Vandana Shiva: Heimatlos im „globalen Dorf“ (1993)

Die weltweite Marktintegration und die Schaffung von fairen Bedingungen für das transnationale Kapital schufen die Voraussetzungen für Heimatlosigkeit im eigentlichen und im übertragenen Sinne. Der Manager eines multinationalen Konzerns, der in jedem Holiday Inn und Hilton ein Zuhause findet, ist heimatlos im tieferen kulturellen Sinne von „nicht verwurzelt sein“. Aber der kulturell verwurzelte Ureinwohner wird physisch heimatlos gemacht, wenn er vom Boden seiner Vorfahren entwurzelt wird.

In diesem „globalen Dorf“ scheinen zwei Klassen von Heimatlosen zu entstehen. Die eine Gruppe ist weltweit mobil, ohne Heimatland, aber mit der ganzen Welt als ihrem Besitz. Die andere Gruppe hat sogar die Mobilität innerhalb der Verwurzelung verloren und lebt in Flüchtlingslagern, Wiederansiedlungskolonien und Reservaten. Die gesamte Verdrängung durch den Kolonialismus, die Entwicklung und durch den Weltmarkt machte Heimatlosigkeit zu einem kulturellen Merkmal des späten zwanzigsten Jahrhunderts.

Entwicklung als Entwurzelung

Dämme, Bergwerke, Kraftwerke und Militärstützpunkte, dies sind die Tempel der neuen Religion genannt „Entwicklung“; einer Religion, die das Gedankengerüst für den modernisierten Staat, seine Bürokratien und Technokratien liefert. Auf dem Altar dieser Religion wird das Leben der Natur und der Menschen geopfert. Die Sakramente der Entwicklung sind aus den Ruinen und der Entheiligung anderer Heiligtümer, vor allem des heiligen Bodens, gemacht worden. Sie stützen sich auf die Demontage der Gesellschaft und Gemeinschaft, auf die Entwurzelung von Menschen und Kulturen. Weil die Erde die heilige Mutter ist, der Schoss des Lebens der Natur und der Gesellschaft, war ihre Unantastbarkeit das Grundprinzip von Gesellschaften, die die „Entwicklung“ als rückständig und primitiv erklärt hat. Aber diese Menschen sind unsere Zeitgenossinnen und -genossen. Sie unterscheiden sich von uns nicht durch ihre Zugehörigkeit zu einem vergangenen Zeitalter, sondern durch ein anderes Konzept von dem, was heilig ist, was erhalten werden muss. Das Heilige ist das Band, das den Teil mit dem Ganzen verbindet. Die Heiligkeit des Bodens muss erhalten bleiben, dem menschlichen Handeln müssen Grenzen gesetzt werden. Aus der Sicht der Entwicklungsverwalter, der Hohepriester der neuen Religion, sind heilige Bande mit dem Boden Hindernisse und Behinderungen, die weggeräumt und geopfert werden müssen. Weil Menschen, denen der Boden heilig ist, sich nicht freiwillig entwurzeln lassen, braucht „Entwicklung“ einen Polizeistaat und terroristische Taktiken, um ihnen ihr Zuhause und ihr Heimatland zu entreissen und sie als ökologische und kulturelle Flüchtlinge in die Einöde der Industriegesellschaft zu schicken. Oft sind Kugeln und Bagger nötig, um das Entwicklungsprojekt durchzuführen.

In Indien wird das Ausmass dieses Verlusts erst jetzt sichtbar. Die Opfer des Fortschritts haben natürlich ihre eigene Entwurzelung erlebt und sich dagegen gewehrt. Aber sowohl die Betroffenen wie der Staat betrachteten jedes Opfer als ein kleines angesichts des bedeutenderen „nationalen Interesses“. Nach 40 Jahren geplanter Entwicklung kann die geplante Zerstörung der Natur und Gesellschaft nicht mehr länger übersehen werden; und das bedeutendere „nationale Interesse“ stellt sich als das Interesse einer Eliteminderheit ohne Wurzeln heraus. Fünfzehn Millionen Menschen wurden in Indien während der letzten vier Entwicklungsjahrzehnte von ihrem Heimatboden vertrieben (1). Sie und ihre Verbundenheit mit dem Boden wurden der Errichtung von Minen, Dämmen, Fabriken und Tierparks geopfert.

Ein Wort erklingt immer wieder in den Liedern und Parolen der Inderinnen und Inder, die gegen „Entwicklung“ kämpfen: „Mati“ – Boden. Für diese Menschen ist der Boden nicht bloß eine Ressource, sondern er ist die eigentliche Essenz ihres Seins. Für grosse Teile der indischen Gesellschaft ist der Boden immer noch eine heilige Mutter.

„Entwicklung“ bedeutete den ökologischen und kulturellen Bruch mit der Natur und innerhalb der Gesellschaft ddie Umwandlung von organischen Gemeinschaften zu Gruppen von entwurzelten und entfremdeten Individuen, die auf der Suche nach abstrakten Identitäten sind. Was heute ökologische Bewegungen im Süden genannt wird, sind eigentlich Bewegungen zur Verwurzelung, Bewegungen zur Verhinderung von Entwurzelung. Und was meist als ethnische Kämpfe gilt, sind auch, auf ihre Art, Bewegungen von entwurzelten Menschen, die gesellschaftliche und kulturelle Verwurzelung suchen. Es sind die Bemühungen von Menschen in den Ruinen der Entwicklung um die Wiedererlangung des Gefühls des Selbst-Seins und der Kontrolle über ihr eigenes Schicksal.

Der Boden als heilige Mutter

Wo immer Entwicklungsprojekte begonnen werden, reissen sie den Boden auf und durchtrennen die Bande zwischen den Menschen und dem Boden.

„Mati Devata, Dharam Devata – Der Boden ist unsere Göttin, er ist unsere Religion.“ Dies waren die Worte von Adivasi-Frauen der Bewegung „Rettet Gandmardhan“ (2), als sie die Erde umarmten, während sie von der Polizei von den Blockadeorten in den Gandmardhan Hügeln im Bundesstaat Orissa weggeschleppt wurden. Dhanmati, eine 70 Jahre alte Frau der Bewegung sagte: „Wir werden unser Leben opfern, aber nicht Ganmardhan. Wir wollen diesen Berg retten, der uns alles gibt, was wir brauchen.“

Die Wälder von Ganmardhan beheimaten eine reiche Pflanzenvielfalt und grosse Wasservorkommen. Diese speisen 22 ganzjährige Bäche, die wiederum in wichtige Flüsse wie den Mahanadi fliessen. Im Epos Ramayana der indischen Mythologie ist Gandmardhan der heilige Berg, wo Hanuman Heilkräuter sammelte, um Laxmans Leben zu retten. Der Retter soll nun für die „Entwicklung“ zerstört werden. Er soll vom Aluminiumkonzern BALCO für den Bauxitabbau entweiht werden. BALCO ist nach Gandmardhan gekommen, nachdem er die Unantastbarkeit und Ökologie eines anderen wichtigen Berges, Amarkantak – die Quelle von Flüssen wie Narmada, Sone und Mahanadi – zerstört hat. Die Zerstörung des Amarkantak war ein hoher Preis für die entstandenen Reservate, die sowieso kleiner wurden als ursprünglich angenommen. Um sein 100.000-Tonnen-Aluminiumwerk in Korba im Bundesstaat Madhya Pradesh zu beliefern, ist BALCO nun nach Orissa gezogen, um mit der Vergewaltigung der Gandmardhan-Hügel zu beginnen.

Seit 1985 stören Ureinwohnerinnen und -einwohner aus der Region die Arbeit des Unternehmens und widerstehen dessen Arbeitsplatzangeboten. Sogar die Polizei konnte den entschlossenen Protest nicht unterbinden.

Die Konflikt und die Zerstörung waren unnötig, denn Indien braucht nicht so viel Aluminium, es hat schon einen Überschuss. Der Abbau wird jedoch nicht von den Bedürfnissen des indischen Volkes diktiert, sondern von der Nachfrage der industrialisierten Länder, die ihre eigenen Aluminiumwerke schliessen und den Import aus Ländern wie Indien fördern. Japan hat seine Schmelzkapazität von Aluminium von 1.200.000 Tonnen auf 140.000 Tonnen reduziert und importiert nun 90 Prozent seines Aluminiumbedarfs. Dieselben japanischen Firmen schlugen die Errichtung von Joint Ventures in indischen Zonen der verarbeitenden Exportindustrie vor, um Aluminiumprodukte mit Rückkauf-Verinbarungen herzustellen. (3) Das Überleben der indigenen Bevölkerung von Gandmardhan ist also gefährdet, da die reichen Ländern ihre eigene, nächste Umwelt, ihre Ökonomien und ihre luxuriöse Lebensart schützen wollen.

Im Bundesstaat Bihar werden die Stammesgebiete in der Chotanagpur Ebene zerstört, um Kohle und Eisen abzubauen und um die Flüsse zu stauen. Der von der Weltbank mit einem Darlehen von 127 Millionen US-Dollar finanzierte Suvarnarekha-Damm wird vor allem gebaut, um Industriewasser für die wachsende Stahlstadt Jamshedpur zu liefern. Die Dämme werden 80.000 Menschen verdrängen. 1982 wurde Ganga Ram Kalundia, der Führer der Stammesbewegung gegen den Dammbau, von der Polizei erschossen. Sieben Jahre später wehren sich seine Mitstreiterinnen- und -streiter immer noch gegen den Bau des Dammes, weil er sie dem Boden ihrer Geburt entreissen wird, dem Boden, der sie nährt und mit ihren Vorfahren verbindet. Wie Surendra Biruli von der Bewegung gegen den Suvarnekha-Damm sagt:

„Unsere Verbindung zu unseren Vorfahren ist die Basis unserer Gesellschaft und der Fortpflanzung unserer Gesellschaft. Unsere Kinder spielen bei den Steinen, die die Grabstätten unserer Vorfahren markieren. Sie lernen die Lebensweise unserer Vorfahren. Ohne Bezug zu unseren Vorfahren verliert unser Leben jeglichen Sinn. Sie reden von Entschädigung. Wie können sie uns für den Verlust unseres eigentlichen Lebenssinns entschädigen, wenn sie diese Grabsteine unter dem Damm begraben? Sie sprechen von Rehabilitation. Können sie die heiligen Orte, die sie geschändet haben, je rehabilitieren?“ (4)

An der Küste von Orissa kämpft die Bevölkerung von Balliapal gegen den Bau einer nationalen Raketentestanlage, die 70.000 Menschen von ihrem fruchtbaren Heimatboden verdrängen würde. Die Protestierenden machen immer wieder ihre Verbundenheit mit dem Boden als der Basis ihres Widerstands geltend. „Das Land und das Meer gehören uns. Wir werden unser Leben opfern, aber nicht unsere Mutter Erde.“ Sie haben Entschädigungsangebote abgelehnt, denn Bargeld kann nicht für die zerstörte Verbindung zum Boden entschädigen, der Generationen von Balliapal-Bauern und – Bäuerinnen ernährt und versorgt hat. Wie der Oriya-Poet Brajnath Rai schreibt:

Meilen von Kakao-
und Cashewnuss-Plantagen,
unzählige, üppige
Betelpalmen
zeichnen grüne kunstvolle Muster
auf den Teppich aus braunem Sand.
Batate, Erdnuss
Zuckermelonenkraut
haben deinen staubigen Boden
immer grün geschmückt.
Sie haben den Menschen
grosse Hoffnung für
ein langes, reiches Leben gegeben,
eingeflösst in Herzen
von arbeitenden Menschen haben sie
eine ewig lebendige Hoffnung.
Aber, heute plötzlich
sind begehrliche Augen eines machtversessenen Jägers
auf deinen grünen Körper gefallen
Um ihn in Stücke zu schneiden,
um nach Herzenslust
frisches rotes Blut zu trinken.
Ein verdammter Jäger
hat taktlos
auf dein Herz gezielt
Um eine feurige Rakete abzuschiessen.

Für Gemeinschaften, die ihre Nahrung vom Boden beziehen, ist dieser nicht nur eine physikalische Gegebenheit, platziert im kartesischen Raum, sondern er ist Quelle des Lebens an sich. Wie ein australischer Aborigene sagte: „Mein Land ist mein Rückgrat. Mein Land ist mein Fundament.“ Boden und Gesellschaft, die Erde und ihre Menschen sind eng miteinander verbunden. In Stammes- und Ackerbaugesellschaften leiten sich die kulturelle und religiöse Identität vom Boden ab, der nicht als blosser „Produktionsfaktor“, sondern als die eigentliche Seele der Gesellschaft betrachtet wird. Der Boden verkörpert in den meisten Kulturen die ökologische und spirituelle Heimat. Er ist nicht nur der Schoss für die Reproduktion von biologischem Leben; er verkörpert die Quelle aller Nahrung und ist Heimat im tiefsten Sinne.

Der Stamm der Hill Maris in Bastar sieht bhum, Boden, als seine Heimat an. Shringar Bhum ist die Gesamtheit der Pflanzen, Tiere, Bäume und menschlichen Wesen. Es ist der kulturelle spirituelle Raum, der die Erinnerung, Mythen, Geschichten und Lieder ausmacht, die das tägliche Leben der Gemeinschaft bestimmen. Jagha Bhum ist der Name für den konkreten Ort im Dorf für gesellschaftliche Aktivitäten. Savyasaachi zitiert einen Dorfältesten folgendermassen:

„Die Sonne, der Mond, die Luft, die Bäume sind Zeichen meiner Kontinuität. Das gesellschaftliche Leben wird so lange weitergehen, wie diese weiterleben. Ich wurde als Teil der bhum geboren. Ich werde sterben, wenn die bhum stirbt. Ich wurde mit allen anderen in diese bhum geboren; ich gehe mit ihnen. Er, der uns alle geschaffen hat, wird uns Nahrung geben. Wenn es in der bhum so eine grosse Vielfalt und Fülle gibt, gibt es für mich keinen Grund, mich um Nahrung und Kontinuität zu sorgen.“

Der Boden ist also die Voraussetzung für die Regeneration des Lebens von Natur und Gesellschaft. Die Erneuerung der Gesellschaft beinhaltet daher die Bewahrung der Integrität des Bodens; sie bedeutet den Boden heilig zu halten.

Die Entheiligung des Bodens geschieht durch Veränderungen in der Bedeutung von Raum. Heiliger Raum, das Universum allen Sinnes und Lebens, die ökologische Quelle aller Nahrung wird in eine blosse Stelle, einen Ort im kartesischen Raum umgewandelt. Wenn dieser Ort für ein Entwicklungprojekt ausgesucht worden ist, wird er als spirituelle und ökologische Heimat zerstört. In Zentralindien erzählen die Ältesten ihren Kindern eine Geschichte, um zu zeigen, dass das Leben des Stammes tief und eng mit dem Leben des Bodens und des Waldes verbunden ist.

„Der Wald stand in Flammen. Durch den Wind gestossen kamen die Flammen auf einen wunderschönen Baum zu, auf dem ein Vogel sass. Ein alter Mann, der vor dem Feuer flüchtete, sah den Vogel und sprach zu ihm: „Kleiner Vogel, warum fliegst du nicht weg?“ Hast du vergessen, dass du Flügel hast?“ Und der Vogel antwortete: „Alter Mann, siehst du jenes leere Nest über mir? Dort wurde ich geboren. Und in diesem kleinen Nest, von wo aus du das Piepsen hörst, ziehe ich mein Kind auf. Ich füttere es mit Nektar von den Blüten dieses Baumes, und ich lebe von seinen reifen Früchten. Und siehst du den Kot unter dem Baum auf dem Waldboden? Daraus werden viele Sämlinge entstehen. So helfe ich, Grün zu verbreiten, wie es meine Eltern vor mir taten, wie es meine Kinder nach mir tun werden. Mein Leben ist mit diesem Baum verbunden. Wenn er stirbt, werde ich ganz sicher mit ihm sterben. Nein, ich habe meine Flügel nicht vergessen.“ (6)

Die Tatsache, dass Menschen nicht vom Land ihrer Vorfahren wegzogen, dass sie weiterhin Leben in Natur und Gesellschaft auf nachhaltige Art reproduzieren, wurde nicht als die Bewahrung der Erde und der Ethik des Bodens angesehen. Stattdessen wurd es als Beweis für Stagnation, für die Unfähigkeit weiterzugehen, des „Fortschreitens“, angesehen. Die Anregung, weiterzugehen und vorwärts zu kommen, wurde durch das Entwicklungsprojekt geliefert, und die Entwurzelung und Zerstörung, die es beinhaltete, wurde unter der neokartesischen Kategorie des „Verdrängens“ euphemistisch neutralisiert.

Peter Berger beschrieb Entwicklung als den sich ausbreitenden Zustand von Heimatlosigkeit (7). Die Schaffung von Heimatlosigkeit geschieht einerseits durch die ökologische Zerstörung des „Zuhause“ und andererseits durch die kulturelle und geistige Entwurzelung der Menschen von ihrer Heimat. Das Wort „Ökologie“ wurde von oikos, Haushalt, abgeleitet – und die ökologische Zerstörung ist in ihrem Kern die Zerstörung der bhum als dem spirituellen und ökologischen Haushalt. Weil dem Raum als Ersatz für die heilige eine kartesische Kategorie zugewiesen wird, können Entwicklungstechnokraten und -agenturen ihre Tätigkeit auf die Regelung der „Unfreiwilligen Umsiedlung in Entwicklungsprojekten“ ausweiten. Der unumkehrbare Prozess des Genozids und Ökozids wird durch Begriffe wie „Evakuierung“ und „Umsiedlung“ beschönigt. Es wird für die Organisationen wie die Weltbank möglich, davon zu sprechen, die „positiven“ „nationalen“ Langzeitinteressen, denen durch Entwicklungsprojekte gedient wird, mit den „negativen“ Auswirkungen der Evakuierung, die „lokale“ Gemeinschaften durch Umsiedlung und Rehabilitationsprojekte tragen müssen, zu versöhnen.

Für jene, die den Boden heilig halten, ist eine Umsiedung unvorstellbar. An einer öffentlichen Anhörung der Weltkommission für Entwicklung und Umwelt sprach ein Stammesältester der Krenak von der Unmöglichkeit einer Umsiedlung:

„Als die Regierung uns unser Land im Rio-Doce-Tal wegnahm, wollten sie uns irgendwo anders einen anderen Ort geben. Aber der Staat, die Regierung, wird niemals verstehen, dass es für uns keinen anderen Ort gibt.
Der einzige mögliche Ort, an dem wir Krenaks leben und unsere Existenz wiederaufbauen können, wo wir mit unseren Göttern sprechen, wo wir mit unserer Natur sprechen, wo wir unser Leben weben, das ist, wo Gott uns geschaffen hat. Es ist unsinnig, wenn die Regierung uns an einen sehr schönen Ort setzt, an einen sehr guten Platz mit viel Jagd und viel Fisch. Wir Krenaks, wir sterben weiter und wir sterben, indem wir darauf bestehen, dass es nur einen Ort für uns gibt zu leben.
Es macht mich nicht glücklich, die menschliche Unfähigkeit zu sehen. Es gefällt mir überhaupt nicht hierherzukommen und diese Erklärung abzugeben. Wir wollen nicht länger den Planeten, auf dem wir leben, sehen, als wäre es ein Schachbrett, wo die Dinge herumgeschoben werden. Wir können den Planeten als etwas vom Kosmischen Losgelösten betrachten.“ [Hervorherbung durch die Autorin]

Diese Sicht der Natur, die den Boden als Mutter und den Menschen als ihre Nachkommenschaft ansieht und nicht als ihre Beherrscher, ist auf der ganzen Welt zu finden, obwohl sie überall geopfert wurde, da sie nur einen engen, beschränkten Standpunkt und Ansatz darstelle.

An ihrer Stelle wurde die Kultur des Weissen Mannes eingeführt, die durch den Kolonialismus und dann die Entwicklung weltweit verbreitet wurde. Sie begreift den Boden nur im Sinne von Territorium, das es zu erobern und zu besitzen gilt.

Kolonialismus und Kapitalismus verwandelten Land und Boden von einer Lebensquelle und einem Gemeineigentum, von dem Menschen Nahrung beziehen können, in Privatbesitz, der zu kaufen, verkaufen und zu erobern ist. Die Entwicklung beendete die vom Kolonialismus begonnene Arbeit. Sie verwandelte den Menschen vom Gast zum Plünderer. In einem heiligen Raum kann der Mensch nur Gast sein, er kann ihn nicht besitzen. Diese Haltung gegenüber dem Boden und der Erde als einem sakralen Heim, nicht als einem Privatbesitz, ist den meisten Gesellschaften in der Dritten Welt eigen. Chief Seattles Brief ist zu einem ökologischen Testament geworden, das uns sagt:

„…die Erde gehört nicht den Menschen, der Mensch gehört zur Erde, das wissen wir. Alles ist miteinander verbunden, wie das Blut, das eine Familie vereint. Alles ist verbunden. Was der Erde angetan wird, wird auch den Söhnen der Erde angetan. Der Mensch schuf nicht das Gewebe des Lebens, er ist darin nur eine Faser. Was immer Ihr dem Gewebe antut, das tut Ihr Euch selber an.“

In den Weltanschauungen der Völker Afrikas erscheint die Welt in ihrer Gesamtheit als aus einem einzigen Gewebe bestehend. Der Mensch kann sie nicht mit seinem Geist beherrschen. Zudem ist diese Welt geheiligt, und der Mensch muss in seinem Gebrauch von ihr umsichtig sein. Der Mensch muss als Gast in dieser Welt handeln und nicht als ausbeutender Besitzer. (10)

Wenn der Rhythmus und die Muster des Universums verdrängt worden sind, wird das Gemeineigentum durch den Privatbesitz verdrängt. In indigenen Volksgruppen haben Einzelne keine Privatbesitzrechte. Stattdessen ist der ganze Stamm der Verwalter des Landes, und zur Gemeinschaft oder zum Stamm gehören nicht nur die lebenden Mitglieder, sondern auch die Vorfahren und die zukünftigen Generationen. Die Abwesenheit von Privatbesitzrechten und eines territorialen Raumkonzepts erleichtern die Enteignung von Land von indigenen Gemeinschaften.

In der Definition als heiliger Raum ist der Boden kein kartographisches Gebiet auf einer Landkarte oder eine territoriale Einheit. Wie Benedict Andersson (11) gezeigt hat, war die Schaffung von territorialem Raum in grossen Gebieten der Welt ein Instrument der Kolonisation. Indem er den Wechsel von kulturellem zu territorialem Raum in Thailand nachgeht, zeigt er, wie zwischen 1900 und 1915 die traditionellen Wörter brung und muang mehrheitlich verschwanden, weil sie für „Souveränität“ im Sinne von heiligen Stätten und bestimmten Bevölkerungszentren standen. An deren Stelle trat prathet, „Land“, das den Raum in den unsichtbaren Kategorien des begrenzten territorialen Raumes wiedergab. Souveränität wechselte so vom Boden und den bodenverbundenen Gemeinschaften zum Nationalstaat. Naturgesetze und ihre Allgemeingültigkeit wurden durch die Gesetze eines Polizeistaates ersetzt, und die Völker wurden von ihrem angestammten Heimatland vertrieben, um der Logik des Weltmarktes den Weg zu ebnen.

So werden organische Gemeinschaften von Slums oder städtischen und industriellen Dschungeln abgelöst. Die Entwicklung baut neue „Tempel“, indem sie die Natur und Gesellschaft ihrer Integrität – und ihrer Seele – beraubt. Die Entwicklung verwandelte den Boden von der heiligen Mutter in einen Wegwerfartikel – damit er für darunter liegende Mineralien verwüstet oder unter gigantischen Wasser-Reservoirs ertränkt werden kann. Auch die Kinder des Bodens wurden überflüssig gemacht: Bergwerke und Dämme lassen Ödland und entwurzelte Menschen zurück. Die Entheiligung des Bodens als heiligen Raum war ein wesentlicher Bestandteil des Kolonialismus damals und der Entwicklung heutzutage. Wie Rifkin (12) so treffend bemerkt: „…Entheiligung ist der seelische Prozess, mittels dessen die Menschheit ihrer Beute die Lebendigkeit entzieht, um sie geniessbar zu machen.“

Die Ironie in der Entheiligung des Raumes und der Entwurzelung der einheimischen Gemeinschaften ist, dass die in der Entwicklung gebrauchten säkularen Kategorien von Raum die ursprünglichen Bewohnerinnen und Bewohner zu Fremden macht, während Eindringlinge deren Zuhause in Privatbesitz nehmen. Mit einer Bedeutungsverschiebung der Kategorie des Raums findet eine politische Neudefinition von Menschn und Gesellschaft statt. In Bezug zur Natur und Gesellschaft werden neue Quellen der Macht und Kontrolle geschaffen. Während die Beziehungen zwischen Natur und Gesellschaft und zwischen verschiedenen Gemeinschaften verändert und durch abstrakte und starre Grenzen zwischen Natur und Mensch und zwischen Menschen ersetzt werden, verlagern sich Macht und Bedeutung von den Wurzeln im Boden zu den Bindungen an den Nationalstaat und das Weltkapital. Diese eindimensionalen, homogenisierenden Konzepte schaffen neue Dualitäten und Ausgrenzungen.

Neue Grenzen werden offensichtlich für die Menschen, die zu diesem Land gehören, erstellt. Für jene, die hereinkommen, um das Land zu kolonisieren und zu zerstören, gibt es keine Grenzen. IIn den Worten des Finanzberaters Kenichi Ohmae heisst das:

„Auf einer politischen Landkarte sind die Grenzen zwischen Ländern so klar wie immer. Aber auf einer Wettbewerbskarte, einer Karte, die die tatsächlichen Flüsse von Finanzgeschäften zeigt, sind diese Grenzen grösstenteils verschwunden… Grenzenlose Wirtschaft … offeriert denjenigen enorme Möglichkeiten, die die Grenzen auf der Suche nach grösseren Profiten beliebig überschreiten können. Wir leben endgültig in einer Welt, wo Geld, Wertpapiere, Dienstleistungen, Optionen, Zukunftsinvestitionen, Information und Patente, Soft- und Hardware, Firmen und Know-how, Vermögenswerte und Mitgliedschaften, Bilder und Marken alle ohne nationale Gefühle über traditionelle Grenzen hinweg gehandelt werden.“ (13)

Anmerkungen

(1) Fernandes, Walter und Enakshi Ganguly Thukral: Development Displacement and Rehabilitation, Indian Social Institute, 1989, S. 80.

(2) Bahuguna, Sunderlal in: Chipko News, Mimeo, Najeevan Ashram, Silyara 1986.

(3) Bandyopadhyay, J.: Havoc, in: Illustrated Weekly of India, 13. Dezember 1986.

(4) Gespräch mit der Autorin bei einem Besuch im gefährdeten Suvarnarekha-Gebiet, September 1889.

(5) Savyasaachi, in : Marglin, Frederique und Tariq Banuri: Dominating Knowledge, Zed Books, London 1990.

(6) Rane, Ulhas: The Zudqi Factor, in: Sanctuary, 1987, Vol. VII, No. 4.

(7) Berger, Peter et al.: The Homeless Mind, Pelican Books, London 1981. (Dt: Das Unbehagen der Modernität, Campus Verlag, Frankfurt 1987.)

(8) Krenak, Ailton. Koordinator der Union indianischer Staaten, WCED Öffentliche Anhörung, Sao Paulo, 28.-29. Oktober 1085. Zitiert in: Our Common Future, Oxford University Press, Oxford, S. 115. (Dt: Unsere gemeinsame Zukunft, Eggenkamp Verlag, Greven 1987, S. 116.)

(9) Chief Seattle: Letter to the President of the USA, wiedergegeben in: If All the Beasts Were Gone, Royal College of Art, London 1977.

(10) Mbiti, John S.: The Prayers of African Religions, SPCK, London 1975.

(11) Anderson, Benedict: Nationalism, Papier vorgestellt am WIDER-Seminar „Wissenssysteme als Machtsysteme“, Karachi 1989.

(12) Rifkin, Jeremy und Perlas Nicanor: Algeny, The Viking Press, New York 1983 (Dt: Genesis zwei, Biotechnik – Schöpfung nach Mass, Rowohlt Verlag, Reinbek, S. 54).

(13) Ohmae, Kenichi: The Borderless World, Collins, London 1990, S. 18.