Erika Feyerabend, Beate Zimmermann: Phänomen – Phantom – AIDS (1989)

Die Neuentdeckung des vergangenen Jahrzehnts, die „Erworbene Immunschwäche“ AIDS, hat unser Leben, hat Liebe und Denken verändert. Die offizielle Lesart lautet:

AIDS ist eine Erkrankung, die sich ein Mensch durch Infektion mit einem Virus zuzieht. Dieses Virus überträgt sich durch Blut und Samenkontakt mit Blut und deshalb v.a. beim Geschlechtsverkehr, v.a. beim homosexuellen.

Die Krankheit ist todsicher, wer infiziert ist, stirbt in 2-30 Jahren. Die Sterbegeschwindigkeit variiert. Das Virus ist hinterlistig, es befällt das Immunsystem, das eigentlich in der Lage sein sollte, die Infektion zu bekämpfen. Hilfe ist nur von außen zu erwarten. Die wissenschaftlichen Anstrengungen richten sich auf Impfstoff- und Medikamentenentwicklung. Die politischen Anstrengungen effektivieren Erfassung, Etikettierung und Ausgrenzung von Kranken.

Wir wollen in unserem Beitrag aufzeigen, was uns an dieser Version zweifeln läßt. Der Einstieg in das Thema – ohne AIDS-Wissenschaftlerinnen zu sein – hat uns den Blick für Fragen eröffnet, die vernachlässigt bzw. aus der Debatte ausgeklammert werden. Ohne nun selbst eine runde Theorie zu AIDS präsentieren zu können, wagen wir die These, daß AIDS keine Krankheit, sondern ein Programm ist, das wir politisch diskutieren müssen, wenn wir diese Medizin als Instrument politischer Macht begreifen wollen.

Wie alles anfing …

Noch bevor das Foto des Virus um die Welt ging, haben Mediziner über das vermehrte Auftreten von Immunschwäche und deren Ursachen diskutiert.

1983 fand in Neapel das erste Arbeitstreffen einer europäischen Studiengruppe zu AIDS statt (vgl. First Workshop). Die Gruppe setzte sich aus Medizinern zusammen, die in der Tumor- und Leukämiebehandlung oder nach Organtransplantationen den Patienten mit ihren Medikamenten künstlich eine Immunschwäche beibringen. Wie kommt es, fragten sie sich, daß Menschen immungeschwächt sind, die gar nicht von uns behandelt wurden? Das Krankheitsbild der vielen schwer zu behandelnden Begleitinfektionen („opportunistische Infektionen“) war ihnen bekannt.

In Neapel wurde über bekannte und vermutete Reaktionen des Immunsystems diskutiert, über mannigfache Viren, über Gifte und Medikamente, die an der Entwicklung einer Immunschwäche beteiligt sein könnten. Auch diese Debatte war von verdächtigen Viren und immunologischen Fragen bestimmt. Wie anders soll es sein in einer Medizin, die ihre Erklärungsmuster in molekularen Strukturen und biochemischen Prozessen sucht? Bei Krebs und anderen chronischen, unverstandenen Krankheitsbildern wird ebenfalls nach Viren gesucht. Die Entdeckung des AIDS-Virus HIV scheint uns die einzig mögliche Variante dieser Medizin zu sein.

Die Debatte wurde mit dem Paßbild des menschlichen Retrovirus HIV vorerst abgeschnitten. Alle Welt akzeptierte die Ursache „Virus“ als nunmehr nachgewiesene Wahrheit.

Stellen wir uns vor, mit der gleichen Vehemenz und Presse würde das „Krebsvirus“ in die Welt gesetzt. Die Möglichkeit läßt sich genauso behaupten wie bei AIDS, lassen sich doch in vielen Tumoren Viren finden und benutzt die Forschung doch Viren, um Tumore im Tier zu erzeugen. Die Virussuche klappt weder bei Krebs noch bei Immunschwäche zu 100%. Dieser Widerspruch wird entweder mit den noch zu groben Suchmethoden erklärt, oder der Krankheit wird ein anderer Name gegeben. So geschehen bei der Immunschwäche. Mit HIV-Antikörpern heißt sie AIDS mit tödlichem Ausgang. Ohne Antikörper kann sie die vielen Namen behalten, die sie in der Vergangenheit besessen hat: Autoimmunerkrankung, Iatrogenesowieso-Syndrome (zu deutsch, kein Arzt weiß was Genaues), usw. Bei AIDS starren wir auf Nachweismethoden und Prognosen, bei Krebserkrankungen haben wir gelernt, den medizinischen Erklärungen mit Mißtrauen zu begegnen. Wir fragen im Gegenteil vielmehr nach Strahlenbelastungen, nach chemiebeladenen Lebens- und Arbeitsbedingungen. Wir sind skeptisch gegenüber der angebotenen Therapie und ziehen zumindest in Betracht, eigene Wege der Behandlung zu gehen.

Mit der Zuordnung der Immunschwächeerkrankung zum HI-Virus ist die Verantwortung für die Krankheit und deren Verbreitung beim Individuum angesiedelt. Das soll wohl auch so sein.

Im Zeitalter des Gens …

Die „Ein-Virus-Theorie“ von AIDS hat noch weitere Geburtshelfer – neuere bio-medizinische Techniken wie Elektronenmikroskopie, Sequenzanalysen und das Klonieren von Teilsequenzen. Mittels dieser Techniken erhält die Theorie erst den Schein von Wahrheit. Wenn wir bedenken, daß die Geburtsstunde des Virus mit seiner Darstellbarkeit zusammenfällt, dann ist zu erwarten, daß weitere Erkrankungen als Viruserkrankungen „erkannt“ und umdefiniert werden. Zudem müssen wir erwarten, daß zuvor definierte Risikogruppen besonders betroffen sind, da sie die Untersuchungskollektive für solche Forschung sind (Haftinsassen, Drogenabhängige, usw.). Zu diesem Gedanken ein Zitat aus dem Deutschen Ärzteblatt vom 19.5.88:

Mit dem Human Herpesvirus Typ 6 (HHV6) wurde vor gut zwei Jahren ein neues Mitglied der Herpesvirusfamilie identifiziert, das offenbar bevorzugt chronisch persistierende [dauerhafte, d. Verf.] Infektionen hervorruft mit ausgesprochener Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Depressionen und zum Teil Lymphadenopathie [Lymphknotenschwellungen, d. Verf.]. Die Verdachtsdiagnose einer HHV6-Infektion kann nur per exclusionem gestellt werden [d.h. nach Ausschluß aller anderen in Betracht kommenden Möglichkeiten, d. Verf.]. Immunologische Nachweismethoden befinden sich z.Z. noch im experimentellen Stadium. Eine gezielte Therapie ist bisher noch nicht bekannt.“

Wer kennt es nicht, dieses „Krankheit“(?)sbild? Wer kennt nicht tausend Bedingungen im Leben, die diese Zustände hervorrufen bzw. begünstigen? Unzulässig – allein gültig ist die Suche und das Auffinden viraler Strukturen in menschlichen Zellen. Krankheit wird nicht von Menschen erlebt und verarbeitet, sie wird im Labor definiert.

Jedes Virus hat seine Heimat

Zur „Ein-Virus-Theorie“ gehört auch die Suche nach seiner Herkunft. Das Herpes-Virus ist allseits bekannt, nach seinem Herkunftsland wird nicht gefrafgt. Das „AIDS-Land“ muß erst gefunden werden – als eine Art Schuldzuschreibung für diese Bedrohung der Menschheit.

Es folgt ein kurzer Abriß der Afrika-Ursprungsthese, die, obwohl sie längst für abwegig erklärt wurde, sich in allen Köpfen eingenistet hat:

„Bedingt durch veränderte Sozialstrukturen in Äquatorialafrika – größere Mobilität, Verstädterung und Slumbildung, Erotik-Tourismus – konnte sich der Erreger Anfang der 70er Jahre weiter ausbreiten … vermutlich Mitte der 70er Jahre gelangte das Virus von Afrika aus zunächst nach Haiti … wahrscheinlich Ende der 70er Jahre brachten homosexuelle Touristen das Virus nach Manhatten und San Francisco. In diesen Hochburgen der amerikanischen Homosexualität wurde es sehr schnell unter wechselnden Sexualpartnern verbreitet. Homosexuelle aus Europa infizierten sich dann bei Trips in die Vereinigten Staaten …“ (Bild der Wissenschaft, S. 88ff.)

Diese reisetätigen Viren, bzw. deren Träger werden seitdem immer wieder bemüht, wenn es darum geht, die AIDS-Bedrohung aufrechtzuerhalten. Die Medien, allen voran der Spiegel, berichten über die Schicksale der Einzeltäter „Virusträger“, die auf ihrem Weg in den Tod noch den halben Erdball verseuchen.

Herr Gallo hat solche Afrikabeschuldigungen Jahre zuvor schon einmal entwickelt. Bei seiner Identifizierung des HTLV I hat er ebenfalls Affen und damit deren Herkunftskontinent Afrika verdächtigt, die Brutstätte von Krankheit zu sein.

„HTLV I stammt ursprünglich aus Afrika, wo es viele dort lebende Primatenarten einschließlich der Spezies Mensch infizierte; nach Amerika gelangte es dann mit dem Sklavenhandel. So seltsam das klingt, aber auch nach Japan könnte es auf diese Weise eingeschleppt worden sein. Im 16. Jh. reisten portugiesische Kaufleute nach Japan und hielten sich vor allem auf den Inseln auf, wo das Virus heute endemisch ist. Sie brachten, wie zeitgenössische Kunstwerke zeigen, sowohl Sklaven als auch Affen aus Afrika mit, die beide das Virus hätten übertragen können.“ (Spektrum der Wissenschaft, S. 54ff.)

Wie Gallo selbst erklärt, soll das HTLV I Virus in Japan endemisch sein, soll also bei nahezu 100% der Bevölkerung nachweisbar sein. Weniger als 1% der Menschen sollen aber dadurch eine besondere Form der Leukämie bekommen. Wo ist da der Zusammenhang von Krankheit und Virus? Ist die bloße Existenz von Viren schon Beweis ihrer Funktion?

Die zweite Frage an Herrn Gallo: In den amerikanischen und deutschen Versuchstierställen werden Affen infiziert, untersucht, vermehrt, getötet. Ist es nicht plump, Untersuchungsergebnisse dieser Tiere auf ihre wild lebenden Artgenossen zu übertragen und nicht der Frage nachzugehen, ob die gefundenen Ergebnisse nicht zwangsläufig durch die Forschung erst in die Tiere hineingebracht wurden?

Hauptsache testen

Gleichermaßen fragwürdig ist für uns die Aussage des HIV-Tests. Der Nachweis des Virus war problematisch, weil er außerhalb von Blutflüssigkeiten, d.h. im Labor, sehr schnell zerstört war. Von Licht, Luft bis Speichel wird alles mögliche für fähig erachtet, das Virus zu vernichten. Zur Gewinnung ausreichender Virusmengen wurde HIV mit den Leukämiezellen eines verstorbenen Kranken liiert. In einer einzigen Zellinie funktionierte die Vermehrung. Warum die anderen Leukämiezellen das Virus nicht integrierten, blieb unklar. Nun konnte mit dieser durch Leukämiezellen vermehrten Virusmenge ein Antikörpertest entwickelt werden, um dessen Patentierung sich dann die Amerikaner und Franzosen stritten.

Was bleibt also? Im Elektronenmikroskop wird eine Struktur entdeckt, die für ein Retrovirus gehalten wird. Da dieses schwer zu vermehren ist, wird es in eine Leukämiezelle eingebracht. Man glaubt nun, daß bei der anschließenden Vermehrung dieser Leukämiezellen das vermeintliche Virus ebenfalls vervielfältigt und weitergegeben wird. Daraus wird ein Antikörpertest gemacht, der beim Menschen HI-Viren nachweisen soll.

Dieser Nachweis scheint uns waghalsig. Dieses Testverfahren hat weitreichende Konsequenzen für die HIV-Positiven sowie für diejenigen, die diesen Test herstellen. Die zu erwartenden Gewinne haben den Konflikt um das Patentrecht auf eine andere Ebene gehoben. Das Deutsche Ärzteblatt vom 16.4.84 berichtete:

„Der Wettstreit ist anscheinend beendet: Am 31. März haben der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, Ronald Reagan, und der Premierminister Frankreichs, Jacques Chirac, in Washington einen Vertrag unterzeichnet, der zwar nicht alle Fragen um die Erstentdeckung des AIDS-Virus und die Patentierung der Antikörper-Tests zwischen Franzosen und Amerikanern klärt, wohl aber die damit zusammenhängenden wirtschaftlichen Probleme auf gütlichem Wege regelt …“

Uns ist nicht bekannt, daß irgendein Krankheitsbild in der Vergangenheit einmal Anlaß für Verhandlungen auf dieser politischen Ebene gegeben hätte. Geregelt wurden die erwarteten Milliardenbeträge der Tests, was jedoch nur einen Bruchteil der Summen darstellt, die in Sachen AIDS aus Industrie und Staatsgeldern umgesetzt werden.

Gegen den Strom denken

Die wissenschaftliche Diskussion um die Ursachen von AIDS ist nicht so eindeutig und eindimensional, wie es Herr Gallo und die Medien uns glauben machen wollen.

Wir möchten einige Erklärungsansätze benennen, ohne sie bewerten zu wollen, um zu zeigen, wie vielfältig diese verschwiegene Debatte ist. Auch angesichts eines so perfekt erscheinenden Dogmas müssen krankheitsverursachende Bedingungen – Gifte, medizinische Eingriffe, militärische Projekte – weiterdiskutiert werden. Wichtig erscheint uns, daß die Suche nach Ursachen nicht im Labor geschehen muß, sondern in der Welt, in der wir leben.

a) Der Retrovirologe Duesberg vertritt im wesentlichen die Ansicht, daß HIV nicht über die Eigenschaften eines Krankheitserregers verfügt. Das Virus ist seiner Meinung nach nur verdächtig, weil es über den Antikörpernachweis bei Kranken erkannt wurde oder über einen direkten Virusnachweis bei einem Teil der Kranken. Damit ist aber über die ursächliche Wirkung dieser Mikrobe noch gar nichts gesagt. Er begründet seinen Zweifel u.a. wie folgt:

  • Der Nachweis von Antikörpern bei Infizierten ist Zeichen für eine funktionierende Immunabwehr und nicht für den drohenden Tod.
  • Das Virus ist auch beim Ausbruch der Krankheit biochemisch nicht aktiv.
  • Der Befall von Immunzellen ist so gering, daß der Kollaps des Immunsystems dadurch nicht erklärbar ist (vgl. Duesberg 1987, S. 1199ff; vgl. Duesberg 1988, Vol. 241).

b) Die italienischen Virologen Sergio Giunta und Guiseppe Groppa gehen von einer virusbedingten Erkrankung aus, führen ihre Ausbreitung jedoch auf verseuchte Polio-Impfstoffe zurück (vgl. Kollek, S. 35).

c) Die Wissenschaftler Beldekas und Tea vertreten die Auffassun, daß AIDS durch das afrikanische Schweine-Fieber-Virus (ASF) verursacht ist. Über zufällige oder absichtliche Kontamination von Impfstoffen gegen Schweine-Cholera könne sich das Virus in verschiedenen Ländern ausgebreitet haben. Die Vertreter der Theorie einer absichtlichen Verbreitung sehen dahinter den Versuch der Zerstörung landwirtschaftlicher Strukturen in einem „3. Welt“-Land, um wirtschaftliche Abhängigkeit von US-Importen zu erzwingen (vgl. Lederer, S. 52).

d) Mark E. Whiteside und Caroline MacLead verdächtigen zwei verschiedene Arbo-Viren, deren Verbreitung über Bio-Waffen-Operationen in Kuba und Angola erfolgt sein soll (vgl. Lederer, S. 49ff.).

e) Das Starren auf das Virus ignoriert Lebensbedingungen, die einzeln oder kombiniert in der Lage sind, das Immunsystem zu zerstören. So sieht Susan Cavin eine Beteiligung von Dioxin an der Entstehung Immunschwäche-bedingter Erkrankungen (vgl. Lederer, S. 47ff.). Auch jahrelange Behandlung mit Antibiotika, Verbrauch verunreinigter Drogen, die ständige Konfrontation mit Pestiziden und die chronische Unterernährung in den Ländern der „3. Welt“ werden mit dem Krankheitssymptomen, die heute unter AIDS subsumiert werden, in Beziehung gesetzt (vgl. Rappoport).

Alte Konzepte in neuem Gewand

Unser Mißtrauen und Zweifel gegenüber dem medizinischen Erklärungsmodell resultiert auch aus der Beobachtung, daß sich heute historische Muster im Umgang mit Krankheit und Kranken wiederholen, die wir bereits aus der Auseinandersetzung mit Medizin im Nationalsozialismus kennen.

Dabei geht es uns nicht um einen Systemvergleich des nationalsozialistischen Regimes und der BRD. Es geht uns auch nicht darum, die historischen Konsequenzen – die Vernichtung von Kranken in Euthanasieprogrammen – als wiederholbar zu erklären.

Die Parallele, die wir aufzeigen möchten, betrifft den gesellschaftspolitischen Stellenwert medizinischer Definitionen.

Das 1938 verabschiedete Gesetz zum Umgang mit Infektionskrankheiten traf in seiner praktischen Anwendung hauptsächlich die Tuberkulosekranken (ca. 80.000 Menschen starben damals pro Jahr an Tuberkulose).

Mit dem Gesetz wurde die Meldepflicht für alle, die mit der Versorgung von Erkrankten zu tun hatten, verordnet. Kranke und Krankheitsverdächtige, z.B. Familienangehörige und Freunde, konnten zur Auskunft verpflichtet und einer Zwangsdiagnose unterzogen werden. Die Aussonderung kranker und verdächtiger Personen durch die Polizei wurde ebenfalls abgesichert.

Eingang ins Gesetz fand auch die soziale Bewertung des Kranken. Als „asozial“ wurde bezeichnet, wer „seine Umgebung durch seine ansteckende Krankheit erheblich gefährdet …“ (Aly. S. 14). Bei der Asylierung der Kranken in Anstalten wurde „der Charakter, soziale Wert und das seuchenhygienische Verhalten“ (Aly, S. 14) in Fragebögen erfaßt. Die praktischen Konsequenzen dieser Kategorisierung reichten von Verweigerung einer Therapie bis zur Vernichtung.

1941 formulierte die Arbeitsgemeinschaft Arbeitstherapie und Asylierung des Reichs-Tuberkulose-Ausschusses die Zielsetzung des Maßnamekatalogs in folgender Reihenfolge: „Verhütungszweck, Abschreckungszweck, Erziehungszweck, therapeutischer Zweck“ (Aly, S. 14).

Direkte Zwangsmaßnahmen sollten nach Auffassung der Arbeitsgemeinschaft „als Waffe im Tuberkuloseabwehrkampf nur als Ausnahme“ (Aly, S. 14) angewandt werden. Angestrebt war die Bereitschaft zur „freiwilligen“ Absonderung.

Die Vorstellungen der leitenden Ärzte des Zentrums für Innere Medizin, Uniklinikum Essen zum Umgang mit AIDS-Kranken und -Verdächtigen (FAZ, S. 9) gleichen dem o.g. gesundheitspolitischen Konzept.

Sie fordern in ihrem Memorandum die Meldepflicht für AIDS-Infizierte, um möglichst viele Infektionsquellen zu erfassen. Die Untersuchung der Bevölkerung auch außerhalb der sog. Hochrisikogruppen – u.U. ohne Einwilligung – erweitert ihr Konzept zum „Schutz der Gesunden“. Objekte med. Erfassung sollen zunächst Krankenhauspatienten, Schüler, Frauen in der Schwangerschaftsvorsorge, Paare vor der Eheschließung sein. Die Forderung nach Maßnahmen an den Grenzen vervollständigt das Bild: „Absolut Uneinsichtige, vor allem solche, die die Erkrankung professionell verbreiten“ sollen zwangsisoliert werden (vgl. FAZ, S. 9).

Ihr Memorandum gipfelt in folgender Abschlußbemerkung: „AIDS geht uns alle an … Niemand soll später behaupten können, wir älteren Ärzte hätten geschwiegen, obwohl wir es besser wissen mußten.“ (FAZ, S. 9)

Wir siedeln die Parallele zum NS, die hier – verdreht – angedeutet ist, auf einer anderen Ebene an. Die Erfassung, Bewertung, Beobachtung und Isolierung von Menschen – per medizinischem Urteil und Gesetz – gehört auch heute zum Repertoire der „Gesundheits- und Gesellschaftsplaner“.

Das Konzept der offenen Zusammenarbeit von Ärzten und Ordnungskräften einerseits und die „Erziehung“ zur freiwilligen Unterwerfung und zur Denunziation andererseits hat sich im Umgang mit AIDS vielerorts etabliert. Prof. Dr. Hippel erläutert das „schwedische Modell“, das wir seiner Meinung nach auch in der BRD bräuchten, wie folgt:

„Missachtet ein AIDS-Infizierter jedoch ärztliche Vorschriften (Sexualverhalten und best. individuell ausgeformte Anordnungen), so wird seine Akte einem Seuchenarzt übergeben. Dieser kann den Betroffenen anmahnen, die Polizei einschalten und notfalls mit Hilfe eines Gerichtsurteils die Zwangseinweisung in eine geschlossene Anstalt oder Klinik durchsetzen. Erfahrungen damit werden als positiv beschrieben. […] AIDS-Infizierte zeugen sich […] kooperationswillig […] dazu bereit, die Namen der Kontaktpersonen zu nennen. Homosexuelle erweisen sich – nach Anvertrauen an Ärzte – als die ‚besten Fahndungshunde‘ nach Infektionsquellen.“ (Hippel, S. 123)

Das gesundheitspolitische Konzept und die Sprache, in der es beschrieben wird, erinnern an die Fahndungskonzepte und Methoden des Bundeskriminalamtes (Fahndung, Spürhunde, Verdächtige, etc.).

Auch die Vorstellungen vom Körper, vom Krankheitsgeschehen, tragen deutliche Züge bestehender gesellschaftlicher Verhältnisse. „Ein Milliardenheer von Abwehrzellen“ organisiert den „alltäglichen Sieg“. „Mikroskopische Straßenschlachten im Gemeinwesen Mensch“ werden mit „Fahndungen nach Viren und molekularen Steckbriefen“ niedergeschlagen. „Elitekämpfer, Allzweckwaffen und zentrale Einsatzleiter koordinieren und bestimmen den zellulären Bürgerkrieg“ (vgl. Geo Wissen).

AIDS ist nicht nur eine Krankheit, die sich dazu eignet, ganze gesellschaftliche Gruppen auszugrenzen. Sie ist auch die einzig mögliche Erklärung des Phänomens Immunschwäche von seiten der herrschenden Medizin. Sie ist daneben auch geeignet, die Entwicklung eben dieser Medizin voranzutreiben, die die Wahrheit im Genom zu finden hofft.

Literatur

Aly, Götz, „Krankheitsverdächtige und Bazillenausschneider“, in Arbeiterkampf Nr. 290, 11.1.88.

Bild der Wissenschaft, „Zwischen Hysterie und Abwiegelei – die ratlose Republik“, Dez. 1985.

Deutsches Ärzteblatt, 19.5.88.

Deutsches Ärzteblatt, 16.4.87.

Duesberg, Peter, in: Cancer Research 47, 1. März.

Duesberg, Peter, in: Science 22, Juli 1988.

FAZ, Nr. 58, 10.3.1987.

First Workshop of European Studygroups: Epidemic of AIDS and Caposi Sarcoma, Neapel, Juni 1983.

Geo Wissen, „Abwehr Aids Allergie“, Nr. 9, 1988.

Hippel, Eike von, „Aids als rechtpolitische Herausforderung“, in ZRP, 1987, Hf. 4.

Kollek, Regine „Das Undenkbare Design“, in Wechselwirkung Nr. 36, Febr. 88.

Lederer, Robert, „Origin and Spread of AIDS“ (Conclusion), in: Covert Action, Nr. 29, Winter 1988.

Rappoport, Jon, Aids Inc., California, 1988.

Spektrum der Wissenschaft, „HTLV I – Das erste menschliche Retrovirus von Robert Gallo“, Febr. 1987.