Da steht er nun, der Mann und soll neu werden! Die Frauen fordern das ja. Nun wird das von Männern versucht; die einen schauen abschätzig die angeblich »neuen« Männer an; andere müssen mithalten, der Rest enthält sich jeder Meinung und bleibt lieber Softie. Da gibt es den netten Mitarbeiter (vielleicht ist er ja schwul) oder den Autonomen, der ja hart sein muß. Jetzt wird der Mann völlig irritiert, die Frauen wollen nicht mehr mit ihm schlafen, die Männer aber!
Feminist darf er nicht sein, schwul schon, kann er aber nicht …?!
Geschichte
Was hat nun der neue Mann mit Arbeit zu tun?
Fangen wir am Besten mit einem kurzen geschichtlichen Einblick in die Rolle des alten Mannes in der Ökonomie an. Während der Industriellen Revolution vollziehen Wissenschaft und Wirtschaft den Sprung ins Technische Zeitalter und zeugen den Bastard Kapitalismus. Gott wird infragegestellt und mensch versucht so die Ohnmacht des Ausgeliefertseins an die Dogmen der Kirche durch die Allmacht der Ratio zu überwinden.
Männer ordnen sich dabei die positiven Werte zu (intellektuell, zielstrebig, allmächtig), Frauen kriegen die negativen ab (dumm, gefühlsbetont, ohnmächtig), was die körperliche Unterdrückung und materielle Abhängigkeit aus dem späten Mittelalter (Verdammung zu Hexen, Unterordnung unter den Mann in der Großfamilie) um eine Dimension erweitert hat.
Die damals neue Rolle des Mannes, die grob gesagt darin bestand, keine Gefühle zeigen zu dürfen (in der Arbeitswelt ist kein Platz für Gefühle), sicherte zwar die Macht über die Frauen, hatte aber auch ihre negativen Seiten:
- keine gleichwertige Beziehung zu Frauen war mehr möglich, entweder war frau Hure oder Mutter
- homosexuelle Neigungen werden vom Ich abgespalten und in der Gesellschaft diskriminiert
- mann baut seine Identität über entfremdete Arbeit auf
- der Mann durfte auf keinen Fall seine Gefühle wie eine Frau verarbeiten, also schwach, leidend, unsicher, er schloß die Augen und wurde zum Gefühlsbulldozer und Malocher
- Personen, die der männlichen Rolle nicht entsprechen wollten oder konnten, wurden (werden) als weiblich diffamiert (dumm, faul, arbeitsscheu)
- Männer waren weiterhin die Leichen der Kriege, aber auch ihre Helden.
Diese Herrscherrolle mit ihren negativen Nebenwirkungen ist heute noch Ausgangspunkt und Hemmnis, weil wir Männer durch Erziehung auf diese Rolle sozialisiert wurden und es schwer ist, Herrschaft abzutreten.
Geschichte und Politik nach ’45
Nach ’45 kam es unserer Ansicht nach nicht zu einer Wiederherstellung der Arbeiterklasse, die von den Nazis zerstört wurde. Der von den Alliierten installierte DGB, die von ihm mitpropagierte Sozialpartnerschaft, im Wesentlichen nichts anderes als ein Abziehbild der Nazi-Volksgemeinschaft, veränderte die Identität und das Klassenbewußtsein der Arbeiter hin zum Bürger. Hinzu kam der wachsende materielle Wohlstand, das Eingebundensein als Vater oder Mutter in der Kleinfamilie, die sich erweiternden Freizeitmöglichkeiten (erst arbeiten, dann fressen, ficken, fernsehen), das alles führt dazu, daß die arbeitende Bevölkerung sich heute als mitarbeitende Bürger sehen, aber nicht mehr als klassenbewußte Arbeiter.
Die sozialistische Frauenbewegung des vorigen Jahrhunderts existierte nicht mehr, die jetzige Frauenbewegung setzte eher eigene Akzente als sich an der Tradition festzuhalten. Dieser neuen Frauenbewegung haben wir auch die Erkenntnis zu verdanken, daß es nicht reicht das System zu ändern und daß sich dann als Nebenprodukt die Männer vom Patriarchat lossagen. Ein Großteil der Frauenbewegung scheint vom umgekehrten Weg überzeugt zu sein, erst den Menschen ändern, dann die äußeren Bedingungen. In der aktuellen Politik melden sich die GRÜNEN, die viel Frauenbewegung aufgesogen haben, mit ihrem Anti-Diskriminierungsansatz parlamentarisch zu Wort (während der Kampf um §218 von der Frauenbewegung noch eher außerparlamentarisch geführt wird). Mit dieser Gesetzesvorlage soll die Quotierungsforderung zum Gesetz erhoben werden, die Männer, die nicht wollen, sollen also ihre Arbeitsplätze an Frauen abgeben müssen. Offenbar muß in Deutschland alles über Gesetze geändert werden, deswegen haben wir auch soviele.
Neue Männer braucht der Staat
Männer arbeiten heute schon verstärkt im sozialen Bereich, Büroarbeit, entgarantierte und schlecht bezahlte Arbeit … Dazu sind neue Charaktere und Rollen nötig. Als allerneueste Tendenz scheint sich nun abzuzeichnen, daß nicht nur die Frauen, sondern auch der Staat Interesse an einer Änderung des Männerbildes zeigt!
Daß dies uns einer Abschaffung des Patriarchats weniger näher bringt, als vielmehr, im Rahmen der Umstrukturierung der Arbeitswelt, einem Optimieren der Arbeitskraft zu dienen, liegt auf der Hand. Das heißt: vom neuen Mann zu reden, heißt von neuer Arbeit zu reden. Dies erscheint uns auch logisch aus der Erkenntnis heraus, daß die Frauenbewegung erst dann von Staat und Wirtschaft ernstgenommen wurde, als Frauen auch verstärkt in der Produktion benötigt wurden.
Neue Arbeit – was heißt das?
- die neue technologieangepaßte Arbeit erfordert nicht mehr den alten Malocher
- die Profite werden heute weniger über die Produktion als vielmehr über
- a) Optimierung der Bürokratie (tertiärer Sektor) durch EDV, Dezentralisierung, cash flow, Multinationalität
- b) Rationalisierung und Erschließung von High-Tech-Märkten (AKW, Weltraum, Computer)
- c) eine weitere Teilung der arbeitenden Bevölkerung in Garantierte und Entgarantierte
erreicht.
D.h. konkret: die Arbeitswelt ändert ihr Gesicht. Der Rückgang der gesellschaftlichen (Gesamt-)Arbeit findet seinen Niederschlag in befristeten Arbeitsverträgen, Kurzarbeit, Heimarbeit, Kapazitätsorientierte variable Arbeitszeit, Flexibilisierung oder im besten Fall einfach Arbeitszeitverkürzung. Hinzu kommt, daß sich die Art der Arbeit ändert, für Frauen z.B. Büroheimarbeit am Telefonterminal auf Abruf anstatt im Büro.
Der neue Mann zwischen Kapital und Bauchnabelpolitik
Hin und wieder soll es nun vorkommen, daß Männer Bücher lesen, die sich kritisch mit ihrer Herrscherrolle auseinandersetzen und feststellen, was für Kotzbrocken sie sind oder sie kriegen es einfach ins Gesicht gesagt. – Plötzlich kommen einem Zweifel an sich selbst und der eigenen Männlichkeit.
Diese Zweifel teilt auch das Kapital! (»Ich glaube, die Umstrukturierung „unserer Ökonomie“ wird der Versuch sein, das weibliche Arbeitsvermögen auch den Männern anzuerziehen und aufzuzwingen, soweit möglich!« – Claudia v. Werlhof, in: Die Krise).
Hier spätestens zeigt sich die Zweischneidigkeit des Subjekts neuer Mann.
- Gibt es klare Interessen des Staates/Kapitals an einem neuen Mann und
- Ist auch ein berechtigtes Interesse von Seiten der Männer da, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen.
Am besten für das Herrschaftssystem ist ein flexibler, sich emotional z.T. selbst aufbauender Mann, der bei Arbeitslosigkeit das Saufen nicht anfängt, der (ver-)fügsamer, spätestens bei der Arbeitslosigkeit (weil er Arbeit zur Identitätsfindung braucht) auch Verantwortung übernehmender Mann, der entgarantierte Arbeit macht (ohne Versicherungen etc.) und auf steigende Belastungen in der Arbeit mit der »Logik 35h auch ohne Lohnausgleich sonst geht es ja unserer Wirtschaft schlecht« antwortet.
Ein solcher Mann senkt die Kosten im Gesundheitswesen, in der sozialen Befriedung und ist auch sonst viel netter. D.h. er ist selber daran interessiert, daß es seinem Körper besser geht etc., was das oben genannte zur Folge hat. Es fällt auf, daß der neue Mann Eigenschaften annehmen soll bzw. anstrebt, die bisher weiblich waren: »Alles was Frauen tun, muß Frucht bringen … das gilt nicht nur für die Kinder, sondern auch für die sonstige Lohn- und Hausarbeit, die zusätzliche emotionale Zuwendung an die Kollegen, die Freundlichkeit, die Unterwürfigkeit, das immer-zur-Verfügung stehen, das Alle-Wunden-heilen, das sexuell-zur-Verfügungen-stehen, das alles-wieder-in-Ordnung-bringen und sich-Verantwortlich-fühlen, das sich-aufopfern, – das emotional-sein, das Durchhalten wie bei einem Soldaten.« (Claudia v. Werlhof aus HERRMann Nr. 6) Das wird nun auch verstärkt von Männern verlangt und dies ist bewußte Methode, wie so viel in diesem Staat, wie folgendes Zitat (aus HERRMann 3/85) zeigt:
»Die CDU und ihre „neue Familienpolitik“ – Woher weht plötzlich der Wind der CDU? Die berufstätigen jungen Frauen laufen der CDU als Wählerinnen davon. Da spricht der Generalsekretär. Die jungen Frauen haben immer weniger Lust, Kinder zu kriegen und dafür ihren Beruf an den Nagel zu hängen. Nach einem Kind reichts den meisten. Da wacht der Familienminister auf.
Die taz konstatiert dankbar: „Selten hat Frauenpolitik eine so tragende Rolle auf der politischen Bühne gespielt.“ „Die neue Partnerschaft“: Geißler appelliert an die Männer mehr Hausarbeit zu übernehmen, in Parteien, Ämtern, Unis und Betrieben vermehrt höhere Positionen für Frauen freizumachen. Appelle, die nichts kosten. Köder (Erziehungsgeld, Rentenausgleich) hat er ausgelegt. Frauen sollen Kinder kriegen, also müssen sie auch wollen. Auch Männern soll gleichberechtigt Erziehungsgeld gestattet werden. Das klingt fortschrittlich. Aber ein Mann wird bei den paar Märkern so schnell nicht anbeißen und seinen Job aufgeben. Deshalb fordern Feministinnen, daß Mutter und Vater nur dann das Geld bekommen, wenn beide sich die Erziehungsarbeit teilen.
Bürgerlicher Idealismus (Appelle an die herr-schenden Männer), garniert mit einigen materiellen Anreizen, soll das Patriarchat stürzen. Pünktlich zum Jahr 2000 verspricht er den Frauen Emanzipation in Beruf, Familie und Politik. Dem Kapital ist das Geschlecht doch egal, sagt sich der Geißler. Das könnte er von seinen Intimfeinden, den Sozialisten, abgeschrieben haben. Die Zweckrationalität des Profits kennt kein Geschlecht. Nur die Unvernunft der Männer hält die Frauen an ihrem Platz. Aber siehe, die Aufklärung ist schon da. Eins muß man ihm lassen, dem Heiner, er ist tausendmal geschickter als die frauenhasserischen Maskulisten. Seinen Job wird er für Frauen nicht räumen und der Wirtschaft geht er mit seinen feministischen Sprechblasen auch nicht ans Eingemachte. Eine neue Variante im Kampf der Geschlechter; feministisch reden, die Frauen beruhigen, daß ihre Interessen am besten in seiner Hand (und der Partei) aufgehoben seien und dabei weiter die Privilegien und die Knete behalten. Statt die Feministinnen zu bekämpfen, ist es klüger, sich an die Spitze der Bewegung zu stellen und sie somit abzubrechen. Ein paar nette männeremanzipierte Worte sind noch keine revolutionäre Tat.«
Neben dieser ›politischen Ebene‹ gibt es die zweite Ebene der ›persönlichen Betroffenheit‹. Diese, hier viel zu wenig berücksichtigte Betroffenheit hat sicher viele Ursachen und zeigt sich in der Unzufriedenheit der Männer an ihrer traditionellen Rolle im Verhältnis zu Schwulen, zu Frauen, zu Kindern, Umwelt, zu anderen Männern in Arbeit, Politik und sonstigen Männergruppen … – Soziologen beweisen heute, daß sich – in einer Lage vornehmlicher sozialer Abgesichertheit! – ein Wertewandel vollzieht: Die Verfügsamkeit und Bereitschaft zur Askese lassen nach, Autoritäten werden angezweifelt oder sogar verworfen (neuer Anarchismus). Es vollzieht sich kein Lohnkampf heute, sondern ein Kampf um die Werte! Doch das System hat uns schon überholt und will uns stoppen in unserer Entwicklung und auf seinen Weg locken/zwingen. Lassen wir es rechts liegen und gehen unseren eh schon schwierigen Weg weiter. Daß dieser Weg aus unserem Alltag kommen muß, ist klar, daß er aus unserem Alltag heraus kommen muß auch.
Widerstandsformen
In der konkreten politischen »Arbeit« halten wir es für notwendig, dem »Kampf« gegen Lohnarbeit den »Kampf« gegen das Patriarchat gleichzusetzen, gerade auch in der autonomen/libertären Politik hinzuweisen auf diese beiden Säulen, auf der Herrschaft heute steht (Zit. E. Pilgrim: »Mein Interesse gilt dem Problem: Abschaffung des Kapitalismus – Abschaffung des Patriarchats. Meine Erfahrung hat mich gelehrt: Abschaffung des Kapitalismus bedeutet nicht Abschaffung des Patriarchats«).
Gerade in den sich jeder gewerkschaftlichen Organisation entziehenden neuen Arbeitsbereichen, die wir geschildert haben, könnte explosive autonome/libertäre Politik entstehen, falls es gelingt frühzeitig Bewußtsein zu bilden und sich dann zu organisieren. (Nicht umgekehrt!) Voraussetzungen hierfür wären, immer wieder gesellschaftliche Entwicklungen zu analysieren, der Arbeitsmarktlage und -situation auf den Puls zu fühlen und letztlich Widerstand zu leisten. Im privaten Bereich wäre es mehr nötig, gemeinsame Lebensformen zu leben und so der Isolierung in der Kleinfamilie oder ähnlichem zu entkommen, die Rollenfixierung in der Erziehung zu verhindern. Aufbau von Männer- und Frauengruppen und was euch sonst noch so eingefallen ist und einfallen wird … Das System macht keine Fehler, es ist der Fehler!
Entnommen aus Schwarzer Faden Nr. 25 (1987)