Michael Dörr: Maschinen, Körper und männliche Identität (1995)

Mit der Neuzeit kommt Bewegung ins Bild der Welt: War in der aristotelischen Physik Ruhe der „natürliche Zustand der Körper“, so hat sich im Trägheitsgesetz, das Isaac Newton 1867 formulierte, Bewegung schon zum gleichwertigen „Zustand der Körper“ aufgeschwungen. Überhaupt ist „Bewegung“ zentraler Gegenstand der neuen Wissenschaft. Auch andere Bereiche beschleunigen: Die Bedarfdeckungswirtschaft des Mittelalters wird abgelöst durch eine Ökonomie, in der Konkurrenz die Akteuere zu ständiger Innovation zwingt. Held dieser dynamisierten Ökonomie ist ein „bewegtes Subjekt“: Wirtschaftlicher Erfolg ist in der „protestantischen Ethik“ Indiz göttlicher Erwähltheit; Fleiß und rastloses Schaffen sind Tugenden: „Verliere keine Zeit, sei immer mit etwas nützlichem beschäftigt; entsage aller nutzloser Tätigkeit“, fordert Benjamin Franklin. Kontemplative Lebensweisen werden verdrängt von der „Diktatur der Bewegung“. – Rastlose Kapitalakkumulation ist prämiert mit dem Himmelreich. Aktivität ist assoziert mit Erfolg – Bewegung mit Fortschritt – Geschwindigkeit mit Macht. Die Maschine schließlich, die massenhafte individuelle Bewegung produziert – das Automobil –, inkarniert den neuzeitlichen Geist. Im Auto verknüpfen sich kulturelle Strömungen mit individuellen Bedürfnissen und Leidenschaften.

Macht verleiht das Auto, Macht über Maschine, Menschen, Raum und Zeit. Männer und Maschinen: Wem fallen dazu nicht tausend Bilder ein? Maschinen begeistern Männer. Diese männliche Leidenschaft ist nur teilweise erklärt mit Gebrauchswert, Prestigewert und ästhetischem Wert der technischen Geräte. Darüber hinaus sind besondere Zuschreibungen wirksam; Maschinen repräsentieren männliche Werte und Projekte: Kraft, Präzision und Naturbeherrschung. An sie hefteten sich die Fortschrittshoffnungen auf ein irdisches Paradies. Noch als Maschinenmetapher stifteten sie weltbildliche Ordnung. – Maschinen stützen und katalysieren männliche Identität.

Maschinen und männliche Arbeiteridentität

Lange Zeit war körperliche Arbeit das Hauptfeld, auf dem sich „männliche Arbeiteridentität“ bildete, und Maschinen waren daran beteiligt. Machen wir einen kurzen Ausflug in eine Fabrik und nehmen wir die Spur zweier Aspekte körperlicher Arbeit mit Maschinen auf: der „Muskelarbeit“ und der „Arbeit erfahrener Hände“. Wir werden sie beim Auto wiederfinden.

Der Arbeiter hält, steuert, bestückt, bedient die Maschine mit mehr oder weniger „Einsatz der Muskeln“ – er „fährt“ sie, wie es in der Fabrik heißt. Er beherrscht sie. An der Maschine entwickelt er körperliche Kraft und Leistungsfähigkeit, und die Maschinenkraft wird im Arbeitsprozeß zu seiner eigenen. Schwere Arbeit deutet der Arbeiter als „Herausforderung an männliche Härte und Bereitschaft“. Der englische Kulturforscher Paul Willis verallgemeinerte die Wahrnehmung männlicher Arbeiter: „Manuelle Arbeit wird mit der sozialen Überlegenheit des Männlichen assoziiert“.

„Denn nichts ist schlimmer als der Verlust der Identität.“ (Autowerbung)

Und selbst wo der eigentliche Arbeitsprozeß die Muskeln nur noch wenig fordert, sind sie dennoch in der Fabrikkultur allgegenwärtig: im Habitus der Arbeiter, in ihren Reden – und in einer „maskulinen Stilisierung“ der Arbeit an der Maschine: in Körperhaltung und Körperbewegung, in Gestik, Mimik und sprachlicher Kommentierung. Mit der Maschine arbeitend entwickelt der Mann handwerkliches Geschick und Erfahrung. Dies ist „Körperwissen“, das durch „einfühlenden Umgang“ mit der Maschine gewonnen wird: Die Sinne des Arbeiters „docken“ an die Maschine an, und er entwickelt Gespür für ihre Eigenheiten und „Mucken“ – Arbeiterkörper und Maschinenkörper verbinden sich.

Hier bildet auch der Mann „Einfühlungsvermögen“ aus: an der Maschine. Einfühlung in Maschinerie ist dem Mann kulturell gestattet. Das „ganz Andere“, ihn vielleicht erschütternde, wird er in dieser Einfühlung nicht erfahren. Denn in der kraftvollen, präzisen und wissenschaftlich fundierten Maschine trifft der Mann auf Männlichkeit, blickt teils in sein eigenes Spiegelbild, erkennt sich und ist bestätigt, blickt teils aber auch – abgestoßen und angezogen zugleich – in das Bild einer Männlichkeit, die sich mit „Geisteskraft“, mit „Rationalität“ assoziiert, und die nicht nur dem „Weiblichen“ und der „Natur“, sondern auch ihm selbst sozial übergeordnet ist, eine Männlichkeit, der er sich aber schon teilweise akkomodiert hat, indem er sich in sie einfühlt.

Körperkraft, Erfahrung und Geschick im Umgang mit Maschinen sind Elemente der gesellschaftlichen Konstruktion von „Arbeitermännlichkeit“, es sind somit identitätsstiftende „Qualitäten“, die den Arbeiter stolz auf sich machen. Da sie Ressourcen betrieblicher Gegenmacht der Arbeiter sind, fundieren sie auch die kollektive Arbeiteridentität. Gleichzeitig rückt der Arbeiter in die Position und Perzeption des Naturbeherrschers ein, indem er mit Maschinen und in Arbeitsorganisationen arbeitet, die zum Zwecke der Naturausbeutung und -beherrschung konzipiert sind. Der Arbeiter partizipiert an der realen Kraft und Präzision und an der symbolischen Kraft und Präzision der Maschinen.

Der Mann in der Krise

Doch dies ist mehr Vergangenheit als Gegenwart. Der Anteil körperlicher Arbeit an der „gesellschaftlichen Gesamtarbeit“ nimmt seit langem ab. Körperlich zu arbeiten, gilt heute zunehmend als Makel, selbst unter Arbeitern. Die Frauenbewegung hat dazu beigetragen, die „machistische Aufwertung“ manueller Arbeit abzuschwächen, indem sie die patriarchalen Strukturen der Gesellschaft kritisierte. Die Krise der traditionellen männlichen (Arbeiter-)Identität ist eine Folge dieser Entwicklungen. Abnahme und Abwertung der körperlichen Arbeit berühren die Bedeutung der Arbeitsmaschinen: Ihre alte identitätsstützende und -katalysierende Kraft verliert sich.

„Der Mann in der Krise“ muß jedoch nicht alle Hoffnung fahren lassen, er braucht nicht auf jegliche maschinelle Unterstützung seiner Identität zu verzichten, denn es gibt noch Maschinen, die nicht mit körperlicher Arbeit assoziiert sind, und es gibt solche, die jenseits der Arbeitswelt agieren. Eine ist prominent und wird dem Mann unentwegt angetragen: das Auto, eine Kraft- und Präzisionsmaschine, die den kulturellen Auftrag der „Beschleunigung“ ausführt, und die sich gerade durch diese besondere „Produktivkraft“ von anderen Maschinen abhebt.

Auf dem Feld „Körper und Bewegungsmaschine“ können männlichkeitsstiftende Leistungen des Feldes „Körper und Arbeitsmaschine“ fortgesetzt werden. Dies macht es gerade für den „Mann in der Krise“ so anziehend: Er neugt zur kompensatorischen Überbetonung dieses Feldes. Ein besonderes Verhältnis offenbart sich: Mann und Maschine – außerhalb des Reiches der Notwendigkeit, in den Sphären arbeitsfreier Sportlichkeit und Luxuriösität –, eine sehr hartnäckige und leidenschaftliche Verbindung.

Der neuzeitliche Traum von Fortschritt, Macht und Freiheit hat sich in der Maschine, die Geschwindigkeit produziert, materialisiert, und der Autofahrer nimmt Teil an diesem Traum. Steuernd, schaltend und bremsend kommen die wirklichen Muskeln des Mannes andeutungsweise noch ins Spiel, und dem das zuwenig ist, der überstilisiert die Handlungen „kraftvoll“. Die Stärke des Autos wird zur Stärke des Mannes. Das Auto erweitert den Körper des Mannes um chromblitzende Stoßstangen, Kolben und Pferdestärken, die er kontrolliert, das Steuer in der Hand. Die glänzende Karosserie ist nun neue Körpergrenze. Noch dem körperlich Schwächsten verleiht es Potenz.

Das Auto gewährt ein weiteres Mal die Möglichkeit, Geschick in der Maschinenbeherrschung zu entwickeln und vorzuführen und so Erfahrungswissen in Selbstvertrauen umzuwandeln. Das Auto ist für ihn ein Ort, in dem er einfühlend „zu Sinnen kommt“ – allerdings nur im Innern der Karoserie.

Symbole der Kompensation

Im Genre des „Road-movies“ sind die Motive, die Männer ans Auto fesseln, märchenhaft offengelegt. Abenteurer und Tüftler, Angreifer und Retter sprechen uns an. Männer, symbiotisch vereint mit ihren Maschinen: vom freien, autonomen „easyrider“, der gesellschaftlichen Zwängen entflieht, bis zum reaktionären, machistischen „truck-driver“.

Gerade in den Städten aktualisieren die modischen Geländewagen den Traum von „archaischer“ männlicher Kraft, Abenteuer und Eroberung. Sie kommen in Mode, wo die Großstadt wüsten- oder dschungelhaft erlebt wird: Monotonie wird imaginär belebt, Chaos wird symbolisch beherrscht; noch hallt in der wuchtigen Konstruktion dieser Geländewagen der Eroberungswille über die Natur nach – doch der Gegenstand der Eroberung existiert nicht mehr, und so kommt in ihnen auch eine sublime Form des Protests gegen den Naturverlust zum Ausdruck, denn diese Wagen schreien nach der wilden Landschaft, die wir mit ihnen assoziieren.

Zukünftig: der Verstandesmann und das Automobil

Wie geht es weiter mit Arbeitswelt und „Männlichkeit“? Ein nicht unbedeutendes Segment körperlicher Arbeit bleibt bestehen: Sie ist nun jedoch hinsichtlich ihrer identitätsstiftenden Kraft relativ entwertet. „Entkörperlichte“ Automationsarbeit mit mehr oder weniger „geistigem“ Anteil nimmt zu. Viele Männer werden Arbeiten verrichten, die sie lange als „unmännliche“ abgewertet haben, besonders im wachsenden Dienstleistungsbereich. In diesen Gruppen sind viele empfänglich für die Versuchung automobiler Identitätsunterstützung. Allerdings wird es auch nicht an Bestrebungen fehlen, die alten patriarchalen Trennungen zwischen Mann und Frau diesen Veränderungen der Arbeitswelt anzupassen. Arbeitsplätze eher „weiblichen Charakters“ können dann als männliche umdefiniert werden, wobei die Demarkationslinie zwischen Arbeitsplätzen mit hohem und niedrigem „Kopfarbeitsanteil“ und solchen mit hoher und niedriger disponierender Macht verläuft. Ein modernisiertes Konzept von arbeitsweltlich fundierter „Männlichkeit“, das männliche Herrschaftsansprüche bedienen soll, kann sich mit dieser anderen Kraft assoziieren: der „Verstandeskraft“, der „Rationalität“. Diese „Verstandesmännlichkeit“ ist der große soziale Gegenpol zur „Körpermännlichkeit“. Arbeitsmaschinen werden auch diese Identität stützen können. Wo dies der Fall ist, wird sie jedoch „entkörperlicht“ sein, die neue Mann-Maschinen-Verbindung – eine „von Geist zu Geist“ –, in der der Mann als „denkendes Wesen“ an der Schnittstelle zur „denkenden Maschine“, dem Computer installiert ist.

Uns interessiert: Was hat dieser „Rationalist“, Träger einer vereinseitigten und herschaftlichen Männlichkeit, noch für die Maschine Auto übrig? Generell steht diesem mann ein breites Spektrum von identitätsstützenden Feldern offen. Aber die „Kopfarbeit“ ist sein eigentliches Identitätsfeld. Auf diesem Feld, und zunehmend in der gesamten Gesellschaft, werden „Rationalität“ und „Geisteskraft“ mit Männlichkeit assoziiert. Trennscharfe Rationalität im Umgang mit der Arbeitsmaterie oder mit Untergebenen, das geschickte Spiel der „Gehirnmuskeln“ übersetzen sich in männliches Selbstbewußtsein. Teils wird die Tätigkeit aber auch männlichkeitsstiftend überhöht, indem ihr über Gebühr „Geist“ zugeschrieben wird.

Für den „rationalen Mann“ sind jedoch längst Männlichkeitsmuster vorgebildet und kultiviert, denn die Assoziation von Männlichkeit mit „Geist“, „Verstand“, „Vernunft“ ist uralt. Diese Männlichkeit konnte allerdings bislang fast nur von Angehörigen der „Oberschichten“ gelebt werden. „Rationalität“ ist hier mit sozialer Herrschaft nicht nur über die Frau, sondern auch über die „Unterschichten“ sowie mit Herrschaft über „die Natur“ kombiniert.

In den Sog dieser Muster und der entsprechenden Distinktionsspiele gerät auch der am unteren Rand des Feldes Einsteigende. Neben den „geistigen Ressourcen“, die er identitätsstützend einsetzen kann, und die dem Arbeiter nur eingeschränkt zugänglich sind. Auch der Körper dieses Mannes kann Identität stützen, nicht mehr jedoch als Speicher und Medium von Erfahrung, nicht mehr als Quelle elementarer Arbeitskraft. Für den Verstandesmann ist der Körper teils bloßer „Unterbau“ des Verstandes und deshalb ausweisbar gesund und leistungsfähig zu halten. Er ist aber auch „herrschaftlicher Körper“, der im Sog dieses Identitätsfeldes in spezifischen Ausdrucksformen, in Haltung, Gestus und heute verstärkt in sportlicher Leistungsfähigkeit soziale (Klassen-)Überlegenheit markiert und so Verstandeskraft unterstreicht und kompementiert.

Rationale Kompetenz im High-Tech-Fahrzeug

Der Konnex des „Verstandesmannes“ zum Auto wird durchschnittlich „lockerer“ sein, als beim „Mann in der Krise“. Auf diesem Identitätsfeld ändert das Auto seine Funktion: In einem High-Tech-Fahrzeug lebt er und weist er rationale, technische Kompetenz aus. Er stilisiert mit diesem Fahrzeug sowohl Dynamik und Erfolg als auch Luxus und kultivierte Genußfähigkeit. Soziale Unterschiede artikulieren sich in einer Sprache der Automarken, und er kann sich dieses Distinktionsspiel leisten. Das Auto erweitert den herrschaftlichen Körper des Mannes. Das Auto dient ihm aber auch als sportive, potente Kraftmaschine, die einerseits seine Leistungsfähigkeit unterstreicht, die es andererseits gestattet, „das Verdrängte“, „das Triebhafte“, „das Leibliche“ verschoben auszuleben und die so hilft, die neue – eher vergeistigte – Identität zu stabilisieren. Das Auto ist auch im ein „Ort der Sinnlichkeit“.

Raum statt Landschaft

Macht über den Raum verleiht das automobile Verkehrssystem. Widerständigkeiten, die die Natur der nichtmotorisierten Bewegung bietet, Widerständigkeiten, die gleichzeitig die ästhetischen Reize der Natur bilden: Hügel, Berge, Unebenheiten, Täler, Wälder, Bäche, Flüsse werden ignoriert, gebrochen und überfahren. Asphaltschneisen werden quer durch die Landschaft geschnitten, so als wäre sie bloß abstrakter Raum, leer und ohne Anspruch an den Menschen.

Der Autofahrer verfügt nun in kürzerer Zeit über größeren Raum. Doch nicht nur wird mit der Landschaft so umgegangen, als wäre sie bloßer Raum – für den Autofahrer selbst wird sie mehr und mehr dazu. Was er beherrschen wollte, entschwindet ihm unter den Rädern, und er findet sich wieder: Abgekapselt, sinnlich behindert und auf monotonen Pisten rasend wird Landschaft zu hinderlichen Distanz zwischen zwei Orten. Ihre Widerständigkeit wird auf eine rein zeitliche dequalifiziert – und damit verliert die Landschaft an ästhetischem Reiz.

Macht, Freiheit und Fortschritt im Auto zu suchen, liegt um so näher, wenn Ohnmacht, Unfreiheit und Rückschritt in Beruf und Alltag erlebt werden. Wer ohnmächtig ist, den macht die maschinelle Potenzierung der eigenen Kraft süchtig. Wer gegängelt ist, der wird das Trugbild der Freiheit und des Abenteuers „on the road“ begierig imaginieren. Wer daran gehindert ist, sich zu entfalten, der wird an fortschrittlicher Technologie gläubig teilnehmen. Und: Wer überlebten Vorstellungen von „Männlichkeit“ anhängt, der wird ohne die Prothese Auto nicht auskommen. – Die „Diktatur der Beschleunigung“ ist Teil einer Kultur des Immer-mehr, Immer-schneller, Immer-weiter. Beginnen wir, dei Entschleunigung zu kultivieren.

 

 

Entnommen aus Männerrundbrief Nr. 5 (Januar 1995)