Hunger und Bevölkerungspolitik (1984)

Der Hunger und die Armut in den meisten Ländern der drei Kontinente sind die Hauptargumente, die zur Begründung der Bevölkerungspolitik angeführt werden. Angesichts der Bedrohung, die die wachsende „Überbevölkerung“ angeblich für den Fortbestand der Menschheit darstellt, erscheinen selbst Zwangssterilisationen „im Interesse der Betroffenen“ als legitim und angemessen. Das Bild einer aus den Nähten platzenden Erde wird an die Wand gemalt: Wenn es nicht gelänge, die „Bevölkerungsexplosion“ (schon allein das Wort soll Weltuntergangsassoziationen wecken) einzudämmen, so würden Hunger und Armut sich unaufhaltsam ausbreiten und nicht nur in den drei Kontinenten massenhaft Menschen vernichten, sondern angesichts der knappen Ressourcen letztlich auch den Wohlstand in den Industrieländern bedrohen.

Das Heraufbeschwören der Katastrophe als Mittel zum Zweck – um eine Politik zu rechtfertigen, die im Grunde genommen das genaue Gegenteil bewirkt als sie vorgibt: nicht die Abschaffung des Hungers, sondern der Hungernden.

Zwar ist in den letzten Jahren schon x-mal darauf hingewiesen worden, daß Hunger keine Naturkatastrophe ist, sondern ein Verteilungsproblem, daß mit der Verfügungsgewalt über die Nahrungsmittel Geschäfte gemacht werden und eine erpresserische Politik durchgesetzt wird – und dennoch hält sich hartnäckig die Mär von der Überbevölkerung und der Notwendigkeit, die Geburtenrate in den Ländern der drei Kontinente zu senken. Und je mehr sich auch hier in den Metropolen ein Krisenbewußtsein breitmacht, desto besser zieht die Angstmache: „Die fressen uns die Haare vom Kopf!“

Dabei ist es wohl eher umgekehrt:

Der reiche weiße Mensch mit seinem übertriebenen Verbrauch an Fleisch und seiner mangelnden Großzügigkeit gegenüber armen Völkern verhält sich wie ein echter Kanibale – und zwar wie ein indirekter. Indem wir das Fleisch verbrauchen, für das das Getreide verfüttert wurde, das sie hätte retten können, fraßen wir im letzten Jahr die Kinder der Sahel-Zone, von Äthiopien und Bangladesch. Und wir fressen sie bis heute wieder mit unvermindertem Appetit.“

(Rene Dumont, zit. nach Susan George, S. 38)

Viele der Länder, in denen Menschen an Hunger sterben sind noch nicht mal auf die „Großzügigkeit des weißen reichen Menschen“ angewiesen, caritative Zuwendungen a la „Brot für die Welt“ verschleiern nur die wahren Ursachen.

Das Geschäft mit dem Hunger

Gerade die Länder, von denen behauptet wird, sie seien von Nahrungsmittelimporten abhängig, sind landwirtschaftliche Exportländer. Besonders kraß ist das Beispiel der Sahel-Zone während der großen Trockenheit zu Beginn der 70er Jahre. Während der Hunger sich ausbreitete, wuchs in Mali, einem Land der Sahel-Zone, der Export von Baumwolle zwischen 1966 und 1972 um 400%. Gemüseexporte erreichten Rekordhöhen, ebenso der Export von Rindfleisch, Kühl- und Gefrierfleisch und Erdnüssen. Westeuropäische Supermärkte wurden mit Bohnen, Melonen, Tomaten, Auberginen, Erdbeeren und Paprika beliefert.

Brasilien ist heute das zweitgrößte Soja-Exportland der Erde, und die 15,5 Mio. Tonnen Soja, die es jährlich produziert (Zahl von 1981), würden wahrscheinlich zur Beseitigung der Unterernährung im Land ausreichen – wenn sie nicht exportiert und in Europa zu Viehfutter verarbeitet würden.

Auf brasilianischen Plantagen wird Zucker für den Export angebaut und geerntet von Landarbeitern, die selbst dem Verhungern nahe sind, und westdeutsche Firmen (z.B. VW) züchten auf brasilianischem Weideland Rinder, deren Fleisch sich in Brasilien allenfalls die reiche Oberschicht leisten kann, während die Masse des brasilianischen Volkes immer mehr verarmt: Im kommenden Jahr sind 3 Mio. Menschen in Brasilien vom Hungertod bedroht. Wenn sie durch Plünderungen versuchen, dem zu entgehen, so sind von diesen Aktionen häufig gerade die kleinen Zwischenhändler und Bauern mit geringen Nahrungsmittelvorräten betroffen – die großen Firmen wissen ihre Lebensmittellager immer besser gegen Überfälle und Hungerrevolten zu schützen.

Thailand lieferte 1981 95% der Maniok-Importe der EG, während die Bevölkerung im eigenen Land hungerte: 1/3 der thailändischen Bauernfamilien lebt unterhalb der absoluten Armutsgrenze.

Maniok ist in vielen Ländern der drei Kontinente ein Grundnahrungsmittel und könnte auch in Thailand viel zur Beseitigung der Armut beitragen. Stattdessen wird es in Europa zu Viehfutter verarbeitet. Das Fleisch der auf diese Weise gemästeten Tiere hat weniger Nährwert als das Maniok, das sie zu fressen bekommen; also eine glatte Verschwendung von Ressourcen.

Die Reihe der Beispiele ließe sich noch lange fortsetzen, wenn es darauf ankäme zu beweisen, daß die Menschen in den drei Kontinenten nicht hungern, weil sie zu viele Kinder haben, sondern weil sie für den Überfluß in den Industrieländern und die Profite der Nahrungsmittelkonzerne und der Futtermittelindustrie produzieren …

Hunger als Waffe

Aber Hunger ist nicht nur das Geschäft des Agrobusiness, sondern wird mindestens seit den 50er Jahren gezielt als Waffe imperialistischer Politik eingesetzt,

  • um Menschen aus bestimmten Gebieten zu vertreiben und den Boden in diesen Gegenden zur Gewinnung von Rohstoffen oder zur Nutzung durch Großunternehmen frei zu machen,
  • um billige Arbeitskräfte für Industrieprojekte zu rekrutieren
  • oder um mißliebige Regierungen zu beseitigen oder so zu erpressen, daß sie sich den Diktaten imperialistischer Politik (z.B. des Internationalen Währungsfonds, IWF) beugen.

Eine entscheidende Rolle spielen dabei die Getreide-, insbesondere die Weizenpreise. Die USA haben als größter Weizenproduzent einen enormen Einfluß auf die Weltmarktpreise. Sie können z.B. durch Subventionen den Weizenanbau auf US-Farmen fördern oder aber die Anbauflächen beschränken, sie können den Export fördern oder den Weizen eine Zeitlang in den Getreidesilos verschwinden lassen oder ins Meer schütten und damit vom Weltmarkt abziehen.

US-Senator Humphry sagte in einer Rede, die Nahrungsmittelvorräte der USA seien wichtiger als ihre Atomwaffenvorräte – vermutlich weil es weniger Aufsehen erregt, wenn man die Leute gezielt verhungern läßt, als wenn man sie durch einen Atomkrieg vernichtet.

Food for Freedom (50er Jahre)

Die Geschichte der Handhabung von Hungerkatastrophen ist begleitet von der systematischen Zerstörung der traditionellen Agrarstrukturen und der Subsistenzwirtschaft in den Ländern der drei Kontinente.

In den 50er Jahren subventionierte die US-Regierung im Rahmen des „Food-for-Freedom“-Programms Getreidelieferungen an verschiedene Länder der drei Kontinente. Der Billigweizen machte vielfach den Anbau von Mais oder sonstigen einheimischen Grundnahrungsmitteln unrentabel und zerstörte damit die Existenz von Händlern und Kleinbauern, die ihre geringen Überschüsse auf dem Markt verkauften. Diese Politik hatte zum Ziel, Leute aus der arbeitsintensiven Subsistenzproduktion abzuziehen für die Produktion in Fabriken, Bergwerken oder auf Plantagen. Für die Arbeit, die sie dort leisteten, glaubte man ihnen lediglich Löhne zahlen zu müssen, die geringfügig über den Subsistenzeinkommen und damit weit unter dem Lohnniveau in den Industrieländern lagen.

Dieses Entwicklungsmodell erwies sich jedoch bald als Fehlkonzeption, da die neugewonnenen Arbeitskräfte trotz der geringfügigen Aufbesserung ihres Einkommens nicht bereit waren, die Arbeit auf dem eigenen Feld mit der in der Fabrik zu tauschen. Sie arbeiteten so wenig wie möglich, und viele von ihnen kehrten nach kurzer Zeit ins Dorf, bzw. die häusliche Produktion zurück. Überhaupt wurde ein Lohnarbeitsverhältnis nur eingegangen, „um ein bißchen Extrageld zu verdienen, um Steuern zu zahlen oder einen bestimmten Gegenstand zu kaufen. Wenn an ihrem Arbeitsplatz der Lohn erhöht wird und sie den nötigen Betrag schnell zusammenhaben, dann sehen sie keinen Sinn mehr in der Arbeit und schlaffen ab oder verlassen den Betrieb …“ (P. de Briey, zit. nach Autonomie Nr. 10, S. 4)

Nicht zuletzt dieser Mangel an industriell geprägter Arbeitsdisziplin war es, der andere Methoden – nämlich direkten, außerökonomischen Zwang – nötig macht, um die Menschen in den drei Kontinenten zur Lohnarbeit zu bewegen und in diesen Ländern eine „Entwicklung“ zu initiieren, die dem Kapital neue Absatzmöglichkeiten und günstigere Produktionsbedingungen verschaffte.

„Aufrüstung und Industrialisierung“ (60er Jahre)

Die Entwicklungsdevise der 60er Jahre – „Aufrüstung und Industrialisierung“ – hatte einen weiteren Hintergrund auch in den sich ausbreitenden Bauernunruhen und dem Entstehen von Guerillabewegungen in den drei Kontinenten sowie in der wachsenden Konkurrenz zur Sowjetunion, im Kampf um neue Einflußgebiete: der „roten Revolution“ sollte durch die grüne Einhalt geboten werden. Die Steigerung der Agrarproduktion wurde mit allen Mitteln vorangetrieben; dazu gehörte vor allem die Einführung neuentwickelter, ertragreicherer Getreidesorten, die Verbilligung und damit Verbreitung von Kunstdünger sowie ein massiver Export von Landmaschinen in die Länder der drei Kontinente. Die notwendigen Kredite zur Anschaffung von Maschinen, Dünger und Saatgut waren in den Entwicklungsfonds mit eingeplant – jedoch nur für die Mittelbauern und Großgrundbesitzer, die anderen, – Subsitenzbauern und Wanderarbeiter – blieben weitgehend auf der Strecke. Nicht nur, daß die Ausbreitung von Farmen für die Massenproduktion oder industrielle Projekte sie vielfach von dem Land vertrieb, das sie für die Selbstversorgung bebauten; die Konkurrenz der neuen Maschinen drückte die Löhne auf den Farmen und Plantagen so weit unter das Existenzminimum, daß ihnen auch die Möglichkeit, sich als Landarbeiter zu verdingen, kine Überlebenschance mehr bot. Damit verschwand selbstverständlich auch die Alternative zwischen kurzfristiger Lohnarbeit und zeitweiligem Rückzug in die traditionellen Lebenszusammenhänge auf dem Land.

Auf diese Weise schien zunächst das größte Problem des Entwicklungsmodells der 50er Jahre gelöst: Die Zerstörung der Existenzgrundlagen auf dem Land schaffte die Voraussetzungen, um die Leute zur Lohnarbeit zu zwingen. Die Abwanderung vom Land in die Städte, die früher nur für einzelne Leute in Frage gekommen war, wuchs jetzt zur Landflucht nicht nur ganzer Familien, sondern sogar ganzer Dörfer an.

Das Problem der „relativen Überbevölkerung“ (relativ zu den jeweiligen Beschäftigungsmöglichkeiten des Kapitals) tauchte im Grunde genommen erst auf, als die Landflucht über das ursprünglich beabsichtigte Maß hinaus ausuferte und für die Tausende in den Slums der Großstädte weder Wohnungen noch Arbeitsplätze vorhanden waren. Die Verwertungsinteressen des Kapitals hatten zwar in bestimmten Regionen zu einer begrenzten Industrialisierung geführt (Schwellenländer, z.B. Brasilien, Iran), die jedoch die betreffenden Länder über Technologietransfer und Handel nur enger ins weltwirtschaftliche Netz einbanden. An der Einleitung einer breiteren Entwicklung mit entsprechendem Ausbau der Infrastruktur in den Submetropolen hatte weder die dortige korrupte Bourgeoisie ein Interesse noch das multinationale Kapital, solange es Mittel und Wege fand, sich der Arbeitskraft der Armen immer gerade dann zu bedienen, wenn es sie brauchte, und sie wieder fallen zu lassen, wenn sie aufmüpfig wurden, Forderungen stellten oder die Produktion in einer anderen Region noch billiger zu haben war.

Damit war die Entstehung einer breiten kaufkräftigen und konsumorientierten Arbeiterklasse weitestgehend ausgeschlossen. Das Kapital exportierte Industrie- und Luxusgüter für die Oberschicht in diese Länder und ließ z.T. Massenkonsumartikel dort herstellen – aber eben nur für den Re-Import in die Industrieländer.

Das Zentrum der Kapitalverwertung lag in den 60er Jahren nach wie vor in den Metropolen – und bei Bedarf holte man sich eben die Arbeitskräfte dafür aus den nicht-industrialisierten Randgebieten.

Die endgültige Abkehr von der Konzeption einer ohnehin nur begrenzten Entwicklung fand schließlich Ende der 60er Jahre einmal vor dem Hintergrund von massiven Arbeiterkämpfen in den Metropolen („heißer Herbst ff in Italien, Frankreich, BRD, Ghettoaufstände in den USA) statt. Zum anderen hatte eben das Entwicklungsmodell der Grünen Revolution nicht die gewünschten Erfolge gebracht. Zwar hatte die Zerstörung der Subsistenzwirtschaft neue Abhängigkeiten geschaffen und Arbeitskräfte freigesetzt – letzteres allerdings in einem eher bedrohlichen Ausmaß. Die Landflucht verwandelte vor allem die Großstädte in den drei Kontinenten in Unruheherde. Wenn auch die Armut in den Slums in den meisten Fällen eher Apathie hervorzubringen scheint, so bestand doch angesichts der fehlenden staatlichen Kontrolle sehr leicht die Gefahr (zumal in Zusammenhang mit den Arbeiterkämpfen), daß die Apathie in ihr Gegenteil umkippte und die Stabilität von unter Umständen mühselig an die Macht gehievten Regierungen bedrohte (Argentinien 1969, Mexiko, Chile unter Pinochet, Peru und der Iran 1979). Ganz abgesehen davon, daß in nicht wenigen Ländern die Guerillaorganisationen oder die radikale Linke eine breite Basis in den Slumvierteln hatte (Argentinien, Chile) (vgl. M. Castells, 1981).

Diese Situation als machte es nötig, aus den Massen der Armen in den drei Kontinenten gezielter diejenigen auszuwählen, aus deren Arbeitskraft sich am besten Profit schlagen ließ – und die „übrigen“, eben die „Überbevölkerung“, zu beseitigen.

„Die Kontrolle des Bevölkerungswachstums durch ’natürlichen‘ Tod wurde 1974 als bewußte wissenschaftliche Methode für die Bevölkerungsplanung in armen Ländern neu formuliert … Die Theorie der ‚Triage‘ … bedeutete, Hilfe nur an die Länder zu geben, die die größte Chance zum Überleben aufweisen, und die anderen dem Verhungern zu überlassen.“ (B. Mass)

Die Politik des IWF

Gegen die Länder der drei Kontinente wurde zu Beginn der 70er Jahre eine neue internationale Arbeitsteilung durchgesetzt: Viele besonders arbeitsintensive Industrien, vor allem aus den Branchen, in denen zu einem großen Teil Frauen beschäftigt sind (Textil, Elektro), werden in Länder der drei Kontinente verlagert bzw. in Zukunft mehr oder weniger beliebig auf der ganzen Welt hin- und hergeschoben, ja nachdem wo sich gerade die günstigsten Bedingungen finden lassen.

Die Länder, für die sich das Kapital entscheidet, werden nun aber keineswegs mit besonderen Reichtümern oder anderen kapitalistischen Segnungen belohnt, sondern ihnen wird die Annahme der Bedingungen, unter denen die Multis zu produzieren bereit sind, aufgezwungen. Dabei führt der IWF (Internationaler Währungsfond) das Diktat: Länder, die nicht bereit sind, ein günstiges Produktionsklima zu schaffen, bekommen keine Kredite – und die jeweiligen Unternehmen suchen sich eben einen anderen Standort. Da die Basis für eine ökonomische Eigenständigkeit in diesen Ländern längst zerstört ist, sind die Regierungen, die die Annahme der Kreditbedingungen verweigern, sehr schnell mit der Unzufriedenheit und den Hungerrevolten der Bevölkerung im eigenen Land konfrontiert. (Zunächst schienen diese Länder die Wahl zu haben zwischen der rasch anwachsenden Verschuldung/Abhängigkeit vom IWF auf der einen Seite oder der Rebellion der Unterschichten gegen die Armut auf der anderen Seite; inzwischen zeichnet sich immer mehr ab, daß diese Wahl nicht mehr besteht, da gerade die Annahme der IWF-Bedingungen – z.B. Aufhebung der Preisbindung für Grundnahrungsmittel – das Elend vermehren und z.T. eben auch zu Hungerrevolten geführt haben – s. Brasilien, Bolivien, Tunesien, Marokko.)

Die Streichung von IWF-Krediten zwang insbesondere die Länder mit einem national unabhängigen Kurs zur Aufnahme von wesentlich ungünstigeren Krediten auf dem privaten Geldmarkt; vor allem aber veränderte sich für die meisten Länder das Verhältnis der Preise von Im- und Exportgütern ab Anfang der 70er Jahre in äußerst ungünstiger Weise. Die Weltmarktpreise für die Exportgüter (in erster Linie Rohstoffe wie Kakao, Zucker, Kaffee, Kupfer etc.) fielen drastisch ab, während gleichzeitig die Importpreise enorm anstiegen: zu den steigenden Weizenpreisen (s.o.) kam eine Vervierfachung der Düngemittelpreise und deftige Preissteigerungen für Erdöl und Maschinen.

1969 – 1972 wurde in den USA eine Reduzierung der Weizenanbauflächen um mehr als 25% verordnet (allerdings bei erhöhter Produktivität pro Anbaufläche), um so das Weizenangebot auf dem Weltmarkt zu verknappen und damit die Preise zu erhöhen. Den Farmern wurden Prämien bezahlt, wenn sie auf die Bebauung ihrer Felder verzichteten (Bracheprämien). Gleichzeitig förderte die Weltbank die Rindfleischproduktion und machte damit die Verarbeitung von Getreide und Maniok zu Futtermitteln besonders rentabel. Dadurch wurde die Getreidemenge und die Anbauflächen, die zur Ernährung von Menschen weltweit zur Verfügung stand, nochmals reduziert.

Bevölkerungs-(Vernichtungs-)Politik

Diese Politik mußte sich zwangsläufig verschärfend auf die Situation in den Ländern auswirken, die auf Getreideimporte oder aber auf den Export von Futtermitteln angewiesen waren, denn selbstverständlich kamen sie nicht in den Genuß des so produzierten Rindfleisches, sondern das war für die übersättigten Märkte in den Industrieländern bestimmt.

In den 70er Jahren sind in zahlreichen Ländern der drei Kontinente Millionen von Menschen durch die Politik des Hungers umgebracht worden. „Die Schwerpunkte der Hungersnot lagen in Ostafrika: Somalia ab 1969, Kenia 1970/71, Äthiopien ab 1972, in Westafrika der Sahel, nämlich Tschad, Niger, Obervolta und Mali sowie Mauretanien und Senegal 1972-75; und in Asien: Afghanistan 1971/72 und Bangladesh 1974/75. In der westlichen Hemisphäre war (neben Honduras) Chile von der schwersten Hungersnot und Unterernährung betroffen, nach dem Sturz Allendes im Jahre 1973.“ (Cleaver, zit. n. Autonomie Nr. 10, S. 11).

Neben dem gezielten Einsatz von Nahrungsmittelknappheit – sprich dem Verhungernlassen – waren es vor allem bevölkerungspolitische Maßnahmen, die zur Dezimierung der Armen eingesetzt wurden: Zwangssterilisationen oder massive Propagandakampagnen zur Verbreitung von Verhütungsmitteln, Abtreibungen, Dreimonatsspritzen etc.

Dementsprechend wurde denn auch ab 1974 die Vergabe von Entwicklungskrediten an die Durchführung von bevölkerungspolitischen Programmen geknüpft. Mit Familienplanung hatte das schon längst nichts mehr zu tun; es ging nicht um die Schaffung der Kleinfamilie in den Slums, sondern um die Dezimierung der „Überbevölkerung“.

Überleben in den Slums

Für die „Übriggebliebenen“ war nun keineswegs ein Leben in Wohlstand vorgesehen, das ihnen die bevölkerungspolitische Propaganda immer wieder als Lockmittel in Aussicht stellte und versprach. Vielmehr wußte sich das Kapital zunächst durchaus die Überlebenspraktiken der Slumbewohner zunutze zu machen. Die Armut zwang die Leute zur Annahme von Arbeit, egal unter welchen miserablen Bedingungen auch immer, und so entstanden in den Armenvierteln kleine und mittlere Handwerks- oder Manufakturbetriebe, die in den meisten Fällen ökonomisch mit Großbetrieben gekoppelt waren, von ihnen die Materialien bekamen und an sie die Fertigprodukte wieder ablieferten. Das Überangebot an Arbeitskräften erlaubte es zudem, die Leute regelrecht zu verheizen. Die Arbeitsbedingungen waren bzw. sind so miserabel, daß sich die Arbeiter/innen oft schon nach wenigen Jahren derartige Gesundheitsschäden zugezogen haben, daß sie für die Arbeit unbrauchbar sind – dann entläßt man sie zurück in ihre Familien, die für ihre weitere Versorgung aufzukommen haben (denn Renten, Sozialleistungen etc. gibt es selbstverständlich nicht), und holt sich ihre „jüngeren Geschwister“ für die Arbeit ran.

Eine andere Form von Vernutzung von Arbeitskraft unterhalb des Existenzminimums sind die freien Produktionszonen – oder aber die direkte Form von Zwangsarbeit z.B. in Flüchtlingslagern, auf Plantagen oder in strategischen Dörfern (Philippinen).

Die Drohung mit der Vernichtung durch Hunger (und Bevölkerungspolitik) verschafft dem Kapital quasi freie Auswahl der Arbeitskräfte und Produktionsstätten je nachdem, wo die Bedingungen gerade am günstigsten sind, bzw. erlaubt ihm die Bedingungen selbst zu setzen – ohne Rücksicht auf die Reproduktionskosten der Arbeitskraft. Mit anderen Worten: der Vernichtung durch Arbeit ist Tür und Tor geöffnet.

Und selbst da, wo das Kapital selbst weniger mobil ist, d.h. in begrenztem Maße an bestimmte Standorte gebunden ist (Plantagen, Ölfelder etc.), bleibt ihm immer noch die Möglichkeit der Mobilisierung der billigsten Arbeitskraft bzw. der Zwangsarbeiter …

Je miserabler die Löhne und die Arbeitsbedinungen für die Armen sind, desto eher lohnt sich zwar auch für sie der Versuch, sich anders als durch Industriearbeit durchzuschlagen: sei’s nun durch Prostitution, durch Kriminalität/Plünderungen, durch „Dienstleistungsarbeiten“ als Schuhputzer oder Leibwächter, Gepäckträger, Wasser- oder Andenkenverkäufer. Aber weder als „selbständige“ Straßenhändler, Klitschenbesitzer oder Kriminelle noch als untertänigste und billigste Arbeitskräfte gibt es für sie eine Überlebensgarantie, solange das Kapital die Wahl hat zwischen Vernichtung der „Überbevölkerung“ oder Vernutzung der Arbeitskraft der Armen. Vielleicht sind Massenaufstände wie kürzlich in Tunesien und Marokko ’ne Möglichkeit, sich zumindest zeitweilig den Rücken freizukämpfen.

 

Entnommen aus Materialien gegen Bevölkerungspolitik (1984).