„Patriarchat – der (un)heimliche Inhalt der Naturwissenschaft und Technik“ – so brachte Rosmarie Rübsamen eine der wesentlichen Thesen feministischer Naturwissenschaftskritik auf den Punkt: Einerseits dienen die Ergebnisse der Naturwissenschaft patriarchalen Herrschaftsverhältnissen, andererseits sind die Inhalte der Naturwissenschaft selbst, ihre Erklärungen von Naturzusammenhängen verquer, oder, anders formuliert, es ist vielleicht ein großer Irrtum, die Naturwissenschaft für die Wissenschaft von der Natur zu halten (Rübsamen, S. 306-7).
Ich möchte im folgenden der Frage nachgehen, in welcher Gestalt das Patriarchat in der Molekularbiologie erscheint, wie es sich in dessen Bildern vom Lebendigen ausdrückt. Diese Bilder sind Grundlage für gentechnische Verfahren – die wiederum die Vorstellung von Lebewesen als chemische Systeme, als Molekülmaschinen verstärken.
Als zweites möchte ich fragen, welche ethischen Normen in diesen Bildern verschlüsselt sind. Hierbei gehe ich von einem Gedanken von Carolyn Merchant aus: „Es ist wichtig, sich die normative Tragweite von deskriptiven Aussagen über die Natur klarzumachen […] Deskriptive Aussagen über die Welt […] sind ethisch befrachtet […] die Normen können stillschweigende Annahmen sein, die so in den Beschreibungen verborgen sind, daß sie als unsichtbare Handlungshemmung oder moralisches Verbot wirken.“ C. Merchant untersucht, wie das organische Weltbild des Mittelalters – die Erde als nährender weiblicher Organismus – durch das mechanische Weltbild ersetzt wurde.
„Die Verschiebung der leitenden Metaphorik hing direkt mit der Veränderung menschlicher Einstellungen und Verhaltensweisen gegenüber der Erde zusammen. Während man das Bild von der nahrungsspendenden Erde als kulturelle Handlungshemmung ansehen kann, die die Formen des gesellschaftlich und moralisch zulässigen menschlichen Einwirkens auf die Erde beschränkt, wirkten die neuen Metaphern der Beherrschung und Bemächtigung als kultureller Freibrief für den die Natur entblößenden Zugriff des Menschen.“ (Merchant, S. 18ff.)
Welchen „Freibrief“ stellt die moderne Biologie aus? Welche ethischen Normen sind in ihren Beschreibungen von Lebewesen unsichtbar verschlüsselt?
In den üblichen Auseinandersetzungen um Gentechnik wird diese Frage im allgemeinen nicht gestellt, die Aussagen der Naturwissenschaft im Prinzip nicht hinterfragt. Sie sollen sagen, was Lebewesen sind, was Gentechnik ist, eventuell sollen sie auch deren ökologische und gesundheitliche Gefahren darstellen. Dann kommen i.a. die Fachleute für soziale Folgen von Technologien zu Wort, dann die Ethiker, die mit mehr oder weniger angemessenen Kategorien versuchen, zu einem Urteil zu kommen, was mann denn nun mit Gentechnik und mit Lebewesen machen dürfen soll.
Ich halte dieses Vorgehen für schwarze Magie. So wird die gesellschaftliche Rolle der Naturwissenschaft als neue Religion, bzw. höchste Werteinstanz etabliert, sie selbst wird nicht überprüft.
Das Leben, die Gentechnik und die Evolution
Francis Bacon, Begründer der modernen Naturwissenschaft in der Sprache der Hexeninquisition, formulierte in seiner Gesellschaftsutopie „Neu-Atlantis“ von 1624 u.a. das Ziel, die natürliche Umwelt durch Technik künstlich nachzuerschaffen. Dazu gehört „insbesondere die Manipulation des organischen Lebens zur Erzeugung künstlicher Pflanzen- und Tierarten“ (vgl. Merchant, S. 186). Beim heutigen Präsidenten der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Hubert Markl, finden wir dasselbe Ziel. Er begründet die Notwendigkeit der Gentechnik aus seinem Verständnis des Evolutionsgeschehens – als quasi natürlichen Auftrag des Lebens selbst. „Das Leben hat […] zwangsläufig immer […] Krisen […] hervorgerufen.“ Dabei liegt seiner Meinung nach der Grund für die gegenwärtige ökologische Krise nicht im „falschen räuberischen Wirtschaften“, sondern in der „Normalität des Daseins des milliardenfachen ganz normalen Homo sapiens“, in seiner Natur also. „Es“ (das Leben, d.V.) „hat diese Kriesen immer wieder dadurch bewältigt, daß es sich neue Strategien – und zwar vor allem genetisch-biochemische Strategien – einfallen ließ.“ Gentechnik wäre so eine genetisch-biochemische Innovationsstrategie des Lebens selbst – die Neuanpassung von Lebewesen mit Hilfe der Gentechnik an die Bedingungen der gegenwärtigen ökologischen Krise. Gentechnik wäre demnach lediglich notwendige, natürliche Folge und auch weitere Voraussetzung eines Evolutionsprozesses, der denjenigen das Überleben sichert, die von den „verfügbaren Ressourcen vermehrungseffektivsten Gebrauch“ machen. Daß dieser Prozeß nicht ohne schwerste Verluste abgehen wird, darüber läßt Markl keine Zweifel, er sieht ökologische Gleichgewichte lediglich als „befristete Zwischenzustände eines nie endenden natürlichen Wandels, dem Abermillionen Spezies zum Opfer fielen“ (Markl, 1988a, S. 582ff.).
In den Vorstellungen von der Entstehung des Lebens im Laufe der Evolution finden wir das bürgerlich/männliche Individuum, den personal computer unterm Arm, im einsamen Konkurrenzkampf in der Ursuppe schwimmend. Mit Biologenbrille liest sich dies Bild so: In der Ursuppe, das ist der Zustand der Meere vor Entstehung der Lebewesen, in die übrigens häufig der Blitz einschlug, gab es verschiedene chemische Substanzen. Diejenigen Makromoleküle wurden zum Ursprung des Lebendigen, die aufgrund einer zufälligen Strukturveränderung den Trick gefunden hatten, sich zu vermehren. Unsere Vorfahren waren angeblich „Informationsträger, die von einander unabhängig sind“, (sie) „konkurrieren miteinander, und stets wird die Sequenz mit der größten Wertefunktion (W)“ (das ist ein Maß für die Überlebenseffektivität, Anm. d. V.) „selektiert. Alle weniger effizienten Sequenzen sterben aus.“ (Schuster, S. 700)
Das Lebendige soll also in seinen Anfängen eine Erscheinung bestimmter Moleküle sein, die Informationsträger darstellen. Diese Reduktion der Lebensprozesse auf Molekülfunktionen läßt ethische Kategorien wie „Achtung vor dem Leben“ hilflos zusammenbrechen, denn: „Die […] Frage nach der Grenze zwischen Unbelebtem und Belebtem ist […] nicht sinnvoll.“ (Kuhn, S. 686)
Auch Francis Crick, Nobelkollege von James Watson (sie entwickelten ihr Modell für die Struktur der Erbsubstanz DNS auf Basis experimenteller Daten von Rosalind Franklin), schätzt diese Lösung:
„Es sieht daher so aus, als ob die Grenzlinie zwischen Lebendem und Nichtlebendem uns kein sehr ernsthaftes Kopfzerbrechen beim Erklären der Beobachtungen“ (der Natur, d. V.) „in der Sprache der Physik und Chemie verursacht.“ (vgl. Crick)
Hubert Markl ist sich allerdings noch dessen bewußt, daß „Menschen daran Anstoß nehmen, […] daß Lebewesen (sie selbst eingeschlossen) einfach eine Art chemischer Maschinen aus den ökologischen Werkstätten der natürlichen Evolution sein sollen“ (Markl 1988b, S. 5).
Von Molekülen, Maschinen und Mutterzellen
Nun mag es ja vielleicht noch hinkommen, bei der Suche nach der Entstehung des Lebens – wenn man sich nun mal in erdgeschichtliche Dimensionen der „grauen Vorzeit“ begibt – eine Ununterscheidbarkeit von Belebtem und Unbelebtem zu finden. Aber wie wird die Frage für die heute lebenden Wesen beantwortet? Bleibt man bei dem Augenfälligen, daß Lebewesen aus Lebewesen entstehen? Wie werden sie definiert?
Im Lehrbuch „The Science of Biology“ vergleicht Paul B. Weisz lebende Organismen mit einer Maschine: Es brauche Energie, um das System anzutreiben, und Materie, um Teile zu ersetzen, sie intakt zu halten. Er geht soweit, Lebewesen mit einem Verbrennungsmotor gleichzusetzen. Charakteristika des Lebendigem sind nach Weisz Stoffwechsel, Reaktionsfähigkeit gegenüber der Umwelt, die Fähigkeit, sich selbst zu reparieren und Nachkommen zu erzeugen. Auf dem Papier existierten bereits Entwürfe für Maschinen mit entsprechenden Eigenschaften. Wenn diese tatsächlich eines Tages gebaut würden, sei der charakteristische Unterschied zwischen Lebewesen und Maschine verschwunden (vgl. Weisz). Danach ist die Unterscheidbarkeit von Lebewesen und Maschinen lediglich eine Frage des Maschinenbaus. Im Standardlehrbuch „Biologie“ heißt die „sehr präzise Definition von Lebewesen“:
„Es sind diejenigen Naturkörper, die Nukleinsäuren und Proteine besitzen und imstande sind, solche Moleküle selbst zu synthetisieren.“ (Zihak, S. XXI) Bernal definiert Leben in seiner Sozialgeschichte der Wissenschaft lediglich als „die Art und Weise der Produktion und Reproduktion identischer Moleküle“ (Bernal, S. 908).
Also scheint „Leben“ so etwas zu sein wie eine chemische Fabrik – im Zeitalter der Chemiemultis nicht unpassend. Tatsächlich wird im Schulunterricht, in populärwissenschaftlichen Vorträgen und auch an der Uni gerne die Zelle, die kleinste Funktionseinheit der Lebewesen, mit einer Fabrik verglichen: In einen abgeschlossenen Raum werden Stoffe hineintransportiert, von Eiweißen (Enzymen) umgebaut, aus der Zelle herausgeschleust, dazu wird Energie aufgenommen und verbraucht, Herzstück der Fabrik ist ein Zentralcomputer, die Erbinformation, die DNS, die über den Aufbau der Fabrikeigenen Werkzeuge, der Enzyme, Aufbau und Funktion der Fabrik steuert. Diesen Computer kann man zum Aufbau gewünschter Substanzen umprogrammieren – das wäre dann Gentechnik.
Eine alte Definition von Lebewesen taucht in den Biologiebüchern nicht mehr als solche auf. Herders Lexikon der Biologie macht eine Ausnahme: „Zellen können nur durch Teilung aus einer Mutterzelle oder durch Verschmelzung von zwei oder mehr Zellen entstehen“. (Lexikon, S. 211) Virchow hatte 1855 dieses „omnis cellulae e cellula“ formuliert. Dieser Herkunftszusammenhang des Lebendigen wird heute höchstens noch unter der Rubrik „Zelltheorie“ abgehandelt – findet sich aber nicht als notwendige Eigenschaft, als Definition des Lebendigen. Als lebendig gilt heute ein Gebilde aus Molekülen, mit einer chemischen Fabrik oder mit einer Maschine analogisiert, das die Produktion von Eiweißstoffen und Nukleinsäuren unternimmt. Für dieses Bild verwende ich den Begiff „Molekülmaschine“.
Der neue Staatsbürger – ein chemisches System
Um einen un-heimlichen Inhalt dieser Lebensdefinition sichtbar zu machen, bietet es sich an, ihre praktische Anwendung im §218 und geplanten Embryonenschutzgesetz zu untersuchen.
In der gegenwärtigen Auseinandersetzung um rechtliche Regelungen der extrakorporalen Befruchtung und Embryonenforschung im menschlichen Bereich wird der Rechtsstatus des Embryos unabhängig von der Frau definiert. Bisher galt nach §218 ein Embryo zu dem Zeitpunkt als „schützenswertes Individuum“, als „menschliches Leben“, wenn er in der Gebärmutter eingenistet war – ca. 14 Tage nach Verschmelzung der Keimzellen. Eine herrlich unsinnige Definition, denn spätestens mit der Einnistung ist es bis zur Geburt mit der Individualität des Embryos vorbei; er kann nur in Abhängigkeit von der Frau existieren. Nun hat mann mit der modernen Reproduktionsmedizin endlich mit der kulturellen Entwicklung gleichgezogen, die die Leibesfrucht der Frau als einen von der Frau unabhängigen und vor ihr zu schützenden Menschen definiert hat. Der Embryo wird im Labor herstellbar und manipulierbar – und das soll rechtlich geregelt werden, also muß der „Beginn des Schützenswerten“ neu definiert werden: „Die Kernfrage zu Beginn des Lebens aus wissenschaftlicher Sicht lautet: Wann lassen sich Eigenschaften, die von den Spermien vererbt werden, in den Zellen früher Embryonen nachweisen?“ (Spielmann, 1988a)
Patriarchale Willkür ist sowohl die Definition eines Beginns an sich als auch der Zeitpunkt, der hier als Beginn gesetzt wird (könnte es doch genauso gut der Zeitpunkt sein, zu dem eine Eizelle das Spermium durch die Zona pellucida hindurchläßt). Was nun aber als Beginn definiert wird, ist ein Ereignis, das nach der Verschmelzung der beiden Kerne der Keimzellen, durch einen „Impuls vom Mann“ ausgelöst wird: Die Inbetriebnahme der Molekülmaschine Zelle, in Form der Produktion eines Eiweißmoleküls, gemäß der Erbinformation des Spermiums. Nach Meinung des IVF-Arztes Horst Spielmann ist dieses Eiweiß die ß-Galaktosidase (Spielmann, 1988b). Diese macht nun die Zelle zum Rechtssubjekt, auf das das Grundgesetz anwendbar wird.
Die Herkunft der Zelle, wie sie entstanden ist, wo sie sich befindet, ist egal. Zerrissen ist der lebendige Zusammenhang – die Herkunft des Lebendigen im Zuge eines nicht-technischen, manchmal ausgesprochen lustvollen Vorganges aus einem lebenden Wesen; beim Menschen ist dies die Frau (vgl. Satzinger 1988a, b).
Alles Leben kommt von Ihm …
Mit der Definition des Beginns menschlichen Lebens, der zum Zeitpunkt der Produktion eines Moleküls in der Molekülmaschine Zelle gesetzt wird, ist der Herkunftszusammenhang des Lebendigen, seine Kontinuität und seine Entstehung aus der Frau geleugnet. Gleichzeitig ist mit der Setzung einer Diskontinuität im Lebensprozeß und mit der Definition des Lebendigen als chemischem System dessen technische Herstellung erlaubt. Eine künstliche DNS, der menschlichen nachgebaut und in synthetische Zellbestandteile verpackt, wäre nach der Definition, wie sie heute in das geplante Embryonenschutzgesetz und in den §218 Einzug hält, ein Mensch.
Dies ist Patriarchat in Vollendung. Zur Erinnerung: „Patriarchat heißt Herrschaft der Väter. Dies ist ein Gesellschaftssystem, in dem sich die Kinder (…) nicht von der Mutter ableiten, (…) sondern vom Vater.“ (Rübsamen, S. 293) Dies Patriarchat wird sogar auf die nicht-menschliche Welt ausgedehnt. Wenn Lebewesen Molekülmaschinen sind, sind letztlich alle vom MenschenManne herzustellen – to father, wie es unübersetzbar im Englischen heißt.
… Ihm ist die Verfügungsgewalt
Dies ist also eine ethische Norm, die im Verständnis der modernen Biologie von Lebewesen enthalten ist – das Lebendige ist von anderen technischen Produkten wie Maschinen oder Fabriken prinzipiell nicht zu unterscheiden und somit vom MenschenMann herzustellen. Gemeinsam mit der Legitimation der Gentechnik als evolutiver Prozeß (s. Markl) ist diese ethische Norm ein Universalfreibrief für die völlige Umgestaltung der lebendigen Welt nach Kriterien der patriarchalen Konkurrenz- und Industriegesellschaft. Francis Crick formuliert dies so:
„Es ist erstaunlich, wie viele Probleme der modernen Welt in einem völlig neuen Licht erscheinen, seit man die Vorstellung gewann, daß wir hier auf der Erde sind, weil wir durch einen Prozeß natürlicher Auslese aus einfachen chemischen Verbindungen hervorgegangen sind. Daher wäre es wichtig, daß die Naturwissenschaft im allgemeinen und die natürliche Auslese im besonderen die Basis zur Errichtung einer neuen Kultur abzugeben hätte.“
Die Frage nach der Zulässigkeit der Gentechnik greift zu kurz. Mit den Lebensdefinitionen der modernen Biologie ist der patriarchale Herrschaftsanspruch über das Lebendige bereits formuliert.
Unsterblich und mutterlos
Als Schlüssel zur Macht, zur technischen Herstellung von Lebewesen – deshalb wohl „das Geheimnis des Lebens“ – gilt die Erbsubstanz DNS.
Watson und Crick war Ende der 40er, Anfang der 50er Jahre bei der Suche nach der Struktur der DNS die Brisanz ihres Vorhabens bekannt – ich denke, durchaus in Analogie zum Bau der Atombombe (Watson, S. 38). In dem Dokumentarfilm „Wettlauf zum Ruhm“ werden Watson und Crick angesichts ihrer Bastelarbeit, einem zusammengeschraubten Blechmodell der DNS, folgende Worte in den Mund gelegt (selbst wenn sie nicht authentisch sein sollten, sondern lediglich dem nachempfunden, was mann in solch historischer Stunde denkt, so verdeutlichen sie immerhin eine kulturelle Entwicklung, die durch die Naturwissenschaft mitbestimmt wird):
„Crick: ‚Ich komme mit wie Pygmalion vor. Man baut etwas Wunderschönes – und es wird lebendig. Wir wollten nur den Körper, nun haben wir auch die Seele. So einfach ist es, Jim. Ist es nicht so?‘
Watson: ‚So ist es.‘
Crick: ‚Das Geheimnis des Lebens, wir haben es! Zieh die Kette auseinander, und jede Kette produziert eine andere. Aus 1 wird 2 und 2 werden 1, Generation für Generation, die ganze Zeit, von Adam und Eva bis zu dir und mir. Es stirbt nie, Jim. Es stirbt niemals! Eine einfache Form – der Schoß der Menschheit, endlos, mühelos fruchtbar, sich teilend und zusammenfügend, vom Anfang bis zum Ende der Welt. Näher werden wir der Unsterblichkeit nie mehr sein, Jim!‘
Und Watson antwortet: ‚Ich wußte es würde schön sein.'“ (Jackson)
Einerseits ist die Szene lächerlich, zwei Bastler reden angesichts eines Blechmodells vom Geheimnis des Lebens. Andererseits hat Cricks Rede den Charakter eines Hohen Liedes, eines neuen, patriarchalen Mythos. Sie fusioniert einen griechisch-patriarchalen Schöpfungsmythos mit der Schöpfungsgeschichte der jüdischen, christlichen und islamischen Religion. Dabei tritt ein Mann an die Stelle Evas, an die Stelle der Frau. Das Blechmodell von der DNS ersetzt die alten weiblichen Fruchtbarkeitsgöttinnen, den „Schoß der Menschheit“. Dem neuen Schoß, dem Modell Doppelhelix haucht mann mittels seiner Schöpferkraft Leben ein – und gewinnt Teilhabe an der Unsterblichkeit und Macht über das Leben. Das Lebendige muß zu etwas Maschinenhaftem gemacht werden, um vom Mann geschaffen werden zu können, damit es – und darüber er – scheinbar unsterblich werden kann. Zumindest bemerkenswert finde ich dabei, daß in diesem neuen Mythos doch wieder zwei Spiralen – diesmal die Doppelhelix – zum zentralen Symbol des – angeblich – Lebendigen werden. In matriarchalen Mythen gelten Spiralen als Symbol für das Leben in der Abfolge Geburt, Tod und Wiedergeburt. Die modernen Spiralen sind unsterblich – und auf eine gewisse Art linearisiert: Folgt man dem Weg dieser Spiralen, den Phosphorsäure-Zucker-Ketten, so bewegt man sich immer im gleichen Abstand um eine Gerade herum, an dieser entlang.
Die Gegenüberstellung, hier das Lebendige – dort das „Tote“ (Sachen, Dinge, Gegenstände, Maschinen), wie es in der feministischen Diskussion zur Charakterisierung der „Perversion der modernen Gesellschaft“ (vgl. Bennholdt-Thomsen) häufig gemacht wird, halte ich für falsch. Denn das „Tote“ kann nur das sein, was einmal gelebt hat und gestorben ist. Die Durchmechanisierung alles Lebendigen – die mit der Mechanisierung des lebendig gedachten Kosmos im 16. Jh. begonnen hat und jetzt in der „Chemiechanisierung“ der Pflanzen, Bakterien, Tiere und Menschen seine Vollendung zu finden scheint – ist eine Leugnung des Todes als Element des Lebendigen. Und genau das macht uns das Leben schwer.
In der Suche nach dem „Unsterblichen, das nicht geboren wird“ sah Christel Neusüß die Grundlage für die gegenwärtige Zerstörung unserer Lebensbedingungen. Die Physiker fanden es in ihrer Form von „Energie“ (vgl. Neusüß), die Biologen finden und erfinden es in der DNS und der molekularen Definition des Lebendigen.
Ein wesentlicher Aspekt dieser Suche nach dem „Unsterblichen, das nicht geboren wird“ ist die Leugnung des patriarchalen Menschen, daß er sein Leben einer Frau verdankt.
Literatur
Rübsamen, Rosemarie, „Patriarchat, der (un-)heimliche Inhalt der Naturwissenschaft und Technik“, in: Luise F. Pusch (Hg.), Feminismus, Inspektion der Herrenkultur, Frankfurt 1983.
Merchant, Carolyn, Der Tod der Natur, Ökologie, Frauen und neuzeitliche Naturwissenschaft, München 1987.
Markl, Hubert, „Evolution und Gentechnologie, Der Mensch als biologischer ‚Erfolg'“, in: Energiewirtschaftliche Tagesfragen, Heft 8, 1988a.
Schuster, Peter, „Vom Makromolekül zur primitiven Zelle – die Entstehung biologischer Funktion“, in: Hoppe / Lohmann / Markl / Ziegler, Biophysik, Heidelberg 1977.
Kuhn, Hans, „Modell der Selbstorganisation und der präbiotischen Evolution“, in: Hoppe et al., a.a.O.
Markl, Hubert, Evolution und Gentechnik, Eröffnungsvortrag des Kongresses und der Ausstellung „Biochemische Analytik“, München 18.4.1988b.
Weisz, Paul B., The Science of Biology, San Francisco 1971.
Czihak, G. / Langer, H. / Ziegler, H. (Hg.), Biologie, ein Lehrbuch für Studenten der Biologie, Heidelberg 1976.
Bernal, J.D., Sozialgeschichte der Wissenschaft, Bd. 3, Reinbek 1970.
Lexikon der Biologie, Bd. 5, Herder Verlag, Freiburg 1985.
Spielmann, Horst, Persönliche Mitteilung, 1988b.
Satzinger, Helga, „Wider die Ermordung des Nachtigalls, zur Ethikdebatte um Embryonenforschung“, in: Wechselwirkung, Berlin, Mai 1988a.
dies., „Zur Gestalt und Bedeutung des Tötungsvorwurfs im Zusammenhang mit Gen- und Fortpflanzungstechniken“, Vortrag zur Anhörung ‚Abtreibung neudiskutieren‘, Die Grünen im Bundestag, Bonn, Dezember 1988b, im Druck.
Watson, James D., Die Doppelhelix, Ein persönlicher Bericht über die Entdeckung der DNS-Struktur, Reinbek 1969.
Jackson, Mick, Wettlauf zum Ruhm, Dokumentarfilm 1988.
Bennholdt-Thomsen, Veronika, „Die Ökologiefrage ist eine Frauenfrage“, in: Frauen und Ökologie, die Grünen im Bundestag, AK Frauenpolitik (Hg.), Köln 1987.
Neusüß, Christel, „Was ist das eigentlich, Energie? und: Ist sie sterblich oder unsterblich?“ in: Die „Subsistenz-Perspektive“ – Ein Weg ins Freie?, Materialien 1/1988, Evangelische Akademie Bad Boll, 1988.