Bei dem folgenden Artikel handelt es sich um einen Auszug aus einer Diplomarbeit. Die Arbeit versucht, das nicht mehr totzuschweigende Thema „Sextourismus und internationaler Frauenhandel“ in den Zusammenhang zu patriarchalischen Strukturen, weltweiter Männerherrschaft, Umstrukturierung von Arbeit im „imperialistischen Stadium des Kapitalismus“ zu stellen.
Die konkreten Lebensbedingungen von Frauen, früher und heute werden untersucht. Was arbeiten Frauen? Wie kommt es zur Hausfrau? Welches Bild zeichnen die Religionen? Wie sind die Machtverhältnisse verteilt?
Eine Buchveröffentlichung der gesamten Arbeit wird vorbereitet. Wir werden im SF darauf hinweisen, sobald entschieden ist, in welchem Verlag.
Frauen werden in patriarchalischen Gesellschaften zur „Ware Frau“ degradiert. Dies findet am gravierendsten seinen Ausdruck im internationalen Frauenhandel. Hierbei werden Frauen, nicht anders als Sklavinnen in der Kolonialzeit, so gewinnbringend wie eben möglich gehandelt. Das kapitalistische Prinzip von Angebot und Nachfrage bestimmt den Marktwert der Frauen auf dem Weltmarkt, nicht anders, als das auch bei exotischen Früchten, Rohstoffen oder sonstigen Handelsartikeln geschieht.
Der materielle Wohlstand in den Industrienationen ermöglicht es dem Durchschnittsverdiener, sowohl die „erbeuteten“ Exportgüter dieser Länder, wie beispielsweise Holz aus Brasilien, Kaffee aus Guatemala, Kautschuk aus Indonesien, Reis aus Thailand zu konsumieren, als auch Frauen zu kaufen und diese für sich nutzbar zu machen.
„Damit sexhungrige Männer in den reichen Ländern nicht erst Geld in eine Flugreise investieren müssen, damit Barbesitzer und Zuhälter ihr ‚Warenangebot‘ und ihre Gewinne vergrößern können und damit schließlich Männer auf einfachem Weg wieder ‚Herr im Hause‘ sein können, werden Frauen aus der ‚Dritten Welt‘ gehandelt und in die Industrieländer importiert.“ (ZEB, S. 81)
Frauen werden dabei verschleppt, gekauft, meistbietend weiterverkauft oder vermietet, schlicht verwertet.
Die Nachfrage nach ‚exotischen Frauen‘ ist groß, das Geschäft blüht – sowohl der Handel für das Sexgeschäft wie auch der Handel für die Ehe. Wir gehen zuerst auf den Frauenhandel für das Sexgeschäft ein. Dabei muß berücksichtigt werden, daß es keine offizielle Statistik über die Anzahl der gehandelten Frauen gibt, da der ganze Handel in der Illegalität stattfindet. Durch das Zusammentragen von scheinbaren Einzelschicksalen und den wenigen Fakten, die an die Öffentlichkeit kommen, lassen sich allerdings die Ausmaße erahnen.
Frauenhandel für das Sexgeschäft
Anwerbung
‚Rekrutiert‘ werden die Frauen hauptsächlich in ‚Dritte Welt‘-Ländern, vor allem im Südostasien, der Karibik, in zahlreichen lateinamerikanischen Ländern, mit Ausnahme von Kuba, und in Afrika (vorwiegend Ghana, Kenia) (vgl. Renschler, S. 51). Die Nachfrage nach Frauen für das Sexgeschäft besteht vor allem in den Industrieländern Japan, den USA, Australien und den europäischen Ländern.
Die Anwerbung geschieht mit unterschiedlichen Methoden, abhängig vom Ort, wo die Frauen ‚rekrutiert‘ werden.
In den ländlichen Gebieten sind die AnwerberInnen meistens bekannte Personen, die aus der gleichen Gegend stammen, mit den lokalen Gegebenheiten vertraut sind und den entsprechenden Dialekt sprechen (vgl. Renschler, S. 26). Die Angebote, die den Frauen und deren Eltern gemacht werden, beziehen sich immer auf eine gutbezahlte Stellung oder auf eine Eheschließung in den Städten oder im Ausland. In allen Fällen der Anwerbung kommt den Händlern die Armut und die hohe Arbeitslosigkeit, vor allem der Frauen, zugute. Können Familien ihren Lebensunterhalt nicht mehr bestreiten, so sehen sich die Eltern oft gezwungen, auf Angebote einzugehen, in denen ihren Töchtern die Möglichkeit der Versorgung durch eine gutbezahlte Arbeit oder einen wohlhabenden Ehemann in Aussicht gestellt wird.
Die Heiratsvermittlung durch eine Drittperson ist in vielen ‚Dritte Welt‘-Ländern eine durchaus übliche und akzeptierte Sache, was die Anwerbung noch mal erleichtert (vgl. Renschler, ebd.) In seltenen Fällen findet eine Heirat noch innerhalb des Familienzusammenhangs auf dem Lande statt, und nachdem das Paar in die Stadt gezogen ist, verkauft der vermeintlich liebende Mann die Ehefrau weiter.
„Die Nigerianerin Veronique A., … war 14 Jahre alt, als ein mann eines benachbarten Stammes um sie warb. Die Eltern hatten nichts gegen die Ehe einzuwenden, die Heirat fand sofort statt und das Paar zog bald darauf nach Ghana. Wer beschreibt Veroniques Erstaunen, als ihr Mann sie dort mit einem neuen Mann verheiratete. Ihre Proteste fruchteten nichts, der erste Ehemann verschwindet auf Nimmerwiedersehen aus Veroniques Leben, der zweite, nimmt sie mit nach Quagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso. Dort zwingt er sie zur Prostitution, gegen ihren Willen, trotz ihrer verzweifelten Bitten. Zwei Wochen später reisen sie nach Abidjan weiter, wo ihr zweiter Ehemann Veronique einer „Maman“ abliefert, einer Bordellbesitzerin, welche die ‚Ware‘ bestellt hatte. … Auch der zweite Mann verschwindet, das Mädchen wird eingesperrt, bis es pariert.“ (zit. nach Goli Kouessu, 1986, S. 117, in: Renschler, S. 22)
In den großen Städten findet mensch Zeitungsanzeigen, die Arbeit im Ausland anbieten; z.B. stand im Februar 1987 eine Anzeige im ‚Manila Bulletin‘, in der 200 Krankenschwestern für ein 2.000 Betten Hospital in der Bundesrepublik gesucht wurden (vgl. Lipka in BRD und Dritte Welt, S. 40). Unter dem Deckmantel eines seriösen und qualifizierten Arbeitsangebots werden Frauen hier zu Prostitutionszwecken in die BRD gelockt. In den Städten, z.B. in Bangkok, in denen schon viele Frauen im Prostitutionsgeschäft arbeiten, werden die Frauen in Bars oder Cafés angesprochen. Einige AnwerberInnen versprechen Jobs außerhalb der Prostitution, andere locken mit der Möglichkeit, als Prostituierte im Ausland wesentlich besser verdienen zu können, oder sie geben sich als HeiratsvermittlerInnen aus.
„Milva war 15 Jahre alt, als sie sich in Tondo, einem Slumviertel von Manila, als Sängerin nach Japan engagieren ließ. Im Oktober 1985 kam sie mit einem falschen Paß, in dem ihre Name geändert und ihr Alter erhöht worden war, und einem Touristenvisum in Japan an. Ihr Arbeitsgeber, ein Zuhälter, zwang sie sofort zur Prostitution.“ (Renschler, S. 23)
Die idealistischen Vorstellungen der Frauen vom Leben in den Industrieländern entstehen aus dem Bedürfnis, den oft miserablen Lebensbedingungen zu entkommen. So kommt der Wunsch nach einer harmonischen Ehe ohne Existenzsorgen mit einem Ausländer auf, oder einfach, eine der angeblich vielfältigen, gutbezahlten Arbeitsmöglichkeiten, sei es in der Prostitution, oder sei es in sogenannten bürgerlichen Berufen.
Für viele Frauen scheint die Heirat der Tochter mit einem reichen Ausländer einer der erfolgversprechenden Auswege aus ihrer Misere zu sein. Wenn es ihre finanziellen Möglichkeiten erlauben, legen sie ihr Geld in eine Flugreise für die Tochter an, in der Hoffnung, von deren Arbeit oder dem reichen Ehemann mitprofitieren zu können (vgl. Lipka, in: BRD und Dritte Welt, S. 37). So kommt es, daß Frauen auch selbständig, mit der Adresse einer Freundin oder von Verwandten ausgestattet die Reise ins Ausland organisieren, um selbst eine Stelle oder einen Ehemann zu finden.
Diese Frauen sind nach abgelaufenem Touristenvisum, ohne Erfolg bei Stellen- oder Ehemannsuche, in einer Zwangssituation, die den Anschluß an – nicht immer offensichtliche – Zuhälterei forciert. Im besten Fall wird ihnen eine Scheinehe vermittelt, im schlechtesten Fall müssen sie illegal, eingesperrt als Prostituierte, arbeiten. Lediglich die Scham, ohne einen Pfennig nach Hause zurückgehen zu müssen, bleibt ihnen vorläufig erspart.
Der Handel
Die Ausformungen des Handels sind recht unterschiedlich. Haben die Frauen ihre vertrauten Strukturen erst einmal verlassen, enpuppen sich die freundlichen Ehemänner, Arbeitgeber, Arbeits- und Ehevermittler als Zuhälter oder Zulieferer von Zuhältern, die die Frauen zur Prostitution zwingen und den Verdienst ganz oder zum Großteil kassieren. In den Herkunftsländern selbst sind oft Politiker und Wirtschaftskreise am Profit dieses Handels beteiligt. In der Dominikanischen Republik, einem von Frauenhandel massiv betroffenen Land, mußte ein Journalist, der beweisen konnte, daß die Militärs die Prostitution fördern, das Land verlassen (vgl. Renschler, S. 34).
„Aus Santo Domingo gehen ganze Wagenladungen von Prostituierten nach Europa und Lateinamerika. Wir wissen, daß die Frauen nicht von sich aus gehen, sondern daß ein organisierter Handel dahintersteht, und wir wissen auch, wer ihn organisiert … Der Frauenhandel spielt sich in der Dominikanischen Republik unter einem Mantel vollständiger Verschwiegenheit ab. Kreise der Wirtschaft sind in den Frauenhandel mit dem Ausland verstrickt, während im Prostituiertengeschäft innerhalb der Dominikanischen Republik seit eh und je die Militärs die Hand im Spiel haben.“ (Margarita Cordero in einem Interview, in: Renschler, S. 33f.)
„Es gibt Frauenhändler, die gleichzeitig Geschäfte machen mit Frauen, Drogen, Waffen, Schmuggelware jeder Sorte, andere spezialisieren sich auf Frauen gewisser Länder und bestimmtere ‚Absatzmärkte‘, andere auf Ehevermittlung.“ (ebd., S. 37)
Manche Frauen werden ‚angeworben‘ und auf direktestem Weg in ein anderes Land gebracht und dort zu Prostitutionszwecken verkauft. In Spanien ist 1983 ein Händlerring durch eine Razzia aufgeflogen.
„Bei den argentinischen Mafiosi in Salamanca lief das Geschäft wie geschmiert. Die Frauen wurden in Agentinien rekrutiert, man versprach ihnen gute Stellungen als Hausmädchen, Büroangestellte, Schneiderinnen, etc. Nach ihrer Ankunft in Madrid indessen wurden sie sofort nach Salamanca gebracht und auf verschiedene Bars und Nachtclubs verteilt. Flugtickets, Paß, persönliche Dinge wurden ihnen abgenommen, und sie wurden fortan Tag und Nacht von Aufpassern kontrolliert.“ (Renschler, S. 38).
Andere Frauen werden über viele Zwischenstationen gehandelt, bis sie dem Endkäufer zugeführt werden.
„Wantanas Irrfahrt
… Eine thailändische Frau, die Wantana nur unter dem Namen Da kennenlernte, hatte ihr im Frühling vorgeschlagen, für ein Monatsgehalt von umgerechnet 1.200 DM in die BRD zu kommen – sie und fünf andere Frauen sagten zu. … Am 23. April landete sie in München – und entdeckte, daß Frau ‚Da‘ mit dem 25jährigen Barbesitzer Alexander Schmitt verheiratet war und von klassischem Tanz nun nicht mehr die Rede war. Eine thailändische Prostituierte bringt ihrem Besitzer im Monat mindestens 12.000,- DM Nach Zwischenstation in Wien und West-Berlin, immer eingesperrt in einem Appartement, wurde Wantana im Juli von zwei Barbesitzern übernommen. Sie kam in eine Stadt, die sie heute nicht mehr identifizieren kann. Wantana spricht kaum englisch, geschweige denn deutsch oder französisch, und lateinische Schriftzeichen sind für siamesische Augen ungewohnt. Bei Nacht und Nebel, im Kofferraum eines Wagens, wurde sie schließlich nach Belgien gebracht, zum nächsten Barbesitzer. Dort lernte sie eine Thailänderin kennen und erfuhr von ihr, daß sie von Frau ‚Da‘ an die beiden Männer in West-Berlin und von diesen an ihren Brüsseler Besitzer weitergehandelt worden war.“ (Frauen gegen Imperialismus und Patriarchat, S. 24)
Aber nicht nur organisierte Händlerringe profitieren von der hohen Nachfrage deutscher Männer nach bezahltem Sex und Fürsorge, sondern auch einzelne Privatspekulanten haben die leichten Verdienstmöglichkeiten mit dem Frauenhandel fürs Sexgeschäft erkannt, wie die beiden folgenden Beispiele zeigen.
„In einem Dorf bei Hamburg ließ sich ein arbeitsloser Maurer für jeweils 9.000,- DM zwei Asiatinnen kommen. Mittlerweile hat sich sein eingesetztes Geld bezahlt gemacht. Der Maurer schickte die Beiden auf den Strich.“ (Schergel in ZEB, S. 90).
„Der Botschafter der BRD in Bangkok, Edgar von Schmidt-Pauli, erklärte zu jener Zeit (1977), daß eine erschreckende Anzahl von Eheschließungen deutscher Männer in Thailand, die dort als Touristen auftreten, allein dazu diene, junge Thailänderinnen in die BRD zu bringen und sie dort zur Prostitution zu nötigen.“ (ebd., S. 88)
In einigen Fällen sind Heiratsagenturen nur Deckmäntel zur einfacheren Anwerbung. 1986 flog ein Ehepaar in Köln auf, das ein Partnerschaftsvermittlungsinstitut betrieb.
„Nach Feststellung des Kölner Ausländeramte hielten die in Mülheim asiatische Frauen auf engstem Raum fest, … und boten sie für hohe Geldsummen deutschen Männern an. Das Ehepaar arbeitete arbeitsteilig: Der Ehemann betätigte sich in asiatischen Ländern als Schlepper, dei Frau übernahm es, die Kontakte zu hiesigen Männern zu organisieren.“ (Stadt-Revue 5/88, S. 29)
Lebensbedingungen und rechtliche Situation
Frauen, die durch Händlerringe schon über mehrere Länder verschoben wurden, werden z.T. illegal in die BRD geschleust und unverzüglich in Bordelle gebracht, in denen sie als Prostituierte arbeiten, bis sie entweder durch eine Razzia der Polizei entdeckt oder vom Händlerring wieder in ein anderes Land gebracht werden.
Zuhälterringe größeren Formats haben grenzüberschreitende Beziehungen und tauschen die Frauen mit Nachbarländern aus (vgl. ck, in: Blätter des iz3w, Nr. 148, S. 36)
Die Frauen, die mit einem Touristenvisum hier ankommen, werden von ihrem angeblichen Arbeitsvermittler am Flughafen in Empfang genommen, wenn dieser den Frauen nicht schon während der Reise ‚Begleitschutz‘ hat angedeihen lassen.
Wo immer die Frauen hergekommen sind: Hier sind sie ohne Freunde und Bekannte, in einem fremden Land, dessen Kultur und Gesetze sie nicht kennen, dessen Sprache sie nicht sprechen, so daß es dem Zuhälter ein leichtes ist, das Leben der Frauen zu ‚organisieren‘.
Die Praktiken, die Frauen einzuschüchtern und zur Prostitution zu zwingen, sind vielfältig. Ihnen wird z.B. erzählt, daß der für sie vorgesehene Job nicht mehr zur Verfügung stehe, sie aber die Kosten für die Flugreise und andere mit der Einreise verbundene Kosten zurückzahlen, d.h. abarbeiten müssen. Dafür werden den Frauen Schuldscheine vorgelegt, die sie zu unterschreiben haben.
Ein anderes Druckmittel besteht darin, ihnen die Reisepässe abzunehmen. Nach hiesigem Ausländergesetz §3 besteht für Ausländerinnen eine Ausweispflicht, was bedeutet, daß sie den Paß bei den Behörden und der Polizei in regelmäßigen Abständen vorlegen müssen, wenn sie eine Verlängerung der 3-monatigen Aufenthaltsgenehmigung beantragen wollen. Ohne Paß werden sie als illegal eingestuft und können jederzeit ausgewiesen werden (vgl. ZEB, S. 88; Stadt-Revue, 5/88, S. 29f.)
Außer Drohungen mit der Polizei schrecken die Zuhälter auch nicht davor zurück, die Frauen mit Gewalt gefügig zu machen. Vergewaltigung, Schläge und Mißhandlungen aller Art sind keine Seltenheit. (vgl. Lipka, S. 38)
Neben der direkten Gewalt werden die Frauen mit Drogen vollgepumpt, damit sie ihre Situation besser etragen können und arbeitsfähig bleiben.
Daß der angeblich hohe Verdienst unter diesen Umständen auf ein Minimum zusammenschrumpft, versteht sich von selbst.
Zu den von den Zuhältern diktierten Arbeitsbedingungen für die ausländischen Prostituierten gehört ebenfalls, daß sie „…in der Regel viel härter arbeiten als deutsche Kolleginnen. Sie müssen oft mehr Kunden abfertigen und werden dabei schlechter bezahlt.“ (zit. nach Skrobanek, 1983, S. 50; in: Lipka, S. 38).
Nicht nur, daß sich die Frauen billier verkaufen müssen, auch das Arbeiten ohne Kondome gehört zu den diktierten Arbeitsbedingungen. Da sich viele Freier noch weigern, Kondome zu benutzen, ist eine Prostituierte, die ohne Vorsichtsmaßnahmen arbeitet, gewinnbringender. Beides ist bestimmend für die Ablehnung, die deutsche Prostituierte der ausländischen Konkurrenz entgegenbringen.
Da der Gebrauch von Kondomen mit der Verbreitung von AIDS überlebenswichtig geworden ist, untergräbt die Arbeit ohne Kondome den Kampf um verbesserte Arbeitsbedingungen und verschlechtert insgesamt die Lage aller Prostituierten. Eine gemeinsame Klärung dieses Problems oder überhaupt Kontaktaufnahme ist durch das sprachliche Problem so gut wie nicht möglich (vgl. Thiemann, S. 73), was den Abbau von Vorurteilen und eine Solidarisierung aller Prostituierten in der BRD erheblich erschwert.
Die gegenseitige Fremdheit wird auch durch die Aufteilung innerhalb der Bordelle noch verstärkt.
„Viele Bordelle haben eine klare Rassentrennung, wobei deutsche Frauen am Eingang stehen, die asiatischen Frauen im 1. Stock und die schwarzen Frauen im 2. Stock arbeiten müsen.“ (ebd.)
Obwohl Prostitution in der BRD faktisch verboten ist, trifft auf die Nicht-EG-Angehörigen das Ausländergesetz, §10, Abs. 1, Ziff. 8, zu, welches besagt: „Ein Ausländer kann ausgewiesen werden, wenn … er der Erwerbsunzucht … nachgeht.“ Diese Kann-Bestimmung läßt den Behörden freie Wahl über eine Ausweisung und zwingt die Frauen, illegal zu arbeiten.
Die einzige Möglichkeit für Ausländerinnen, eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung zu erhalten, besteht darin, einen EG-Angehörigen zu ehelichen. Aber auch verheiratet darf sie nicht der Prostitution nachgehen. Sobald sie der Polizei auffällt, können die Behörden entscheiden, ob sie die Frau mit dem o.g. §10 AuslG ausweisen oder die Ehe anerkennen.
Da innerhalb der Zuhälter-Millieus viele Scheinehen geschlossen werden, kommt den Männern/Zuhältern die bestehende Rechtslage zugute. Ein Gang zur Polizei, um sich aus der Zuhältergewalt zu befreien, würde sowohl die Ausweisung, als auch das Ausgeliefertsein an die Rache des Zuhälters mit sich bringen.
Auch die gesundheitliche Vorsorge wird durch die latente Ausweisungsbedrohung schwierig. Das Zusammenspiel von Gesundheitsamt und Ausländerbehörde schreckt die Prostituierten von einem Besuch ab.
„In Berlin wurde noch vor 4 Jahren der Nachweis der Untersuchung (beim Gesundheitsamt) von der Polizei als Indiz für Prostitution gewertet, was in den meisten Fällen zur Abschiebung führte.“ (Stadt-Revue, 5/88, S. 29f.)
So verstärkt die ungeschützte rechtliche Situation die Isolation und Abhängigkeit der ausländischen Frauen von ihren Zuhältern und verhindert gleichzeitig ein Öffentlichmachen der menschenverachtenden Situation in ihrem ganzen Ausmaß.
Anzeigen von ausländischen Prostituierten gegen ihre Zuhälter gibt es so gut wie gar nicht, und das nicht nur aus Angst vor der Ausweisung.
„Selbst bei deutschen Frauen, die ihre Zuhälter anzeigen, fallen 8 von 10 bei der Gerichtsverhandlung um. Die Gerichtsverhandlungen sind öffentlich und in den Zuschauerrängen sitzen die anderen Zuhälter, die bei einer Verurteilung des Zuhälters der Frau keine Ruhe mehr lassen. Frauen, die ihre Zuhälter anzeigen, müssen sofort in Sicherheit gebracht werden.“ (Medt, 2.11.88)
Zahlen darüber, wieviele Frauen aus der ‚Dritten Welt‘ in der BRD als Prostituierte arbeiten, sind nicht bekannt. Ein Großteil lebt illegal und eingesperrt, die anderen lassen sich aus oben genannten Gründen nicht registrieren.
Das Verhalten von Polizei und Regierung
Werden die Machenschaften von Frauenhändlern mal öffentlich, d.h. werden illegal arbeitende Prostituierte von der Polizei entdeckt, werden die Frauen und nicht die Frauenhändler wie Kriminelle behandelt. Sie werden aus den Bordellen mitgenommen und in Zellen gesperrt. Nach Vernehmungen entscheiden diverse Ämter, Richter, Amtsanwälte über Haftbefehle, Untersuchungshaft und Abschiebung. Anwälte tauchen bei den Frauen nur ganz selten auf. In diesem Stadium läßt sich kein Geld mehr mit den Frauen verdienen (vgl. ZEB, S. 93).
Da die sofortige Ausweisung der Ausländerinnen die allgemein übliche Praxis ist, und ohne die Aussagen der Frauen keine Prozesse geführt werden, besteht formalrechtlich keine Möglichkeit, gegen Frauenhändler vorzugehen. Diese können nach der Abschiebung neue Frauen ‚rekrutieren‘. Obwohl Behörden und Polizei häufig von eingeschlossenen Frauen wissen, scheint der Handlungsbedarf gegen Frauenhändler für sie nicht zu bestehen, was durch die klägliche Zahl der Festnahmen, die darauffolgende gängige Rechtsprechung und somit auch die Zunahme von Frauenhändlern verdeutlicht wird. Auch die Bundesregierung sieht angesichts dieser kriminellen Täterschaft offensichtlich keinen Handlungsbedarf.
„Sie ist bis heute Eingaben und Anfragen aus besorgten Kreisen der deutschen Bevölkerung, aber auch von Mitgliedern des Deutschen Bundestages, mit dem lapidaren Hinweis entgegengetreten, sie verfüge hinsichtlich der genannten Mißstände kaum über statistisches Material.“ (Renschler, S. 70)
Allerdings hat die (ehemalige) Bundesministerin für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit jetzt eine Untersuchung zum Thema „Prostitutionstourismus, Heiratsvermittlung und Menschenhandel mit ausländischen Mädchen und Frauen“ ausgeschrieben. Danach kann die Bundesregierung zumindest nicht mehr mit der Begründung antworten, zu dem Themenkomplex gäbe es nicht genügend gesichertes Material. Ein wahrlich fragwürdiger Erfolg.
Frauenhandel für die Ehe
Neben dem Handel mit Frauen, die der Prostitution zugeführt werden, blüht auch der Handel mit Frauen, die für die Ehe angeworben und verkauft werden. Dies geschieht verstärkt seit Mitte der 70er Jahre. In Nordamerika, der Schweiz und der BRD schossen die Heiratsagenturen wie Pilze aus dem Boden.
In der Bundesrepublik gibt es nach Erkenntnissen von Heinz G. Schmidt 60 Heiratsagenturen, die sich auf die Vermittlung von Frauen aus der ‚Dritten Welt‘ spezialisiert haben. Sie tauchen unter 200 verschiedenen Namen in den Medien auf (vgl. Schmidt, 1985, S. 67) und preisen in ihrer Werbung vor allem Frauen aus Thailand und von den Philippinen an. Obwohl auch Frauen aus anderen Ländern (Ghana, Dominikanische Republik) als Ehefrauen angeboten werden, bevorzugen die deutschen Männer die ‚Ware‘ aus Südostasien, wobei ein Trend für die philippinische Frau zu verzeichnen ist.
„… und nachdem Bangkok zu eindeutig als Prostitutions-Milieu abgestempelt ist, haben sie ihren Vermittlungsschwerpunkt nach den Philippinen verlegt. Aus dem Land der 7107 Inseln kommt heutzutage der Großteil der heiratswilligen asiatischen Frauen …“ (ZEB, S. 82)
Die Heiratshändler machen mit Anzeigen wie „Asiatinnen suchen Ehepartner“, die inzwischen in fast jeder Tageszeitung auf der Heiratsanzeigenseite zu finden sind, auf sich aufmerksam. Die heiratswilligen deutschen Männer nehmen Kontakt auf mit den Agenturen und lassen sich einen bebilderten Katalog schicken.
Zunächst zur Werbung der Heiratsagenturen: Grundsätzlich gilt für die Heiratsagenturen, daß sie die zu vermittelnde Frau auf eine Ware reduziert betrachten, die nach den Regeln der freien Marktwirtschaft an den Mann gebracht werden muß. So erklärte der Heiratsvermittler Günter Menger, „ihm sei es egal, ob da für eine Frau oder ein Waschmittel geworben werde, bei den Methoden müsse es sich um die gleichen handeln.“ (in ZEB, S. 86)
Die Anzeigen der Ehevermittlungsinstitute zielen sehr genau auf die Bedürfnisse der Männer ab, die eine asiatische Frau heiraten wollen. Dementsprechend lassen diese Heiratsanzeigen vielfältige Schlußfolgerungen, sowohl über die Motivation der heiratswilligen bundesdeutschen Männer als auch über die zu erwartenden Probleme nach der Eheschließung zu.
Die Eigenschaften, die sie ihrer ‚Ware‘ zuordnen sind: treu, anschmiegsam, liebevoll, anspruchslos … Mehr oder weniger versteckt geht es immer um exostischen Sex und Unterwürfigkeit, die dem Mann versprochen werden. Das hört sich bei Karl-Heinz Kretschmer dann so an:
„Was Treue, Liebe und Zärtlichkeit anbelangt, können die meisten europäischen Fraun noch sehr viel lernen. Denn auf den Philippinen ist der Mann noch König.“ (ebd., S. 82).
Weiter in der Orlick-Broschüre:
„Sollten sie eine selbstbewusste, emanzipierte Karrierefrau suchen, müssen wir Sie enttäuschen. Wenn aber eine warmherzige, treue und sehr gefühlvolle Partnerin für Sie wichtig ist, werden Ihre Wünsche sicherlich durch uns erfüllt.“ (in: Blätter des iz3w, Nr. 148, S. 40)
„Diese Frauen und Mädchen haben erkannt, daß es keinem nutzt, eine bockige oder störrische Frau, ein zänkisches Weib, eine untreue Schöne oder eine maskuline Emanze zu sein.“ (F+S, Marfelden-Walldorf, in: ebd.)
Das Versprechen, eine kritiklose, treue Ehefrau zu bekommen, wird pauschal mit einer kulturellen Andersartigkeit begründet, bei der den Frauen nur positive, auf den Mann zugeschnittene Versorgungseigenschaften zugeschrieben werden.
Zu den angesprochenen ‚Verbrauchern‘ gehören auch behinderte und ältere Männer, denen in einer sie diskriminierenden Gesellschaft die Möglichkeit versprochen wird, die Herrschaft über eine gekaufte Frau ausüben zu können.
„Endlich gibt es jetzt auch für Männer, die sich nicht durch Schönheit auszeichnen oder das Los einer Behinderung zu tragen haben, die Chance, eine junge, verständnisvolle, sich aufopfernde Frau zu finden …“ (Anzeigentect der Asia-contact, in: ZEB, S. 89)
„Wenn also Blinde, Beinlahme, Querschnittsgelähmte, Rollstuhlfahrer etc. ihren Lebenspartner durch uns gefunden haben, so besteht sicherlich auch für Sie eine gute Chance.“ (Orlick-Broschüre, in: iz3w, Nr. 148, S. 39).
In Günter Mengers Broschüre „Traumhaft schön“ wird grundsätzlich allen deutschen Männern geschmeichelt und diese verschönte Darstellung deutscher Männer als Heiratsmotivation der Frauen verkauft.
„… der deutsche Mann ist die Nr. 1 in der Welt! … Strebsamkeit, Mut, Ehrlichkeit und Treue! Diese Eigenschaften prägen das hohe Ansehen des deutschen Mannes in der Welt! Auf diesem Ansehen beruhen ihre Chancen!“ (in: iz3w, Nr. 148, S. 39)
Kein Wort über die wirtschaftliche Lage, in der sich die Frauen befinden. Daß zwischen den Ländern der heiratswilligen Männer und denen der heiratswilligen Frauen ein enormes materielles Ungleichgewicht herrscht, wird nur insoweit angesprochen, wie es benutzt werden kann, um die „schnelle Zufriedenstellung“ der asiatischen Frauen hervorzuheben:
„Denn die meisten Mädchen haben mehr schlechte als gute Zeiten durchzustehen. Man kann sie noch mit einem Kilo Weintrauben beglücken, wo es bei unseren Frauen nicht ein Pelzmantel tut.“ (Heiratshändler Kretschmer, in: ZEB, S. 90).
Da die aufgeführten Eigenschaften der ‚Ware Frau‘ für alle Frauen gelten, bleibt dem Mann noch die Wahl nach aussehen, Alter und Größe seiner zukünftigen Frau. Die Auswahl hat er dabei meistens zwischen mehreren hundert Frauen; Menger brüstet sich damit, europaweit die größte Auswahl mit 4.500 Damen aus aller Welt zu haben (vgl. iz3w, S. 35)
Die Abwicklung des Heiratsgeschäfts
Zu den Vertragsbedingungen gehört eine Heiratsgarantie, in der sich die Agenturen verpflichten, bis hin zur standesamtlichen Heirat für die Männer tätig zu sein. So kann ein Mann durchaus eine einmal bestellte Frau ablehnen (Umtauschrecht) und eine neue anfordern.
„Und das non-plus-ultra des gesicherten Kauferfolgs ist die mehrmals erwähnte, notariell beglaubigte Verpflichtungserklärung, perfektioniert durch die Geld-zurück-Garantie, die mittlerweile von den meisten Händlern angeboten wird.“ (Meerwein, in: Bätter des iz3w, S. 39)
Neben der „Qual der Wahl“ seiner zukünftigen Frau – es gibt auch spezielle Monatsangebote – kann der Mann noch entscheiden, ob er den „einfachen Service“ oder den „Vollservice“ in Anspruch nimmt.
„Für den einfachen Service (ca. 4000,- DM) braucht der heiratswillige Mann nicht einmal den Fuß vor die Tür zu setzen; er wählt aus einem bebilderten Katalog aus, bestellt und wartet auf die Lieferung.“ (ebd., S. 35)
Bei diesem Service sind die Frauen schon in der BRD und die Agentur organisiert die erste Kontaktaufnahme und die Heiratsformalitäten.
„Nimmt der Mann den Vollservice in Anspruch, bezahlt er ein Flugticket, holt seine Auserwählte im Herkunftsland ab und mietet sich eine Limousine für die Strecke vom Standesamt bis zum Restaurant.“ (ebd.)
Nicht bei jedem Vollservie holt der Mann seine Frau im Herkunftsland ab. Bei anderen Voll-Service-Angeboten übernimmt der Vermittler das gegenseitige Vorstellen per Foto, die Papierformalitäten sowohl im Land der Braut als auch im Land des Bräutigams, er organisiert über sein eigenes Reisebüro die Einreise der Frau, ist auf Wunsch bei der Ankunft dabei, stellt die Trauzeugen, sorgt für den Dolmetscher bei der Trauung und lädt ins eigene China-Restaurant zur Hochzeitsfeier.
Das sogenannte Vollservice-Angebot kostet zwischen 8.000,- und 13.000,- DM (vgl. ZEB, S. 89)
Einige der größeren Heiratshändler betreiben inzwischen, neben den Agenturen im Herkunftsland der Frauen, branchennahe Unternehmen, die sowohl verkaufsfördernd wirken, als auch zusätzliches Geld einbringen. Zum Teil unterhalten sie Reisebüros, Übersetzungsbüros für Liebesbriefe, Limousinenverleih, asiatische Restaurants, manchmal sogar einen Brautkleidservice (vgl. Lipka, S. 29).
Damit der Frauenkauf nicht am Geldmangel scheitert, bieten die Händler Ratenzahlungen ab 120 DM an. Es fehlt ihnen auch nicht an Begründungen dafür, daß sich der Frauen-Kauf auf jeden Fall bezahlt macht:
„Diese Kosten, beruhigt der Kölner Heinz Kirschner, sind bald vergessen, denn fernöstliche Mädchen rauchen und trinken nicht und passen sich leicht an alle Verhältnisse an.“ (ZEB, S. 90)
oder Vermittler Rolf Loos:
„Da ihre Partnerin im Normalfall in Deutschland berufstätig wird, dürften die monatlichen Raten für Sie keine zusätzliche Belastung bedeuten.“ (ebd., S. 84).
Durch die angebotene Ratenzahlung sind auch die Banken am großen Geschäft mit den Frauen beteiligt. In der Regel finanzieren sie einen erstmal geschlossenen Heiratsvertrag und profitieren somit auch noch an dem Frauenhandel für die Ehe. Der Händler bekommt seine vollen Vermittlungskosten von der Bank und diese trägt das Kreditrisiko.
Der erfolgreiche Einkauf wird für „Kurzentschlossene“ in einer Zeit von 3-4 Wochen garantiert, was jegliche Annäherung durch Briefkontakt oder Kennenlernen der kulturellen Gegebenheiten der zukünftigen Frau unmöglich macht, bei dieser Art von Frauenkauf für die Männer aber auch gar nicht von Interesse ist.
Das Klischee der unterwürfigen, liebevollen Asiatin ist ausreichend für die Vermittlungserfolge der Heiratsagenturen. So zeigen die veröffentlichten Angaben der Heiratsvermittler, daß das Geschäft blüht: Kretschmer gibt 100 erfolgreiche Vermittlungen pro Jahr an, Safrin 63, Amstad kommt bei 300 in drei Jahren auf den gleichen Durchschnitt und der größte Heiratshändler, Menger, gibt an, im Monat 300 Frauen zu vermitteln.
Die Zahl der Eheschließungen zwischen deutschen Männern und philippinischen Frauen ist von 1980 bis 1985 von 3432 auf 8044 gestiegen (vgl. ZEB, S. 84, Renschler, S. 66) und wird sich nach allen uns bekannten Einsichten über diesen Handel auch weiter erhöhen. Rechtlich unterliegt dieser Geschäftszweig keinerlei Kontrolle. Für ein Heiratsvermittlungsinstitut bedarf es lediglich der gewerberechtlichen Anmeldung. Wie bekannt, kann sich jede/r für wenig Geld (5,- bis 35,- DM) einen solchen Gewerbeschein beim zuständigen Gewerbeamt holen.
Die Projektionen der kaufenden Männer
Mit Hilfe einer Festlegung/Reduzierung auf abstrakte und globale Eigenschaften und Wesenszüge werden Frauen vermarktet. Diese Art der Projektion baut auf dem Unwissen um tatsächliche Lebensformen in fremden Ländern und auf Jahrtausende patriarchalischer Kultur.
Da sich Projektionen immer direkt auf den eigenen kulturellen und gesellschaftlichen Kontext beziehen und damit auch auf gesellschaftliche Defizite hinweisen, ändern sich die Inhalte im Laufe der Jahrhunderte, entsprechend der gesellschaftlichen Veränderung (vgl. Thiemann, in: Blätter des iz3w, Nr. 148, S. 22).
Innerhalb dieses ständigen Wechsels ist das Bild von (fremden) Frauen dagegen ziemlich konstant geblieben. Es verharrt in der patriarchalischen Idee von der Rolle der Frau. Ob in Reiseberichten aus dem 18. Jahrhundert oder heutigen Reiseführern – immer gilt die Hauptaufmerksamkeit der Sexualität oder sonstigen ‚Natürlichkeit‘ von Frauen, die zur freien Verfügung bereitzustehen scheinen (vgl. ebd., S. 23).
Eine natürliche sexuelle Freiheit und Reinheit wird ebenso auf die fremden Frauen projiziert wie raffinierte Verführungskünste. Darin läßt sich die Dichotomisierung in Reinheit der Jungfrau/Heiligen und die Verdorbenheit und Gefährlichkeit der Hure wiedererkennen.
Sowohl die Frau als auch die Fremde stehen als Teil der Natur konträr zur männlich geprägten Kultur/Zivilisation, was sie aus dem männlichen Bereich als Bereich des Menschlichen an sich ausgrenzt. In dieser ausgegrenzten Objektfunktion wird die Frau als das ‚Andere‘ betrachtet, als exotische Natur.
„Simone de Beauvoir sieht in dieser Ausgrenzung und Abwertung von dem ‚Anderen‘ einen Mechanismus, der patriarchalische Gewalt stützt. … das Andere steht für die bedrohlichen Teile des Selbst, z.B. Sexualität, die durch die Abspaltung beherrschbar werden. Durch die Abspaltung der Ängste und Ersetzung durch ein Objekt (Frau/Fremde) hofft der Mann, seine eigenen sexuellen Wünsche kontrollieren zu können. So braucht er sich nicht zu ändern, die Kontrolle der Frau/des Fremden ersetzt ihm die Auseinandersetzung mit sich selbst.“ (Thiemann, ebd., S. 23)
So ist speziell die fremde Frau männlichen Projektionen in Form von Angst und Wunschdenken ausgesetzt. Die durch die Verdrängung gewonnene Macht geht mit der Aufwertung des eigenen Status einher. Das haben Männer offensichtlich dringend nötig in einer Zeit, in der die Unzulänglichkeit des Mannes als des gesellschaftlichen Subjekts per se immer offensichtlicher wird. Größenwahnsinnige Selbstherrlichkeit wird immer rissiger, sowohl in der Eigenbretrachtung, als auch in der Betrachtung durch Frauen. Bei der Frage nach weiteren Gründen für den neuzeitlichen Sklavinnen-Handel stossen wie auch wieder auf den Prozeß der Entfremdung im kapitalistischen System. Soziale Beziehungen sind unverbindlich, schwierig, widersprüchlich, von Verlustängsten und Konsumverhalten geprägt. Der Wert des Menschen bestimmt sich im Wesentlichen über Geld und Image – über das richtige ‚Outfit‘, die dem Trend gemäßen Ansichten und die Position im Hierarchiegebilde. Wie groß der Streßfaktor für die meisten Menschen ist, die sich beim Wettlauf um Selbstwertgefühl und soziale Anerkennung hintenan sehen, belegen sowohl hohe Selbstmordzahlen (selbst bei Kindern) wie auch die [im ersten Teil dieser Diplomarbeit, SF-Anm.] bereits erwähnten Ausmaße von Gewalt.
Die soziale Verarmung die einhergeht mit dem Warencharakter von Beziehungen, und das Ohnmachtsgefühl gegenüber den gesellschaftlichen Anforderungen machen die patriarchale Denk-Idee, durch den Kauf einer Frau Abhilfe zu schaffen, geradezu plausibel.
„Auch als Randgruppenzugehöriger eines Industriestaates kann man(n) sich einer Frau aus der ‚Dritten Welt‘ überlegen fühlen, kann gesellschaftliche Ohnmacht mit Omnipotenzerlebnissen im Privatleben kompensiert werden.“ (Elvira Niesner, ebd., S. 38)
Die Vorteile gekaufter bzw. angeeigneter Frauen liegen aufgrund ihrer bereits beschriebenen Gesamtvereinnahmung auf der Hand und sind bestens dazu geeignet, gesellschaftlich bedingter Einsamkeit und Isolation zu entkommen.
„Treu, anspruchslos, anschmiegsam, fleißig“ etc. wie sie halt so sind in ihre Unkenntnis deutscher Lebensverhältnisse sind ausländische Frauen dann auch leichter handhabbar als deutsche Frauen. In einer Broschüre des ‚PartnerServiceInternational‘ ist z.B. zu lesen:
„… denken wir, daß eine Hauptursache von Partnerproblemen im Feminismus und der daraus resultierenden Krise im Selbstverständnis der Frau liegt. Aber auch diese Krise hat nicht nur negative Seiten. Eine der positiven ist zweifellos, daß sie uns hinsichtlich der Frauenfrage eine Chance zur geographischen Neuorientierung bietet! Wir betrachten es nicht zuletzt auch als einen Akt männlicher Solidarität, ihnen zu einer … Partnerin zu verhelfen, die aus einem Land stammt, in dem die Frauen noch keine Probleme mit ihrem weiblichen Selbstverständnis haben.“ (Gesine Meerwein, ebd., S. 40).
Die hier geschickt aufbereiteten Klischees sind Schmierseife für das angekratzte Selbstwertgefühl von Männern. Darüber hinaus leugnen sie nicht nur die Existenz der Emanzipationsbewegungen in der ‚Dritten Welt‘, sondern spoelen auch ‚fremde‘ gegen deutsche Frauen aus. Alles in allem scheint ein Frauen-Kauf und -Verkauf für alle beteiligten Männer ein gutes Geschäft zu sein. Die einen werden reich dran, die anderen können endlich die private Seite des Lebens in geordnete Bahnen lenken, was sich bei Bedarf dann – hübsch anzusehend – auch nach Außen repräsentieren läßt.
Die Dichotomisierung unserer Lebensbereiche – auf der einen (öffentlichen) Seite Rationalität, Leistungsorientiertheit und Gefühlsfeindlichkeit, auf der anderen (privaten) Seite Beziehung, Ehe und Familie – ist hier bis ins Extrem gesteigert.
„Als logische Konsequenz erscheint, daß die Frau in einer unter diesen Voraussetzungn zustande gekommenen Beziehung nur schwer als Subjekt mit eigenen Empfindungen, Ansprüchen und Vorstellungen wahrgenommen werden kann. Die Frau wird vielmehr zur riesigen Projektionsfläche – in die wird hineinprojiziert, was das Leben lebenswert machen soll.“ (Elvira Niesner, ebd., S. 38)
Dabei dürfen wir nicht vollständig ignorieren, daß die Entschlüsse der Frauen, Prostituierte zu werden, oder als Ehefrau in ein fremdes Land zu migrieren, durchaus eine selbstgewählte Lebensstrategie sein können. Selbst wenn diese Entscheidungen für uns schwer nachvollziehbar sind, ist es nicht von der Hand zu weisen, daß die Frauen die bestehenden Projektionen dazu benutzen, ihren Marktwert zu steigern. Sie verhalten sich dann den Bildern europäischer Männer entsprechend, um ihren Zielen nahezukommen (vgl. Thiemann, ebd., S. 23).
Daß dies sich in den meisten Fällen nicht erreichen lassen, ändert nichts an der Tatsache, daß eine selbstbestimmte – sofern mensch unter den bestehenden Gewaltverhältnissen davon sprechen kann – Lebensperspektive und -strategie zugrunde lag.
Die Lebenssituation der gekauften Ehefrauen
Zuerst zu den Frauen, die schon in der BRD sind und auf eine Eheschließung warten: Diese Frauen haben sich auf Zeitungsannoncen gemeldet, in denen Frauen gesucht wurden, die einen deutschen Ehemann heiraten wollen, z.B. auf folgende Anzeite im ‚Bulletin Today‚ in Manila:
„Germans sincerly wish correspondence, friendship and marriage with Philippine Ladies. Please send your coloured whole-body pictures and short biodata in print.“
(Deutsche wünschen ehrlich Briefwechsel, Freundschaft und Ehe mit philippinischen Damen. Bitte senden sie farbige Ganzkörper-Photos und einen kurzen Lebenslauf in Blockschrift.)
(Schmidt, S. 83).
Haben die Frauen Kontakt aufgenommen, kümmern sich die Agenturen bei den Frauen, die die Kosten für den Flug selbst aufbringen können, um die Ausreiseformalitäten. Ihnen wird empfohlen, sich das Geld zu leihen, mit dem Hinweis darauf, daß die zukünftigen Ehemänner bestimmt dafür aufkommen werden.
Mit einem dreimonatigen Touristenvisum kommen sie in ein fremdes Land, wo sie von den deutschen Händlern empfangen werden, die sie mit zu sich ins Haus nehmen oder in eine angemietete Wohnung bringen. Dort wohnen sie meist zu mehreren, überwacht von Händler und Ehefrau, die die heiratswilligen Männer bestellen.
Mensch kann davon ausgehen, daß den Frauen weder der Zeitdruck, innerhalb von drei Monaten, vor Ablauf des Touristenvisums, einen Ehemann finden zu müssen, um überhaupt hier bleiben zu können, noch die Art und Weise, wie sie als Ware angeboten und umgetauscht werden können, vorher klar war. Vielmehr kommen sie mit völlig idealisierten Vorstellungen von Deutschland und der Ehe mit einem Deutschen hier an.
Bert Laich, ein mann auf der Suche nach einer ‚exotischen Frau‘, gab folgende Beschreibung an, als ihm 4 Philippininnen zur Auswahl vorgeführt wurden:
„Sie waren alle voller Zuversicht, daß ich eine von ihnen auswählen würde, und daß sie alle den Mann ihrer Träume finden würden. Deutschland war für sie, wie sie wörtlich sagten, das saubere, friedliche, reiche Land der Verheißung.“ (ebd., S. 125)
Werden sie gewählt, nimmt der Mann sie zur Probe mit.
„Es gilt als abgemacht, daß ein Mädchen maximal für 2 Wochen ‚ausprobiert‘ werden kann; die Rückgabe kann ohne Begründung erfolgen, die Probe verpflichtet zu nichts.“ (ebd., S. 126)
Werden die Frauen nach dem Probesex schwanger, aber nicht geheiratet, so können sie nur hoffen, daß der nächste Käufer die Schwangerschaft nicht bemerkt.
Hat ein Händler eine Frau nach 3 Monaten noch nicht vermittelt, so findet er auf jeden Fall Abnehmer seiner Ware in der Zuhälterszene, was für die Frauen bedeutet, daß sie fortan als illegal versteckte oder im Milieu verheiratete Prostituierte arbeiten müssen.
Ist die Ehe zustande gekommen, ist diese in vielen Fällen ernüchternd. Erwarten die Frauen eine Beziehung, in der sie als gleichberechtigte Partnerin akzeptiert werden und die Möglichkeit erhalten, ihre Familien im Heimatland zu unterstützen, werden sie sowohl in dem einen wie auch in dem anderen Fall enttäuscht.
Sie befinden sich in einem Land, dessen kulturelle Umgangsformen ihnen fremd sind. Sie haben hier keine sozialen Kontakte und heiraten einen Mann, den sie kaum oder gar nicht kennen. Eine sprachliche Verständigung mit ihrem Ehemann ist kaum oder gar nicht möglich. Er ist die einzige Bezugsperson, und die jahrelange Aufrechterhaltung dieser Isolation wird vor allem von den Männern gewollt und betrieben. Deren Erwartung, eine fürsorgliche und gehorsame Hausfrau und Bettgefährtin zu besitzen, fördert in keinster Weise die Eigeninitiative der Asiatinnen, sich in unserer Kultur zurechtzufinden, Kontakte aufzunehmen und Standpunkte zu beziehen. Mittelpunkt im Leben der Frauen sollen die Männer und die Haushaltsführung sein, so daß viele Frauen nur zum Einkaufen die Wohnung verlassen und auch nach jahrelangem Aufenthalt in der BRD noch kaum deutsch sprechen.
„Es kommt immer wieder vor, daß sie die deutsche Sprache nicht lernen dürfen, weil ihre Ehemänner sie möglichst wie ein eingesperrtes Haustier in völliger Abhängigkeit halten wollen.“ (ck, in: Blätter des iz3w, Nr. 148, S. 37).
Dazu kommt die Ausländerfeindlichkeit in Deutschland und die bestehende Familienisolierung, die jegliche Kontaktaufnahme erschwert.
Ist die Lebenssituation der gekauften Ehefrau schon geprägt durch die Erwartungen und Verhaltensweisen der Ehemänner, so kann sie noch nicht einmal ihren Wunsch bzw. ihre Verpflichtung verwirklichen, die Familie zu Hause finanziell zu unterstützen.
Aus den spendierfreudigen Touristen werden geizige Ehemänner, die die alleinige Verfügungsgewalt über das vorhandene Geld selbstgefällig in Anspruch nehmen. Da es den Frauen nie nur darum geht, ihr eigenes Überleben zu sichern, sondern auch das ihrer Familien, kommt es über diesen Punkt häufig zu Auseinandersetzungen.
Die Deutsch-Thailändische Gesellschaft in Bonn, die Aufklärungsarbeit leistet und Hilfe anbietet, beschreibt, daß es in vielen Fällen, in denen sie eingeschaltet wird, um Geld geht. So wollte eine Thailänderin von ihrem Mann 3mal 100,- DM für die traditionelle Zeremonie beim Tod ihres Vaters bekommen. Das erste Mal am Todestag, das zweite Mal 7 Tage später und das dritte Mal ein Jahr nach dem Tod. Ihr Mann brachte kein Verständnis für die kulturellen Unterschiede auf und verweigerte das Geld mit der Begründung, seine Mutter sei auch nur einmal begraben worden (vgl. ZEB, S. 72).
In ihrer isolierten Lebenssituation ist die Frau den Launen und Aggressionen des Mannes besonders ausgesetzt.
„Es gibt zahlreiche Fallbeispiele von Männern, die große physische und psychische Gewalt gegen ihre Ehefrauen richten, häufig dann, wenn es sich herausstellte, daß die Frau den falschen Vorstellungen des Ehemannes – nicht entsprechen konnte und wollte, oder wenn die Frau, zum Konsumartikel degradiert, nach Gebrauch langweilig geworden ist.“ (Lipka, S. 32)
Prügelnde Ehemänner, die im Privaten ihren Frust abreagieren, sind keine Seltenheit, kommen jedoch aus diesen Ehen nicht so häufig an die Öffentlichkeit. Das hängt auch damit zusammen, daß den Frauen die Möglichkeit, zu Bekannten oder ins Frauenhaus zu gehen, nicht so möglich bzw. bekannt ist. Das folgende ist in einem Brief an ein Frauenhaus zu lesen, in dessen vierjähriger Geschichte übrigens nur diese eine Asiatin Hilfe gesucht hat, und das auch nur, weil eine aufmerksame Nachbarin eingeschritten war.
„Sie ist sehr oft von ihrem Mann mißhandelt worden – hatte oft blaue Augen. Auch als sie zu uns kam, hatte sie Prellungen am ganzen Körper und klagte über Kopfschmerzen.“ (ebd., S. 33)
Hier kommt auch die rassistische Haltung des Mannes gegenüber seiner ausländischen Frau zutage. So erzählte die Nachbarin:
„daß E. von ihrem Mann wie eine Sklavin behandelt wird. Er läßt sie ständig spüren, daß sie weniger wert ist als eine deutsche Frau – so hat er ihr z.B. eine Waschmaschine verweigert mit der Begründung solche technischen Errungenschaften seien nur für deutsche Frauen – So mußte sie die gesamte Wäsche für ihren damals 9 Monate alten Sohn mit der Hand waschen!“ (ebd.).
Trotz der Abhängigkeiten und Gewalttätigkeiten kommt es bei diesen Ehen selten zu Scheidungen. Nach deutschem Recht ist die Aufenthaltserlaubnis der Frauen an die Ehe gebunden. Im Scheidungsfall haben die Frauen kein Recht, weiterhin in der BRD zu bleiben. Snd Kinder vorhanden, steht die ausländische Ehefrau unter noch größerem Druck, die Ehe nicht zu gefährden. Bei einer Scheidung hat sie wenig Chancen, das Sorgerecht für gemeinsame Kinder zu bekommen. Die gesetzliche Begründung hierfür lautet, daß eine ausländische Frau ihr Kind nicht nach westlichen Wertvorstellungen erziehen kann und es dem Kind auch nicht zuzumuten sei, in einem ‚Dritte Welt‘-Land aufzuwachsen (vgl. Broschüre der Frauen gegen Imperialismus und Patriarchat, Sextourismus und Frauenhandel, S. 21).
Diese Rechtsprechung kommt den Männern als weiteres Druckmittel zur Durchsetzung ihrer Interessen zugute. Ohne ihre Kinder sind die Frauen noch viel weniger bereit, aus einer miserablen Ehesituation auszubrechen.
Literatur
– Beauvoir, Simone: Das andere Geschlecht – Sitte und Sexus der Frau, Hamburg 1968.
– Blätter des iz3w, u.a. Nr. 131 (Annette Niemeyer: Das BMZ und die Frauen), 148: (ck: Eine Frau in zwei Wochen; Gesine Meerwein: Kein Glück in der Liebe, aber …; Elvira Nießner: Assoziationen zur männlichen Nachfrage; Heidi Thiemann: Alle Frauen sind Fremde), Freiburg
– Frauen gegen Imperialismus und Patriarchat, Sextourismus und Frauenhandel am Beispiel Thailand-BRD, Münster 1988
– Lipka, Susanne: Prostitutionstourismus in die ‚Dritte Welt‘ am Beispiel Südostasien, Frauenhandel mit Frauen aus der ‚Dritten Welt‘ in die BRD, in: BRD und Dritte Welt, Band 30 (= 10/86), 1987, S. 4-25, 29-39.
– Renschler, Regula: Die Ware Liebe, Wuppertal 1987.
– Stadt-Revue Nr. 5, Mai 1988, Köln.
– Thiemann, Heidi: Frauenrolle und Prostitution in Thailand, Köln 1987
– ZEB (Zentrum für entwicklungsbezogene Bildung) (Hrsg.), Tourismus, Prostitution, Entwicklung – Dokumente (u.a. Hartmut Schergel: Aus Fernost ‚ein Kätzchen fürs Leben‘), 3. Auflage, Stuttgart, 3. Ausgabe, 1983.
Entnommen aus Schwarzer Faden Nr. 32 (1989)