Parodie und Subversion: Notizen zu Rollen (2001)

Rollen sind die wiederholbare Aufführung einer bestimmten Reihe von Machtbeziehungen. Der Anreiz dazu, eine Rolle zu spielen ist ein Stückchen Macht; selbst wenn man eine unterwürfige Rolle spielt muss es dafür irgendeine Art von Anreiz geben, selbst wenn es nur ein negativer Anreiz ist, die Vermeidung eines schlimmeren Schicksals. Zu sagen, dass Rollen Aufführungen sind, macht sie nicht unreal, Rollen sind reale Akte, Akte, die wiederholt werden, bis sie sich zu Gewohnheiten verfestigen. Rollen tauchen nicht einfach aus dem Nichts auf, sondern werden von Institutionen, wie der Familie, dem Arbeitsplatz, Unternehmen, Bürokratien, Schulen aufrechterhalten und halten im Gegenzug die Machtstrukturen diese Institutionen aufrecht. Es gibt objektive soziale Strukturen und Institutionen, die Rollen aufrechterhalten, was nicht bedeutet, dass diese in Stein gemeißelt wären. Es gibt subjektive Sehnsüchte diese Rollen zu unterlaufen und zu zerstören, was nicht bedeutet, dass dies einfach wäre oder dass die Subversion Erfolg haben wird. In der Spannung zwischen den Machtstrukturen und dem Verlangen zu rebellieren findet das Spiel der Subversion statt.

Ethnizität, Geschlecht und Klasse existierten schon vor dem Kapitalismus, allerdings in sehr unterschiedlicher Form. Ethnizität wurde vom Aufkommen des Nationalstaats drastisch verändert, Geschlechterrollen haben sich durch die Proletarisierung von Frauen verändert und es ist recht offensichtlich, dass der Aufstieg des Kapitalismus die Klassenstruktur verändert hat. Nichtsdestotrotz wurden Rollen, die auf Geschlecht, Ethnizität und Klasse basierten sowohl vor dem Aufstieg des Kapitalismus, wie auch danach von den Machtstrukturen dazu genutzt, um die Machtbeziehungen aufrechtzuerhalten. Nationalismus ist etwas, das die Menschen oft nicht historisieren, sie begreifen schlicht nicht, wie jung der Nationalstaat ist und dass dieser die bloße Vorstellung von kultureller Identität beeinträchtigt hat. Unser derzeitiges Konzept von Ethnizität (dieses Wort stammt von dem griechischen Wort für Nation) ist vom Nationalstaat geprägt. Einige glauben, dass Nationalismus in seiner derzeitigen Form schon lange vor dem Aufkommen des Nationalstaats existierte und andere glauben, dass das Patriarchat in der Vergangenheit in einer stärkeren Form existierte, die sich heute langsam auflöst. Patriarchat ist eines der offensichtlicheren Beispiele eines Prozesses, der die Rollen der Herrschaft und Unterwerfung schon lange vor dem Kapitalismus aufrecht erhielt. Ich würde argumentieren, dass einige Formen von Patriarchat tatsächlich abgenommen haben, aber das das Patriarchat im allgemeinen nicht verschwindet, sondern vielmehr vom Kapital in eine andere Form umgewandelt wurde, diejenigen Aspekte, die den Kapitalfluss und die Proletarisierung der Frauen einschränkten, wurden verändert. Patriarchat ist keine einzelne, globale monolithische Struktur; es ist kulturell und hat verschiedene Formen. Es beginnt in der Familie, breitet sich auf andere Institutionen aus und wird folglich in der gesamten Gesellschaft reproduziert. Kapitalismus reproduziert neue, mutierte Formen des Patriarchats, er bedient sich der Geschlechterunterschiede, ebenso wie er sich der Klassenunterschiede und ethnischen/rassischen Unterschieden bedient, um die Arbeitskraft im größtmöglichen Maße auszubeuten.

Wie können wir die Kategorien der Identität dazu nutzen, die Gesellschaft in der wir leben zu verstehen, ohne genau die Rollen zu reproduzieren, die wir überwinden wollen? Das ist trickreich, denn wenn wir die Kategorien, die Geschlecht, Rasse und Ethnizität beschreiben, einfach verwerfen, verlieren wir wichtige Werkzeuge, die wir benötigen, um zu verstehen, wie diese Gesellschaft funktioniert, wie diese Kategorien unsere Beziehungen beeinträchtigen und strukturieren. Auf der anderen Seite verfällt man leicht dazu, genau die Rollen aufrechtzuerhalten, die wir überwinden wollen. Das ist ein Problem, das oft in der Identitätspolitik auftaucht, die von einer identitären Kategorie ausgeht. Da solche Politiken auf identitären Kategorien basieren, die im Wesentlichen an Rollen gebunden sind, verfestigt man diese, wenn man nicht bewusst versucht, diese Rollen zu unterlaufen. Kürzlich bezog sich der Artikel „Stick it to the Manarchy“ auf Frauen und People of Color auf die selbe Weise wie auf Kategorien wie die Ältesten und Kinder, als ob weiblich oder nicht weiß zu sein eine Person weniger dazu befähigen würde, mit Demonstrationen und Riots umzugehen. Das Argument ist, dass People of Color härter verfolgt werden würden, was stimmt, und doch habe ich nie bemerkt, dass dies irgendjemand abgeschreckt hätte. Tatsächlich sind es meiner Erfahrung nach jene, die aus privilegierteren Hintergründen kommen, die mehr Angst vor solchen Situationen haben. Was ihr Grund dafür ist, Frauen in dieser Liste aufzuführen das habe ich nicht verstanden. In jedem Fall verfallen die Autoren in einen bevormundenden Tonfall, ungeachtet irgendwelcher gegenteiligen Absichten. Es gibt die Gefahr, dass die Diskussion über Geschlecht in einen bevormundenden Tonfall verfällt, der die Rolle von Frauen als Opfer aufrechterhält. Auf der anderen Seite bedeutet das nicht, dass wir die Diskussion über Sexismus, der sehr real ist, vermeiden sollten, oder dass sich Frauen nicht darüber beschweren sollten, übergangen zu werden, weil sie vermeiden wollen ein Bild der Frau als Opfer abzugeben. Wir können die Kategorien von Geschlecht, Rasse, Klasse und so weiter nur dann abwerfen, wenn wir auf den Ruinen dieser Gesellschaft tanzen und gelernt haben, uns ohne diese Rollen in einer klassenlosen, staatenlosen Gesellschaft aufeinander zu beziehen. Bis zu diesem Zeitpunkt können wir nur vortäuschen, dass wir alle gleich behandelt werden; Einfach den Tod dieser sozialen Trennungen zu behaupten, indem wir uns weigern, uns auf diese zu beziehen, erreicht nichts außer dem Verlust eines Mittels zur Konfrontation der Probleme, die sie erzeugen.

Rasse (bzw. Rassismus) basiert im Gegensatz zu Ethnizität auf der Erscheinung einer Person und nicht notwendigerweise auf ihrer Kultur. Ich behaupte nicht, dass Rasse etwas biologisches wäre, sie ist eine soziale Konstruktion. Es geht vielmehr darum, dass beispielsweise eine schwarze Person, die von Weißen aufgezogen wurde und die kulturell von weißen nicht unterscheidbar ist, noch immer Rassismus erfährt. Geschlecht ist allgemein rund um biologische Geschlechtsmerkmale strukturiert (man muss sein Aussehen drastisch verändern, um als Angehörige*r eines anderen Geschlechts behandelt zu werden); die von diesen Kategorien beschriebenen Merkmale sind teilweise bioloigisch (oder basieren auf der Annahme der Existenz einer bestimmten Biologie) und folglich ist es unmöglich, vollständig mit diesen Kategorien zu brechen, solange die gegenwärtige Gesellschaft besteht, da sie beeinflussen, wie Menschen dich behandeln, unabhängig davon wie du dich verhältst. Das heißt, Rasse und Geschlecht bestehen aus mehr als bloß Rollen.

Rollen sind sozial, weil sie Beziehungen sind, sie sind Aufführungen in denen es immer eine Interaktion mit dem Publikum gibt. Sie können nicht einfach auf einer individuellen Ebene durchbrochen werden; durch die Veränderung oder den Bruch mit einer Rolle verändert man notwendigerweise eine Beziehung. Allerdings bedeutet das nicht, dass sie nur kollektiv durchbrochen werden könnten, oder gar nur von der Gesellschaft als Ganzes. Rollen zu verändern bedeutet Beziehungen zu verändern und so eine Veränderung kann auf vielen Ebenen stattfinden, sie ist nicht ausschließlich eine Frage der kollektiven Veränderung. Es gibt unzählige Zwischenstufen zu sozialem Wandel, die zwischen Individuum und Kollektiv oder dem individuellen und dem gesellschaftlichen liegen. Wir müssen also nicht darauf warten, dass irgendein „kollektiver Bruch“ bevorzustehen scheint, um die Rollen zu überwinden, die unsere Beziehungen formen. Es ist vielmehr genau nicht das Warten, sondern damit zu beginnen diese Beziehungen jetzt in dem Grad, der nur möglich ist, zu untergraben, was einen Bruch schließlich sich auf die Gesellschaft als Ganze ausbreiten lassen wird. Ich beziehe mich dabei nicht auf einen kollektiven Bruch im Sinne eines homogenen, simultanen Bruchs mit Rollen, sondern einen facettenreichen Bruch, der sich durch die ganze Gesellschaft ausbreitet; das Konzept von rollenlosen Beziehungen impliziert notwendigerweise Vielfachheit, da ohne Rolle zu handeln bedeutet, ohne jene Machtbeziehungen zu handeln, die Homogenität erzeugen. Natürlich ist es nicht so einfach, es ist nicht nur eine Frage, ob alle versuchen, einen Wandel in ihren alltäglichen Leben zu erzeugen und dass sich dieser Wandel zur Revolution aufsummiert. Ein ausgedehnter Bruch mit Rollen impliziert auch einen ausgedehnten Bruch mit den Machtbeziehungen, die Rollen aufrechterhalten – in anderen Worten: Kapital und Staat müssen in all ihren Ausdrucksformen zerstört werden, den zahlreichen Mikro-Weisen auf die sie unsere Beziehungen infiltrieren ebenso wie ihren makroskopischen institutionellen Formen.

Mit einer Rolle zu brechen ist nichts, das sofort oder einfach erreicht werden könnte, oft muss man erst einen Prozesse der Untergrabung und Überdehnung von Rollen durchmachen, mit ihnen spielen, die Unnatürlichkeit von Rollen durch Parodie aufzeigen. Wie enthüllen wir die Unnatürlichkeit von Geschlecht, Rasse oder Nationalität? Parodie kann eine Rolle als unnatürlich enttarnen. Wenn jemend einer Geschlechterrolle nicht entspricht, wenn ein Mann weibliches Verhalten schlecht kopiert oder anders herum, dann können wir dazu gezwungen werden darüber nachzudenken, ob es ein ‚genuin‘ weibliches und männliches Verhalten gibt. Kopiert der Transvestit wahre Weiblichkeit oder Männlichkeit oder kopiert sie/er eine Kopie? Plötzlich wird alles verwirrend. Ist sie eine echte Frau? Gibt es soetwas überhaupt?

Wie organisieren wir uns auf eine qualitativ andere Weise ohne die Einschränkungen von Rollen? Wie würden wir uns organisieren, wenn die mächtigsten und repressivsten Strukturen, die unsere derzeitigen sozialen Rollen reproduzieren, nicht vorhanden wären? Es ist wichtig in der Lage dazu zu sein, sich so eine Situation vorzustellen und zu versuchen uns soweit irgendwie möglich im Hier und Jetzt anders zu organisieren, ohne die Rollen, die uns einschränken und die Staat-Kapital-Maschine aufrechterhalten.

 

Entnommen aus Killing King Abacus No. 2.