Frauenverbrennung

Die europäischen Hexenjagden, Einzäunung und der Aufstieg des Kapitalismus

Das überlegene Wissen der Hexen wurde in der weit verbreiteten Ansicht gewürdigt, dass sie die Fähigkeit hätten, Wunder zu vollbringen. Die Hexe war in Wahrheit die gewiefteste Denkerin, die fortgeschrittenste Wissenschaftlerin dieser Zeit … Da Wissen immer Macht gewesen ist, fürchtete die Kirche es in den Händen von Frauen und sie entfesselte ihre tödlichsten Angriffe auf sie.

– Matilda Joslyn Gage, 1893 [1]

Einführung

»Die Zahl der Hexen und Zauberer ist überall ins Gigantische angewachsen. Diese Art von Leuten hat sich in den letzten paar Jahren auf wundersame Weise vermehrt«, schrieb Bischof Jewel im Jahre 1559. Und »das Land ist voller Hexen. Sie sind an allen Orten im Überfluss vorhanden und werden in Kürze das ganze Land überfluten«, behauptete der oberste Richter Anderson im Jahre 1602. [2]

In England waren rund ein Viertel aller Strafprozesse im Zeitraum vom frühen sechzehnten bis Ende des siebzehnten Jahrhunderts Hexenprozesse und die meisten Verurteilten dieser Prozesse starben. Es ist schwierig genaue Zahlen darüber zu bekommen, wie viele Frauen getötet wurden, aber höchstwahrscheinlich waren es hunderttausende zu einer Zeit, in der die Bevölkerung Europas sehr viel niedriger lag als heute. [3] Weder die Hexenprozesse noch die Vorstellung davon, dass die Hexe böse sei, existierten vor dieser Periode. Im Vereinigten Königreich wurde Hexerei ab 1532 unter Todesstrafe gestellt. Zwischen diesem Zeitpunkt und 1066 hatte es nur sechs aufgezeichnete Hinrichtungen von Hexen gegeben und dabei hatte es sich um Fälle von Hochverrat gehandelt. Die Verfolgung ebbte im 18. Jahrhundert wieder ab, während Hexerei in weiten Teilen Europas seit Mitte des 17. Jahrhunderts keine Straftat mehr war. Die intensivste Phase war zwischen 1580 und 1630, während des Zerfalls der feudalen Beziehungen und des Aufkommens des »Handelskapitalismus«, zunehmender Migration und Tagearbeit. Die Prozesse waren kein Überbleibsel aus dem Mittelalter, sondern Teil des Projekts des Aufkommens des Kapitalismus und der »Aufklärung«.

Hinrichtungen von Hexen wurden von Teilen der herrschenden Klasse in ganz Europa verschiedentlich genutzt; um Eigentum zu beschlagnahmen, Bettler*innen zu dämonisieren, Reproduktion zu kontrollieren, soziale Kontrolle und Geschlechterrollen durchzusetzen und Frauen von ökonomischen, politischen und sozialen Aktivitäten auszuschließen. Die Prozesse dienten nicht bloß dazu, alte kommunale Lebensformen zu zerstören und einige herkömmliche Praktiken zu verurteilen, sondern waren auch eine Waffe, mit der Widerstand gegen soziale und ökonomische Neustrukturierung gebrochen werden konnte. Das Phänomen verbreitete sich über so lange Zeit und eine so große Region, dass es keine einheitliche Erklärung für all diese Prozesse geben kann. Nichtsdestotrotz widersprechen sich die unterschiedlichen Erklärungen nicht, sondern zeigen vielmehr, wie weitverbreitet das Werkzeug der Hexenjagden eingesetzt wurde.

Die Hexen gehörten der Unterklasse an. Die meisten der beschuldigten Frauen waren arme Bauersfrauen und die Ankläger waren entweder Angehörige des Klerus oder wohlhabende Mitglieder der gleichen Gemeinschaft – häufig ihre Arbeitgeber oder Lehnsherren.

Die Hexen waren Frauen. Es existierten auch Männer, die alle möglichen Arten von Magie und Heilkunst praktizierten, aber sie wurden nicht getötet. Jean Bodin, ein mutmaßlicher Akteur der »Aufklärung« und ein französischer Autor eines Hexenbestimmungsbuches setzte das Verhältnis von Frauen zu Männern als 50 : 1 an. In England waren 90% der Getöteten Frauen und die meisten getöteten Männer waren die Ehemänner der verurteilten Frauen.

Das Phänomen gab es in ganz Europa; es kennzeichnet einen tiefen philosophischen, sozialen und politischen Wandel; und es war unleugbar von den Autoritäten auf höchster Ebene gesteuert. Nichtsdestotrotz betrafen die tatsächlichen Prozesse, in augenscheinlichem Widerspruch zu Ausmaß und Tiefe des Phänomens, den Alltag oder Probleme auf Dorfebene. Die Anklage lautete Hexerei, aber die Verbrechen bestanden darin, Milch zur Gerinnung gebracht zu haben, Äpfel gestohlen zu haben, einer Nachbarin bei der Geburt geholfen zu haben oder bestimmte Kräutertees zubereitet zu haben. Die Verfahren zeigen, wie sich die tiefgreifenden und weitläufigen Machtverschiebungen in der europäischen Geschichte auf einer dörflichen Ebene abspielten, ebenso wie gegen die Alltagspraktiken der bäuerlichen Frauen. Die Folgen waren so grundlegend, dass wir ihre Auswirkungen auf unsere Geschlechts- und Klassenbeziehungen von Heute noch immer spüren.

Historischer Hintergrund: Einzäunungen, der Aufstieg des Kapitalismus, die Kirche und der Staat

Mittelalter

Während des Mittelalters (mehr oder weniger das 12. bis frühe 15. Jahrhundert) war Europa auf dem Land vorrangig von einem Feudalsystem geprägt, bei dem die Dorfbewohner subsistent auf einem Flurstück lebten, Gemeinschaftsflächen hatten und auf den Feldern ihrer Lehnsherren, die sie mieteten und für die sie Steuern bezahlten, arbeiten mussten. In den Städten gab es auch Handwerker mit Massen von Tagearbeitern in einigen Branchen und Frauen, die in allen Arten von Gewerben und Handwerken arbeiteten und den jeweiligen Gilden angehörten. Die Pest von 1347 bis 1350 tötete ein Drittel der europäischen Bevölkerung und führte zu einem großen Arbeitskräftemangel.

1400 bis 1499

Während des 15. Jahrhunderts kommen die ersten Anzeichen der Veränderungen mit der Erkundung der »neuen Welt« und neuen Importen nach Europa auf. Die neue Wissenschaft und Philosopie nahm ihren Anfang. Es gab zunehmende Abspaltungen von der Kirche und heretische Sekten, wie die Anabaptisten und Taboriten, die die Hierarchie der Kirche in Frage stellten und an Beliebtheit gewannen [4]. Die Inquisition nahm ihren Lauf als Machtwerkzeug der Kirche. Es gab eine allgemeine Verbesserung der Lebensbedingungen und einen Anstieg der Macht der Arbeiter- und Bauernklassen. Teilweise aufgrund des Arbeitskräftemangels konnten die Menschen einen hohen Lohn für ihre Arbeit verlangen und sie erlangten »einen Lebensstandard, der bis zum 19. Jahrhundert nicht wieder erreicht werden würde.« [5] Die Situation unterschied sich in Europa, aber im Allgemeinen stiegen die Löhne oder wurden überhaupt eingeführt, nachdem es einige offene und vereinte Bauernrevolten gegeben hatte, und die Bauern erlangten größere Autonomie und die Leibeigenschaft wurde beinahe überall abgeschafft. Es gab auch ein bemerkenswertes Ungleichgewicht der Geschlechter. Einige Geburts- und Sterbestatistiken zeigen, dass etwa 110 oder 120 Frauen auf 100 Männer kommen.

Die Hexenjagden des 16. und 17. Jahrhunderts waren teilweise ein Angriff der herrschenden Klasse in Reaktion auf das vorherige Jahrhundert des intensiven Klassenkampfes und der daraus resultierenden Akkumulationskrise der herrschenden Klasse.

1500 bis 1599

Während des 16. Jahrhunderts wurden viele Klassenaufstände niedergeschlagen, wie die Bauernkriege in Deutschland oder die Bauernrevolten in England. Die Kämpfe innerhalb der Kirche intensivierten sich, darunter die Reformations- und protestantisch/katholischen Spaltungen, die Lutheraner und verschiedene heretische oder radikale christliche Sekten. Nichtsdestotrotz standen bemerkenswerterweise alle Zweige der offiziellen christlichen Kirche auf der gleichen Seite gegen die Hexen. [6] Der Staat und die Kirche wurden immer verflochtener und mächtiger und gebunden an den Aufstieg der Universitäten und Stände. Frauen waren ausnahmslos aus diesen neuen Machtbereichen ausgeschlossen. Dieser Kampf der Kirche, die Kontrolle über alle ideologischen und administrativen Funktionen, sowie das Land zu erlangen, beinhaltet nicht nur die Hexenprozesse, sondern auch die Inquisitionen, die sich gegen Radikale, Jüd*innen, Muslime, gegen die Kirche gewandte Wissenschaftler und alle anderen Menschen, die der Macht der Kirche im Weg standen, richteten.

Während des 16. Jahrhunderts wurden einige der Grundpfeiler des gobalen Kapitalismus errichtet und akzeptiert; die Kolonien exportierten mehr Rohstoffe und Sklaven und befeuerten das Wachstum des Handelskapitalismus und die Etablierung der Nord-/Süd-Trennung und der Ideologie des Rassismus. Das Wachstum der Baumwollindustrien, der Migration und der Tagearbeit verschärfte die Stadt-Land-Trennung und die geschlechterspezifische Arbeitsteilung. Geld spielte auch eine größere Rolle für sowohl die wachsenden Import-/Export-Unternehmen, als auch den Alltag der Menschen. Teilweise durch die Einfuhr von Gold und Silber aus den Kolonien befeuert, kam es in der Mitte des 16. Jahrhunderts zur ersten Inflation, was folglich in einem Anstieg der Nahrungsmittelpreise und Hungersnöten gipfelte (sowie den ersten Kornspeichern, um die Nahrungsmittelpreise absichtlich hoch zu halten).

1600 bis 1699

Im 17. Jahrhundert boomte der Handelskapitalismus, mehr und mehr Ländereien wurden in Amerika und Afrika kolonisiert und die Städte wuchsen. Es gab große wissenschaftliche, medizinische und philosophische Veränderungen und Ärzte wurden zu anerkannten Experten der herrschenden und Mittelklasse.

Die Einzäunung und Privatisierung von Land schritt rasch voran, ebenso wie zunehmende Kämpfe angesichts der Tatsache, dass die Menschen die Mittel ihrer subsistenten Lebensweise verloren, ebenso wie ihre Rechte das Gemeineigentum als Weideflächen oder zum Sammeln von Feuerholz und Kräutern zu nutzen. [7] Diese Einzäunungen waren Teil des Aufkommens der kapitalistischen Produktionsweise in dem Sinne, dass die Menschen gezwungen wurden, für Geld zu arbeiten und ihre Arbeitskraft (d.h. ihre Körper und ihre Zeit) als eine Ware zu verkaufen. Vom 15. bis zum 18. Jahrhundert wurde in England sämtliches Land eingezäunt, das in einigen Teilen des Landes aufgrund der Schafzucht profitabler war als Getreidefelder, aber mehr Land und weniger Arbeit erforderte. [8] Es gab ein Wachstum der Städte und beträchtliche Migranten- oder Vagabunden-Gemeinschaften, die umherwanderten, nicht immer Arbeit fanden, sich in einer chaotischen Mischung von Lohnarbeit, Bettelei und einem beträchtlichen Maß an Kriminalität ihren Lebensunterhalt verdienten. Diese »Vagabunden« wurden mithilfe einer Reihe von Gesetzen hart verfolgt und öffentlich ausgepeitscht oder ins Gefängnis gesperrt. Es gab eine Kriminalisierung »der Armen«, die von der Veränderung geschaffen worden waren. Unter diesen vagabundierenden migrantischen Gemeinschaften, die durch Europa tingelten, gab es einen großen Prozentsatz an Frauen – die oft aufgrund juristischer Veränderungen, die die Frauen darin beschränkten, Land oder Eigentum zu erben, von ihren Landen vertrieben worden waren. Viele zogen in die Städte und arbeiteten in verschiedenen Handwerksberufen oder als Hausmädchen, Prostituierte, Tänzerinnen oder Krankenschwestern.

Durchführung der Prozesse

Die Hexenjagden waren organisierte, koordinierte und vielfältige systematische Angriffe. Die Kirche definierte das Problem mit den Hexen, die Ärzte untersuchten, folterten und verdammten sie, die Rechtsanwälte brachten die Anklagen vor und beaufsichtigten die Prozesse, die staatliche Administration organisierte die Hinrichtungen.

Das erste Hexenbestimmungshandbuch, das Malleus Maleficarum (der Hexenhammer) wurde 1484 von zwei dominikanischen Mönchen veröffentlicht und in ganz Europa verbreitet. Die Erfindung der Druckpresse führte zu weiteren gedruckten Anti-Hexen-Flugschriften und Handbüchern und viele Priester, Gelehrte und Adlige veröffentlichten ebenfalls ihre eigenen Texte, unter ihnen König James und Jean Bodin.

Der Prozess der Hexenverfolgung begann mit einer beständigen Indoktrinierung durch die Autoritäten, die öffentlich ihre Angst über die Ausbreitung der Hexen kund taten. Die Theaterstücke, Gemälde, Gedichte und religiösen Texte der Zeit halfen allesamt dabei, die dämonischen Stereotype von Hexen aufzubauen und Angst zu verbreiten. Hexenjäger reisten mit Propagandamaterialien und Hinweisen, wie man Hexen identifizieren könne, von Dorf zu Dorf. Es wurden beispielsweise zwei Wochen zuvor Ankündigungen angeschlagen, dass der Hexenjäger kommen würde und dass von allen erwartet würde, dass sie damit beginnen würden, herauszufinden, wer die lokalen Hexen wären. Sich zu weigern zu kooperieren, konnte das eigene Leben gefährden. Hexen wurden öffentlich angeklagt und alle, die versuchten, der Frau zu helfen, waren sofort ebenfalls verdächtigt. Diese Propaganda zusammen mit der einfachen Terrorherrschaft dauerte zwei Jahrhunderte an und hatte unabsehbare Auswirkungen. [9]

Die Prozesse waren eine Farce. Willkürliche Beweise und so gut wie keine Chance auf Freispruch waren an der Tagesordnung. Folter war ein wesentlicher Bestandteil der Prozesse. James I: »Ohne Folter werden sie unwillig sein, zu gestehen, was ihre Schuld beweist.« Die Folter war heftig und extrem sexuell missbräuchlich. Die Verbrechen selbst waren so unscharf, so undefinierbar und vage, dass man die Parallelen zum heutigen »Terrorismus« sehen kann. Ein vager, aber mächtiger Begriff, der dich vom Rest der Menschheit absondert, ebenso wie von der Erwartung einer menschlichen Behandlung. Silvia Federici schreibt: »Die Vagheit der Anklage – die Tatsache, dass es unmöglich zu beweisen war, während es zugleich maximalen Schrecken verursachte – bedeutete, dass sie dazu genutzt werden konnte, jede Form des Protests zu bestrafen und allgemeinen Verdacht selbst auf die gewöhnlichsten und alltäglichsten Aspekte des Lebens zu lenken«. [10]

Jean Bodin beschreibt, wie die Prozesse aussehen sollten: »Der Beweis von derlei Verbrechen ist derart obskur und schwierig, dass nicht eine Hexe von einer Million schuldig gesprochen oder bestraft werden würde, wenn der Prozess von den gewöhnlichen Regeln bestimmt werden würde. Wer der Hexerei angeklagt ist, sollte niemals freigesprochen werden.« [11]

Die Prozesse und Hinrichtungen, Erhängungen oder Verbrennungen, waren ein großes öffentliches Spektakel, dem beizuwohnen die ganze Gemeinschaft gezwungen wurde – inklusive, und manchmal ganz besonders, die Töchter der Hexen. Die Hexenjäger trafen in einem Ort in Begleitung von Ärzten, Verwaltungsbeamten, Mitgliedern des Klerus und Henkern ein. Vom ganzen Dorf wurde erwartet, dass es sich auf dem Dorfplatz zu einer Prozess-Aufführung versammelt – einem großen Spektakel, das in Hinrichtungen gipfelte. Abwesenheit oder schlimmer noch, sich gegen den Prozess auszusprechen oder eine Angeklagte zu verteidigen, wurde als Schuldgeständnis gewertet und das eigene Leben war in Gefahr. Die Angstspirale kann gerade in Städten kaum unterschätzt werden, in denen es über viele Jahre hinweg regelmäßige Verbrennungen zahlreicher Frauen gab. Diese Menschen waren Nachbarn, Freunde und Familie. Berichte von Nachbarn, die sich gegenseitig beschuldigten, sind ein Resultat der Angst. Das ist eine ganz andere Geschichte als die des »Hexenwahns« oder der Erklärung mithilfe kommunaler Psychosen, die in der herrschenden Geschichte oft gegeben werden. Der weitere Text blickt auf einige Gründe und Auswirkungen der Hexenjagden. Die Hexenjagden waren einer der Mechanismen Frauen zu kontrollieren und zu unterwerfen, deren soziale und ökonomische Unabhängigkeit eine Bedrohung für die aufkeimende soziale Ordnung darstellten. Mary Daly behauptet, dass die Hexen »Frauen waren, deren physische, intellektuelle, ökonomische, moralische und spirituelle Unabhängigkeit und Aktivitäten das männliche Monopol in jeder Hinsicht ernsthaft bedrohte«. [12] Da Frauen vom ökonomischen und politischen Leben ausgeschlossen waren, wurden Spott und Gewalt dazu genutzt die neuen Geschlechtsbeziehungen durchzusetzen und zu rechtfertigen.

Unerträgliche, unabhängige Frauen

Frauen die zu laut, zu selbstbewusst oder zu wütend waren, wurden verdammt. Reginald Scott erklärte: »Das Hauptverbrechen von Hexen ist, dass sie zänkische Weiber sind.« Er bezieht sich auf Frauen, die ihren Ehemännern widersprechen oder miteinander reden. Ein zänkisches Weib wurde als eine Frau definiert, die »eine lästige und wütende Frau ist, die den öffentlichen Frieden stört … und öffentlichen Unfrieden stiftet.« Angesichts einer Kampagne die Frauen vom Arbeitsplatz auszuschließen und Berufe zu entwickeln, machten es diese Stereotypen einfacher Frauen anzugreifen, die gegen diese Tendenz kämpften und ihre ökonomische und soziale Unabhängigkeit bewahrten. Es war ein Verbrechen eine mit Worten beschäftigte Frau zu sein, eine Dichterin von Reimen oder Schimpfworten oder beleidigender, wolllüstiger Balladen.

Ein Gedicht aus dem Jahre 1630 lautet:

»Unglück erwartet die unselige Familie,
die einen Hahn hat, der schweigt und eine Henne, die kräht.
Ich weiß nicht wer ein unnatürlicheres Leben führt,
ein gehorsamer Ehemann oder eine herumkommandierende Ehefrau.«

Oder das folgende:

»Aber wenn ihr wie eine Amazone eure Verehrer angreift,
Und uns in Angst um unser Leben versetzt,
Dann mögt ihr für eure Schwestern und Tanten genügen,
Aber glaubt mir, ihr werdet niemals Ehefrauen sein.« [13]

Aber hinter diesen komischen Gedichten fand ein realer und ernsthafter Geschlechterkrieg statt. Die Rechte der Frauen wurden bis zu dem Punkt ausgehöhlt, an dem sie in ganz Europa das Recht verloren, Eigentum zu besitzen oder irgendeine andere ökonomische Aktivität auszuüben, unabhängige Rechtsverträge abzuschließen oder in einigen Fällen sogar, alleine zu leben. Die Verhöhnung unabhängiger Frauen konnte sogar soweit gehen, dass Frauen gezwungen wurden, einen Maulkorb (auch »Zaumzeug für zänkische Weiber«) auf der Straße zu tragen.

Diese kulturelle Kampagne unabhängige Frauen zu verhöhnen oder anzuklagen ging einher mit dem Ausschluss der Frauen von Lohnarbeit. Das schuf eine Geschlechtertrennung innerhalb der Arbeiterklasse, indem Männern eine bessere Chance gewährt wurde, Arbeit zu finden. Tatsächlich wurde die Arbeit, die Männer annahmen aber teilweise von Frauen erledigt, von Heimarbeit bis zu dem Ausmaß, dass Ehemänner den Lohn für die Arbeit ihrer Frauen erhielten, selbst als Ammen.

Sich sowohl auf die Art und Weise beziehend, auf die dieser Auschluss von Frauen von einem Lohn von den Autoritäten gefördert wurde, als auch auf die häusliche und herstellende Arbeit, die Frauen tatsächlich verrichteten, erklärt Silvia Federici:

»Aus diesem Bündnis zwischen Handwerk und den städtischen Autoritäten, zusammen mit der anhaltenden Privatisierung von Land, wurde eine neue geschlechtliche Arbeitsteilung … geschaffen, die Frauen in Begriffen definierte – Mütter, Ehefrauen, Töchter, Witwen –, die ihren Status als Arbeiterinnen verbargen, während sie Männern freien Zugang zu den Körpern der Frauen, ihrer Arbeit und den Körpern und der Arbeit ihrer Kinder gewährten.« [14] Sie behauptet, dass die geschlechtliche Arbeitsteilung eine Machtbeziehung war, die ein Eckpfeiler des Prozesses ursprünglicher Akkumulation und der Entwicklung des Kapitalismus war. Die Hexenjagden sicherten diese kulturelle und ökonomische Unterdrückung durch die allgegenwärtige Bedrohung der Hinrichtung von Nicht-Kooperierenden ab.

Soziale Kontrolle – vom Dorf zum Staat

Der Wandel des eng-verwachsenen Dorflebens verschob die patriarchale soziale Kontrolle von der kulturellen Unterdrückung auf Dorfebene hin zu den Gesetzen auf Staatsebene.

Das Dorfleben vor den Hexenjagden war wahrlich kein ländliches Paradies gewesen. Es gab eine Menge sozialer Kontrolle und viele Geschlechtertrennungen, aber die eng-verwachsene Natur der Gemeinschaften bedeutete, dass die soziale Kontrolle eine interne Angelegenheit war. Mit anti-sozialem Verhalten wurde mit Verbannung oder Spott umgegangen, wie etwa »harter Musik«, die vor dem Haus von störenden Gemeinschaftsmitgliedern gespielt wurde. Es gab kaum Toleranz gegenüber Nonkonformität und das gesamte Leben spielte sich in der Öffentlichkeit ab. »In England ist jeder Bürger per Eid dazu angehalten, ein wachsames Auge auf das Haus seines Nachbarn zu werfen, ob die verheirateten Personen dort in Harmonie leben«. [15] Die intensive ökonomische gegenseitige Abhängigkeit der Gemeinschaften stellte einen hohen Grad an sozialem Zusammenhalt sicher und die Lehnsherren waren oft in der Rolle der Durchsetzer des loakalen Status Quo.

Während des 16. und 17. Jahrhunderts brachen die Gemeinschaften aufgrund der Einhegungen, der Migration, des Aufkommens von Privateigentum (befeuert durch den zunehmenden Gebrauch von Geld als Tauschmittel) und dem Aufkommen von Lohnarbeit auseinander. Frauen waren zunehmend vom ökonomischen und sozialen Leben ausgeschlossen und ihre Rolle war zunehmend festgelegter. Soziale Kontrolle verschob sich aus dem Dorf hin in die Gefilde der Autoritäten. Als die Menschen immer mehr zu isolierten wirtschaftlichen Einheiten wurden, nahm auch die Notwendigkeit ab, auf einer sozialen Ebene miteinander auszukommen, also nahm die organisierte soziale Kontrolle zu. In dieser Phase der Geschichte erlebt Europa das erste Mal eine organisierte, vernetzte und weitreichende »Autorität« mit legalen, ökonomischen, spirituellen und moralischen Waffen.

Während dieser Periode entstand zusammen mit der physischen Umzäunung von kommunalem Land auch eine Reihe von Gesetzen und Veränderungen in den Gebräuchen, die die alten Formen des kommunalen sozialen Lebens, Spaßes, der Unterhaltung und Feierlichkeiten behinderten oder verboten, die oft auf diesem Gemeineigentum stattgefunden hatten. Alte Formen der kommunalen Feierlichkeiten wurden von Kirchenritualen abgelöst, die Gruppen-Festivals, Parties, Tänze und Orgien in hierarchische hohle, schuld- und pflichtbewusste Angelegenheiten verwandelten.

Neuordnung der weiblichen Sexualität

Eines der Resultate, die die Hexenprozesse mit sich brachten, war die Veränderung der Ansichten über weibliche Sexualität und geschlechtliche Eigenschaften von machtvoll hin zu machtlos. Vor dieser Periode waren Frauen gleichberechtigtere Akteurinnen in sexuellen Beziehungen, die als lustvoll, draufgängerisch und sexuell machtvoll (wenn nicht gar boshaft) repräsentiert waren. In mehr als der Hälfte der Prozesse wurden Frauen wegen irgendwelcher sexueller Verbrechen wie Sex außerhalb der Ehe, Sex mit dem Teufel, Sex mit Tieren, usw. angeklagt. Die Dämonisierung der unabhängigen oder nicht-zeugungsfähigen weiblichen Sexualität stellte die Basis zur Entwicklung der Kleinfamilie dar mit der Frau als Eigentum ihres Ehemannes.

Einige der bizarrsten Darstellungen weiblicher Sexualität stammen aus dem Malleus Malificarum, etwa: »Was soll man von jenen Hexen halten, die männliche Organe in großer Anzahl sammeln und sie in ein Vogelnest legen, oder sie in einem Kästchen verschließen, wo sie sich wie lebendige Wesen vermehren und Hafer und Mais essen, wie das von vielen beobachtet und oft berichtet wurde?« Oder »Alle Hexerei stammt von der Fleischeslust, die in Frauen unstillbar ist.« [16]

Das letzte Zitat stellt Frauen als sexuell aktiv und aggressiv dar; Männer beschuldigten Frauen sie zum Sex zu verhexen und rechtfertigten damit Vergewaltigungen oder stahlen sich so aus nicht länger gewollten Affären oder Schwangerschaften davon. Das steht im Kontrast zum späteren Stereotyp der unterwürfigen und schwachen Frau, das gegen Ende der Hexenprozesse vollständig entwickelt war. Die Hexenjagden riefen eine Angst vor machtvollen Frauen hervor, deren Macht dann als ein Pakt mit dem Teufel verspottet wurde. Der Prozess der Hexenverfolgung hatte Erfolg darin, die Vorstellung von weiblicher Sexualität von gefährlich – aber aktiv und machtvoll – in schwach und machtlos zu verwandeln. Der Teufel wurde zum wesentlichen sexuellen Akteur – der schwache Frauen verführte und kontrollierte und ihre Macht dazu degradierte, einem einzigen machtvollen Mann, dem Teufel, zu dienen.

Das gesamte Konzept des Teufels als allmächtige Entität wurde zu dieser Zeit eingeführt. [17] Zuvor war er zwar ein boshafter, aber relativ machtloser Störenfried. Ein männliches, einzig dominierendes Übel einzuführen, entsprach dem neuen Bild von Frauen als männlicher Macht unterwürfig; ein Ehemann, ein Gott, ein Teufel. Die Macht und Handlungsfähigkeit von Frauen wurde verleugnet, sowie sie Dienerinnen des Teufels wurden.

Das während dieser Periode entwickelte Konstrukt der unterwürfigen Ehefrau und Mutter besteht bis heute und dient der kapitalistischen Produktionsweise indem es unbezahlte Mütter, Versorgerinnen und Arbeiterinnen bereitstellt – die die Arbeitskraft produzieren und reproduzieren. Die Frau, ihre Kinder und ihre Arbeit sind zum Eigentum ihres Mannes geworden.

Alle nicht-zeugungsfähigen Formen weiblicher Sexualität wurden ebenso dämonisiert, wie weibliche Sexualität nach den Wechseljahren, lesbische und schwule Sexualität, Prostitution, Sex zwischen Jung und Alt, kollektiver Sex (wie die Frühlingsfestivals) oder Sex, der sich Verhütungsmittel bedient. Federici erklärt: »Die Hexenjagd verdammte die weibliche Sexualität als die Quelle allen Übels, aber sie war auch die Haupttriebkraft einer weitläufigen Neustrukturierung des Sexuallebens, das in Übereinstimmung mit der neuen kapitalistischen Arbeitsdisziplin jegliche sexuelle Aktivität kriminalisierte, die die Zeugung bedrohte, die Übertragung von Eigentum innerhalb der Familie oder Zeit und Energie für Arbeit raubte.« [18]

Prostitution wurde während dieser Periode erstmals für illegal erklärt und viele Prostituierte wurden als Hexen verbrannt. [19] Sie waren ökonomisch und sexuell unabhängige Frauen, die nicht in das neue Modell passten. Ehebruch wurde mit dem Tode bestraft und außereheliche Geburten wurden für illegal erklärt.

Frauen wurden nach ihren Wechseljahren oft als Hexen verbrannt und das neue Stereotyp der alten Hexe – verzweifelt, geil, aber abstoßend wurde in starkem Kontrast zur verehrten und umsorgten weisen Frau oder Tante erschaffen. Mit dem Zusammenbruch des kommunalen Lebens und dem Beginn der Kleinfamilie wurde auch der Status der älteren Verwandten‹ degradiert. Im Mittelalter waren sowohl die weise Frau als auch die Prostituierte positive soziale Figuren, die nun jedoch wegen ihres nicht-zeugungsfähigen Sexes dämonisiert wurden.

Auch Lesben wurden angeklagt, wie beispielsweise das Verfahren gegen Elizabeth Bennet: »William Bonner sagte, dass Elizabeth Bennet und seine Frau Liebhaberinnen und vertraute Freundinnen seien und viel Zeit miteinander verbringen würden.« Als seine Frau starb, wurde Elizabeth angeklagt, »sie mit ihren Armen umklammert und getötet zu haben.« Vor dieser Phase bedeutete das Wort ›Gossip‹ schlicht Freundin, aber als die Beziehungen von Frauen miteinander als verdächtig betrachtet wurden, wurde das Wort zu einer Beleidigung. 1576 wurde Margaret Belsed von Boreham verurteilt »eine Hexe zu sein und nicht mit ihrem Ehemann zu leben.« [20]

Im Gegensatz zum Aufkommen der Polizierung des privaten und sexuellen Verhaltens waren die radikalen Heretiker wie die Taboriten, die Brethren der Freigeister und die Anabaptisten oft gegen die Institutionen von Ehe, insofern die Liebe der Menschen für sie ebenso ein Akt und eine Sache an und für sich waren, wie es auch die Kommunion mit Gott war.

Weise Frauen und Heilerinnen

Vor dieser Periode war die Gesundheit die Domäne der bäuerlichen Heilerinnen und es gab Frauen in jeder Gemeinschaft mit großem Wissen und Fähigkeiten. Das Thema der Gesundheit spielte in vielen Verfahren eine Rolle – zum Beispiel in Fällen, in denen Frauen jemand geheilt hatten und die Person wieder krank wurde oder tatsächlich gesund wurde. Magie sollte die Domäne der Kirche sein und Heilkunst die Domäne des medizinischen Establishments. Die Hexenprozesse hatten Erfolg darin, große Mengen traditionellen Wissens effektiv auszulöschen und dadurch armen Gemeinschaften die Kontrolle über den menschlichen Körper zu entreißen. [21]

Die Heilerinnen waren geübte Ausübende, die von über Generationen weitergegebenem anatomischem und pflanzenkundlichen Wissen profitierten. Die bloße Tatsache des Versuchs zu heilen oder die Gesundheit oder die natürliche Welt zu beeinflussen wurde als Hexerei betrachtet, wenn sie von Frauen ausgeübt wurde, egal ob sie den Menschen damit halfen oder nicht. Es war irrelevant, ob es der Person besser oder schlechter ging, oder ob sie von den Akten, die der Frau zur Last gelegt wurden, überhaupt nicht beeinträchtigt worden war. 1548 sagte Reginald Scott: »Heute bedeutet es in der englischen Sprache das gleiche zu sagen ›Sie ist eine Hexe‹ und ›sie ist eine weise Frau‹«. [22]

Jede Form der Heilung wurde als eine Art Wunder betrachtet und die Heilerinnen bedienten sich auch abergläubischer Zaubersprüche und Reize. Während des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts wurden Magie und Wunder zur exklusiven Domäne Gottes und der Kirche oder auch des Teufels und folglich wurde die Magie der Menschen verleugnet oder als teuflisch betrachtet. [23] Ein Handbuch zur Aufspürung von Hexen behauptete: »Wir schätzen all die guten Hexen, die keinen Schaden anrichten, sondern Gutes tun, die nicht beschädigen und zerstören, sondern retten und erlösen auf die gleiche Zahl … es wäre tausendmal besser für das Land, wenn alle Hexen, besonders die Gutes vollbringenden Hexen den Tod erleiden würden.« [24] Die Arbeit weiser Männer und Magier wurde diskreditiert oder verdammt, aber sie wurden nicht getötet. Selbst heute bedeutet das Wort »Magier« ein Experte in etwas zu sein (z.B. ein »Finanzmagier«), während »Hexe« als abwertender Begriff gebraucht wird.

Die Kirche fand ein Gleichgewicht mit der wachsenden Anzahl universitätsgelehrter Ärzte, die zunehmend von den herrschenden Klassen angestellt wurden und erzwang bestimmte Zustände, wie die Anwesenheit eines Priesters.

Dieser wachsende medizinische Berufsstand schloss sehr zielgerichtet Frauen aus, inklusive den in Städten ausgebildeten Heilerinnen, lange bevor die Hexenjagden begannen. [25] Die männlichen, universitätsgelehrten Ärzte nahmen zu und einige betrachten die Hexenprozesse als Versuche, die Konkurrenz auszulöschen. Der Glaube an Hexen diente auch dazu, die Inkompetenz der Ärzte zu vertuschen. Beispielsweise gab es so gut wie keine Erkenntnisse über Krebs oder Schlaganfälle und folglich war es für die Ärzte einfach, unerklärliche Tode als Arbeit einer Hexe auszugeben. Die Kirche-Arzt-Hexe-Dynamik wird von Ehrenreich und English klar erklärt: »Die Partnerschaft zwischen Kirche, Staat und medizinischem Berufsstand erreichte ihr volles Ausmaß in den Hexenprozessen. Der Arzt wurde als medizinischer ›Experte‹ befragt, was dem ganzen Vorgang eine Aura des Wissenschaftlichen verlieh. Er wurde um Beurteilungen gebeten, ob bestimmte Frauen Hexen seien und ob bestimmte Beschwerden von Hexerei verursacht worden seien. In den Hexenjagden legitimierte die Kirche explizit das Expertentum des Arztes und denunzierte nicht-professionelle Heilkunst als Äquivalent zu Ketzerei: ›Wenn es eine Frau wagt zu heilen ohne studiert zu haben, dann ist sie eine Hexe und muss sterben.‹ Die Unterscheidung zwischen ›weiblichem‹ Aberglaube und ›männlicher‹ Medizin wird von den bloßen Rollen des Arztes und der Hexe vor Gericht vervollständigt … Sie platzierte ihn auf Seiten Gottes und des Gesetzes, ein Experte gleichberechtigt mit Rechtsanwälten und Theologen, während sie sie auf Seiten der Dunkelheit, des Bösen und der Magie platzierte. Er verdankte seinen neuen Status nicht eigenen medizinischen oder wissenschaftlichen Errungenschaften, sondern der Kirche und dem Staat, dem er so gut diente … Hexenjagden eliminierten die weiblichen Heilerinnen der Unterklasse nicht, aber sie brandmarkten sie auf ewig als abergläubisch und möglicherweise böswillig.«

Geburt und Hebammen

»Keiner fügt der katholischen Kirche mehr Schaden zu als Hebammen«, behauptete das Malleus Maleficarum und die päpstliche Bulle von 1484 schrieb, »Hexen zerstören den Nachwuchs von Frauen … sie hindern die Männer daran zu erzeugen und die Frauen zu empfangen.« Jegliche Form von sexueller Gesundheitsarbeit wurde verdammt; Geburtshilfe, Verhütung und Schwangerschaftsabbrüche. Wieder geht es um die Kontrolle über den Körper – und ganz besonders den weiblichen Körper und die Reproduktion.

Zu dieser Zeit sorgten sich Staat und Kapital besonders um die Geburtenraten. Sie benötigten Arbeitskräfte und betrachteten große Bevölkerungen als Zeichen des Wohlstands einer Nation. Die Bevölkerung war wegen der Pest und den Kriegen niedrig und die Autoritäten hatten Angst vor einem demografischen Zusammenbruch. Folglich waren sie gegen Abtreibungen und Verhütung (die Schauermärchen, in denen Hexen Kinder und Babies töten, rühren von dieser Kampagne her). Viele der ersten verbrannten Hexen verrichteten derlei Arbeiten und es gibt eine Vielzahl von Beweisen dafür, dass Frauen während dem Mittelalter tatsächlich die Geburtenraten innerhalb ihrer Gemeinschaften kontrollierten. Die Autoritäten wollten nicht, dass sich die Kontrolle über die Reproduktion in den Händen von Frauen der Unterklasse selbst befände und die Hexenprozesse waren teilweise ein Kampf darum, dieses Wissen zu erhaschen, das zuvor ein »weibliches Mysterium« gewesen war. Die weibliche Fähigkeit ihre Reproduktion zu kontrollieren war größtenteils verschwunden und sowie Hebammen und Frauengruppen vom Prozess der Geburt ausgeschlossen wurden, wurden die Gemeinschaften ihrer eigenen Traditionen und ihres eigenen Wissens beraubt. Soweit Kinder das Produkt weiblicher Arbeit sind, bedeutete die Kontrolle über die Reproduktion die Frauen von ihren eigenen Körpern zu entfremden und zu kontrollieren, wann, wo und wie viele Kinder Frauen haben sollten.

Tatsächlich sollte es weitere hundert Jahre dauern, bis die männlichen Ärzte wirklich ein Monopol darauf besaßen, Geburten beizuwohnen. Im siebzehnten Jahrhundert begannen Chirurgen damit Babies mithilfe einer Geburtszange zu greifen und Frauen waren von der Praktizierung der Chirurgie ausgeschlossen. Im achzehnten Jahrhundert wohnten den meisten Geburten Ärzte bei und als sich Hebammen in England organisierten und die männlichen Eindringlinge der Bereicherung und des gefährlichen Missbrauchs der Geburtenzange bezichtigten, wurden sie einfach als ignorante »alte Weiber«, die sich an die Aberglauben der Vergangenheit klammern würden, niedergemacht. Es war der Prozess der Hexenverfolgung, der die Samen für derlei Einstellung gesät hatte.

Im Frankreich und Deutschland des 16. Jahrhunderts waren Hebammen dazu verpflichtet dem Staat alle Geburten zu melden, inklusive geheimgehaltener Geburten. Heute ist es im Großteil Europas illegal, Geburten nicht registrieren zu lassen. Derzeit gibt es sehr viel Kontrolle der Autoritäten von Reproduktion, die vom katholischen Verbot von Verhütungsmitteln und Schwangerschaftsabbrüchen über staatliche Geburtenkontrollprogramme in China und Zwangssterilisationen in einigen Exporthandelszonen bis hin zur Abtreibung weiblicher Föten in der patriarchalen Gesellschaft Indiens reicht. Das Ausmaß, in dem die Geburt medikalisiert und als Risiko betrachtet wird, sowie das Vertrauen, das wir in die magisch erscheinende Macht des Arztes und Krankenhauses haben (und zwar trotz unserer häufigen Enttäuschungen durch die Medizin) bezeugt noch immer das Ausmaß dieses Kampfes. [26]

Der Aufstieg und die Zerstörung der Wissenschaft

Die Zerstörung der Heilerinnen und Hebammen ging Hand in Hand mit dem Aufstieg des neuen »Rationalismus«. Diese neuen Wissenschaftler waren in jeder Hinsicht Komplizen der Hexenprozesse, die, weit mehr als nur ein Überbleibsel einer Zeit der Magie und des Aberglaubens zu sein, eine großangelegte Kampagne waren, die von den gleichen Männern der Aufklärung durchgeführt wurde. Sie fanden im Kontext des Kampfes um »Wahrheit«, des Konzepts der Kontrolle über die natürliche Welt, der Akzeptanz von Hierarchie als »natürlich« und der Geist/Körper-Trennung statt, die dem Kapitalismus so gute Dienste erwiesen.

Ironischerweise war das meiste des Wissens der Heilerinnen empirisch und bediente sich der Prinzipien von Ursache und Wirkung, sowie Experimenten, von denen man heute sagt, dass sie das Resultat der modernen Wissenschaft seien und den Fortschritt gegenüber den angeblich abergläubischen Glaubenssystemen des Mittelalters repräsentieren würden. [27] Große Mengen Wissen über Kräuter, das über Generationen von Frauen weitergegeben worden war, gingen während der Prozesse verloren. Das waren buchstäblich Jahrhunderte entwickelten Wissens und Praktiken und die Kräuterkundigen von heute arbeiten hart daran, dieses Wissen wiederzubehaupten und wiederzuentdecken. Die männlichen Wissenschaftler zu dieser Zeit hatten ihr Wissen aus der Philosophie und klerikalen Studien. [28] Die Heilerinnen dagegen hatten Wissen über Chemie, Botanik, Naturwissenschaften, Pharmazie und Anatomie. Paracelsus, der oft als Vater der modernen Medizin bezeichnet wurde, sagte 1527, dass er »alles, was er wusste, von den Hexen gelernt hatte.« [29] Der Mythos der Aufklärung als der Prozess, in dem die modernen Männer Rationalismus und Empirismus einführten, muss vor dem Hintergrund der Hexenverfolgung hinterfragt werden.

Viele der Männer, die heute als Väter der modernen Wissenschaft gepriesen werden, waren tiefgreifend in die Verfolgung von Hexen involviert, wie beispielsweise Richard Boyle, Thomas Hobbes und Francis Bacon, der gemeinsam mit seiner weit berümteren »wissenschaftlichen Rationalität« auch das Übel der Hexen anprangerte. [30] Hexerei und Texte wie das Malleus Maleficarum, die heute so lächerlich erscheinen, wurden von diesen »rationalen« Männern der Akademie bis zum Ende des 18. Jahrhunderts noch immer ernsthaft diskutiert. Diese Männer vertraten genausosehr empirische Wissenschaft, wie Galileo oder Kopernikus der Ketzerei angeklagt wurden. Die Kirche bezog Position gegen die laizistischen Heilerinnen und gewöhnlichen Magier sowie gegen einige der neuen Wissenschaftler; es sollte der Glaube alleine sein, auf den man vertrauen sollte, da die »Sinne die Gefilde des Teufels waren« und nur Gottes Vertreter Wunder wirken konnten. Vielen Wissenschaftlern und Philosophen wie jenen der Royal Society gelang es, sowohl die Kirche zu beschwichtigen, als auch moderne Ideen zu entwickeln, und es waren jene Männer, die die größten Komplizen in den Hexenjagden waren.

Einen weiteren Beweis der Brutalität der Geburt der modernen Wissenschaft und Medizin kann man in den Folterkammern der Hexenjagden erblicken, die als medizinische Laboratorien dienten und von Ärzten beaufsichtigt wurden, ebenso wie in der Sezierung von Menschen. Auf öffentliche Erhängungen folgte ein Kampf um die Leiche, da Familienmitglieder versuchten, sie vor den Chirurgen und ihren entwürdigenden öffentlichen Autopsien zu retten. [31]

Wissen ist Macht – und diese Macht lag in den Händen der Frauen der Arbeiterklasse oder des Bauernstandes. Das Monopol auf Behandlung und Diagnose – und damit die Kontrolle über den Körper – wurde angefochten. Die neuen Philosophien und Wissenschaften der Zeit konstruierten eine neue Betrachtungsweise des Körpers als eine Maschine, die kontrolliert werden konnte (vom Verstand, von der Arbeit, vom Staat oder von den Ärzten). Die neuen Formen der Arbeit und der sozialen Beziehungen versuchten Körper zu kontrollieren, ganz besonders die von Frauen, die mit ihren Körpern die nächste Generation produzieren sollten, für ihre Ehemänner verfügbar sein und von ihnen kontrolliert werden sollten und ihre Körper für die neuen Systeme durch den Verlust der Kontrolle über ihr Wissen über diese entbehrlich machen sollten. Lohnarbeit führte die Trennung zwischen »Arbeit« und anderen Aktivitäten ein und machte klar, dass unsere Körper während der Arbeitszeit den Bossen zu Diensten standen. Silvia Federici schreibt, »Wie die Einzäunung die Bauernschaft um das kommunale Land enteignete, so enteignete die Hexenverfolgung die Frauen um ihre Körper, die folglich von allen Hindernissen ›befreit‹ waren, als Maschinen für die Produktion von Arbeitskraft zu funktionieren. Auch wenn die Drohung mit dem Scheiterhaufen schrecklichere Barrieren um die weiblichen Körper errichtete, als jemals durch die Einzäunung der Gemeindeflächen errichtet wurden.« [32]

Ältere Frauen und das Aufkommen des Privateigentums

Die Hexenprozesse wurden dazu genutzt, bettelnde Frauen zu dämonisieren und damit das schlechte Gewissen von reicheren Mitgliedern der gleichen Gemeinschaft zu lindern, das Eigentum von alleinstehenden Frauen zu enteignen und mit jeder Form von Widerstand oder Verbrechen umzugehen, die als Reaktion auf die zunehmende Armut aufkamen.

Die wirtschaftliche Situation war in der Mitte des 16. Jahrhunderts für viele Menschen fatal, als die Preise für Brot anstiegen und die Menschen von ihren Subsistenzgrundstücken und von den Gemeindeflächen verjagt wurden. Frauen waren gezwungen zu betteln oder zu stehlen, um sich und ihre Kinder zu ernähren. Der Zusammenhang zwischen den Einzäunungen und den Hexenprozessen wird dadurch veranschaulicht, dass die meisten aller Hexenprozesse in England in Essex stattfanden, wo auch das meiste Land umzäunt worden war, während es in den schottischen Highlands, wo das kommunale Leben weiterging, keinen Beweis für Hexenvefolgungen gibt. Der zunehmende Gebrauch von Geld als Zahlungsmittel befeuerte die Klassentrennung, zwang einige Menschen dazu, ihr Land zu verlassen und machte andere zu kleinen Unternehmern. Es gibt eine deutliche Korrelation zwischen der Zahl von Hexenprozessen und dem Anstieg der Nahrungsmittelpreise – mögliche Gründe könnten sein, dass die Prozesse eine Reaktion auf Revolten gegen Nahrungsmittelpreise waren oder auch Ausdruck von Wettbewerb um knappe Ressourcen (oder beides).

Viele der Ermordeten waren Witwen. In England gab es um diese Zeit herum Gesetzesänderungen, was das Eigentum von Frauen betraf – Witwen erhielten nun nur noch ein Drittel des Landes ihres verstorbenen Ehemannes, nicht mehr wie zuvor alles. In Italien wurde den Witwen selbst dieses Drittel genommen, was sie dazu zwang Landstreicherinnen oder Bettlerinnen zu werden. Gepachtetes Eigentum wurde der Witwe für gewöhnlich nicht weiter verpachtet. Die Armengesetze Englands stigmatisierten die Armen, verboten Bettelei ohne Genehmigung und legten später fest, dass jede Gemeinde für ihre eigenen Armen verantwortlich sein sollte und dass der Wohnort durch Geburt, Heirat oder Ausbildung belegt werden müsse. Diejenigen, die ihren Wohnort nicht belegen konnten, wurden mittels Zwang verschleppt – oft hunderte von Meilen. Das war zum Nachteil jener, die gezwungen waren, zu migirieren, besonders da die reicheren Städte strikter in der Kontrolle ihrer Bewohner*innen waren.

Hexen wurden beschuldigt, »für eine Kanne Milch, Bierhefe oder Gemüsesuppe oder irgend eine andere Entlastung, ohne die sie kaum leben könnten, von Haus zu Haus zu ziehen.« Jemanden zu beschuldigen, eine Hexe zu sein, konnte die Verpflichtung und Verantwortung erleichtern, sich nicht um abhängige Nachbarinnen kümmern zu müssen. [33] Das Gefühl mit einem Fluch belegt zu sein konnte die Schuld und Anspannung der Vernachlässigung und Verdammung von Gemeindemitgliedern sein. In vielen der Prozesse hatte der Anschuldigende die Frau zuvor schlecht behandelt, etwa indem er sich geweigert hatte, ihr seine Nächstenliebe entgegenzubringen. Ein Beispiel: »Die alte Frau war an der Tür vorbei gekommen, hinter der das Mädchen einen frischen Laib Weißbrot aß. Sie blickte ernst zu Mary, aber ging, ohne etwas zu sagen, weiter; und kehrte doch sofort zurück und schied wieder mit dem gleichen Blick und dem gleichen Schweigen. In diesem Moment fiel Mary Glover das Brot, das sie gerade kaute, aus dem Mund und sie selbst stürzte rücklings vom Stuhl, auf dem sie saß und verletzte sich dabei schwer.« [34]

Die Hexenprozesse machten die Entwicklung der kapitalistischen Mentalität des Privateigentums und Wohlstands dadurch möglich, dass diejenigen, die man zuvor als Teil des Ganzen versorgt hatte, zu Bettlern wurden, die um Wohltaten bitten mussten. Witwen, die von Festen und ähnlichem ausgeschlossen wurden, sind der Ursprung von Märchen wie dem von Dornröschen. Frauen wurden zu Sündenböcken aller Arten von Übeln – Todesfällen, Missernten, Krankheiten von Tieren, usw. und einer Art und Weise, auf die die aufkommende Mittelklasse sich einen größeren Anteil an knappen Ressourcen sicherte.

In anderen Regionen konnten die Hexenprozesse auch zu anderen Zwecken genutzt werden, etwa dazu, die Autoritäten dazu zu ermächtigen alles Eigentum und Vermögen von Frauen zu konfiszieren – das erklärt die große Anzahl an ermordeten ökonomisch unabhängigen Frauen. Maria Mies behauptet, dass das dabei verdiente Geld sehr viel bedeutender war als allgemein angenommen und zitiert dazu aus folgendem Brief von Bailiff Geiss an den Burgherren von Lindheim:

»Wenn euer Majestät nur Willens wäre, die Hexenverbrennung zu beginnen, würden wir bereitwillig das Feuerholz zur Verfügung stellen und alle übrigen Kosten tragen und euer Majestät würden dabei so viel verdienen, dass die Brücke wie auch die Kirche davon mit Leichtigkeit repariert werden könnte. Mehr noch, ihr würdet so viel verdienen, dass ihr euren Dienern zukünftig ein besseres Gehalt zahlen könntet, da man ganze Häuser und besonders die von den wohlhabenderen konfiszieren kann.« [35]

Geld wurde auch von den Hexenjägern verdient, die Bestechungsgelder entgegen nahmen, um Menschen nicht anzuklagen, ebenso wie auch die verschiedenen Scharfrichter, Kopfgeldjäger, Verwaltungsbeamten, usw. ebenfalls gut bezahlt wurden. Die Dokumente, die die Kosten der Prozesse aufschlüsseln, führen das Holz, die Folterinstrumente und das Bier für das Hexenverfolgungsteam auf. Besonders in Irland wurden einige reichere Frauen ermordet, bevor schließlich die herrschende Klasse nervös wurde und den Prozessen ihre Unterstützung entzog.

Organisierte Frauen, organisierter Widerstand

Die Hexenprozesse nahmen rebellische Frauen und Gruppen ins Visier, die Teil des allgemein hohen Grads an Klassenwiderstand gegen die wirtschaftliche Umstrukturierung auf dörflicher oder regionaler Ebene waren. Die Hexenverfolgung mag teilweise als eine Offensive der herrschenden Klassen betrachtet werden, die damit auf die intensiven Klassenkämpfe des vorangehenden Jahrhunderts und die daraus resultierende Akkumulationskrise der herrschenden Klasse reagierte.

Frauen waren natürlich Teil von Gruppen und Netzwerken, die Kräuter, Wissen, Fähigkeiten, Kameradschaft und Freundschaft miteinander teilten. Eine der Hauptanklagen bestand darin, Teil einer organisierten Rebellion zu sein und ganz gewiss waren diese Frauen Teil einer solchen. Und die berüchtigten Sabbate (nächtliche Treffen, Tänze oder Feste) waren die Treffen und Feiern dieser rebellischen Gemeinschaften. Angesichts ihrer Verarmung und Unterdrückung wurden diese Netzwerke auch politisiert und organisierten sich, wie etwa die Frauen, die 1608 in Lincolnshire »Zäune und Hecken einschlugen«; jene Frauen, die es 1608 in Warwickshire »in die eigenen Hände nahmen, sich des Nachts zu versammeln, um Hecken auszugraben und Gräben zuzuschütten« oder jene Frauen, die nachdem sie 1624 in York eine Umzäunung zerstört hatten »Tabak und Ale nach ihrer Heldentat genossen«. [36] In Frankreich entfesselten Frauen 1645 Revolten in Montpellier und in Italien 1652 in Cordoba; Frauen spielten auch eine wichtige Rolle in den deutschen Bauernkriegen der 1520er und 30er und viele Frauen waren Mitglieder der verschiedenen heretischen Sekten.

Die Details der Hexenprozesse zeigen, dass viele Frauen wegen Rebellionen gegen Mitglieder der lokalen herrschenden Klasse angeklagt wurden. So wie jene, die angeklagt wurden, gegen den dörflichen Vogt rebelliert zu haben, der versuchte ihre Söhne zu Soldaten zu machen; oder gegen den Aufseher der Armen, der ihre Kinder zum Pflichtdienst einzog. Joan Peachy wurde 1582 der Hexerei angeklagt, nachdem sie sich darüber beschwert hatte, dass ihr der Spendensammler für die Armen minderwertiges Brot gegeben hatte. Oder das Verfahren gegen Margaret Harkett im Jahre 1585:

»William Goodwin’s Diener verweigerte ihr Bierhefe, woraufhin seine Brauerei austrocknete. Sie wurde von einem Vogt dabei erwischt, wie sie Feuerholz vom Grundstück seines Herrn sammelte; der Vogt wurde wahnsinnig … Ein Gentleman wies seinen Diener an, ihr Buttermilch zu verweigern; daraufhin waren sie nicht mehr in der Lage Butter herzustellen.« [37]

Andere Frauen wurden angeklagt, nachdem sie Vergeltung an den lokalen Tyrannen, Einzäunungen und geschlossenen Schlagbäumen geübt hatten. Die wahren Hexensabbathe waren keine okkulten, religiösen Teufelsanbetungen, sondern dissidente Untergrundgruppen von Frauen (oder gemischten Geschlechtern), die angepisst, entrechtet und wütend waren.

Die Autoritäten hatten Angst vor selbstorganisierten Gruppen und Netzwerken. 1920 schrieb Montague Summers, der Übersetzer von Malleus Maleficarum: »Die Hexen waren im großen und ganzen eine politische Bewegung, eine organisierte Gesellschaft, die antisozial und anarchisch war, eine weltweite Verschwörung gegen die Zivilisation.« [38] Damals, ebenso wie heute, waren es die Hexenjäger, die die organisierten anti-sozialen Terroristen waren; eine »berechnende Kampagne des Terrors der herrschenden Klasse … gut organisiert, von Kirche und Staat initiiert, finanziert und durchgeführt.« [39]

Die Phase vor dem Höhepunkt der Hexenprozesse war in ganz Europa ein politisches Pulverfass. Die Geburt der neuen Ordnung war, wie sie es immer gewesen ist, ein blutiger Prozess. Es gab die Bauernkriege in Deutschland, das Wachstum und die Zerschlagung der heretischen Sekten oder radikalen christlichen Gruppen. Es gab die Kämpfe gegen die Einzäunungen in England, die Revolte der Croquants [Bauern] in Frankreich gegen Zehntabgaben, Steuern und Brotpreise. In all diesen Kämpfen spielten Frauen eine zentrale Rolle. Sie waren integraler Bestandteil der angegriffenen Gemeinschaften und ein integraler Teil des Kampfes gegen diese Angriffe. Die Hexenprozesse waren ein »Klassenkrieg, der mit anderen Mitteln geführt wurde. Die Verbindungen zwischen der Angst vor Aufständen und dem Beharren der Verfolger auf dem Hexensabbath können nicht übersehen werden…« [40] In dieser gesamten Periode wurde jede Bauernversammlung, jedes Fest und jeder Tanz von den Autoritäten als schierer Sabbath beschrieben. Die Hexenjagden zerschlugen jene, die sich an die Bauernkriege, die Kämpfe zur Verteidigung des Gemeindelandes, die Riots und Ausschreitungen gegen steigende Brotpreise erinnerten und entschlossen waren, den Widerstand fortzuführen. Mit den anhaltenden Prozessen wurden die Gemeinschaften der unabhängigen, starken, radikalen und rebellischen Frauen beraubt, die als Vorbild dienten und den Kampf fortführten.

Gemäß Silvia Federici: »Was bisher nicht erkannt wurde, ist, dass die Hexenverfolgung eines der wichtigsten Ereignisse in der Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft und Formierung des modernen Proletariats waren. Da die Entfesselung einer Kampagne des Terrors gegen Frauen, wie sie von keiner anderen Verfolgung je erreicht wurde, den Widerstand der europäischen Bauernschaft gegen den Angriff der Oberschicht und des Staates gegen sie schwächte … Die Hexenverfolgung verschärfte die Trennung zwischen Frauen und Männern, zerstörte ein Universum an Praktiken, Glauben und sozialen Subjekten, deren Existenz mit der kapitalistischen Arbeitsdisziplin unvereinbar war.« [41] Die Hexenprozesse dienten dazu, die Klasse entlang von Geschlechterlinien zu spalten, indem sie Angst und Misstrauen schürten. »Die Jahre der Propaganda und des Terrors säten unter Männern die Samen einer tiefen psychologischen Entfremdung von Frauen, die die Klassensolidarität zerbrach und ihre eigene kollektive Macht untergrub … ebenso wie die herrschende Klasse auch heute durch die Unterdrückung von Frauen das gesamte Proletariat unterdrückt … Wenn wir den historischen Kontext berücksichtigen, in dem die Hexenjagd stattfand, ebenso wie Geschlecht und Klasse der Angeklagten und die Auswirkungen der Verfolgung, dann müssen wir schlussfolgern, dass die Hexenjagd in Europa ein Angriff auf den Widerstand der Frauen gegen die Ausbreitung der kapitalistischen Beziehungen war, ebenso wie auch die Macht der Frauen, die diese durch ihre Sexualität, ihre Kontrolle über die Reproduktion und ihre Fähigkeit zu heilen besaßen.« [42]

Schlussfolgerung

Die Hexenprozesse machten die Durchsetzung der geschlechtlichen Arbeitsteilung, der Einzäunung des Landes, der Entfremdung von unseren Körpern und besonders von unseren reproduktiven Körpern, der angenommenen Norm von Frauen als dem schwächeren Geschlecht und des Ausschlusses von Frauen aus den sozialen, ökonomischen, kulturellen und politischen Sphären von Bedeutung möglich. Sie führten Geschlechtertrennungen innerhalb der Klasse ein und halfen damit den Klassenwiderstand gegen den aufkommenden Kapitalismus zu zerschlagen.

Die Taktik der Dämonisierung zusammen mit der geschlechtlichen Gewalt, die genutzt wurde, um Gemeinschaften und Widerstand gegen Ausbeutung zu zerschlagen und Klassentrennungen zu fördern (Geschlechtertrennungen ebenso wie Trennungen zwischen Segmenten der Klasse) ist seit Jahrhunderten überall auf der Welt eingesetzt worden. Die Dämonisierung der »Neger« während der ersten Phase des Kolonialismus spielte eine ähnliche Rolle. Stereotypen werden erschaffen und mithilfe des Terrors der Gewalt gestützt, um die Enteignung von Land, Ressourcen, Körpern oder Zeit zu ermöglichen. Der resultierende tiefverwurzelte Sexismus oder Rassismus verbleibt in unseren Psychen, um die anhaltende Ausbeutung und Unterdrückung zu rechtfertigen. Der soziale, ökonomische und politische Ausschluss, der während dieser Phase durchgesetzt wurde, spiegelt sich in der Gegenwart wieder.

Die in diesem Text erzählte Geschichte ist die des Europas des 16. Jahrhunderts, aber die gleiche Geschichte lässt sich auch vom Nord- und Südamerika der Kolonialzeit erzählen, vom Afrika sowohl während der Kolonialzeit als auch jüngst – zusammen mit der nächsten Runde der Einzäunungen, die von den Strukturanpassungsprogrammen des Internationalen Währungsfonds ausgelöst werden. Geschlechterstereotypen und geschlechtliche Gewalt gehen auch heute noch weltweit Hand in Hand – wobei die Ermordung von Frauen in »schwindelerregender Häufigkeit« stattfindet. [43] Jede Überraschung über die Komplizenschaft mit den Hexenprozessen des 16. und 17. Jahrhunderts in Europa sollte uns auch die Komplizenschaft mit der derzeitigen Gesellschaft hinterfragen lassen, hinsichtlich der von Krieg, Kapitalismus und Patriarchat heute verursachten Tode.

Wir müssen dieses Thema ans Licht bringen, um zu verstehen, wo wir heute stehen – die vergeschlechtlichten Ursprünge des Kapitalismus und die kapitalistischen Ursprünge der derzeitigen Form des Patriarchats. Wir können uns dieses Wissens bedienen, um uns im Kampf gegen die anhaltende Unterdrückung zu stärken, und um diejenigen Frauen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu feiern, die Stärke zeigen und sich zur Wehr setzen.

Nachwort

Wenn man die Verfolgung der Hexen in Europa als eine Kampagne zur kapitalistischen Neustrukturierung der Herrschaft betrachten muss, wie es im vorangehenden Text so prägnant herausgearbeitet wurde, so wirft dies unserer Meinung nach auch eine ganze Reihe von Fragen hinsichtlich der heutigen kapitalistisch-patriarchalen Ordnung und kontemporärer feministischer ebenso wie anderer anti-patriarchaler Ansätze auf. Fragen, die radikale Vertreter*innen antipatriarchaler Frauenbefreiungskämpfe seit jeher umgetrieben haben, die jedoch selbst in anarchistischen Auseinandersetzungen mit Patriarchat, so wie sich diese in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt haben, vollständig in den Hintergrund gedrängt wurden. »Was [haben Frauen] durch ihre Emanzipation erreicht? Gleiches Stimmrecht in einigen wenigen Staaten. Hat das unser politisches Leben verbessert, wie es so viele wohlmeinende Verfechter*innen vorhergesagt hatten?«1, fragte Emma Goldman 1906 mit Blick auf die Suffragettenbewegung, während He Zhen selbst – oder vielleicht vielmehr gerade – aus dem von westlichen Werten weit entfernten chinesichen Imperium ein Jahr später feststellt:

»Die Befreiung der Frauen sollte Frauen den Genuss echter Gleichheit und Freiheit bringen. Das westliche System bringt Frauen heute Freiheit und Gleichheit nur auf dem Papier. Die Freiheit, die sie behaupten, zu besitzen ist keine echte, sondern falsche Freiheit! Die Gleichheit ist falsche Gleichheit! Ohne echte Freiheit, fehlen Frauen die vollen Entwicklungsmöglichkeiten; ohne echte Gleichheit genießen nicht alle Menschenrechte. Frauen aus Asien glauben aus Ehrfurcht vor der Entwicklung der westlichen Zivilisation, dass Frauen aus dem Westen befreit seien und vollständige Freiheit und Gleichheit mit Männern teilen würden. Sie wollen in die Fußstapfen der westlichen Frauen treten. Ach! Wo wir uns doch im Zeitalter der Revolution der Frauen befinden, möchte ich nicht, dass sich Frauen mit falscher Freiheit und falscher Gleichheit zufrieden geben; Ich hoffe fest, dass Frauen echte Freiheit und echte Gleichheit erlangen!«2

He Zhen sah wie viele anderen anarchistischen und radikalen Vertreterinnen der Frauenbefreiung klar darüber, dass die Integration der Frauen in die Institutionen der Herrschaft, in diesem Fall in das ökonomische System der Lohnsklaverei sowie das politische System der Demokratie, ihnen nicht wirklich eine bessere Stellung innerhalb der Gesellschaft verschaffte, sondern sie vielmehr auch weiterhin gezwungen waren, prekarisierte, ausgebeutete Existenzen zu führen, die sie auch weiterhin der Verfügungsgewalt ihrer Ehemänner, ebenso wie jenen der männlichen Macht im Allgemeinen aussetzten. Diese Erkenntnis wurde auch in den 70er und 80er Jahren von radikalen Feministinnen und Anarchist*innen, die in antipatriarchale Kämpfe involviert waren, wiederholt formuliert. So schreibt Ann Hansen etwa in ihrem Text Feministischer Widerstand vs. Reformen (1984)3: »Alles was die meisten Reformen erreichen, ganz egal ob sie aus einem radikalen oder kapitalistischen Kontext heraus angestrengt wurden, ist die Einbeziehung ein paar weiterer weißer Frauen, die fähig und bereit dazu sind, sich an die männerdominierten Institutionen anzupassen.« Und tatsächlich forderte damals eine breite feministische Bewegung die Institutionen der Familie, der Wissenschaft und der Medizin aktiv heraus, die als jene Strukturen der Macht identifiziert wurden, in denen sich die Unterdrückung der Frauen durch die herrschende Ordnung materialisiert. Natürlich gibt es noch Stimmen, die auch heute noch dem kompromisslosen Kampf gegen das Patriarchat und seine Institutionen und dem Ziel der Frauenbefreiung in einem würdigen Sinne treu geblieben sind. Allerdings sind diese selten geworden und obwohl es derzeit auch in einem sich anarchistisch schimpfenden Milieu en vogue ist, sich einen feministischen Anstrich zu geben und mit verbalradikalen Parolen gegen Sexismus und Patriarchat geradezu inflationär um sich zu werfen, erwartet eine*n vielfach eine beschämende Überraschung, wenn man es wagt hinter die Fassade dieses neuen, feministischen Antlitzes zu blicken. Es sind nicht nur jene altbekannten reformistischen und bürgerlichen Forderungen nach gleichen Löhnen, die die schrillsten Marktschreier*innen der Frauenbefreiung mal in dieses, mal in jenes Ohr, das ihnen die Herrschaft schenkt, blöken, sondern auch vor dem Hintergrund des unter anderem im vorangehenden Text geschilderten Prozesses der Hexenverfolgung und der Etablierung des kapitalistisch-industriellen Patriarchats gänzlich absurde Forderungen, etwa die nach einer besseren medizinischen Versorgung mit Abtreibungsangeboten. Dabei zeigt doch beispielsweise kaum irgendetwas anschaulicher, was es bedeutet Wissen und Fähigkeiten, die unsere Körper und vor allem die Reproduktion betreffen, den Institutionen der Macht zu überlassen, als das neuerliche staatliche Abtreibungsverbot in den USA.

Tatsächlich offenbart die bereitwillige staatliche Förderung von Kampagnen zur Anwerbung neuer, weiblicher Naturwissenschaftlerinnen und Mathematikerinnen den heutigen neo-feministischen Kurs der (scheinbaren und/oder tatsächlichen) Integration unterdrückter Subjektivitäten und derer subversiver Potenziale in die Institutionen der Herrschaft. Aber was wird damit tatsächlich erreicht? Diese Frage zu stellen, kommen wir als Anarchist*innen, die wir für ein Ende von Unterdrückung und Ausbeutung aller Menschen und nicht bloß der Angehörigen einer bestimmten identitären Kategorie kämpfen, nicht herum. Und auch jeglicher radikaler Feminismus wird nicht um die Frage herumkommen, inwiefern ein paar mehr Wissenschaftlerinnen, die beispielsweise die zukünftigen Methoden der Zwangssterilisation, künstlichen Befruchtung und Bevölkerungspolitik im allgemeinen (mit)entwickeln, irgendetwas an der patriarchalen Unterdrückung von Frauen hier, wie anderswo auf der Welt ändern. Ändert es etwa irgendetwas an ihrer kolonialen rassistischen und sexistischen, ebenso wie genozidalen Praxis, dass die mächtigsten bevölkerungspolitischen Akteure dieser Welt, die sich häufig um medizinisch-soziale Themen bemühenden Philanthropenstiftungen diverser Industrieller und Technokraten heute etwa allesamt sowohl Frauen als auch Personen of Color in ihren Vorständen sitzen haben? Selbst dann, wenn man irrwitzigerweise davon ausginge, dass es sich bei ihnen nicht um bloße Marionetten der tatsächlich mit despotischer Macht regierenden Patriarchen hinter diesen demokratisierten Stiftungen handeln würde? Anarchist*innen haben sich schon immer dadurch von anderen revolutionären Kräften abgehoben, dass sie darauf beharrt haben, dass die Identität jener in den Schaltzentralen der Macht keine Rolle spielt, sondern die Macht und ihre Strukturen eine Eigendynamik entwickeln werden, die selbst die Machthaberinnen mit den besten Absichten binnen kürzester Zeit kompromittieren werden. Und hat ihnen die Geschichte nicht ausnahmslos Recht gegeben?

Wir behaupten, dass die Integration von Frauen in die Institutionen patriarchaler Herrschaft wie Medizin und Wissenschaft, Lohnarbeit und Parlament, Militär, Justiz, Bildung und Presse, ebenso wie die Stärkung ihrer Rollen in den Institutionen der Familie, der Sexualität inklusive Prostitution und Pornographie, wie es eine bestimmte Abart des heutigen sexpositivistischen Feminismus so sehr vertritt, keine Perspektive der Befreiung zu liefern vermag. Nicht nur die Geschichte der europäischen Hexenverfolgung legt Zeugnis davon ab, wie all diese Institutionen geschaffen wurden, um die Menschen zu kontrollieren, einzuengen und gegebenenfalls auszulöschen; auch die Geschichte der Kolonialisierung zeigt in so gut wie all ihren Epochen die zentrale Bedeutung, die insbesondere der Kontrolle über die Reproduktion, die Medizin und die Etablierung bestimmter, für das kapitalistisch-industrielle Patriarchat so wesentlicher familiärer und sexueller Vorstellungen4 zukommt.

Vor diesem Hintergrund muss auch ein Wort zu den Schlussfolgerungen verloren werden, die vor allem die marxistischen Interpret*innen der Geschichte der Hexenverfolgung daraus gezogen haben. Die in dem vorangehenden Text viel zitierte Silvia Federici beispielsweise vermochte aus ihrer Untersuchung der Hexenverfolgung keinen clevereren Schluss zu ziehen, als eine Initiative zur Bezahlung von Hausarbeit/Carearbeit zu gründen. Aber was würde das ändern? Die ebenfalls viel zitierten Barbara Ehrenreich und Deidre English kommen in ihrem Text Hexen, Hebammen und Krankenschwestern zu dem weitaus logischeren Schluss, dass es einer Beseitigung der »Unterschiede und Barrieren zwischen der Gesundheitsfürsorgerin und der Patientin« bedarf, vermögen dazu aber in einem praktischen Sinne lediglich folgendes zu bemerken:

»Das bedeutet für uns in der Praxis, daß wir im Gesundheitswesen die Organisierung als Arbeitskräfte von der Organisierung als Frauen unmöglich trennen können. Die Gesundheitsfürsorgerin als Arbeitskraft anzusprechen, bedeutet sie als Frau anzusprechen.«5

Diese Formen der Identitätspolitik sind uns zu wenig. Wenn wir uns der Geschichte der Hexenverfolgung in Europa zuwenden, so sehen wir darin einen mittels tödlicher Repression ausgetragenen Kampf der Herrschaft zur Durchsetzung ihrer kapitalistischen und später industriellen Transformation, die mit Arbeit, Medizin, Wissenschaft, Justiz und Gesetz, staatlicher Kontrolle der Reproduktion und Sexualität, ebenso wie der Kleinfamilie und dem Eigentum – und der mit beidem einhergehenden Urbanisierung – genau jene, heute so wichtigen Institutionen patriarchaler Unterdrückung geschaffen hat und wir misstrauen jeglichem Ansatz, der nicht die totale Zerstörung all dieser Institutionen beabsichtigt.

Wir geben die Übersetzung des vorliegenden Textes dabei an dieser Stelle als eine Diskussionsgrundlage um die mit den Hexenprozessen verbundene Neustrukturierung des Patriarchats heraus, wohl wissend, dass der Text selbst und auch unsere in diesem Nachwort formulierte Kritik an der bisherigen Rezeption dieser historischen Prozesse aus einer radikalen feministischen oder auch anarchistischen Sicht keine Vorschläge in Richtung eines Kampfes gegen die Institutionen des Patriarchats macht und auch eine umfassende Analyse der bisherigen Veränderungen patriarchaler Herrschaft zu leisten vermag. Wir hoffen dennoch, dass er einer Diskussion in diese Richtung zuträglich sein mag und werden auf diese Fragen ganz gewiss an anderer Stelle sehr viel ausführlicher zu sprechen kommen.

Winter 2022/23

1Emma Goldman. The Tragedy of Woman’s Emancipation in Mother Earth Vol. 1, No. 1 (März 1906).

2He Zhen. Die Probleme der Frauenbefreiung (1907). Hervorhebung d. Hrsg.

3Aus Krieg gegen das Patriarchat, Krieg gegen die todbringende Technologie. Gesammelte Statements, Essays und Communiqués von Direct Action und der Wimmin’s Fire Brigade.

4Siehe dazu etwa K’é Infoshop Collective. “Siedlersexualität” in Schwarze Saat. Gesammelte Schriften zum schwarzen und indigenen Anarchismus. Oder auch “Terra Nullius ist Vergewaltigungskultur” in In einer Welt der Ruinen. Gespräche von indigener Anarchie. Ausgewählte Texte.

5Barbara Ehrenreich, Deidre English. Hexen, Hebammen und Krankschwestern.

Endnoten

[1] Gage, M. J. (1893) Women, Church and State: The Original Exposé of Male Collaboration Against the Female Sex.

[2] Zitiert nach Keith Thomas (1971) Religion and the Decline of Magic.

[3] Auch wenn große Uneinigkeit hinsichtlich der Anzahl ermordeter Frauen herrscht, ist 200.000 eine solide Schätzung. Das Fehlen von Aufzeichnungen und Forschungsprojekten macht exakte Zahlen schwierig. Für weitere Diskussionen dazu siehe auch Silvia Federici (2004) Caliban and the Witch, S. 208; und Anne L. Barstow (1994) Witchcraze: A New History of the European Witch Hunts. In jedem Fall sind die Zahlen bezeichnend genug, um eine europaweite, Jahrhunderte andauernde Terrorherrschaft gegenüber allen Gemeinschaften mit tiefgreifenden sozialen und psychologischen Auswirkungen zu veranschaulichen. Um eine Vorstellung von den Bevölkerungszahlen um 1600 zu geben: Deutschland und Österreich: 13 Millionen; Italien: 11 Millionen; Spanien: 9 Millionen; heutiges UK: 9 Millionen.

[4] Auch diese Gruppen wurden erbarmungslos verfolgt und haben eine faszinierende eigene Geschichte. Sie waren typischerweise gegen Privateigentum und waren auf viele Weisen die ersten Anarchist*innen. Einige behaupten, dass die heretische Bewegung die erste Proletarische Internationale gewesen sei, wobei Sekten weitverbreitet waren und internationale Netzwerke besaßen, inklusive Handelsnetzwerken, Pilgern und Flüchtlingen. Mehr über die faszinierende Geschichte dieser Bewegung erfährt man im jüngsten Roman Q von Luther Blisset (2004), der eine Geschichte der Anabaptisten und anderer Sekten beinhaltet – der jedoch, auch wenn es in vielerlei Hinsicht ein gutes Buch ist, die Hexenverfolgung nicht mit einem einzigen Wort erwähnt. Eine gute Übersicht über die Geschichte der Taboriten liefert Howard Kaminsks A History of the Hussite Revolution und H. C. Leas (1961) The Inquisition of the Middle Ages liefert Informationen zu vielen heretischen Sekten. Außerdem lesenswert sind Neither mine nor thine: Communist experiments in Hussite Bohemia und ein Artikel von Kenneth Rexroth, der auch die Brethren der Freigeister und die Bauernaufstände behandelt unter http://www.bopsecrets.org/rexroth/communalism2.htm. Auch ein Kapitel in Fredy Perlmans Against His-story, Against Leviathan behandelt die Taboriten. Die beiden erwähnten Artikel enthalten einige Ungenauigkeiten und Übersetzungsprobleme hinsichtlich der Adamiten, sind aber dennoch lesenswert. Das Buch von Perlman romantisiert diese umgekehrt vielleicht ein wenig – und er nennt keine Quellen [jaja, Against His-story; Anm. d. Übers.] – aber er lässt sich gut lesen und vermittelt ein gutes Gefühl für den Kontext. Ein interessantes Buch, das sich speziell auf Frauen fokussiert, ist schließlich Warring Maidens Captive Wives and Hussite Queens: Women and Men at War and at Peace in Fifteenth Century Bohemia.

[5] Silvia Federici (2004) Caliban and the Witch: Women, the Body and Primitive Accumulation, S. 47

[6] Die katholische Kirche hat sich nie für dieses schreckliche Massaker entschuldigt und das trotz all der anderen Dinge, für die sich sich über die Jahre zu entschuldigen genötigt sah.

[7] Siehe Down With the Fences: Battles for the Commons in South London, 2004

[8] Zu den Risiken Ackerland in Weideland zu verwandeln, sie Thomas Moores Erzählung vom menschenfressenden Schaf in Utopia, veröffentlicht 1516.

[9] Bezeichnenderweise ist das einzig bekannte Beispiel von Männern, die als Gruppe die Frauen ihrer Gemeinschaft verteidigen, eine Gruppe von Fischern aus St. Jean-de-Luz im Baskenland, die während der Monate der Propagandaphase auf See waren. Sie hörten von ihren Ehefrauen und Schwestern von den Hexenprozessen und kehrten sofort zurück, um den Prozess erfolgreich zu stoppen.

[10] Federici, S. 170.

[11] Jean Bodin (1580) zitiert nach Mary Daly (1978) Gyn/Ecology: The Metaethics of Radical Feminism, S. 182; und P. Hughes (1975) Witchcraft.

[12] Daly, S. 184.

[13] Dieses und die vorangehenden Zitate stammen aus D. Underdown (1985) The Taming of the Scold: Order and Disorder in Early Modern England, S. 120 und anderswo.

[14] Federici, S. 97.

[15] D. Underdown (1985).

[16] Zitiert nach Marianne Hester (1992) Lewd Women and Wicked Witches: A Study of the Dynamics of Male Domination

[17] Der Glaube an den Teufel scheint mit dem Übergang von einer Produktionsweise zur anderen aufzukommen. Ironischerweise verdächtigten im Dracula-Mythos, ebenso wie in einem großen Teil Südamerikas die Armen die Reichen der Teufelsanbetung. Geldbeziehungen und die Waren schienen diabolisch und unnatürlich verglichen mit den alten subsistenten Lebensformen. Mehr dazu, siehe Michael T. Taussig (1980) The Devil and Commodity Fetishism in South America. Federici hat Widerhalle dieses Phänomens im modernen Afrika entdeckt – siehe Federici, S. 239.

[18] Federici, S. 194.

[19] Die Geschichte der Prostitution und ihrer Beziehungen zu Kapitalismus, Sexualität, Religion, Hexenprozessen und Urbanisierung ist faszinierend und komplex und verdient einen eigenen Text. Der Staat fördert Prostitution in einem Moment als eine Besänftigung wütender Männer, eine Heilung für Homosexualität und einen Job für alleinstehende Frauen – bis hin zur Einrichtung staatlicher Bordelle –, nur um sie im nächsten Moment zu dämonisieren und die Prostituierten bloßzustellen.

[20] Dieses und das vorangehende Zitat stammen aus M. Hester (1992).

[21] Siehe auch B. Ehrenreich und D. English (1973) Witches, Midwives and Nurses: A History of Women Healers für einen detaillierteren Überblick über diesen Aspekt der Prozesse.

[22] Thomas, S. 518.

[23] Siehe Keith Thomas, Religion and the Decline of Magic (1991).

[24] Zitiert nach Ehrenreich und English.

[25] Beispielsweise wandten sich die englischen Ärzte mit einer Petition an das Parlament, in der sie lange Haftstrafen für »wertlose und anmaßende Frauen, die sich des Berufs ermächtigen« und versuchen »die Praktik der Medizin« auszuüben, forderten. Siehe Ehrenreich und English.

[26] Im UK waren in den vergangenen Jahren zahlreiche unabhängige Hebammen der Verfolgung durch die Medizin ausgesetzt, wobei ihr Fall gründlich untersucht wurde, in der Hoffnung einen Beweis gegen sie zu finden. Die Versicherungsbeiträge für unabhängige Hebammen sind so hoch, dass diese geradezu dazu gedacht sein müssen, sie davon abzuhalten außerhalb der Kontrolle der Medizin tätig zu sein. Hebammen, die in Krankenhäusern arbeiten, sind von der Krankenhausversicherung abgedeckt. Für weitere Informationen zu aktuellen Themen der Geburtenhilfe in den UK, siehe auch die Webseite der Association of Radical Midwives unter http://radmid.demon.co.uk. 2006 wurde in den USA eine Frau wegen Totschlags angeklagt, nachdem sie ein totes Baby zur Welt gebracht hatte, weil sie drogenabhängig war. Die US-Regierung hat eine Kampagne gestartet mit dem Ziel, dass sich alle Frauen, die in gebärfähigem Alter sind, als ›vorschwanger‹ betrachten, egal ob sie planen ein Kind zu bekommen oder nicht. Sie werden beispielsweise dazu gedrängt, nicht zu trinken oder zu rauchen für den Fall, dass sie schwanger werden – eine Kampagne, die eine Betrachtungsweise von Frauen als wandelnde Gebärmutter fördert.

[27] Es gab zu dieser Zeit auch viele Aberglauben, inklusive dem weitverbreiteten Glauben an die Wirkung von Zaubersprüchen, das sollte uns jedoch nicht dazu verleiten, das ernsthafte botanische, chemische und anatomische Wissen der Heilerinnen herunterzuspielen oder zu ignorieren. [Überhaupt scheint es ja auch nicht allzu absurd, dass nicht auch Zaubersprüche einen größeren Effekt als den des Abergläubischen entfesseln konnten und können; Anm. d. Übers.]

[28] Der Arzt Edward II – der einen Bachelor-Abschluss in Theologie und einen Doktor in Medizin von Oxford hatte – verschrieb gegen Zahnschmerzen, dem Patienten auf den Kiefer die Worte ›Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, Amen‹ zu schreiben, oder eine Nadel an eine Raupe zu halten und dann an die Zähne. Eine häufige Behandlung für Lepra war eine Brühe aus dem Fleisch einer schwarzen Schlange, die auf trockenem Land zwischen Steinen gefangen wurde. Siehe Ehrenreich und English.

[29] Zitiert nach Ehrenreich und English.

[30] Um mehr über Bacon zu erfahren, vergleiche man Thomas, S. 522 mit dem Material von http://en.wikipedia.org/wiki/Francis_Bacon.

[31] Linebaugh (1975) The Tyburn Riots against the Surgeons und The London Hanged (1992).

[32] Federici, S. 184.

[33] Keith Thomas beschäftigt sich umfangreicher damit in Religion and the Decline of Magic.

[34] Zitiert nach Thomas.

[35] Maria Mies (1986) Patriarchy and Accumulation on a World Scale: Women in the Global Division of Labour.

[36] Federici, S. 73.

[37] Thomas, S. 556.

[38] Rosalind Miles (1989) The Women’s History of the World.

[39] Ehrenreich und English.

[40] Federici, S. 165.

[41] Federici, S. 165.

[42] Federici, S. 170.

[43] Lebohang Letsie spricht 2006 über die häuslichen Morde in Botswana. Für mehr Informationen zu Hexenjagden in den Kolonien, siehe Federici.

 

Entnommen aus Frauenverbrennung (Edition Walpurgisnacht).