Cathy Levine: Tyrannei der Tyrannei (1974)

zur Strukturlosigkeit in Frauengruppen

Vorbemerkung

Der Text „Die Tyrannei in strukturlosen Gruppen“ erfreut sich nach wie vor einer erneuten und breiten Zirkulation. Angesichts der Geschichtslosigkeit der antiautoritären Linken – diesem Hybrid zwischen Anarchismus und Linkstum – ist die damalige – prägnante, logische und unwiderlegte Antwort von antiautoritärer Seite in der heutigen Diskussion völlig ignoriert worden. Der Text ist deshalb allemal dokumentierenswert, und sei es nur, um sich über die Seite „barrikade.info“ lustig zu machen, die behauptet anti-autoritär zu sein, allerdings den Text von Joe Freeman unhinterfragt reproduziert – wie manch anderen Schwachsinn, der dies bestimmt noch überbietet. Gleiches gilt für eine Edition ‚Von unten auf‘, welche Joe Freemans einseitige Sicht reproduzierte, und deren Broschüren vom ‚Syndikat A‘ kolportiert werden. Und so sind es angeblich Antiautoritäre, welche die tatsächlich antiautoritäre Antwort auf diese autoritär-demokratischen Ergüsse durch ihre Ignoranz vergessen machen!

Aber zum vorliegenden Text, welcher Joe Freemans Text noch zur Genüge einer beherzigenswerten Kritik unterziehen wird: Die Schwäche dieser Antwort von Cathy Levine offenbart sich meiner Meinung nach in Bezug auf die Linke. Natürlich, die damalige ‚Neue Linke‘ kann vielleicht noch gewisse Hoffnungen und Illusionen bezüglich der Linken verständlich machen. Aber ebenso: die Ablehnung nur einer ‚männlichen‘ Linken ist eben halbgar, und die heute mehr oder weniger erfolgreiche Feminisierung der linken Bewegung hat auch nicht das geringste an ihrem autoritären Kern ändern können. Siehe Awarenessteams, Identitätspolitik, die kritiklose Unterstützung des Lockdowns anhand von Versatzstücken einer ‚Care‘-Ideologie… die neue Linke, und auch die noch neuere, autonome, postmoderne, etc. sind heute längst ein Bestandteil der Rekuperation, Integration und sogar direkten Verteidigung des Bestehenden…

Aber was sage ich ‚längst‘? Schon immer natürlich, schon immer. Und natürlich, die paar in der Linken gefangenen antiautoritären Individuen und Grüppchen, die deren immerneue Bolschewisierung (heute auch aka. Lockdownisierung) bekämpfen, sind relativ sympathisch, auch wenn sie sich an einem Gegenstand aufreiben, der eben ohnehin nicht das hält, was er zu versprechen scheint – und ihr Potential bindet.

Die kleine Gruppe zumindest bleibt agil, und im besten Falle betrachtet sie sich nicht als Teil von Bewegungen, die ein schwankendes Verhältnis zur Autorität haben. Aber natürlich: die Verstrickung der anarchistischen Geschichte mit der Linken macht es teilweise notwendig, auch Texte zu benutzen, deren Kritik ansonsten zwar exquisit ist, die aber auf dem ‚linken Auge blind‘ sind, wie andere umgekehrt. Wobei man Cathy Levine ja eigentlich nur eine Halbblindheit unterstellen muss, aber eine solche zumindest… denn eigentlich wärmt sie das ewige ‚eine andere Linke muss her‘ auf, anstatt das destruktive Beziehungsmuster zu durchschauen. Dadurch, dass eine Partnerschaft mit der Linken, wie sie viele anarchistische Menschen pflegen, gerade wieder einmal in psychischer und physischer Gewalt, Übergriffen und Unterdrückung endet, ist das besonders betonenswert. Die Selbstverleugnung muss aufhören, wenn es Anarchie geben soll. Die Trennung muss vollendet werden, die Linke verlassen werden, die Gruppen sich auf anarchistische Basis stellen…

Unstrukturiert anarchistisch natürlich, informell und chaotisch, denn die plattformistischen Plattitüden halten uns eben gerade in einem Fahrwasser der Linken und der Tyrannei der Tyrannei… und angesichts der immer wieder aufkommenden ‚antiautoritären Linken‘: lasst uns die Bruchgeschwindigkeit beschleunigen und an der Zerstörung der Linken arbeiten, denn sie ist jene Kraft, die sich immer offensichtlicher einer revolutionären Gärung in den Weg stellt.

Soviel dazu, Offtopic gewiss, aber ich kanns mir nicht verkneifen… denn es ging mir eben um Geschichtslosigkeit. Und solange wir mit den Linken verweilen, werden wir eben keine wirklich eigene Geschichte haben – sondern die ihre. D.h. die Geschichte unseres nützlichen Idiotentums, unserer eigenen Rekuperation, Verdrängung, Verleugnung, Integration, Verdrehung, Unschädlichmachung,…

Und selbstverständlich ergeht und erging es radikalen Feministinnen wohl ähnlich, man betrachte sich etwa die Tatsache, dass der Linken die Vergewaltigungen und Übergriffe, welche „Stayathome“ als Neben- oder gar Haupteffekt hatte, höchstens ein paar Krokodilstränen wert waren. Oder die impfspezifische Ausserkraftsetzung des ‚My Body – My Choice‘. Ich glaube auch einer etwaigen Frauenbewegung könnte eine Trennung von der Linken guttun, oder etwa nicht? Und vielleicht eine Liebelei mit der Anarchie? Oder sogar mehr?

Zumindest scheint es, dass jedes Verhältnis unabhängiger Kräfte mit der Linken in einer toxischen Beziehung endet… und stelle sich diese auch als ‚neu‘ dar.

Eine Wühlmaus

Tyranny of Tyranny

von Cathy Levine

Ein Artikel mit dem Titel „Die Tyrannei in strukturlosen Gruppen“1, der in weiten Kreisen der Frauenbewegung Beachtung gefunden hat (so z.B. in ‚MS‘, in ‚Second Wave, usw.), greift den Trend zu ‚führungslosen‘, ’strukturlosen‘ Gruppen, wie er die hauptsächliche, wenn nicht die einzige organisatorische Form der Bewegung darstelle, als einen toten Punkt an. Während der Artikel einerseits in gutem Glauben, als eine gedachte Hilfestellung für die Bewegung geschrieben und aufgenommen worden ist, ist er andererseits destruktiv auf Grund der in ihm vorgenommenen Verdrehung und Verleumdung einer gültigen und bewußten Strategie für den Aufbau einer revolutionären Bewegung. Es ist höchste Zeit, daß wir die Richtung, die die oben genannten Tendenzen zum Ziel haben, als eine wirkliche politische Alternative zu hierarchischer Organisation anerkennen, anstatt zu versuchen, sie schon im Keime zu ersticken.

Es gibt (mindestens) zwei verschiedene Modelle für den Aufbau einer revolutionären Bewegung, von denen Joreen nur eines anerkennt: eine Massenorganisation mit streng zentralisierter Kontrolle, wie zum Beispiel eine Partei. Das andere Modell, das die Notwendigkeit der Unterstützung durch die Massen nur als letztes Mittel ansieht, gründet sich auf kleine Gruppen bei freiwilligem Zusammenschluß.

Eine große Gruppe funktioniert wie eine Summierung ihrer einzelnen Bestandteile: jedes einzelne Mitglied wirkt als eine einzelne Einheit, wie ein Zahn am Rad der großen Organisation. Der einzelne ist der Gesamtheit entfremdet und dazu verdammt, gegen das durch die Größe der Gruppe geschaffene Hindernis zu kämpfen – indem er zum Beispiel Energie darauf verwendet, einen Standpunkt zu erlangen, der anerkannt wird.

Kleine Gruppen dagegen vervielfachen die Stärke jedes einzelnen Mitglieds. Indem in ihnen bei beschränkter Mitgliederzahl kollektiv gearbeitet wird, konnten die kleinen Gruppen die verschiedenen Beiträge jedes einzelnen sich in größtmöglichem Maße zunutze machen, wobei der individuelle Beitrag gefördert und entwickelt wurde, anstatt ihn zunichte zu machen durch den Geist des Konkurrenzkampfes ums Überleben des Geeignetsten, Gewandtesten, Geistreichsten, wie es in der großen Organisation der Fall ist.

Joreen bringt die zunehmende Tendenz zu kleinen Gruppen mit der Aufstiegsphase der Bewußtheit der Frauenbewegung in Zusammenhang, sie folgert jedoch, daß die Frauen – entsprechend dem Schwerpunkt, der sich über die Veränderung des Einzelbewußtseins hinaus auf den Aufbau einer massenhaft revolutionären Bewegung hin verlagere, damit anfangen sollten, für den Aufbau einer großen Organisation zu arbeiten. Sicher ist es wahr – und so war es einige Zeit lang –, daß viele Frauen, die in Selbsterfahrungsgruppen gewesen sind, eine Zeitlang die Notwendigkeit verspüren, ihre politischen Aktivitäten über den Rahmen der Gruppe hinaus auszuweiten, und nicht wissen, wie sie weiter vorankommen. Aber es ist ebenso wahr, daß andere Bereiche der Linken in einer ähnlichen Lage sind, nicht zu wissen, z.B. wie man das kapitalistische imperialistische quasi-faschistische Amerika erfolgreich bekämpft.

Joreen versäumt es jedoch zu bestimmen, was sie unter Frauenbewegung versteht; genau das aber ist eine grundlegende Vorbedingung für eine Diskussion über Strategie und Zielrichtung. Die feministische Bewegung in des Wortes wirklichster Bedeutung stellt eine Bewegung zur erfolgreichen Niederringung des Patriarchats dar, eine revolutionäre und sozialistische Bewegung, und sie ist in die Reihen der Linken einzuordnen. Ein zentrales Problem der Frauen bei der Festlegung der Strategie der Frauenbewegung ist, wie man sich zur männlichen Linken verhalten soll: Wir wollen deren Vorgehensweise nicht als die unsere übernehmen, da wir gesehen haben, daß sie nur eine Perpetuierung patriarchalischer und letzten Endes kapitalistischer Werte bedeutet.

Trotz unseren besten Anstrengungen, uns von den männlichen Linken abzuwenden und zu trennen, haben wir nichtsdestotrotz unsere Wirksamkeit gehabt. Männer organisieren sich gewöhnlich in derselben Art und Weise, wie sie bumsen – einmal groß zustoßen, und dann das bekannte ‚bam, slam, thank you ma’am‘. Frauen sollten ihre Bewegung in der Weise gestalten, wie wir selbst lieben – allmählich, mit anhaltender Beteiligung und grenzenloser Ausdauer – und natürlich mit vielfachen Orgasmen. Anstatt uns jetzt entmutigen und isolieren zu lassen, sollten wir in unseren kleinen Gruppen diskutieren, planen, schöpferisch tätig sein und Unruhe stiften. Wir sollten dem Patriarchat immer auf den Pelz rücken und immer Frauen unterstützen – wir sollten immer bei feministischen Aktivitäten mitmachen und solche schaffen helfen, da wir alle Vorteil davon haben; ohne feministische Aktivität greifen Frauen zu Beruhigungsmitteln, werden geisteskrank und begehen Selbstmord.

Das andere Extrem gegenüber der Inaktivität, die politisch aktive Leute zu plagen scheint, ist die überdrehte Geschäftigkeit, die in den späten sechziger Jahren eine Generation von ausgebrannten Radikalen hervorgebracht hat. Eine Feministin erläuterte einmal, daß ‚in der Frauenbewegung zu sein‘ für sie bedeute, ungefähr 25% ihrer Zeit für Gruppenaktivitäten herzugeben und 75% für ihre eigene Entwicklung. Dies stellt eine wirklich wichtige Zeitaufteilung dar, die sich Frauen in der ‚Bewegung‘ überlegen sollten. Die männliche Bewegung lehrte uns, daß in der ‚Bewegung‘ tätige Leute, wie man annimmt, 25 Stunden am Tag der SACHE zum Opfer bringen, was zur weiblichen Sozialisation bis hin zur Selbstaufopferung genau paßt. Was immer auch die Quelle unserer Selbstlosigkeit ist, wir streben danach, uns, ohne an die eigene persönliche Entwicklung zu denken, Hals über Kopf in die organisatorischen Aktivitäten zu stürzen, bis wir eines Tages merken, daß wir nicht wissen, was wir und zu wessen Nutzen wir es tun, und wir uns selbst ganz sowie vorher hassen. (Andererseits stinkt die männliche Übergeschäftigkeit – unabhängig von irgendeinem geschlechtsspezifischen Charakterzug der Selbstaufopferung – stark nach der protestantisch-jüdischen Arbeits- und Geschäftsethik und in noch offensichtlicherer Weise nach der ‚rationalen‘ coolen unemotionalen Fassade, mit der der ‚Machismus‘ die männlichen Gefühle unterdrückt.)

Diese immer wiederkehrenden Irrtümer der Leute aus der Bewegung; die für letztere ein Faß ohne Boden darstellen, werden von Joreen als ein Bestandteil der ‚Tyrannei der Strukturlosigkeit‘ erklärt; was ein Witz ist von dem Standpunkt aus betrachtet, der ein Volk von Quasi-Automaten sieht, die darum kämpfen, wenigstens einen Anschein von Individualität gegenüber einem logisch-militärisch-industriellen-post-techno-Bulldozzer zu behaupten. Was wir definitiv gerade nicht brauchen, das sind noch mehr Strukturen und Regeln, die uns mit leichten Antworten versehen, mit Fertighaus-Alternativen sozusagen, und uns keinen Raum lassen, in dem wir unsere eigene Art zu leben gestalten können. Was der weiblichen Linken droht, und den anderen Teilen der Linken noch mehr, ist die ‚Tyrannei der Tyrannei‘, die verhindert hat, daß wir uns wie Individuen aufeinander beziehen oder daß wir Organisatinen schaffen in einer Art, die die Individualität nicht durch vorgefertigte Regeln abtötet, oder daß wir uns von der kapitalistischen Struktur frei machen.

Im Gegensatz zu Joreens Annahme ist die Phase der Bewußtseinsbildung in der Bewegung nicht vorüber. Bewußtseinsbildung ist ein lebensnotwendiger Prozeß, der weitergehen muß bei denen, die an gesellschaftlichem Wandel beteiligt sind mit dem Ziel und durch das Mittel der revolutionären Befreiung. Unser Bewußtsein zu bilden – was bedeutet, einander zu helfen, uns selbst von althergebrachten Fesseln freizumachen – stellt den hauptsächlichen Weg dar, auf dem Frauen beginnen, ihre persönliche Angst in konstruktive Energie zu verwandeln und sich am Kampf zu beteiligen. Bewußtseinsbildung ist jedoch ein unklarer Begriff – eine nichtsbesagende Leerformel bis hierher – und bedarf der inhaltlichen Ausfüllung. Eine offensive Fernsehwerbung kann das Bewußtsein einer Frau herausbilden, einer Frau, wie sie allein in ihrer Wohnung die Hemden ihres Mannes bügelt; sie kann die Frau an das erinnern, was sie sowieso schon weiß, d.h. daß sie verraten wird, daß ihr Leben bedeutungsleer und langweilig ist usw. – aber die Fernsehwerbung wird sie sicher nicht dazu ermutigen, ihre Wäsche stehen und liegen zu lassen und einen Hausfrauenstreik zu organisieren.

Wenn Joreen vorschlägt, der nächste Schritt nach der Bewußtseinsbildung bestehe darin, eine Bewegung aufzubauen, so steckt darin bei ihr nicht nur ein falscher Gegensatz zwischen den beiden getrennten Polen, sondern sie übersieht ebenso einen wichtigen Prozeß der feministischen Bewegung, nämlich den der Herausbildung einer Frauenkultur. Während letzten Endes eine massive Gewalt von Frauen (und einigen Männern) notwendig sein wird, die Gewalt des Staates zu zerschlagen, bewerkstelligt eine Massenbewegung ihrerseits keine Revolution. Wenn wir hoffen, eine Gesellschaft zu schaffen, die frei ist von männlicher Vorherrschaft, wenn wir den Kapitalismus stürzen und den internationalen Sozialismus aufbauen wollen, dann wäre es ein besserer Anfang, die Sache gleich richtig anzugehen, da einige von unseren besten antikapitalistischen Freunden die härteste Aufgabe für uns sein werden. Wir müssen uns daran machen, eine sichtbare Frauenkultur zu entwickeln, innerhalb derer die Frauen sich selbst definieren und ausdrücken können – abseits der patriarchalischen Standards – und welche die Bedürfnisse der Frauen gerade an dem Punkt erfüllen wird, in denen das Patriarchat versagt hat.

Kultur stellt einen grundlegenden Bestandteil einer revolutionären Bewegung dar, aber sie dient ebenso zu einem der größten Werkzeuge der Konterrevolution. Wir müssen sehr viel Sorge dafür tragen, klarzumachen, daß die Kultur, die wir diskutieren, revolutionär ist, und müssen ständig dafür kämpfen klarzustellen, daß sie – unsere Kultur – in ihrem tiefsten Innern im Gegensatz zur Vater-Kultur verbleibt.

Die Kultur einer unterdrückten oder kolonialisierten Klasse oder Kaste ist nicht notwendigerweise revolutionär. Amerika beherbergt viele ‚Subkulturen‘ (sowohl im Sinne von ‚haben‘ wie auch in dem, daß ihre Ausbreitung verhindert wird), die – obwohl sie sich selbst als verschieden von der Vater-Kultur definieren – den Status quo nicht bedrohen. In der Tat sind sie ein Bestandteil der pluralistischen eine-große-Familie-Volkskultur in-Amerika, also der ‚Konter-Kultur‘. Sie werden anerkannt, für gültig gehalten, adoptiert und von einander getrennt durch die große Kultur. Kooptierung?

Die Frauenkultur sieht dieser wahrhaftigen Gefahr gerade jetzt ins Antlitz, von einem revolutionären neuen Befreiunsgürtel bis zum MS-Magazin, bis zum ‚Tagebuch einer wütenden Hausfrau‘. Die neue Frau, d.h. die aus der Mittelschicht, mit College-Bildung, männlich orientiert – sie kann ihren Anteil am amerikanischen Kuchen bekommen. Klingt hervorragend – aber wie steht es mit der Revolution? Wir müssen immer und immer wieder unsere Position zur Geltung bringen, um sicherzustellen, daß wir uns nicht von Uncle Sams offenen Armen umschlingen lassen.

Die Frage der Frauenkultur – verleumdet von der arroganten und blinden männlichen Linken – ist nicht notwendigerweise ein revisionistisches Problem. Die Polarisierung zwischen den Rollen der Männer und der Frauen, wie sie von der männlichen Gesellschaft definiert und kontrolliert werden, hat nicht nur die Frauen zu Unterworfenen gemacht, sondern ebenso allen Männern ungeachtet der Klasse oder Rasse das Gefühl der Überlegenheit gegenüber den Frauen gegeben – dieses Gefühl der Überlegenheit, das ein antikapitalistisches Sentiment zuläßt, ist das Lebenselement des Systems. Das Ziel der feministischen Revolution bedeutet für die Frauen, unsere totale Humanität zu erlangen, was heißt, die Männer- und Frauenrollen zu zerstören, die sowohl die Männer als auch die Frauen nur zu halben Menschen machen. Eine Frauenkultur zu schaffen soll als Mittel dienen, unsere verlorene Humanlät wiederherzustellen.

Die Frage nach unserer verlorenen Humanität wirft das Thema auf, das Vulgärmarxisten aller verschiedenen Ausrichtungen in ihren Analysen über ein Jahrhundert lang vernachlässigt haben – die psychosexuellen Elemente der Charakterstruktur jedes einzelnen, die wie ein persönlicher Schutzmann in jedem Mitglied der Gesellschaft wirken. Wilhelm Reich begann, wenn auch in enger heterosexueller, männlich voreingenommener Form, den Charakterpanzer in jedem einzelnen Menschen zu beschreiben, der die Leute zu guten Faschisten, oder in unserer Gesellschaft zu guten Bürgern macht. Frauen erfahren jeden Tag dieses Phänomen in Form der unterdrückten Gefühle, besonders bei unseren männlichen Freunden, die es schwer finden, ihre Gefühle echt auszudrücken oder nur ‚darzustellen‘. Die psychische Verkrüppelung, von der die kapitalistische Psychologie uns zu glauben zwingt, sie sei ein Problem der Individuen, ist eine massive gesellschaftliche Bedingung, die die fortgeschrittene kapitalistische Gesellschaft zusammenhalten hilft. Die psychische Verkrüppelung ihrer Bürger treibt letztere dazu, sich zur Arbeit zu melden, im Krieg zu kämpfen, ihre Frauen zu unterdrücken, und sie macht Nicht-Weiße und Nicht-Konformisten aller Art verwundbar gegen Unterdrückung. In unserer post-technologischen [?] Gesellschaft, die ihre Mitglieder als die fortgeschrittensten Kulturstufe anerkennen, ist die psychische Verkrüppelung ebenso fortgeschritten. Es gibt noch mehr Mist, durch die die Psyche durchmuß, was man an Jonathan Livingston Seagull und der ‚you are okay‘-Politik sieht, – um von den postneo-Freudianern und den Psychochirurgen garnicht erst zu reden.

Um es zum x-ten Male zu sagen: nur wenn wir nicht gleichzeitig die innerpsychischen Fesseln untersuchen und die äußeren politischen Strukturen und die Beziehungen zwischen uns studieren, dann werden wir bei der Schaffung einer Kraft, die unseren Feind herausfordern kann, keinen Erfolg haben. Wir werden dann nicht einmal den Feind kennen. Die Linke hat unzählige Stunden und ganze Bände darauf verwandt, die herrschende Klasse begrifflich zu fassen. Die herrschende Klasse besitzt stellvertretende Schweine im Kopf jedes einzelnen Mitgliedes der Gesellschaft –, so zum Beispiel die Logik, die hinter der sogenannten Paranoia steckt. Die Tyrannei der Tyrannei ist ein Feind, der sich tief im Innern verschanzt hat.

Wo sich psychologischer Kampf mit politischer Betätigung schneidet, dort ist die kleine Gruppe. Das ist der Grund, warum Strategie, Taktik und Methode der Organisation momentan so entscheidend wichtig sind. Die Linke hat Jahrzehnte lang versucht, die Leute auf der Straße zu sammeln, gewöhnlich bevor eine ausreichende Anzahl da war, die einen ‚dent‘ zuließ. Wie I.F. Stone ausführte, kann man keine Revolution machen, wenn vier Fünftel der Bevölkerung glücklich sind. Natürlich sollten wir nun auch nicht gerade warten, bis jeder einzelne bereit ist, radikal zu werden. Während wir einerseits ständig, Alternativen zum Kapitalismus darbieten sollten auf dem Wege von Aktionen für Anti-Kooperativen für Nahrungsmittel und von Akten persönlicher Rebellion, sollten wir ebenso den Kampf aufnehmen gegen die kapitalistischen psychischen Strukturen und gegen die Werte und Lebensregeln, die sich von diesen Strukturen herleiten.

Strukturen, Vorsitzende, Führer, Redekunst – wenn eine Versammlung einer linken Gruppe im Stile von einer Sitzung des US-Senats nicht mehr zu unterscheiden ist, dann sollten wir darüber nicht lachen, sondern hinter dem Stil die Struktur hervorheben und sie als einen Repräsentanten des Feindes erkennen.

Der Ausgangspunkt für die Bevorzugung von kleinen Gruppen innerhalb der Frauenbewegung – und mit kleinen Gruppen beziehe ich mich auf politische Kollektive – war, wie Joreen darlegt, eine Reaktion auf die überstrukturierte hierarchische Organisation der Gesellschaft im allgemeinen, und der männerbeherrschten linken Gruppen im besonderen. Aber was sich die Leute nicht klarmachen, ist, daß wir auf die Bürokratie reagieren, weil sie uns der Kontrolle beraubt, wie das der übrige Teil der Gesellschaft auch tut. Anstatt die Torheit unserer Wege, zu der strukturierten Herde zurückzukehren, anzuerkennen, sollten wir, die wir gegen die Bürokratie rebellieren, eine Alternative zur bürokratischen Ordnung schaffen. Der Grund für den Aufbau einer Bewegung auf einem festen Fundament von Kollektiven besteht darin, daß wir eine revolutionäre Kultur schaffen wollen, die im Einklang steht mit unserer Sicht der neuen Gesellschaft. Es handelt sich um mehr als um eine Reaktion –, die kleine Gruppe ist die Lösung.

Da die Frauenbewegung zu kleinen Gruppen tendiert und zur Zeit eine feste Richtung vermissen läßt, ziehen einige Leute den Schluß, daß die kleine Gruppe für das Fehlen dieser Richtung sind. Sie fuchteln mit der Zauberformel ‚Struktur‘ als Lösung für den strategischen Stillestand herum, so als ob die Struktur uns theoretische Einsicht in oder Abhilfe gegen unsere persönlichen Ängste geben könnte. Diese Zauberformel mag uns eine Struktur geben, in der wir uns ‚organisieren‘ können, oder sie mag mehr Frauen fit machen. Aber bei der Abwesenheit einer politischen Strategie würden wir eine Kafka-reife Groteske schaffen, wo der Prozeß durch das Meeting ersetzt wird.

Der Mangel an politischer Energie, der uns in den letzten Jahren befallen hat, – weniger in der Frauenbewegung als in der männlichen Linken –, bezieht sich möglicherweise direkt auf das Gefühl der persönlichen Beschissenheit, das jeden einzelnen von uns tyrannisiert. Wenn wir nicht diesen Gefühlen direkt gegenüber treten und sie mit demselben Ernst behandeln, wie zum Beispiel die Bombardierung Hanois, dann wird die durch erstere bewirkte Paralyse uns daran hindern, in wirksamer Weise für letztere Vergeltung zu üben. Mehr als den Ruf nach der Ersetzung kleiner Gruppen durch strukturierte größere Gruppen brauchen wir die gegenseitige Ermutigung, uns in kleinen unstrukturierten Gruppen zu organisieren, die den Wert des einzelnen anerkennen und betonen. Freundschaften, mehr als Therapie jedweder Art, befreien inständig von Gefühlen der Beschissenheit. Die Revolution sollte auf dem Modell der Freundschaften aufgebaut werden.

Das allgemeine Problem, dem sich Joreen gegenüber sieht, das der Eliten, findet keine Lösung in der Herausbildung von Strukturen. Im Gegensatz zu dem Glauben, daß Mangel an offenen Strukturen zu hinterlistigen unsichtbaren Strukturen führt, die auf Elitenbildung basieren, wird in kleinen, auf gegenseitigem Vertrauen basierenden Gruppen das Elitendenken auf einer grundlegenden Ebene bekämpft. Die Ebene der persönlichen Dynamik ist es, auf der das Individuum, das Unsicherheit mit aggressivem Verhalten überspielt, über andere herrscht, die in ihrer Unsicherheit schweigen. Die kleine Gruppe, in die der einzelne sich in seiner ganzen Person einbringt, lernt zuerst, diese Unterschiede im Stil zu erkennen, dann sie zu schätzen und mit ihnen zu arbeiten. Anstatt den Versuch zu machen, Unterschiede im persönlichen Stil zu ignorieren oder zu verwischen, lernt die kleine Gruppe sie zu schätzen und nutzbar zu machen. Sie stärkt auf diese Weise die Persönlichkeit jedes einzelnen.

In einer Gesellschaft, in der jeder von uns eine Sozialisation erfahren hat, daß die Art und Weise zu existieren eine individuelle Konkurrenz mit jedem anderen darstellt, stempeln wir den persönlichen Stil nicht als Gewalt ab, sondern erkennen vielmehr ständig diese Unterschiede an und lernen, sie als Unterschiede des persönlichen Stils zusammen existieren zu lassen. Sofern wir nicht einander der Feind, sondern die Opfer sind, müssen wir uns gegenseitig fördern anstatt zu vernichten. Die destruktiven Elemente werden schrittweise abgebaut, wie wir selbst stärker werden. Aber in der Zwischenzeit sollten wir uns vor Situationen hüten, die persönlichen Stil mit Gewalt vergelten. Meetings verleihen Preise an den eher aggressiven, rhetorisch begabten, charismatischen, artikulationsfähigen (also fast immer an den Mann).

In Anbetracht dessen, daß die verschiedenen Richtungen des Anarchismus durcheinandergeworfen werden, haben sich sehr wenige Linke in irgendwie ernstzunehmender Weise mit dem Anarchismus auseinandergesetzt. Für Leute, die sich selbst zynisch gegenüber den sozialen Tabus anpreisen, fallen wir sicherlich unter das Tabu Anarchismus. Wie bei der Masturbation handelt es sich beim Anarchismus um etwas, das uns eigentlich in Furcht versetzen sollte; irrational und unbefragt, – da ihn nicht zu fürchten uns dazu führen könnte, ihn auszuprobieren, ihn kennenzulernen und ihn zu mögen. Für jeden, der einmal die Erfahrung gemacht hat, daß Masturbation mehr Glück bringen kann als Verrücktheit, kann ein Studium des Anarchismus nicht hoch genug empfohlen werden – bis zurück zu jener Zeit von Marx, als Bakunin dessen radikalster sozialistischer Gegner war. Der radikalste, weil er einen dialektischen Riesenschritt über Marx hinaus war, indem er auf die Eigenschaften der Menschen, die Humanität zu retten, vertraute.

Warum hat die Linke den Anarchismus nahezu völlig ignoriert? Mag sein deswegen, weil die Anarchisten niemals einen revolutionären Sieg errungen haben. Der Marxismus hat triumphiert, aber ebenso hat es der Kapitalismus. Was beweist das, oder was ist naheliegender, als daß möglicherweise der Verlierer bisher auf unserer Seite stand? Die russischen Anarchisten widersetzten sich der starken revisionistischen Tyrannei unter den Bolschewiki heftig. Die Neue Linke hat darüber mit typisch studentischer Gefühllosigkeit zu spotten angefangen, wie vorher schon ihre Eltern aus der alten Linken um die sechziger Jahre. Sicherlich, die alte Generation der amerikanischen Linken war befangen, nicht zu sehen, daß der Kapitalismus in Rußland wiederauferstanden war. Die Tunnel-Vision, mit der wir den Pfad für das marxistisch-leninistische Dogma entworfen haben, ist etwas, worauf man genausowenig stolz sein kann.

Natürlich haben die Frauen es vor den meisten Männern ohne die Tunnel-Lösung geschafft. Wir fanden uns im Dunkeln vor, geführt von den blinden Männern aus der Neuen Linken und gespalten. Eine Hausfrau für die Revolution, eine Prostituierte für das Proletariat; erstaunlich, wie schnell unsere Sicht der Lage sich verallgemeinert hat. Im ganzen Land begannen unabhängige Frauengruppen zu funktionieren, ohne jede Struktur, ohne Führer und andere Stützen der männlichen Linken. Gruppen, die unabhängig und gleichzeitig Organisationen schufen, die denen der Anarchisten vieler Zeiten und Orte ähnelten. Nicht gerade ein Zufall.

Der Stil und die Kühnheit von Emma Goldman hat Frauen angezogen, die sich selbst garnicht als Anarchisten ansehen … weil Emma so recht hatte. Wenige Frauen haben Männern für so lange Zeit so zugesetzt wie Emma Goldman. Es erscheint logisch, daß wir uns mit Emma befassen sollten. Nicht um jeden einzelnen ihrer Gedanken zu übernehmen, sondern um den Grund für ihre Lebenskraft und Liebe zum Leben herauszufinden. Es ist auch kein Zufall, daß die mit dem Beinamen ‚anarchistischer roter Terror‘ versehene Emma für die freie Liebe plädierte und diese praktizierte; für die kapitalistische Gesellschaft in ihrer Beschränktheit war sie eine größere Schande als auch nur einer ihrer marxistischen Zeitgenossen.

 


Quelle: Original als Flugschrift nachgedruckt aus Black Rose No. 1 Herbst 1974 (Kontaktadresse der Flugschrift: Rising Free, 197 Kings Cross Rd, London WC 1). Deutsche Übersetzung von J[örg-Anselm]. Asseyer in Schwarze Protokolle. Zur Theorie der linken Bewegung. Nr. 12 November 1975.


1Autorin: Joreen; deutsche Fassung in Schwarze Protokolle 8/1974