Anonym: männerschaften (2019)

Der folgende Beitrag erschien 2019 in dem unserer Meinung nach allzusehr auf politisch korrekte Ausdrucksweise bedachten und stellenweise vielleicht auch sich etwas in Belanglosigkeiten und moralisierenden Ausschweifungen verlierenden „anarchafeministischen Fanzine Nebenwidersprüche“ in einer Ausgabe zu „toxischer Männlichkeit“. Er ererbt diese stilistischen Eigenschaften gewissermaßen aus diesem Kontext und doch wirft er unserer Meinung nach, einige wenig diskutierte Fragen mit einer gewissen Relevanz auf, die, ersteinmal dem ursprünglichen Kontext entrissen und vielleicht hier und dort ein wenig geschärft, eine gar nicht mal so dumme Erweiterung der Analyse patriarchaler Herrschaft aufzeigen.

Gewiss, der Autor scheint in seinem Unterfangen – zu verstehen, wie sich patriarchale Verhältnisse in der hiesigen Gesellschaft reproduzieren – zu einem relativ merkwürdigen Schluss zu gelangen: Sollen wir nun wirklich statt der Parlamente und Kirchen die Vereinsheime (ländlicher) Fußballvereine niederbrennen, in dem Versuch die patriarchale Zurichtung männlicher Subjekte zu sabotieren? Um nicht ganz unfair zu sein: das Beispiel des Fußballvereins, es scheint mehr einem autobiografischen Erzählstil geschuldet zu sein und der Autor stellt durchaus klar, dass es diverse Institutionen gibt, in denen die spezifisch männliche Zurichtung der Subjekte im Patriarchat stattfindet. Und natürlich gibt es die: Jenseits der familiären Matrix und der Schule, in der trotz zunehmend aufgehobener, räumlicher Geschlechtertrennung die werdenden Subjekte noch immer gemäß diverser Geschlechterrollen domestiziert werden, finden wir zahlreiche Männerbünde an den verschiedensten Ecken und Enden der Gesellschaft, deren Funktion durchaus als patriarchale Zurichtungsanstalten für Männer beschrieben werden kann und in denen der weiße Mann, wie anderswo geschrieben wurde, geformt wird. Und wenn es vielleicht in Zeiten der Wehrpflicht naheliegender gewesen sein mag, eine Bombe in ein Kreiswehrersatzamt zu werfen (siehe hier), wieso sollten dann nicht auch die Sportvereine, immerhin doch historisch auch der Förderung der Wehrtauglichkeit junger Männer verbunden, gewissenhaft demontiert werden, auf dass in ihnen keine weiteren Subjekte patriarchaler Herrschaft geformt werden? Sowieso darf dieses Beispiel – durchaus im Sinne des Autoren – pars pro toto verstanden werden und somit vielleicht vielmehr als eine Anregung gelten, die Funktionsweisen patriarchaler Zurichtung von Männern einmal genauer unter die Lupe zu nehmen, durchaus im Hinblick darauf, die verantwortlichen Institutionen ausfindig zu machen und zu zerstören, anstatt, wie das leider immer wieder stattfindet, die Männer als solche, also in ihrem Wesen, ebenso wie ihrer Existenz, zum Feindbild zu erklären und folglich ohne genozidale Strategien anwenden zu wollen (und was wären wir für Anarchist*innen, wenn wir an dieser Entscheidung rütteln würden?), weder ein noch aus zu wissen, wie man sich da emanzipieren soll. Und sicher wird es auch dem einen oder anderen Mann ein Anliegen sein, diese Institutionen seiner Subjektwerdung noch einmal aufzusuchen und sich ihrer wenigstens nachträglich zu entledigen. Immerhin ist der Prozess der Domestizierung, egal ob man nun in die privilegierte oder unterprivilegierte Kategorie gezwängt wird, in jedem Fall mit dem Verlust der Freiheit verbunden. Und wer weiß, vielleicht entdecken wir diese Freiheit bei der Demontage auch ihrer subtileren Zurichtungsanstalten ja wieder und es gelingt uns, ihren Spuren zu folgen, anstatt immer weiter unsere einengenden Rollen als männliche, ebenso wie weibliche oder auch hinsichtlich dieser Dichotomie seltsam geratene (eng. queere) Subjekte auszuüben.

Ach und eines noch: Die viele Wehklagerei des Textes über die regelwidrigen gewaltsamen Praktiken des Fußballspiels wollen wir hier mal überlesen haben. Dass der Regelübertritt, selbst wenn es der institutionalisierte und in Fleisch und Blut der Subjekte übergegangene Regelübertritt ist, hier so sehr als Beweis für die Verdorbenheit der Institution Fußballmannschaft herhalten muss, öffnet doch letztlich nur den strafrechtsfeministischen Tendenzen die Tür und kann bestenfalls als deren pro-feministisches Pendant begriffen werden. Soetwas können wir gewiss nicht brauchen. Außerdem: Wir haben Zeit unseres Lebens ja doch schon dem einen oder anderen Fußballspiel beigewohnt und wo bliebe da der Spaß, wenn es eben nicht zu all den prolligen Beinahe-Prügeleien und auch das eine oder andere Mal zu einem Flaschenhagel für den Schiedsrichter kommen würde. Wenn man schon Rituale des Kriegsspielens pflegt, dann darf es doch gerne auch blutig werden. Das ist zumindest unsere Haltung.

Redaktion von anarchafeminismus.noblogs.org

männerschaften

Als ich etwa fünf oder sechs Jahre alt war, meldete mich meine Mutter beim lokalen Sportverein zum Fußball an. Ich weiß nicht, ob das damals mein eigener Wunsch war, oder ob meine Mutter mich dort anmeldete, weil sie wollte, dass ich eine mannschaftssportart treibe. Für vorstellbar halte ich beides, eine Rolle spielt es ohnehin kaum. Meine Begeisterung für Fußball, die damals von wenig anderem übertroffen wurde, ist aus heutiger Sicht kaum verwunderlich. Die Sportart selbst dürfte dazu jedoch kaum etwas beigetragen haben. Sie ist in jeder Hinsicht gewöhnlich und unterscheidet sich kaum von anderen mannschafts-Ballsportarten: Volleyball, Handball, Badminton oder Basketball, im Prinzip alles das gleiche. Und doch war Fußball für mich damals etwas anderes: Schon im Kindergarten und in der Grundschule kannten junge männer kaum ein anderes Thema. Sie waren stolz auf ihre väter, wenn diese bei den sonntäglichen Fußballevents Tore schossen, sie verfolgten – wie ihre väter – die Ergebnisse der Fußballbundesliga und nach der Schule war der Sportplatz sicher der beliebteste Treffpunkt unter jungen männern. Auch wenn ich von meiner Mutter alleine „aufgezogen“ wurde, mangelte es auch mir nie an mir nahestehenden erwachsenen (männlichen) Identifikationsfiguren, die ihre Begeisterung für Fußball mit mir zu teilen bereit waren – auch wenn sie sonst wenig Interesse hatten, sich mit einem Kind abzugeben. Die (erwachsene) Person, die jedoch am allermeisten Fußball mit mir spielte, war meine Mutter. Neben ihrem sicherlich vorhandenen Spaß an Sport und Wettkampf wollte sie, das weiß ich von ihr selbst, eine angeblich fehlende männliche Bezugsperson in meinem Leben ausgleichen, indem sie (vermeintlich) männliche Aktivitäten mit mir unternahm [1]. Trotzdem war Fußball „männersache“. Mit Ausnahme von zwei jungen Frauen, die nur deshalb bei uns in der Fußballmannschaft mitmachen durften, weil es in der Nähe keine „Mädchenfußballmannschaft“ gab, waren wir nur junge männer, unsere Idole waren allesamt männliche Fußballstars und schon bei Jugendfußballspielen gab es eine Menge männer, darunter Trainer, andere Zuschauer und (jugendliche) Spieler, die zusehende Frauen – meist weil diese sich in einer Art und Weise, die ihnen nicht in den Kram passte, auf das Spiel bezogen hatten – am liebsten an den heimischen Herd verwiesen hätten und sich auch nicht zu blöd waren, das so zu äußern. Vielleicht sollte mensch dazu sagen, dass ein solcher Fußballverein nicht nur exklusiv gegenüber Frauen ist. Die meisten Fußballvereine – gerade die in ländlichen Regionen – sind Orte, an denen Menschen rassistisch, sexistisch, homo- und transfeindlich diskriminiert werden. Auch ein bestimmter Lokalpatriotismus, befeuert durch das vom Fußball beschworene Konkurrenzverhältnis benachbarter Ortschaften, gehört in vielen Fußballvereinen zur Tagesordnung. Aber genau das ist es ja: Fußballvereine sind eine der Institutionen, in denen meist weiße (heranwachsende) cis hetero männer geformt werden. Fußballvereine und ihr Umfeld sind eine der zahlreichen Erziehungsanstalten, in denen männer unter sich lernen, Seilschaften zu knüpfen und sich in ihren toxischen Verhaltensweisen gegenseitig nicht nur zu bestärken, sondern diese zu einem gemeinsamen Ideal erheben.

Weiße cis hetero männer stehen in der heutigen Gesellschaft in der Bundesrepublik Deutschland und beinahe übrall auf der Welt ungleich privilegiert da. Sie bilden den einflussreichsten Teil der deutschen Mehrheitsgesellschaft, indem sie führende Positionen in Wirtschaft, Politik, Kultur, Sport und beinahe allen anderen gesellschaftlich relevanten Bereichen besetzen. Patriarchale Strukturen begünstigen ihren Einfluss und sie selbst wiederum sorgen dafür, dass patriarchale Strukturen weiter fortbestehen. Warum? Eine sicherlich richtige und beachtenswerte Antwort darauf ist die, dass in unserer Gesellschaft jahrtausendealte Strukturen fortbestehen, die sich nicht ohne weiteres per Gesetz abschaffen lassen. Doch ebenso wichtig ist dann die Frage, wo und wie eben jene Ansichten, die patriarchale Strukturen bestärken, vermittelt werden. Kultur spielt hier sicher eine wichtige Rolle. Eine Gesellschaft, in der eine erschreckend geringe Anzahl von Mainstream-Kinofilmen den Bechdel-Test [2] besteht, hat eindeutig ein Problem mit der kulturellen Vermittlung nicht-männlicher Geschlechtsidentitäten. Ähnlich verhält es sich in vielen anderen Kulturbereichen. Doch woher kommt diese patriarchale Kultur in den Machwerken, die in Zeiten nomineller gesetzlicher Gleichberechtigung von männlichen und weiblichen Geschlechtsidentitäten [3] entstanden sind? Ausschließlich an der kulturellen Vermittlung kann das nicht liegen: Für die Filmindustrie stellten verschiedene Studien beispielsweise fest, dass Filme, die den Bechdel-Test bestehen, bzw. Filme, die weibliche Geschlechtsidentitäten besser (im Vergleich zum Durchschnitt) repräsentieren, deutlich mehr Gewinne einspielen, als die, die den Test nicht bestehen [4]. Da die unterschiedlichen Kulturindustrien heute vor allem eines sind, nämlich gewinnorientiert, kann der Grund für eine derart patriarchale Kultur nicht nur in der Kultur selbst zu suchen sein. In diesem Essay möchte ich zeigen, dass es zahlreiche Institutionen in der Gesellschaft gibt, die faktisch exklusiv männern offenstehen und die ähnlich wie Burschenschaften und das Verbindungswesen im Allgemeinen dazu dienen, patriarchale Machtverhältnisse aufrechtzuerhalten, indem sie die ihnen angehörigen männer gleichermaßen erziehen und ihnen helfen, machtvolle Positionen in der Gesellschaft einzunehmen. Obwohl es meines Erachtens nach zahlreiche Institutionen gibt, die diese Funktion erfüllen, möchte ich mich in diesem Essay vor allem an typischen Fußballvereinen abarbeiten, da diese die oben geschilderte Funktion mit am effizientesten erfüllen.

Die zugrundeliegende These meines Essays, die jedoch in späteren Arbeiten zu beweisen oder zu widerlegen bleibt, ist dabei folgende: Die ideellen Vorstellungswelten von Patriarchat und toxisch männlichen Verhaltensweisen werden manifest in diversen Institutionen der Gesellschaft, die diese Vorstellungswelten wiederum (in zumeist ideeller Form) nach außen reproduzieren. Solche Institutionen, beispielsweise Fußball- und Sportvereine, bestimmte politische Parteien, Kirchengemeinden, Schützenvereine, usw. sollen in Anlehnung an den darin herrschenden Corpsgeist und unter Berücksichtigung ihrer vornehmlich maskulinen Prägung männerschaften genannt werden.

Die meisten Fußballvereine – auch die großen – sind patriarchal organisiert. An der Spitze eines solchen Vereins steht der vorstand: In aller Refel ein alter weißer mann, der bei den meisten Mitgliedern des Vereins große Anerkennung für seine (manchmal ziemlich weit zurückliegenden und oft zweifelhaften) Verdienste um den Verein genießt. Andere alte männer, denen es nicht gelang, sich gegen den amtierenden vorstand durchzusetzen, bekleiden andere, wichtige Ämter, etwa die des finanzwarts oder des schriftführers. Nicht selten warten sie auf eine Gelegenheit, die Autorität des vorstands zu untergraben und selbst zum neuen Patriarchen zu werden. Freilich macht sie das nicht zu weniger autoritären Charakteren und so fordern auch sie von allen anderen Mitgliedern eine Art bedingungslosen Gehorsam. Sofern ein Fußballverein auch andere Sparten wie bspw. Volleyball, Turnen, Gymnastik, usw. hat, spielen diese meist nur eine untergeordnete Rolle. Die wichtigste Sparte ist fast ausnahmslos der männerfußball, selbst dann, wenn dort akuter Nachwuchsmangel herrscht, während andere Sportarten, etwa Damengymnastik, nur so boomen. Ensprechende Anerkennung finden Trainer und Spieler des herrenfußballs, während Aktive anderer Sparten nur dann Anerkennung erfahren, wenn sie sich (früher) auch beim Fußball hervorgetan haben. [5] Dabei versteht es sich fast von selbst, dass die sogenannte „Erste mannschaft“, also die Erwachsenenmannschaft größere Anerkennung findet, als die Jugendmannschaften. Ebenso gilt: Je älter die Jugendmannschaften, desto mehr Anerkennung genießen sie.

Der vorgesehene Werdegang für junge fußballer in einem solchen Verein beginnt mit dem Eintritt in eine der Jugendmannschaften. Dort erlernen junge männer nicht nur das Fußballspiel selbst, sondern sie werden auch gemäß einem bestimmten – für Verein und Gesellschaft gleichermaßen maßgeblichen – männlichkeitsbild geformt. Das reicht von nicht-regelkonformen, toxisch-männlichen Anweisungen im Fußballspiel selbst [6] bis hin zu Vorschriften, die das persönliche Beziehungsleben der jungen männer betreffen. Mir selbst wurde, solange ich mich zurückerinnern kann, in jedem Fußballverein und jeder mannschaft, in der ich im Laufe meines Lebens gespielt habe, von meinen trainern eingetrichtert, dass ich auch abseits des sportlichen Wettkampfs den Konflikt mit den Spielern der gegnerischen mannschaft suchen solle. Ohne jeden vernünftigen Anlass – erklärt wurde mir das immer damit, dass das auf den sportlichen Wettkampf anspornend wirke – sollte ich „Gegenspieler“ – in vom Schiedsrichter unbeobachteten Augenblicken, denn selbstverständlich verstieß das gegen die Regeln – provozieren, teils sogar körperlich angreifen, beispielsweise indem ich ihnen auf den Fuß treten oder sie mit dem Ellbogen traktieren sollte. Da ich mich dem schon immer verweigerte, wurde mir zuweilen die Schuld dafür gegeben, dass meine Gegenspieler angeblich deshalb leichtes Spiel mit mir hätten. Überhaupt gehörte das, was mensch als „Fairplay“ oder „sportliches Verhalten“ bezeichnet, nicht wirklich zu den Dingen, die mir von meinen Trainern beigebracht wurden. Im Training übten wir alle möglichen Formen der (nicht regelkonformen) Aggression gegenüber unseren Gegenspielern ein. Wir sollten lernen, wie mensch taktische Fouls begeht, also Fouls, bei denen durch einen Regelverstoß verhindert wird, dass ein Gegenspieler eine für ihn vorteilhafte Situation – beispielsweise, dass er alleine vor dem gegnerischen Tor steht – ausnutzt, uns wurde gezeigt, wie mensch Fouls begeht, ohne dass diese für den Schiedsrichter zu erkennen sind, uns wurde beigebracht, wie mensch eine sogenannte „Schwalbe“ macht, also ein Foul des Gegenspielers vortäuscht und einmal hatte ich sogar einen Trainer, der uns anwies gegnerische Spieler bewusst zu verletzen, damit diese das Spiel nicht fortsetzen könnten. Zugleich wurde uns vermittelt, dass es eine Form von Schwäche bedeutet, gegenüber einem derartig aggressiven Gegenspieler nachzugeben. Einige meiner Trainer setzten sogar darauf, uns ähnlich wie im Kampfsport gegen Schmerzen abzuhärten, indem sie uns gegenseitig Schmerzen – beispielsweise durch Schläge mit der flachen Hand auf den Arm – zufügen ließen. Dabei ist Fußball kein Kampfsport. Jede Form von Gewalt, gewissermaßen sogar jede willentlich herbeigeführte und vermeidbare Körperberührung stellt einen Regelverstoß dar. In der Praxis sah das jedoch anders aus: wir lernten uns gegenseitig Schmerzen zuzufügen und diese im Gegenzug auszuhalten. Die Tatsache, dass Derartiges kontinuierlicher Bestandteil meines Fußballtrainings in verschiedenen Vereinen und bei verschiedenen Trainern war, ebenso wie der Umstand, dass sich meine Gegenspieler entsprechend verhielten – und das obwohl ich viele der uns beigebrachten Formen der Aggression verweigerte –, lassen mich darauf schließen, dass die Vermittlung solcher Verhaltensweisen gängige Praxis ist.

Dabei passen all diese Verhaltensweisen in das Bild einer sich toxisch-männlich verhaltenden Person. die ihren Mitmenschen gegenüber streitlustig und aggressiv auftritt und nicht lange zögert, körperliche Gewalt anzuwenden. Als junge Fußballspieler bekamen wird dieses Verhalten beigebracht … sicherlich nicht nur im Fußballverein, aber ich bin überzeugt, dass diese Erlebnisse prägend für viele junge männer waren.

Je älter wir wurden, desto mehr spielten auch andere Dinge eine Rolle in unserem Leben. Für manche trat Fußball in den Hintergrund, für andere spielte er nicht mehr die bedeutendste Rolle – fast alle widmeten wir diesem Hobby nicht mehr so viel Zeit wie früher. Dennoch: Zweimal pro Woche Training und am Wochenende meist ein Turnierspiel: Fußball war ein zeitraubendes Hobby. Zunehmend häufiger kollidierte Fußball daher mit anderen Verpflichtungen oder Vernügungen. Entsprechend häufiger wurden auch die Anweisungen der Trainer unser übriges Leben betreffend. Und je älter wir wurden, desto mehr interessierten sich die alten männer des Sportvereins für uns. Sie kamen zu unseren Spielen – und auch sie bedachten uns mit Ratschlägen: Den Fußball betreffend, aber auch unser Leben. Neben den verbreiteten Ratschlägen zu Arbeit, Beruf und Karriere hielten besonders die alten Säcke auch jede Menge Empfehlungen für unser Beziehungs- und Familienleben bereit. „Weiber“, erklärte mir einmal einer der Patriarchen des Vereins mit selbstgefälliger Mine, „wollen dir immer nur alles wegnehmen. Geld, Fußball, deine ganze Freude – sie nehmen dir alles. Deshalb musst du sie immer auf Abstand halten. Sonst saugen sie dich aus.“ Was sein Anlass war, mir diese durchaus verzichtbare „Weisheit“ auf so vertraute Art und Weise mitzuteilen habe ich damals nicht verstanden. Heute glaube ich zumindest seinen Grund zu kennen: Die Weitergabe solcher „Lebensweisheiten“ unter männern in der Absicht junge männer zu formen, ist einer der ungenannten Zwecke eines Fußballvereins. Denn bei dieser Ausfälligkeit handelte es sich nicht um eine Ausnahme. Ähnliches haben diverse Trainer gegenüber einigen meiner Mitspieler geäußert. Ihr Anlass, sich mit derartigen Ratschlägen in das Beziehungsleben der jungen männer einzumischen war mir damals klar: Derartige Kommentare bekam man immer dann zu hören, wenn man bei einem Training gefehlt hatte und irgendwer verlauten ließ, dass man stattdessen bei einer Freundin gewesen sei. Fußball und die Pflege der männerschaft war wichtiger „als Frauen„, da waren sich all die alten Säcke im Verein einig.

Neben diesen wenig subtilen – jedoch erschreckend häufig erfolgreichen – Erziehungsversuchen ist es jedoch vor allem der Corpsgeist, der innerhalb einer (Fußball-)mannschaft gefördert wird, der für junge männer prägend sein dürfte.

Eine Fußballmannschaft, so der verbreitete Gedanke, soll – zumindest während einem Fußballspiel – als eine Einheit funktionieren. Das Spielziel selbst – nämlich zu gewinnen –, aber auch die gesamte Inszenierung des Fußballspiels als eine Art Schlacht, in der die spieler „füreinander kämpfen“ sollen und in der es ganz allgemein darum geht, den „Gegner zu besiegen“, ebenso wie die einheitliche Kleidung der Mitglieder einer mannschaft und die damit verbundene Außenwirkung, in der die Individuuen erheblich weniger als solche wahrgenommen werden, tragen dazu bei, dass die spieler sich selbst vorrangig als Teil eines Ganzen, eben als Teil ihrer mannschaft begreifen. Dieser Gedanke wird jedoch nicht nur auf dem Spielfeld gefördert. Trainingslager, gemeinsame Ausflüge, die bei Erwachsenen und Jugendlichen nicht selten bloßer Vorwand für Alkoholexzesse sind, die Siegesfeier nach einem gewonnenen Spiel, all das sind Versuche, Freundschaften und Bande der Verbundenheit zwischen den Fußballspielern auch abseits des Sportlichen zu knüpfen. Die Fußballmannschaft und oft auch der Fußballverein wird so zu einem exklusiven männerbund, in dem – ähnlich dem Verbindungswesen – nicht nur Frauen, sondern auch all diejenigen, die nicht Teil dieses Bundes sind, ungern gesehen sind.

Ich habe einmal in einem Ort gelebt, in dem die alten Säcke des lokalen Fußballvereins jedes Jahr auf Vereinskosten unter dem Deckmantel eines „Alte Herren [7] Ausflugs“ zum Ballermann flogen. Frauen freilich waren dabei unerwünscht, ebenso wie die unausgesprochene Regel galt, das über nichts, was auf einem solchen Ausflug passiert, zuhause gesprochen wird. Natürlich war ich nie Teil einer solchen „Exkursion“, doch dank dem Mitteilungsbedürfnis betrunkener alter Säcke und dem mir – aufgrund meines (vermeintlichen) Geschlechts – zuteil gewordenen Vertrauen, kann ich – vermutlich mit vielen Übertreibungen und Ausschmückungen – aus zweiter Hand berichten, welchem Zweck diese Ausflüge eigentlich dienten. Zumindest den Erzählungen der alten Säcke zufolge hätten sie ebensogut gemeinsam in ein Bordell fahren können. Dabei ist durchaus erwähnenswert, dass die meisten dieser männer verheiratet waren und den Charakter dieser Ausflüge vor ihren Frauen um jeden Preis geheim halten wollten. Einer von ihnen lallte mir einmal vertrauensvoll, aber doch für die übrigen Anwesenden kaum überhörbar, ins Ohr, dass seine Frau natürlich nicht ahnen würde, aber wenn, dann würde sie vermutlich die Scheidung einreichen. Ich selbst glaube eher, dass diese Ausflüge auch für die betrogenen Frauen ein offenes Geheimnis waren und sie sich damit arrangiert hatten, möglicherweise auch gleichzeitig eigene Affären hatten. Ich fragte mich damals vielmehr, wie es den Ehefrauen dieser Säcke möglich war, sich mit ihren sexistischen Ehemännern zu arrangieren.

Unabhängig davon, das die Ehefrauen der sie betrügenden männer geahnt haben mochten, funktionierte der männerbund jedoch: Gemeinsame Geheimnisse und zum Teil wohl auch intime gemeinsame Erfahrungen schweißten die Mitglieder des Bundes zusammen – und ich habe guten Grund zu der Annahme, dass das auf ähnliche Art und Weise in den meisten Fußballvereinen gilt. Immerhin werden solche und andere verbindende gemeinsame Erfahrungen durch die Organisation von Ausflügen, Feiern und ähnliches in allen Fußballvereinen gefördert.

Die Tatsache, dass in einem Fußballverein männer gemeinsam ihre männlichkeit zelebrieren zusammen mit dem Umstand, dass in Fußballvereinen meist ein heteronormatives männlichkeitsbild als Ideal gilt, scheint es für einige Individuen mit Blockwart-Mentalität notwendig zu machen, nach vermeintlichen inneren Feinden in dieser männerschaft zu suchen. Wo sich nackte männerkörper in Gemeinschaftsduschen aneinander drängen, wittern sie die „Gefahr“ von Homosexualität. Deshalb sind sie immer auf der Hut, beobachten das Verhalten der anderen männer genau und stigmatisieren bestimmte Verhaltensweisen, etwa wenn sich zwei männer umarmen oder auch wenn ein mann rote Hosen oder rose T-Shirts trägt, als „schwul“. Selbstverständlich ist tatsächliche Homosexualität in einem solchen homofeindlichen Klima kaum auszudenken. Ich vermute, dass Homosexuelle solche Fußballvereine fluchtartig verlassen oder durch dieses Umfeld schon in jungen Jahren dazu gedrängt werden, ihre Homosexualität zu unterdrücken. [8]

Noch schlimmer ist es für trans Personen. Da es in aller Regel ausschließlich Gemeinschaftsduschen und Gemeinschaftsumkleiden gibt, würden trans männer meist sehr schnell als solche identifiziert werden. Die Feindseligkeit, die ihnen dabei entgegenschlagen würde, ist kaum auszumalen!

Die Tatsache, dass es in beinahe jeder mannschaft und beinahe jedem Fußballverein selbsternannte Sitten-Bullen gibt, die alle Abweichungen von einer cis-hetero-Norm brandmarken, führt dazu, dass auch ein mehr oder weniger einheitliches Ideal von männlichkeit in Fußballvereinen entsteht, nach dem sich alle Individuen auszurichten haben. Wem das nicht gelingt, und wer dabei erwischt wird, dem droht der Ausschluss aus dieser männerschaft. Auf diese Art und Weise funktionieren Fußballvereine und ähnliche Institutionen als gigantische Erziehungsanstalten für (junge) männer. Sie vermitteln sexistische Rollenvorstellungen, misogyne Ansichten, toxisch männliche Verhaltensweisen und ein heteronormatives und transfeindliches Weltbild. Ich bin überzeugt, dass eine Bekämpfung patriarchaler Verhältnisse nur mit einer Zerschlagung solcher Institutionen einhergehen kann.

 

[1] Natürlich ist das eine Vorstellung eines zutiefst heteronormativen Familienbildes, eine Vorstellung, die zu zutiefst homofeindlichen Ansichten im Adoptionsrecht führt und die sexistische Rollenvorstellungen der Gesellschaft widerspiegelt.

[2] Laut der Webseite bechdeltest.com bestehen nur rund 58% der getesteten Filme den Test.

[3] Freilich nur derjenigen Identitäten, die von dem vorherrschenden biologistischen, heteronormativen Binaritätsmodell der Geschlechter berücksichtigt werden. Non-binary, inter und viele trans Identitäten werden ebenso wie alle, die den heteronormativen Vorstellungen von Sexualität nicht gerecht werden, auch vor dem Gesetz mitnichten gleichberechtigt behandelt.

[4] siehe [zwei Internet-Links, die kein Mensch abzutippen sich die Mühe machen will; Anm. d. Gewerkschaft der Abtipper*innen]

[5] Ein besonders bemerkenswertes Beispiel habe ich einmal selbst erlebt. Ein Sportverein eines kleinen Dorfes, der angeblich seit Jahren aufgrund von mangelndem Nachwuchs vom Aussterben bedroht ist, erließ den aktiven Fußballspielern nicht nur den Mitgliedsbeitrag, sondern bezahlte seinen Spielern sogar eine Art Aufwandsentschädigung für Training und Spiele, obwohl die mannschaft eindeutig im Amateurbereich angesiedelt ist, wo das prinzipiell eher unüblich ist, und der Verein trotzdem finanzielle Probleme hatte. Gleichzeitig gab es bei diesem Verein eine Damengymnastik-Gruppe, die sehr gut besucht war und von deren Teilnehmerinnen schon nach dem ersten Mal „schnuppern“ erwartet wurde, dass sie dem Verein als Mitglieder beitreten. Im Winter kam es dann zu einer Terminkollision der Fußballmannschaft und der Damengymnastik-Gruppe: Weil es geschneit hatte, wollte die Fußballmannschaft nicht draußen trainieren und kurzfristig die Halle des Sportvereins nutzen. Dort war allerdings bereits seit Wochen für diesen Tag die Damengymnastikgruppe eingetragen und die wollte nicht auf ihre Termin verzichten. Also wurde der Vorstand eingeschaltet. Der entschied, dass die Fußballmannschaft das Anrecht habe, die Halle zu nutzen und begründete das entgegen jeder Logik damit, dass die Fußballmannschaft von erheblich größerer Bedeutung für den Verein sei als die Damengymnastikgruppe. Verärgert über diese Behandlung löste sich die Damengymnastikgruppe daraufhin auf. Die Patriarchen des Vereins behaupten bis heute, diese Reaktion sei „hysterisch“, „überempfindlich“ und typisch für „die Weiber“ gewesen. Dabei sind solche Vorkommnisse meiner Erfahrung nach kein Einzelfall!

[6] Nun, das Problem von nicht-regelkonformem Verhalten vermögen wir auch nach gewissenhaftem Grübeln ohne weiteren Kontext nicht zu erkennen. Sowieso scheint uns der ganze folgende Abriss über die vermeintlich faulen Details des Fußballspiels ein bisschen über die Stränge schlagend, immerhin kann man Fußball, wie die meisten Mannschaftssportarten immer sowohl als Kriegsspiel betrachten, als auch als harmloses Spiel, bei dem natürlich dazugehört, gegen die Regeln zu verstoßen, sonst ist es ja auch langweilig. Und ein Krieg wird auch nicht besser, dadurch, dass bestimmte, allzu abartige Waffen verboten werden und man stattdessen nur fair Handgranaten aufeinander wirft oder sich sonstwie gegenseitig Gliedmaßen wegsprengt … Wir führen diese Ausführungen in Ermangelung einer besseren Theorie einmal darauf zurück, dass es sich bei dem Autoren um ein kleines Sensibelchen oder jemandem, der dies immerhin vorgibt zu sein, handeln muss – ein gängiges Muster, wenn unter dem Begriff „toxische Männlichkeit“ Gewalt pauschal als eben toxisch abgeurteilt wird und sicherlich auch ein Erbe des Kontexts derartiger Theorien [Anm. d. Gewerkschaft der Abtipper*innen].

[7] Auch die Bezeichnung „Alte Herren“ (AH) für ehemalige Fußballspieler, die mancherorts gelegentlich trotz ihres Alters noch unregelmäßig an Wettkämpfen teilnehmen, ist eine Parallele zum Verbindungswesen.

[8] Auch hier scheint sich uns der Autor ein bisschen zu sehr in Pauschalisierungen zu ergehen. Nicht jeder Homosexuelle ist so ein Sensibelchen, dass er sich von so ein bisschen Homofeindlichkeit irgendwelcher sexuell frustrierter und daher eifersüchtiger Heteros gleich aus einem Sportverein verjagen lässt. Natürlich gibt es ein riesen Problem um Homosexualität in Fußballvereinen, aber das ändert doch nichts daran, dass doch wirklich ein*e jede*r weiß, dass oft gerade die schneidigsten Stars auf dem Platz vom anderen Ufer stammen, auch wenn zumindest in den höheren Fußballligen das ganze sorgfältig vertuscht wird, samt Vorzeige-Ehefrauchen und Co. Aber ob man den Fußballer-Homos nicht eher einen Bärendienst damit erweist, zu sagen dass es sie nicht gäbe, das müsste man sich zumindest auch fragen. [Abermals eine Anmerkung der Gewerkschaft der Abtipper*innen]

 

Entnommen aus Nebenwidersprüche Ausgabe 02 (März 2019).