Die Mehrheit der weißen Frauenbewegung hat die Forderungen nach gleicher Bezahlung für gleiche Arbeit, mehr Kindertagesstätten von der Regierung, strengeren Anti-Pornographie- und Anti-Vergewaltigungsgesetzen, mehr Förderung von Frauengruppen durch die Regierung, sowie Fördermaßnahmen zugunsten benachteiligter Gruppen in Unternehmen übernommen. Diese Forderungen werden Reformen genannt, weil sie an sich nicht voraussetzen, dass das gesamte Patriarchat zerstört werden muss, in der Absicht, diese Reformen umzusetzen. Sie werden den männlichen Herrschern über die von der Regierung zur Verfügung gestellten Kanäle mitgeteilt, beispielsweise durch Petitionen, Lobbyarbeit, Anträge und die Unterstützung von Regierungsparteien.
Einige Frauen glauben, dass Reformen sie befreien könnten, ohne dass der Kapitalismus zerstört werden muss.
Für sie gibt es eine große Hoffnung, dass das Patriarchat reformiert werden kann, besonders wenn sie in Nordamerika leben, die Frauen weiß sind ebenso wie willens die männliche Rolle einzunehmen. Einige radikale Feministinnen betrachten Reformen als kurzfristige Errungenschaften, die die Basis für eine revolutionäre Bewegung legen, die das Patriarchat zerstören wird. Viel zu oft lässt ihre Arbeit für unmittelbare Reformen ihre revolutionären Ziele in den Hintergrund treten und bestimmt die Methoden, derer sie sich bedienen. Um beispielsweise die Gesetze zur Eindämmung von Pornographie zu ändern, beinhalten ihre Methoden in der Regel den Dialog mit Regierungsvertretern, Briefkampagnen und Petitionen. Wenn alles, was eine individuelle Frau den lieben langen Tag lang tut, darauf abzielt, das Gesetz zu reformieren, dann werden ihre geheimen revolutionären Sehnsüchte das auch weiterhin bleiben.
Alles was die meisten Reformen erreichen, ganz egal ob sie aus einem radikalen oder kapitalistischen Kontext heraus angestrengt wurden, ist die Einbeziehung ein paar weiterer weißer Frauen, die fähig und bereit dazu sind, sich an die männerdominierten Institutionen anzupassen. Das bedeutet die Werte und Prinzipien der Firmenwelt zu akzeptieren. Wenn eine Frau in ihrem Leben nach Macht und Geld strebt und aggressiv, ehrgeizig und konkurrenzfähig ist, dann ja, kann es einen Platz für sie innerhalb der Firmenwelt geben. Sie kann „Freiheit und Gleichheit“ mit ihren männlichen Kollegen erlangen, obwohl diese Eigenschaften aus der Perspektive der Armen in Wahrheit als Gier und Macht betrachtet werden.
Es gibt eine ausreichende Gewinnspanne in Europa und Nordamerika, um weiße Frauen der Mittelklasse zu integrieren, um eine potenziell bedrohliche feministische Bewegung zu zerstreuen. Für diese Frauen der Mittelklasse gibt es die Hoffnung gleichen Lohn für gleiche Arbeit zu erlangen, mehr von der Regierung finanzierte Kindertagesstätten, Schwangerschaftsabbrüche auf Wunsch, strengere Anti-Pornographie- und Anti-Vergewaltigungsgesetze und Programme zur Gleichstellung von benachteiligten Minderheiten, die Token-Frauen in allen Berufszweigen einsetzen.
Es wird in der westlichen Welt jedoch niemals Gewinnspannen geben, die groß genug sind, um die Armut von farbigen Frauen, Indianerinnen und Dritte Welt Frauen zu lindern – weil die Definition, das Wesen und der Stoff aus dem Patriarchat und Kapitalismus gestrickt sind, darin bestehen, dass wenige von der Ausbeutung vieler profitieren und dass Frauen und die Natur objektifiziert werden, um sie in Produkte zu verwandeln, die für Gewinn verkauft werden können. Dieses System der Ausbeutung wird vom Parlament, dem Rechtssystem und der Polizei aufrechterhalten und geschützt. Es ist ein Widerspruch in sich, zu glauben, dass diese Institutionen geeignete Mittel zur Zerstörung eines Systems wären, zu dessen Schutz sie gegründet wurden.
Wenn Frauen keine revolutionären Methoden und Ziele entwickeln, dann wird nichts weniger als die Grundlage des Patriarchats unberührt bleiben, was Regierungen, Institutionen und Firmen, die das männliche Wertesystem verkörpern unversehrt lässt. Es wird weiterhin versmoggte Sonnenuntergänge, Ölkatastrophen, verhungernde Menschen und Computer, die das Denken übernehmen geben. Das Patriarchat wird intakt bleiben und ein paar Token-Frauen werden Teil seiner Machtstruktur werden.
Reformen neigen auch dazu das existierende System dadurch zu stärken, dass sie Widersprüche innerhalb seiner Ideologie von Freiheit, Gleichheit und Demokratie und seiner Realität der sozialen, politischen und ökonomischen Ausbeutung aufzulösen scheinen. Obwohl diese nur durch eine Revolution aufgehoben werden können, können Reformen diese Widersprüche für die Mittelklassen verschleiern. Reformen helfen dabei, dem Patriarchat ein netteres Antlitz zu verleihen. Gleichstellungsprogramme platzieren Token-Frauen in traditionell männlichen Berufen; mehr Kindertagesstätten erlauben es mehr Frauen Teil der Arbeitskolonne zu werden und striktere Anti-Pornographie- und Anti-Vergewaltigungsgesetze schaffen die Illusion, dass Frauen vor den gewaltsamsten Aspekten des Sexismus geschützt wären. Diese Reformen mögen ein paar privilegierten Frauen mehr Macht und Freiheit innerhalb der männlichen Welt verschafft haben, aber die patriarchale Struktur und deren Werte, die auf Materialismus und Gier gründen, bleiben unangetastet. Es wird weiterhin Millionen zwangssterilisierter Indianerinnen und Dritte Welt Frauen geben, die meisten Frauen werden noch immer vorrangig als Sexobjekte behandelt werden, werden verarmt sein oder hungern und die menschliche Gesellschaft wird damit fortfahren nur die schlimmsten, lebenszerstörenden Eigenschaften der männlichen Psyche zu verkörpern.
Diese Reformen schaffen also bloß den Anschein von Gleichheit, der als eine Waffe gegen die armen Frauen genutzt werden kann, die nichts als Armut, Gewalt und Herabsetzung erleben. Die Frauen der Mittelklasse, die Nutznieserinnen der Reform, können sich dann gegen die Armen wenden, indem sie verkünden, dass die Mittelklasse Jobs, Kindertagesstätten und Abtreibungen genießt und das Problem der Armen folglich in deren eigener Faulheit und Inkompetenz begründet liegt.
Selbst die Errungenschaften der Reform für die Frauen der Mittelklasse sind eine Illusion, weil eine Eigenschaft dieses Patriarchats tatsächlich darin besteht, Frauen in weibliche Nachbildungen von Männern zu verwandeln, die gelernt haben, die Übel von Gier und Macht zu genießen. Um in Jobs innerhalb des Patriarchats zu arbeiten, müssen wir unsere Kinder institutionalisierten Kindertagesstätten übergeben und die Werte des männlich dominierten Arbeitsplatzes übernehmen.
Wir müssen uns weigern, Komplizinnen der Fortführung unserer eigenen Unterdrückung zu sein, indem wir die Probleme des Patriarchats unter den Teppich kehren. Stattdessen sollten diese Konflikte und Widersprüche mit einem strategischen Blick auf absolute Befreiung aufgezeigt und angegriffen werden.
Die Widersprüche zwischen der kapitalistischen/patriarchalen Ideologie und die alltägliche Realität der Ausbeutung sowie die Zerstörung des Lebens können nicht außerhalb einer umfassenden Transformation beseitigt werden, weil diese Realitäten dem System eingeschrieben sind. Um zu verstehen, warum Reformen uns nicht befreien werden, müssen wir das Wesen des Ungeheuers begreifen – jenes internationalen Systems, durch das wir versklavt werden. Wir müssen die rosaroten Brillen ablegen und die Märchen der Mittelklasse verwerfen, die uns erzählt haben, dass unsere Gesellschaft ein netter Ort ist und am Ende immer alles gut wird. In der Realität basieren Kapitalismus und Patriarchat auf Ausbeutung und Objektifizierung des Lebens. Der Kapitalismus ist ein ökonomisches System, der auf dem Profit-machen der Reichen basiert und das Patriarchat ist ein System, in dem die männlichen Werte, d.h. Wettbewerb, Macht und Aggression alle anderen Werte dominieren und negieren.
Befreiung kann ausschließlich durch die Zerstörung des Patriarchats erlangt werden – unsere Methoden müssen die eines Befreiungskampfes sein. Nur wenige Feministinnen würden etwas dagegen einwenden, dass die Regierung eine machtvolle Bastion des Patriarchats ist; das heißt, dass die Regierungsvertreter dafür verantwortlich sind, Gesetze und Institutionen zu erschaffen, die die männliche Dominanz aufrechterhalten. Und doch glauben viele dieser Frauen noch immer, dass wenn sie die gleichen machtvollen männlichen Anführer der Regierung darum bitten, ihnen zu helfen, Frauen Befreiung erlangen könnten. Frauen können nicht erwarten Befreiung durch die Methoden des sozialen Wandls der patriarchalen Regierung zu erlangen. Im besten Fall kann man von diesen Methoden erwarten, dass die Regierung und die Firmen ein paar Feministinnen integrieren, indem sie ein paar Gesetze ändern und ein wenig Wohlstand umverteilen.
Methoden des Kampfes zu entwickeln, die auf Widerstand fußen muss nicht bedeuten, dass wir alle kurzfristigen Ziele ablehnen müssen. Befreiung ist ein langfristiger Prozess, der auf Errungenschaften aufbaut, die Schritt für Schritt erlangt werden; Wenn wir für freien Zugang zu Abtreibungen oder gegen Pornographie kämpfen, dann müssen wir das von innerhalb eines revolutionären Kontextes tun. Das bedeutet, dass wir das Problem aus einer radikalen Perspektive beleuchten müssen und uns Taktiken bedienen müssen, die unsere Ablehnung des männlich kontrollierten, legalen, politischen und ökonomischen Systems widerspiegeln. Anstatt beispielsweise gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit zu fordern – eine Forderung, die die Anerkennung des existierenden patriarchalen ökonomischen Systems widerspiegelt – sollten Frauen neue Wege des Überlebens entwickeln, die nicht auf Ausbeutung basieren und im Einklang mit der Natur sind, wie etwa Enteignungen, Kooperativen und Kollektive.
Eine befreite Frau in dieser Gesellschaft ist eine Frau in totalem Widerstand, die sich beständig gegen die Grenzen und Hindernisse, die sie einschränken, auflehnt. Befreite Frauen müssen einen totalen Bruch mit dem Patriarchat vollziehen: Ihre eigenen Gemeinschaften, Kultur und politischen Aktionsgruppen gründen. Anstatt ihre Energie damit zu verschwenden, ihre männlichen Beschützer, die Regierung, um Hilfe zu bitten, entwickeln befreite Frauen Taktiken des Widerstands, die von der Regierung nicht kontrolliert werden können, wie Besetzungen, Blockaden, Informations-Verteilungen, Volksbefragungen, Plakatieren, Sprühen, Enteignungen, Überlebens-Versammlungen und andere direkte Aktionen. Wenn sie in einer Bewegung vereint sind, sind die Taktiken des Widerstands effektiv, weil sie es uns erlauben, die Regierung und die Unternehmen unmittelbar zu konfrontieren. Wenn unsere Arbeit auf dem Verständnis fußt, dass das Patriarchat zerstört werden muss, dann können wir nicht damit hinters Licht geführt werden, dass eine Gesetzesänderung hier und eine Regierungskommission dort die Situation für Frauen verbessern würde. Sie wird darauf gerichtet sein, rastlos den Schutz und die Vertuschung aufzudecken und anzugreifen, die die Regierung den männlichen Herrschern und Vergewaltigern der Menschen und des Landes gewährt.
Wenn sie sich ersteinmal einem Kampf des Widerstands verschrieben haben, werden die Frauen anfangen, die Initiative des sozialen Wandels dem Patriarchat aus den Händen zu nehmen. In unserer derzeitigen Situation treffen die Regierung und multinationale Unternehmen jene Entscheidungen, die den Verlauf der Dinge festlegen. Beispielsweise fährt die Bundesregierung damit fort, Megaprojekte durchzusetzen, die das Land vergiften und wir reagieren darauf.
Wenn die Initiative der Veränderung in den Händen von Feministinnen und Radikalen liegen soll, dann müssen wir analysieren und verstehen, wie der kanadische Staat und die multinationalen Unternehmen vorgehen. Wir müssen die Rolle verstehen, die Kanada in dem imperialistischen Netzwerk spielt, die strategischen Interessen der Wirtschaft, die Kanada strategisch stabil halten und die politischen Schwachstellen, die wir aufdecken können. Wenn wir dieses Verständnis erst einmal haben, dann können wir Handlungsstrategien entwickeln, die eine Kontinuität aufweisen und die nicht nur eine Reaktion auf die einzelnen offensichtlichsten Symptome des Systems sind. Auf diesem Weg können wir auf lange Sicht die Struktur des Systems untergraben.
Mit einer militanten feministischen Analyse und den Taktiken des Widerstands bewaffnet, können Frauen eine beständige Offensive gegen die Bastionen des Patriarchats entwickeln – die Megaprojekte der Unternehmen, der militärischen und Regierungsinstitutionen. Solange diese Institutionen die menschliche Gesellschaft kontrollieren, werden Pornographie, Vergewaltigung und die Objektifizierung von Frauen weitergehen.
Wenn wir uns umsehen und bis ins Mark von einer Furcht for der tödlichen Zukunft, die uns diese Gesellschaft präsentiert erschaudern, dann müssen wir uns dem Geist, den Emotionen und Gefühlen in uns selbst zuwenden, die es uns erlauben, uns mit allem Leben zu verbinden. Durch eine Wiedervereinigung mit dem Geist des Lebens, werden wir den Geist der Revolte wiedererwecken. Revolte gegen die vergewaltigten Wälder, die vergifteten Flüsse, die Todeskultur dieser Gesellschaft, die Massaker an den Menschen der Dritten Welt und der Genozid an den indigenen Menschen. Ein tiefes Gefühl der Revolte gegen den Tod und eine damit korrespondierende Liebe des Lebens werden uns die Macht verleihen, Widerstand zu leisten und die Opfer zu bringen, die notwendig sind, um die Erde zu retten. Gewiss gibt es keine größere Aufgabe, als die Zerstörung der Erde zu verhindern, sowie das Elend und die Bedeutungslosigkeit des heutigen menschlichen Lebens.
Aus Schriften der Vancouver Five.