„Natur“ versus „Gesellschaft“
Warum werden gerade Frauen und der größte angebliche „dritte“ Teil der Welt als „Natur“ betrachtet, gehalten und behandelt als Objekte, die straflos anzueignen, auszubeuten und zu vernichten sind, als wäre das ein Kavaliersdelikt? Warum gelten auf der anderen Seite der kleinere Teil der Welt, eben jene Kavaliere und allgemein Männer, speziell weiße, offenbar als „Gesellschaft“, Subjekte, eigentliche „Menschen“? Was soll diese scheinbar natürliche, weil an Biologie oder Geographie festgemachte Gegenüberstellung von „Schwarz“ und „Weiß“, „Mann“ und „Frau“, Erdteil x und Erdteil y bedeuten?
Die Vorstellung von „Natur“ und „Gesellschaft“ oder „Mensch“ und „Nicht-Mensch“ ist nicht immer und überall dieselbe (gewesen). Das gilt zunächst einmal für die Unterscheidung von „Natur“ und „Nicht-Natur“, als die Art der Dichotomisierung des Ortes, wo die Trennlinie zwischen beiden gezogen wird: Wo hört „Natur“ auf und fängt „Nicht-Natur“ an?
Zum anderen ist auch die Vorstellung des Verhältnisses zwischen „Natur“ und „Nicht-Natur“ nicht immer die gleiche (gewesen). Erst die Entstehung einer Weltökonomie, nämlich des kapitalistischen „Weltsystems“ (I. Wallerstein), hat der alten Idee des „Machet euch die Erde untertan“ zum endlichen Durchbruch verholfen, ja sie zur allgemeinen geistigen Grundlage des „Kulturmenschen“ gemacht. Spätestens seit dem 15./16. Jahrhundert – und zwar im Zusammenhang mit den Entdeckungen – beginnt man, das Verhältnis zwischen „Natur“ und „Nicht-Natur“ als Gegensatz zu begreifen und darüber hinaus als Hierarchie, als notwendige Unterordnung des einen unter das andere, und zwar der „Natur“ unter die „Nicht-Natur“ (siehe N. Elias). Was wir heute unter „Natur“ verstehen, ist also nicht natürlich, sondern historisch, gesellschaftlich bedingt. „Natur“ kann überhaupt erst dann definiert werden, wenn auch ein Gegenteil dazu definiert wird. Unser heutiger Natur- und Gesellschaftsbegriff können also nur gleichzeitig entstanden sein, sie gehören zusammen wie die zwei Seiten einer Medaille. Es ist also im Grunde nicht möglich, über die „Gesellschaft“, die „Menschen“ zu reden, nachzudenken, mit ihnen umzugehen, ohne das gleichzeitig nicht auch mit der „Natur“ zu tun. Genau das hat unsere arbeitsteilige Wissenschaft immer zu verhindern gewußt. Sie hat verbissen verteidigt, anstatt zu untersuchen, was ihr vorgegeben war: die Arbeitsteilung. Unsere Gesellschafts-Wissenschaften handeln angeblich gerade nicht von Natur. Auch die Natur-Wissenschaften handeln angeblich gerade nicht von Gesellschaft.
Der Naturbegriff: Menschen als „Natur“
Der Naturbegriff hat zunächst einmal mit Natur im Sinne der Wiese draußen vor der Tür nichts zu tun. Er meint nicht „grüner Baum und wilder Kranich“ (M. Bookchin). Er hat nichts mit dem zu tun, was wir vielleicht immer noch unter Natur „als solcher“ verstehen. Der Naturbegriff ist nicht von der Biologie, sondern nur von der Ökonomie her zu erklären, er unterscheidet nicht zwischen Mensch und Tier, sondern zwischen Mensch und Mensch, und er ist nicht immer der gleiche.
Aus der Sicht der Herrschenden (seien es „Weiße“, Unternehmer – private wie öffentliche – oder auch nur der [Ehe-]Mann) ist banalerweise jeweils alles das „Natur“, wofür sie nichts bezahlen oder bezahlen wollen, was sie nichts (oder möglichst wenig) kosten soll. Das ist alles, was sie sich durch Raub (anstatt Tausch) aneignen können, und darüber hinaus alles, was sie nicht erneuern und erhalten wollen. Dieses „Was“ ist tendenziell alles, nämlich der ganze Erdball samt seinen Produkten, Waren und Menschen.
In einem gegebenen historischen Moment wird speziell alles das als „Natur“ behandelt, was gerade als „input“ in den ökonomischen Prozeß gebraucht wird. Das sind – soweit durchsetzbar – die benötigten Böden, Bodenprodukte, Bodenschätze, Handwerks- und Industrieprodukte, Dienstleistungen und vor allem die Menschen, die dabei arbeiten sollen: denn ohne menschliche Arbeitskraft wäre keines der anderen Produkte verfüg- und verwert-bar. Das „Was“ ist also in letzter Instanz ein „Wer„. Was auch immer für den Produktionsprozeß jeweils verfügbar sein muß, Arbeitskraft muß unbedingt dabei sein, im Betrieb wie in der Familie.
Außer ihrer Verfügbarkeit sollen diese Produkte und Produktionsmittel, gerade auch die Arbeitskräfte, noch möglichst billig sein. Ihre eigene Produktion und Reproduktion, ihre Entstehung und Erhaltung vor, während und nach ihrem Gebrauch soll also dem, der sie (ge-)braucht, möglichst keine oder geringe Kosten verursachen. Vor der herrschenden Logik, der Logik der Herrschenden her gesehen, besteht also eine Tendenz, jeweils möglichst viele Ressourcen, Produkte und vor allem Menschen (als Träger von Arbeitskraft) so zu behandeln, als wären sie Natur, die gratis, wie Luft z.B., zur Verfügung steht. Ideologisch gesehen äußert sich das darin, daß sie zur „Natur“, zur Sache, zum Objekt, zum Nicht-Menschen eklärt werden. Die Arbeit dieser Menschen wird dadurch zur Nicht-Arbeit, zur Biologie, erklärt, ihre Arbeitskraft erscheint als Naturressource, ihr Produkt als Naturvorkommen (vgl. M. Mies 1980a).
Wir haben es also mit einer Ausweitung des Naturbegriffs auf tendenziell alle Menschen sowie ihre Arbeit und ihre Produkte zu tun. Davon sind nicht nur Frauen, Farbige und allgemein Lohnlose betroffen, sondern letztlich auch weiße männliche Lohnarbeiter. Im Gegensatz zu den üblichen Annahmen über eine ständig zunehmende „Vermenschlichung“ oder „Vergesellschaftung“ und somit Einengung dessen, was als Natur begriffen wird, ist die Tendenz umgekehrt. Es findet eher eine ideologische und materielle „Vernatürlichung“ oder „Verweiblichung“ statt. Ausgehend vom Idealtypus unserer „Natur“, der weiblichen Hausarbeit und Hausfrau (wie auch des „Wilden“ in den Tropen), könnte diese Tendenz auch als „Hausfrauisierung“ bezeichnet werden (V. Bennholdt-Thomsen 1979, M. Mies 1980b).
„Naturhaftigkeit“ von Arbeit
„Natürlichkeit“ heißt zunächst einmal Armut trotz Arbeit: Nach Daten der UNO leisten Frauen weltweit, die Hausarbeit mitberechnet, zwei Drittel aller Arbeitsstunden. Das bringt ihnen nicht mehr als ein Zehntel des Welteinkommens und ein Hundertstel des privaten Eigentums ein (Frankfurter Rundschau, 26.7.80).
Ähnliches gilt für die Dritte Welt, mit den Worten eines, der in Soweto (Südafrika) lebt: „Ich besitze überhaupt nichts in diesem Land, einfach deshalb, weil ich schwarz bin“ (FR, 20.6.80).
Was dem ökonomischen Prozeß praktisch kostenlos zur Verfügung steht und darin verwertet, in „Wert“ verwandelt wird, erweckt den Eindruck, tatsächlich nichts gekostet zu haben, bloß weil es die Nutznießer nichts gekostet hat. Die zur „Natur“ erklärten Menschen, Produkte und Institutionen scheinen vom Himmel gefallen zu sein, vom lieben Gott, dem weißen Mann, den Unternehmern, Zuhältern und Ehe-Männern in den „Schoß“ gelegt worden, „immer schon dagewesen“ zu sein.
Jedoch, es sind Kosten entstanden, wenn auch für andere: die Natur und die dazu Erklärten. Es handelt sich um die sogenannten „sozialen“ Kosten, quasi „außerökonomische“ Kosten, so als gäbe es „Ökonomie“ nicht auch vor, hinter und neben der Fabrik (vgl. K. W. Kapp). Es dürfte bereits klar sein, in wessen Interesse der Ökonomie-Begriff so eng gefaßt ist, daß er nichts von dem erfaßt, was diese „Ökonomie“ überhaupt erst möglich macht, und nichts davon, was ihre Folgen sind. Die „sozialen“ Kosten der Umweltzerstörung z.B. werden eben wie „natürliche“ Kosten betrachtet, Kosten, die die Natur bzw. die „Natürlichen“ zu tragen haben. Die Schäden werden jedenfalls nicht von ihren Verursachern getragen. Wie die Luft und das Wasser, die Wälder und der Boden werden auch die Bodenschätze geplündert.
„Die Welt gilt als auszubeutende Mine“ (G. Anders) und „das einzige, was der Kapitalismus einmal hinterläßt, ist: ein Loch im Boden“ (J. Galtung), die Welt als vergewaltigte Jungfrau oder als Zwangshure.
Auch die Lohnarbeiter haben „soziale“ Kosten, diejenigen nämlich, die nicht mit dem Lohn abgegolten werden bzw. überhaupt nicht mit Geld wiedergutgemacht werden können: die physischen und psychischen Verluste, die ihnen durch den Arbeitsprozeß entstehen und die sie wieder auszugleichen versuchen müssen, wollen sie weiter arbeiten und leben. Sie müssen diese Kosten alleine tragen, wenn sie keine Frau haben. Deswegen haben sie meist eine. Wieviel von diesen „menschlichen“ Kosten über die Hausarbeit auch immer auf die Frauen abgewälzt werden (können), sicher ist, daß die Frauen und die in ihrer Mehrheit ebenfalls unentlohnt arbeitenden Menschen in der Dritten Welt so systematisch wie niemand anders sonst dazu herangezogen werden, so weit wie irgend möglich für die Folgen dieser schlichten Ausplünderung der ganzen Welt aufzukommen sowie die Möglichkeit dafür überhaupt erst – und immer wieder – herzustellen: Rohstoffe und Arbeitskraft. Dieser Raub und Raubbau wird uns ebenso systematisch verschwiegen. Er paßt nun wirklich nicht in das Bild unserer so ungeheuer liberalen und demokratischen, so komplex und subtil organisierten „Tausch“-Gesellschaft, die ganz „aus sich selbst heraus“ zu so immensen ökonomischen Leistungen fähig (gewesen) sein soll.
„Soziale“ Kosten zu tragen heißt, an ihnen zugrunde zu gehen und/oder eine Arbeit zu tun, die in irgendeiner Weise diese Ausplünderung wettmacht oder wenigstens mildert. Denn die meisten Menschen möchten ja gerne weiterleben, selbst wenn sie schon allein dadurch wieder zur Beute werden. Diese Arbeit, sich ausbeutbar zu erhalten und für die Beute anderer zu sorgen, bleibt selbstverständlich, „natürlich“, unentlohnt. Sie geschieht ja nicht freiwillig, sondern gezwungenermaßen, muß geschehen. Warum sollte sie daher entlohnt werden? Sie ist die heutige Form der Zwangsarbeit.
Für diejenigen, die sie nicht zu tun brauchen, im allgemeinen die Weißen, die Kapitalisten und die meisten Lohnarbeiter, ist diese Arbeit „unsichtbar“. Sie sehen sie nicht oder gucken weg, weil nicht „Arbeit“ sein kann, was nicht sein darf: Arbeit im Dunkeln, im Schatten (I. Illich) der „eigentlichen“, der Lohnarbeit. Doch diese Arbeit kostet „die Ökonomie“ nicht nur nichts, sie bringt ihr auch noch etwas ein. Für die Schattenarbeiter, die ja nicht zu dieser „Ökonomie“ gezählt werden, bedeutet das auf der anderen Seite doppelte Ausbeutung. „Die Ökonomie“ zwingt sie, zweimal praktisch kostenlos zu arbeiten. Einmal, um riesige Mengen billigster Rohstoffe und Arbeitskräfte zu produzieren und zum zweitenmal, um die damit und daran von „der Ökonomie“ angerichteten Schäden umsonst zu reparieren. Es bleibt ihnen gar nichts anderes übrig, falls sie überleben wollen. Dieses ureigenste Interesse gilt es zu nutzen. Zuvor muß es in dieser Form aber erst hergestellt werden. Es müssen dazu nur die richtigen Bedingungen geschaffen, nämlich den Leuten so lange und so gründlich ihre vormalige Kontrolle über Boden, Geräte, Kenntnisse und sich selbst entzogen werden, daß sie nichts weiter besitzen als ihre nackte Arbeitsfähigkeit. Nur noch durch sie können sie nun überleben. Sie werden also auch dann arbeiten, und zwar jede Arbeit tun müssen, wenn sie dafür nicht oder kaum entlohnt werden. Dabei ist – im Gegensatz zur vorkapitalistischen Zwangsarbeit – noch nicht einmal einer nötig, der ständig mit der Peitsche dahinter steht.
Wenn Arbeit mehr erzeugt, als sie kostet, dann gilt das auch für die Arbeit, die gar nichts kostet. So gesehen ist Lohnarbeit für die „Ökonomie“ eigentlich ziemlich teuer, mehr noch die allgemeine „Proletarisierung“ auch nicht im entferntesten bezahlbar. Sie hat deswegen auch nicht stattgefunden und wird – entgegen den üblichen Vermutungen – auch in Zukunft in unserem System nicht stattfinden können.
Es ist schon merkwürdig, daß selbst unsere „Systemkritiker“ immer noch als „nocht nicht“-, „nicht“- oder gar „prä“-kapitalistische Rückschrittlichkeit identifizieren, was das Ergebnis des gewaltigen Fortschreitens des Kapitalismus über den Globus und dessen Verwandlung in eine einzige „Naturressource“ für jenen ist. Eben deshalb sind weltweit die „Proletarier“ so rar, nicht der Tradition, sondern der Moderne wegen.
Es ist eine ideologische Leistung ersten Ranges, uns wiederum als „Natur“ weisgemacht zu haben, was das Resultat einer jahrhundertelangen Gewaltorgie gegen die Natur ist. Immerhin ist die Zwangsbewirtschaftung der Mehrheit der Weltbevölkerung dabei herausgekommen, der Frauen und Farbigen. Dazu mußten sie erst als Gefahr beschworen, daraufhin immer wieder gejagt und vernichtet, anschließend gehirngewaschen und dressiert werden: erzogen, zivilisiert, missioniert, kultiviert. Von „naturhaft“-bösen Hexen und Wilden zu ebenso „von Natur aus“ passiv-duldsamen Arbeitstieren abgerichtet, sollen sie auch noch selbst glauben, „daß Fortschritt und Zivilisation mit der Ankunft des weißen Mannes … begannen, … die (Rassen- wie Geschlechter-, Verf.) Apartheid gottgewollt und die gehorsame Unterordnung die ’natürliche‘ Rolle des schwarzen Mannes (wie aller Frauen, Verf.) seien“.
Schranken der Natur und Notwendigkeit des Monopols über Frauen und Boden
Die Grenzen zwischen „Natur“ und „Nicht-Natur“ mögen aus ökonomischen, politischen oder ideologischen Gründen zu bestimmten Zeiten noch so flexibel sein, in der Frage, inwieweit auch die Lohnarbeiter wieder „in die Natur zurückgeschickt“ werden. Es gibt dennoch Schranken in der Behandlung als „Natur“, die in unserem System zwar über- aber nicht unterschritten werden können. Es sind die Schranken der Natur selbst (ohne Gänsefüßchen).
Diese im wahrsten Sinne natürlichen Schranken sind gesetzt durch die Tatsache, daß es niemals beliebig viele Bodenschätze geben kann. Arbeitskräfte, Boden und Bodenschätze können nur entdeckt, erobert, verwertet, angeeignet, transformiert und zerstört werden. Kapital allein kann noch nicht einmal das, geschweige denn gebären, den Boden vermehren oder Bodenschätze hinzaubern, wo keine sind. Aus Kapital als solchem entsteht nichts. Es ist tot. Kapital ist vergangene, „tote“ Arbeit. Ein Geldschein oder eine Maschine für sich genommen sind ein Fetzen Papier und ein Haufen Schrott. Kapital „lebt“ erst durch ein Verhältnis, als Kapitalverhältnis, indem es zum menschlichen Leben, lebendigen Menschen in Beziehung gesetzt wird (vgl. das Vampirthema in Literatur und Horrorfilm). Die Maschine hat erst einen Sinn oder zumindest Wert, wenn jemand sie in Gang setzt. Im Zweifel kann auch ohne Maschine, es kann aber nie ohne Menschen produziert werden.
Auch mit dem nichtmenschlichen Leben, der nichtmenschlichen, äußeren Natur kann Kapital nur über Menschen in Beziehung gesetzt werden. Selbst der schönste Traktor bewegt sich nicht von allein über das Feld. Es müssen also Menschen her. Dazu werden Frauen, wird der Uterus gebraucht. Der Uterus wiederum kann nicht beliebig viele neue Menschen hervorbringen, selbst wenn man ihn in eine Gebärmaschine verwandelte. Von ihrer Abhängigkeit vom Uterus konnten sich die Männer und speziell die Kapitalisten zu ihrem Leidwesen bisher nicht befreien. (Statt dessen „erschufen“ sie den „schöpferischen“ Geist, Gott, Unternehmer und Mann.) Da es keinen Ersatz für den Uterus gab noch gibt, waren die Frauen als dessen „Träger“ die ersten Menschen, die die Männer unter Kontrolle bringen mußten, und sie werden die letzten sein, die man sich von dieser Kontrolle wieder befreien ließe. Männer allgemein und Kapitalisten insbesondere konnten und können gerade heute unter keinen Umständen darauf verzichten, ausgerechnet die Gebärfähigkeit nicht zu kontrollieren (sie es zu ihrer Ausweitung oder zu ihrer Einschränkung), handelt es sich doch dabei um die Hervorbringung des wichtigsten, weil einzig nicht verzichtbaren „Produktionsmittels“: menschliche Arbeitskraft. Noch nie zuvor in der Geschichte dürfte die Gebärfähigkeit eine solch zentrale Rolle gespielt haben wie in unserem System. Wie kein anderes vor ihm hat es die Kontrolle dieser Fähigkeit zur unbedingten Voraussetzung, weil es in noch nie dagewesener Radikalität vom größtmöglichen Raubbau an der Natur – und der menschlichen Arbeitskraft – abhängt, soviel es auch immer versuchen möge, lebendige Arbeit durch tote zu ersetzen. (Hierin dürfte der wesentliche Unterschied zwischen dem heutigen und früheren Formen des Patriarchats liegen.)
Ähnliches gilt für den Boden samt Bodenschätzen, auf die noch immer und sicherlich auch in Zukunft alle übrige Produktion, einschließlich der industriellen, angewiesen ist. Auf für sie gibt es keinen Ersatz. Weil aber auch der Boden und die Bodenschätze nicht beliebig produzierbar, sondern entweder da oder nicht da sind, woren auch eine bessere Nutzung mit noch so vielen Arbeitskräften und Kapital letztlich nichts ändern kann, müssen auch sie unter allen Umständen unter Kontrolle gebracht werden.
Was natürlichen Begrenzungen unterworfen ist, erscheint in unserem System als von Natur aus knapp. Kapital ist unersättlich. Es braucht mehr, als die Natur hat, es braucht beliebig viel, unbeschränkt viel. Was also natürlichen Begrenzungen unterliegt, „knapp“ ist im Sinne des Systems und was noch dazu unbedingt und immer notwendiges, alle weitere Produktion voraussetzendes Produktionsmittel ist, das muß – in einer Ökonomie wie der unseren – nicht nur unter irgendeine Kontrolle, es muß unter Monopolkontrolle gebracht werden. Bei den Frauen und dem Boden wird der Kontrollzwang zum Monopolisierungszwang, weil beide monopolisierbar sind. Wer den Boden, die Bodenschätze und die Frauen kontrolliert, kann sich ein Monopol über ihre Verwendung verschaffen, dem sich not- oder besser naturgedrungen alle anderen unterwerfen müßten. Denn der Monopolist hat das Monopolisierte gratis und im Überfluß, so als gäbe es keine „Knappheit“, als sei beliebig viel davon da. Dagegen kann er es für alle übrigen künstlich so verknappen und bis ins Unbezahlbare hinein verteuern, daß es sich niemand anderes mehr leisten kann, ja – wie im Falle der Frauen und des Bodens – sogar niemand außer dem Monopolisten überhaupt mehr produzieren kann. In einem Konkurrenzsystem muß daher jeder versuchen, Monopolist zu werden, weil es sonst ein anderer würde. Darüber hinaus muß er versuchen, über alles und alle, gleich wen oder was, ein Monopol zu erringen, selbst das und diejenigen, mit dem oder denen er zur Zeit (noch) gar nichts anfangen kann, damit ihm nicht ein anderer zuvorkommt. Ausgehend vom Zwang, mindestens und unbedingt die Frauen und den Boden zu monopolisieren, breitet sich die Monopolisierung daher auf alle(s) andere(n) aus, als wären sie Frauen oder Boden, und der Monopolist erscheint immer mehr als der „lebensspendende Schöpfer“.
Monopolisierung als Gewalt: die Fortsetzung der „ursprünglichen Akkumulation“
Als dieser Prozeß das Kapital selbst erreichte, fing man plötzlich an, von Monopolisierungsgefahren und vom Monopolkapital zu reden, so als sei das Monopol etwas Neues in der Geschichte dieser Produktionsweise, Charakteristikum einer „späten Phase“. Jedoch, die Tatsache, daß es eine angeblich monopolfreie Phase, den sogenannten Konkurrenzkapitalismus, in Europa gegeben hat, ist kein Beweis dafür, daß der Kapitalismus „typischerweise“ oder „eigentlich“ diesen Charakter hätte, wie uns zumindest alle Liberalen immer wieder versichern. Denn erstens hat es in der Dritten Welt diese Phase nie gegeben, und zwar keineswegs deshalb, weil sie – wie es heißt – eben „noch nicht“ in den Kapitalismus „integriert“ gewesen wäre. Zweitens war selbst der europäische Konkurrenzkapitalismus nicht monopolfrei, es gab lediglich keine Kapitalkonzentration. Denn lange vor dieser Phase der sogenannten „freien und vollständigen Konkurrenz“ hatte sich ein anderer Prozess abgespielt, auf dessen Resultaten basierend diese „freie Konkurrenz“ überhaupt erst – wenn auch nur vorrübergehend und nur in der Ersten Welt – möglich war: der Prozeß der sogenannten „ursprünglichen“ oder „primitiven“ Akkumulation.
Um es gleich vorwegzunehmen: so wie die Monopolbildung nichts Neues ist, so ist auch die „ursprüngliche“ Akkumulation nicht nur Vergangenheit. Spätestens mit dem 18. Jahrhundert totgesagt, ist sie weiterhin unser ständiger Begleiter, und zwar weltweit. Ich nenne das fortgesetzte ursprüngliche Akkumulation, und zwar nicht etwa „nicht“-kapitalistische (A. G. Frank), sondern gerade kapitalistische (Werlhof). Man will uns nämlich immer noch glauben machen, dieser Prozeß sie nicht nur längst abgeschlossen, sondern darüber hinaus auch auf die „Grausamkeit“ des „finsteren Mittelalters“ zurückzuführen, also nicht der kapitalistischen Produktionsweise anzulasten, die entsprechend auch erst um das 18. Jahrhundert, nämlich mit dem Beginn der Industrie, funktioniert haben soll. Was in der ganzen Zeit mit den Frauen und sogenannten „Hexen“ sowie den Kolonien passiert ist, geschweige denn, was mit ihnen und dort heute passiert, gilt selbstverständlich auch nicht als dieser Brutalform der Kapitalakkumulation zugehörig, sondern als Ausdruck „fremder Mentalitäten“ oder „feudaler Traditionen“. Es sind jedoch unsere eigenen und sehr modernen, peinlicherweise. Daher ist die „ursprüngliche Akkumulation“ zu verstehen als historischer und ununterbrochen notwendiger Bestandteil unserer Produktionsweise, und zwar im Weltmaßstab.
Es ist eigentlich sehr einfach: der Prozeß der „ursprünglichen“ Akkumulation beinhaltet(e) in erster Linie den Versuch, weltweit die Frauen und den Boden samt seinen Schätzen unter die Monopolgewalt des Kapitals zu zwingen.
Daß es sich hierbei nicht um einen Friedensmarsch handelt(e), ist unschwer zu erraten.
Denn die Methode der „ursprünglichen“ Akkumulation ist die unmittelbare Gewalt zwecks Raub, wo immer, wann immer und gegen wen immer „ökonomisch“ nötig und politisch und technisch möglich.
Ökonomisch nötig war und ist diese Methode, wie wir gesehen haben, in jedem Fall gegenüber den Frauen und dem Boden, weil von ihrer Kontrolle die Produktion von Reichtum abhängt. Es geht also zunächst um diejenigen, die bis dahin den Boden besaßen und die Gebärtätigkeit bestimmten, die Bauern, die Frauen und generell die Bevölkerung der Kolonien. Das Plündern, Brennen, Vergewaltigen und Morden hat seitdem kein Ende genommen.
Neben anderen Formen der Nichtlohnarbeit, die sich besonders in den Kolonien verbreitet haben, ist die heutige Hausarbeit das bedeutendste Ergebnis dieses Prozesses (s.v.a. G. Bock und B. Duden). Der Weg „von der Hexe zur Hausfrau“ nahm Jahrhunderte in Anspruch. Zunächst mußte die „Hexenhaftigkeit“ der Frauen behauptet werden, ihre angeblich ungebändigte, „satanische Naturhaftigkeit“, die forthin jede Maßnahme rechtfertigte, welche für die „Naturbeherrschung“ gegen Frauen ergriffen wurde. Die „Natur“, die bekämpft werden sollte, damit sie beherrscht werden konnte, mußte erst einmal erfunden werden (G. Becker et al; C. Honegger; A. Droß).
Frauen als unbedingte Natur und die Gewalttätigkeit ihrer Beherrschung
Das daraus entstandene Kunstprodukt, die Hausfrau, durfte nun aber keineswegs, sozusagen als Gegenleistung für ihre Domestizierung, beanspruchen, von nun an zur „Gesellschaft“ gezählt zu werden. Im Gegenteil, sie blieb nicht nur „Natur“, sondern sollte auch noch dankbar dafür sein, nun endlich ihre „wahre Natur“ gefunden zu haben. Ob „Hure“ oder „Heilige“, gebändigt oder nicht, Frau bleibt Frau: „Natur“.
Im Gegensatz zu den Farbigen und anderen wie „Natur“ behandelten Menschen sind die Frauen die einzigen auf der Welt, die immer und unter allen Umständen als „Natur“ gelten. Der wahrhaft natürliche Grund für diese Ideologie ist die Gebärfähigkeit. Die Frauen haben quasi ein natürliches Monopol über diese Fähigkeit. Das reicht aus, um sie auf jeden Fall – gleichgültig, wo immer sie seien auf diesem Globus, ob schwarz oder weiß, ob reich oder arm, ob unterwürfig oder nicht – zum geborenen Todfeind unseres Systems zu machen. Unser System duldet Monopole nur in Händen von Männern und unter Kontrolle des Kapitals.
Gerade weil also den Frauen ihre Natur aus der Hand genommen wurde, gerade weil sie un-natürlicherweise nicht über ihre natürlichen Fähigkeiten verfügen sollten, mußten sie zur „Natur“ erklärt werden. Der Zwang, unter allen Umständen und mindestens die Frauen zur „Natur“ zu erklären, ist die absolute ökonomische Voraussetzung unserer heutigen Produktionsweise im Unterschied zu früheren. Die früheren Methoden patriarchalischer Verfügung über die Frauen (z.B. Frauentausch und -raub, Heiratsregeln und Verwandtschaftssysteme) haben in ihren verschiedenen Formen nie eine derartige Intensität, Zuspitzung und Unbedingtheit erlangt wie jetzt, geschweige denn eine Ausbreitung über die ganze Welt. (Daran ändert auch alle scheinbar mögliche „Emanzipation“ nichts.)
Wenn „ursprüngliche“ Akkumulation bedeutet, die Arbeit, das Produkt und die Arbeitsfähigkeit anderer sich räuberisch anzueignen, dann wird gerade am Beispiel der Frauen deutlich, warum dieser Prozeß keinen historischen Abschluß finden konnte, sondern fortgesetzt werden muß, solange es die kapitalistische Produktionsweise gibt. Denn Frauen sind Menschen und kein Boden. Die einmalige Inbesitznahme des Bodens reicht theoretisch aus, um von nun an immer und ewig darüber zu verfügen. Bei Menschen ist das nicht so. Von Generation zu Generation, ja unter Umständen von Tag zu Tag muß immer wieder von neuem sichergestellt werden, daß man sie ihrer Arbeit, ihrer Produkte und ihrer Fähigkeiten berauben kann. Die Verfügung über Menschen, das Raub- und Gewaltmonopol über sie, muß immer wieder neu errichtet, behauptet und gegen Widerstand durchgesetzt werden. Genau das will man uns immer glauben machen, nämlich daß heute fortschrittlicherweise die unmittelbare, direkte, sogenannte „außerökonomische“ Gewalt der indirekten, „strukturellen“, sogenannten „ökonomischen“ gewichen ist, was besagt, daß die Menschen heute sich selbst zwingen zu arbeiten und nicht mehr durch andere dazu gezwungen werden müssen.
So deutlich diese neue Form der Gewalt sichtbar ist, so deutlich ist es aber auch, daß die alte Form der Gewalt in neuem Gewande fortexistiert, ergänzend hinzukommt. Man braucht nur hinzusehen: In der Familie und der Schule, beim Militär und im Gefängnis, beim Beichtvater und Arzt, kurz, in allen Erziehungs- und Heilanstalten wird auch direkte Gewalt angewandt, physische und psychische. Kinder müssen „erzogen“, eventuelle Rebellen gebrochen werden, und zwar bereits vorbeugend. Wo Menschen beraubt werden sollen, muß mit Rebellen gerechnet werden, speziell in der Dritten Welt und unter den Frauen. Von vornherein muß ihnen klargemacht werden, daß sie gewaltlos zu sein, ja vor jeder Gewalt zurückzuschrecken haben, der fremden wie der möglichen eigenen. Niemand auf der Welt hat ein so merkwürdiges Verhältnis zur unmittelbaren Gewaltanwendung wie die Frauen (für die Dritte Welt vgl. F. Fanon). Sie haben eine panische Angst vor ihr, der fremden wie der eigenen.
Diese geradezu „urtümliche“ Angst vor offener Gewalt ist jedoch keineswegs „natürlich“. Sie ist das Ergebnis eines jahrhundertelangen und bis heute andauernden ununterbrochenen Krieges gegen die Frauen.
Dieser Krieg findet statt, weil die Selbstbestimmung der Frauen über die Gebärfähigkeit in unserem System eine so große Gefahr ist. Daher wird ihnen meist gleich auch noch die Bestimmung über jede andere Art von Fähigkeit, Arbeit und Produkt genommen. Denn wenn sie auch nur etwas bestimmen, könnten sie den Wunsch oder die Macht haben, auch anderes bestimmen zu wollen. Daher wird die ganze und werden alle Frauen von Kopf bis Fuß, von innen wie von außen, als Körper wie als Geist, ob im gebärfähigen Alter oder nicht, grundsätzlich so behandelt, als wären sie ein Uterus.
Das künstliche Geschlecht
Kein schwarzer und kein weißer Mann ist je mit einer solchen Gewalttätigkeit konfrontiert, so radikal und unbedingt zur „Natur“ gemacht worden. Jeder einzelne Mann, auch der schwarze, selbst wie „Natur“ behandelte, erhielt statt dessen das Mini-Monopol über je eine Frau. Wie der große weiße Mann, so konnte fortan auch der kleine weiße Mann ein Stück „Natur“ beherrschen, als sei sie ein „natürliches“ Eigentum oder seine „Kolonie“, und selbst der schwarze Mann erhielt die „Natur seiner Natur“. Wenn niemand mehr Grund und Boden, Geräte, ein Haus oder gar Kapital hat, eines ist ihm bisher garantiert, eine Frau. Sie soll der Ersatz sein für den verlorenen Boden, die verlorene Sicherheit, die verlorene Selbstbestimmung und die erlittene Ausbeutung (vgl. K. Theweleit).
Es gibt wohl keine Gesellschaftsordnung in der Geschichte, die den natürlichen Unterschied zwischen den Geschlechtern derart brutal und systematisch ausgebaut, verzerrt und benutzt hätte. Unsere „Ordnung“ hat erst das natürliche Geschlecht in ein gesellschaftliches, künstliches Geschlecht verwandelt, aus Männern „Männer“ und aus Frauen „Frauen“ gemacht, ja den Mann zum „Menschen“ und die Frau zum „Geschlecht“ als solchem. Es hat die Geschlechterfrage zum sozialen Problem ersten Ranges, ja zur allgemeinen Klassenfrage gemacht. Nach diesem „Modell“ hat es auch alle anderen natürlichen Unterschiede, die Haut- und Haarfarbe, die Augenfarbe und Augenform, die Körpergröße und den Körperbau, in gesellschaftliche Probleme verwandelt und anschließend wieder als „natürliche“ deklariert, um die so geschaffenen „Unterschiede“ ökonomisch ausbeutbar zu machen. Selbst gesellschaftliche Unterschiede, z.B. nach Religion, Nation und Region, wurden ers zu gesellschaftlichen Problemen, indem sie als „natürliche“ Unterschiede ausgegeben wurden: Dieser Biologismus macht die Biologie zu einer gesellschaftlichen und die Gesellschaft zu einer biologischen Frage.
Indem die Männer erniedrigte Frauen und die Erniedrigung der Frauen akzeptierten, haben sie den Freibrief unterschrieben, selbst einmal erniedrigt zu werden.
„In ihren besten Kleidern saßen sie dann in diesem Zimmer, von dem sie glaubten, daß Richter so wohnen, Ärzte, Ministerialdirektoren, Gutsbesitzen … Zwei ruhige Männer hatten da gesessen, zwei sich für ganz und gar unentbehrlich haltende Männer, zwei sich für faire Partner der Unternehmensleitung haltende Männer, zwei sich für völlig frei haltende Männer …
Die Eiseskälte, die sich in seinem Körper auszubreiten begann, als der Meister plötzlich neben ihm gestanden hatte, die eisig in seinem Körper sich ausbreitende Gewißheit, als er ins Personalbüro hinaufging, als man ihm den (Entlassungs-)Brief gab. Er sah plötzlich, daß sie ihm alles nehmen konnten: Arbeit, Wohnung, Frau, Kinder, ja sogar das Leben.“ (G. Fuchs: Der Arbeitslose)
Der Arbeitslose ist ein Nichtlohnarbeiter. Mit dem Lohn verliert er sein „Mann-Sein“, seine „Menschlichkeit“ und sein garantiertes Recht auf „das Geschlecht“, seine „Natur“, die Hausfrau. Er wird selbst „naturalisiert“, „hausfrauisiert“, quasi „schwarz“, zum „Boden“, auf dem er einstmals stand.
Die Ausbeutung der „Natur“ als Abpressung einer Frauen- und Kolonialrente
„Natur“ ist billig, gar gratis. Sie braucht keinen Lohn für ihre Arbeit und keinen Preis für ihre Produkte. Sie hat keine Bedürfnisse und braucht nicht erneuert zu werden. Sie ist erzwungene, zwangsbewirtschaftete Zwangs-Natur, „Grundeigentum“ von Mini- und Maxi-Monopolisten.
So geschieht es, daß mit dem Monopol über die Natur und „Natur“ das Wertvollste und Unwiederbringlichste auf dieser Welt, lebendige Arbeitskraft, Menschen und natürliche Ressourcen, gleichzeitig das Wertloseste sind. Ihre „Knappheit“, der natürliche Reichtum, erscheint als beliebig produzierbarer gesellschaftlicher Überfluß, als beliebig verschwend- und zerstörbarer „Stoff“, der nichts „wert“ ist, weil er noch nicht einmal Geld kostet. Geld hat einen Wert, Leben nicht. Der makabren Logik unserer Ökonomie zufolge „behandelt der gewalttätig produzierende Mensch auch seinesgleichen als bloßen Rohstoff“ (G. Anders).
Die Gewalt weist vom Schein auf das Wesen. Da sie notwendig ist, muß die Analyse „vom Kopf auf die Füße“ gestellt werden: nicht Stoffe werden vorgefunden, sondern Menschen beraubt. Mann beraubt sie, weil mann sie braucht, unbedingt braucht. Ihr Gebrauchswert ist daher so hoch, daß er eigentlich unbezahlbar ist. Schon einen Versuch in diese Richtung würde unser System nicht verkraften. Der Gebrauchswert kann im Grunde gar nicht in Geld ausgedrückt werden. Er wird daher behandelt, als habe er so gut wie gar keinen Wert, keinen Tauschwert: der Gebrauchswert wird nicht bezahlt, weil er als „außerökonomische“ Natur gilt. Die geraubten Produkte und Arbeitsleistungen sind also nicht etwa „von Natur aus“ wertlos, sondern gesellschaftlich nicht bewertet, gewaltsam tauschwertlos gehalten („ursprüngliche“ Akkumulation).
Erst nach ihrer Akkumulation, ihrer Ver-Wertung in Waren, mittels Lohnarbeit und vornehmlich in der Ersten und Zweiten Welt, werden die „Nicht-Werte“ getauscht, und zwar nun zum höchstmöglichen Wert.
Die hohe gesellschaftliche Bewertung der Waren, nämlich ihr Tauschwert oder Preis, setzt also die möglichst geringe Bewertung, die Ent-Wertung, der zuvor notwendigen Arbeit voraus, zumal der der Lohnarbeit vorausgehenden oder sie begleitenden Arbeit, die daher überhaupt nicht entlohnt wird. Diese nicht getauschte, sondern geraubte Arbeit muß außerdem indirekt und direkt erzwungen werden, weil sie sonst nicht getan würde, da sie nicht vergütet werden kann.
Indem wir die beinahe schon vergessene Renten-Theorie zu Rate ziehen, stellen wir die Wert-Theorie auf die Füße, und siehe: Es handelt sich um die Abpressung einer riesigen kapitalistischen Rente, die das Monopol über die Frauen und die Kolonien als Quasi-Grundeigentum hervorbringt.
Die wenigen, die bisher versuchen, den Prozeß der Aneignung nicht entlohnter Arbeit als Rente zu erfassen, gehen dagegen von der Entstehung einer vorkapitalistischen Rente aus (z.B. die Arbeitsrente bei C. Meillassoux). Sie erkennen damit zwar im Gegensatz zu anderen diese Arbeit als solche überhaupt an, verkennen aber ihren Charakter. Es ist ja gerade das Wesentliche an dieser Arbeit, der Grund ihrer Existenz heute, daß sie in die Kapitalbildung eingeht und nicht außen vor bleibt. Das verkennen auch verschiedene Feministinnen, die das Patriarchat als ein vom Kapitalverhältnis getrenntes, eben „nicht“-kapitalistisches „Dual“-System analysieren. Für die „Radikalfeministinnen“ z.B. hört der ökonomische Prozeß im wesentlichen dort auf, wo der Mann seine Frau ausgebeutet hat. Für „sozialistische Feministinnen“ ist umgekehrt immer noch nicht erkennbar, daß Lohnarbeit eine sehr relative Bedeutung in unserem System hat, weil sie ohne nicht entlohnte Arbeit (v. a. Hausarbeit) gar nicht existieren würde (vgl. Debatte in PROKLA französische Diskussion in „Questions Feministes“ und englische Diskussion in „Conference of Socialist Economists“ [CSE] und „Feminist Review“, s. bes. Datar). So wie Ökonomie sich nicht nur im Heim abspielt, so beginnt sie auch nicht erst beim Verlassen des Heims, wie üblicherweise angenommen wird. Denn der Lohnarbeiter muß nicht nur seine Arbeitskraft erhalten, er muß sie auch immer wieder abgeben. Er kann ja auf seiner Arbeitskraft, nämlich der von seiner Frau erarbeiteten Rente, nicht einfach sitzenbleiben. Er erhält sie nur, damit er sie – wenn möglich ganz – im Lohnarbeitsprozeß verausgabt.
Die Frauenrente und die Kolonialrente werden in die Zentren transferiert und gehen in den Lohnarbeitsprozeß ein, ermöglichen ihn überhaupt erst. Denn sowohl die dort verarbeiteten Produkte aus den Kolonien wie auch die Lohnarbeitskraft selbst sind nur vorhanden, weil bereits unentlohnte Arbeit (speziell Hausarbeit) auf sie angewandt worden ist, als Rente gleichsam in ihr steckt (vgl. Bennholdt Thomsen/Werlhof).
Der von den Lohnarbeitern geschaffene Mehrwert muß also diesen Rentenanteil enthalten, der sicherlich mehr wert ist als der von den Lohnarbeitern zusätzlich erbringbare Wert. Mit anderen Worten, auch der Profit besteht wesentlich aus dieser Rente. Und so geschieht es, daß die von Natur aus Reichsten auf dieser Welt, die Frauen und die Kolonien, „natürlicherweise“ zu den Ärmsten werden mußten.
Der Prozeß der Erzwingung von Arbeit und des gleichzeitigen Raubs der von den Arbeitenden geschaffenen Rente ist unsere heutige kapitalistische, „ursprüngliche“ Akkumulation.
Die Ökonomie wird „naturalisiert“ und die Natur „ökonomisiert“. Wer diese Zusammenhänge und Verkehrungen außer acht läßt, kann daher nur zwischen Ökonomismus und Idealismus hin und her pendeln.
Demokratie, Tausch, Industrie, Lohnarbeit sehen plötzlich ganz anders aus, wenn ihre unverzichtbaren weltweiten Grundlagen ihr genaues Gegenteil sind. Mehrwert, Wert, Ware, Profit, wer hätte gedacht, wie die wirklich entstehen? Unsere „entwickelte Gesellschaft“, wer oder was ist das eigentlich?
Der Gesellschaftsbegriff: Dinge als „Gesellschaft“
Der Gesellschaftsbegriff im Kapitalismus hat zunächst einmal mit Gesellschaft im Sinne der Organisationsform aller Menschen nichts zu tun. Er hat nichts mit dem zu tun, was wir vielleicht unter Menschen „als solchen“ verstehen, sondern er geht quer durch menschliche Gruppen, er ist nicht immer der gleiche und vor allem: Er bezeichnet gerade auch Sachen, also Nicht-Menschen, ja selbst Natur als „Gesellschaft“. Aus der Sicht des Kapitals ist alles das „Gesellschaft“ oder wird so behandelt, was dem Kapital viel einbringen, d.h. die anderen, also die Produzenten/Konsumenten viel kosten soll. Mit anderen Worten, als „Gesellschaft“ gilt, was einen Tauschwert erhält, also auf dem Markt gegen das allgemeine Äquivalent im Kapitalismus, Geld, getauscht werden kann. Dieses „Was“ sind tendenziell alle „outputs“ des Produktionsprozesses, die auf dem Markt erscheinen – sei es der Güter- oder der Arbeitsmarkt: die Waren. Das sind Konsumgüter, Kapitalgüter, das Geld, jeweils derjenige Teil der Menschen, der als Arbeitskraft, also als Ware behandelt wird, und jeweils derjenige Teil der Natur, der wie eine Ware behandelt wird, d.h. verkäuflich ist oder gekauft werden muß, sei es noch nicht oder bereits transformierte Natur. Ein gesellschaftlicher Charakter wird also allem unterstellt, was ge- und verkauft werden soll oder muß, was einen Preis hat oder bekommt. Dabei gilt: je höher der Preis, desto deutlicher, eindeutiger der „gesellschaftliche“ Charakter. Was am teuersten ist, am meisten kostet, gilt als gesellschaftlich schlechthin: in letzter Instanz nur das Kapital selbst, sei es in seiner Form als Geld oder als dingliches Produktionsmittel bzw. kapitalintensiv hergestelltes Produkt. Der Mensch gehört nicht einfach zur „Gesellschaft“, weil er ein Mensch ist, sondern nur dadurch und in dem Maße, in dem er/sie zum Kapital – Geld, Waren allgemein – in Beziehung treten (wollen oder können). Das Ausmaß, in dem jemand als „Mensch“, Person, Individuum, Staatsbürger, Subjekt, „gesellschaftlich“ notwendig und nützlich etc. definiert wird, der Grad seiner gesellschaftlichen Identität, bestimmt sich also nicht auf Grund der schlichten Tatsache seiner Existenz auf dieser Welt, sondern auf Grund der Art seiner Beziehung zum Kapital, des Grades seiner Kontrolle über die Produktionsmitteln und des Ausmaßes seines Eigentums oder Besitzes von Waren. Der „Mensch“ schlechthin ist also in letzter Instanz nur der Kapitalist (vgl. Schumpeter), die „eigentliche“ Gesellschaft letztlich die Versammlung der Unternehmer. Ob überhaupt ein Mensch und in welchem Grade er als „Mensch“ im Kapitalismus definiert wird, hängt also weniger von ihm selbst als von Dingen ab, dem „gesellschaftlichen“ Ding Kapital, Geld: Ware. Das bedeutet – und hier wird die perverse Verkehrung der Verhältnisse besonders klar – daß die anfangs gestellte Frage nach dem „Was“, das „Gesellschaft“ ist, auch letztlich ein „Was“ bleibt und erst in zweiter Linie zu einem „Wer“ wird – umgekehrt zum Naturbegriff: die Gesellschaft entpuppt sich als „etwas“ und die Natur als „jemand“. Das ist gemeint, wenn Bloch von der „Leichenhaftigkeit“ der Ware spricht, und das heißt von der Nekrophilie (Leichenschänderei) einer Gesellschaft, die ihren höchsten Ausdruck in „geronnener“, „toter“ Arbeit findet, welche in der Vergangenheit den Lebenden abgepreßt wurde, mit einem Wort im Kapital, während die gegenwärtig lebendige Arbeit den Prozeß ihrer Einverleibung in den unersättlichen Kadaver erlebt, als sei sie nicht-menschlicher, gleichsam tierisch-pflanzlich-mineralischer „Natur“-Stoff.
Der Begriff der „Natur“ hat aber, wie zu sehen war, im Kapitalismus nichts „Gutes“ zu bedeuten. Er bezeichnet alles und alle, die als „input“ in den Verwertungsprozeß eingehen sollen oder müssen, tendenziell als „Natur“ und damit als gratis. Umgekehrt bezeichnet der Gesellschaftsbegriff nur wenige Menschen, aber tendenziell alle „outputs“, alle (dinglichen) Waren als allein „Gesellschaftliches“, Wertvolles und daher „zu Recht“ Teures, als wahrhaft „Menschliches“ und daher zu Verherrlichendes. Die Ausweitung des Naturbegriffs auf tendenziell alle Menschen und ihre Arbeit und die Ausweitung des Gesellschaftsbegriffs auf alles, was in eine Ware, ein Ding, verwandelt wurde oder werden kann, einschließlich der Menschen und ihrer Beziehungen sowie der Natur, sind damit die Grundlage für die Natur- und Menschenverachtung dieses Systems. Ihr können sich meist auch die Ausgebeuteten selbst nicht entziehen, muß doch jeder, der „Mensch“ im Sinne des Systems sein oder werden will, zum Verächter der Natur und anderer Menschen werden, der noch mehr Ausgebeuteten, derjenigen, die noch weniger teilhaben an der „Gesellschaft“, den Waren, dem Geld. Daher muß er zum Verächter gerade der Armen, der Frauen, der Farbigen, der Alten und der Kinder werden: der „A-Sozialen“. Er blickt mit Ernst und Inbrunst nach „oben“ und ist nach „unten“ ständig bemüht, sich von seiner „Naturhaftigkeit“, nämlich seiner Armut, seiner Frau, seinem Körper und seinen Emotionen zu befreien oder diese zu verleugnen. Er ist der (warum gerade in Deutschland so häufige?) „Radfahrer“, der nach oben buckelt und nach unten tritt. Er ist rassistisch, sexistisch, körperhygienisch, ordnungsliebend, rationalistisch, verliebt in seinen Vorgesetzten, autoritär mit Untergebenen und im Zweifel auch faschistisch. Seine – wie des Kapitalisten – Verwunderung über die aufbegehrende „Natur“ muß in einen geradezu fanatischen Haß gegen diese umschlagen, erscheint es ihm doch so, als sei sie es – und nicht das Kapital –, die ihn in seinen Versuchen der endlichen „Mensch“-Werdung behindere oder sein „Mensch“-Sein verhindere. Aus dieser Perspektive muß es sich bei den Frauen-, Schwarzen-, Arbeitslosen- und Dritte-Welt-Bewegungen geradezu um „Naturkatastrophen“ handeln, die den „Menschen“, weißen Mann, Kapitalisten nicht nur nicht zum Ziel gelangen lassen, sondern gar zurückwerfen drohen in längst überwunden geglaubte Zeiten vor der Naturbeherrschung.
„Menschlichkeit“ der Maschine
Welches sind dann aber die realen materiellen Verhältnisse, die es den einen gestatten, an ihre „Mensch“-Werdung zu glauben, und den anderen nicht, wenn doch aus der Sicht des Kapitals tendenziell alle Menschen „Natur“, Nicht-Menschen sind? Das zentrale Verhältnis, das diese Illusion hervorbringt, ist das Lohnverhältnis, und diejenigen, die diese Illusion haben, sind die Lohnarbeiter. Es wäre zu untersuchen, ob und inwieweit die bisherige Geschichte der Gewerkschafts- und Arbeiterbewegung nicht im wesentlichen darin bestanden hat, bei den Kapitalisten um eine Anerkennung der Lohnarbeiter als „Menschen“ zu kämpfen, und zwar ausschließlich der männlichen Lohnarbeiter. Offensichtlich war dieser Kampf insofern erfolgreich, als die „Menschenrechte“ zumindest bei den weißen Männern, Lohnarbeitern, Anwendung fanden, die fortan als „Freie, Gleiche und Brüderliche“ (!) galten, als erste das Wahlrecht hatten und von einem bestimmten Alter ab für immer als volljährige, mündige, vertrags- und eigentumsfähige Staatsbürger galten – es sei denn sie wurden kriminell, geisteskrank oder revolutionär. Die Mehrheit der Weltbevölkerung jedoch, Frauen, selbst als Lohnarbeiterinnen, Farbige und allgemein Nichtlohnarbeiter und Kinder konnten diese „Menschenrechte“ nie, spät, nur manchmal oder nur teilweise für sich in Anspruch nehmen – sie wurden und werden fast durchweg und immer wie Kriminelle, Geisteskranke oder Revolutionäre behandelt. Die „Menschenrechte“ wurden aber auch immer dann ausgesetzt, wenn Lohnarbeiter entlassen werden mußten. Der Kampf um die Anerkennung der Lohnarbeiter als „Menschen“ gleich den Kapitalisten ist daher aus mehreren Gründen illusionär: einmal, weil er sektiererisch beschränkt blieb auf eine Minderheit, die jeweiligen männlichen Lohnarbeiter, so daß seine Erfolgsaussichten ebenso beschränkend blieben (die Gewerkschaften lehnen bis heute die Vertretung von ehemaligen Lohnarbeitern, Arbeitslosen und Nichtlohnarbeitern, z.B. den Hausfrauen ihrer Mitglieder, ab, wenngleich diese es selbst fordern, vgl. Hausfrauen in Erwitte). Zum anderen, weil das Lohnarbeitsverhältnis sich nicht nur nicht verallgemeinerte, sondern quantitativ wie qualitativ seit längerer Zeit und mit zunehmender Geschwindigkeit rückläufig ist (die meisten Lohnarbeiter auf der Welt sind nicht permanent beschäftigt), so daß statt dessen ein Abschieben „zurück in die Natur“ („Verweiblichung“, „Hausfrauisierung“, „Marginalisierung“) beobachtet werden kann. Das zeigt, wie prekär und rücknehmbar die errungenen Erfolge sind. Und schließlich – und das ist wahrscheinlich am gravierendsten –, weil das Lohnarbeitsverhältnis selbst sowohl die „Mensch“-Werdung im kapitalistischen Sinne wie die Mensch-Werdung im utopischen Sinne überhaupt oder zunächst einmal gerade verhindert (hat).
Die Illusion, zur „Gesellschaft“ zu gehören, ist die Lohn-Illusion, „das Geld in der Tasche“ (S. James). Die „Königin der Waren“ (Marx) zu besitzen oder nicht unterscheidet die Menschen deutlicher voneinander als alles andere. Jedoch, der Lohn wird den Arbeitern nur gegeben, damit sie gerade so viele Waren kaufen können, um als Arbeitskräfte zu überleben samt der nächsten Generation von Arbeitskräften und den ohne Lohn arbeitenden Hausfrauen. Das heißt, daß der Lohn chronisch zu niedrig ist, um nur annähernd die „menschliche“ Qualität eines Unternehmers zu erreichen. Geradezu grausig aber mutet diese relative „Mensch“-Werdung im kapitalistischen Sinne an, bedeutet sich doch gerade das Gegenteil dessen, was im „eigentlichen“ oder utopischen Sinne Mensch-Sein sein könnte. Wieso haben es die Lohnarbeiter eigentlich akzeptiert und (teilweise?) auch noch erstrebenswert gefunden, zur Ware, zum Ding gemacht zu werden? Warum haben sie geglaubt – und glauben vielfach noch –, ausgerechnet dadurch zum „Subjekt der Geschichte“ zu werden, daß sie Objekt der Kapitalakkumulation wurden? War dieser Objektstatus besser, weil als „gesellschaftlich“ deklariert, als derjenige, der fortan als „natürlich“ galt?
Es ist zu vermuten, daß das „gesellschaftliche“ Objekt immer noch besser dasteht, als das „natürliche“: durch die Macht des Lohns – Macht nicht über das Kapital, sondern über die „natürlichen“ Objekte, speziell die Frauen. Möglicherweise haben die Lohnarbeiter ihre Entfremdung, ihre Degradierung zur Ware, zum Ding, zum – wenn auch „gesellschaftlichen“ – Objekt nur deshalb ertragen, weil es allen Nichtlohnarbeitern noch schlechter ging und weil sie zu ihnen in ein hierarchisches Verhältnis gesetzt wurden: jeder Lohnarbeiter erhielt als Kompensation seiner Entfremdung und Ausbeutung das Recht und die Garantie auf eine Frau, und das heißt auf ihre Ausbeutung als „natürliches“ Objekt. Diese außertarifliche, lebenslange Lohnzulage hat bisher noch kaum ein Lohnarbeiter abgelehnt, selbst dann nicht, wenn ihm dadurch der „normale“ Lohn auch noch gekürzt werden konnte. Im Gegenteil, die Aussicht, mit der Lohnarbeit auch noch die Frau zu verlieren, macht ihm offenbar mehr zu schaffen als Lohnhöhe, Ausbeutung und Entfremdung zusammengenommen. Könnte das – abgesehen von ideologischen Gründen – auch daran liegen, daß die (männlichen) Lohnarbeiter gar nicht die „Hauptproduzenten“ im Kapitalismus sind, weil sie tote Dinge, „leichenhafte“ Waren produzieren (müssen), ihre Frauen aber lebendige Arbeitskraft? Erinnern wir uns: was interessiert das Kapital an der Arbeitskraft? Ihre Lebendigkeit. Das, was es selbst nicht ist. Es ist nicht die Ware Arbeitskraft, der verdinglichte, vereinheitlichte, disziplinierte und dadurch pauschal niedrig entlohnbare Objekt-Teil des Arbeiters, der für das Kapital am interessantesten ist. Dieser wird zwar entlohnt und deshalb meinen die Arbeiter, ihre Warenhaftigkeit, der „gesellschaftliche“ Charakter ihrer Arbeit, ihre „Menschlichkeit“ in diesem Sinne sei das Wesentlichste an ihnen, sei ihre Identität. Damit sitzen sie dam ganzen Schein dieser „Produktions-“ oder besser „Zerstörungsweise“ auf. Sie (müssen) glauben, daß sie um so „menschlicher“ sind, je mehr sich ihre Arbeitskraft in Ware verwandelt (je permanenter ihre Beschäftigung, je höher der Lohn ist, vgl. gewerkschaftliche Forderungen), ja, je mehr sie selbst zur Ware, zur Maschine werden (vgl. die Ideale der Arbeitsdisziplin, -moral, den Puritanismus und die Organisationsformen der Arbeiterbewegung).
Doppelcharakter der Arbeitskraft als domestizierter Natur
Der Doppelcharakter der Arbeitskraft, ihr Charakter als genormter Ware wie als lebendiger Potenz, menschlicher Naturkraft, wird durch den kapitalistischen Gesellschaftsbegriff und die ihm zugrundeliegende „Realität“ verschleiert. An der lebendigen Arbeitskraft als domestizierter Natur wird nur mehr noch das Domestizierte wahrgenommen und die Lebendigkeit, Naturhaftigkeit im menschlichen Sinne (A. Schmidt) verleugnet. Dadurch erscheint der Lohnarbeiter als ein von seiner als unmenschlich geltenden Natur getrennter, wie umgekehrt der Nichtlohnarbeiter (bzw. vor allem die Frauen) als von seiner als menschlich geltenden Gesellschaftlichkeit, seinem Warencharakter getrennter. Dieser Schein und die ihm zugrunde liegende „Realität“ im positivistischen Sinne hindern uns daran zu sehen, wie gering selbst die bestbezahlten Lohnarbeiter entlohnt werden, geben sie doch ihr Leben hin, ganz zu schweigen von den Nichtlohnarbeitern, speziell den Frauen. Schlimmer noch, in unserem Gespalten-sein, unserer systemimmanenten Schizophrenie, vermögen wir kaum noch zu erkennen, daß die in diesem System realisierbare „Natürlichkeit“ und „Menschlichkeit“ eine Perversion unserer möglichen Natürlichkeit und Menschlichkeit sind.
Die Behauptung der „Gesellschaftlichkeit“ gerade von Sachen, versachlichten Beziehungen, Teilen von Arbeit, verdinglichter Arbeitskraft, Teilen von Menschen und überhaupt nur kleinen Gruppen von Menschen, die darin ihren Realitätsgehalt findet, daß diese Dinge, Arbeits- und Menschenteile auch so behandelt werden, nämlich als „Gesellschaft“, gilt auch für die Natur selbst. Gesellschaft gilt als „Natur“ und Natur gilt als „Gesellschaft“. Menschen werden wie „Natur“ behandelt, um sie wie Tiere – eben unbezahlt – ausbeuten zu können.
„Befreiung“ von Natur als Tod der kapitalistischen Produktionsweise
So, wie die Gesellschaftlichkeit von Menschen und ihrer Arbeit geleugnet wird, wird umgekehrt auch die Naturhaftigkeit oder besser Naturabhängigkeit der „Gesellschaft“, der Menschen, der Waren und des Kapitals geleugnet. Die Ware gilt als beliebig, und das heißt unbegrenzt, produzierbar. Genau diese „Eigenschaft“ hebt sie aus der Natur heraus, unterscheidet sie von ihr, der beschränkten und beschränkenden. Fortschritt besteht daher nicht nur in der Beherrschung, Aneignung, Unterwerfung und Ausbeutung der Natur (oder „Natur“), sondern ist letztlich die „Befreiung“ von ihr und ihren Schranken, die Unabhängigkeit von der Natur und den Frauen, und dabei in erster Linie von der Gebärfähigkeit, dem Boden und den Bodenschätzen bzw. deren sogenannter „Knappheit“.
Der Erkenntnis des Widerspruchs, daß sich das Kapital nur menschen- und naturzerstörend verwerten kann, stand bisher der Fortschrittsglaube im Wege, nämlich der Glaube an die Möglichkeit der endgültigen Überwindung natürlicher Schranken im „reinen“ Kapitalverhältnis. Der Weg dorthin wurde vorgestellt als eine Art Evolution in Richtung auf die Verwandlung aller Arbeit in Lohnarbeit, aller Produkte in Waren, allen Raubes in Tausch, aller direkten Gewalt in indirekte, aller Menschen in „Freie“, Gleiche, Mündige, Staatsbürger etc. Die Utopie dazu befaßte sich vor allem mit der Frage der Abschaffbarkeit von Arbeit überhaupt, da diese (fast) vollständig von Maschinen zu erledigen sei. Das Versprechen dieser Utopie bestand andersherum formuliert, in der totalen Vergesellschaftung von allen und allem und damit in der „Emanzipation“ von der Natur, in der Freiheit von ihr und ihren Schranken.
Wenn sich dieser Evolution Hindernisse in den Weg stellten, wurden „Schuldige“ gesucht. Während der Krisen und Kriege fand man sie nicht etwa in den Kapitalisten, sondern in der „Natur“: in den Frauen, Ausländern, den „Anderen“, dem Nachbarn, dem Feind, in der Dritten Welt. Das Ideal des „reinen“ Kapitalverhältnisses als von „Natur“ ungehinderten, über sie erhabenen, von ihr nicht mehr beschmutzbaren, der Rakete gleichenden ist bis heute Ideal geblieben und wird es wohl auch bleiben. Seine Realisierung ist aus der Sicht des Kapitalverhältnisses zwar ständig anzustreben, gleichzeitig jedoch objektiv unmöglich. Dieses Erreichen-Wollen und doch Nicht-Können ist als Bewegung und Prozeß verstanden, der eigentliche, der impotente Charakter der kapitalistischen Produktionsweise.
Eine Befreiung von der Natur wäre das Ende dieser Produktionsweise. Ihre „Vervollkommnung“ wäre ihr Tod.
In der Tat verläuft der Prozeß ganz anders, als das Ideal es „vorschreibt“. Gerade nicht die Lohnarbeit ist dabei, sich zu verallgemeinern, sondern der Idealtypus der Hausarbeit und andere Formen von Nichtlohnarbeit. Die Not der Kapitalverwertung ist so groß, daß die Natur nicht mehr ausreicht, sie muß künstlich geschaffen werden, um überhaupt noch Lebendiges vorzufinden, das dem nimmersatten Leichnam Kapital zugeführt werden kann, und zwar immer mehr durch Raub und direkte Gewalt, die Methoden der längst überwunden geglaubten Phase der „ursprünglichen“ Akkumulation. Die Beherrschung der Natur wird immer mehr zum Problem anstatt weniger, nicht, weil sie so unüberwindlich wäre, sondern weil sie zerstört wird, aus dem Gleichgewicht gerät, gar nicht mehr da ist.
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Aus: Claudia von Werlhof, Maria Mies, Veronika Bennholdt-Thomsen. Frauen, die letzte Kolonie. 1983.