Welche Rolle kommt dem Subjekt Mann in der technopatriarchalen Ordnung zu?
Exkurs: Die Rolle der Frau in der patriarchalisch-kapitalistischen Gesellschaft
Auch wenn es meiner Meinung nach gewiss eines der wesentlichen Probleme antipatriarchaler Analysen aus Männersicht darstellt, dass diese eben genau keine von der eigenen Subjektivität ausgehende Analysen entwickeln und stattdessen die Rolle des Mannes, also die eigene Rolle, in aller Regel als Inverses der von der Feministischen Bewegung sehr ausführlich analysierten Rolle der Frau im Patriarchat betrachten, so lohnt es sich dennoch auf jeden Fall von dem auszugehen, was Feministinnen als die Rolle der Frau innerhalb des Patriarchats identifiziert haben. In diesem kleinen Exkurs will ich dazu ein paar Annahmen wiedergeben.
Wenn man sich die Stellung der Frau in der sogenannten westlichen Welt aus einer historischen Perspektive ansieht, so fällt auf, dass sich diese zumindest bis zu einem bestimmten Punkt stetig verschlechtert hat. Eine sehr ähnliche Entwicklung lässt sich auch in den Ländern der sogenannten Dritten Welt beobachten, dass sich nämlich die gesellschaftliche, politische, wirtschaftliche und kulturelle Stellung der Frau dort im Grade der sogenannten »Entwicklung« dieser Länder ebenfalls beständig verschlechtert hat. Aus dieser Sicht liegt es nahe, dass der Industrialismus und sein kapitalistisches Akkumulationsmodell (zumindest auch) auf einer spezifischen Ausbeutung der Frau basiert. Es fällt dabei auf, dass Frauen, wie auch die Bewohner sogenannter Kolonien (»Naturvölker«) gleichermaßen in die Natur, die vom Industrialismus als beliebig ausbeutbare Ressourcenbasis betrachtet wird, hineindefiniert werden, was auch ihre Ausbeutung rechtfertigen soll.
»Die ökonomische Logik hinter dieser Kolonisierung besteht darin, daß Frauen (als Produzentinnen von Menschen) und Land Güter sind die auf keine Weise kapitalistisch herzustellen sind. Kontrolle über Frauen und Land ist daher die Grundlage jedes auf Ausbeutung basierenden Systems. Es geht also darum, diese ›Produktionsbedingungen‹ zu besitzen. Das Verhältnis zu ihnen ist ein Aneignungsverhältnis.« (v. Werlhof, Mies, Bennholdt-Thomsen: Frauen, die letzte Kolonie, 1983)
Aus dieser Betrachtungsweise der Frau, als Produzentin von Menschen, analog zur Natur als Produzentin von Rohstoffen, die beide für den kapitalistischen, industriellen Prozess unverzichtbar benötigt werden, resultiert also ihre Rolle in der patriarchalisch-kapitalistischen Gesellschaft, die sie folglich vor allem zur sogenannten Hausarbeit und zum Gebären verdammt.
Diese Rolle ergibt sich dabei nicht aus irgendeiner natürlichen Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau, auch wenn die patriarchale Ideologie dies gerne so darstellt, sondern wurde mittels eines gewaltsamen Prozesses der Unterwerfung und Anneignung von Frauen geschaffen. Angefangen bei der (europäischen) Hexenverfolgung, die vor allem Frauen, die sich ihrer neuen Rolle als Produzentinnen von Menschen und Hausfrauen nicht fügen wollten, sowie jene, die über ein besonderes Wissen um die Vorgänge der Reproduktion verfügten, ins Visier nahm (vgl. etwa Frauenverbrennung), bis hin zur Entmachtung von Hebammen durch die Medizin (vgl. etwa Ehrenreich, English: Hexen, Hebammen und Krankenschwestern, 1973), wurde seitens der Herrschaft alles daran gesetzt, Frauen gewaltsam in ihre Rolle als Produzentinnen von Menschen zu zwängen, und bis heute zeugt der § 218 (Abtreibungsverbot) unverändert von diesem staatlichen Zugriff auf den weiblichen Körper. Neben dieser unvermeidlichen Ausbeutung von Frauen zur Produktion neuer Menschen fand und findet je nach sozialem Kontext auch weiterhin zusätzlich ihre nicht entlohnte Ausbeutung als Hausfrauen statt. Was die Frauen im Sinne einer familiären Arbeitsteilung einst wirtschaftlich von ihren Ehemännern vollkommen abhängig gemacht hat und deshalb auch staatlich forciert wurde, weil es so nur umso mehr ihre Rolle als Produzentinnen neuer Menschen festigte, befindet sich heute zumindest in vielen westlichen Ländern in einer Umbruchphase. Längst sind Frauen etwa in die Sphäre der entlohnten Arbeit eingebunden worden (wenngleich oft zu schlechteren Löhnen und bei gleichzeitiger Erwartung seitens ihrer Ehemänner, dass sie weiterhin einen Großteil der Hausarbeiten übernehmen). Unterdessen arbeitet die heutige Reproduktionstechnologie an nichts geringerem als der Aufhebung ihres Daseins als Frauen, also als Lebensspenderinnen, indem sie sie mehr als je zuvor als Rohmaterialien für den Reproduktionsprozess begreift, ihre Körper in seine kleinsten Bestandteile zerlegt, um daraus sodann regelrechte Gebärmaschinen oder auch Muttermaschinen wieder zusammenzusetzen.
Mehr als je zuvor werden Frauen heute also als ausbeutbare Ressource für die patriarchale Produktion von Menschen betrachtet. Wo sich ihre Rolle als Hausfrauen nicht länger ausbeuten lässt (etwa aufgrund von feministischen Kämpfen um (bürgerliche) Gleichberechtigung), wird von ihnen erwartet, dass sie sich der Rolle der Männer anpassen und sich schlicht in die Sphären der Lohnarbeit integrieren. Zugleich geht diese Integration und die damit verbundenen Einschränkungen bei der Ausbeutbarkeit der so integrierten Frauen damit einher, dass die Ausbeutung von Frauen anderswo auf der Welt oder der Frauen anderer Klassen verschärft wird: Als Leihmütter, als Ressourcenbasis für künstliche Reproduktion, als Tagesmütter, als Dienstmädchen, usw. usw.
Parallel zu dieser Rolle der Frau als Gebärmaschine existiert auch eine Reihe von Rollenvorstellungen der Frau als Sexobjekt für den Mann. Traditionell mit ihrer Rolle als Ehefrau, Hausfrau und Mutter verbunden, scheint auch diese Rolle heute je nach gesellschaftlichem Kontext einem gewissen Wandel zu unterliegen. Zweifelslos werden Frauen in patriarchalen Gesellschaften sexuell objektifiziert, sei es eben als Gebärmaschine, als Prostituierte (inklusive der Ehe als Sonderform der Prostitution) oder als Werbeträgerin (es ist in den letzten Jahren völlig normal geworden, alle Arten von Produkten mit sexualisierten Frauenkörpern zu bewerben). Wo die Integration von Frauen aber besonders vorangeschritten ist, scheint auch eine Veränderung dieser Rolle der Frau als Sexobjekt stattzufinden. Sex, obwohl weiterhin mit vielen Tabus belegt, wird zu einer weniger tabuisierten und oft promiskuitiveren Angelegenheit, zumindest vordergründig, was auch die spezifisch sexuellen Rollen von Frauen und Männern einander angleicht. Nichtsdestotrotz werden Frauen und Mädchen auch innerhalb dieser progressiven sozialen Milieus weiterhin sehr viel häufiger Opfer von Vergewaltigungen und sexualisierter Gewalt als Männer und Jungen.
… und die Rolle des Mannes?
Wie schon im Exkurs zur Rolle der Frau deutlich geworden ist, dass es trotz vieler Gemeinsamkeiten spezifisch weiblicher Unterdrückungserfahrungen, nicht die eine weibliche Rolle innerhalb der heutigen kapitalistisch-patriarchalen Gesellschaft gibt (und das war vermutlich nie anders), so kann man wohl auch unmöglich von einer einzigen männlichen Rolle sprechen. Was im Exkurs zur weiblichen Rolle so nur angedeutet wurde, will ich bei der Untersuchung der Rolle des Mannes, um die es mir ja eigentlich geht, etwas detaillierter aufschlüsseln.
Klar ist: das kapitalistische Technopatriarchat basiert wesentlich auf der Unterdrückung von Frauen, die als ausbeutbare Ressourcen für die Produktion von Menschen herhalten müssen – dieser Zweck zeigt auch, warum sich Frauen hier nicht mit Queers gleichsetzen oder über einen Kamm scheren lassen, auch dann nicht wenn letztere teilweise von ähnlichen kulturellen Stigmata betroffen sind. Aber welche Rolle spielen dabei die Männer? Es ist ja ganz offensichtlich nicht ein gleichberechtigter Schulterschluss aller Männer, die von dieser Unterdrückung der Frauen alle gleichermaßen profitieren und ganz offensichtlich gibt es auch Männer, die diese Unterdrückung grundsätzlich in Frage stellen, dabei jedoch immer wieder – so wird es ihnen zumindest von Frauen vorgeworfen – dieselben Unterdrückungsverhältnisse, die diese möglich machen, in ihren Beziehungen zu Frauen reproduzieren. Darüber hinaus scheint es auch ein Verhältnis unter Männern zu geben, das zur Aufrechterhaltung patriarchaler Mann-Frau-Verhältnisse beiträgt, indem es nicht nur eine Verachtung gegenüber Frauen, sondern auch eine Verachtung gegenüber allem, was als weiblich gilt, unter Männern kultiviert.
Die folgende, dreifaltige Unterscheidung in Rollen ist ein Versuch, verschiedene Funktionen der männlichen Rolle, die nicht notwendigerweise voneinander getrennt auftreten müssen, zu fassen.
Der Vater
Man muss nicht erst zum Vater werden, um dessen Rolle einzunehmen. Genauso muss nicht jeder, der dem gängigen gesellschaftlichen Begriff nach, Vater geworden1 ist, diese Rolle verkörpern. Als Vaterrolle soll hier jenes Verhältnis beschrieben werden, in dem der Mann das Eigentum an einer Frau oder einem Teil der Natur behauptet, der also das weibliche Schöpfungsprinzip durch ein behauptetes männliches ersetzen will. Die Herrschaft des Vaters über seine Frau und sein Land ist dabei nicht etwa despotisch, sondern in aller Regel vielmehr wohlmeinend und gewissermaßen liebevoll verpackt, paternalistisch eben. Das ändert nichts daran, dass der Vater die von ihm besessene und beanspruchte Frau bzw. Natur als sein persönliches Eigentum und eine Quelle der Ausbeutung zu seinem Profit betrachtet und diesem Anspruch notfalls auch mittels Gewalt Geltung zu verschaffen weiß.
Der Soldat
Auch wenn er selbst (im Moment) kein Eigentum an einer Frau oder einem Teil der Natur beanspruchen kann, oder auch unabhängig seines eigenen konkreten Nutzens, steht der Soldat bereit, Frauen und als Vaterland verklärte Natur zu verteidigen. Präziser: Den Besitz an ihnen zu verteidigen. Das tut er auf allen Ebenen. Indem er physisch in Kriegen kämpft, indem er in fremde Landen vordringt, um diese im Namen seiner patriarchalen Herren zu erobern, indem er die Propaganda über den Feind verbreitet, d.h. sowohl jene nationalistische Propaganda, die sich gegen feindliche, fremde Nationen, angeblich minderwertige Menschenrassen und all diejenigen Männer richtet, die sich nicht bereitwillig an deren militärischem Unterfangen beteiligen, als auch frauenfeindliche Propaganda und solche, die die Natur der ungezügelten Ausbeutung durch den Mann preisgibt. Gerade die aggressive Verbreitung des frauen-, natur- und letztlich lebensfeindlichen Weltbildes nimmt in der Funktion des Soldaten eine besondere Bedeutung ein, ebenso wie er penibel darauf achtet, dass sich auch andere Männer in die Reihen des patriarchalischen Militärs einreihen und dabei all jene verfolgt, die sich weigern, das zu tun. Hier ist etwa auch die patriarchale Gewalt gegen Schwule und Queers angesiedelt, die als vermeintliche Deserteure der patriarchalen Armee teils brutale Gewalt sowohl psychischer, als auch physischer Natur erfahren. Und auch Frauen, die sich gegen die ihnen zugewiesene Rolle auflehnen, werden von den Soldaten des patriarchalen Heeres durch Herabsetzung und Demütigung, gelegentlich auch durch körperliche Züchtigung und Vergewaltigung, in ihre Schranken verwiesen.
Der Zuschauer
Der Zuschauer behauptet selbst kein Eigentum an Frauen und/oder Natur und käme auch nicht auf die Idee selbst vermittels Gewalt zur Herstellung derlei Verhältnisse beizutragen. Nach außen hin, also beispielsweise gegenüber Frauen, gibt er sich oft sogar als Gegner derlei Grausamkeiten aus. Allerdings unternimmt er auch nichts gegen diese Verhältnisse und hat auch kein Problem damit, von der von anderen Männern hergestellten sozialen Ordnung zu profitieren, die ihm etwa im Gegenzug für sein Schweigen gut bezahlte Jobs verschafft oder auch ihm anderweitig gelegen kommende gesellschaftliche Normen erzeugt, etwa Normen, die ihn von häuslicher (Mit-)Arbeit und/oder Kinderbetreuung freistellen, Normen, die seinen sexuellen Vorstellungen gerecht werden, usw. usw. Unter Männern erhebt der Zuschauer keinen Einspruch gegen deren Vorstellungen und Gewalt. Durch sein Schweigen deckt er also das patriarchalische Unterfangen anderer Männer und verleiht diesem gelegentlich sogar ein freundlicheres Antlitz, wenn er etwa allzu offensichtliche Gewaltsamkeiten auf eine sehr abstrakte Weise doch einmal anprangert, dabei aber zugleich patriarchalisches Denken auf einer subtileren Ebene verbreitet.
Wie wird man eigentlich zum Mann?
Nun, als Mann wird man in Privileg und Bevorteilung geboren. Wenn der Arzt nicht der Mutter, sondern dem vor dem Kreissaal wartenden Vater die Hand drückt und zu ihm sagt, »Herzlichen Glückwunsch, es ist ein Junge«. Ab diesem Moment trägt man stolz und für alle sichtbar das Insignium dieses Privilegs zwischen den Beinen.
Aber das stimmt so ja gar nicht! Gewiss ist die ärztliche Entbindung und deren frauenfeindliche, ja lebensfeindliche Dynamik ein zutiefst patriarchaler Vorgang, aber damit ist man doch noch lange nicht zum Mann geworden. Zumindest nicht zum patriarchalen Mann, also zu dem Mann, wie ihn die patriarchale Ordnung hervorzubringen trachtet. Was auf sie folgt ist ein lebenslang währender Prozess der Domestizierung, in dem unser Körper und unser Geist voneinander geschieden, verstümmelt und in seine Einzelteile zerlegt wird, um daraufhin beides als grundsätzlich voneinander getrennte Sphären als patriarchalen Mann wieder zusammenzusetzen. Dabei finde ich wichtig hervorzuheben, dass auch wenn man vielleicht von dieser patriarchalen Zurichtung, wie sie ganz besonders in der Kindheit und Adoleszenz wirkt, schwer beschädigt und gezeichnet sein mag, dies keinen irreversiblen Vorgang darstellt. Natürlich ist es uns Männern möglich, von diesem Prozess der Zergliederung zu heilen und wieder zu einem vollen Leben jenseits dieser patriarchalen Zurichtung zurückzukehren. Nur ist dieser Vorgang des Heilens eben tiefgreifend und alles andere als banal. Aber alles schön der Reihe nach. Zunächst einmal will ich skizzieren, wie dieser Zurichtungsprozess meiner Meinung nach aussieht, ein unvermeidlicher Schritt, bevor man diesen schließlich effektiv sabotieren, bzw. sich diesem alleine oder gemeinsam mit anderen Männern (und Frauen, die parallel den entsprechend weiblichen Zurichtungsprozess sabotieren,) entziehen kann.
Springen wir nocheinmal zurück, zur Geburt. Neben unseren Müttern müssen auch wir hier, im sterilen und nach medizinischen Kriterien der Menschenproduktion organisierten Kreissaal, in dem Geburten heute überwiegend stattfinden, unser erstes Trauma erleiden. Während unsere Mütter uns unter Leitung eines Arztes gebären, erleben wir diese patriarchale Demütigung und Entmündigung hautnah mit und schließlich auch am eigenen, frisch gebackenen Leibe. Kaum geboren, packen uns die kalten Hände des Arztes, halten uns ins Licht und begutachten unseren Körper, sprechen ihr geschlechtliches Urteil über uns oder – wenn unsere »geschlechtliche Ausstattung« nicht in das engstirnige Weltbild des Mediziners passt – verstümmeln uns gleich vor Ort, trennen uns von unserer Mutter und führen alle möglichen medizinischen Tests, d.h. in der Regel Vorstöße in unseren Leib, die in den Folterkammern von Inquisition bis zu den medizinischen Barracken der diversen Konzentrationslager der Geschichte entwickelt wurden, an uns durch. Und obendrein erleben wir dabei gleich mit, wie unsere Mütter vom Arzt bevormundet, gefoltert, verstümmelt und vergewaltigt werden. Willkommen im modernen Techno-Patriarchat, junger Mann!
Einmal aus den Fängen der Medizin in die Welt entlassen, erleben die meisten von uns zumindest für eine gewisse Zeit lang immerhin den Schatten liebevoller menschlicher Beziehungen, doch anstatt dass wir die Wunder dieser Welt, die lebendigen Zusammenhänge entdecken, in denen wir doch eigentlich aufwachsen sollten und die wir kennen und schätzen lernen sollten, werden wir – einmal mehr auf medizinisches Anraten – in die sterile, künstliche Welt des Kinderzimmers verbannt, in denen Playmobil, Puppen, Lego – der im wahrsten Sinne des Wortes vollendete patriarchale Albtraum von der Nachbildung der lebendigen Welt durch kleinste Bausteine toter Materie –, Plastiktiere, Barbies, Modellautos, usw. die natürliche Welt mehr schlecht als recht nachahmen und in der wir außer der vitalen Beziehung zu unserer Mutter und gelegentlich auch zu Geschwistern, Verwandten, der Person, die wir Vater nennen, und anderen Bezugspersonen der familiären Einheit, in die wir geboren wurden, keinerlei Beziehung zur lebendigen Welt aufzubauen vermögen. Natürlich gelangen wir dennoch ab und an an die frische Luft. Wir werden auf Spielplätzen mit anderen Kindern zusammengekarrt, wo wir inmitten einer zwar kontrollierten, aber immerhin lebendigen Welt an irgendwelchen künstlichen Geräten herumturnen, wir unternehmen auch einmal Spaziergänge in die Natur, aber wir bleiben auf den Wegen, wir werden zurückgezogen, wenn wir uns einmal einem Tierkadaver nähern. Größere lebendige Tiere lernen wir im Zoo kennen und wenn wir überhaupt auf die Idee kommen, zu fragen, warum diese Lebewesen dort ein völlig gestörtes Sozialverhalten an den Tag legen, warum sie hinter Gitterstäben weggesperrt sind oder warum sie ansonsten schwer depressiv aussehen, dann erklärt man uns, dass diese Tiere gefährlich wären, dass wir sie ja gar nicht ansehen könnten, wenn man sie nicht eingefangen und eingesperrt hätte oder dass es ihnen hier in Gefangenschaft besser ginge, wo sie täglich gefüttert werden und es ihnen auch sonst an nichts mangele. Die einzigen Tiere, die uns in unserer künstlichen Welt regelmäßig begegnen sind entweder Haustiere, die ebenfalls eingesperrt, gefoltert und zugerichtet wurden und werden und von denen wir lernen, dass man sie schlecht behandeln muss, weil sie sonst unerträglich werden, oder aber es sind Insekten, von denen wir lernen, dass dies Schädlinge seien, die man mit allerlei Waffen, chemischen, biologischen oder »primitiven« Schlagwerkzeugen innerhalb dieser künstlichen Welt, sowie dort, wo diese Berührungspunkte mit dem Draußen hat, erbarmungslos ausrotten müsse, weil sie Krankheiten übertragen, stechen, Lebensmittel verderben würden, usw. Kein Wunder also, dass es jungen Männern, die irgendwann doch auf die Natur losgelassen werden, dort recht häufig in den Sinn kommt, Insekten zu zerquetschen, anzuzünden oder anderweitig zu quälen. Der langen Rede kurzer Sinn: In unseren jungen Jahren, in jenen, in denen wir erstmals ein Verhältnis zu unserer Welt entwickeln, werden wir in einer absolut künstlichen Welt eingesperrt, in der Leben gefangen gehalten, ausgelöscht und gefoltert wird, während unbelebte Dinge dieses Leben nachahmen. Dass wir etwa dazu ermutigt werden, mit Spielzeugautos, Waffennachbildungen und Legosteinen zu spielen, im Gegensatz zu den Puppenspielen unserer Schwestern, das mag zwar vordergründig besonders absurd zu erscheinen, diese Tatsache verblasst jedoch hinsichtlich der Totalität mit der wir in eine künstliche Welt eingeschlossen werden, in der jeder Berührungspunkt mit lebendigen Zusammenhängen entweder ausgeschlossen oder von brutaler, lebensfeindlicher Gewalt geprägt ist.
Wir haben also längst gelernt, das Leben zu verachten, wenn wir in Kontakt mit den außerfamiliären Institutionen der Zurichtung kommen. Im Kindergarten intensivieren wir dieses Verhältnis zu einer solchen künstlichen Welt noch, wo diese dank einer größeren Auswahl an Spielzeugen noch sehr viel umfangreicher nachgebildet ist, als in unserem familiären Heim. In der Schule dann, wird uns diese phantastische Nachbildung der lebendigen Welt mit einem Schlag geraubt. Man erwartet von uns, dass wir stundenlang still sitzen, irgendwelchen völlig weltfremden Worten unserer Lehrer*innen lauschen und diesen auch noch folgen, man hämmert uns die noch viel abstrakteren künstlichen Welten der Buchstaben und Worte, sowie der Zahlen und Theoreme ein. Man behauptet – insbesondere von letzterer –, diese künstlichen Nachbildungen der Welt wären mit dieser identisch und wenn wir uns weigern, das zu akzeptieren, dann werden wir mittels Strafarbeiten, schlechten Noten und daraus resultierendem familiären, zunächst fürsorglich-paternalistischem, später dann erniedrigend-repressivem Zwang, möglicherweise gar mit Wiederholung des Lehrstoffs durch Verurteilung zu einem weiteren Jahr dieser furchtbaren Gefangenschaft, diszipliniert. Im Sportunterricht werden wir schließlich das erste Mal strukturell nach Geschlechtern getrennt. Wir mögen die ganzen perversen Spielchen, die uns Lehrer*innen und soziales Umfeld immer vorgeführt haben, indem sie uns darauf aufmerksam machten, dass wir Jungen wären und als solche jedenfalls ganz andere Behandlung erfahren müssten, als Mädchen, dass wir mit diesem spielen sollten, mit jenem aber nicht, usw., nie so richtig verstanden haben. Der Sportunterricht und seine Trennung liefern uns das erste Mal eine Erklärung: Wir Jungen seien körperlich den Mädchen überlegen, sprich stärker und deshalb wäre es ungerecht gemeinsam körperlich gedrillt zu werden. Dass das gerade in diesem Alter eine blanke Lüge ist, das weiß eigentlich jeder, aber da der Wettkampf, dem man uns im Sportunterricht unterzieht, geschlechtergetrennt erfolgt, fällt es uns als kleinen Jungen nicht direkt auf. Tatsächlich fühlt man sich ja auch geschmeichelt, dass man zur überlegenen Hälfte gehört und in aller Regel bildet man sich als junger Mann da mächtig etwas drauf ein. Man sollte natürlich auch erwähnen, dass der Drill, den man als Jungen im Sportunterricht erfährt auf genau jene Disziplinen des Kräftemessens abzielt, die nicht bloß einen militaristischen Geist verbreiten und fördern, sondern in denen schließlich auch die körperliche Überlegenheit gesellschaftlich gemessen werden wird, während der Sportunterricht für Mädchen vielmehr in einer ästhetischen Disziplinierung oder gar bereits unverhohlenen Geburtsvorbereitungsübungen besteht. Es mag sein, dass sich diese Trennung langsam einander angleicht, aber sie ist nichtsdestotrotz noch immer ins Auge stechend! Diese körperliche Ertüchtigung mithilfe dessen, was einmal zur Blüte der frühen Deutschtümelei als abenteuerlustige Kriegsspielchen (Jahn) entwickelt wurde, setzt sich in der Freizeit der jungen Männer fort. In Sportvereinen werden ganze Schlachtformationen eingeübt (z.B. Fußball) und das sind wichtige Freizeitbeschäftigungen für Jungen. Mädchen dürfen im Grunde gar nicht mitspielen. In jungen Jahren gibt es Ausnahmen, aber spätestens mit der Pubertät wird darauf geachtet, dass die wenigen Mädchen, die sich nicht haben entmutigen lassen, von den Jungen abgeschieden werden. Das dient ihrem Schutz und ist zu ihrem Besten, so sagt man, weil sie ja körperlich ihren Mitspielern unterlegen wären. Eine blanke Lüge, gehören doch in aller Regel gerade jene Mädchen zu den besten Spielerinnen. Aber die Jungens haben den Mythos ihrer Überlegenheit längst verinnerlicht und einen Teil ihres Egos darauf aufgebaut. Die nunmehr soldatischen jungen Männer tragen also mit ihrem Spott über die Weiblichkeit ihrer eigenen Kameradinnen dazu bei, sie aus ihren Mannschaften zu mobben, wenn schon nicht der DFB oder – bei anderen Sportarten die entsprechenden Dachverbände – eine Verbannung von Oben durchsetzen.
Ungefähr zu jener Zeit wird den jungen Männern ebenfalls in der Schule auch ihre angebliche geistige Überlegenheit in den technisch-naturwissenschaftlichen Disziplinen eingeimpft. In einer Mischung aus teils diese Vorurteile reproduzierender, wilkürlicher Notengebung, der Ermutigung von spezifisch männlichen Schülern in diesen Fächern und der Herabwürdigung von jungen Frauen durch den sexistische Stereotypen von sich gebenden Lehrkörper, aber auch durch die jeweiligen familiären und sozialen Kontexte, entsteht je nach Kontext der Eindruck, dass es tatsächlich irgendeinen mystischen Unterschied in der mathematisch-naturwissenschaftlichen Kapazität zwischen Männern und Frauen gäbe. Tatsächlich wurden Männer aber bloß für genau dieses Metier zugerichtet, wie das heutige, beinahe umgekehrte Phänomen weiblicher Integration in diese Sphären vermittels diverser »MINT-Förderungen« (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) für junge Frauen, seitens des Staates und der Industrie aufzeigt. Nichtsdestotrotz bilden sich die verblendeten jungen Männer auch auf diese angebliche geistige Übelegenheit, die ihnen organisiert vonseiten der Gesellschaft eingeredet wird, ebenfalls mächtig etwas ein. Und auch hier wurden und werden in Wettbewerben eine lange Zeit und teilweise bis heute strukturell eben jene Bedingungen geschaffen, in denen sich diese angebliche geistige Überlegenheit von jungen Männern in Mathematik und Naturwissenschaften beständig unter Beweis stellte.
Eine besonders bedeutende Episode patriarchaler, männlicher Zurichtung erlebt man meines Erachtens als Mann durch verschiedene zusammenwirkende Mechanismen zu Beginn und im weiteren Verlaufe der Pubertät. Einerseits halten die staatlichen Jugendschutzgesetze kulturelle Inhalte, die Sexualität und die damit einhergehende, männliche Herabsetzung des weiblichen Körpers behandeln, mit gewissem Erfolg gerade solange von heranwachsenden Männern fern, wie deren wesentliche Bezugspunkte noch im letzten verbliebenen lebendigen Zusammenhang, der mütterlichen und gelegentlich auch familiären, liebevollen Beziehungen liegen. Wenn sich junge Männer im (vor-)pubertären Alter durch Schule und zunehmende Integration in das gesellschaftliche Freizeitmanagement-Programm (Sportvereine, Kino, Tanzveranstaltungen, usw. usw.), sowie ihre Einsaugung in die technologischen Dressurapparate von Fernsehen, Computer und Smartphone diesem letzten verbleibenden lebendigen Zusammenhang zunehmend entfernen und folglich auch die Widersprüche, mit denen sie in der lebensfeindlichen Welt konfrontiert werden, ebenso außerhalb dieses Zusammenhangs verhandeln, fallen die faktischen Beschränkungen des Jugendschutzes weg. Diese jungen Männer werden also ungefiltert mit einer frauenverachtenden Welt der Gewalt konfrontiert, die sich in Filmen, Computerspielen, Pornografie und den Weiten des Internets ganz besonders bildhaft ausdrückt und die mindestens als verstörend, wenn nicht als traumatisch empfunden werden muss. Jugendschutzgesetze und familiäre Tabus wirken hier erfolgreich zusammen, um eine Diskussion über diese Darstellungen aus den vertrauten familiären Beziehungen fernzuhalten, in denen möglicherweise überhaupt eine richtigstellende Diskussion stattfinden könnte. Stattdessen befeuern familiäre und schulische Verbote, sowie die moralischen Kategorien, in denen das Dargestellte in offensichtlichem Widerspruch zur Welt bewertet wird, wie sie nun auf die jungen Männer einhämmert, die Verbreitung derlei Inhalte im Kreise der Jugendlichen. Auch wenn anzunehmen ist, dass derlei Inhalte bereits früher in anderer Form kursierten, haben die nicht nur in die Wohnzimmer, sondern vor allem die Kinderzimmer, ja ins Leben der jugendlichen Männer selbst vordringenden technologischen Dressurapparate diesen Prozess ohne jeden Zweifel verschärft. Die Inhalte üben eine gewisse Faszination aus, vermutlich weil sie eine gewisse Wahrheit (über die Welt, wie sie ist) verkörpern, sie bleiben aber entweder undiskutiert, weil tabuisiert, oder aber werden in den sich jugendlichen Männern zu diesem Zeitpunkt neu eröffnenden Sphären diskutiert: exklusiven Männerzirkeln. Diese exklusiven Männerzirkel entstehen vor allem in Sportvereinen, Schützenvereinen, der freiwilligen Feuerwehr, Stammtischen, in der Arbeitswelt der körperlich-handwerklichen Berufe, in die die jungen Männer mit niedrigstem Schulabschluss schon bald hineingezwungen werden, usw., kurz: überall dort, wo explizite oder implizite Ausschlussmechanismen Frauen entweder vollständig ausschließen oder nur ein paar wenige, besonders toughe Frauen zulassen. Junge Männer werden oft von älteren Brüdern oder gar ihren Vätern in einige derlei Vereine eingeführt oder landen aufgrund ihrer Biographie ohnehin automatisch dort (Sportvereine, in denen man schon als Kind Mitglied wurde, Arbeitswelt, uvm.) und führen dann ihre männlichen Freunde in diese ein. In der Regel kommen über diese Männerzirkel junge Männer mit der Welt der frauenhassenden und -verachtenden, erwachsenen Männer in Berührung. Auf Frauen wird sich dort vorrangig als »die Alte«, »die Geile« oder »die Schlampe« bezogen, die Mann-Frau-Beziehungen sind von einer teils zum Zwecke der Prahlerei erheblich übertriebenen männlichen Verachtung von Partnerinnen, sowie auf Sex reduzierte Beziehungen geprägt, und sowohl Vergewaltigungsmetaphern, als auch eine frauenverachtende Reduktion von Sexualität auf Penetration zur Befriedigung des Mannes gehören sozusagen zum guten Ton. Es sind oft jene Kreise, innerhalb derer Filme, Computerspiele, Pornografie, usw. »besprochen« und weiterempfohlen/herumgezeigt werden. Eine kritische Äußerung hinsichtlich dieser frauenfeindlichen Dynamiken wird oft entweder verlacht, oder mit (teilweisem) Ausschluss aus diesen Kreisen und manchmal auch mit blanker Gewalt beantwortet. Natürlich beschreibt diese Charakterisierung derlei Männerkreise vor allem den ordinäreren Teil dieser und natürlich grenzen sich die progressiveren Männer von den lautstarken Vertretern derlei Ansichten im Allgemeinen eher ab, aber weder werden diese Ansichten im Allgemeinen konfrontiert, wenn sie geäußert werden, noch könnte man sagen, dass nicht auch die meisten progressiveren Männer gelegentliche, anlassbezogene (Streit mit der Partnerin, Zurückweisung, sexuelle Frustration, Verlassenwerden, usw.) Backlashs mit derlei Entgleisungen hätten und ganz gewiss wird so gut wie jeder Mann mindestens gelegentlich auch derlei Entgleisungen zumindest vor sich selbst mit einem »der meint es ja nicht so« entschuldigt haben. Und natürlich ist das nicht per se falsch; nicht jeder »meint das so«, so wie ja auch nicht jede Feministin, die gelegentlich Männern eine Kollektivschuld an den auf die Beziehungen zu Frauen ausgeweiteten Verhaltensweisen von Männern, die untereinander so reden, gibt, meint das so, aber natürlich muss zumindest jeder Mann, der derlei Rede- und Verhaltensweisen nicht nur nicht konfrontiert, sondern diese auf eine solche Weise beiseiteschiebt eine solche Anschuldigung zumindest schlucken.
Es gibt vor allem einen Männerbund, der sowohl Modell für viele andere exklusive Männerzirkel stand, als auch in der Vergangenheit eine ganz besondere Rolle spielte: Die Bundeswehr. Tatsächlich scheint diese Institution mit dem längst wieder grassierenden Militarismus der hiesigen Gesellschaft auch wieder eine zunehmende Rolle zu spielen. Besonders ist hier vor allem, dass der soldatische Männerbund über längere Episoden komplett von der gesellschaftlichen Realität getrennt ist, in der Frauen nach wie vor präsent sind, dass die Männer nicht bloß einmal, zweimal oder dreimal in der Woche für einen Abend zusammenkommen, sondern sie ihren Alltag und auch die darin erfahrene und ausgeübte Lebensfeindlichkeit rund um die Uhr teilen, sowie dass dieser Männerbund unter staatlicher Kontrolle steht und ganz gezielt frauen- und lebensfeindliche Ideologien in die Schädel seiner Rekruten einhämmert.
Wenn in den vorangehenden Absätzen die patriarchale Zurichtung männlicher Subjekte während ihrer Kindheit und Adoleszenz geschildert wurde, so setzt sich diese Zurichtung meiner Meinung nach vor allem über formelle, wie auch informelle Männerbünde im Verlaufe des Lebens fort. Diese sind vor allem in den Sphären von Arbeit und Freizeit angesiedelt und setzen sich auch in bestimmten Ausprägungen von Männerfreundschaften fort. Allerdings bedeutet das nicht, dass man als Mann nun grundsätzlich patriarchal verdorben und nicht mehr zu retten wäre, was im Umkehrschluss so viel heißt, wie dass man auf diese Weise sein patriarchales, sexistisches und/oder komplizenhaftes Verhalten zu entschuldigen sucht, sondern vielmehr, dass es eines grundlegenden Bruches mit derlei Beziehungen unter Männern bedarf, gesunden, d.h. nicht die Frau objektifizierende, Beziehungen zu Frauen, aber auch einer Wiederherstellung von jenen lebendigen Zusammenhängen, aus denen wir seit unserer frühesten Kindheit herausgelöst wurden und von denen wir uns seither beständig weiter entfremdet haben.
Desertation aus der patriarchalen Ordnung
Aber wie kann es nun konkret aussehen, sich dieser Form des Mannseins zu entziehen? Fest steht, die beliebte Taktik des andere Männer als Sündenböcke vor den Karren zu stoßen, wie sie etwa von den zahlreichen Vertretern der Awareness-Ideologie praktiziert wird, ist nichts anderes als eine Ablenkung von den eigenen sexistischen und patriarchalen Verhaltens- und Denkweisen. Wenn wir uns dieser Verhaltens- und Denkweisen wirklich annehmen wollen, dann kann es weder genügen, mit dem Finger auf jene Männer zu zeigen, die besonders offensichtliche patriarchale Verhaltens- und Denkweisen an den Tag gelegt haben, anstatt uns selbst in einem vorrangig unsichtbaren, inneren Prozess mit unseren eigenen patriarchalen Verstrickungen zu konfrontieren und diese aufzulösen, genausowenig wie eine Rhetorik der mit dem Mannsein an sich einhergehenden Komplizenschaft mit dem Patriarchat und die folgerichtige Ausflucht aus dieser Täteridentität vermittels einer als plötzlicher Offenbarung gekommenen Verqueerung2, patriarchale Verstrickungen auflösen wird.
Tatsächlich bin ich der Überzeugung, dass im Zentrum patriarchaler Denk- und Verhaltensweisen unsere Entfremdung von den lebendigen Zusammenhängen der Natur steht, sowie die philosophisch-wissenschaftliche Weltanschauung von Natur und Frauen als ausbeutbare Ressourcenbasis, als Objekte also, von denen es sich zu emanzipieren gilt. Diese Anschauung prägt nicht bloß die technoindustrielle, kapitalistische und koloniale Gesellschaft, sondern hat sich auch tief in unser eigenes Denken und Handeln eingeschrieben. Während ganz gewiss zahlreiche Arten von Hausarbeit vom Industrialismus überhaupt erst geschaffen wurden (z.B. von diversen Hygienebewegungen oder der Elektroindustrie), zeigt die gesellschaftliche Abwertung und Verachtung von Tätigkeiten, die als Hausarbeit gelten, etwa sehr deutlich, wie tief eine solche Anschauung tatsächlich sitzt. Denn auf eine zwar pervertierte, aber dennoch deutliche Weise handelt es sich bei diesen Tätigkeiten letztlich um Tätigkeiten, die unmittelbar der Befriedigung unserer eigenen Bedürfnisse dienen (könnten) und die uns – ebenfalls auf eine meist perverse Art und Weise – mit den lebendigen Zusammenhängen verbinden, in denen wir leben, anstatt dass sie bloß völlig entfremdete Tätigkeiten einer keinesfalls selbstbestimmten oder eigenen Bedürfnissen folgenden Lohnarbeit sind. Genauso wie die Vorstellung die eigene Nahrung nicht mehr aus dem Supermarkt zu beziehen, sondern sie selbst zu sammeln, zu jagen, oder anzubauen bei den meisten Menschen äußerst aggressive Abwehrreflexe hervorruft. Eine unmittelbare Beziehung zu den lebendigen Zusammenhängen, die uns nähren, wird als Bedrohung betrachtet, als Schinderei und als potentiell lebensbedrohlich. Das ist meines Erachtens – und da stehe ich keineswegs alleine da – der Kern patriarchalen Denkens, nämlich die Betrachtung von Natur (und Frauen) als dem eigenen Dasein (als Mann) feindselig Gegenüberstehendes, was dementsprechend bekämpft werden muss. Im Krieg gegen die Natur behauptet der patriarchale Mann seine Unabhängigkeit von diesem lebendigen Zusammenhang. Ebenso wie er letztlich die Tatsache zu verleugnen versucht, dass er selbst einst von einer Frau geboren wurde. Dieses Projekt zieht sich durch die gesamte Geschichte von (christlicher) Religion, Wissenschaft und Industrialismus bis zum heutigen Transhumanismus wie ein roter Faden. Aufklärererische Bestrebungen haben diese Ansichten jedoch auch tief in den Köpfen der unterdrückten Bevölkerung und ihrer Kultur verankert – und damit: in unseren Köpfen. Nur auf dieser Grundlage können meiner Meinung nach jene sexistischen Anschauungen und Verhaltensweisen gedeihen, die heute so großflächig die Beziehungen zwischen Männern und Frauen prägen. Derlei patriarchale Verhaltensweisen erfolgreich anzugehen, kommt daher meiner Meinung nach nicht darum herum, sich als Mann selbst wieder in den lebendigen Zusammenhängen unserer sozialen und natürlichen Umwelt zu verorten.
Dabei ist selbstverständlich klar, dass weder dies, noch eine allgemeine Zerstörung patriarchaler Verhältnisse dadurch möglich sein wird, dass wir eine weitere Abart von Aussiedler-Ökobauerntum begründen. Im Gegenteil: Dies wäre ein entscheidendes Missverständnis dieses Ansatzes, eine bloße Flucht in unsere Privilegien, die uns von der patriarchalen und kolonialen Herrschaft in diesen Gefilden der Welt gewährt werden. Vielmehr scheint es mir darum zu gehen, ein konkretes Verständnis der lebendigen Zusammenhänge zu entwickeln, in denen wir uns bewegen, und davon ausgehend diese lebendigen Zusammenhänge gemeinsam mit den Frauen, die ebenso Teil dieser Zusammenhänge sind, gegen ihre Zerstörung, sei es ihre Herabsetzung und Entwürdigung als Teil des mechanistischen Weltbildes der Gesellschaft, oder auch der konkrete Angriff in Form von ausbeuterischen Verhältnissen, zu verteidigen. Nicht als starker Beschützer, sondern vielmehr als starker Verbündeter und Teil der sie ausmachenden Beziehungen.
Ausgehend von einem solchen Verhältnis zu unserer Umwelt, so bin ich überzeugt, ist es möglich, sich auch ein für alle Mal von jenen Beziehungen loszusagen, die einen zu Komplizen patriarchaler Herrschaft und sexistischer Unterdrückung von Frauen machen und zugleich auch die dazu unumstößlich notwendigen Kämpfe gegen die Institutionen der patriarchalen Zurichtung von Männern und Frauen zu führen, ebenso wie gegen jene der Ausbeutung und Erniedrigung von unser aller Mutter Erde.
1Zu Vaterschaft sollten hier jedoch ein paar Worte verloren werden. Im Gegensatz zur Mutter-Kind-Beziehung hat die Vater-Kind-Beziehung ihre Wurzeln nicht in dem, was man als »lebendigen Zusammenhang« beschreiben könnte, sondern ist stets eine soziale Beziehung. Während ein Kind im Leib der Mutter als Leben heranwächst und diese lebendige Verbindung zwischen Mutter und Kind mit der Geburt ohne jede wissenschaftliche Theorie und ohne technologische Kontrolle offensichtlich wird, ist die Beziehung, die ein Kind zu (s)einem Vater aufbaut, keinesfalls von besonderer Natur, sondern im Grunde wie jede andere soziale Beziehung auch. In patriarchalen Gesellschaften beanspruchen Väter nichtsdestotrotz das Eigentum am Kind, das in der Regel als Fortexistenz der väterlichen Blutlinie interpretiert wird. Das geht natürlich automatisch damit einher, auch das Eigentum an der Mutter des Kindes beanspruchen zu müssen. Ohne Vaterschaftstest, eine moderne, patriarchale Erfindung, lässt sich Vaterschaft im Grunde nur repressiv erzeugen, indem nämlich die Sexualität der Mutter vollständig kontrolliert und überwacht wird.
2Ich denke das, was man vielleicht als Queer-Bewegung bezeichnen kann hat durchaus wertvolle Analysen dazu anzubieten, inwiefern Geschlecht letztlich eine soziale Konstruktion ist und inwiefern diverse Wissenschaften (Biologie, Medizin, Soziologie, usw.) diese Kategorie über die Zeit systematisiert und biologisiert, also als natürlich dargestellt haben. Auch hat die Queer-Bewegung die Erfahrungen verschiedener Menschen, die mit den sozialen Erwartungen ihrer Geschlechterrolle hadern und teils auch brutale repressive und zuweilen tödliche Gewalt deswegen erfahren haben, sichtbar gemacht. Ob es nun subversiv ist, Geschlechterrollen durch bewußten Bruch mit den damit verbundenen Verhaltensweisen zu hinterfragen, oder ob es nicht vielmehr zu einer kommerzialisierten Subkultur verkommen ist, dies zu tun, ist eine offene Frage, die auch innerhalb der Queer-Bewegung diskutiert wird. Was ich jedoch überhaupt nicht als hilfreich erachte und was ich hier und auch bereits an anderer Stelle als Verqueerung beschreibe ist die Tendenz, sich der eigenen Verantwortung für seine Verhaltensweisen dadurch zu entziehen, dass man fortan behauptet, man sei kein Mann. So wie gerade jene Personen, denen das Respektieren der Grenzen anderer sichtlich schwer zu fallen scheint, oft die ersten waren, die sich in der jüngeren Entwicklung dessen, was als Awareness grassiert, die Sprache des Safe-Spaces angeeignet haben, um einerseits als besonders »reflektierte« Leute angesehen zu werden, andererseits aber auch, um vor allem mit dem Finger auf andere Leute zu zeigen, um so von sich abzulenken oder manchmal gar in himmelschreienden Manövern der Verdrehung das eigene grenzverletzende Verhalten als eigentlich achtsam darzustellen, fällt zuweilen auch auf, dass ganz besonders solche Männer, die zum Teil schwerst patriarchale Denkweisen an den Tag legen, oder regelmäßig sexistische Klischees zum Besten geben, plötzlich erkennen, dass sie eigentlich gar keine Männer sind. Das erklärt sich vor dem Hintergrund dessen, dass gerade auch ein Feminismus der Integration von Frauen in die patriarchalen Institutionen von Wissenschaft, Technologie und Kapitalismus, Hochkonjunktur zu haben scheint, der folgerichtig, weil er ja selbst patriarchale Denk- und Verhaltensweisen an den Tag legt, Männern im Allgemeinen die Schuld für Sexismus und Patriarchat zuschreibt. Folglich mag es diesen Männern als geeignet erscheinen, sich schlicht anders zu definieren. Es ist mir natürlich auch egal, wie sich nun jemand definiert, patriarchale Verhaltensweisen bleiben patriarchale Verhaltensweisen, ganz egal, welche Identität eine Person hat und sollten eben auch als solche konfrontiert werden. Nichtsdestotrotz scheint es mir nötig, diese Art der Ausflucht und die Tatsache, dass sich so viele Leute damit zufrieden zu geben scheinen, also letztlich zeigen, dass ihnen nichts daran gelegen ist, patriarchale Denk- und Verhaltensweisen wirklich anzugehen, als die Sackgasse anzukreiden, die sie offensichtlich ist.
Entnommen aus Der Fotzenknecht. Männermagazin gegen Patriarchat & Kritische Männlichkeit. Jg. 1 / Nr. 1.