Claudia von Werlhof: Die Puppen in der Puppe. Zum Verhältnis von „Staat“ und „Kapital“ und „Patriarchat“

Es sind die alten, die „klassischen“ Fragen, die mit dem Auftauchen neuer sozialer Bewegungen – insbesondere der Frauenbewegung – seit Ende der sechziger Jahre wieder gestellt werden. Es sind grundlegende Fragen nach Zusammenhängen, nach „dem Ganzen“ und seiner Geschichte, ohne deren Klärung wir offenbar unseren historischen Ort, unsere Fähigkeiten und unsere Möglichkeiten nicht erkennen können. Wir spüren, daß wir uns „die Welt“ erklären müssen, um uns darin wiederzufinden, und werden statt dessen von der traditionellen Wissenschaft seit Jahrzehnten abgespeist mit einem Partialwissen, das nichts als Unbehagen in uns hinterläßt. Aber auch die seit kurzem modischen Versuche von Exponenten der neuen sozialen Männerbewegungen, dieses „Ganze“ angeblich neu und überhaupt wieder zu interpretieren, lassen das Unbehagen nicht verschwinden (vgl. Thürmer-Rohr, 1984).

Was nützt uns die Aufforderung zu einer „Bewusstseins-“ oder „Kulturrevolution“, wenn wir immer noch nicht die Grundlagen und immer wiederkehrenden „Ursprünge“ unserer Lage in ihren Zusammenhängen, wiederkehrenden „Ursprünge“ unserer Lage in ihren Zusammenhängen kennen, die uns ja auch die „klassischen“ und „ganzheitlichen Erklärungsversuche seit der Aufklärung verschwiegen haben?

Im Zusammenhang mit der neuen Frauenbewegung sind von den „alten“ Fragen bisher vor allem zwei neu gestellt worden, nämlich die nach „Ursprung“ und Entwicklung des „Patriarchats“ und die nach dem Verhältnis Frauen und „Kapital“. Was bisher weitgehend gefehlt hat, ist die Frage nach dem, was der „Staat“ für die Frauen bedeutet (hat). Der Staat ist bei der Herausbildung dessen, was wir eine feministische Gesellschaftstheorie nennen, noch nicht grundlegend untersucht worden. Warum dies auch immer so sei, es scheint mir einer der Gründe zu sein, warum auch der Zusammenhang von „Patriarchat“ und „Kapital“ (und Staat) noch nicht klarer geworden ist. So kann nach wie vor behauptet werden bzw. davon ausgegangen werden, daß Kapitalismus und Patriarchat zwei verschiedene Systeme seien, ein „ökonomisches“ und ein „kulturelles“, bzw. zwei ökonomische (vgl. Eisenstein, 1979; Sargent, 1981).

So beschäftigen sich viele Feministinnen mit dem Patriarchat, ohne sich mit der kapitalistischen Produktionsweise auseinanderzusetzen, und viele Sozialistinnen mit dem Kapitalismus, ohne sich mit dem Patriarchat auseinanderzusetzen. Dadurch kommt es zu keinem wirklich neuen Begreifen dessen, was Kapitalismus und Patriarchat – geschweige denn der Staat – heute bedeuten, bzw. von ihren Anfängen an bedeutet haben. Unklar bleibt aber auch, ob der „Sozialismus“ überhaupt eine eigene Produktionsweise sein kann, weil sein Verhältnis zu Kapitalismus und Patriarchat nicht grundlegend genug untersucht worden ist. Um so mehr gilt dies auch für das Phänomen des „sozialistischen“ Staates.

Diese Art der „dualistischen“ und strukturalistischen – die Phänomene wie Dinge voneinander abgrenzenden anstatt als Verhältnisse aufeinander beziehenden – Anschauung, die das neuzeitliche (männliche) Denken immer wieder bestimmt hat, ist auch aus den Köpfen der Frauen offenbar nur schwer zu verbannen und nistet sich dort immer wieder ein. Sie speist sich bezüglich unserer Fragestellung vor allem auch aus der Tatsache, daß das Patriarchat „als solches“ wesentlich älter als der Kapitalismus ist. Es stellt sich also hier eine weitere „klassische“ Frage, nämlich die nach der Periodisierung der Geschichte. Auch der Kapitalismus ist ja nicht die erste Produktionsweise in der Geschichte, die auf Ausbeutung „als solcher“ beruht. Es müßte also gefragt werden, wie die Entwicklung des Patriarchats mit der Entwicklung ausbeuterischer Produktionsweisen zusammenhängt, zu welcher Produktionsweise gewissermaßen welches Patriarchat „gehört“. Unklar scheint insbesondere zu sein, worin eigentlich der Unterschied zwischen der kapitalistischen Produktionsweise und dem „dazugehörigen“ Patriarchat einerseits und den historisch davorliegenden Produktionsweisen und Formen des Patriarchats andererseits liegt.

Mit anderen Worten, es fehlt uns immer noch ein adäquates Begreifen des spezifisch kapitalistischen Charakters des heutigen Patriarchats wie des spezifisch patriarchalen Charakters des Kapitalismus als der heutigen (und noch dazu weltweiten) Produktionsweise.

Für ein besseres Begreifen der Dialektik – nicht des Dualismus – von Patriarchat und Produktionsweise hat meiner Meinung nach die entsprechende Analyse des Staats eine Schlüsselfunktion. Wir kommen ohne sie nicht weiter, wenn wir die „Tür mit den sieben Schlössern“ zu einer feministischen Gesellschaftstheorie wirklich einmal öffnen wollen.

Wenn das Bedürfnis nach „Theorie“, nach Erklärungen, aus der Praxis, dem Alltag kommt, dann haben wir Gründe genug, gerade jetzt wieder auch „theoretisch“ zu werden: Denn Staat, Kapital und Patriarchat „nehmen zu“ anstatt ab, vertiefen sich überall, weltweit („Durchkapitalisierung“, „Durchstaatlichung“, „Neo-Patriarchalismus“), und zwar gleichzeitig in quasi „konzertierter Aktion“. Abgesehen davon, daß dies – der üblichen Anschauung nach – angeblich gar nicht möglich ist, kann eine solche Entwicklung für Frauen nun wirklich nichts Gutes bedeuten. Ist dies der Grund, warum sich die „alten“ Fragen für die Frauen neu stellen, so gilt das zum Teil auch für andere soziale Gruppen, die von der gegenwärtigen Entwicklung negativ betroffen sind.

Wenn heute die (freie) Lohnarbeit als „Indikator“ nicht ausreicht, um das Vorhandensein oder Nicht-Vorhandensein der kapitalistischen Produktionsweise zu „beweisen“ (denn dann würde nichts Geringeres als die freiwillige Selbstabschaffung des Kapitalismus bevorstehen), dann könnte das auch für frühere Zeiten gelten: Sklaverei, Leibeigenschaft und sogar eine der frühesten Formen ausgebeuteter Arbeit, die der sogenannten „Asiatischen Produktionsweise“ zugerechnete Zwangsarbeit, wären dann womöglich – sofern sie in der Neuzeit auftreten – ganz „normale“, nämlich patriarchale Produktionsverhältnisse des Kapitalismus, die periodisch und womöglich sogar verstärkt immer wieder eingeführt werden, in neuen Kombinationen auftreten, nie aber wirklich „abgeschafft“ wurden (vgl. Wallerstein, 1979).

Eine solche Betrachtungsweise würde es z.B. erklärbar machen, warum heute gerade die Unternehmer selbst die (freie) Lohnarbeit, das angeblich zentrale Ausbeutungsverhältnis im Kapitalismus, nicht nutzen, verhindern, vermeiden, wo immer möglich (vgl. „Flexibilisierung“ der Arbei, „ungeschützte“ Arbeitsverhältnisse, Kinderarbeit, etc.), ohne jedoch deshalb auf Akkumulation, Profite und Warenproduktion zu verzichten. Im Gegenteil, diese werden sogar noch gesteigert, und zwar nicht trotz, sondern wegen der Verbreitung angeblich nicht „typisch kapitalistischer“ Produktionsverhältnisse (vgl. Froebel u.a., 1977).

Wir stehen heute vor der Frage, was also die zunehmende Reduktion der „freien“ Lohnarbeit im Kapitalismus bedeutet: Nähern wir uns dem Ende des Kapitalismus und der Ausbeutung, somit einer Art „Paradies“, wie viele neuerdings behaupten (vgl. Gorz, 1980 und 1983)? Oder nähern wir uns einer neuen Phase der Sklaverei und des Despotismus (vgl. Dutschke, 1974; Wittfogel, 1977)? Ich plädiere nicht für bequemen Optimismus, sondern zunächst für einen illusionslosen Realismus, weil wir ihn brauchen, um unsere beschränkten Kräfte nicht dort zu vergeuden, wo es sinnlos ist.

Eine umfassende, historisch weit ausholende Betrachtungsweise des Kapitalismus als Prozeß, der vorn Anfang an global ausgerichtet war und die Unterwerfung und Ausbeutung aller Menschen und nicht nur der Lohnarbeiter als Produzenten anvisierte, würde eine ganz andere Art der Periodisierung der Geschichte bedeuten. Sie wäre die Periodisierung der Geschichte der Entstehung, Ausbreitung, Weiterentwicklung und Vertiefung der patriarchal-kapitalistischen Produktionsweise selbst, die es zu einer Vielfalt von Formen, Verhältnissen und deren Kombination gebracht hat und nicht einfach als Evolution, sondern eher als Zyklus anzusehen ist. Zu diesem eher zyklischen Prozess innerhalb des historischen Patriarchats würde es gehören, daß früher schon einmal benutzte Produktionsverhältnisse wieder eingeführt werden. Ein solches Geschichtsverständnis würde z.B. für eine soziale Bewegung – hier wie in der sogenannten Dritten Welt – bedeuten , daß sie sich nicht mit „Erfolgen“ zufrieden gibt, die darin bestehen, daß nun eine neue Form der Dezentralisierung, der Subsistenzproduktion und des Produktionsmittelbesitzes plötzlich wieder möglich sind (vgl. Debatte über „alternative“ Projekte und eine ebensolche Ökonomie), weil dies historisch gesehen innerhalb dieser Produktionsweise durchaus nichts Neues ist und noch längst nicht bedeutet, daß damit Ausbeutung abgeschafft ist. Gleichzeitig wird aber eine soziale Bewegung, die mit einem derartigen Geschichtsverständnis ausgestattet ist, auch die Vergangenheit nicht unnötig glorifizieren, so wie sie sich auch nicht unnötig auf ein „Später“ vertrösten lassen wird. Glaubt man nicht mehr an Alternativen, die keine sind (z.B. Lohnarbeit statt Hausarbeit oder umgekehrt bzw. „Selbständigkeit“ statt Lohnabhängigkeit oder umgekehrt), dann fällt es auch leichter, die Logik der Geschichte heute, hier und jetzt, zu erkennen, um an den wirklichen Wendepunkten tätig zu werden, dann, wenn die Weichen gestellt werden.

Der geschichtlichen Erfahrung nach ist ein solcher Wendepunkt immer dann erreicht, wenn eine neue Arbeitsteilung – und ganz besonders, wenn eine neue geschlechtliche Arbeitsteilung – entsteht oder geschaffen wird. Neue Arbeitsteilung heißt ja immer auch neue Klassenstruktur, neue Teilung zwischen den Ausgebeuteten, ein neues „Teile und Herrsche“, wie es in jeder Phase der Entwicklung des Systems offenbar funktionieren muß. Die Spaltung der Unterdrückten verhindert die Solidarität, die sie brauchen, um sich der Unterdrückung zu entledigen. Diese Spaltung hat historisch und von da an jedesmal neu mit der grundlegenden Spaltung zwischen Männern und Frauen begonnen (vgl. zuerst Friedrich Engels), die bis heute andauert, aber des öfteren neue Formen angenommen hat. Auf der Basis der Geschlechterspaltung sind immer wieder andere Spaltungen zwischen Männern und zwischen Frauen errichtet worden und werden es noch. Offenbar sind wir heute wieder an einem Punkt angelangt, an dem eine neue Form der geschlechtlichen Arbeitsteilung entsteht und durchgesetzt wird und zwar überall auf der Welt.

Dabei fällt auf, daß die geschlechtliche Arbeitsteilung immer dann besonders rigide, hierarchische, die Geschlechter polarisierende Formen annimmt, wenn der Staat und seine Planer dabei eine größere Rolle spielen. Die am geschlecht orientierte Über- und Unterordnung der Arbeitenden scheint dabei immer die erste und grundlegende Maßnahme zu sein, die bewußt geplant und festgelegt wird, bevor andere Fragen der Organisation überhaupt ins Blickfeld geraten. Der ökonomische und politische Umgang mit dem Geschlecht wird den Betroffenen sogar um so weniger selbst überlassen, je mehr sowohl Produktion wie Reproduktion insgesamt geplant werden und um so mehr diese Planung als fortschrittlich und zukunftsweisend gilt.

So deuten die getroffenen Maßnahmen auf die Wichtigkeit hin, die man ihrem Effekt der Nutzbarmachung angeblich brachliegender oder untergenutzter Ressourcen jenes Teils des weiblichen Arbeitsvermögens beimißt, der sich nicht mit der direkten Warenproduktion beschäftigt. Beispiele (vgl. „Auf dem Weg zu einer neuen Zwangsarbeit?“ in diesem Buch) zeigen, daß die Frauen durch solche Maßnahmen nicht besser als vorher dazustehen brauchen, ja daß der angebliche „einkommenschaffende Effekt“ ihrer neuen Tätigkeiten für sie selbst ausbleibt. Das gilt sogar in einem doppelten Sinne: Die Warenproduktion der Frauen bleibt ausdrücklich oder de facto unvergütet, und gleichzeitig müssen die Frauen auf Naturaleinkommen aus Subsistenztätigkeiten verzichten.

Hausfrau sein heißt also nicht, keine Warenproduzentin zu sein, sondern trotz Warenproduktion weiterhin als Subsistenzproduzentin zu gelten. Eine Hausfrau hat zu akzeptieren, daß sie nicht wie ein abhängiger Warenproduzent behandelt wird. Es ist dieser Transformationsprozeß, den wir als „Hausfrauisierung“ bezeichnen und der in bestimmtem Sinne, nämlich bei Verwandlung in zwar lohnlose, dennoch aber monetär vergütete Warenproduktion, auch für Männer gilt („Verbäuerlichung“ anstatt „Proletarisierung“). Erfolgt dieser Prozess nicht „naturwüchsig“, sondern – wie in unserem Falle – von oben induziert als eine staatliche betriebswirtschaftliche oder wirtschaftspolitische Maßnahme, dann tritt nicht nur sein ökonomischer Zweck deutlicher zutage, sondern auch sein ideologisch-moralischer.

Die biologistische Zuschreibung von bestimmten Tätigkeiten und Positionen ist aber nicht nur deswegen bedeutsam, weil sie zunächst einmal die Spaltung der Arbeitenden in mindestens zwei große Gruppen bewirkt. Sie ist auch deshalb bedeutsam, weil sie weit über den „biologischen“ Rahmen hinaus zu zusätzlichen sozialen Spaltungen zwischen Männern (und zwischen Frauen) benutzt wird. Man könnte sagen, daß Art und Methode der Geschlechterpolarisierung das allgemeine „Modell“ für soziale Polarisierung und Differenzierung überhaupt abgeben.

Die ganz bewußt inszenierte, von oben verordnete neue geschlechtliche Arbeitsteilung, wie sie propagiert wird, hat mich in ihrer Deutlichkeit und Unverblümtheit in bezug auf das dahinterstehende Ausbeutungsinteresse gegenüber der weiblichen Arbeitskraft verwundert. Wie ist es eigentlich möglich, in aller Offenheit zu verkünden, daß die Frauen von nun an am besten weder Produktionsmittel noch Löhne besitzen dürfen, gleichzeitig aber nicht nur alle Hausarbeit, sondern auch im Prinzip alle Arten von Warenproduktion inner- und außerhalb des Hauses tun (können) und obendrein auch noch auf Naturaleinkommen durch Subsistenzproduktion verzichten müßten? Schließlich bedeutet das doch nichts Geringeres, als daß weibliche Menschen qua Geburt und prinzipiell umfassend zur niedrigsten sozialen Klasse innerhalb der Gesellschaft, ja zu einer Kaste abhängiger Arbeitstiere gemacht werden sollen, die damit den letzten Rest einer vielleicht noch möglichen teilweisen Selbstbestimmung verlieren, ja systematisch abgesprochen bekommen sollen.

Warum können solche Pläne so offen dargelegt und durchgeführt werden? Weltweit besteht offenbar kaum ein Bewußtsein darüber, daß Frauenarbeit Arbeit ist, daß Frauen ausgebeutet werden, daß Frauen Menschen sind, daß Frauen Bedürfnisse haben und daß sie ihre Würde zu verlieren haben. Es besteht kaum ein Bewußtsein darüber, daß die geschlechtliche Arbeitsteilung eine Arbeitsteilung ist, daß das Verhältnis zwischen den Geschlechtern kein natürliches, sondern ein gesellschaftliches und obendrein ausbeuterisches zugunsten der Männer ganz allgemein ist und daß die Spaltung zwischen Männern und Frauen Grundlage der politischen Stabilität ist. Noch weniger besteht ein Bewußtsein darüber, daß Frauenarbeit nicht nur Arbeit ist, sondern unverzichtbare Arbeit, ohne die – im Gegensatz zu vieler Männerarbeit – weder die kapitalistische Akkumulation noch allgemein die Gesellschaft funktionieren würde. Mit anderen Worten, die Frauen sind zuständig gemacht worden für die allgemeine Reproduktion der Gesellschaft im Sinne der Reproduktion des Lebens ihrer einzelnen Mitglieder. Diese Tätigkeit duldet keine Unterbrechung, auch keine kurzfristige. Die Frauen sind damit die wahren Träger der Ökonomie. Sie sind diejenigen, die die wirklich wesentliche Arbeit erledigen (müssen), nämlich für die Befriedigung der Grundbedürfnisse sorgen, und sie sind darüber hinaus diejenigen, die in Zukunft offenbar auch einen Großteil der Warenproduktion und der Männerarbeit selbst übernehmen sollen (Systematisierung von Doppelarbeit, generell doppelter Arbeitstag).

Warum aber sollte eine derart standardisierte, mechanistisch-biologistische Festschreibung der Frauen auf prinzipiell doppelte Arbeit ohne (Lohn-)Einkommen zum neuen „Modell“ geschlechtlicher Arbeitsteilung werden?

Der Grund ist wahrscheinlich darin zu sehen, daß die Bedeutung der Frauenarbeit im Kapitalismus zentral ist (vgl. Werlhof/Mies/Bennholdt-Thomsen, 1983) und sogar noch in dem Maße zunimmt, in dem das System eine wirkliche Befriedigung von Grundbedürfnissen immer weniger zuläßt, andererseits aber von der Verwertung des dabei in erster Linie zu schaffenden „Produkts“, nämlich lebendigen Arbeitskräften, abhängig ist. (Gerade deshalb gibt es Bemühungen, „lebendige“ Maschinen zu konstruieren, vgl. Bammé, A., u.a., 1983.) Heute gelten die Frauen in aller Welt offensichtlich als „die letzte Entwicklungsressource“, die es weitmöglichst „auszuschöpfen“ gilt (vgl. Boserup, 1970; Rogers, 1980). Es ist aber kein Zufall, wenn sich die praktisch unvergütete Doppelarbeit der Frauen weltweit durchsetzt, und zwar nicht nur quasi „naturwüchsig“ als Ergebnis sinkender Lohneinkommen der Männer (oder auch als angeblich „alternative“ Ökonomie), sondern – wie für das Beispiel Venezuela im Genossenschaftsbereich gezeigt – auch von oben geplant und durchgesetzt. Es ist nur scheibar paradox, daß gerade die sogenannten sozialistischen Länder Vorreiter dieser Entwicklung waren (für den Fall sozialistischer Entwicklungsländer vgl. zum Beispiel VR China: Thompson, 1984; Vietnam: Buro, 1981).

Die Arbeitsleistung der Frauen wird dabei immer deutlicher zur wahren Grundlage des Entwicklungsprozesses, und es kann diese Tatsache noch dazu in ebenfalls paradox wirkender Weise auch ideologisch genutzt werden. Die Doppelarbeit der Frauen ermöglicht es nämlich, sie einerseits als „Hausfrauen“, andererseits als „Teilnehmerinnen an der öffentlichen Produktion“ anzusprechen. Dadurch kann sowohl ihre „Emanzipation“, ja Befreiung behauptet werden. Es kann umgekehrt aber auch behauptet werden, man bewahre „alte Traditionen“, indem die Frauen „hausfrauisiert“ werden (vgl. Mies, 1980). Dies geschieht oft auch im Rahmen postrevolutionärer Staats- und Ideologiebildung, bei der zumeist eine Art neo-patriarchal motivierter Anti-Imperialismus eine besondere Rolle spielt (vgl. Ruf, 1979; Schuckar u.a., 1980). Die Ideologie vom Bewahren einer Tradition, die tatsächlich aber eines der jüngsten Ergebnisse der weltweiten kapitalistischen Entwicklung ist, scheint überall verknüpft mit dem Anspruch auf bzw. der formal errungenen Kontrolle über „Land und Leute“. Unter „Leute“ werden dabei vor allem Frauen (und Bauern) verstanden (vgl. Mies/Reddock, 1982). Die Sicherung der „allgemeinen Produktionsbedingungen“, nämlich eines Lebensraumes oder Territoriums, des Bodens als Produktionsmittel und seiner Bearbeitung durch entsprechende Arbeitskräfte, die also die Grundlagen der notwendigen „Menschenproduktion“ und menschlichen Reproduktion bilden (Bauern und Frauen), ist ja zunehmend überall wieder in den Mittelpunkt der Diskussion und Politik gerückt.

Es deutet vieles darauf hin, daß auch die neuen Versuche dieser Art daher vor allem auf einer strengen, ja rigiden Kontrolle gerade dieser „allgemeinen Produktionsbedingungen“ und damit allgemein auch der „direkt naturabhängigen Produzenten“ – die immer die Mehrheit ausmachen – beruhen. Überall auf der Welt ist zur Zeit ein Prozeß im Gange, bei dem die geschlechtliche Arbeitsteilung ergänzt wird durch eine Arbeitshäufung bei den Frauen und eine Arbeitsverminderung bei den Männern. Frauen übernehmen die Arbeit von Männern, ohne daß umgekehrt die Männer Frauenarbeit übernehmen würden. Im Gegenteil, die männliche Arbeit besteht immer mehr nur im Kontrollieren der weiblichen bzw. in der Bedienung von Maschinen. Die Frage, warum ausgerechnet diejenigen, die am meisten arbeiten, am wenigsten zu sagen haben, läßt sich von hier aus zum Teil beantworten. Denn wenn die Frauen etwas zu sagen hätten, zum Beispiel in den venezolanischen Genossenschaften genauso wie die Männer „socios“ sein könnten, dann würden sie als erstes ihre Arbeitsüberlastung beanstanden bzw. versuchen, bestimmte Arbeiten zu verweigern.

Es ist hierbei aber noch ein anderes Faktum von Wichtigkeit. Auch die Männerarbeit ist in den meisten Fällen nicht als Lohnarbeit organisiert, bzw. so niedrig oder instabil entlohnt, daß die entsprechenden Einkommen zur Reproduktion der männlichen und allgemein familiären Arbeitskraft nicht ausreichen. Unter Bedingungen der Entwicklung lohnloser Formen der Warenproduktion ist es also zunehmend wichtig, einen Ersatz für den männlichen Lohn zu finden (nicht aber für den weiblichen, da er bisher ja noch nicht die Regel war). Ökonomisch gesehen kann der Lohnersatz aus einem monetären und einem nichtmonetären Teil bestehen. Wie zu sehen ist, bietet sich als monetärer Teil generell z.B. der Kredit an (aber auch ein „garantiertes Mindesteinkommen“; vgl. zuerst Schmid, 1984). Der nichtmonetäre Teil kann in bestimmten Formen des Produktionsmittelbesitzes (selten -eigentums) und/oder in Naturalleistungen (Gütern, Dienstleistungen) bestehen. Da der Produktionsmittelbesitzer unter diesen Bedingungen prekär ist und auch bleiben soll, damit er jederzeit wieder einer anderen Verwendung zugeführt werden kann (vgl. Ewers/Schiel, 1979), bleibt auf die Dauer gesehen vor allem eine Alternative übrig: die insgesamt langfristig gesicherte Verfügungsgewalt über die Frauen, ihre Arbeitskraft und ihre Arbeitsprodukte. Tendenziell bleiben letztlich nur die Frauen als eine Art „Naturalersatz“ für den verschwundenen (oder nie vorhandenen) Lohn und längerfristigen Produktionsmittelbesitz der Männer. Sie sind gewissermaßen das letzte Pfund, mit dem noch „gewuchert“ werden kann und der letzte „Wert“, der national weiterhin zur Verteilung ansteht. Dabei geht es ja nicht nur um rein ökonomische Gesichtspunkte, sondern auch um die Aufrechterhaltung der Spaltung und Hierarchie zwischen den Männern und Frauen, um die Gewinnung der Männer für den eingeschlagenen Entwicklungsweg, um die Sicherung ihrer Komplizenschaft im Geschäft der Ausbeutung. Obwohl also zunehmend auch in der sogenannten Ersten Welt ein Absinken vieler Männer in eine quasi „weibliche“ Position als Nichtlohnarbeiter und Nichtproduktionsmittelbesitzer zu erwarten ist, muß umgekehrt gerade ihre „Vermännlichung“ wieder betrieben werden. Die Aufgabe des Lohns, auch in diesem Sinne identitätsstiftend zu wirken, nachdem die Produktionsmittel dazu schon länger nicht mehr zur Verfügung stehen, kann objektiv nur noch von den Frauen übernommen werden, indem sie unter allen Umständen den Männern untergeordnet bleiben oder werden, und zwar gerade auch denen, die selbst nichts haben.

Eine neue Drei-Klassen-Struktur?

Die Klassenfrage stellt sich, so gesehen, immer mehr als Geschlechterfrage heraus. Geschlechts- und Klassenzugehörigkeit nähern sich immer mehr aneinander an. Die Spaltung der ausgebeuteten Klassen ist immer mehr synonym mit der Geschlechterspaltung. Es entstehen neue „Geschlechterklassen“ (oder „kasten“), heute allerdings als kapitalistische. Auf der anderen Seite kommt es zu einer Angleichung der üblicherweise als Klassenunterschiede bezeichneten Merkmale. So gibt es nicht nur immer weniger freie Lohnarbeiter und Proletarier, sondern auch immer weniger freie Unternehmer, Pächter oder Bauern. „Eigentliche“ Unternehmer und Kapitalisten finden sich fast nur noch auf Staats- und allgemein Monopolkapitalebene bzw. im größeren Handels- und allgemein Finanzkapital. Ihnen steht auf der anderen Seite jene „marginale Masse“ (vgl. Bennholdt-Thomsen, 1979) gegenüber, die oft als eine Art Kleinbürgertum (oder neue Selbständige) verkannt wird. Die neuen Formen der direkten Organisation und Einbeziehung von Teilen dieser Masse in den Verwertungsprozeß durch die sogenannte „Vertragsproduktion“ auf Kredit (direkte, aber nicht „reelle“, sondern formelle Subsumtion unter das Kapital) bewirken dabei ihre Verwandlung in eine Art marginale Masse von lohnlosen Warenproduzenten verschiedener Ausprägung und Form. Die Entwicklung dieser keineswegs „nichtkapitalistischen“ Produktionsverhältnisse scheint tendenziell in einer Art neue kapitalistische Zwangsarbeit zu münden. Die tatsächliche Polarisierung der Klassengegensätze wird nun auf doppelte Weise verwischt: einmal durch die bereits beschriebene Geschlechterspaltung der marginalen oder Zwangsarbeiterklasse und zum anderen durch die Entstehung einer neuen „dritten“ Klasse (vgl. Wallerstein, 1979), „Zwischenklasse“, „Mittelklasse“, quasi kleinbürgerlichen „Staatsklasse“ (vgl. Elsenhaus, 1981). Es handelt sich dabei um eine heterogene Klasse, die aber nicht nur von „unproduktiv“ tätigen Beamten und Staatsangestellten, Intellektuellen und „alten“ Mittelschichten getragen wird, sondern – wie in unserem Beispiel – im Zuge der Entwicklung der Agroindustrie und bestimmter Formen von kreditgesteuerter Vertragsproduktion auch von der sogenannten „Arbeiteraristokratie“ der industriellen Facharbeiter und größeren Vertragsproduzenten, wie zur Zeit den relativ bessergestellten Kollektivgenossenschaften (im Zuckerrohrbau) und einem Teil der größeren „privaten“ Vertragsproduzenten (im monokulturellen Maisanbau), den Manager-Pächtern sowie einem Rest von alten und neuen „unabhängigen“ mittleren Produzenten.

Wie auch immer eine derartige „dritte Klasse“ im einzelnen zusammengesetzt sein mag, festzustehen scheint mir, daß auch quer dazu allgemein die Männer meistens als eine solche auftreten und dabei zwischen den wirklich Herrschenden und allgemein den Frauen „vermitteln“. Dabei ist allerdings nicht diese Tatsache selbst neu, sondern diejenige, daß diese Vermittlung weitgehend auch ohne ihr Mittel, nämlich die Lohnarbeit, funktioniert und nun in weitaus standardisierteren und rigideren Formen im Zusammenhang mit der Ausbreitung des Prinzips der Vertragsproduktion nicht ohne Erfolg durchgesetzt wird. Genau an dieser Stelle müßte eine Sozialbewegung ansetzen, wollte sie verhindern, daß auf der Grundlage einer derartigen neuen geschlechtlichen Arbeitsteilung geschaffene Formen der Ausbeutung, Unterdrückung und Spaltung für längere Zeit festgeschrieben würden. Dies ist die Schwachstelle der meisten bisherigen sozialen Bewegungen. Die Vorstellung, Frauen arbeiteten nicht „eigentlich“, da Subsistenz-, speziell Haus- und allgemein unentlohnte Arbeit keine Arbeit sei – eine Vorstellung, die ja inzwischen auch auf die Warenproduktion insgesamt angewandt wird, sofern sie lohnlos bleibt –, die Behauptung, den Frauen ginge es allgemein jetzt besser als früher, und die Vermutung, bei Frauen handele es sich um eine Art Naturressource, deren Ausbeutung gewissermaßen nicht so schlimm bzw. deren Quellen quasi unerschöpflich seien, verhindern eben immer wieder jedes Problembewußtsein in dieser Frage. (Hier geht es den Frauen noch schlechter als selbst der äußeren Natur, deren Ausbeutung und Erschöpfbarkeit inzwischen wenigstens anerkannt wird.)

Wenn nun aber das Geschlechterverhältnis und insbesondere die geschlechtliche Arbeitsteilung Bereiche sind, die in immer offensichtlicherer Weise dem direkten Zugriff von Staat und Kapital unterworfen werden, dann wird es auch den sozialen Bewegungen allgemein immer unmöglicher werden, diese Tatsache nicht zu problematisieren.

Bei der Analyse der Produktionsverhältnisse und Wirtschaftspolitik im Agrarsektor trat der Staat zwar ständig in Erscheinung (Agrarreform, Planung, Kreditsteuerung der Produktion, unternehmerische Tätigkeit, etc.). Die allgemeine Brisanz der Frage nach dem Staat fing für mich aber erst dann an, bestimmte Konturen zu erhalten, als es um seine Rolle bei der Neuorganisation und Planung agrarischer Produktionseinheiten und darin insbesondere der geschlechtlichen Arbeitsteilung ging. Bei der Suche nach geeigneten Begriffen, um Phänomene wie die „Auslagerung“, „Externalisierung“, die „Nationalisierung“ und „Verbäuerlichung“, die „Verweiblichung“, „Naturalisierung“ oder „Hausfrauisierung“ von Produktionen, Produzenten und Produktionseinheiten zu benennen (und zwar im Gegensatz zu ihrer sonst immer behaupteten „Integration“, „Proletarisierung“ und positiv gemeinten „Vergesellschaftung“), fiel mir erst zum Schluß auf, daß die Gemeinsamkeit dieser Phänomene nicht nur darin zu sehen war, daß sie allesamt im Interesse einer besseren Verwertung und Akkumulation des Kapitals – nicht dort selbst, sondern an anderer Stelle der Akkumulationspyramide – waren, sondern auch von jedem patriarchalen Element durchzigen, das sonst (angeblich) nur das Geschlechterverhältnis, die geschlechtliche Arbeitsteilung und die Familie kennzeichnet. Wenn die neuen Produktionseinheiten eben nicht als Fabriken, sondern als „Familien“ bzw. neue Formen von „Großfamilien“ organisiert werden, dann bedeutete dies ein Sichtbarwerden jener gegenseitigen Durchdringung und dialektischen Einheit von Patriarchat und Kapitalismus, wie sie bis heute meist immer noch bloß als „Dualismus“ (oder überhaupt nicht) dargestellt wird. Gleichzeitig rückte dadurch aber auch der Staat neu in den Blickpunkt, und zwar nicht nur, weil er der konkrete Agent und Organisator dieser Produktionseinheiten war, sondern weil auch im Inneren dieser familienhaften Produktionseinheiten Verhältnisse feststellbar waren, die gewissermaßen „nach Staat schmeckten“. Mit anderen Worten, die strukturelle Ähnlichkeit zwischen der modernen Familie, modernen „totalen Institutionen“ (Anstalten, Gefängnisse, Militär) und der nationalstaatlich organisierten „Produktionseinheit“ Gesellschaft traten immer deutlicher hervor. Nach dem Prinzip der „Puppe in der Puppe“ erschienen mir nun die neuen Produktionseinheiten bis hinab zur modernen, patriarchalen Nuklearfamilie als Nachbildungen des Staates im kleinen, Ministaaten oder staatliche Mikrokosmen. Die enge Verzahnung von patriarchalen und kapitalistischen Elementen (Ausbeutung der Arbeit und Arbeitsteilung hauptsächlich nach Geschlecht) in diesen Produktionseinheiten scheint mir daher am besten dadurch definiert, daß man sie als insgesamt „verstaatlichte“, „durchstaatlichte“ (vgl. Hirsch, 1983) bzw. in neuer Form „vergesellschaftete“ Sozialbeziehungen bezeichnet.

Wenn dies stimmen sollte, dann läge hierin der Schlüsel zu einer ganzen Reihe ungelöster Fragen der Staatstheorie. Einmal würden die alten, „klassischen“ Fragen zum Staat und seiner Entstehung bzw. Entwicklung wieder neu gestellt werden müssen, wie dies Friedrich Engels getan hatte. Auch heute ginge es wieder um jene „Ursprünge der Familie, des Privateigentums und des Staates“ (F. Engels), nämlich um ihren inneren Zusammenhang, und nicht einfach nur um bestimmte „Funktionen“ und „Formen“ des Staates bzw. seine „Spezifika“ als Staat der Peripherie (vgl. Hanisch/Tetzlaff, 1981). Nicht so sehr die historisch gerade notwendigen und eher vorübergehend wichtigen Aufgaben des Staates, sondern die langfristig und permanent notwendigen könnten auf diese Weise thematisiert werden. Unser Beispiel zeigt ja, daß es eben nicht nur zum Beispiel um die Regelung der Beziehungen zwischen Warenbesitzern oder Lohnarbeit und Kapital geht, sondern gerade auch um die Regelung der Beziehungen zwischen denen, die keine Waren besitzen, zwischen Nichtlohnarbeitern und Kapital.

Offenbar hat der Staat ja nicht irgendeine Arbeitsteilung und irgendwelche Produktionseinheiten oder allgemein Produktionen und Beziehungen zu organisieren, sondern gerade diejenigen, die vom Kapital „ausgelagert“ wurden, nämlich generell in die Familie, in die Dritte und womöglich auch in die Zweite Welt (vgl. auch Frank, 1979). So gehört zu den permanenten Aufgaben des Staates doch gerade eine bestimmte Organisierung der geschlechtlichen Arbeitsteilung, der Arbeitsteilung zwischen Stadt und Land und der internationalen Arbeitsteilung. Zu den permanenten Aufgaben des Staates gehört doch gerade die Herstellung einer entsprechenden Beziehung zu den Nichtlohnarbeitern, nämlich den Frauen, den Bauern, den sogenannten „Marginalisierten“ (dem in der Ersten Welt sogenannten „informellen Sektor“) und deren periodische Neugestaltung. Das heißt es doch, wenn davon die Rede ist, daß der Staat die „allgemeinen Voraussetzungen der Produktion“ zu besorgen hätte. Wenn es dem Staat dabei gelingt, bestimmte Sozialbeziehungen von oben nach unten durchzusetzen, so daß die unmittelbaren Produzenten nicht täglich und immer wieder zu ihrer entsprechenden Tätigkeit gezwungen werden müssen, sondern diese quasi „freiwillig“ tun, dann wird ihm das Regieren leichter. Der Staat muß also ein Interesse an einer Art „Durchstaatlichung“ der Gesellschaft in die Tiefe, bis hinein in die Individuen selbst haben, daß die Produktionseinheiten innerhalb seines direkten Organisationsbereichs (Agrarsektor, Familie) so funktionieren, als wären sie selbst kleine Staaten, und die jeweiligen „Oberhäupter“ sich so verhalten, als wären sie kleine Staatschefs. Selbst ein Stück des staatlichen Gewaltmonopols kann auf diese Weise „delegiert“ werden (der Ehemann darf seine Frau züchtigen, juristisch gesehen darf er sie sogar vergewaltigen, also insgesamt ihre körperliche Unversehrtheit antasten).

So ist das historisch Neue an der modernen Kleinfamilie und der neu entstehenden Großfamilie im Gegensatz zu den älteren Formen womöglich darin zu sehen, daß sie letztlich von oben oktroyierte, im Prinzip staatsähnliche Institutionen sind, während ihre älteren Vorgänger eher oder zum Teil noch von unten gewachsen und gerade anti-staatlich orientiert waren. Eine Politik der Durchstaatlichung menschlicher Beziehungen würde also bedeuten, daß der Staat außer Funktionen und Formen auch ein Prinzip sozialer Organisation, ja ein allgemeines soziales Verhältnis darstellen würde, das sich auf allen Ebenen der Gesellschaft wiederholt und tendenziell immer mehr auch im individuellen Bereich durchsetzt (vgl. Poulantzas/Milliband, 1976). Inwieweit selbst die Frauen dem Prozess der Verinnerlichung staatlicher Kontroll- und Beherrschungsinteressen schon zum Opfer gefallen sind, wäre unter dieser Perspektive ebenfalls zu untersuchen (Disziplinierungsfunktion gegenüber den Kindern, Mittäterschaft, Komplizenschaft, schweigende Duldung von Gewalttätigkeiten, Ausübung psychischer Gewalt, KZ-Aufseherinnen-Syndrom, „Vermännlichung“ von Frauen etc.).

Als weiterer Fragenkomplex, den es neu zu diskutieren gälte, sei hier vor allem und ganz allgemein das Verhältnis von Staat und Kapital genannt. Es ist ja erstaunlich, mit welcher Selbstverständlichkeit meist immer noch angenommen wird, Verstaatlichung von Firmen oder Produktionszweigen seien irgendwie anti-kapitalistische Maßnahmen, oder der periphere Staat sei kein kapitalistischer Staat, sondern verwalte eine im Prinzip nichtkapitalistische Gesellschaft oder setze gar eine nicht-kapitalistische Produktionsweise durch, sei sie postkolonial und revolutionär oder bürokratisch und etatistisch (vgl. Evers, 1977). Auf der Ebene der Staatsdiskussion wiederholt sich hier dasselbe Phänomen, das wir als „Produktionsweisendebatte“ gekennzeichnet haben, nämlich die von fast sämtlichen Autoren aus nahezu allen politischen Lagern behauptete Dreiteilung der Welt in eine Erste mit „rein“ kapitalistischer Produktionsweise und eine Dritte mit bestenfalls „dominant“ kapitalistischer, ansonsten aber „kolonialer“, „präkapitalistischer“, „feudalistischer“, in jedem Falle aber letztlich deformierter oder gar überhaupt nicht kapitalistischer Produktionsweise.

Aus der Sicht von zum Beispiel Immanuel Wallerstein handelt es sich hierbei um eine ahistorische, die Totalität der kapitalistischen Weltwirtschaft nicht berücksichtigende Betrachtungsweise, die – wie man im Vergleich mit der Diskussion über die „Sozialstaatsillusion“ sagen könnte – gewissermaßen einer Art „Nationalstaatsillusion“ aufsitzt und dabei „zwei Pseudoprobleme“ schafft: „das Problem des angeblichen Fortbestehens feudalistischer Formen und das der Schaffung sozialistischer Systeme“ (Wallerstein 1979, S. 34ff.). Auch aus seiner Sicht ist der „Kern des Problems die Existenz von freier Lohnarbeit als Definitionsmerkmal einer kapitalistischen Produktionsweise“, wobei übersehen wird, daß „Lohnarbeit nur eine Weise (ist), auf welche Arbeitskraft auf dem Arbeitsmarkt rekrutiert und bezahlt wird“, die Verwandlung der Arbeitskraft in eine Ware also nicht bedeutet, daß sie dabei unbedingt in freie Lohnarbeit verwandelt werden muß. Daher sind „Sklaverei und sogenannte zweite Leibeigenschaft … nicht Anomalien in einem kapitalistischen System“. Es sei daher auch eine „irreführende Vorstellung“, von einem „von feudalen Elementen beherrschten Staat“ zu sprechen, „als ob es so etwas in einer kapitalistischen Weltwirtschaft überhaupt geben könnte“.

Damit sind wir bei der Frage der Periodisierung der Geschichte gelandet, denn wenn es also „so etwas wie nationale Entwicklung (verstanden als Geschichte) gar nicht gibt, und wenn die eigentliche Vergleichseinheit das Weltsystem ist, dann ist die Frage nach dem Überspringen von Stadien (bzw. diesen selbst, d. Verf.) unsinnig.“ Wenn demnach das kapitalistische Weltsystem nicht aus Nationalstaaten mit jeweils eigener Produktionsweise besteht, sondern „eine Einheit mit einer einzigen Arbeitsteilung und mannigfaltigen Kultursystemen“ ist, und wenn damit „Kapitalismus … die Aneignung des volkswirtschaftlichen Überschusses der gesamten Weltwirtschaft durch die Länder des Zentrums (heißt)“, dann stellt sich die Frage, ob der Staat in der Peripherie oder sonstwo kapitalistisch sei oder nicht, überhaupt nicht mehr. Innerhalb des Weltsystems hätte der Nationalstaat lediglich dieselbe Aufgabe, wie sie diejenigen Institutionen haben, die mittels einer Durchstaatlichung nach unten hin weiterhin geschaffen werden. Ohne vermittelnde Institutionen und Organisations- bzw. Produktionseinheiten wäre also das Weltsystem gar nicht funktionstüchtig. Der Staat ist so gesehen eine Art Kontinuum und Prozeß sowie qua Entstehungsursache (kapitalistisches Weltsystem) auch unmöglich „autonom“ gegenüber dem Kapital, denn er wäre nichts anderes als dessen Kehrseite, die andere Seite der Medaille. Kapital und Staat wären daher auch nichts „Duales“, sondern eine dialektische Einheit, die zuweilen mehr, zuweilen weniger arbeitsteilig funktioniert. Die Trennung zwischen Kapital und Staat wäre demnach womöglich nur zu der Zeit sichtbar vollzogen, wo es auch zu einer Teilung der Arbeit in Lohn und Hausarbeit als allgemeiner gesellschaftlicher Arbeitsteilung gekommen ist. Die Illusion, daß Kapital und Staat (Kapitalismus und Sozialismus; Kapitalismus und Patriarchat) zwei verschiedene Systeme seien und nicht bloß ein einziges arbeitsteiliges System, ist geknüpft an die Ideologie der „sozialen Marktwirtschaft“ des „liberalen Rechtsstaats“.

Von „Staatskapitalismus“ im Unterschied zum „normalen“ Kapitalismus zu sprechen (vgl. Hein, 1981), würde also insofern das Problem verfehlen, als es diesen Unterschied per definitionem nicht geben kann, Kapitalismus also immer auch Staatskapitalismus und Staat immer kapitalistischer Staat bedeutet. Das überall auf der Welt zu beobachtende neuartige Verschmelzen von Staat und Kapital (vgl. Aaron, 1962) würde sich also aus dem Niedergang der Lohnarbeit (nicht der Warenproduktion) notwendig ergeben und die Gleichzeitigkeit von Kapital und Staat bzw. ihr zunehmend häufigeres „Umschlagen“ ineinander immer wahrscheinlicher machen. Gerade in der sogenannten Dritten Welt sind derartige Effekte ja schon länger an der Tagesordnung, und es geht dort bereits nicht mehr nur um die Bildung etwa eines „korporalistischen Blocks“ (vgl. Esser, 1982), sondern vielmehr um dessen Ausgestaltung und Vertiefung. Auch von hier aus wird man an die bereits genannte „asiatische Produktionsweise“ erinnert. Selbst deren relative „Stagnation“ in früheren Zeiten könnte sich auch gewissermaßen „trotz“ Kapitalismus wiederholen, denn „Verhinderung bürgerlicher Entwicklung“ (vgl. Buro, 1981, S. 76) in der Dritten und auch Zweiten Welt bedeutet nichts anderes, als daß eben nur in der Ersten Welt als Akkumulation anfallen soll, was anderswo produziert wurde. Wo das Ergebnis der Akkumulation gar nicht anfallen soll, braucht man ja auch nicht „echte“ Bourgeoisien. Im Gegenteil: Diese würden sich höchstens einen größeren Teil des Arbeitsergebnisses aneignen als Produzenten, die, wie zum Beispiel die Bauern (und die Frauen), (angeblich) nicht „akkumulationsorientiert“ sind. Nicht die Produktion soll hier stagnieren, sondern die Akkumulation.

Diese Betrachtungsweise würde, schließlich, auch geeignet sein, um der Diskussion über die Frage, inwiefern der Staat nicht nur „Überbau“, sondern auch „materielle Basis“ sei, in neuer Weise näherzutreten. Das Auftreten des Staats als Unternehmer, wie wir es im Falle Venezuela beobachtet haben, und sein Verhalten als aktiver, kreditgebender Organisator der Produktion ließen sich von hieraus ohne Schwierigkeiten erklären. Ja mehr noch, auch die Frage sei gestattet, inwiefern selbst das Kapital (und die Lohnarbeit) auch nicht nur Basis, sondern Teil des sogenannten Überbaus sind. Denn einerseits tritt das Kapital immer öfter gerade nicht in seiner Produktivform, sondern in seiner Handels-, Finanz- und „parasitären“ Spekulativform auf, was offensichtlich mit der Entwicklung zum Monopolkapitalismus und dem „Auslagern“ des Produktionsrisikos zusammenhängt. Andererseits stellt sich aber auf einer noch generelleren Ebene die Frage, ob nicht die Produktion für die Befriedigung unmittelbarer Bedürfnisse mehr mit „Basis“ zu tun hat als die Produktion von Export-, Luxus-, Rüstungsgütern, wie sie immer typischer für viele Bereiche der Lohnarbeit geworden ist. Gerade die letzteren aber fallen unter die organisatorischen Fittiche des Kapitals, die ersteren dagegen unter die des Staats.

Damit sind wir dann wieder bei der Bedeutung der Nahrungsmittel- und „Menschen“-Produktion von Bauern und Frauen angelangt. Auch eine Sozialbewegung, die ökonomische Veränderungen herbeiführen will, muß sich fragen, was für sie wichtig und was unwichtig ist, worauf sie verzichten kann und worauf nicht, konkret: ob sie nur eine Veränderung von Lohnarbeit oder Warenproduktion anstrebt oder ob sie nicht vielmehr gerade am Problem der Subsistenzproduktion und Selbstversorgung ansetzen müsste. Auch insgesamt ist die Frage nach dem Staat von entscheidender Bedeutung für jede Sozialbewegung, weil der Staat in jedem Falle als ihr unmittelbarer Gegner erscheint und es daher wichtig ist, seine Aufgaben, Interessen und sein Verhältnis zum Kapital zu kennen. Die Illusion, der Staat habe andere Interessen als das Kapital oder würde gerade dort auf Gewalt verzichten, wo er für eine Fortsetzung der „ursprünglichen“ Akkumulation zu sorgen hat, nämlich im Agrarsektor sowie vor allem auch im Verhältnis zur Dritten Welt und allgemein zu den Frauen, bräuchte dann jedenfalls niemanden mehr zu verwirren. Denn ist der Staat letztlich „allgemeine Zwangsgewalt“ (vgl. Blancke u.a., 1974, S. 79), dann heißt das, daß er „das Recht“, insbeondere die Menschenrechte und das Recht auf Leben und Organisation, bestenfalls für den Teil der Bevölkerung sichern wird, der als „freie Lohnarbeiter“ in Erscheinung tritt.

Für die Mehrheit der Bevölkerung, die auf verschiedene Weise und in unterschiedlichem Ausmaß nicht als „Vollbürger“ in diesem Sinne gilt, ist der Staat eher „Ausnahmestaat“ (vgl. Diner, 1980, S. 20f.). Das gilt gerade für weibliche und bäuerliche Produzenten, die ja im Prinzip keine freien Lohnarbeiter sind, weil sie nicht „frei“ von Produktionsmitteln (Land, Gebärfähigkeit) sind. Gerade sie haben daher auch die Möglichkeit, neue Formen der Organisation nichtentlohnter Arbeit, wie sie der Staat induziert, weder als Rückkehr zur vorkapitalistischen noch als „Realisierung utopischer Lebensformen“ zu verkennen, die „innere Grenze“, nämlich insbesondere die Geschlechtergrenze, zwischen den insgesamt „Ausgegrenzten“ aufzuheben und deren verstärkte Neuerrichtung zu verhindern. Hierin läge – wenn überhaupt irgendwo – der Weg in eine Gesellschaft ohne Staat, Kapital und Patriarchat.

 

Entnommen aus Claudia von Werlhof. Was haben die Hühner mit dem Dollar zu tun?. Erstmals erschienen in beiträge zur feministischen theorie und praxis Heft 13.