Die Produktion neuer Menschen ist – entgegen der Annahme, dass eigentlich nur sehr wenige Menschen da irgendwie dran beteiligt sind – unzähligen Kontrollinstanzen unterworfen und ein stark umkämpftes Feld. Dabei geht es insbesondere darum, wer wann wie viele Nachkommen welcher Konstitution zeugen soll und darf und wer nicht.
Wenn wir das Ziel des Staates im Hinblick auf das Zeugen von Menschen betrachten, stellen wir fest, dass es ihm besonders darum geht, der ableistischen Norm entsprechende, produktive deutsche Staatsbürger*innen nachgezüchtet zu bekommen, die er mithilfe des Schulsystems so indoktriniert bekommt, dass diese die Aufgaben erfüllen, die zum Erhalt des Staates lebensnotwendig sind. Während also versucht wird, Menschen „mit mittlerem und gesichertem Einkommen in stabilen Verhältnissen“ zum Kinderkriegen zu bewegen – mithilfe von Kindergeld und Herdprämie u.ä. –, sollen möglichst alle anderen davon abgehalten werden. Während also Schwangerschaftsabbrüche bis heute grundsätzlich unter Strafe stehen, sind bis heute Zwangssterilisationen bei Menschen mit geistiger Be_hinderung gang und gäbe und auch Ärzt*innen raten gerne und – dank besserer pränataler Diagnostik –immer häufiger dazu, Föten mit Be_hinderung abzutreiben. In der DDR wurden schwangere „Vertragsarbeiter*innen“ sogar vor die Wahl gestellt, entweder abzutreiben oder das Land zu verlassen. Bis vor einigen Jahren mussten trans Personen sich sterilisieren lassen, bevor sie eine Personenstandsänderung durchführen lassen konnten. Viele Menschen berichten, wie Ärzt*innen, Berater*innen oder ihr Umfeld sie dazu drängen, eine Schwangerschaft abzubrechen, weil sie nicht dem Bild der „perfekten Eltern“ entsprechen. Auch Fundis scheint es doch nicht so sehr um die „Seele“ des einzelnen Fötus‘ zu gehen, wenn sie beklagen, dass „das europäische Volk“ ausstirbt. Ebenso äußert der deutsche Staat Bestürzung darüber, dass „die Deutschen“ zu wenige Kinder kriegen würden. Gute deutsche, weiße, nicht be_hinderte Kinder, die nicht so stark nachproduziert werden, wie es die post-nationalsozialistische deutsche Gesellschaft gemeinsam mit ihren fundamentalistischsten Christ*innen gerne hätte. Der Staat muss sich selbst erhalten und das kann er am besten, wenn er die Produktion des Nachwuchses organisiert. Übrigens bis weit über die Schwangerschaft hinaus, durch die Isolierung der Menschen mithilfe der Förderung der Struktur der heterosexuellen blutsverwandten Kleinfamilie und die Übernahme der Erziehung durch die Schule.
Unabhängig davon, wie sehr dem Staat Kleinfamilienstrukturen nützen, ist auch sonst gruselig, wie sehr dieses Familienbild als einziges Ideal immer noch vorherrscht. Ihr habt bestimmt auch schon gehört, dass Menschen, die ein Kind austragen, halt Pech haben und im Zweifel sich allein darum kümmern müssen, weil sie nun mal das Baby im Bauch hatten und damit eindeutig als Beteiligte*r im Zeugungsprozess identifizierbar seien, im Gegensatz zu der Person, die die Samenzelle beigesteuert hätte. Dabei sieht ein Baby wie ein anderes aus. Sobald jemensch das Baby aus sich herausgequetscht hat, ist es genauso wenig dieser Person zuordenbar wie dem*der Erzeuger*in. Trotzdem wird ein solcher „natürlicher Bund“ zwischen austragender Person und geborenem Kind erfunden, den die schwängernde Person einfach nicht haben soll. Das führt dazu, dass adoptierte und Pflegekinder immer unter dem Makel leiden, von ihrer Blutsverwandschaft und zwar insbesondere von „ihrer Mutter“ im Stich gelassen worden zu sein. Das führt auch dazu, dass die austragenden Personen „natürlicherweise“ die Verantwortung für ihre Brut haben, während alle anderen – und ich meine hier alle anderen, also nicht nur die schwängernde Person, sondern auch alle anderen im Umfeld der schwangeren Person – „nichts damit zu tun haben“. Das müsste nicht so sein, denn es stimmt einfach nicht, dass die beste Bezugsperson für einen jungen Menschen zwangsläufig die Person ist, die ihn aus sich rausgequetscht hat. Sie kann und darf natürlich, wenn sie das möchte. Aber wie so ein dämliches Sprichwort sagt: „Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen.“ Und warum bitte muss dieses Dorf dieselben Gene teilen? Oder nur aus zwei Leuten, nämlich Mama und papa,bestehen?
Bereits in den 1930er Jahren haben die anarchistischen Mujeres Libres, die freien Frauen, eine Bewegung, die zu ihren Hoch-Zeiten über 30 0000 Mitglieder hatte, sich mit neuen Familienmodellen auseinandergesetzt. So haben sie das Kochen und Kinderbetreuen kollektiv organisiert, in Form von Gemeinschaftsküchen und Kindergärten, der anarchistische Syndikalistische Frauenbund in Deutschland bildete einige Jahre davor „Müttersiedlungen“, in denen sich alleinerziehende Frauen zusammenschlossen oder propagierten „Einküchenhäuser“, ebenfalls eine Form der kollektiven Organisation der Küche. Jedoch sollten wir diese Formen der Organisierung nicht verwechseln mit aktuellen Kinderbetreuungsstätten und Firmenkantinen. Im Neoliberalismus finden sich viele Vereinnahmungsversuche ursprünglich revolutionärer Ideen von Autonomie, gesellschaftlicher Organisierung und Befreiung. Vereinnahmt durch die kapitalistische Logik werden sie zu subtileren Ausbeutungsmechanismen, die nur schwerer zu bekämpfen sind. Ziel der Etablierung einer Ganztagskinderbetreuung ist hier die Urbarmachung von Arbeitskraft, nicht die Umsetzung eines herrschaftsfreien Familienmodells.
Doch warum brauchen wir ein herrschaftsfreies Familienmodell? Ein radikaler Feminismus, der das Patriarchat infrage stellt, wird zu dem Schluss kommen, dass nicht nur die Herrschaft von vätern irgendwie kacke ist, sondern dass eigentlich alle Herrschaft ausübenden Institutionen abzulehnen sind. Denn wer anfängt die Autorität des eigenen vaters infragezustellen, wird auch bald dazu kommen gottvater und natürlich den höchsten aller väter, Vater Staat zu hinterfragen. Wer einmal damit anfängt, kommt da nicht mehr hinaus, sodass auf einmal klar wird, dass nur ein herrschaftsfreies Miteinander ein feministisches ist, denn alle Machtinstitutionen sind Gehilf*innen des Patriarchats.
Wie sieht ein herrschaftsfreies Familienmodell denn dann so aus? Ganz unterschiedlich, je nach Bedürfnissen der an der Familie beteiligten Personen. Klar ist aber: Wer mit wem welche Gene teilt, ist vollkommen unwichtig, keine Person ist „natürlicherweise“ für irgendwelche Aufgaben zuständig, auch wieviele Personen sich wie sehr für die jungen Menschen verantwortlich fühlen, kann ganz unterschiedlich sein. Zusätzlich können kollektive und solidarische Lösungen aus spontanen freiwilligen Zusammenkünften heraus aufgebaut werden, die Arbeiten wie Kochen, Putzen und junge Menschen Versorgen, neu verteilen und stemmen. Diese dürfen allerdings weder aus der kapitalistischen noch der staatlichen oder patriarchalen Logik heraus entstehen, sondern ausschließlich aus dem Geist einer Abschaffung jeglicher Herrschaft heraus. Und natürlich muss der Umgang mit den aufwachsenden Menschen ein anderer werden. Anstatt dass junge Menschen erzogen werden, sie also zur Anpassung an von außen festgelegte Ideale und zum Lernen bestimmter Inhalte gezwungen werden, werden sie beim Aufwachsen und beim freiwilligen Lernen begleitet und unterstützt.
Jedoch wird es so lange nicht möglich sein, ernsthafte herrschaftsfreie Umgangsformen mit neu auf diese Welt gekommenen Menschen zu finden, wie es Politik und in diesem Fall insbesondere „Bevölkerungspolitik“ gibt. Wenn also die Produktion neuer Menschen und der Umgang mit ihnen irgendeinem Ziel unterworfen ist, wie dem ein „gesundes Volk an guten Staatsbürger*innen“ zu erhalten, oder auch eine neue Generation Christ*innen oder Proletarier*innen, oder die Generation zu zeugen, die die Erde vor der Zerstörung bewahren wird, dann wird es immer zur Unterdrückung von Menschen und zur Kontrolle menschlicher Reproduktion kommen. Da das Ziel eines jeden Staates ist, seine Bürger*innen zu beherrschen und damit auch Ziel eines jeden Staates ist, die Reproduktion seiner Bürger*innen zu kontrollieren, kann also nur die Zerschlagung des Staates die Lösung sein, um ein wahrhaft herrschaftsfreies Miteinander zu finden, das den Umgang mit Schwangerschaft und dem eigenen Körper nur denjenigen überlässt, die unmittelbar davon betroffen sind. Dabei kann eine solche Zerschlagung nicht über das Mitspielen nach den Regeln des Staates erfolgen, nicht übers „Politik-Machen“. Denn „Politik-machen“ ist immer eine Form von Herrschaftsausübung über die Köpfe betroffener Menschen hinweg, ist immer das Akzeptieren der Spielregeln, die erst die Strukturen hervorbringen, die es möglich machen, Menschen derart auch in ihren reproduktiven Freiheiten zu unterdrücken. In diesem Sinne möchte ich dazu aufrufen, das „Politik-machen“ endlich sein zu lassen und die unterdrückenden Strukturen dieser Gesellschaft radikal und kompromisslos zu bekämpfen, und ein herrschaftsfreies Miteinander im Hier und Jetzt zu beginnen. Es lebe die Anarchie!
Entnommen aus Zündlumpen Nr. 013.