Die apokalyptischen Schrecken, denen wir heute gegenüberstehen – die sich abzeichnenden Albträume nuklearer Kriege und der ökologischen Katastrophe – sind eine unmittelbare Konsequenz der industriellen und technologischen Zivilisation, die von den materialistischen kapitalistischen und kommunistischen männlichen Machteliten der vergangenen 200 Jahre erschaffen wurde. Diese Bedrohungen unseres Überleben sind für die heutige Epoche einzigartig und wären für Menschen früherer Zeiten buchstäblich unvorstellbar gewesen. Nichtsdestotrotz liegen die Wurzeln der industriellen Zivilisation – das Selbstbewusstsein und die Einstellungen, die schließlich eine solche Zivilisation entstehen lassen konnten – bereits in den Gesellschaften unserer weit entfernten Vorfahren. Dass wir erst seit kurzem mit der albtraumhaften Realität einer Krise der Auslöschung konfrontiert sind, liegt daran, dass die heutige Epoche die erste ist, in der das Potential der Auslöschung tatsächlich existiert. Erst durch die Verwirklichung einer fortgeschrittenen industriellen Zivilisation wurden die Maschinen, Waffen und industriellen Prozesse geschaffen, die nun das Überleben des Lebens auf der Erde bedrohen.
Die gegenwärtige industrielle und technologische Zivilisation unterscheidet sich in ihren globalen Ausmaßen und ihren tatsächlichen physischen Erscheinungsformen enorm von allen anderen Epochen der sogenannten “zivilisierten Geschichte”. Angesichts der betäubenden Ausbreitungsrate der “industriellen Revolution”, mithilfe der kolossalen Produktionskapazitäten gigantischer Fabriken, der immensen Leistung von Energieprojekten und der Nutzung von Ressourcenextraktion im gigantischen Maßstab, und so weiter, und so weiter, steht kaum mehr in Frage, dass die heutige Epoche in einem materiellen Sinne buchstäblich jenseits der Geschichte steht. Sie hat die konsumorientiertesten und materialistischsten Gesellschaften seit eh und je begünstigt – die ganz gewiss eine Science Fiktion Fantasie sind, wenn man sie mit selbst den entwickeltsten städtischen Zentren des 18. Jahrhunderts vergleicht. Und doch liegt es nicht an einer neuen Art des Denkens, dass die menschliche Existenz so rapide transformiert wurde.
Die industrielle Zivilisation entstand aus den angehäuften Auswirkungen eines ungebrochenen Festhaltens an Vorstellungen, Konzepten und philosophischen Werten, die negativ sind und ihrem Wesen nach lebensfeindlich. Beispielsweise die Fähigkeit von Menschen Kriege der totalen Auslöschung gegen ihre Feinde führen zu wollen, oder das Unterfangen die natürliche Umgebung gemäß unseren anthropozentrischen Zwecken zu verändern, oder mit unstillbahrer Gier nach materiellem Reichtum zu begehren – diese Machenschaften, die unter der herrschenden Klasse von heute so verbreitet sind – haben auch das Streben vorangegangener Epochen und Zivilisationen dominiert. Gewiss kann, bis weit in der Geschichte zurück, lange vor dem Beginn der Judeo-christlichen Epoche, eine dominante konzeptionelle Anschauung als die der “patriarchalen (männer-dominierten) Eroberung” beschrieben werden. Ich bin der Ansicht, dass in dieser Art zu Denken Arten der Anschauung und des Seins liegen, manchmal subtil und manchmal absolut offensichtlich, die wir ablegen müssen, wenn wir überleben wollen und Leben und Kulturen der natürlichen Freiheit und Harmonie wiedererschaffen wollen.
An einem gewissen Punkt in unserer entfernten Geschichte, als sich die frühen patriarchalen Gesellschaften entwickelt haben und sich dann durchgesetzt haben und mächtig wurden, wurde eine Distanzierung und Abwertung und schließlich eine Verachtung und Unterwerfung von Frauen, anderen Völkern und schließlich der natürlichen Umwelt zum allem zugrundeliegenden Prinzip aufgrund dessen die herrschenden Männer regierten. Seit dieser Zeit hat sich das Ausmaß patriarchaler Eroberung beständig ausgedehnt und “menschliche Entwicklung” wurde synonym mit der immer weiter voranschreitenden Institutionalisierung patriarchaler Herrschaft. Die tragischen Auswirkungen dieser Herrschaft äußern sich heute nicht nur in den materiellen Zuständen der menschlichen Gesellschaften, sondern auch in der inneren Welt von Menschen.
Über tausende von Jahren hat die patriarchale Kultur der Eroberung unser inneres Fundament desen, was “eine natürliche und ganzheitliche Bejahung des Lebens” genannt werden kann, vollständig zerstört. Eine solche schwerwiegende spirituelle Verstümmelung hat uns kollektiv verwundet und verloren zurück gelassen. Das gilt ganz besonders in fortgeschrittenen industriellen Gesellschaften, in denen eine extrem gestörte und leblose Ansicht über das Leben existiert. Nicht nur ist viel der Ehrfurcht und Verehrung des Lebens selbst verschwunden, es scheint auch, dass diese Gesellschaften unfähig geworden sind, die Tatsache zu erkennen, dass sie durch die Art, wie sie funktionieren und durch die Beweggründe, die sie antreiben, eine Hinrichtungskammer-Welt erschaffen.
Patriarchale Eroberung ist zu einer alles-umfassenden Schlacht um die Unterwerfung allen Lebens unter die Zwecke der Gier und Macht der Herrscher und Imperien geworden – wobei Vielfalt, Spontanität und Lebhaftigkeit in einem Sarg der Künstlichkeit, Herrschaft und Kontrolle beerdigt werden. Männliche Herrschaft, Frauenhass, Rassismus, Krieg, Imperialismus, Materialismus, Anthropozentrismus, Speziesismus, Aggression, Wettbewerb, der Glaube dass die Menschheit von der natürlichen Welt getrennt und ihr überlegen wäre, psychische und emotionale Abschottung, Unverletzlichkeit, Hierarchie, Objektifizierung, Ausbeutung, techno-Rationalität, das Fehlen von Intuition, Verständnis und spirituelle Leere – das sind einige negative Eigenschaften, die mit einer patriarchalen Kultur einhergehen. Als Ganzes genommen, bilden sie den kulturellen Archetyp, der in der heutigen Zeit im militärischen industriellen Imperialismus zutage tritt. Während der gesamten patriarchalen Geschichte haben diese Eigenschaften mehr oder weniger bestimmt, wie wir gelebt haben und wie sich die Zivilisationen entwickelt haben. Heute sind ein Großteil der Menschheit, die meisten Männer, sowie alle imperialistischen ökonomischen, wissenschaftlichen, politischen und militärischen Anführer*innen vpn vielen dieser lebens-erstickenden Eigenschaften geprägt. Die rauen Landschaften und abgestandenen Jauchegruben der modernen industriellen Zivilisation sind ein Spiegel des realen Lebens, der das Ausmaß widerspiegelt, in dem der menschliche Geist von der Kultur der patriarchalen Eroberung ausgelöscht wurde.
Die unaufhörlichen dunklen Zeiten der Geschichte, die nun im zwanzigsten Jahrhundert durch die Krise der Auslöschung verkörpert werden, enthüllen schonungslos, dass je länger Menschen der verschiedenen Spielarten patriarchalen Denkens verbunden waren oder unter ihre Herrschaft gezwungen wurden, desto tiefer die anti-soziale Zentralität solchen Denkens den Charakter menschlicher Gesellschaften durchdringt; und folglich, desto größer das Ausmaß von Gewalt, Zerstörung und Elend, die alle Lebewesen und die Umwelt auf der Erde erfahren haben. Entlang des Pfads patriarchaler Eroberung haben sich die Dinge nicht gebessert, sie haben sich verschlimmert. Die Menge an Übeln, die in der gesamten patriarchalen Geschichte gefunden werden können, haben sich über die Zeit zusammengesetzt, sind mutiert und haben sich ausgebreitet und gipfelten schließlich in den toxischen Realitäten von heute.
Mit dem Beginn der industriellen Zivilisation ist eine quantitativ neue Epoche der Zerstörung angebrochen. Vor der Industrialisierung, auch wenn es oft unfassbares Leiden und Brutalität gab, gab es doch keine wirkliche Bedrohung allen Lebens auf der Erde. Daher konnten die Menschen, ungeachtet der vielen Schrecken, denen sie ausgesetzt waren, in ihren Träumen eine unvorherbestimmte Zukunft voller Möglichkeiten erkennen. Heute gilt das nicht mehr: Wir leben in Furcht vor den Schrecken der industriellen Zivilisation und sind täglich mit der sehr realen Möglichkeit unserer Auslöschung konfrontiert. Die Industrialisierung hat nicht nur die grundlegende lebensfeindliche Dynamik der patriarchalen Kultur der Eroberung vergrößert; in Wahrheit hat sie einen Frankenstein geschaffen.
Die Existenz der industriellen Zivilisation kann nicht von dem historischen Prozess getrennt werden, der ihre Erschaffung schließlich möglich gemacht hat – die patriarchale historische Entwicklung. Die Industrielle Zivilisation entspringt vollständig dem gedanklichen Rahmen der patriarchalen Denkweise; und eben jener Mentalität wohnt unser Streben sie fortzusetzen inne. Sie wäre niemals entstanden, ohne dass zuvor menschliche Kulturen von patriarchaler Eroberung verstümmelt und unsere Identifizierung mit der natürlichen lebendigen Welt abgetrennt worden wären. Wenn wir diese Verbindung nicht ziehen, dann scheitern wir darin, die wahre “Natur” der industriellen Zivilisation zu verstehen.
Industrielle Zivilisation ist das eindeutige Produkt patriarchaler Eroberung. Die industrielle Entwicklung ist nicht nur deshalb falsch, weil sie rücksichtslos den Zwecken der Macht und des Profits dienlich gemacht wird. Ihr ganzes Wesen ist falsch: All die Voraussetzungen, auf die sie gegründet wurde, und die sie aufrecht erhalten sind negativ und lebensfeindlich. Es ist der eigentümlichen “Natur” der industriellen Zivilisation inhärent, lebensbedrohend zu sein. Daher ist es absolut folgerichtig, dass ihre Existenz zu einer solch schwerwiegenden Bedrohung für das Überleben des Lebens geworden ist.
Um diese Krise der Auslöschung zu überleben genügt es schlicht nicht, den Atomkrieg, ausgedehnte Umweltverschmutzung oder unaufhörliches Profitieren als die anrüchigen Realitäten der industriellen Zivilisation zu isolieren und folglich als ihre einzigen Bestandteile, die überwunden werden sollten. Das würde bedeuten, dass wir im großen und Ganzen noch immer das meiste der industriellen “Lebensweise” befürworten würden, die im Bilde der patriarchalen Mentalität erschaffen wurde. Es würde bedeuten, dass wir noch immer an der Kultur der patriarchalen Eroberung festhalten würden. Es ist essenziell, dass wir erkennen, dass es unser grundlegendes Festhalten an der patriarchalen Mentalität war und sein wird, was die eigentliche Bedrohung des Lebens und der wesentliche Grund dafür ist, warum uns die Wahrscheinlichkeit des Untergangs zerstört. Wenn wir überleben und eine bessere Welt ohne Krieg und die Möglichkeiten der Auslöschung erschaffen wollen, dann ist es unvermeidbar die Kultur patriarchaler Eroberung vollständig aufzugeben. Solch eine Aufgabe muss ganz gewiss die “industrielle Zivilisation” in ihrer Gesamtheit beinhalten.
Wir müssen erkennen, in welchem Ausmaß unser Verständnis und unsere Wahrnehmung des Lebens und der äußeren Welt von der patriarchalen Eroberung bestimmt wurden und wir wir in Folge dessen unsere Gesellschaften entwickelt haben. Dann können wir klar sehen, wie die Geschichte gezeichnet wurde, Zivilisationen erschaffen und schließlich, wie es kam, dass die Industrialisierung unsere Existenz dominieren und bedrohen konnte, nämlich wegen der leblosen Bilder und Visionen der patriarchalen Mentalität. Wir werden sehr viel besser in der Lage dazu sein, positive Entscheidungen darüber zu treffen, welche Arten von Gesellschaften wir erschaffen wollen, sowie darüber, was wir tun müssen, um zu überleben, wenn wir das Ausmaß begreifen, in dem die “Entwicklungen” der Geschichte und die Technologien von heute tatsächlich Ausdruck dieses vollkommen morbiden Denkprozesses sind.
Um uns klar zu werden, was wir in diesem Kampf um Überleben tun müssen, müssen wir unser Inneres der negativen Eigenschaften des patriarchalen Denkens entledigen, aber wir müssen auch unsere physische Verbindung zur und Abhängigkeit von der Erde wiederentdecken und uns spirituell mit der Natur wieder-vereinigen. Nur von einer erneuerten Wertschätzung von und Wissen um natürliche Lebensprozesse können wir einst wieder in den Besitz eines bedeutsamen Verständnisses einer angemessenen Lebensweise gelangen. Durch ein solches Verständnis können wir die Richtung und Stärke erlangen, die notwendig ist, die Kämpfe zu führen, derer es bedarf, sowie die Vision gegen die tödliche, künstliche Zivilisation zu kämpfen; nicht sie zu reformieren, sondern sie vollständig abzuschaffen.
Übersetzung aus dem Englischen: Brent Taylor. Patriarchal Conquest and industrial civilization.