Ihre erste große Basis findet die Geburten-Kontroll-Bewegung in den USA in der 1921 gegründeten American Birth Control Liga (Amerikanische Geburten-Kontroll Liga). In ihr kommen puritanische, konservative und eugenische Strömungen zusammen. Ihrer starken Lobby sind die Einwanderungsbeschränkungs-Gesetze von 1924 zu verdanken, die sie mit dem Argument, eine Überfremdung des amerikanischen (= angelsächsischen) Volkes verhindern zu wollen, forderten.
In der Folgezeit – später auch inspiriert von der „radikalen“ Bevölkerungspolitik unter Hitler – gewinnt die eugenische und bevölkerungspolitische Bewegung immer mehr Auftrieb und wendet sich zunehmend auch internationalen „Problemen“ zu.
1935/36 wird in den USA die erste private Forschungsorganisation zu den Bereichen Demographie und Fruchtbarkeit gegründet: das Office of Population Research (OPR).
1952 wird der (heute mit am wichtigsten) Population Council (PC) auf einer von dem Industriebonzen John D. Rockefeller III. einberufenen Konferenz für Demografie-Experten und Bevölkerungsspezialisten gegründet – unter der Patenschaft der wissenschaftlich anerkannten National Academy of Science. Der PC sollte vor allem der Schaffung einer respektablen wissenschaftlichen Basis für die Verwissenschaftlichung und Problemorientierung der Bevölkerungsplanung in sog. unterentwickelten Ländern dienen. Geldgeber sind zunächst hauptsächlich Rockefeller und Ford (über die Ford Foundation), die sich besonders für eine kapitalgerechte Entwicklung in den drei Kontinenten interessierten.
Als Beispiel für die Propagandaarbeit des PC zur Schaffung einer ideologischen Basis für Bevölkerungskontrolle sei ein Zeitungsartikel aus der New York Times der 60er Jahre zitiert:
„in den nächsten paar Sekunden wird ein Kind Hungers sterben! Jeden Tag sterben 10000 Menschen – meist Kinder – in den unterentwickelten Ländern in Folge von Unterernährung … Dies ist die Welt, in der wir leben – weil das Wachstum der Weltbevölkerung die Reserven an Nahrungsmitteln schon überflügelt hat … Das Bevölkerungswachstum muß kontrolliert werden! Das erfordert blitzschnelles Handeln … Die ungeheure Menschenschwemme muß unbedingt kontrolliert werden, wollen wir nicht mit all unseren zivilisatorischen Errungenschaften untergehen … Eine Welt mit Massensterben in den unterentwickelten Ländern wird eine Welt des Chaos, der Unruhen und des Krieges sein. Und eine perfekte Brutstätte für den Kommunismus. Wir können uns kein halbes Dutzend Vietnams mehr leisten – kein einziges mehr! Unser eigenes nationales Interesse verlangt es, daß wir alle hinausgehen und den unterentwickelten Ländern helfen, ihre Bevölkerung zu kontrollieren…!“
Schon 1948 wird die International Planned Parenthood Federation (IPPF, Internationale Föderation für geplante Elternschaft) gegründet. Ihr US-Vorläufer, die Planned Parenthood Federation, wurde von Margaret Sanger ins Leben gerufen, die sich in den USA in den 30er Jahren zunächst in der sozialistischen Bewegung für das Recht der Frauen auf Abtreibung stark gemacht hatte. Im Laufe ihrer „Karriere“ wandte sie sich immer mehr dem Standpunkt zu, daß „wertvolle“ = weiße Frauen Kinder bekommen sollten, „minderwertige“ = schwarze/Puertoricanerinnen aber nicht. (s. zu Sanger auch Artikel „Sozialdarwinismus und Bevölkerungskontrolle“).
Die IPPF ist heute eine Dachorganisation für die verschiedenen nationalen Familienplanungsorganisationen. (In der BRD gehört ihr Pro Familia an.) Deutsches Gründungsmitglied war u.a. der Nazi-Bevölkerungsplaner Dr. Harmsen (heute noch Ehrenpräsident der Pro Familia, siehe auch unter Pro Familia).
Im Gegensatz zum Population Council z.B., der sich schwerpunktmäßig der Forschung und Geldverteilung widmet, ist die IPPF zur Durchführung, Kontrolle und Finanzierung konkreter nationaler Programme zuständig. Aus der nebenstehenden Liste einiger Mitglieder wird auch hier die Verflechtung mit Wirtschaft und Politik deutlich.
Das Zusammenschließen und die Internationalisierung der verschiedenen Organisationen gewährleisten eine bessere Abstimmung und Koordination und somit eine bestmögliche Effektivität der einzelnen Programme.
1954 wird der Hugh-Moore-Fund als private Organisation mit Geschäfts- und Finanzleute gegründet. Ziel: Verbreitung von unterstützender Ideologie zur Bevölkerungsplanung. Der Mythos von der „Bevölkerungsbombe“ wird zunächst auf der 1954 in Rom stattfindenden Welt-Bevölkerungs-Konferenz hoffähig gemacht.
„Die Bevölkerungsbombe droht zu einer Explosion zu führen, die ebenso zerstörerisch und gefährlich ist wie die Explosion des Atoms und ebensolchen Einfluß auf die Frage Fortschritt oder Zerstörung, Krieg oder Frieden hat.“
1957 verfaßt der Population Council einen Bericht, in dem das „Bevölkerungsproblem“ als ein entscheidendes Risiko für die politische Stabilität (und damit Ausbeutbarkeit) in den „Entwicklungsländern“ bezeichnet wird.
Der Population Council hat inzwischen soviel Einfluß, daß 1958 unter Präsident Eisenhower das sog. Draper-Comitee gebildet wird. Dieses Komitee empfiehlt 1959 – wohl auch unter dem Eindruck der kubanischen Revolution – der US Regierung, Bevölkerungspolitik als Teil ihres Sicherheitsprogramms zu finanzieren und Entwicklungshilfe an die Bedingung nationaler Bevölkerungsprogramme zu knüpfen.
Zwar wird dieses Programm unter Präsident Eisenhower noch nicht angenommen, dennoch ist das Draper-Komitee als die erste offizielle Regierungsorganisation zur Verbreitung einer Neo-Malthusianischen Politik anzusehen (zu Malthus und Neo-Malthusianismus s. entspr. Kapitel).
Den ersten Schritt von Regierungsseite hin zur offiziell unterstützten Bevölkerungspolitik honoriert und forciert die IPPF, die 1959 die Präsidenten Eisenhower und Truman zu Ehrenpräsidenten wählt.
Auch Rockefeller macht sich dafür stark, daß der Staat die bisher privat forcierte Forschung und Durchführung finanziell und ideologisch unterstützt.
Um den öffentlichen Druck zu verstärken, initiiert der Hugh-Moore-Fund von 1961-63 ganzseitige Anzeigen in verschiedenen großen amerikanischen Zeitungen. Unter dem Motto „Die Bevölkerungsexplosion macht jede Entwicklungshilfe zunichte“ wird z.B. auf das Scheitern der „Allianz für den Fortschritt“ in Lateinamerika angespielt. Zitat aus einer Anzeige:
„Es besteht kein Zweifel, daß, wenn die Bevölkerungsentwicklung nicht bald unter Kontrolle gebracht wird, das entstehende menschliche Elend und die sozialen Spannungen unausweichlich zu Chaos und Streit – zu Revolutionen und Krieg führen…“
Ab 1962 macht sich auch die UNO stark für die Bevölkerungspolitik: In einer UN-Deklaration wird die „Überbevölkerung“ der unterentwickelten Länder zum Weltproblem Nr. 1 erklärt.
Die Vorarbeit der UNO und der privaten Organisationen hat das Thema endgültig gesellschaftsfähig gemacht. In den 60er Jahren erleben bevölkerungspolitische Programme einen wahren Boom. Dies alles geschieht nicht zuletzt unter dem Eindruck des Vietnam-Krieges, der endgültig zeigt, daß die USA mit einer allein militärischen Unterdrückungspolitik nicht weiterkommen.
1962 schickt Kennedy General Draper in den Nordosten von Brasilien (evtl. im Zusammenhang mit Landkäufen durch Nicht-Brasilianer wegen Mineral-Vorkommen). Aus der Zeit berichtet der urugayische Schriftsteller Galeano von einer Sterilisationskampagne in diesem Gebiet.
Danach schlägt Kennedy vor, daß die Ford-Foundation im (von wenigen indianischen Einwohnern bevölkerten) brasilianischen Amazonasgebiet ihre Arbeit aufnehmen soll.
1964 wird innerhalb der OAS (Organisation der Amerikanischen Staaten) ein Büro zur Bevölkerungskontrolle eingerichtet (Direktor: Dr. Edgar Berman).
Im selben Jahr vergibt der amerikanische Kongreß das erste Mal Geldmittel direkt für Bevölkerungspolitik. Das Geld geht an die AID (Agency for International Development). Die AID ist direkt der US-Regierung bzw. dem Außenministerium unterstellt und arbeitet eng mit dem CIA zusammen. Über die eigentliche bzw. ursprüngliche Bestimmung der AID schreibt Philip Agee in CIA intern:
„Einige nationale Geheimdienste sind so rückständig, daß sie offener Unterstützung durch die US-Regierung bedürfen. Dafür gibt es die „International Cooperation Administration“ (ICA; sie wurde später umbenannt in: Agency for International Development, AID); ihre technischen Hilfsprogramme umschließen in vielen Ländern auch die sogenannten „Public Safety Missions“ (Aufträge zur Gewährleistung der öffentlichen Sicherheit); sie werden von US-Technikern in Zusammenarbeit mit den örtlichen Polizeibehörden durchgeführt. Ziel dieser Aktionen ist es, die Operationsfähigkeit der lokalen Behörden zu erhöhen; es geht dabei um Nachrichtentechnik, Spionage, Verwaltung, Nachrichtenschutz und -auswertung, Öffentlichkeitsarbeit und Verbrechensbekämpfung.“ (Philip Agee, S. 64f)
Für seine geheimdienstlichen und militärischen/polizeilichen und bevölkerungspolitischen Aktivitäten sind bis 1976 bereits 50 AID-Stationen auf der ganzen Welt eingerichtet. 1965 findet mit Unterstützung der Ford Foundation und des Population Council die 1. Internationale Konferenz über Familienplanungsprogramme statt. Außerdem tagt die 1. lateinamerikanischen Konferenz für Bevölkerungskontrolle (in Kolumbien). An ihr nehmen neben lateinamerikanischen Wissenschaftlern US-Beobachter teil. Ziel: Integration der US-Politik auf internationaler Ebene.
1965 beginnen in den USA die sog. Population Crisis Hearings, die bis ’68 durchgeführt werden und eine Propagandashow für Geburtenkontrolle/Bevölkerungspolitik sind. Eine direkte Folge: Alle AID-Missionen in Lateinamerika werden angewiesen, Bevölkerungskontrollprogrammen den Vorrang zu geben.
1967 gründet die UNO den United Nations Population Trust Fund. Die Gelder gehen vornehmlich an US-Stiftungen, US-Delegierter in dieser Organisation ist der schon bekannte Draper. Eingehen tun Gelder von einzelnen Regierungen (15 Mio. Dollar) und jährlich 7 Mio. Dollar vom AID.
Ab 1967/68 werden Nahrungsmittelhilfen an die Bedingung von nationalen Bevölkerungskontroll-Programmen geknüpft (gerade während besonders in Indien und Afrika großer Hunger herrscht).
1969 wird von McNamara als Weltbankpräsidenten zwecks langfristiger Planung zur Geburtenkontrolle die Pearson-Kommission einberufen, die eine Empfehlung zur Zentralisierung der UN-Bevölkerungsplanungsanstrengungen ausspricht. Mit der Gründung der UNFPA (United Nations Fund of Population Activities) durch die Weltbank wird der Trend zu multilateralen Körperschaften (WHO, Weltbank, Church World Service, etc.) durchgesetzt.
Der Einfluß der AID ist inzwischen so groß, daß auch die UN praktisch an Weisungen dieser Organisation und des State Department gebunden ist.
1974 veranstaltet die UNO eine riesen Propagandashow für Bevölkerungspolitik: im von ihr ausgerufenen Weltbevölkerungs-Jahr findet die „Weltbevölkerungskonferenz“ statt und ein Welt-Bevölkerungs-Aktionsplan (WPPA) wird ins Leben gerufen.
1975 tritt das neue Auslandshilfegesetz der USA in Kraft: 67% der Unterstützung für Gesundheitshilfe sollen von den nationalen Regierungen für Bevölkerungspolitik ausgegeben werden.
Die internationale Bevölkerungspolitik entfernt sich in der Folgezeit immer weiter vom Anschein zur Hilfe für die Armen, die Strategie wird immer offensichtlicher eine der Ausrottung der „Unproduktiven“ = der fürs Kapital „Überflüssigen“.
Entnommen aus Materialien gegen Bevölkerungspolitik.