Maria Mies: Wozu brauchen wir das alles? (1984)

Auf dem Schlußplenum des 2. Internationalen Interdisziplinären Frauenkongresses in Groningen (17. – 21.4.1984) beschrieb eine gutgekleidete ältere, holländische Dame vom Podium aus die technologische Zukunft für uns Frauen in den glühendsten Farben. Sie hoffe, daß wir den nächsten Kongreß mit noch viel mehr technischen Medien gestalten könnten und daß wir Frauen bis dahin auch unseren Widerstand und unsere Unkenntnis gegenüber dieser „High Tech“ überwunden haben würden, mehr Mathematik gelernt und „Genetic Engineering“ studiert hätten, damit wir nicht auch noch diese dritte technologische Revolution verpaßten und den Männern überließen. Ihren Optimismus machte sie zuletzt fest an der Tatsache, daß bereits heute über den Fidschi Inseln im Pazifik ein Satellit hängt und daß bald die Frauen auf Fidschi per Satellit miteinander kommunizieren könnten.

Ich wollte fragen, ob die Veranstalterinnen von Philips, International BV, IBM Netherland, Unilever The Netherland dafür bezahlt worden waren, daß sie den Kongreß zu einer Reklameveranstaltung für ihre „dritte technologische Revolution“ und ihre Produkte machten. [1]

Doch stellte die chair person das Mikrofon nach diesen Statements bald ab, Kritik und Wut aus dem Publikum konnten sich nur noch in nicht durch Medien vermittelten informellen Gesprächen im Foyer entladen – kam also so nicht rüber ins Fernsehen oder die Presse, d.h. in die Öffentlichkeit. Dabei ging mir erneut auf, wie sehr doch diese vielgepriesene Technologie zur Herrschaft über und zur politischen Kontrolle von Menschen eingesetzt wird. Schon zu Beginn des Kongresses hatte eine Algerierin die Teilnehmerinnen aufgefordert, ein Protest-Telegramm an die algerische Regierung zu schicken, weil diese – erstmalig in der Geschichte der neuen Frauenbewegung – Frauen verhaftet hatte, weil sie Feministinnen waren. Die Kongreßleitung erlaubte ihr nicht, für diese Aktion zu werben, weil das „politisch“ sei. Als die Algerierin dennoch weitersprach, ließ die Kongreßleitung durch die Techniker die Mikrofone abstellen. Viele Frauen waren empört über dieses Verhalten. Aber keiner Frau kam es in den Sinn, daß wir auch ohne Mikrofon sprechen könnten. Mit einem Mikrofon kann man/frau uns heute erlauben zu sprechen oder kann uns den Mund verbieten. Wieso eigentlich?

Auf diesem Kongreß wurde es sonnenklar: Es macht überhaupt keinen Unterschied, ob Männer oder Frauen diese Technik anwenden und beherrschen. Es hilft auch nicht, das Verhalten der Kongreßleitung als „eigentlich männlich“ zu denunzieren. Sondern hier zeigte sich, daß diese Technik per se politisch ist, weil sie uns die Kontrolle über das Geschehen entzieht, bzw. sie in immer weniger Händen zentralisiert.

Angesichts dieser gespenstischen Situation mußte ich immer wieder an das Märchen von des Kaisers neuen Kleidern denken. Wo blieb das Kind, das fragte: Wozu braucht ihr das denn alles? Seht ihr denn nicht, daß ihr nackt seid? Wieso meint ihr denn, daß ihr besser miteinander reden könnt, wenn ein Mikrofon, eine Videokamera, ein Computer, ein Satellit zwischen euch steht? Wieso glaubt ihr, daß ihr die Herrschaft der Männer über die Frauen mit der Gen-Technik der Männer abschaffen könnt? Warum beklagt ihr euch einerseits, daß die Rationalisierung, die „High Tech“ eure Arbeitsplätze zerstört – andererseits meint ihr aber, diese Rationalisierung müsse sein – „weil wir sonst nicht konkurrenzfähig auf dem Weltmarkt seien“. Wieso denkt ihr, daß z.B. wenn Siemens auf dem Weltmarkt Mitsubishi schlägt, daß das für euch gut sei? Warum sagt ihr nicht einfach nein zu dieser Rationalisierung? Warum sagt ihr nicht wenigstens da, wo ihr ein bisschen Macht habt – also etwa hier auf so einem Kongreß, oder in der Schule, oder zu Hause –, daß diese neue technologische Entwicklung euch nur Angst macht, daß ihr sie nicht braucht, daß sie unmenschlich und frauenfeindlich ist und daß ihr sie nicht kaufen werdet? Und schließlich sind doch viele von euch in den Gewerkschaften oder ihr habt Männer, die in diesen Gewerkschaften sind. Die sind doch nicht so ohnmächtig wie wir Frauen. Warum sagt ihr nicht den Gewerkschaftsbossen und euren eigenen Männern, daß wir genug haben von dieser technologischen Entwicklung, daß sie endlich einmal Schluß machen sollen mit dieser ausbeuterischen, menschen-, frauen- und naturfeindlichen Entwicklung?

Warum wagt ihr nicht, die Wahrheit zu sagen: Nicht wir brauchen diese Technik. Das Kapital braucht sie, die Männer brauchen sie und beide brauchen uns und andere als Käufer dieser Technik, weil es nämlich sonst am Ende ist mit dem sogenannten Wachstum. Seid ihr, sind wir denn tatsächlich Gefangene des patriarchalischen Kapitals?

Wer heute diese Kinderfragen stellt, wer versucht, den Vorhang vor dem gigantischen Betrug und Selbstbetrug wegzureißen, stößt auf Ablehnung selbst der Betroffenen:

Es gibt eine ganze Batterie von Argumenten, die von Männern und Frauen, insbesondere von traditionell sich als links und fortschrittlich verstehenden, gegen diese eine Kinderfrage: „Wozu brauchen wir das alles?“ ins Feld geführt wird.

Hier einige dieser Argumente:

  1. Technischer Fortschritt ist nicht an sich schlecht, es kommt nur darauf an, unter welchem System er stattfindet, wie die Technik eingesetzt wird. Unter dem Kapitalismus führt Mikroelektronik, Gen-Technik usw. zu Entfremdung, Unmenschlichkeit, Arbeitsplatzverlust usw., unter dem Sozialismus wird das anders sein. Nur die Atom-Industrie ist schlecht.
  2. Die Rationalisierung, d.h. Reduzierung und schließlich Abschaffung schwerer, langweiliger, monotoner Routinearbeit können wir doch nicht ablehnen. Nur jemand, der noch nie solch monotone Arbeit gemacht hat, kann dagegen sein, daß diese Arbeit von Maschinen übernommen wird.
  3. Technologischer Fortschritt bedeutet Verkürzung der (notwendigen) Arbeitszeit, d.h. er gibt uns die Möglichkeit, durch mehr Freizeit unsere Kreativität, unsere Menschlichkeit zu entfalten. Deshalb müssen Rationalisierungen und Fortschritt mit der Forderung nach Verkürzung der Arbeitszeit einhergehen.
  4. Wir können diese neue Technik nicht ablehnen, ehe wir sie nicht kennen. Wir können nicht einfach gegen Mikroelektronik, Gen-Technik, Retortenbabies sein, ohne zu wissen und zu erforschen, wie sie funktionieren und wie ihre Anwendung sich für uns Frauen auswirken wird. Wir brauchen daher mehr Ausbildung, Kurse, die uns mit dieser Technik vertraut machen.
  5. Unser Ziel muß es sein, möglichst viele Frauen, an diese neue Technik und die damit zusammenhängenden privilegierten Arbeitsplätze heranzuführen. Wir müssen die Abwehr der Frauen gegenüber Naturwissenschaft, Technik, Mathematik usw. abbauen, sonst geht auch diese dritte technologische Revolution an den Frauen vorbei (s.o.).
  6. Außerdem ist der Zug schon längst abgefahren. Die neuen Medien, die Computer, die Gen-Technik kommen, sind da und werden bleiben. Es kann heute also nicht mehr um die Grundsatzfrage gehen, ob wir sie wollen oder nicht. Es kann nur noch darum gehen, gröbsten Mißbrauch zu verhindern, Frauen möglichst Zugang zu dieser „High Tech“ zu verschaffen, möglichst große Mitbestimmung durch die Gewerkschaften und demokratische Kontrolle bei ihrem Einsatz zu erreichen. [2]
  7. Es ist doch auch ein alternativer Gebrauch dieser Technik möglich. Die Mikroelektronik ist umweltfreundlich, verbraucht wenig Energie. Sie verschafft uns schnellen Zugang zu mehr Information. Dies kann doch auch für den politischen Widerstand genutzt werden. Die Gen-Technik kann auch von Feministinnen zum „Weg-Klonen“ der Männer benutzt werden. Sie ist umweltfreundlich, ersetzt all die Chemie. Die In-Vitro-Fertilisation (Retortenbabies) ermöglicht unfruchtbaren Frauen oder Männern, ein Kind zu haben.
  8. Ohne „High Tech“ ist die Armut in der „dritten Welt“ nicht zu beseitigen. Die Gen-Technik kann z.B. zur Erzeugung ertragreicher Sorten von Pflanzen und zur Bekämpfung von Hunger und Krankheiten benutzt werden. [3]

Obwohl ich heute nicht mehr daran glaube, daß Frauen und Männer, die diese Argumente vorbringen, lediglich durch andere, „bessere“ Argumente zu einer anderen Sicht der Dinge kommen werden (es handelt sich hierbei ja nicht um einen akademischen Diskurs, sondern um Interessen, Macht und Politik), will ich zunächst einmal auf der gleichen Ebene auf diese Argumente eingehen.

Zu 1): Der technische Fortschritt ist nicht neutral. Er folgt der gleichen Logik in kapitalistisch-patriarchalischen und sozialistisch-patriarchalischen Gesellschaften. Diese Logik ist die Logik der Naturwissenschaften, genauer der Physik, und ihr Modell ist die Maschine. Sie basiert immer – nicht nur in ihren Anfängen – auf Ausbeutung und Unterdrückung von Natur, Frauen und anderen Völkern. Der technische Fortschritt in Europa wäre nicht möglich gewesen ohne Kolonialismus, Zerstörung der Umwelt, die Hexenverfolgung und die Hausfrauisierung von Frauen. Er ist auch heute nicht möglich, ohne die Aufrechterhaltung dieser Ausbeutungsverhältnisse. Die Mikroelektronik gäbe es heute nicht ohne massenhafte Ausbeutung südostasiatischer Frauen (Grossmann 1979). Die Methode dieses Fortschritts ist die gewaltsame Zerstörung gewachsener Zusammenhänge zwischen lebendigen Organismen, die gewaltsame Zerlegung, Zerstückelung (Analyse) dieser Organismen bis auf ihre kleinsten „Bausteine“ (Atomphysik, Gen-Physik, Reproduktions-Physik), um sie dann wieder, nach dem Plan des männlichen Ingenieurs/Architekten neu zusammenzusetzen zu Maschinen. Diese Maschinen treten als Waren auf den Markt und verdrängen dort andere lebendige Organismen, nämlich Menschen. Die Wissenschaftler, die Ingenieure entwerfen die Maschinen, die Lohnarbeiter arbeiten an ihnen, bringen sie zum „Leben“, und heraus kommen immer mehr tote Dinge, „Produkte“, Waren. Ziel des Unternehmens, in das beide verstrickt sind, ist, mit solchen Maschinenprodukten unabhängig zu werden von den Zufällen, den „Launen“ der Natur – und von den Frauen, aus denen ja immer noch das Leben kommt.

Stets wachsender Reichtum an solch maschinell, d.h. künstlich hergestellten Gütern gilt als Ziel und „gutes Leben“.

Da aber die Waren stets tote Produkte sind, (weil sie auf Ausbeutung beruhen und in sich das getötete, zerstörte, geraubte, entwürdigte Leben anderer Menschen und die Zerstörung der Natur enthalten) kommt trotz gigantischem Warenausstoß aus der Industriegesellschaft kein „gutes Leben“ heraus. Die Waren machen nicht satt, sondern süchtig. Darum, weil das „gute Leben“ sich trotz allem Warenreichtum nie einstellt, rufen die Leute verzweifelt nach immer mehr Waren.

Hinter dieser Sucht, sie anheizend und ausbeutend, steht freilich im Kapitalismus die Sucht des Kapitals nach immerwährendem Wachstum und Mehrwert oder nach Akkumulation. Im Realsozialismus hat man zwar die Produktionsmittel verstaatlicht, aber der technische Fortschritt folgt der gleichen menschen-frauen-naturausbeutenden Logik, der gleichen Methode des Zerlegens und Wiederzusammenbauens, und, was tragischer ist, dem gleichen gesellschaftlichen Ziel, nämlich der Gleichsetzung von Waren-Reichtum mit „gutem Leben“. Daß es beim Sozialismus ursprünglich einmal um andere Verhältnisse zwischen Menschen, Männern und Frauen, Menschen und Natur ging, daß es um das „gute Leben aller“ ging, ist längst vergessen.

Diese Technik ist also nicht neutral, sie ist Teil des Industriesystems und ist nicht möglich ohne Ausbeutung. D.h. nicht, daß es keine menschen-, frauen- und naturfreundliche Technik geben könnte. Um sie zu schaffen, müßten wir aber nicht bei der Technik anfangen, sondern bei uns selbst, bei unserem Verhältnis zur Natur, zu anderen Menschen und müßten erst bestimmen, was das „gute Leben“, das Glück ohne Ausbeutung ist. Erst danach wäre über die richtige Technik nachzudenken, mit deren Hilfe wir dieses gute, ausbeutungsfreie, unentfremdete Leben gestallten könnten.

Die erste Frage ist: Was ist das gute Leben? Die zweite: Welche und wieviel Technik brauchen wir dazu?

Zu 2): Die Reduzierung schwerer körperlicher Arbeit, die Abschaffung von Monotonie und sinnentleerter Arbeit ließe sich ohne große Kosten in einer nicht-ausbeuterischen Gesellschaft, durch eine grundlegend andere Arbeitsorganisation und ein anderes gesellschaftliches Gesamtziel der Arbeit erreichen. Hinter dem Rationalisierungsargument steht die Annahme, daß alle Arbeit prinzipiell eine Last und keine Lust ist. Das ist sie freilich, wenn die Produkte meiner eigenen Arbeit mit immer fremder und unsinniger werden. Wenn frau z.B. Mikrochips zusammenlötet, die irgendwo in Raketensysteme eingebaut werden, oder wenn frau ihren Uterus zum Austragen eines fremden Kindes vermietet. Doch die „Routinearbeit“ einer Frau, die ihre Kinder versorgt, die kocht, wäscht, putzt, usw. ist nie nur Last, sondern immer auch Lust!

Was abzuschaffen wäre, ist nicht die Arbeit, die ja zu unserem Lebensvollzug gehört, sondern das, was sie nur zu einer Last macht.

Außerdem gäbe es weniger lästige Arbeit, wenn wir unsere Konsumsucht abschaffen würden. Die Konsumsucht steht in direktem Verhältnis zu Arbeitssucht und zu Arbeit als Last.

Zu 3): Es ist eine Illusion zu glauben, daß Menschen, die sich mit Kopf und Herz, Haut und Haar und für lange Jahre des Lebens der Logik dieser Maschinenwelt ausgeliefert haben, überhaupt noch kreativ sein können, zu glauben, daß sie überhaupt noch in der Lage wären, all ihre menschlichen Anlagen entfalten zu können. Es müßte doch zu denken geben, daß viele Frauen gegen die 35-Stunden Woche sind, weil sie fürchten, daß ihre Männer dann noch mehr saufen, noch mehr vor der Glotze sitzen, noch mehr Fußball ansehen. Wo ist denn die Kreativität, Spontaneität, Menschlichkeit der Arbeiter in den „fortgeschrittenen“ kapitalistischen und realsozialistischen Ländern bisher geblieben? Die Maschinenlogik ist den Arbeiterinnen und Arbeitern eben nicht äußerlich geblieben, sie wird nicht mit der Dusche nach der Arbeit abgewaschen. Diese Logik beherrscht als Freizeitindustrie inzwischen die „arbeitsfreie“ Zeit. Wer tagsüber nur mit Computern arbeitet, kann abends auch nur mit Maschinen kommunizieren. Es ist inzwischen bekannt, daß Menschen, vor allem männliche Jungendliche, computersüchtig werden. Schlimmer scheint mir noch die zunehmende Zerstörung des eigentlich Menschlichen im Menschen durch diese Technik, d.h. die Fähigkeit, in Zusammenhängen zu denken, zu assoziieren, Mitgefühl und Empathie zu haben, bzw. kreativ zu sein (vgl. Mies 1988).

Hinzu kommt – gerade wegen der Überschüttung mit technischen Kommunikationsmitteln –, eine wachsende Unfähigkeit zu einfacher, spontaner, menschlicher Kommunikation. Mit ist z.B. aufgefallen, daß Frauen und Männer nicht mehr wissen, wie sie einen Fremden, einen Gast, den man zufällig mitgebracht hat, ansprechen sollen.

Aber nicht nur die Fähigkeit zu eigenem Denken und Fühlen wird zerstört, schlimmer noch ist die Zerstörung der Sinnlichkeit durch diese destruktive Technik. Wenn die zum Leben notwendige körperliche Arbeit (zur Herstellung von Menschen, Nahrung und Kleidung usw.) zunehmend Maschinen übertragen wird, wenn die Menschen nur noch Handlanger und Kontrolleure von Maschinen sind, dann werden sie ihren eigenen Körper auch nicht mehr „fühlen“ können – weder Müdigkeit, noch Anstrengung, noch Entspannung, noch Lust werden sie kennen. Um den eigenen Körper wieder fühlen zu können, – denn ohne Körpergefühl kein Glück – müssen sie Sport machen, Fußball spielen oder Körpertherapie machen usw. Dabei herrscht jedoch das gleiche Konkurrenzprinzip, zunehmend als Mittel von Männern benutzt, um wenigstens noch einen Rest von Körpergefühl zurückzufinden, wie an Porno- und Zombifilmen zu sehen ist. Da wir die „Opfer“ sind, können wir doch wohl kaum ein Interesse an der Fortsetzung dieses „Fortschritts“ haben.

Mehr Menschlichkeit, mehr Kreativität? – Im besten Fall suchen die Menschen sie wieder durch körperliche, sinnvolle, d.h. „notwendige“, Arbeit zurückzugewinnen. Indem sie z.B. kochen, Holz hacken, Pilze sammeln, im Garten arbeiten. Und das genießen sie.

Freilich, wenn dies alles nur Freizeitbeschäftigung und Hobby bleibt, dann hört der Spaß irgendwann einmal wieder auf; denn wir heizen ja sowieso mit Öl oder elektrisch, wir können auch bei McDonalds essen; und Pilze können wir auch bei Aldi kaufen, was andererseits aber wiederum Ausbeutung von Natur, Frauen, anderen Menschen und Völkern voraussetzt (s.o.).

Wenn wir aber eingesehen haben, daß das „gute Leben“ für uns so lange eine Fata Morgana bleibt, solange es auf Ausbeutung und Zerstörung von Natur, fremden Völkern und Frauen beruht, dann werden wir versuchen müssen, unser Komplizentum an diesen Ausbeutungsverhältnissen aufzugeben und unser Leben wieder durch eigene, sinnvolle Arbeit zu produzieren. Diese Arbeit wird dann auch wieder notwendig sein, und weil sie notwendig ist, wird sie sinnvoll sein.

Zu 4): Auch dieses Argument baut auf einer Illusion, einer Verkennung der tatsächlichen Verhältnisse auf. Was hat es den Männern z.B. genützt, daß sie die Maschinenlogik (Naturwissenschaften, Physik) früher, besser gelernt haben als wir Frauen, daß sie wissen, wie die Autos und die anderen Maschinen funktionieren? Ist dieses Wissen nicht im Laufe der Zeit in immer weniger Köpfen konzentriert worden? Wie die Computer funktionieren, wissen heute nur noch wenige Experten, alle anderen lernen nur noch, wie sie zu bedienen sind. Und wo haben diese Männer, die diese Technologie verstehen und beherrschen, die Physiker, Chemiker, Ingenieure sich je dafür eingesetzt, daß diese Technologie nicht zu Krieg, Zerstörung, Menschenvernichtung, Ausbeutung eingesetzt wurde? Im Gegenteil, sie waren und sind so fasziniert von dem Wahn der Machbarkeit, daß sie alles was machbar war, auch gemacht haben, ohne Rücksicht auf Umwelt, Frauen und Kinder, ja sogar ohne Rücksicht auf ihre eigene Menschlichkeit. Machbar war und ist allerdings alles, was bezahlt wird. Aber darüber reden die Männer, die sich der „freien“ Wissenschaft verschrieben haben, vornehmerweise nicht.

Wenn heute selbst Männer, die ihr Leben dieser Maschinenwelt geopfert haben, die sie in- und auswendig kennen, zu der Einsicht kommen, daß es für sie und uns alle nur noch eine Zukunft gibt, wenn wir aus dieser Maschinenwelt aussteigen (vgl. Jochen Sonn von der Plakatgruppe, Die Tageszeitung, 30.4.1984), dann ist es doch absurd, wenn wir Frauen meinen, wir müßten endlich in sie einsteigen, damit die Segnungen dieser sogenannten „3. technologischen Revolution“ nicht an uns vorrübergingen.

Zum anderen, wenn die Männer die Maschinenwelt seit 800 Jahren mit Erfolg als ihren Bereich, ihr Monopol verteidigt haben (es liegt ja nicht an der mangelnden Intelligenz der Frauen, daß es so wenige Ingenieurinnen und Mathematikerinnen gibt), woher nehmen Frauen die Hoffnung, daß dies sich ausgerechnet jetzt ändern sollte? Warum sollten die priviligierten männlichen Arbeitsplatz“besitzer“ diesen Bereich ausgerechnet jetzt mit den Frauen teilen?

Wenn an dem patriarchalischen Mann-Frau-Verhältnis – und das ist ein Ausbeutungs- und Herrschaftsverhältnis nicht-technischer Natur – nichts geändert wird, dann wird uns auch kein mühsam erworbenes Wissen über Computer und Genetik, über Mikroelektronik, DNA und Klonen etwas nützen. Im Gegenteil, bei der Aufforderung, die Frauen sollten ihren Widerstand gegenüber diesen Techniken aufgeben, geht es überhaupt nicht um Wissen, Verstehen, Erkenntnis. Die Frauen sollen vielmehr in dem einen Fall (Computer) dazu gebracht werden, als billigste, ausbeutbarste Heimarbeiterinnen diese Maschinen zu „bedienen“ (vgl. Böttger 1983), und in dem anderen Fall (Gen- und Repro-Technik) sollen sie Teile ihres eigenen Körpers (ganze Ovarien, Eier, Uterusse, Plazenten) für die kommerzielle, kapitalistisch-patriarchalische Menschenproduktion zur Verfügung stellen (vgl. Corea 1984). Das Wissen, das wir heute so nötig haben wie das tägliche Brot, ist das Wissen um die kapitalistisch-patriarchalischen Herrschaftsinteressen, die hinter dieser Technologie stehen.

Um entscheiden zu können, ob diese Technologie uns Frauen nützt, oder nicht, brauchen wir dieses Wissen vor allem, nicht aber ein detailliertes Expertenwissen über das Funktionieren dieser Technologie. Was bis jetzt von engagierten und kritischen Frauen und Männern über dieses Funktionieren veröffentlicht wurde, reicht schon aus, um zu einer politischen Entscheidung über Wert und Unwert dieser Technologie zu kommen.

Zu 5): Zu diesem Argument möchte ich noch einmal auf meine Eindrücke vom Groninger Frauenkongreß zurückkommen. Es hat den Feministinnen gar nichts genützt, daß die Übertragungsanlage, die Mikrofone unter der Kontrolle von Frauen waren. Die Frauen gingen mit dieser zentralisierten Technologie nicht anders um als die Männer, sie schalteten die Mikrofone ab, als ihnen unliebsame politische Meinungen geäußert wurden.

Wir können heute nicht mehr dem biologistischen Trugschluß anhängen, die gesellschaftlichen Verhältnisse würden sich schon ändern, wenn möglichst viele Frauen an den Schaltstellen der Macht, in den privilegierten Positionen in Politik, Wirtschaft, Kultur und in der immer elitärer und zentralistischer werdenden Welt der neuen Technologie säßen. Darum halte ich auch die bloße Forderung nach Quotierung in solchen Positionen für kurzsichtig. Es kann nicht einfach um die Forderung nach „mehr Frauen“ gehen, wir müssen fragen, welche Politik, welche Ziele diese Frauen vertreten. Die bestehende Technologie ist auch dann ein Herrschaftsinstrument, wenn Frauen sie kontrollieren. Wenn sie nicht gegen Patriarchat und Kapital gleichzeitig kämpfen wollen, werden sie sie auch gegen Frauen anwenden.

Dies gilt auch für die technokratische Illusion, der manche Feministinnen in der Nachfolge Shulamith Firestones anhängen. Sie meinen, die neue Reproduktionstechnologie und Genetik könne, wenn sie unter Kontrolle von Frauen wäre, dazu benutzt werden, um endlich die Männer „abzuschaffen“ (weg zu klonen). Diese Frauen verkennen nicht nur, daß die ökonomische und militärische Macht nicht in der Hand von Lesben ist (die Wahrscheinlichkeit und gegebenen Verhältnissen ist größer, daß wir Frauen abgeschafft werden), sondern auch, daß nicht die Zweigeschlechtlichkeit als solche unser Problem ist, sondern das Ausbeutungs- und Herrschaftsverhältnis zwischen Frauen und Männern. Alle diese Argumente gründen letztlich in einer biologistischen Interpretation eines historischen und gesellschaftlichen Verhältnisses. Sie geraten unweigerlich in die Nähe rassistischer und faschistischer Vorstellungen.

Zu 6): Dies ist das weitverbreiteste aber auch gefährlichste, weil defätistische Argument, weil es direkt in die Hände der Großkonzerne und der männlichen Wissenschaftler-Cliquen spielt. Denn nach diesem Argument ist es für uns Frauen immer zu spät. Da wir an dem Diskurs über technologische Innovationen nicht beteiligt sind – da Technologieentwicklung prinzipiell außerhalb der politischen Diskussionen stattfindet (Wissenschaft ist ja „unpolitisch“), da die Frage, ob sie nützlich oder schädlich ist, nie gestellt wird, werden wir in diesem System immer nur reagieren können.

Kaum haben wir uns auf eine Schreckensbotschaft aus dem Technopatriarchat eingestellt, die uns wie ein ehernes Schicksal überrollt, kommt schon die nächste. Kaum haben die Frauen gesagt, „Gegen die Computer können wir nichts mehr machen, die kamen und bleiben“, da steht uns schon eine noch größere Horrortechnik ins Haus und in unser Leben, die Gen- und Reproduktionstechnik. Es ist wie mit Hase und Igel; wir rennen und rennen, aber die alten patriarchalisch-kapitalistischen Technologieigel sind mit ihren destruktiven Spielereien immer schon weiter und zwar auf unsere Kosten!

Auf ihrem eigenen Feld und mit ihrer eigenen Logik werden wir sie nie schlagen. Darum ist es auch nie zu spät, sondern gerade jetzt, heute können wir damit anfangen, die nie gefragten, grundsätzlichen Fragen zu stellen und aus dieser Logik auszusteigen.

Wenn wir uns nicht von diesen Scheinbegründungen verdummen lassen wollen, müssen wir fragen: Wenn diese Technik also nicht notwendig ist, und wenn die damit verbundenen Gefahren größer als der Nutzen sind, wozu wird sie dann nicht nur mit ungeheurem Propagandaaufwand angepriesen, sondern auch mit ungeheuren Summen öffentlicher Gelder (vgl. den Etat des Bundesforschungsministeriums für Bio-Technik) gefördert?

Die einfache Antwort: Weil sonst das Kapital nicht mehr wächst. Das Wachstum der alten Industriebereiche (Auto, Stahl, Schiffsbau, Elektrogeräte usw.) ist beschränkt oder an sein Ende gelangt. Nur noch in diesen modernen Bereichen wird schnelles Wachstum angelegten Kapitals erwartet. Wie und mit welchen Methoden dies geschieht, haben Rachael Grossman (1979) für die Mikroelektronik und Jost Herbig u.a. für das Bio-Business (1981, 1982) analysiert. Gemeinsam ist all diesen Entwicklungen, daß Wissenschaftler direkt ins Geschäft einsteigen, sich mit Risiko-Kapital verbinden und neue Produkte auf den Markt bringen, die schließlich von den großen Konzernen mit Hilfe staatlichen Drucks flächendeckend verbreitet werden. Dabei werden ethische Bedenken rücksichtslos zur Seite geschoben (vgl. Jonathan King, Jost Herbig 1981).

Zu 7): Ehe ein alternativer Gebrauch von Techniken möglich ist, müßten erst einmal alternative Verhältnisse geschaffen werden. Es ist eine historische Erfahrung, daß technologische Innovationen innerhalb ausbeuterischer Herrschaftsverhältnisse immer nur zu einer Verschärfung der Ausbeutung der jeweils unterdrückten Gruppen führt. Das gilt vor allem für die neue sogenannte Reproduktionstechnik, die Technik der industriellen Menschenproduktion.

Wir Frauen werden mit dem windigen Argument in die Reproduktionsindustrie eingebunden, wir hätten angeblich ein „Recht“ auf ein eigenes Kind. Seit wann gibt es ein solches „Recht“ auf ein Kind aus „eigenem Fleisch und Blut“? Und wie verträgt sich dieses „Recht“ mit der Tatsache, daß den Frauen in China, Bangladesh und Indien gerade dieses „Recht“ durch dieselben Chemiekonzerne, die hier ins Bio-Business einsteigen, genommen wird?

In Indien wird die Technik der Amniozentesis z.B. dazu benutzt, weibliche Föten systematisch abzutreiben (vgl. Patel 1985). In China führt die Politik der Einkind-Familie zu ähnlichen Ergebnissen (vgl. Croll 1984).

Jede Frau, die bereit ist, sich von einem der ruhm- und geldsüchtigen Bio-Techniker ein Kind fabrizieren zu lassen, muß wissen, daß sie sich damit nicht nur einen individuellen Kinderwunsch erfüllt, sondern auch ein Stück Autonomie des weiblichen Geschlechts über die Gebärfähigkeit den Techno-Patriarchen übergibt (vgl. Arditti et al. 1985, Corea 1986). Wäre es nicht angebrachter, daß sie sich mit anderen Frauen und evtl. auch Männern über die Ursachen der zunehmenden Unfruchtbarkeit von Männern und Frauen in den überentwickelten Ländern Klarheit verschafft?

Zu 8): Das verlogenste Argument, das in diesem Zusammenhang zu hören ist, ist das vom Hunger in der Dritten Welt, der angeblich durch die Wunderwaffe der Gen-Manipulation zu beseitigen sei. Nachdem durch zahllose Studien nachgewiesen ist, daß der Hunger in der Dritten Welt eine direkte Folge der Ausbeutung und Ausblutung dieser Länder durch die Industrieländer und unseren Überkonsum ist (vgl. u.a. Collins-Lappé 1982, Strahm 1986, George 1976, Franke 1981, Caldwell 1977, Shiva 1991), nachdem längst nachgewiesen ist, daß der erste Versuch, den Hunger in der Dritten Welt durch bio-technische Manipulation, nämlich durch die Erzeugung hoch-ertragreicher Sorten von Getreide, kläglich gescheitert ist (vgl. u.a. Feder 1976, Dasgupta 1977), muß es verwundern, daß die Wissenschaftler und das Agro-Business, die durch diese sogenannte „Grüne Revolution“ fett geworden sind, immer noch glauben, die Leute würden dieses Argument schlucken. Doch auch in der Frauenbewegung ist dieses Argument zu hören.

Hier zeigt sich die Gefährlichkeit, die Frauenfrage nicht im weltweiten Zusammenhang des kapitalistischen Patriarchats, d.h. der internationalen Arbeitsteilung bzw. des Weltmarktes zu analysieren (vgl. Mies 1988).

Wer den Hunger in der Dritten Welt wirklich bekämpfen will, kann hier und heute damit anfangen, indem sie/er aufhört, Nahrungsmittel, die dort für den Export produziert werden (wir beziehen etwa 30% unserer Nahrungsmittel aus der Dritten Welt), zu kaufen. Der Hunger in der Dritten Welt ist ein Resultat des Überkonsums und nicht eines technologischen Rückstandes.

Ähnliche Argumente gelten für die Gen-Technik als „Wunderwaffe“ gegen Krankheiten [3]. Die meisten dieser Krankheiten sind eine Folge des Industriesystems, der Umweltzerstörung, des Überkonsums und könnten durch andere Verhältnisse und eine andere Lebensweise verschwinden. So breitet sich z.B. die Malaria in Bangladesh u.a. auch darum wieder stärker aus, weil durch Export von Froschschenkeln die Frösche, die vorher die Moskitos gefressen haben, aus den überschwemmten Reisfeldern verschwinden. Wir aber können uns den Luxus leisten, Froschschenkel zu verspeisen. Um das Ungeziefer dann zu bekämpfen, werden massenweise Pestizide auf die Felder geworfen, die schließlich die Umwelt und die Menschen vergiften.

Die Gen-Technik und die Bio-Technik fördern außerdem den Mythos, daß Krankheit und Tod grundsätzlich technisch zu besiegen seien.

Aussteigen, aber wie? – Oder: Widerstand beginnt bei mir!

Wenn wir aus dieser kapitalistisch-patriarchalischen Vernichtungslogik aussteigen wollen, müssen wir zuerst die heute einzig vernünftigen Fragen stellen, die freilich auch am meisten tabuisiert sind, nämlich:

  1. Wozu brauchen wir diese neuen Techniken?
  2. Machen sie uns Frauen glücklicher, freier? Verbessern sie die Chancen der Überwindung patriarchalischer Mann-Frau-Verhältnisse?

Selbst Vertreter und Befürworter der neuen Technik können nicht nachweisen, daß es einen wirklichen Bedarf dafür gibt. Die Grundlagenforschung in Atomforschung und Mikroelektronik wurde im Zusammenhang staatlich finanzierter Militärforschung betrieben (Jost Herbig, Hg., 1981). Jetzt geht es darum, neben der Rüstung zivile Märkte für diese Produkte zu erschließen (Lenz 1983). Da werden dann einzelne positive Auswirkungen propagandistisch so aufgebläht, als ob das Heil der ganzen Welt von dieser Technik abhinge. Zum Beispiel wird die Möglichkeit, künstliches Insulin durch Gen-Manipulation herzustellen, zur Begründung der mit riesigen Steuersummen finanzierten öffentlichen Gen-Forschung herangezogen. Dabei gibt es überhaupt keinen Mangel an aus der Bauchspeicheldrüse von Rindern und Schweinen gewonnenem Insulin, das auch die gleiche Wirkung hat (vgl. Hohlfeld 1981).

Es kann ohne Übertreibung gesagt werden, daß es einen gesellschaftlichen Bedarf, im Sinne der Befriedigung wirklicher Bedürfnisse, die ohne diese Techniken nicht schon jetzt befriedigt werden könnten, nicht gibt. Folglich muß der Bedarf, sprich: die Nachfrage künstlich geschaffen werden.

Die Arbeitnehmer – Frauen und Männer – werden mit dem Arbeitsplatzargument in diese Strategie eingebunden. Unternehmer, Politiker, gefolgt von den Gewerkschaften, verkünden pausenlos, daß Arbeitsplätze nur durch den Einstieg in diese neuen Technologien und durch Konkurrenzfähigkeit auf dem Weltmarkt zu sichern seien.

Angst vor Verlust des Arbeitsplatzes oder bestehende Erwerbslosigkeit führen dazu, daß viele Frauen und Männer nicht mehr danach fragen, ob das was da produziert wird, notwendig, sinnvoll und nützlich ist. Hauptsache sie haben (noch) Erwerbsarbeit oder hoffen, sie zu bekommen, nach dem Motto: „Nach uns die Sintflut“.

Wer hier die Frage „Wozu brauchen wir das alles?“ stellt, wird als realitätsferne/r Utopist/in diskriminiert. Zwar sehen viele ein, daß diese neuen Technologien unser Leben nur noch weiter zerstören werden, aber sie sagen: „Das Hemd ist mir näher als der Rock“. Dabei merken sie nicht – oder wollen es nicht merken oder wahrhaben –, daß sie bereits nackt da stehen und daß das Kapital ihnen auch noch buchstäblich „die Haut über die Ohren ziehen wird“. Auch die zweite Frage können wir Frauen ohne Umschweife mit „nein“ beantworten. In den unterentwickelten Ländern führt die neue Technologie zu noch brutalerer Ausbeutung, rassistischer Erniedrigung und gar physischer Vernichtung von Frauen (vgl. auch Mies 1983), hier bei uns führt sie zur Zerstörung von Frauenarbeitsplätzen, zunehmender Tele-Heimarbeit, zunehmender Gewalt gegen Frauen (vgl. hierzu die Aufsätze in: beiträge zur feministischen theorie und praxis Nr. 9/10 und 12, insbes. G. Corea).

Wir können heute nicht mehr länger der technokratischen Utopie Bebels und aller anderen wissenschaftlichen Sozialisten anhängen, die meinen, daß die Befreiung der Frau mit der Elektrifizierung der Küche (Bebel) oder mit den Mikroprozessoren oder gar durch die technische „Befreiung“ vom biologischen Gebärvorgang (Firestone 1975), kurz, durch die weitere „Entwicklung der Produktivkräfte“ plus Sozialismus käme. Von dieser Entwicklung ist für uns Frauen in keinem der bestehenden Systeme eine positive Antwort auf die Frage nach Befreiung und Glück zu erwarten.

Darum besteht der erste Schritt des Aussteigens m.E. darin, daß wir Frauen dies unzweideutig und laut und in großer Zahl sagen: Die sogenannte neue Technik bringt für uns und unsere kinder keinerlei qualitative oder quantitative Verbesserung unseres Lebens, sie löst keines unserer Grundprobleme, sie wird Frauenausbeutung und -erniedrigung noch weiter vorantreiben; darum brauchen wir sie nicht. Und weil wir sie nicht brauchen, wollen wir sie nicht.

Um so etwas sagen zu können, müssen wir allerdings schon jetzt mit der inneren Loslösung von diesem System beginnen. Wir müssen unsere Teilhabe an diesem System aufkündigen, wir dürfen ihm nicht länger erlauben, zu definieren, was ein Mensch ist, was unser Mensch-Sein ist, was eine Frau ist, was Arbeit ist, was Leben ist. Diese Teilhabe besteht darin, daß viele zwar die Vorteile dieses Ausbeutungssystems behalten wollen und nur gegen einige Nachteile sind. D.h. sie wollen „den Kuchen essen und gleichzeitig behalten“. Wir wissen, daß dieses System uns Tag für Tag mit einem relativ billigen Warenüberfluß ködert, wir wissen, daß wir durch den Kauf dieser Waren den notwendigen Markt für das Kapital darstellen, ohne den auch die Produktion dieser Dinge sinnlos wäre.

Wir wissen dies alles, aber dennoch tabuisieren wir gerade dieses Wissen um unsere Mittäterschaft und richten unsere Angriffe stets auf einen abstrakten Feind außerhalb unserer selbst: die Unternehmer, den Staat, „die Männer“, das „Patriarchat“. Frauen verweisen bei Diskussionen um solche Dinge häufig auf ihre Machtlosigkeit, auf die Tatsache, daß es doch objektive Zwänge seien, in denen sie sich bewegten, daß hier und heute, solange der Kapitalismus existiere, doch nichts zu machen sei.

Hier stellt sich dann die Grundsatzfrage: Wenn hier und jetzt nichts gegen das kapitalistische Patriarchat zu machen ist, was soll dann in Zukunft dagegen zu machen sein?

Im Grunde geht es darum, durch solche Einwände die eigene Komplizenschaft mit dem System zu verbergen. Frauen, die so argumentieren, wollen im Grunde genommen nichts ändern. Sie sind im Grunde genommen froh, daß das System so „mächtig“ erscheint und ihnen – angeblich – keine Chance läßt.

In Wirklichkeit aber drücken wir uns davor – ich schließe mich keinesfalls aus dieser Komplizenschaft aus –, unsere eigene Stärke, unsere jeweilige eigene Macht zu erkennen und anzuwenden. Sie ist dort, wo wir sind – in unserem Alltag. Diese Macht ist zunächst auch die, die wir als Käufer/innen haben, als Konsument/innen. Wenn wir unser Mensch-Sein, Frau-Sein, nicht mehr über Konsum und Süchte definieren, können wir zunächst einmal mit einer Konsum-Befreiungsbewegung anfangen. Sie könnte sich zunächst auf diese neuen Technologien, insbesondere die Gen- und Reproduktionstechnik beziehen.

Alle Frauenorganisationen und -gruppen, die aus dem Technopatriarchat aussteigen wollen, müßten für eine solche Bewegung gewonnen werden.

Gegen die Gen-Technik und die neue rassistische Reproduktions- und Eugenik-Technik müßte eine breite öffentliche Kampagne gestartet werden. Sie müßte über die Jein-Taktik der SPD und heute auch vieler GRÜNER hinausgehen, die einerseits Mitbestimmung bei der Technologieentwicklung und Eindämmen der Auswüchse fordern, andererseits aber am Dogma der Notwendigkeit dieses technischen „Fortschritts“ festhalten („Wir sind ja keine Maschinenstürmer“).

Ausgehend von der Feststellung, daß wir diese Technologie nicht brauchen und nicht wollen, weil sie menschen-, frauen- und naturfeindlich ist, weil sie Sexismus, Rassismus und Faschismus Tür und Tor öffnet, müßte die Kampagne zunächst das Ziel haben, alle öffentlichen Gelder – unsere Steuergelder – für die weitere Entwicklung dieser Technologien zu sperren. Konkret hieße das zunächst die Forderung nach einem Moratorium für die öffentliche Forschungsförderung in diesen Bereichen. Dieses Moratorium müßte begleitet werden von einer breiten öffentlichen Diskussion, vor allem unter Frauen.

Anmerkungen

[1] Der Kongreß war unter anderem gefördert worden von: Royal Dutch Shell, IBM Netherland, Unilever, AKZO, Philips International, Royal Dutch Verkade, Beatrice Foods, Co.

[2] So sehen die meisten Frauen in den traditionell linken Organisationen den Kampf für die 35-Stunden-Woche als ersten Schritt zur Überwindung der bestehenden geschlechtlichen Arbeitsteilung. Darum stellen sie diese Forderung nach der 35-Stunden-Woche mit vollem Lohnausgleich auch vor alle anderen Frauenforderungen.

[3] So verteidigte eine Frau während einem Vortrag über die neuen Reproduktionstechniken die Gen-Manipulation mit dem Argument, dadurch könne man u.U. die Malaria in der Dritten Welt wirksam bekämpfen. Ob man es denn verantworten könne, in diesen Ländern Hunderttausende an Malaria sterben zu lassen. Dieser Wissenschaftlerin war vielleicht nicht bekannt, daß der erste rein technologische Versuch zur Endlösung des Malaria-Problems durch DDT zu enormen Umweltschäden in vielen Ländern der Dritten Welt geführt hat. Wie kann sie sicher sein, daß die gentechnische „Endlösung“ nicht noch zu erheblicheren Sicherheitsrisiken führt? Wenn diese „Endlösungen“ nicht immer auch gleichzeitig konform mit den Profitinteressen der Chemiekonzerne gingen, wäre es möglich, in diesen Ländern alternative Methoden zur Malariabekämpfung zu finden, die sowohl auf die ökologische, als auch auf die soziale Umwelt, z.B. die Beseitigung offener Abwasserkanäle u.ä., bezogen wären.

Solange wir den ursächlichen Zusammenhang zwischen unserem Überkonsum und der Unterentwicklung in der Dritten Welt nicht sehen wollen, kann ich den Verweis auf „unsere technologische Verantwortung“ für die Dritte Welt nicht ernst nehmen.

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