Es ist kaum 65 Jahre her, da war es absolut üblich, in der anarchistischen Literatur Analysen der Institutionen zu lesen, in denen sich die verschiedenen Formen der Herrschaft manifestierten. Wenn man beispielsweise über die Unterdrückung der Frauen schrieb, dann wurden die Familie und die Ehe untersucht und bloßgestellt. Wenn die Unterdrückung von Vergnügen und der Freude des Lebens zur Diskussion stand, dann wurden Religion und Gesetz ins Visier genommen. Der institutionelle Rahmen, in dem sich diese Gesellschaft abspielt wurde als Quelle der Ausbeutung, Herrschaft und Entfremdung wahrgenommen.
Es scheint so, als wäre dieser institutionelle Rahmen in jüngerer Zeit größtenteils vergessen worden zu sein. Von den verschiedenen Institutionen, in die unser entfremdetes kreatives Potenzial zu unserem Nachteil akkumuliert wurde, scheinen nur noch der Staat und das Kapital (und gelegentlich die Technologie) in einem bedeutenden Ausmaß Erwähnung zu finden und selbst diese werden häufig mehr als Geisteszustände, denn als konkrete soziale Institutionen behandelt. So entdecken wir beispielsweise, dass Anarchist*innen gegen Staatlichkeit (was auch immer das sein soll) sind, anstatt gegen den Staat. Auf diese Weise kann etwa ein Bookchin behaupten, gegen Staatlichkeit zu sein, während er den altertümlichen griechischen Stadt-Staat als Modell für seine demokratisierte Version der „Anarchie“ bewirbt.
Jede andere Form der Unterdrückung wird ebenfalls zu einem „-ismus“ (Rassismus, Sexismus, usw.) oder schlimmerem (Homophobie impliziert beispielsweise eine psychologische Störung, die einer Behandlung bedarf, anstatt einer sozialen Repression, die nach Revolte verlangt). Natürlich verleugnen wir nicht die Realitäten der Ideologien der Bigotterie und ihrer Durchdringung der Gedanken und Gefühle der Ausgebeuteten und Unterdrückten. Aber ohne ein Verständnis des institutionellen Rahmens der Unterdrückung und Herrschaft ist es nicht möglich zu verstehen, wie die herrschende Klasse diese Ideologien dazu nutzt, diejenigen zu spalten, die sie ausbeutet.
Selbst die anscheinend Radikalsten (weil ihre Rhetorik am extremsten ist) innerhalb des anarchistischen Millieus entgehen dem nicht. Die von primitivistischen und antizivilisatorischen Kreisen kommende Kritik richtet ihre verbalen Angriffe allzu häufig gegen eine nebulöse, schlecht definierte Zivilisation. Gewiss klingt „Für die Zerstörung der Zivilisation“ radikal. Meiner eigenen Definition gemäß stimme ich damit sogar überein. Aber meiner Definition nach ist Zivilisation nicht irgendeine nebulöse, weitestgehend mentale Kategorie, die dem Rationalismus oder dem westlichen Denken oder welcher unerwünschten Denkweise auch immer entspringt; sie ist ein Netzwerk konkreter sozialer Institutionen, die ich in meinem Alltag konfrontiere: Staat, Wirtschaft, Religion, die Familie, technologische Systeme, und so weiter, allesamt sehr reale Entitäten, die nicht von Gedankenspielen beseitigt werden werden.
Und genau hier tappt die derzeitige Tendenz in eine Falle. Wenn eine Analyse des institutionellen Rahmens der Unterdrückung, Ausbeutung, Herrschaft und Entfremdung vergessen wird, dann tritt Therapie an die Stelle von Revolution. Wir sind dann gezwungen, uns mit den pathetischen, weinerlichen Geständnissen eines Chris Crass zu beschäftigen oder auch der schlechten Popkultur-Psychologie der Autor*innen des Textes „Stick it to the Manarchy“ (wobei schon der Gebrauch eines Begriffs wie „manarchy“ ein sicheres Zeichen dafür ist, dass jemand nichts hörenswertes zu sagen hat), die versuchen ihren „Sexismus“, „Rassismus“, „Homophobie“ und „Klassismus“ abzulegen, die nicht länger irgendwelche Ideologien der Bigotterie sind, sondern niedere mentale Krankheiten, unter denen die selbsternannten „Privilegierten“ aller Klassen leiden.
Jede*r ernsthafte revolutionäre Anarchist*in muss sehen, dass das nur eine weitere List der Feiglinge und jener ist, die ein Interesse an der Aufrechterhaltung der herrschenden Ordnung haben, die eigentliche Entscheidung darüber, auf wessen Seite sie im Kampf gegen diese Gesellschaft stehen, aufzuschieben. Diejenigen von uns, die es mit der Zerstörung der gegenwärtigen Welt ernst meinen, um unsere Leben selbst zu gestalten, haben keine Zeit für diese selbstgerechten Gedankenspielereien, die so sehr an Selbsthilfegruppen erinnern („Mein Name ist … und ich bin süchtig nach meiner eigenen Unterdrückung.“). Unsere Aufgabe liegt vor uns: Die Institutionen aufzudecken und anzugreifen, die uns unsere Leben gestohlen haben und uns in diesem Prozess unsere eigenen Leben wiederanzueignen. Welche kleinen Versatzstücke einer unterdrückerischen Mentalität diesen Prozess auch immer überleben, mit denen lässt sich auch dann ein Umgang finden, wenn wir diese Aufgabe erst einmal bewältigt haben.
Entnommen aus Killing King Abacus No. 2.