Die Fortschrittsmeldungen in Sachen Gentechnologie überschlagen sich: Nach allen Erfolgen in der Züchtung besonders leistungs- und widerstandsfähiger Tiere und Pflanzen wird jetzt nicht nur auf eine Mischung verschiedener Arten hingearbeitet – sondern auch das Terrain für eine Züchtung von Menschen nach ebensolchen Kriterien vorbereitet. Gegen das Gruseln, das die meisten von uns (noch) befällt angesichts der Möglichkeit künstlicher Menschenproduktion bzw. gezielter Manipulation, wird in den Medien Stimmung gemacht mit den Bildern von strahlenden Müttern von Retortenbabies, -zwillingen oder -drillingen.
Die Gentechnologie verspricht Hilfe für unfruchtbare Frauen und vor allem bei der Heilung bislang unheilbarer vermeintlicher Erbkrankheiten. Insbesondere die Krebsforschung ist zu einem Motor und zur wichtigsten Legitimation für die Gentechnologie geworden: „Ein Satz bezogen auf Krebs reicht aus, daß jeder Antrag auf Zellforschung finanziert wird.“ (zit. nach Bührmann S. 6). Die Krebsforschung liefert den Vorwand und damit einen großen Teil der finanziellen Mittel, um immer genauere Erkenntnisse über die genetische Substanz des Menschen zu gewinnen mit dem Ziel, diese schließlich bis in alle Einzelheiten beeinflussen und eines schönen Tages vielleicht auch mal als ganzes künstlich reproduzieren zu können.
Um die Abschaffung des Krebses geht es dabei schon längst nicht mehr; wieso wird sonst nichts für die Beseitigung nachgewiesenermaßen krebserregender Stoffe getan?
Im Gegenteil: Die statistische Erfassung der Krebskranken, die angeblich der Früherkennung und Ursachenforschung dienen soll, richtet sich längst gegen die Betroffenen selbst: Die Erkenntnis z.B., daß bei der Produktion bestimmter Stoffe die Gefahr der Krebserkrankung oder anderer schwerer gesundheitlicher Schäden besonders groß ist, führt nicht etwa zu einer Änderung der Produktionsmethoden, sondern zur Selektion der Arbeiter/innen je nach vermuteter Widerstandsfähigkeit (so geschehen bei Dow Chemical bereits in den 60er Jahren) – oder aber zu ihrer Entlassung (vgl. Wechselwirkung S. 27).
„In Deutschland wurde bei jungen Frauen, die in einer Mosbacher Keramikfabrik arbeiten, ein überhöhter Bleigehalt im Blut festgestellt. Seit langem ist es jedoch gesetzlich verboten, Frauen in gebärfähigem Alter an bleibelasteten Arbeitsplätzen zu beschäftigen, da es dadurch zu Mißbildungen bei der Schwangerschaft kommen kann. Die Frauen wurden jedoch nicht an andere Arbeitsplätze versetzt, da zur Zeit keine ohne Bleibelastung zur Verfügung standen, sondern entlassen … Es gehört wohl nicht viel Phantasie dazu, sich vorzustellen, wie im Zusammenhang mit Personalinformationssystemen gesundheitliche und genetische Daten der Belegschaft gespeichert werden könnten, um im Bedarfsfalle einen Computerdurchlauf zu machen und die besonders resistenten Arbeiter und Arbeiterinnen zu identifizieren.“ (ebd.)
Die Voraussetzungen dafür, daß die genetische Konstitution der Menschen zum Kriterium ihrer Selektion wird, bestehen schon:
„Als Vision könnte man auch eine Privatisierung der Krankenkassen sich vorstellen, die verschiedene Klassen von Versicherten schaffen, die einen mit ‚gutem‘ Genmaterial, die behandlungswürdig und kostenarm, die anderen mit ’schlechtem‘ Genmaterial, die nur beschränkt behandlungswürdig und kostenintensiv sind.“ (Oldenburger Studentenzeitung Nr. 29, 6.6.83)
Die Genforschung arbeitet nicht an der Lösung der bestehenden Probleme, sondern erfindet neue Möglichkeiten, für die das Bedürfnis erst noch geschaffen werden muß. Vor allem aber: Sie erklärt sich selbst zur allumfassenden Wissenschaft, die in der Lage sei, Natur, Mensch und Leben mit ihren Kategorien zu begreifen, und daher legitimiert sei, sie umzumodeln.
Seitdem die Genforscher auch nur einen kleinen Teil der menschlichen Erbinformationen entschlüsselt haben, halten die reaktionärsten Anschauungen problemlos wieder Einzug in die Debatten: Für alle Eigenschaften und Erscheinungen, deren Entstehung noch ungeklärt ist, werden genetische Ursachen und Vererbbarkeit angenommen. Das trifft nicht nur auf das Beispiel Krebs zu; auf für psychische Erkrankungen und letztlich für Verhalten überhaupt wird nach einer erblichen Veranlagung gesucht.
„… so haben die Gentechniker begonnen, nach der genetischen Basis der Hirnfunktion zu suchen. … Man sucht das Gedächtnis, den geschichtlichen Teil unseres Bewußt-Seins, in der Erbmasse. Dabei liegt das Problem für Wissenschaftler George Ungar und seine Kollegen darin, daß sie erst einmal eine natürliche Vorlage von einem Gedächtnismolekül brauchen, ehe sie es künstlich nachbauen können. ‚Bei den Ratten machen wir es so, daß wir ihnen die gewünschte Erfahrung antrainieren und ihnen dann den Kopf abhacken. Beim Menschen geht das natürlich nicht so einfach.'“ (Bührmann S. 16)
Die biologistische Sichtweise aber ist die Voraussetzung dafür, soziale Unangepaßtheit wieder zur Erbkrankheit zu erklären. In der Humangenetik wird offenbar bereits entsprechend verfahren (s. die Dokumentation über die Humangenetische Beratungsstelle in Bembek).
Aber selbst dort, wo sich die Gentechnologie daran macht, eindeutig genetisch bedingte Krankheiten zu heilen, sind die Eingriffe nicht minder problematisch. Denn die Voraussetzung für die Beseitigung von Erbschäden ist die Definition dessen, was überhaupt als „Schaden“ anzusehen ist,
„… setzt die Festlegung von genetischen Normen voraus, die Festlegung einer Grenze zwischen ‚gesund‘ und ‚krank‘. In der Verallgemeinerung genetischer Normen und der Identifikation von ‚Abweichungen‘ sehen Kritiker die Gefahr eines biologischen Determinismus, der von sozialen Bedingungen abstrahiert. Die Wertungen gesund/krank, normal/anormal sind auch, was die körperliche Befindlichkeit des Menschen angeht, in Beziehung zu seinem sozialen Umfeld zu treffen. Gene determinieren – von wenigen schweren Krankheiten abgesehen – nicht das zukünftige biologische Schicksal des Menschen. Diesen Eindruck muß aber eine einseitige biologische Sichtweise zwangsläufig erzeugen. Sie führt zu folgenreicher Stigmatisierung von Einzelnen oder Minderheiten und zu Verwechslungen von Ursache und Symptomen bei komplexen biologischen und sozialen Zusammenhängen. Der Biologismus legt die Sichtweise nahe, gesellschaftliche Probleme ließen sich mit biologischen Techniken lösen. Auf diese Problematik weist auch der amerikanische Genetiker J. King hin: ‚Die Forscher werden sich der ganzen Vielfalt genetischer Abweichung bei Einzelmenschen gegenübersehen. Was macht einen genetischen Schaden und was eine genetische Abweichung aus. Der Wert zahlreicher genetischer Merkmale wie beispielsweise Hautfarbe und Beschaffenheit des Haars war, historisch gesehen, immer gesellschaftlich bestimmt. Was in einer Gesellschaft ein begehrenswertes Merkmal ist, gilt in einer anderen als Makel.'“ (Bamme, Arno u.a. S. 99)
Mit der Definition erwünschter und unerwünschter Eigenschaften ist aber der erste Schritt zur positiven Eugenik bereits getan. Ab wann werden Kurzsichtigkeit, Kleinwuchs oder Übergröße zu einer „Krankheit“, die eine Anpassung an die Norm notwendig macht? Es wäre durchaus vorstellbar, daß angesichts von Lebensbedingungen, die den Menschen immer mehr Lärm und Gestank aussetzen, die Empfindlichkeit der Sinnesorgane gegen solche Einflüsse eher hinderlich ist und durch genetische Eingriffe reduziert wird.
„… die Denkfabrik der amerikanischen Armee, das U.S. Army Training and Doctrin Command (TRADOC) (formulierte) in einem Arbeitspapier zur Strategie der ‚Air Land Battle 2000‘ angesichts des zu erwartenden Stresses in einem zukünftigen Atomkrieg: ‚Möglicherweise werden wir human engineering brauchen, um unsere Soldaten gegen Streß zu immunisieren, so wie wir sie heute gegen Krankheiten impfen. Und die militärische Ausrüstung wird diesen Aspekt der Humantechnologie und -konditionierung in Betracht zu ziehen haben.'“ (Wechselwirkung S. 28)
Kriterium ist allemal die Widerstandsfähigkeit, das Leistungsvermögen, die Verwertbarkeit unter den gegenwärtigen gesellschaftlichen Bedingungen. Wenn schon Leihmütter und Samenspender nach Intelligenz und Leistung und gesellschaftlichem Status ausgewählt werden, liegt die „Versuchung“ nahe, die Zukunftschancen der Kinder durch optimale Genausstattung zu verbessern.
Sobald aber diese Möglichkeit auf breiter Ebene realisierbar ist, wird ihre Anwendung zum Zwang … zum einen um den Wettbewerb um Arbeitsplätze und Karrierechancen überhaupt noch bestehen zu können; zum anderen werden Behinderte (auch jetzt) als Zumutung und finanzielle Belastung für die Gesellschaft angesehen, so daß der Druck, nur noch „gesunde“ Kinder zu produzieren, immer größer werden wird, je mehr die technischen Voraussetzungen dafür gegeben sind.
„Mit der Häufung von Mißgeburten, verursacht durch Radioaktivität und Chemikalien, wird zwangsläufig die Genmanipulation zur zwingenden Notwendigkeit und einzigen Rettung erklärt … denn ab einem gewissen Prozentsatz kann sich kein Staat weitere Krüppel mehr erlauben, wenn er weiter existieren will. Bentley Glass sagte bereits 1971 bei seiner Präsidentschaftsrede bei der Amerikanischen Vereinigung zur Förderung der Wissenschaft: ‚Keine Eltern werden in Zukunft das Recht haben, die Gesellschaft mit verunstalteten oder schwachsinnigen Kindern zu belasten.'“ (Bührmann S. 39)
Auch viele Genforscher haben selbst längst nicht nur die wie auch immer problematische Beseitigung von Beeinträchtigungen (oder dem, was sie dafür halten) als Ziel ihrer Forschungen vor Augen, sondern ein positives Leitbild, quasi den Optimalmenschen, dessen Produktion oder Vermehrung sie anstreben: sich selbst!
„Das einzige, worüber wir einer Meinung zu sein scheinen, ist die Tatsache, daß wir Männer das auserwählte Geschlecht sind.“
„Wir alle haben eine recht gute Meinung von unserem eigenen Verstand und unserer Brauchbarkeit als Samenspender.“
(Aussprüche der Genforscher Brain und Medawar auf dem Kongreß der Giba-Foundation 1963, zit. n. Jungk/Mundt S. 148 u. 321)
Durch die Genforschung ist jetzt das „auserwählte Geschlecht“ dabei, die Gebärfähigkeit von Frauen überflüssig zu machen: Das eröffnet völlig neue Perspektiven. Schon heute wird z.B. in Indien die Möglichkeit der Geschlechtsbestimmung in den erste Schwangerschaftswochen von vielen Eltern dazu benutzt, weibliche Föten abzutreiben, denn Mädchen sind ohnehin gesellschaftlich weniger erwünscht und ihre Verheiratung außerdem kostspielig …
Vor allem aber wird die Unabhängigkeit von der Gebärfähigkeit der Frau in dem Maße gesellschaftlich relevant, wie die Umwelt- und Arbeitsbedingungen ohnehin immer mehr Frauen unfruchtbar machen. Zudem sind durchaus Bedingungen vorstellbar, unter denen die familienpolitischen Weichen wieder umgestellt werden und Frauen nicht mehr in erster Linie als Mütter gefragt sind, sondern als Arbeitskräfte, und dann ist ihre Gebärfähigkeit ohnehin wieder eher Störfaktor im Arbeitsprozeß. In dem Maße, wie Frauen aufgrund ihrer Gebärfähigkeit diskriminiert werden, mögen ihnen dann vielleicht auch die neuen Möglichkeiten der Vermehrungs- und Gentechnologie attraktiv erscheinen: Das zeitlich genau geplante Wunschkind – ausgetragen und zur Welt gebracht von einer bezahlten Mietmutter oder vielleicht ganz im Reagenzglas und Brutkasten großgezogen. (Alice Schwarzer hat schon 1978 mit einer solchen „Befreiung der Frau vom Fluch, in Schmerzen zu gebären“ geliebäugelt. Vgl. Bührmann S. 36f.).
Die Fortschrittseuphorie in Sachen Genmanipulation und -technik ist noch weitgehend beschränkt auf Wissenschaftler und Industriekonzerne, die sich damit die großen Profite ausrechnen. Bei den meisten Leuten jedoch ist der Gedanke an Retortenbabies und erst recht an geklonte und nach genauen Kriterien gezüchtete Menschen mit Mißtrauen und diffuser Angst besetzt. Veränderungen in diesem Klima zeichnen sich jedoch bereits ab: Je mehr das Gefühl der Ohnmacht gegenüber der Zerstörung unserer Lebensbedingungen wächst, desto naheliegender wird die individuelle Beseitigung der Folgen durch Gentherapie als letzter Ausweg erscheinen.
Auszüge aus einem Interview mit den Betreibern einer Samenbank in Essen
Seit dem Sommer 1981 kann Frau in Essen, Kettwigerstr. 2-10, mitten in der Einkaufszone, außer den üblichen Konsumgütern auch tiefgefrorene Samen einkaufen …
Die Frauenärzte Propping und Katzorke, die beide in den USA waren und dort auf das Geschäft mit der künstlichen Befruchtung stießen, wagten den Sprung in den rechtsfreien Raum und eröffneten eine „Spezialpraxis für Frauen mit Kinderwunsch“. Da ein Arzt in der BRD bis vor 10 Jahren bei der Durchführung von „Spendersamenbehandlung“ noch die ärztliche Approbation verlor, ist diese Art der Praxis z. Zt. für das Bundesgebiet noch einmalig.
Bei Propping und Katzorke kommt fast jede Frau zu ihrem Kind, ob ledig oder mit einem unfruchtbaren Mann geschlagen. Nur lesbisch darf sie nicht sein – „das geht zu weit“.
Für 1000 Mark Arzthonorar, bis zur erfolgten Schwangerschaft, befruchten die beiden Gynäkologen im Jahr ca. 600 Patientinnen erfolgreich mit „Spendersamen“, tiefgekühlt oder frisch vom akademischen Spender.
Die Widersprüchlichkeit dieser Ärzte, die sich, wenn überhaupt, sicher eher dem linksliberalen Spektrum zuordnen, sollte zu denken geben.
Ärzte die es einerseits für positiv halten, daß die taz „offene Diskussion über die Guerilla möglich macht“ (im Vorgespräch zu dem Interview, anläßlich einer Meldung der FR über die letzte Hausdurchsuchung in Berlin), befinden andererseits völlig unbefangen über sich, daß sie eine „Zuchtauswahl im positiven Sinne“ betreiben. Ihre Gefährlichkeit liegt u.E. darin, daß sie sich über rechtliche Unklarheiten mit Pioniergeist hinwegsetzen und dadurch, auch wenn sie sich selbst nur als „kleine Fische“ bezeichnen, die Weichen stellen für gesellschaftliche Entwicklungen.
(zit. nach taz vom 1.12.82, wo das Interview in großen Auszügen abgedruckt war, bzw. nach der Abschrift des Interviews.)
taz: Mit der Einfriertechnik, lagern sie das bei sich, oder geben sie das raus?
P+K: Man muß unterscheiden, z.B. bei ner Spendersamenbehandlung, die frieren wir ein, aus organisatorischen Gründen, die verwenden wir innerhalb von vier Wochen, um gar nicht die Probleme mit der Lagerung aufkommen zu lassen. Das ist für uns so einfacher im organisatorischen Ablauf. Das ist die Gruppe, wo die Männer zeugungsfähig sind. Dann haben wir ne zweite Gruppe. Männer mit Krebskrankungen, die sicherheitshalber einfrieren lassen, dann bestrahlt werden oder mit Chemotherapeutika behandelt werden und dann praktisch kastriert sind. Der Samen wird ja langzeit gelagert. Den frieren wir nur ein, und damit der dann immer im gleichen Millieu ist, wird der dann ausgelagert zur Firma Messer-Griesheim nach Krefeld. (…) Die dritte Gruppe sind gefährdete Berufe. Die mit Schadstoffen umgehen. Piloten z.B., Männer vor Sterilisierungen.
taz: Die Firma Messer-Griesheim, was ist das für ne Firma?
P+K: Ne Industriefirma. In Frankfurt sitzen die. Das ist ne Firma, die Flüssigstickstoff produziert. Die lagern da alles Mögliche. Die haben da ne Mordsanlage, für Millionenaufwand. Einmalig in Europa. Für alle Sachen, die biologisch wertvoll sind. Seien es nun Kampfgase – um Sie ein bisschen heiß zu machen –, oder seien es nun sehr schädliche Viren, mutagene Substanzen. Alles Dinge die wertvoll sind, die man aufbewahren muß. Die frieren die ein, und als Ableger haben sie praktisch uns und anderen Ärzten Platz zur Verfügung gestellt, wo wir Samen einlagern können.
(…)
taz: Kommen denn auch Frauen, die sagen, sie möchten gerne ein Kind, aber von einem unbekannten Mann?
P+K: Gibt’s auch, ja.
taz: Und ist das juristisch möglich?
P+K: Sie kommen jetzt auf Spendersamen? Wir sind Mitglieder in der Deutsch-Schweizerischen Gesellschaft für die künstliche Befruchtung. Wir haben da Qualitätskriterien erlassen, bezüglich der Auswahl der Samenspender und bei Indikationen, wo die Grenzen der Zeugungsfähigkeit liegen. Da ist auch ein Mehrheitsbeschluss gewesen, keine ledigen Frauen zu behandeln. Weil man davon ausgehen kann – was ich für Quatsch halte –, daß eine pathologische Grundkonstellation vorliegt, bei der Frau, weil die nicht in der Lage ist, eine normale Paarbeziehung zu aufzubauen. Was ich natürlich Unsinn finde. Die sagen, die kann heiraten oder kann sich auf andere Weise das besorgen.
(…)
taz: Nochmal zurück zu dem Satz, den sie eben sagten mit der Intelligenzforschung. Haben die Frauen da irgendwelche Ansprüche, sprich gesundheitliche?
P+K: Finden wir schon. Also normalerweise hätten sie keine, aber von unserer Seite schon. Wir versuchen mit der entsprechenden Spenderauswahl das zu … das sind wir unseren Patientinnen schuldig, daß wir besonders gutes Erbmaterial nehmen. Wir nehmen z.B. niemand, der in der Vorgeschichte Krebs hat, bei den Eltern. Oder Diabetes. Wenn schon, sind wir der Meinung, sollte man auch biologisch gutes Erbmaterial nehmen.
(…)
taz: Wie läuft das denn ab, wenn da jemand kommt? Wird der körperlich untersucht?
P+K: Ja, ja. Also, das ist ja unheimlich viel Arbeit, deswegen kommen ja auch so viele Leute. Zwei Stunden am Tag gehen drauf mit Spendersuche und Auswahl. Von zehn Spenderkandidaten, jungen Männern, bleibt nur noch einer übrig … außer der Samenqualität noch der gesunde Lebenswandel. Daß keine Rauschgiftvorgeschichte ist, Hepatitis, kein häufig wechselnder Geschlechtsverkehr, wegen der möglichen Übertragung von Geschlechtskrankheiten. (…) Also wir kennen die sehr gut, die Spender. Wir haben ungefähr fünfzig. Das ist wie ein Reitstall, ne Art Pferdestall. Man kann ja nicht den Spender nehmen und sagen, alle drei Monate kommst du mal dran, sondern die kommen regelmäßig dran. Wir haben also ne Gruppe von Männern die ausgesucht sind und die wir sehr gut kennen. Nicht so privat, aber wir haben ein nettes Verhältnis zu denen. Wir kennen die gut. Und die wechseln, wenn einer zehn Kinder hat, dann scheidet der aus. Weil das so humangenetische Erfordernisse sind, wegen Inzucht. Obwohl wir das auch nicht für richtig halten. (…)
taz: Das machen sie aber alles, oder schicken sie die erst zu ner humangenetischen Untersuchung?
P+K: Es ist besser, man macht ne genaue Vorgeschichte, da gibt’s so Musterbögen, wie’s auch in der Humangenetik ist. Wir denken, das kann man schon sagen, obwohl das ungünstig ist in Deutschland, mit Hitler und so, wenn schon, dann auch ganz guter Samen, weil wir auch denken, die Frauen lassen sich ja auch nicht mit nem Halbblinden ein. Die fragen uns oft, können wir den Charakter garantieren und so. Da kann man natürlich nur sagen, wenn sie zu uns Vertrauen haben und glauben, daß wir die richtige Auswahl treffen, das müßte ihnen eigentlich genügen.
(…)
taz: Und machen sie bei den Spendern auch Intelligenzprüfungen?
P+K: Das ist ein heißes Thema. Wenn uns ein Bauer fragt, ist er denn intelligent, oder der Bauer fragt, ist der Spender auch Bauer, sagen wir, warum denn? Generell nehmen wir nicht, aber wir sagen, die Interessenten sind meistens Studenten. Also wir würden z.B. nicht einen nehmen, der jetzt gerade Lehrling in ner Autowerkstatt ist. Haben wir auch nicht, weil wir nicht in dem Millieu suchen. Wissen Sie, es ist schwierig, den Intelligenzquotienten festzustellen. Also, das machen wir nicht. Mann kann sagen es ist eine Zuchtauswahl im positiven Sinn.
taz: Die (Spender und Empfänger) sind ja alle in der Praxis, können die sich nicht sehen?
P+K: Sie haben doch gesehen, wie viele Praxiseingänge wir haben. Dann haben wir auch noch einen anderen Raum in diesem Gebäude, für die Spender. Das ganze bietet soviel Probleme, man muß entweder verrückt sein oder Vertrauen haben. Da kommt ein Student, der bringt seinen Samen mit, wir machen ja keine Videoaufnahmen, wenn er masturbiert, das wäre die einzige Kontrolle, aber das wär ja doch ein bisschen unmoralisch, finden wir, und der bringt den Samen von seinem schwarzen Freund mit. Kann ja alles sein, es ist reine Vertrauenssache. Viele erklären uns für verrückt. (…)
taz: Wie teuer ist das bei ihnen?
P+K: Das kostet 1000 DM Ärztehonorar, bis die Frau schwanger ist. Egal, wie oft sie kommt. Manche kommen 10mal, wir leben von denen wo wir gut sind. Die, wo einen Monat uns brauchen. Aber auch wenn sie zwei Jahre kommen, brauchen sie nicht mehr zu zahlen. (…)
taz: Eigentlich war ja hier ne Phase von Geburtenrückgang. Sehen Sie darin denn auch ein Mittel, um hier in der BRD und Westeuropa diese Tendenzen aufzuhalten?
P+K: Nee, das geht zu weit. Man schätzt, daß hier in Deutschland auf diese Weise 2000 Kinder jährlich höchstens zur Welt kommen. Wir machen pro Monat eine Schulklasse, sagen wir immer aus Spaß. Etwa 30 Schwangerschaften machen wir im Schnitt pro Monat.
taz: Aber das wäre doch theoretisch auch ne Möglichkeit zur Geburtenkontrolle.
P+K: Schrecklich, ja. Messer-Griesheim meinetwegen, entsetzlich. Da fällt die Neutronenbombe, alle Menschen sind weg, und ein paar Wissenschaftler da unten können schon wieder neues Leben machen. Vor allen Dingen, wenn sie noch die Eizelle einfrieren können. Das geht zur Zeit noch nicht, aber das ist ja entsetzlich. Da bin ich fest davon überzeugt, daß das kommt. Bestimmt, ja. Das ist ja ne Wahnsinnsaufgabe. (…)
taz: Wenn sie aber vorhin die Vermutung geäußert haben, es könnte im Interesse sein, nach ner atomaren Katastrophe Lebewesen …
P+K: Da würd‘ man dann gezielt Leute ansprechen. Z.B., die haben gesagt, da würd‘ man GSG9-Leute nehmen, Polizisten nehmen und den Samen dann abgeben und einfrieren.
taz: Und das passiert auch, denken Sie?
P+K: Nein, glaube ich nicht. Bisher gibt’s noch keine Stelle, die den einfriert, weil das ja Geld kostet. Das zahlt ja nicht die Krankenkasse. Aber wir haben schon Anfragen vom Bundesverteidigungsministerium gehabt.
taz: Was haben die gefragt? Ob Sie das machen?
P+K: Ja, wie das ist, ob die das selbst bezahlen müssen. Vor allem für die GSG9.
taz: Aber das ist doch für die kein Problem, das Geld.
P+K: Doch, scheinbar. Wir haben schon gedacht, eines Tages rücken die hier mit 400 Mann an und wollen das eingefroren haben. Das ist spekulativ, (…)
taz: Ist das denn der Fall, daß so Embryos tiefgefroren werden?
P+K: Ja, das wird bestimmt gemacht. Das sagen die nicht. Weil das für wissenschaftliche Zwecke ist. Bis zu welchem Stadium man die einfrieren kann, das dürfen die gar nicht alles sagen. (…)
taz: Das ist ja auch was, was angewandt wird, in der Dritten Welt, in Indien die Sterilisation da. Das wäre ja auch ein Mittel zur Geburtenkontrolle im großen Maßstab.
P+K: Ja. Da kann man jeder Frau vier Eier entnehmen (wird hier als Möglichkeit gedacht, d. Verf.) Mehr als vier Kinder wird sie in ihrem Leben nicht haben wollen. Dann sterilisiert man sie. Das ist schon machbar. Nur im großen Umfang weiß ich’s nicht. (…)
taz: Ist das nicht eine Benachteiligung der Frauen, daß man das Sperma der Männer einfrieren kann und bei den Frauen etwas entsprechendes nicht?
P+K: Bei Frauen noch nicht. Bei Mäusen kann man ja schon die Eizelle einfrieren. Das wird bestimmt auch irgendwann mal bei den Menschen gehen. Was dem Embryotransfer noch im Wege steht, ist jedesmal die Vollnarkose. Das geht ja nicht so lässig wir beim Mann durch Masturbation. Beim Menschen braucht man noch einen operativen Eingriff. Da stimuliert man die Frau dann mit Präparaten und entnimmt dann acht Eizellen, befruchtet eine davon und setzt die ein. Wenn’s fehlschlägt, hat man noch die anderen bereitliegen. Das ist eine sehr segensreiche Entwicklung, aber was sie sahen und was ich auch sehe – andererseits auch sehr gefährlich. Das Problem der Eizellen-Eingefrierung ist noch nicht gelöst. Bei Zellbiologen, Mäusebiologen ist es kein Problem mehr. Nur ein technisches Problem, daß man noch nicht das richtige Schutzmittel gefunden hat für menschliche Embryone. Das ist erschreckend. Mit Messer-Griesheim können sie den Neutronenkrieg wagen. Da haben sie zehn Wissenschaftler, die bauen den marktkonformen Menschen. Kloning ist bestimmt auch möglich. Das ist überhaupt kein Problem bei der Maus. Es gibt drei oder vier Genies auf der Welt die sind manuell so geschickt – zwei davon leben in der Schweiz –, die können eine Mäusezelle mit sich selbst befruchten. Sie können auch ne Eizelle mit ner toten Samenzelle, einer Samenzelle ohne Schwanz befruchten. Wenn das Gang und Gäbe wäre, könnten sie von einem Mann 100 Millionen Kinder machen. Beim Menschen geht’s noch nicht, aber bei Mäusen. Beim Menschen haben sie auch nicht soviel Versuchsmaterial. Da gibt’s ja die Ethikkommission, die hat ein Mitspracherecht, da wagt sich niemand dran. Aber man weiß nicht, was in den Industriezweigen ist.
taz: Wie sehen Sie ihre Rolle? Sie sind ja praktisch die Avantgarde, Sie haben hier die einzige Samenbank …
P+K: Die GSG9 und solche Leute, die würden wir natürlich nicht so gerne einfrieren.
Entnommen aus Materialien gegen Bevölkerungspolitik.