Emma Goldman: Das Chamäleon des Frauenwahlrechts (1917)

Seit beinahe einem halben Jahrhundert haben die Anführerinnen der Frauenwahlrechtsbewegung behauptet, dass sich mit dem Stimmrecht für Frauen wundersame Ergebnisse einstellen würden. All die sozialen und ökonomischen Übel der vergangenen Jahrhunderte sollten abgeschafft werden, wenn die Frauen erst einmal ihr Wahlrecht erhalten würden. All das Unrecht und die Ungerechtigkeiten, all die Verbrechen und Schrecken der Jahre würden durch das magische Dekret eines Fetzen Papiers aus dem Leben verschwinden.

Als die Aufmerksamkeit der Anführerinnen der Bewegung auf die Tatsache gelenkt wurde, dass derlei übertriebene Behauptungen niemanden überzeugen würden, pflegten sie zu sagen: „Wartet nur ab, bis wir die Gelegenheit haben, es zu beweisen; wartet bis wir die Möglichkeit haben, uns zu bewähren und ihr werdet sehen wie überlegen die Frau hinsichtlich ihrer Einstellung gegenüber sozialem Fortschritt ist.“

Die klugen Gegner*innen des Frauenwahlrechts, die der Ansicht waren, dass das repräsentative System bloß dazu diente, den Mann seiner Unabhängigkeit zu berauben und dass es mit den Frauen das gleiche anstellen würde, wussten, dass das Frauenwahlrecht nirgendwo auch nur die geringste Auswirkung auf das soziale und ökonomische Leben der Menschen gehabt hat. Nichtsdestotrotz waren sie willens den Vertreterinnen von Frauenwahlrecht ihre Zweifel mitzuteilen. Sie waren bereit dazu, zu glauben, dass die Frauenwahlrechtlerinnen es mit ihrer Behauptung ernst meinte, dass Frauen nicht für die Dummheiten und Grausamkeiten von Männern verantwortlich gemacht werden könnten. Ganz besonders blickten sie auf die militanten Suffragetten Englands, in denen sie eine überlegene Form der Weiblichkeit sahen. Predigte nicht Frau Emmeline Pankhurst von einer amerikanischen Bühne aus, dass Frauen menschlicher wären als Männer und dass sie sich niemals derselben Verbrechen schuldig machen würden, wie die Männer: konkret, dass Frauen nicht an Krieg glauben würden und niemals einen Krieg unterstützen würden?

Aber Politikerinnen bleiben eben Politikerinnen. Kaum trat England in den Krieg ein, aus humanitären Gründen natürlich, vergaßen die Ladies der Wahlrechtsbewegung augenblicklich all ihre Prahlereien über die weibliche Überlegenheit und Göttlichkeit und opferten ihe Partei auf dem Altar genau der selben Regierung, die ihnen wegen ihrer militanten Aktionen die Kleider vom Leib gerissen, sie an den Haaren gezogen und sie zwangsweise gefüttert hatte. Frau Pankhurst und ihre Gastgeber entwickelten in ihrer Kriegshysterie eine größere Leidenschaft, einen größeren Durst nach dem Blut des Feindes, als die meisten hartgesottenen Militaristen. Sie gaben sich ganz, und das beinhaltete selbst ihre sexuelle Anziehungskraft, als ein Lockmittel für unwillige Männer hin, die sie in die Netze des Militärs, in die Schützengräben und den Tod locken sollten. Für all das werden sie nun mit dem Stimmzettel belohnt. Selbst Asquith, der einstige Erzfeind von Pankhursts Truppe ist nun davon überzeugt, dass Frauen das Stimmrecht bekommen sollten, da sie sich in ihrem Hass so bösartig gezeigt und sich so beständig der Eroberung gewidmet haben. Heil den englischen Frauen, die ihr Wahlrecht mit dem Blut der Millionen von Männern erkauft haben, die bereits dem Kriegsungeheuer geopfert wurden. Der Preis ist in der Tat hoch, aber entsprechend hoch werden auch die politischen Stellen sein, die für die frischgebackenen Politikerinnen bereitstehen.

Die amerikanische Suffragettenpartei, seit der Tage von Elizabeth Cady Stanton, Lucy Stone und Susan Anthony längst ihrer ursprünglichen Idee beraubt, sieht sich genötigt, das Beispiel ihrer englischen Schwestern wie dumme Papageien nachzuäffen. In den heroischen Tagen der Militanz wurden Frau Prankhurst und ihre Anhängerinnen von der amerikanischen Suffragettenpartei rundheraus abgeleht. Die respektable, damenhafte Mrs. Catt wollte nichts mit Rabauken wie ihnen zu tun haben. Aber wenn die Suffragetten von England mit Blick auf die Parlamentsplätze eine Kehrtwende machen, dann folgt ihnen die amerikanischen Suffragettenpartei auf dem Fuße. Tatsächlich wartete Mrs. Catt nicht einmal darauf, dass dieses Land wirklich den Krieg erklärte. Sie übertraf Mrs. Pankhurst damit noch. Sie verpfändete ihre Partei dem Militarismus, der Unterstützung jeder autokratischen Maßnahme der Regierung, lange bevor es überhaupt irgendeinen Anlass dazu gab. Warum nicht? Warum weitere fünfzig Jahre damit verbringen, für das Wahlrecht zu werben, wenn man es auch durch den Verrat eines Ideals erlangen kann? Sowieso: Seit wann haben Politikerinnen Ideale?

Dem Argument ihrer Gegner, dass Frauen das Wahlrecht nicht bräuchten, weil sie eine stärkere Waffe hätten – ihr Geschlecht – wurde damit begegnet, dass das Wahlrecht die Frauen von dem entwürdigenden Einsatz ihres Sex-Appeals befreien würde. Wie passt diese stolze Aufschneiderei mit der Kampagne zusammen, die die Suffragettenpartei gestartet hat, um die Männerschaft Amerikas in die europäische Blutlache zu locken? Nicht nur wird jeder Jugendliche und jeder Mann schamlos von den heiteren Mitgliedern der Suffragettenpartei angesprochen und ihm geschmeichelt, sich Einziehen zu lassen, sondern Ehefrauen und Liebhaberinnen sollen dazu bewogen werden die Emotionen und Gefühle der Männer zu beeinflussen, damit diese ihr Opfer dem Moloch des Patriotismus und des Krieges bringen.

Wie soll das erreicht werden? Sicher nicht durch Argumente. Wenn die Politikerinnen während der letzten fünfzig Jahre daran gescheitert sind, die Mehrheit der Männer davon zu überzeugen, dass Frauen politisch gleichberechtigt sein sollten, dann werden sie sie gewiss nicht plötzlich davon überzeugen, dass sie in den sicheren Tod gehen sollen, während die Frauen sicher zu Hause zurückbleiben würden und Bandagen nähen. Nein, keine Argumente, keine Vernunft und keine Menschlichkeit hat die Suffragettenpartei der Regierung angeboten; Es ist die sexuelle Anziehungskraft, die ordinären überzeugenden und verführenden Reize der Frau die zum Ruhme des Landes entfesselt werden sollen. Welcher Mann könnte dem widerstehen? Selbst die Größten wurden durch Sexappeal um ihren Verstand und ihre Urteilskraft gebracht. Wie soll die Jugend Amerikas dem widerstehen?

Die Katze ist aus dem Sack. Die Suffragetten haben schließlich bewiesen, dass ihr Privileg weder Intelligenz, noch Aufrichtigkeit ist und dass ihre Prahlerei von Gleichheit zum Himmel stinkt; sogar, dass im Kampf um das Wahlrecht ihre seuxelle Anziehungskraft ihre einzige Waffe und billige politische Belohnung ihr einziges Ziel war. Nun nutzen sie beides dazu, das grausame Monster Krieg zu füttern, obwohl sie wissen müssen, dass so schrecklich der Preis auch ist, den Männer zahlen müssen, er nichts gegen die Grausamkeiten, Brutalitäten und Gewalttätigkeiten ist, den Frauen durch den Krieg unterworfen sind.

Das Verbrechen, das die Anführerinnen der amerikanischen Suffragettenpartei gegen ihre Anhängerschaft begangen haben, steht in unmittelbarem Verhältnis des Zuhälters zu seinem Opfer. Die meisten von ihnen sind zu alt, um durch ihre eigene sexuelle Anziehungskraft irgendein Resultat hinsichtlich der Rekrutierungen zu erzielen, oder ihrem Land irgendeinen persönlichen Dienst zu leisten. Aber indem sie die Unterstützung der Partei verpfänden, machen sie die jüngeren Mitglieder zu Opfern. Das mag hart klingen, aber es ist nichtsdestotrotz wahr. Wie ließe sich sonst die Zusage erklären, von Haus zu Haus zu ziehen, an der patriotischen Hysterie der Frauen zu arbeiten, die wiederum ihre sexuelle Anziehungskraft dazu nutzen, die Männer dazu zu bringen, sich beim Militär einzuschreiben. Anders gesagt: Genau die Eigenschaft, die die Frau zu nutzen gezwungen war, ihren wirtschaftlichen und sozialen Status in der Gesellschaft zu nutzen und die die Suffragetten immer abgelehnt haben, wird nun im Dienste des Herrn des Krieges ausgebeutet.

Zugunsten der Woman’s Political Congressional Union und einigen wenigen einzelnen Mitgliedern der Suffragettenpartei muss gesagt werden, dass sie sich geweigert haben, von den Anführern der Suffragetten benutzt zu werden. Unglücklicherweise ist die Woman’s Political Congressional Union in ihrer Haltung unentschlossen. Sie ist weder für Krieg, noch für Frieden. Das war alles schön und gut, solange das Monster nur über Europa wandelte. Nun, da es sich zu uns nach Hause ausbreitet, wird die Congressional Union damit konfrontiert sein, dass Schweigen ein Zeichen der Zustimmung ist. Ihre Weigerung, sich entschlossen gegen Krieg auszusprechen, macht sie in der Praxis zur Kriegspartei.

Trotz all dieser Konfusion unter den Fraktionen der Suffragetten ist es doch erleichternd eine entschlossene und standhafte Frau zu sehen. Jannette Rankins Weigerung, den Krieg zu unterstützen wird mehr dazu beitragen, die Frauen ihrer Emanzipation näher zu bringen, als alle politischen Maßnahmen zusammen. Im Moment wird sie zweifelslos für einen Fluch gehalten, eine Verräterin an ihrem Land. Aber das sollte Miss Rankin nicht verunsichern. Alle ehrbaren Männer und Frauen sind als solche verleumdet worden. Und doch sind es sie und nicht die großmäuligen und rückgratlosen Patrioten, die für die Nachwelt von Wert sind.

 

Aus: Mother Earth Vol. 12 No. 3.

Deutsche Übersetzung entnommen aus Der Fotzenknecht. Männermagazin gegen Patriarchat & Kritische Männlichkeit. Jg. 1 / Nr. 1.