welt der Kontrolle aufzudecken, die noch schlimmer und noch gebündelter ist, als du es die jemals hättest vorstellen können. Sie sind die Krankheit! – selbst wenn es dein Körper ist, der draufgeht …
Wenn du erfährst, dass du Krebs hast, dann bricht eine Welt zusammen und macht dich blind. Du bist wie viele andere unter diesen Umständen alleine. Was in deinem Kopf explodiert, ist der skandalöse Umfang deiner Enteignung. Dein Gefühl, dass du die Macht verloren hast, dem Leben eine Bedeutung zu geben, hat eine konkrete Form: deine geschwollenen Drüsen, die Knoten in deinem Körper sind ein unentrinnbares Urteil. Das ist eine Verdammung, die in Einsamkeit ausgelebt wird, ein niederschmetternder Rückschlag, ein überstürztes Wettrennen in einer rückwärts laufenden Zeit. Du bist alleine mit deiner Bestrafung.
Selbst diejenigen, die kein Vertrauen in das System haben, brechen nicht damit, weil nichts anderes existiert. Man schlägt wild um sich, während man um nur ein winziges bisschen Einfluss auf die Entscheidungen des Arztes ringt. In einem Brief an den Chirurgen, der mich operieren sollte, erklärte ich, wie ich mich hinsichtlich meines Körpers fühlte: « Ich mag zehn Jahre jünger erscheinen, als ich bin und das ist kein Zufall », schrieb ich, und, « Meine Titten sind für mich alles, meine gesamte Sexualität ist in ihnen enthalten », etc. etc. Als der Tag kam, verkündete mir dieser Chirurg, dass, wenn er erst einmal meine Brust aufgeschnitten habe, er « sich das Recht vorbehalte » (!!!), wenn notwendig, sie vollständig zu entfernen. Ich bestand daraufhin darauf, dass eine befreundete Ärztin bei der Operation anwesend sei und ging hinaus, um eine Tasse Kaffe zu trinken. Schließlich wurde die Operation an diesem Tag abgeblasen. Ich war entschlossen mich nicht so vollkommen der Gnade eines Fremden auszuliefern und hatte Erfolg darin, all meine Testergebnisse zu bekommen und sie mit meiner befreundeten Ärztin zu diskutieren.
Die einseitige Natur solcher Entscheidungen wird durch das implizite Argument gerechtfertigt, dass man alleine dadurch, dass man sich dorthin begeben habe, wo man sich gerade befindet, seine Machtlosigkeit umfassend demonstriert habe. Von dir wird erwartet, dass du dich vollständig unterwirfst und absolutes Vertrauen in das medizinische Wissen über dich hast. Um freie Hand zu haben, nutzt das medizinische System deine momentane persönliche Krise zu ihrem Vorteil aus, um die Annahme aufzuerlegen, dass du deinen Zustand für deine eigene Schuld hältst. Da du deinen Körper, hinsichtlich dessen du eindeutig ignorant bist, mit solcher Sorglosigkeit behandelt hast, warum ihn nicht den fähigen Händen der Hightech-Spezialist*innen anvertrauen? Sicherlich verstehst du all diese technischen Begriffe nicht. Selbst wenn du sie entziffern würdest, inwiefern würde dir das etwas bringen, du Dummkopf, der du bist?
Sie besitzen die Worte – Sie haben die Macht. Du wurdest in eine Schublade gesteckt: « invasiv », « duktal » « Karzinom », “hormonabhängig”, “histologisch Typ 3” … Weil wir erfolgreich konditioniert wurden und die Schuld im Sinne unserer Ignoranz zugewiesen bekommen haben, sind wir Krebspatient*innen bis jetzt daran gescheitert, uns zu wehren, wie einige, die an AIDS leiden, es getan haben, indem sie die medizinischen Forscher*innen angedisst haben, bezüglich ihrer Unwichtigkeit, ihrer Prahlerei und ihrem aufgeblasenen Getue, ihren Pseudo-Entdeckungen, mit denen sie der Öffentlichkeit weismachen, dass sie sich nicht selbst in der allergrößten Verwirrung befinden.
Diese Welt hat dich zu lebenslang verurteilt – oder zur Todesstrafe –, du hast offensichtlich ein Verbrechen gegen dich selbst begangen und wer sonst soll dich in diesem Falle vor dich selbst beschützen?
Und lasst uns nicht vergessen: ANERKANNTE MEDIZIN, ALTERNATIVE MEDIZIN – ALLES DER GLEICHE KAMPF! Alles hat den gleichen Refrain: « Du armes Ding, da hast du dich selbst in ganz schöne Schwierigkeiten gebracht, stimmt’s » (Ja, genau – und Du bist der, dessen Kopf untersucht werden muss!)
Nach der Behandlung – das heißt nach einer üblichen Anästhesie und Operation gefolgt von einer normierten Portion besonders starker Bestrahlung – neigt deine Müdigkeit dazu, deine Wachsamkeit zu überwältigen. Das ist der Moment, in dem sich die Medizin ihren größten irreversiblen Plänen mit dir widmet. Ihr Autoritarismus durchdringt deine Verteidigung und die verlierst die Fähigkeit all die Lügen zu entlarven. Zusammen mit deinem Immunsystem wirst du überwältigt. Du kannst dich amputiert oder kastriert wiederfinden, noch ehe du wieder vollkommen bei Bewusstsein bist. Fortan wirst du deine Tumore niemals los werden, ohne zuvor das medizinische System loszuwerden, das sie sich zu Eigen gemacht hat.
Die Ärzte versuchen dich glauben zu machen, dass im Falle von hormoninduziertem Krebs die « Kastration » eine unglückliche Notwendigkeit sei, aber dass dies dein Sexualleben in keinster Weise beeinträchtigen würde. Zwei kleine Strahlendosen, und wir reden nicht mehr drüber! Wenn du danach einen Libidoverlust erleidest, wird das nicht der Bestrahlung zugeschrieben werden, sondern stattdessen einer mentalen Blockade deinerseits. Du kannst nicht umhin, ihre Behauptungen suspekt zu finden. Du weißt, dass sie lügen. Aber in deiner Erschöpfung endest du darin, das geringere von zwei Übeln hinunterzuschlucken. Fakt bleibt, dass du mit einer Todesdrohung erpresst wirst. Der Nächste, bitte!
Arabische Frauen, die Angst vor der Aussicht haben, von ihren Ehemännern hinausgeworfen zu werden, wenn sie unfruchtbar werden, bekommen versichert, dass ihre Menstruation zu gegebener Zeit zurückkehren wird. Wenn du genügend Pech hast (so wie ich) einer zweiten Strahlenbehandlung im Beckenbereich unterzogen zu werden, kann in der Folge die geringste Penetration unerträglich werden, so wie eine Vergewaltigung, da sich all deine Muskeln versteifen. Das ist ein unentschuldbares Verbrechen gegen unser Liebesleben, eine unsichtbare Verstümmelung unserer Sinnlichkeit und Lüste. Abscheuliche und mörderische Medizin! Und man denke daran, dass ich gebeten hatte, meine Titte zum Zwecke der Liebe so intakt wie möglich zu lassen. Wie ich mich habe reinlegen lassen! (« Sicherlich würden Sie nicht lieber sterben, als eine Brust zu verlieren? ») Verflucht! Verflucht! Verflucht! Noch Jahre später fragten sich mich immer noch ob ich kastriert worden sei, um mir die Operation für den Fall vorzuschlagen, dass es noch nicht gemacht worden sei. Oh diese Wut!
Praktisch keine der Frauen, die auf diese Weise betrogen wurden, wird jemals darüber sprechen, so tief liegt der moralische Schmerz dieser merkwürdigen, fremden und zugefügten Form der Impotenz begraben. Nichts könnte besser entworfen werden, um ihre Isolation zu verschlimmern. Hochsicherheit im Körper! Es ist egal wie alt eine Frau ist, im Normalfall wird sie noch immer sexuelle Lust empfinden …
Jedenfalls bezweifle ich ernsthaft, dass dieser Ansatz wirklich irgendeine Auswirkung auf das Wachstum von Tumoren hat. Zeigt uns die Statistiken! Schließlich muss die Tatsache jung zu sein und doch menopausal sicherlich das Hormongleichgewicht des gesamten Organismus verändern, nicht zuletzt die Knochen. Und wenn du erfährst, dass die logische Entwicklung hormonellen Krebses in der Brust (oder der Prostata) in erster Instanz auf die Knochen geht, kannst du nicht umhin, dich zu fragen ob dein Zustand nicht vielleicht absichtlich verschlimmert worden sein mag, nur um ihre Statistiken zu verbessern! Wie auch immer, wie ich sagte, ich habe meine Zweifel. Und ich verfluche sie alle erneut! Unterdessen habe ich, wie eine blinde Person, die das durch Entwicklung ihrer übrigen Sinne kompensiert, gelernt, aus der Ferne zu lieben, mit Worten, mit meinen Augen und vor allem mit meinem Geist. Was sie mir gestohlen haben, habe ich in einer intensiveren Form als je zuvor zurückerlangt.
Die Atomlobby ist eine andere Macht, ein mafiöser « Staat », der sich über die verschiedenen Nationalstaaten erstreckt. Die Anwendung von Kernwissenschaft in der Medizin folgte ihrem breiten Einsatz durch das Militär (wie bei den Freilufttests in den 1950ern in der Sahara zum Beispiel). In den heutigen Krankenhäusern herrscht Bestrahlung absolut vor und die sogenannten Nationalstaaten erlassen keine Einschränkungen oder ähnliches für ihre Anwendung. Es gibt einige Tests, insbesondere diejenigen, um für Krebs spezifische Antikörper festzustellen, die einfach ohne irgendeinen Rückgriff auf radioaktive Produkte gemacht werden könnten und die die Krankenkassen darüber hinaus auch noch weniger kosten. Aber « alles nuklear [tout nucléaire]s » ist hier wie anderswo die Parole und der Gesundheitsminister Evin hat verfügt, dass sie respektiert werden müsse.
So viel von der neuen und hyper-komplexen Einrichtung in Krankenhäusern basiert auf Kerntechnologie; sie ist auch schnell veraltet. Das ultimative Ziel ist, dass diese Technologie die Chirurgie effektiv ersetzen soll. Du wirst keinen Krankenhausarzt treffen, der willens ist, dir von den Tumoren zu erzählen, die von den Bestrahlungstechniken selbst verursacht werden. Für solche neuen Geschwüre wird ein Rückfall seitens der Patient*in als Grund angegeben. Radiologie-vorantreibende Bonzen in Krankenhäusern können nicht mehr zur Verantwortung für die Konsequenzen ihrer Angriffe gezogen werden, als sie es draußen für die Dosen an Radioaktivität gemacht werden können, denen nun jeder in seinem gewöhnlichen Leben ausgesetzt ist. Schlimmer noch, diesen Bonzen ist es gelungen, sich selbst unumgänglich zu machen; Besonders im Falle von Knochenerkrankungen gibt es schlicht keine andere Alternative und in Bälde werden sie ein vollständiges Monopol auf die Behandlung von Hirntumoren haben. Man mag nicht dem Risiko eines abrutschenden Skalpels ausgesetzt sein, aber eine unaufmerksame Technikerin ist in jeder Hinsicht ebenso tödlich. (Man erinnere sich an den jüngsten « Saragossa-Skandal », wo Patienten aus reiner Fahrlässigkeit über 15 Tage die maximale Dosis bekommen haben, in die Geschichte verwickelt: die Ärzte, ein Techniker und die Laborarbeiter*innen.) Wie ich wirst du wohl oder übel ein*e Teilnehmer*in in dem großen Experiment der Anwendung nuklearer Wissenschaft auf die Medizin werden. Frag nur den großen Nuklearspezialisten, der dich behandelt, nach der genauen Strahlendosis, die jedes deiner Organe deines Körpers erhält. Du wirst ihn angesichts einer solchen Frechheit erbleichen sehen und er wird etwas über die « Ungewissheit » in diesem Feld murmeln. Was werden Sie aus dieser Information machen? Die Welt ist der Gnade einer Indiskretion ausgeliefert.
Die Kunst Patient*innen mit Strahlung zu bombardieren hat viel mit Schießen gemein: In beiden Fällen kann man Bestreichungsfeuer, Kreuzfeuer, gruppiertes Feuer, konvergierendes Feuer, Abfangfeuer, und so weiter haben. Außerdem hast du ein Team von Mathematiker*innen parat, die Flugbahnen und Winkel als Funktionen der entsprechend genutzten Strahlen berechnen (Gamma, Röntgen, was weiß ich). Ah, du profitierst vom Fortschritt! All diese minutiösen Berechnungen werden sorgfältig in den neumodischen Apparat geladen. Dann, siehe da, bekommst du einen Besuch von einem hoffnungslos überarbeiteten Sanitäter, der Messungen mit einer Fehlertoleranz von gut einem halben Zentimeter vornimmt. Schlimmer noch, die Bestrahlung eines Bereichs des Körpers kann leicht so große Spuren hinterlassen, dass es später unmöglich ist, selbst mit einem Scanner zu sagen, ob irgendeine Verbesserung (oder ihr Gegenteil!) aufgetreten ist. Das einzig verlässliche klinische Maß wird, wie immer, unser Schmerz sein.
1987
Zwischen April 1985 (Operation und Bestrahlung) und Juli 1987 (die klinische Bestätigung, dass der ursprüngliche Tumor Nachkommen gezeugt hatte), war meine Verteidigungsstrategie auf meine eigene Stärke zu zählen, worin ich von meinen Freund*innen bestärkt wurde. Ich behandelte die Herausforderung des Krebses so wie die Herausforderungen meines Handelns in der Welt. Und ich erwartete wirklich zu siegen.
Ich hatte eine Chemotherapie nach der Operation verweigert. Die Nebenwirkungen der Bestrahlung waren bereits ein enormer Preis, den ich zu zahlen hatte. Vor allem versuchte ich den gesamten Albtraum so schnell, wie ich konnte, hinter mir zu lassen, indem ich mich nötigte, meine vorherigen Aktivitäten fortzusetzen, wenngleich auch in einem etwas mäßigeren Tempo, um meine Energie einzuteilen. Die Dinge zu pausieren oder mein Leben irgendwie einzuschränken, waren undenkbare Vorstellungen. Und was könnte kräftezehrender sein, als beständig über den Tod nachzudenken: Ich trotzte meiner Krankheit, indem ich sie ignorierte, indem ich versuchte, sie aus meinem Kopf auszulöschen – sogar, wenn möglich, aus den Köpfen meiner Freund*innen.
Den Tod, der mir vorhergesagt worden war, wies ich nun als ungelegen zurück. Ich war immer eine Diebin gewesen und nun stahl ich nicht nur Geld, sondern auch Zeit und ihren Gebrauch. Ich stahl mein eigenes Leben – und meinen eigenen Tod. Die Logik des Geldes hält uns sehr schnell in ihrem eisernen Griff, beraubt uns Stück für Stück unserer Zeit, unseres Bewusstseins, dass wir zusammen sind, dass wir am Leben sind. Mein Diebstahl (der, wie ich klarstellen will, immer gewaltlos und immer gegen den Staat oder die Banken gerichtet war) ist das winzigste aller Korrektive gegenüber der allgemeinen Enteignung des Selbsts, die uns die Lohnarbeit aufbürdet.
Die « kompensatorische Umleitung von Geldern » – das ist meine Art und die Art meiner Gefährt*innen. Die Aussicht des Todes hatte ich bereits in einem sozialen Sinne erlebt, in Form des einkalkulierten Risikos der Verweigerung von Arbeit, wie es von einigen Leuten gemeinsam handelnd freudig eingegangen wird. Für mich kommt Gefängnis dem Tode gleich. Gemeinsam Knast zu riskieren ist eine Art, den Tod zu bändigen.
Ich hatte bis zu einem gewissen Grad Erfolg, aber dann kam der Fehlschlag. Eine bittere Desillusionierung, die ich anfangs nicht einmal zugeben konnte, begleitete die Rückkehr meiner alten Ermüdung. Schließlich, gequält von dem furchtbarsten Gefühl des Scheiterns, ging ich zum Krankenhaus zurück, um diese nur allzu wahrscheinliche Rückfälligkeit zu berichten.4 Es war so schwer! Ich hatte nur zwei Jahre Freiheit gehabt. Zwei Jahre freiwilliger Ignoranz.
Bereits 1985 waren einige meiner Lymphknoten betroffen gewesen und die Gefahr einer Metastasenbildung schwebte über mir wie ein Damoklesschwert. Aber es ist eine Sache, eine Möglichkeit mental zu begreifen und eine ganz andere, mit Sicherheit zu wissen, dass sie in dein Fleisch und deine Knochen eingebrannt ist. Es gibt kein Entkommen mehr. Du lebst eine Tragödie in der Gegenwart und keine Distanzierung ist mehr möglich. Du bist wie eine Fliege, die in einem Honigglas gefangen ist. Außer, dass es nicht Honig ist, den du schlucken musst, sondern Gift. Dieses Mal akzeptierte ich all ihre faulen Verschreibungen – genau jene, denen ich mich zuvor verweigert hatte. Es kostete sie eineinhalb Monate, mich zu überzeugen, aber schließlich kapitulierte ich, schlicht weil einer der Ärzte offen mit mir sprach. Ich wurde von seinen Worten verführt – medizinische Worte, die ich durch meine eigene Lektüre gelernt hatte: « zwei Lymphknoten von sechs möglichen sind betroffen … wenn ein dritter betroffen ist, machen wir eine Chemotherapie; Ein Tumor misst 2,5 Zentimeter … Bei 3 Zentimeter machen wir eine Chemotherapie. « Und so weiter. Allerdings waren das nicht meine Worte, es waren nicht meine Kriterien …
Ich reagierte von Anfang an allergisch auf die Behandlung. In den sechs Monaten, die folgten, wurde offensichtlich, dass das Experiment gestoppt werden musste. Die Zahl meiner weißen Blutkörperchen war zu niedrig und sie weigerte sich, anzuwachsen, also wurde die Kur aufgegeben. Es war während jener Periode, dass ich unter intensive polizeiliche Überwachung geriet; Ich wurde observiert und mein Telefon wurde abgehört.5 Das versetzte mich in Rage. Und auf eine eigentümliche Art und Weise entwickelte diese Neuigkeit sich zu einem Gegengewicht meiner Gesundheitsprobleme: Zwei Unglücke können besser erträglich sein als eines, weil sie einander ausgleichen.
Während des Winters 1987 schwor ich mir einige Dinge. Erstens schwor ich mir, keinen Patzer zu begehen, der die Polizei auf die Spur meiner Freund*innen bringen würde; die Cops hofften zweifellos, dass ich in meinem geschwächten Zustand meine Wachsamkeit fallen lassen würde. Zweitens entschied ich, dass ich meiner Krankheit nicht erlauben würde, den Zeitpunkt und die Art meines Todes festzulegen. Diese Vorsätze veränderten mein Verhalten. Ich begrüßte den Tod nun als einen Verbündeten. Ich begann in Gemeinschaft mit meiner Krankheit zu kämpfen, anstatt gegen sie.
Stück für Stück gewann ich mental an Boden zu meinen fortschreitenden Tumoren. Die Testergebnisse konnten mich nicht mehr erschrecken. Diese wachsende Unverwundbarkeit gegenüber meinem inneren Terror schützte mich ebenso gegen die medizinische Bruderschaft, deren Handlungen ich ruhig vorherzusehen begann: Ich lernte, jede klinische Entscheidung vorherzusehen, bevor sie getroffen wurde. Andere Patient*innen halfen mir in dieser Hinsicht besonders, da sie eine bereitwillige Informationsquelle waren. Inzwischen war ich in die Offensive übergegangen.
Mein Leben wohnte nun in dieser Anerkennung der Erwartung meines Todes. Ich musste eine Kriegerin werden. Anstatt zu zappeln, um zu fliehen, hatte ich begonnen, aktiv zu kämpfen – ich distanzierte mich nicht zum Zwecke meiner Verteidigung, sondern aus strategischen Gründen. Ich war immer auf der Hut. Die durchaus reale und konkrete Bedrohung durch die Cops hatte es mir ermöglicht, eine viel diffusere und unbegreiflichere Gefahr neu einzuordnen und zu konfrontieren. Und in diesem Prozess wurde die soziale Dimension meiner Krankheit offensichtlich.
Die Krankheit hatte mich ausgebremst. Die Bullen waren mir auf der Spur und ich war wie ein verwundetes Beutetier. Unterdessen waren meine weißen Blutkörperchen, deren Zahl einfach nicht wachsen wollte, der eigentliche Maßstab meiner Verteidigung, meine Immunität. Sehr wahrscheinlich stand eine « metastatische Ausbreitung » unmittelbar bevor. Die Parallele zwischen den beiden Verläufen der Ereignisse schärfte meine Aufmerksamkeit. Ich war mir der Vorstellung des Todes äußerst bewusst, aber anstatt eine Obsession für das Unheil des Todes zu entwickeln, empfand ich bloß Indifferenz. Es war sinnlos zu fliehen. Mein Tod, sagte ich mir selbst, war sozial und würde sozial sein, meine Krankheit ist sozial. Angst und Besorgnis verschwanden, sowie ich gleichgültiger wurde und nun war meine Gleichgültigkeit ein Ziel, eines, das ich mir selbst gesteckt hatte, Teil meines Schlachtplans.
Wie der Indianer, der darauf wartet, dass sich sein eigener Wille manifestiert, lernte ich Geduld zu haben und blickte nach vorne in Richtung der Zeit, zu der ich meinen Abschied als einen rationalen Akt organisieren könnte.
Der Wille ist eine Kraft, die mit der Erfahrung wächst, eine einzigartige Macht, die es dir ermöglicht zu siegen, selbst wenn deine Gedanken dich für besiegt erklären. Dein Wille ist deine Unverwundbarkeit. Er organisiert deine Sinneseindrücke, deine Wahrnehmungen der Welt und deiner Situation und bindet sie alle zusammen. Und er reift mit jeder Entscheidung, die du triffst.
Ich wartete. Ich hatte keine Eile. Heute mag ich geneigt sein, zu sagen, dass ich den Bruch schneller hätte vollziehen sollen. Aber das wäre ein Fehler. Ich hätte es nicht gekonnt, da ich dann nicht gewusst hätte, was ich seitdem gelernt habe. So viel war für mich noch immer ein Rätsel; und ich hatte die Risiken noch nicht klar bewertet. Der Akt des Aufhörens, wenn er ein Akt der Meisterung sein sollte, er müsste das Gegenteil eines suizidalen Aktes sein: Er musste eine Wiederentdeckung des Sinns sein, eine lange gereifte Wiederherstellung des Gleichgewichts, eine sorgfältig vorbereitete Rückkehr zur vollständigen Harmonie.
Es sollte zweieinhalb Jahre dauern, dorthin zu gelangen. In der Zwischenzeit durchlief ich zahlreiche Martyrien der Chemotherapie. Jedes Mal jedoch ging ich daraus gestärkt für das Gefecht hervor. Die Krankheit natürlich setzte ihren heiteren Weg fort. Ich unterwarf mich zwei Chemotherapie-Prozeduren, die ich als Experimente betrachtete. In meinem eigenen Geist fühlte ich zu dieser Zeit, dass ich die « Zeit schindete ». Und es stimmt, dass ich einen unstillbaren Durst nach Leben entwickelt hatte und keine Eile verspürte; Ich genoss jeden Augenblick bis zum Äußersten, egal wo ich mich befand. Ich bin heute geneigt, zu denken, dass « Zeit zu schinden », alles gewesen ist, das ich getan habe. Aber « verkürzte » ich nicht unwiderruflich mein Leben?6
Ich führte kurz nach einer Untersuchung oder einer Chemotherapiesitzung stets ein großes Schauspiel der Besserung auf. Ich tat das zu einem gewissen Grad aus Trotz, aber vor allem, weil ich mich selbst vor dem Einfluss dieses jüngsten Angriffs schützen musste. Ich war wie ein Vampir auf meiner verzweifelten Suche nach neuer Stärke. Ich lernte, wie ich meine Umgebung vollständig ausblenden konnte, mich konzentrieren und Trost bei den Klängen finden konnte, die vom Verkehrslärm beinahe vollständig überdeckt wurden: ein singender Vogel zum Beispiel oder eine entfernte Unterhaltung zwischen zwei kleinen Mädchen. Was war es, das mir dieser Vogel oder diese Kinder sagen wollten?
Sicherlich nichts verständliches und doch gab es einen Ton, eine Musik, die so perfekt zu der Beruhigung meines nun so entfremdeten Geistes passte.
Ich vermittelte den Eindruck, dass die Chemotherapiesitzungen für mich eine Kleinigkeit waren – tatsächlich so überzeugend, dass die Nachbarn und Kinder, die damals mit mir lebten, nichts von meinem Zustand mitbekamen. Und doch waren diese Sitzungen widerwärtig!
Bis zu einer bestimmten Ebene der Entwicklung von Krebs ist ein sogenanntes Chemotherapieprotokoll eine von internationalen Vereinbarungen definierte Prozedur (wobei die USA die oberste Autorität in diesen Dingen genießt). Die fraglichen Gifte7 – die in einer Vielfalt von « Cocktails » verabreicht werden – haben sich seit dem Zweiten Weltkrieg nicht verändert. Die Dosierungen wurden reduziert, in Übereinstimmung mit strikt eingehaltenen Grenzwerten. Typischerweise (wie in meinem Fall) wird das erste Protokoll – das zum Beispiel dreimal im Monat für acht Monate durchgeführt wird –, wenn sich die Tumore neu organisieren, um den Wirkungen der Behandlung Widerstand zu leisten, durch das, was im Französischen oft Instandhaltungschemotherapie [dt. auch palliative Chemo] genannt wird, ersetzt. « Instandhaltung » trifft es in der Tat sehr gut, da Genesung nicht länger vorgesehen ist, sondern bloß ein mögliches Verlangsamen des Fortschreitens der Krankheit.
Zwischen der ersten Kur und der zweiten gibt es angeblich einen « Spielraum therapeutischer Möglichkeiten ». Wenn man die Kosten und Nutzen einer Chemotherapie abwägt, kann man nur skeptisch sein, ob die Nutzen überwiegen. Außer natürlich, wir sprechen über die leicht erkennbaren Nutzen, die in die Taschen der Pharmaunternehmen wandern.
Wir sind hier mit der gleichen repressiven Logik konfrontiert, die auch in der Atomindustrie vorherrscht – die gleiche pseudoradikale Forderung nach sofortigen Ergebnissen, die gleiche Verhängung eines Ausnahmezustands, die gleiche Verächtlichkeit gegenüber Langzeitfolgen, ja der Zukunft im Allgemeinen. Du lebst länger – ergo ist die Wissenschaft effektiv. Du willst Heilung? Nun, das ist dein Problem, nicht unseres. Sicherlich wirst du nicht denken, dass die gesamte Atmosphäre gesäubert werden sollte, nur weil es deinen kleinen Lungen schwer fällt, mit der Luftverschmutzung zurechtzukommen?
« Sowieso ist es höchste Zeit, dass du zugibst, wie viel wir für dich getan haben. » In anderen Worten: Es wird von uns verlangt, dass wir ihnen demütig dafür danken, dass sie uns erlauben von ihrem hyperintellektuellen Krimskrams zu profitieren. Die Welt steht Kopf! Tatsache ist, dass unsere Tumore ihr Broterwerb sind und die Atomlobby, die Chemieindustrie und ihresgleichen genau die Leute sind, die verantwortlich dafür sind, dass wir diese Tumor ursprünglich ausgebildet haben. Beinahe ebensoviele Menschen « leben » vom Krebs wie andere an ihm sterben!
In der Chemotherapie ebenso wie im Krieg zählen zivile Opfer nicht. In einer Militäroperation ist die Auslöschung von unbeteiligten Dritten bloß « Kollateralschaden », wenn der Schlag gegen ein Ziel notwendig ist. Da sich Krebszellen schneller vermehren als einige andere, zielt die Chemotherapie gleichermaßen darauf ab, alle sich schnell vermehrenden Zellen zu töten. Zu den Konsequenzen gehören Haarausfall, poröse Nägel und der ganze Rest. Der Patientin wird dann eine Verschnaufpause gewährt, gerade lange genug, um sich zu erholen, bevor das Bombardement weitergeht. Natürlich haben sie ein Auge auf die Teile, die den Hauptteil abbekommen, überprüfen ob dein Herz der Belastung standhält und ob dein Zellwachstum ansteigt.
Dein Körper besitzt zu diesem Zeitpunkt keinerlei Abwehrkräfte und du kannst nicht länger beurteilen, was er dir zu sagen versucht: Tatsächlich ist er eine von drei Wochen krank von der Behandlung selbst. Während dieser brechreizerregenden Perioden kannst du schlicht nicht sagen, was vom Krebs verursacht sein mag und was von der Chemotherapie. Das ist Medizin auf dem Zenit ihrer Idiotie. Du wirst vollständig beraubt – nicht nur deiner Tumore, sondern vor allem deiner Intuitionen, deiner Fähigkeit zu reflektieren (denn entfremdete Wahrnehmungen bedeuten entfremdete Gedanken) und folglich deiner Fähigkeit zu handeln. Das ist die Art von Behandlung, die der Vervollständigung der Selbstaufgabe zugunsten der institutionalisierten Medizin am zuträglichsten ist; sie erfordert blindes Vertrauen in ein versprochenes Resultat, das zeitlich so weit entfernt liegt, dass selbst das Versprechen selbst schnell vergessen ist.
Dir wird zu verstehen gegeben, dass deine Behandlung ein Probieren ist. Es gibt natürlich andere Medikamente – irgendetwas kann in deinem Fall sicherlich getan werden. Bis auf geringfügige Variationen sind die Behandlungen alle gleich und standardisiert, bis du die « Stufe III » erreichst. Die Chemotherapie mag selbst neue Krebszellen erzeugen. Im Nachgang der Behandlung wird ein Karyotyp8 die chromosomalen Brüche, die sie verursacht hat, zeigen; die zerbrochenen Teile können sich irgendwie wieder zusammensetzen und dabei neue bösartige Zellen bilden.
Eine andere Art wildes (aber noch legales) medikamentöses Experiment ist Hormontherapie. Wenn du einen hormonellen Krebs hat, bist du das perfekte Ziel. Eine ganze Reihe an Hormonen wurde erst jüngst entdeckt. Sie werden bereits ausgiebig in vielen Bereichen eingesetzt – in der Landwirtschaft, der Viehhaltung, der Medizin – ohne den möglicherweise katastrophalen Langzeitfolgen auch nur die geringste Beachtung zu schenken. Angesichts der Kampagne an allen Fronten dafür, Hormone überall und jederzeit zu nutzen, ist es kaum überraschend, dass Krebspatient*innen eingeladen werden sollen, sich ein wenig Flickschusterei zu unterziehen, die von irgendeinem Zauberlehrling erdacht wurde. Zunächst werden die Ausscheidungen der Nebennieren blockiert, dann werden Ersatz-Hydrokortisone von einer äußeren Quelle eingeführt – eines der vielen Hormone, das kurz zuvor erst eliminiert worden ist. Macht Sinn, oder?
Jedenfalls weiß ich, dass in meinem Fall, wie in dem von anderen, diese gesamte Prozedur nutzlos war. In wie viel Prozent der Fälle ist sie nutzlos? Versuch doch mal, das herauszufinden!
Von uns wird verlangt, dass wir Menschen vertrauen, die Krebs herausschneiden, den sie selbst verursacht haben; dass wir ihre kastrierenden Entscheidungen ohne zu zögern akzeptieren und ihr bürokratisiertes, statistik-obsessives Flickwerk willkommen heißen; und niemals, unter keinen Umständen, ihre sorgfältig versteckte Ineffizienz öffentlich erwähnen. Solange es ihr einziges Ziel ist, ein repressives Glaubenssystem aufrechtzuerhalten, von dem die einzigen Profitierenden sie und die pharmazeutischen Labore sind, werden die Bosse der Chemotherapie (ebenso natürlich wie die der Strahlung) die « Krebs GmbH » weiter fördern.
Wenn all diese Behandlungsversuche gescheitert sind, kommt der Patient in das, was Phase III genannt wird. Auf dieser Ebene ist die Behandlung nicht therapeutisch, sondern strikt experimentell. Ich wollte mich dem nicht unterwerfen, also ging ich. Ich habe nie zuvor einen derart abgestimmten Versuch erlebt, mich an Händen und Füßen gefesselt der Gnade der pharmazeutischen Konzerne auszuliefern. Sicher, ich war bereits zu einem Versuchskaninchen geworden. Die internationale Dimension der Normen, die in den Protokollen festgelegt sind, sind bloß ein Deckmantel. Du müsstest verrückt sein, Schutz vom Staat zu erwarten – und noch weniger von verschiedenen Staaten in Zusammenarbeit! Es ist wohl kaum beruhigend zu wissen, dass Millionen Menschen das Gleiche wie du erleben. Und ich bin keine Idiotin. Ich habe nichtsdestotrotz über die Jahre Revisionen in den Chemotherapie-Protokollen miterlebt, die sowohl im Hinblick auf geringere (und folglich weniger giftige) Dosierungen, als auch im Hinblick auf freundlichere Verwaltungsmethoden akzeptabler geworden sind. Ich wurde auch durch die Aufmerksamkeiten eines aufrichtig hingebungsvollen Teams an Krankenpfleger*innen besänftigt und durch den Charakter einer weiblichen Ärztin der alten Schule. Ich hatte ein gewisses Maß an Vertrauen in diese Ärztin, obwohl ich zugeben muss, dass mein Misstrauen stets unmittelbar unter der Oberfläche lauerte. Ihr Einspruch schützte mich bis zu einem gewissen Grad vor den Haien in den Laboren. Sie hat eine Reihe vorgeschlagener Versuche als zu gefährlich abgelehnt. Und doch, welche andere Wahl hätte ich schließlich bis zu diesem Punkt wirklich gehabt?
Als ich spürte, dass man versuchte mir meine Hände zu binden, verschwand das Mindestmaß an Vertrauen, das ich entwickelt hatte, wie der Morgennebel. Die Zusammenarbeit zwischen der Medizin und der Welt des Geldes wurde mir mit niederschmetternder Dringlichkeit zurück ins Bewusstsein gerufen. Ein « qualitativer » Sprung ins Widerwärtige. Mein Verfall, meine Impotenz waren schlicht Gelegenheiten, Geld zu verdienen. Für mich war dies das Ende der Fahnenstange.
Ausschließlich auf Einverständnis der Patient*innen selbst, die überredet werden, mehr und mehr Verzichtserklärungen zu unterzeichnen, verkaufen die Krankenhäuser nun ihre Insass*innen als Testsubjekte direkt an bestimmte Laboratorien. Auf diese Art werden kostenlose Versuche an Stichprobengruppen etwa geistig behinderte Personen, Nordafrikaner*innen, oder was auch immer, durchgeführt. Ich nehme an, dass das Krankenhaus ebenfalls irgendeine Art von Provision erhält. Was feststeht ist, dass diejenigen die das Risiko eingehen, nichts bekommen.
Phase III unterliegt keiner Art von Restriktionen, weder nationalen noch internationalen. In Anbetracht des Scheiterns, die in all diesen Fällen vorangegangen sind, wird ein hohes Maß an Nebenwirkungen für annehmbar erachtet. Es gibt ein sogenanntes « Barmherzigkeits »-Protokoll, dass es den «letzte-Chance-Freiwilligen », bei denen alle anderen Behandlungen gescheitert sind, erlaubt, an diesen Experimenten teilzunehmen; das erlaubt – neben der Durchführung willkürlichster Experimente –, diese « inoffiziellen » Versuchskaninchen nicht in die offizielle Statistik der Misserfolge aufzunehmen.
Die Zusammensetzung, die an mir ausprobiert hätte werden sollen, war bereits früher getestet und dann aufgrund ihrer zahlreichen Nebenwirkungen aufgegeben worden. Das beinhaltete die Hemmung der Speichelproduktion (kaum zu empfehlen in meinem Fall, wenn man bedenkt, dass ich auch an Lungenkrebs leidete!), sinkende weiße und rote Blutkörperchenzahlen, reduzierte Blutblättchenproduktion, Nieren- und Leberbeschwerden, etc., etc. Die Forschung wurde von Sanofi Laboratories, einem Tochterunternehmen der Elf-Aquitaine-Gesellschaft, geleitet, die bekannt dafür ist, über das Ausmaß ihres Handelns zu lügen und Nebenwirkungen der Medikamente, die sie vermarkten, zu vertuschen. Also egal, wenn Patient*innen in der Folge gelähmt wären, die Konkurrenz (mit Saint-Gobain) ist immens …
Wir leben in der Tat in einer Welt der Konkurrenz, in der die Profite alle anderen Überlegungen überwiegen. Eine Welt, von der ich nie in der Lage gewesen bin sie zu verdauen.
Die Denkweise, die sich den Umgang mit Krebs nicht anders vorstellen kann als mithilfe des « Auschwitz plus Hiroshima »-Ansatzes (z.B. Chemotherapie plus Bestrahlung) ist natürlich dieselbe, die die Welt hervorbringt, die uns bis in alle Ewigkeit misshandelt. Die Chemieindustrie macht uns krank, indem sie die Luft verpestet, die wir atmen, das Wasser verschmutzt, das wir trinken und das Essen, das wir essen, verdirbt und doch wenden wir uns an sie, um diese selben Krankheiten zu behandeln. Genauso verursacht die Atomindustrie Krebs, den wir dann mithilfe der nuklearen Technologie behandeln. Wir ersticken daran, sämtliche Kontrolle über unsere Leben verloren zu haben, jede Fähigkeit, die Inititive zu ergreifen, und doch gelingt es der Gesundheitsbranche, dass wir uns ihrem Diktat ohne den geringsten Einwand beugen.
Die Vorstellung von Gesundheit ist bedeutungslos im Kontext allgemeiner Sklaverei. Die Produktion neuer Waren basiert auf der Erniedrigung von allem, das existiert – sowohl der Menschen als auch ihrer Umwelt. Geld ist der Motor dieser Welt und nichts und niemand wird von ihm verschont. Alles muss zu irgendeinem Zeitpunkt in eine bestimmte Menge Geld verwandelt werden: die Qualität der Luft oder des Wassers, selbst die Gesundheit eines Individuums. Die Logik ist allumfassend und jedes Individuum erleided es in einem Zustand chronischer Machtlosigkeit.
Innerhalb des gigantischen Labors, das die Warenwelt selbst ist, hat die Medizin eine strategische Rolle auszuüben: Ihre übermenschlichen Anstrengungen, die Krankheit zu bekämpfen – die ein unbewusster Protest des Subjekts ist –, sind eine Art die Realität des menschlichen Verfalls zu verbergen.
Die Medizin steht gänzlich unter der Knute des Kommerzes. Ebenso wie der Staat, der nicht länger von sich behaupten kann, irgendeine Art von Schutz seiner Bürger zu leisten. Wenn kontaminiertes Blut wissentlich an Bluter gegeben werden kann (und die notwendige Gewährleistung mit absolutem Zynismus im Vorfeld ausgeschlossen wird), dann kann die medizinische Praxis kaum noch tiefer sinken. Kaum eine Woche vergeht, ohne dass in den Zeitungen irgendeine neue Niedertracht der medizinischen Bruderschaft oder der Pharmaunternehmen berichtet wird. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs. Man kommt nicht darum herum: Der kommerzielle Imperativ fegt schamlos alle anderen Überlegungen hinweg. Die Medizin tötet.
Die Rauferei um Fördergelder, die sich schwerlich vom frenetischsten kommerziellen Wettbewerb unterscheidet, erlaubt nur die Flucht nach vorne. (Nach fünf Jahre alten Unterlagen zu suchen ist gleichbedeutend mit Archäologie!) Und die Richtung der Forschung wird keineswegs durch wissenschaftliche Kriterien bestimmt; das erklärt den Rückschritt – wie er in der Medizin besonders entsetzlich ist – zu einer ausschließlich empirischen Methode. Dieser sehr reale Rückschritt wird durch den exzessiven Gebrauch technischer Apparate verschleiert. Die sensationsheischende Bewerbung angeblicher Wunderheilmittel funktioniert nach dem Modell von Werbung: Wir werden überzeugt, zwischen einer Werbung und der nächsten, zu vergessen, dass die heraufbeschworenen Entdeckungen identisch sind und gleichermaßen impraktikabel.
Die Dinge sind so weit gediehen, dass mittlerweile Ungeheuerlichkeiten jeder Art zulässig sind. Niemand ist jemals spezifisch verantwortlich für diese Verirrungen, die durch eine Kaskade einzelner Kompromisse entstehen. Medizinische Fehler nehmen überhand. Forschungsergebnisse werden verfälscht oder produziert um Subventionen zu erhalten, Lügen finden auf jeder Ebene der medizinischen Praxis statt, und ein Schweigegebot, wie es der Mafia würdig wäre, wird religiös von allen befolgt. Hier wie überall sonst banalisiert unsere Gesellschaft die ungeheuerlichen Ergebnisse ihrer Handlungen. Das bedeutet letzten Endes eine Welt, in der ganze Bevölkerungen durch Hightech-Waffen von der Landkarte ausradiert werden können und sich im Anschluss nur der Hightech-Waffen erinnert wird; in der straffrei eine Bevölkerung von einem Atomkraftwerk verstrahlt oder von einer Chemiefabrik todkrank (wie in Bhopal) gemacht werden kann.
Je mehr die Medizin eine Lakaienrolle einnimmt, desto größer ist die Arroganz, mit der der Berufsstand seine Autonomie behauptet. In den Krebsfabriken, die uns als Krankenhäuser bekannt sind, sind die Ärzte bloß Puppen, die den Patient*innen vorgeführt werden, um sie zu beruhigen; was auch immer du tust, stelle ihnen bloß keine Fragen – All diese Jahre des Studiums und dennoch sind sie stolz darauf, nichts zu wissen …
Wie in allen Bereichen der Gesellschaft erscheint Geld hier unter zwei sich widersprechenden Aspekten: omnipotent insofern, als dass es medizinische Handlungen diktiert; impotent, vollständig impotent, vom Standpunkt der Patient*innen gesehen, die mit ihrer Krankheit konfrontiert sind. Ich habe so viele Geschichten gehört, die eine begreifen lassen, wie schwierig es für arme Menschen ist, einen ihrer Lieben am Ende zu begleiten – schlicht zu tun, was einst als ein unverzichtbarer Teil eines « schönen Todes » galt. Sie haben entweder nicht die Zeit oder das Geld um ihre Verwandten davor zu schützen in einem Krankenhaus in den Tod gehetzt zu werden. Wenn sie sich die Zeit nehmen, haben sie das Geld nicht mehr und andersherum, wenn sie sich bempühen den Verlust eines Gehalts durch eine gesteigerte Arbeit zu kompensieren, haben sie keine Zeit mehr. Unlösbares Drama. Es ist die eiserne Logik des Geldes, das diese keimfreien und verfinsterten Abflüge schafft. Gewöhnlicherweise wird der externe Druck des Geldes internalisiert, verdaut vom Individuum, dem Paar oder der Familie. Dieses in jedem Falle heikle Arrangement kann durch das Aufkommen von Krankheit hoffnungslos zerstört werden. Wie viele überschuldete Haushalte sind schlicht nicht in der Lage zurechtzukommen, wenn ein Familienmitglied ernsthaft krank wird? Dieser Tage ist es ein Luxus nicht in einem Krankenhaus oder einem Hospiz zu sterben. Paradoxerweise scheitern selbst finanziell besser dastehende Menschen daran, dieser Logik zu entkommen, denn sie sind zu der Zeit, in der ihr*e Geliebte*r stirbt, oft ebenso verarmt, weil sie überzeugt werden für besonders hochtrabende Behandlungen zu bezahlen.
Zu all dem muss noch das Gefühl von Hilflosigkeit ergänzt werden, das wir Tag um Tag empfinden, wenn wir mit einem quälenden Tod konfrontiert sind, der auf eine Art schon vor dem Tod selbst beginnt. Manchmal passiert es, dass die Familie und Freund*innen einer kranken Person heimlich anfangen sich ein Ende dieser Behandlungen herbeizusehnen; sie fangen dann an, sich wegen dieses Wunsches schuldig zu fühlen und werden gelegentlich sogar selbst krank. Patient*innen dagegen sind anfällig dafür, sich selbst vorzuwerfen, dass sie so eine Bürde für ihre Geliebten werden und mögen ihren Kampf gegen die Krankheit aufgeben, um diese Bürde zu schmälern. Jeder endet darin zu hoffen – wenn auch ambivalent und ohne es jemals zu erwähnen –, dass das Ende komme.
Dass ein Maß an Sozialhilfe (beinahe) jedem garantiert ist, ist eine bloße Abstraktion angesichts der Tatsache, dass alle Bande der Gemeinschaft in dieser Gesellschaft durchtrennt wurden, was die Individuuen ohne Verteidigung dastehen lässt, Familien verzweifelt und die meisten Menschen verarmt, entmündigt und zum Schweigen verdammt. Das ist beinahe immer der Kontext, in dem das Buch über die Existenzen, die unter der Diktatur des Geldes gelebt werden, geschlossen wird. Menschlichkeit ist zu einer unpraktikablen Vorstellung geworden.
Ins Krankenhaus zu gehen bedeutet direkt und brutaler als gewöhnlich unter die Kontrolle des States zu fallen. Die ersten Mittel der Gegenwehr in diesen Umständen sind, sich zu weigern, sich schuldig zu fühlen – Andeutung der Art « du selbst bist verantwortlich für deinen Krebs » vollständig zurückzuweisen. Indem sie dir ihre Zeitrahmen auferlegen, versuchen deine Feind*innen dich deines Bewusstseins zu berauben. Sich zu weigern, irgendeine Schuld anzunehmen, ist eine Möglichkeit, all deine Energie gegen diese Enteignung zu richten, dich als Individuum zu behaupten und eine Gelassenheit zu erlangen, die sich selbst auf die Emotionen erstreckt; es lehrt dich auch, wie du Angriffe vorhersehen kannst und diesen folglich möglicherweise etwas entgegensetzen; und schließlich sichert es deine Freiheit, obwohl eine ganze spezialisierte Welt errichtet wurde, um dich ihrer zu berauben.
Weigere dich, die Rolle einer Patient*in anzunehmen oder die einer der schuldigen Parteien und du kannst über die Ängste, die solche Rollen mit sich bringen, lachen. Frage dich, wie jemand, der sich nicht in deiner Position befindet, deinen Fall behandeln kann und du wirst dem therapeutischen Fanatismus den Fehdehandschuh hinwerfen. Aber vorsicht! Alleine die Bitte nach deinen eigenen Testergebnissen kann als ein aggresiver Akt erachtet werden – sogar als gewaltsame Taktik! Was für ein Wahnsinn!
Du musst wie ein Sträfling das Strafrecht ihre Sprache erlernen, damit du deinen Feind auf seinem eigenen Territorium bekämpfen kannst. Bloße Neugier deinerseits, selbst wenn sie nicht einmal die Spur von Skeptizismus verrät, ist für die Mediziner*innen verwirrend, aus dem guten Grund, dass sie die Autorität sind und alleine die Vorstellung ausschließen wollen, dass sie möglicherweise kritisiert werden könnten. Dass du an deinem eigenen Fall Interesse zeigst, wird daher niemals als etwas Begründetes betrachtet werden, sondern schlicht als eine emotionale Reaktion. Was für eine Geringschätzung! Um die Ärzte vor den Gefahren einer Konfrontation von Angesicht zu Angesicht zu schützen, werden Spezialist*innen der « Kommunikation » (zum Beispiel im Lügen) mit der Aufgabe betraut, Patient*innen zu überzeugen, dass sie diese oder jene bestimmte Behandlung brauchen.9
Der Kampf um einen selbst ist untrennbar verbunden mit einer Einstellung der Revolte gegen das Gesundheitssystem. Der erste Schritt besteht darin, systematisch die Autorität dieses Systems zu hinterfragen, was Hand in Hand geht mit der Entschlossenheit, die Mauer der medizinischen Verschwiegenheit zu durchdringen und die Informationen zu erlangen, die sie hinsichtlich deines Falles verborgen hält. Man muss gerissen sein, um mit den Lügner*innen, mit denen du konfrontiert bist, umzugehen, stets eine Kopie der Dokumente und Bilder fordern, sie wenn notwendig stehlen, und vor allem sich von der Sprache des Feindes nicht hinters Licht führen lassen. Dann musst du auch andere Patient*innen ausfindig machen und Informationen mit ihnen austauschen – ein Ansatz, der Menschen im Krankenhaus nicht natürlich vorkommt. Das ist der einzige Weg, den unilateralen Charakter der Entscheidungen, die über dich getroffen werden, zu bekämpfen, welcher vollständig auf deiner Passivität und/oder Ignoranz beruht.
Die Institution betrachtet den*die Patient*in als ein Versuchsobjekt. Das einzige Experiment jedoch, dass es den Patient*innen erlaubt, ihre Individualität zu bewahren, ist das Teilen von Erfahrungen mit Leidensgenoss*innen und das bedeutet, dass jede*r von uns einige Fenster zur Außenwelt öffnen muss.
In Orson Welles Verfilmung von Kafkas Der Prozess verkündet Joseph K. gegenüber seinem Anwalt, dass er sich von nun an selbst verteidigen werde, weil er, der Anwalt, das bürokratische System, das K. verfolgt, unterstütze und Teil von ihm sei. Der Anwalt erwidert: « Du unterzeichnest dein eigenes Todesurteil. » Ich bekam eine vergleichbare Antwort, als ich entschied, die Chemo abzubrechen: « Du wirst ohne uns nicht zurecht kommen! Du wirst zurückkommen! », und so weiter. In anderen Worten: « Du unterzeichnest dein eigenes Todesurteil. »
Man trifft eine solche Entscheidung nicht und kehrt dann still und heimlich zu den Routinen des Alltags zurück. Sie liefert vielmehr die Möglichkeit, die Einheit des eigenen Lebens und der eigenen Geschichte wiederherzustellen, zu den eigenen engen Freund*innen zurückzukehren und die eigenen Sehnsüchte wiederzufinden.
So schwer es auch ist, die Pathologie dieser Welt zu bekämpfen, wenn sie sich erst einmal verfestigt hat (sowohl hinsichtlich des Krebses selbst, als auch der Art und Weise, wie damit umgegangen wird), so ist es vielleicht noch schwieriger nicht von den Menschen, die man liebt, beeinträchtigt zu werden. Wir suchen nach Anerkennung. Heute ist eine solche Anerkennung, die Hegel das Hauptziel des Menschen nannte, nichts als ein Hirngespinst. Allgemeines Misstrauen, der Krieg aller gegen alle, hemmt jede wirkliche Erweiterung des Selbst. Die Macht des Geldes führt sein Werk der Abstraktion fort, wobei sie jede mögliche Vermittlung zwischen den Menschen bestimmt. Fortan sind wir alleine mit einer ganzen Welt, die sich gegen uns in Stellung gebracht hat.
1991
« Das Unendliche ist nicht das Jenseits des Endlichen,
es ist die Bewegung des Endlichen selbst. »
Ich kenne keine revolutionärere Aussage.
Ich habe versucht meinem Leben Gewicht zu verleihen, um die Bürde meines Todes zu erleichtern. Leben, ohne Risiken einzugehen, ist die schlimmste Entscheidung, da sie bedeutet, verarmt zu sterben. Mein Schicksal wird durch den Kurs meines Lebens verkörpert, wie er durch die erfolgreichen Verweigerungen in meiner Jugend festgelegt wurde. Ich habe die Zeit genutzt, Geld gestohlen, Sozialausgaben nach meinem eigenen Ermessen wiedererfunden, Reichtümer begehrt, Entfremdung kennengelernt – all das gemeinsam mit meinen Freund*innen. Das war mein Leben!
Ich bin nicht wenigen Arten der Sklaverei entflohen, allen voran der Lohnarbeit. Ich habe fünfzehn Jahre außerhalb der Gesetze verbracht und war nie im Gefängnis. Aber ich konnte der Krankheit nicht entfliehen. Als sie kam, war ich keinesfalls bereit, darauf zu verzichten, mir mein eigenes Leben anzueignen, bloß um mich vor Ängsten zu schützen, die sich leicht selbst als tödlich erweisen könnten.
Was das Leben selbst betrifft, kann ich nicht sagen, dass ich schlecht bedient gewesen wäre. Man betrachte beispielsweise das Geld. Geld ist ein schrecklicher Tyrann, wenn du keines besitzt – aber auch dann, wenn man welches in die Hände bekommt! Geld kann dich krank machen. Ich habe in dieser Hinsicht die besten und schlimmsten Erfahrungen gemacht. Die schlimmsten: Isolation, Trennung, Jede*r für sich selbst. Die besten? Diebstahl, Wiederaneignungen organisieren, die notwendigen Talente an einen Tisch bekommen. Solche Handlungen veranschaulichen die Einheit aus Denken und Handeln perfekt. Ein flüchtiger Blick – nein, eine authentische Manifestation – auf den wahren Reichtum! Es gibt keine größere Anziehungskraft als diese – die Wiederentdeckung des wahren Teilens, der wahren Großzügigkeit.
Entschiedenermaßen war es eine viel schlimmere Aussicht mein Leben zu verlieren, als bloß zu sterben. Was könnte schlimmer sein, als dass einem die Freiheit unter dem Schatten eines vorhergesagten Todes weggenommen wird? Was mir nun drohte, war nicht der Terror der Einsperrung in all seiner inakzeptablen Unmenschlichkeit, sondern ein schrittweiser, irreversibler Verfall, der in mir selbst stattfand.
Indem ich davonstürzte und das letzte große Spiel des Lebens auf mich nahm, gewann ich eine einzigartige Perspektive, die mich in die Lage versetzte, meine Existenz neu zu begreifen und all meinen unbezwingbaren Willen aufzubieten.
« Tod oder Freiheit! » Der Tod setzt seinen Einsatz, die Freiheit. Das Endliche ist in der Tat ein Moment des Unendlichen und erschafft den Geist der Rebellion. Das Endliche wird anhand eines Grenzpunkts in der Zeit geformt, den wir für uns selbst festlegen. Das Ende ist folglich im Anfang enthalten und der Anfang im Ende. Das Endliche ist der Zeitpunkt, von dem ab die Zeit heruntergezählt wird, das was dank dieser Bewegung relativ zu sich selbst Konturen annimmt und sichtbar wird, der Sinn eines Lebens. Ohne solch freiwillig etablierten Referenzpunkte, ohne solche Versprechen, die man sich selbst macht, kann das Leben keinen Sinn haben, kann nicht mehr sein als ein Unfall.
Menschliches Handeln ist wie die Bewegung des Geistes in der Welt: Je weiter es in Richtung seines Endes fortschreitet, desto weiter schreitet es zurück in Richtung seiner Begründung und nur in dieser doppelten Bewegung kann es seine eigene Einheit entdecken. Diese langsame Revolution wird von der Erkenntnis begleitet. Hier befindet sich die Basis einer zukünftigen Rückkehr zu einem Goldenen Zeitalter, wie es von den Millenarist*innen vorhergesehen wurde, die Erfüllung des Versprechens, das zu Beginn der Zeit gemacht wurde. « In den Tiefen der Seele befindet sich der Himmel: Ein klarer, wolkenloser, blauer Himmel. » (Novalis)
Angenommen ich wäre im Krankenhaus gestorben! Mein Ende – und folglich mein Leben – wären mir entrissen worden. Ich konnte es schlicht nicht erlauben, dass mir mein Tod auf diese Weise gestohlen wurde, da der Verlust meines Lebensendesden Verlust des gesamten Sinns dieses Lebens bedeutet hätte. Der wesentliche Moment, der bedeutende Moment, hätte niemals mir gehört.
« Leben ist der Anfang des Todes. Das Leben ist um des Todes willen. Der Tod ist Endigung und Anfang zugleich, Scheidung und nähere Selbstverbindung zugleich. Durch den Tod wird die Reduktion vollendet. » (Novalis)
Der bedeutende Moment ist der Moment der Selbsterkenntnis. Das Leben erreicht Vollkommenheit, indem es an seinem Endpunkt bewusst wird. In diesem Moment wird das Leben wahrhaft zu meiner Erfahrung, so dass ich seinen universellen Aspekt begreife. Auch der Anfang wäre weg gewesen: Weder Anfang noch Ende – nichts, auf das man Anerkennung stützen könnte.
Wir leben in wirklich finsteren und unmenschlichen Zeiten!
Der Kriegerinnengeist blickt dem Tod in die Augen, weil er die Essenz des Handelns der Kriegerin ist, den Tod im Austausch für Anerkennung zu riskieren. Der auf die Sklaverei reduzierte Mensch wird vom Tode beherrscht und umso mehr versucht er das zu ignorieren, die bloße Vorstellung davon zu vertreiben. Unsere Welt tut alles, was sie kann, um selbst die unsichtbarsten Spuren des Kriegerinnengeistes auszulöschen. « Und diese soziale Abwesenheit des Todes ist identisch mit der sozialen Abwesenheit des Lebens. » (Debord)
Ausprobieren ist das Leben begriffen als etwas, das sich in Bezug auf einen Einsatz entfaltet und folglich einen Anfang und ein Ende besitzt. Nur auf dieser Basis können Erfolg und Scheitern eine Bedeutung haben. Solange du dieser Vorstellung nicht beraubt wirst, kannst du nicht besiegt werden. Du magst hier und da eine Schlacht verlieren, aber die absolute Niederlage ist eine Unmöglichkeit. Die Vorstellung des Todes muss dein Wegweiser sein – dein Anstifter, immer auf der Hut, immer bereit dir zuzuflüstern, sollte deine Aufmerksamkeit umherschweifen: « Hey, was ist dieser neue Schmerz … Sei jetzt vorsichtig … »
Wenn du nichts mehr hast, an dem du dich festklammern kannst, wenn du merkst, dass deine Zeit abläuft, zwingt dich diese Vorstellung, ausschließlich auf deine Entscheidungen zu vertrauen und sie gibt dir deine Zeit zurück. Du wirst zur Herrin über deine Entscheidungen, über deine Fristen – eine versierte Strategin. Treibt dich ein Gefühl der Dringlichkeit an? Ja, aber das ist gerade der Punkt: Du nimmst dir deine Zeit. Diese Zeit gehört dir, sie erfüllt, was du gewählt hast. Nichts anderes ist von Bedeutung, nichts kann dir genommen werden. Du wirst selbst die Zeit haben, deinen Stil aufzupolieren. Alles fließt logisch ausgehend von deiner ursprünglichen Entscheidung. Deine Distanziertheit und Klarheit sind verstärkt; eine neue Macht ist in dir erwachsen.
Deine Entscheidungen werden von nun an die besten sein, schlicht weil es deine eigenen sind.
Ich muss hier den Freund*innen, die im Knast sind, die Ehre erweisen, Georges Courtois und Karim Khalki. Ich erweise ihrem Geist und ihrer Stärke die Ehre. Der gleiche Geist hat es mir erlaubt, mich selbst wiederzuentdecken, als sich alles verschworen hatte, um mich zu zerstören. Die Zeit zerrinnt mir nicht länger zwischen den Fingern und der Prozess der Verschlechterung hat sich entsprechend verlangsamt.
Ich bin dabei, die Essenz meines Lebens zu umarmen, um mein Ziel zu erreichen. Was einst nicht mehr als ein verrückter Traum war, geschieht nun systematisch und nähert sich seiner vollständigen Realisierung. Indem ich die Welt mit einem qualitativen Sprung nach dem anderen konfrontiert habe, habe ich verstanden und versucht zu vermitteln, was für eine Macht in diesem Prozess entstehen kann, welch tiefe Zufriedenheit von der Entstehung meiner Menschlichkeit erwächst. Dieses Vergnügen kommt vom Unbekannten, von der Undurchsichtigkeit einer auf den Kopf gestellten Welt und es erfreut die Herzen aller, die in der Lage sind, sich selbst in ihr zu begreifen. Denn meine Menschlichkeit ist auch die ihre – nun ist es sichtbar, geradezu blendend, genau weil ich es mir wahrhaft angeeignet habe. Es erfordert vor allem anderen geteilt zu werden und dann an die gesamte Welt kommuniziert zu werden.
Meine Geschichte ist alles in allem eine sehr gewöhnliche: Es liegt nichts außerordentlich Besonderes darin, vor der letzten Phase der Chemotherapie aus dem Krankenhaus zu fliehen. Mir ist klar, dass ich eine winzige Scheibe Erfahrung ziemlich aufgebauscht habe. Aber ich stand davor meines eigenen Todes und folglich meines Lebens – das auf der Verweigerung dieser Enteignung basierte – beraubt zu werden. Indem ich mir mein Ende wiederangeeignet habe, habe ich zurückgewonnen, was am Anfang gewesen ist und ein Verständnis meiner Rebellion zurückerhalten. Ich sehe nun, wie mein Leben nach der Unschuld meiner Kindheit zu dem geworden war, was es in seinem Wesen ist, nämlich ein Lied der Erfahrung. Unter diesem Aspekt hat es strategische Lektionen anzubieten.
Als ich zu meinen Freund*innen zurückkehrte, stellte ich fest, dass ich in der Lage war, als eine effektive und vollständige Vermittlerin zu dienen – etwas, das wir alle versuchen sollten und uns gegenseitig ermutigen sollten zu sein. Und ich stellte fest, dass ich nun Qualitäten aufbringen konnte, die mir zuvor gefehlt hatten, diejenigen, derer ich bedurfte, um meine Entscheidungen zu treffen, meinen Willen (selbst bei meinen Freund*innen) durchzusetzen und meine Umgebung zu beeinflussen – mit einem Wort, teilzunehmen.
Ich hatte Erfolg darin, meine Erfahrung zu vermitteln, alle meine Freund*innen haben sie sich einverleibt und für sich darüber nachgedacht und unter uns sind Ideen entstanden, die wir gemeinsam verfeinert haben. Wir sind alle zu der Schlussfolgerung gelangt, dass es einen Sinn in der Geschichte gibt. Stück um Stück legen wir die Grundlage für eine sich herausbildende, gemeinsame Betrachtungsweise.
Die kommende Periode wird kaum neuer Theorien bedürfen. Was sie brauchen wird, sind konkrete Handlungen als Beispiel, und zwar im Kontext einer Umkehrung der sichtbaren Perspektive und die in der objektiven Realität verwurzelt sind. Und sie wird keine Spekulationen über Ideen brauchen, sondern Ideen selbst – Ideen, die verfeinert werden können, indem sie in die Tat umgesetzt werden.
Mir ist klar, dass es kein einfaches Ziel ist, unsere Handlungen als ein Experiment zu begreifen, als etwas, das in der Zeit, in der Welt konstruiert werden muss. Etwas, das seinen Ursprung in der Kommunikation hat, das durch Kommunikation erzeugt wird und das Kommunikation entstehen lässt. Etwas, das einen Anfang hat – aber auch ein Ende. In Angesicht dessen es sich geziemt, dass wir, wie die millenaristischen Sekten oder die Situationistische Internationale, einen Zeitpunkt festlegen und dann in Beziehung zu diesem Punkt uns selbst als Autor*innen eines Experiments und als notwendige Vermittler*innen verstehen. Denn wir haben keine Referenzpunkte mehr und es liegt an uns, unsere eigenen zu erschaffen. Es gibt keinen anderen Weg, die Dinge in Zusammenhang zu bekommen.
Der Fehler der Situationist*innen, die den Millenarist*innen folgten, mag gewesen sein, dass sie das Sein als bereits etabliert betrachtet haben (siehe den Begriff des « Erwählten »). Es ist keine Frage des wie es sein sollte, sondern vielmehr muss es mithilfe des größtmöglichen Abstands geschaffen werden. Von diesem Standpunkt aus können wir begreifen, wie sich machbare Größe in der größtmöglichen Schlichtheit wiederfindet.
Geld ist das Gegenteil von Reichtum, eine Form, die uns isoliert und trennt: Die Allmacht der Objektivität legt das Gesetz fest. Es ist die größtmögliche Distanziertheit, die absolute Gleichgültigkeit. Doch das Subjekt kann keine Selbstbestätigung erlangen, ohne diese Distanz zu überwinden. Wie die Dinge stehen, ist Geld die einzig verfügbare Form der Vermittlung. Die Lösung liegt nicht in irgendeiner neuen Ideologie, sondern vielmehr in praktischer gegenseitiger Anerkennung. Unsere Leidenschaft ist von der Art, dass sie nicht auf die Bildung von Freundschaften unter uns verzichten kann. In diesem aktiven Schaffensprozess werden wir finden, was wir immer gesucht haben.
Andréa Doria, 14. August 1991
Mai 1991
« Nichts war noch nah, ich fand mich nur von weiten,
Ein Anklang alter, so wie künftger Zeiten. »
Novalis
Bella,
Ich bin amüsiert zu erfahren, dass du mein bevorstehendes Ende als eine Art von Scheitern betrachtest. Spüre ich da bereits die trauernde Freundin?
Du vergisst, dass ich nicht darauf aus war, geheilt zu werden. Meine Verteidigung war ursprünglich die Krankheit zu leugnen und später dann, mein Schicksal von einem höheren Prinzip als die Höhen und Tiefen, die mir die Krankheit brachte, bestimmen zu lassen. Wollte ich das Leben in vollen Zügen genießen? Natürlich wollte ich das!
Ich habe mein Ziel erreicht und das bestand darin nicht herumgeschubst zu werden, egal was passieren würde. Strategisch gesprochen habe ich an zwei Fronten gesiegt. Die « Metastasen-Cops », die immerfort versuchten, meine Emotionen zu kolonisieren, behandelte ich mit erstklassiger Gleichgültigkeit. Ich habe es rechtzeitig (?) geschafft, meine Fesseln zu sprengen, die mich an die medizinische Welt banden – eine Welt, die auf Basis all des Krebses und anderer Scheiße gedeiht, die sie uns selbst anhängt. (Die Medizin ist eine große Bürokratie und sie versteckt ihre Ignoranz wie ein Staatsgeheimnis.) Ebenso wie meine « Coppas-tasen » – diese lebendigen Leichen, die mir in den letzten Jahren schamlos und ohne ernsthafte Schwierigkeiten gefolgt sind – daran gescheitert sind, mich zu isolieren. Denn – Ja! – meine Freund*innen standen hinter mir, auch wenn sie weit entfernt waren.
Besser noch – was für ein Luxus! Was für ein großes Vergnügen! –, ich habe mit meinen Freunden daran gearbeitet, meinen Abgang als eine Situation zu planen, die man konstruiert. Das Datum unseres Abschieds wurde festgelegt. Dieser Moment, auf den wir uns geeinigt haben, markiert einen Aufbruch: Zugleich ein Ende und ein Anfang. Ich soll Teil der Zukunft meiner Gefährt*innen sein – soll an ihren kollektiven Entscheidungen teil haben. Ich sage « wir », obwohl ich von einer Zeit spreche, zu der ich nicht mehr sein werde. Es ist nicht schwer, die allgemein anerkannte Sichtweise des Todes zu relativieren.
Dieses mehr oder weniger zufällig gewählte Datum sollte als eine qualitative Schwelle betrachtet werden, die wir alle überschreiten wollen und es wäre ein Sakrileg sich davor zu scheuen.
Unser Standpunkt hier steht der Vorstellung von Suizid als einen isolierten und verzweifelten Akt, der alles, was das Individuum geglaubt und repräsentiert hat, auslöscht und der nichts außer Scheitern und Niederlage bedeutet, diametral entgegen. Indem ich entscheide, wie mein Tod aussehen soll und indem ich das nicht im Privaten tue, sondern zusammen mit anderen, gehe ich über die bloße Bekräftigung individueller Freiheit angesichts eines Prozesses des Verfalls hinaus (sei es der der Welt oder der meines Körpers), über den ein einziger Wille niemals hinausgehen könnte.
Die Freiheit, die ich bekräftige, ist die einer materiellen Individualität – in anderen Worten einer Individualität, die aufs Engste mit der « meiner » anderen verbunden ist und folglich einen sozialen Charakter besitzt. Wir leben nur durch Kommunikation und davon bin ich der lebendige Beweis.
Meine Freiheit?
Weder Sieg.
Noch Niederlage.
Ich bin mir meiner Freund*innen sicher.
n’Dréa
Andréa starb an dem Tag, den sie gewählt hatte: Am 15. August 1991
1Ein pharmazeutisches Forschungslabor, das dem petrochemischen Konglomerat Elf Aquitaine gehört.
2Das « Protokoll » ist eine Reihe von Vorgaben, die die Behandlung von Krebs regulieren. Im Falle einer Chemotherapie zum Beispiel sind die konkreten Produkte, die verschrieben werden dürfen und ihre Dosierungen alle strikt festgelegt.
3Beljansky: Dissidenter und marginalisierter Professor. Er verbreitet seine eigenen Behandlungsmethoden mit Produkten, die er entwickelt hat.
4Es ist interessant, wie oft die Medizin das gleiche Vokabular benutzt wie das Strafvollzugssystem. Tumore werden weniger dadurch überwunden, dass sie behandelt werden, sondern vielmehr dadurch, dass sie bestraft werden. Sie werden als resistent und rebellisch beschrieben. Was schlecht ist, muss getötet werden, schlechte Mächte müssen ausgerottet werden. Zellen sind delinquent, wenn nicht sogar besessen. Du bist bösartig, deshalb stirbst du! Der Teufel ist, wie immer, nicht weit!
5Beginnend im Sommer 1987 ermittelte die politische Polizei mit Unterstützung verschiedener Abteilungen der gerichtlichen Polizei systematisch und umfassend gegen unsere Gruppe, die als Os Cangaceiros bekannt ist, mit dem Ziel sie zu zerschlagen. Der Natur der Sache entsprechend brachte uns das eine Menge Probleme.
6Meinen Leser*innen kann ich in dieser Hinsicht keinen Rat geben. Kein Fall gleicht dem anderen. Ich habe Frauen getroffen, denen es zwanzig Jahre nach dem Abklingen absolut gut ging; und ich kenne eine Frau mit genau dem selben klinischen Bild wie bei mir, die sehr viel schneller verstarb. Ich kann nur von meiner eigenen Erfahrung sprechen und ich will nicht behaupten, dass sie in irgendeiner Weise typisch wäre. Ein Gebärmutterhalskrebs oder ein Prostatakrebs mag, wenn er frühzeitig entfernt wird, sich auch zum Guten ausradieren lassen. Der Zeitfaktor ist sehr wichtig und je früher ein Tumor erkannt wird, desto besser sind deine Chancen.
7Denn Gifte sind es – da sollte man sich keine Illusionen machen. Deine Venen werden nach einem Jahr Chemotherapie verhunzt sein und dein Herz ausgelaugt – um gar nicht erst von deiner Leber zu sprechen!
8Ein Karyotyp ist die spezifische Anordnung all der Chromosome einer bestimmten Zelle eines Individuums und im erweiterten Sinne ein photografisches Bild dieser Anordnung.
9Es ist der ermüdende Job dieser als « Kommunikationsbeauftragte » bekannten Mediator*innen, Patient*innen zu empfangen und einzuweisen. Sie haben auch eine andere Funktion, die (Überraschung!) darin besteht, mit den Vertreter*innen der pharmazeutischen Hersteller*innen zu verhandeln. Die « Kommunikation », für die sie verantwortlich sind, besteht darin, auf jedes Detail des Verkaufsgesprächs dieser Leute zu achten (egal ob harte oder weiche Schale), und diesen Hokuspokus dann für die Patient*innen zu übersetzen, dabei nach Bedarf Psychologie zu nutzen und sie dazu zu überreden Versuchskaninchen zu sein. Eine solche Mediation brauchen wir genausosehr, wie wir ein Loch im Kopf brauchen! Es gibt natürlich nicht nur für Krankenhauspatient*innen « Kommunikationsbeauftragte », sondern auch für delinquente Jugendliche in den armen Vorstädten, etc. Tatsächlich schreit jeder Verrat einer sozialen Beziehung durch diese Gesellschaft nach seiner eigenen Truppe für die Nicht-Kommunikation.
Nachwort zur deutschen Übersetzung
« Tod oder Freiheit! » In Zeiten der neuen pandemisch-legitimierten Realität scheint uns beides verwehrt zu bleiben. Ob es nun wegen der Pandemie ist oder aus irgendeinem anderen Grund, die schöne neue Weltordnung von Ausgangssperren, Kontaktverboten, Impfausweisen, Testzertifikaten und flächendeckenden Gentech-Impfungen, sie scheint jedenfalls entschlossen zu sein, uns alle bis zu unserem Tod medizinisch zu verwalten. Von allen möglichen Dystopien, musste es ausgerechnet die des globalen, klinisch sterilen Krankenhauses sein, in der wir uns von einem auf den anderen Tag wiederfanden?
Vor diesem Hintergrund hat uns n’Dréa wahrlich viel zu erzählen, auch wenn die Aussicht tatsächlich zu sterben im Falle ihrer Krebsdiagnose um einiges präsenter gewesen sein dürfte, als sie es im Falle einer Coronavirusinfektion für die meisten Menschen sein dürfte. Und doch, auch wenn es heute vielmehr die vage Möglichkeit einer bloßen Potentialität ist und weniger eine intuitive Gewissheit, die sich irgendwann im Verlaufe der monate- und jahrelangen Beschwerden einstellen mag, auch wenn wir heute bei weitem weniger durch gutes Zureden irgendwelcher « Kommunikationsbeauftragter » davon überzeugt, als vielmehr durch staatlichen Zwang genötigt werden, zu Versuchskaninchen der Medizin zu werden, die in uns kurieren will, wofür sie selbst und ihre Welt äußere Ursachen sind, kann n’Dréas Analyse der Medizin das selbst in diesem zugespitzten Szenario erhalten gebliebene Vertrauen einiger zu ihr in ihren Grundfesten erschüttern. Denn wie soll etwas, das bereits früher bloß die Interessen von Staat und Industrie (allen voran Atomlobby und Pharmaindustrie) anstelle der versprochenen Heilung der Menschen verfolgt hat, heute, wo diese Interessen weiter an die Oberfläche gespült wurden als je zuvor, dieses Versprechen plausibel einlösen?
n’Dréa ist keine Wissenschaftlerin und sie liefert uns auch keine wissenschaftlichen Argumente gegen die Medizin oder eine ihrer Praktiken. Was sie uns anzubieten hat, ist ihre Erfahrung, ihr menschliches Urteilsvermögen und ihre Entschlossenheit sich nichts und niemandem zu unterwerfen. Durch die wissenschaftliche Brille betrachtet mag manch ein*e arrogante*r Laborarbeiter*in in ihrem*seinem weißen Kittel über n’Dréas Ansichten, ihre Theorien und Vorwürfe herablassend schmunzeln und sich schnell wieder dem für den Laien gänzlich uninteressanten und unsichtbaren Inhalt seiner*ihrer Petrischale zuwenden. Es spricht sicherlich nicht für diese Gesellschaft, dass diese Perspektive heute vielleicht auch die derer sein mag, für die die Wissenschaft persönlich ein Buch mit sieben Siegeln bleibt. Aber jede*r, die*der sich noch wenigstens einen Rest seines Dranges zu leben bewahrt hat, weiß, dass n’Dréa etwas viel besseres anzubieten hat. Sie teilt keine kalte, formelhafte, verallgemeinerte Analyse mit uns, sondern ihre einzigartigen Erfahrungen. Erfahrungen, aus denen wir ziehen können, was wir wollen, aus denen wir Kraft schöpfen können, ebenso wie sie Wut und Verzweiflung in uns wecken können, und die wir, wenn sie uns nicht belieben, auch einfach beiseite legen können.
Auf dass sich selbst « unter dem Schatten eines vorhergesagten Todes » keine*r seine Freiheit nehmen lässt.
Mai 2021