Ressentiment

In meinem Herzen war ich niemals ein Angsthase, aber ich war immer ein Angsthase wenn es ums Handeln ging. [2]
Fiodor Dostoewski

 

Dass die Menschen je vergessen konnten, wie elend sie sind – wie elend sie sich machen – diese Frage will Antwort haben. Es ist die Frage nach der Menschheitspsychose… auf die zu antworten wir uns für berufen halten. –
(Otto Gross)

In der Gesellschaft, in der wir aufwachsen müssen, ist es unmöglich sich niemals ohnmächtig zu fühlen, es ist in der Architektur intrinsisch eingeplant sich inferior zu fühlen. Einige wenige «Glückliche» unter uns sind von klein auf von ihrer Umgebung in dieses Bewusstsein hineinsozialisiert worden, die meisten von uns stoßen aber über Umwege und Subkulturen auf diese Erkenntnis. […] Die Kraft, die im Ressentiment einer Person «schlummert» und diese unfreiwillig in all ihren Handlungen beeinflusst und steuert, ist genauso groß wie die akkumulierte Ohnmacht, also die weggedrückten, unterdrückten und verdrängten Gefühle von Hass, Zorn, Wut aber auch Freude und Liebe zu jemanden oder etwas. Die Kraft, die sich aber in einer Situation entwickelt, in der sich mehr als nur eine Person entfesselt, ist ungleich und nicht berechenbar, mitunter exponentiell höher.

Ressentiment:

Eine auf Vorurteilen, einem Gefühl der Unterlegenheit, Neid o.Ä. beruhende gefühlsmäßige, oft unbewusste Abneigung. Ressentiment entsteht laut Nietzsche als eine Art von Passivität und Ohnmacht, die essentiellste sozio-psychologische Unterscheidung ist jene zwischen aktiven und reaktiven (passiven) Kräften, und folglich die Überlegenheit der aktiven, gegenüber der reaktiven, von der «vornehmen» zur «niederen», von der «starken» zur «schwachen», jede Person enthält in sich eine Verbindung zwischen aktiven und reaktiven Kräften. Während im «aktiven Typ» die aktiven Kräfte auf die reaktiven Kräfte einwirken, sprich aktive Kräfte haben die Oberhand. Folglich gilt grundsätzlich; der Mensch des Ressentiments ist jener der nicht handelt (Gilles Deleuze). Ausschlaggebend jedoch soll diese Unterscheidung nicht im Hinblick auf Quantität sondern auf Qualität verstanden werden: das «Schwache» ist nicht zwangsläufig das am wenigsten «Starke» wie das Deleuze in einer Anspielung auf Spinoza ausdrückt, sondern das was «getrennt von dem was es tun kann» ist, oder das was seinen Willen zur Macht nicht ausüben kann. Mit anderen Worten, das Schwache wird nicht definiert als das was nicht triumphiert; tatsächlich kann das Schwache triumphieren[…]. (vgl. Bülent Diken)

Ressentiment bei Nietzsche [Menschliches, Allzumenschliches]:

«Einen Rachegedanken haben und ihn ausführen, heißt einen heftigen Fieberanfall bekommen, der aber vorübergeht: einen Rachegedanken aber haben, ohne Kraft und Mut ihn auszuführen, heißt […] eine Vergiftung an Leib und Seele mit sich herumtragen.»

Laut Max Scheler kann Ressentiment nur entstehen wenn gewaltige Emotionen sowie Zorn, Hass, Bosheit, Neid, etc. wegen einer physischen oder mentalen Schwäche oder aus Angst keinen Auslass finden und daher unterdrückt werden müssen.

«Der Mensch des Ressentiments wird voller Hass und in diesem Prozess seiner Schwäche findet er seinen Ausdruck im Ersatz der Aggression mit unrechten Unterstellungen, der Delegierung von Verantwortungen an Andere und fortwährenden Anschuldigungen.» (G. Deleuze)

In der Philosophie und Psychologie ist Ressentiment eine der Formen von Verbitterung und Feindseligkeit. Es ist das französische Wort für Ressentiment (vom lateinischen «re» und «sentir», «zu fühlen»). Ressentiment ist eine Art von Feindlichkeit, gegen das gerichtet was als die Ursache der eigenen Frustration identifiziert wird, d.h. eine Schuldzuweisung für die eigene Frustration. Der Sinn für Schwäche oder Minderwertigkeit und vielleicht Eifersucht im Angesicht der «Ursache» ruft ein zurückweisendes bzw. rechtfertigendes Wertesystem oder Moralität hervor, welche(s) die als solche wahrgenommene Quelle der eigenen Frustration angreift oder verleugnet. Dieses Wertesystem wird dann als Mittel verwendet, um seine eigenen Schwächen zu rechtfertigen indem man die Quelle des Neids als objektiv minderwertig bestimmt, was als Abwehrmechanismus wirkt, der das ressentvolle Individuum daran hindert seine Unsicherheiten und Makel anzusprechen und zu überwinden. Das Ego erschafft einen Feind, um sich selbst von Schuldfähigkeit bzw. einfacher Verantwortung für die eigenen getätigten oder nicht getätigten Handlungen abzuschirmen.

Bei Kierkegaard stoßen wir auf folgende Beschreibung:

«Ressentiment hat seine eigene, jedoch gefährliche Wichtigkeit. […] Je mehr Reflektierung die Überhand bekommt und demnach die Menschen indolent [träge] macht, desto gefährlicher wird Ressentiment, weil es nicht mehr länger ausreichend Charakter besitzt, um es bewusst von seiner Bedeutung zu machen. Der Nutzen dieses reflektiven Charakters ist eine feige und schwankende, und den Umständen entsprechend interpretiert er dieselbe Sache auf unterschiedliche Art und Weise. Es versucht es als Witz darzustellen, und wenn das fehl schlägt, es als Beleidigung zu betrachten, und wenn das fehlschlägt, es als rein gar nichts abzutun; sonst jedoch wird er diese Sache als Witzelei behandeln, und wenn das fehlschlägt sagen, es wäre als moralische Satire, die Aufmerksamkeit brauchte, gemeint gewesen, und wenn das nicht glückt, hinzuzufügen, dass es die Mühe gar nicht Wert war.» […]

Um als Anarchist die eigene Handlungsfähigkeit zu entwickeln wird es ausschlaggebend auf die eine oder andere Weise, bewusst oder unbewusst, die Überwindung der eigenen Ressentiments anzugehen. Das ist für die Persönlichkeitsentwicklung essentiell, welche notwendig ist, um eine Welt, die sich als Quell ständig neuer Probleme und Frustrationen präsentiert zu konfrontieren. Die herrschende Macht arbeitet nunmehr in einer synchronisierten Welt vierundzwanzig Stunden, sieben Tage die Woche daran, neue Hindernisse und Probleme zu erarbeiten, die uns daran hindern sollen Macht über uns selbst und unser direktes Umfeld zu gewinnen und so freiassoziative Beziehungen zu gründen und durch diese und mit diesen den Herrschaftsapparat anzugreifen. Die Ohnmacht, die beständig erzeugt wird (werden soll), ist die Ursache für diese Ressentiments. Als Gruppe, als Basiskern [nucleo di base], wird die Auseinandersetzung mit dieser Thematik überlebenswichtig, da einen die Ohnmacht zu Fehlentscheidungen verleitet [3], bzw. zu schlecht durchdachten, reaktiven Handlungen, welche mitunter auch schwerwiegende Folgen innerhalb des anarchistischen und revolutionären Diskurs haben.

Die Ressentiments verursachende Ohnmacht wird auch zum Teilgrund für partielle Kämpfe [siehe Alles Geht Weiter – Band I]. Wer diesen Weg geht, hilft nicht nur Ohnmacht weiter zu entwickeln, sondert schürt auch weiters das Ressentiment in einem selbst. Jeder sogenannte «Teilsieg» [mehr Rechte für Tiere, die Besserstellung von Frauen, höhere Löhne, weniger Polizeigewalt, etc.] lässt einen tatsächlich Ohnmacht akkumulieren (im Gegensatz zu «Gegenmacht aufbauen»), und macht damit Ressentiment und Nihilismus unüberwindbar, weil man tatsächlich im Dialog mit der Herrschaft steht und damit zum Teil des Problems wird. Man muss hingegen daran arbeiten sich selbst wild zu machen, weg zu gehen von der Herrschaft, um kalt und kaltblütig zuschlagen und handeln zu können ohne moralisch selbst an der Herrschaft involviert zu sein (sich wild machen, heißt sich im «irrational-sein» zu üben). Das ist zeitgleich auch ein essentielles Problem im Marxismus und in marxistisch agierenden anarchistischen Gruppen; sie sind nicht nur moralisch Teil von etwas, gegen das sie eigentlich (nicht einmal immer das) sein wollen, sie fördern dieses etwas. Und da oft der Mensch unterdrückte Wünsche und gewaltvolle Begierden entwickelt (hat), die sein wilder Anteil in sich verursacht, beginnt in diesem Zusammenhang der brutale und verhängnisvolle Selbstunterdrückungsprozess (der Teil, der unbewusst an der Herrschaft emotional und moralisch teilhat, unterdrückt das zur Freiheit strebende Unterbewusstsein) und eine Art politisch motivierte Verdrängung. Politisch motiviert heißt, diese Verdrängung kann durch Selbstkorrigierung und eine Abkehr vom verhängnisvollen Diskurs und Debatte hin zur Sprengung der Denk- und Handelsbarrieren langsam überwunden werden. Das könnte man als revolutionäre Auto- und Gruppentherapie bezeichnen, die tatsächlich Auswirkungen auf die Gesundheit und die revolutionäre Debatte hat. Wir sprechen hier von einer zunehmend wilden aber kalkuliert handelnden, wild denkenden, sich revolutionierenden Persönlichkeit, die in diesem Prozess die eigene Ohnmacht und die eigenen Ressentiments überwindet. Das eremitische bzw. in der Kerngruppe tatsächliche bzw. sprichwörtliche in die Wildnis gehen (die Wiederfindung der eigenen Irrationalität, welche uns durch unsere Sozialisierung sukzessive weggehobelt wurde) kann man als Vorbereitung zur Loslösung solcher Verhaltensmuster und der von der Gesellschaft erzeugten Verantwortungen und ihrer sukzessiven Überwindung betrachten.

Die Befreiung von einem Joch ist gekoppelt an die Befreiung von der Mentalität, die es erlaubt mich erst in diesem Joch zu halten. Die zeitweilige Entfernung aus den knechthaften Gefilden kann helfen, ist aber nicht zwingend notwendig, da es genauso passieren kann, dass durch die Entfernung von diesen Gefilden, der Knecht den Prozess der Befreiung nicht versteht, auf diesen kommt es aber an. Der Bruch mit der Realität (bzw. die Feindeserklärung an diese) ist das Essentielle. Wenn man eine Haftanstalt aufsprengt und die Gefangenen befreit, heißt das nicht, dass die betroffenen Gefangenen von ihrer Gefangenenmentalität genesen lässt. Was wiederum nicht bedeutet, dass nicht jeder frei von Haft sein sollte und jede Haftanstalt auf der Welt zerstört werden sollte. Das setze ich im anarchistischen Diskurs voraus. Im Schatten einer Kirche kann man nicht denken: das ist wahr, aber man kann, wenn man aus der Umgebung nicht wegkommt, die Kirche niederbrennen oder in die Luft jagen, um sich so Raum zum Atmen und Denken zu verschaffen. Eine der schwierigsten Aufgaben ist, sich von der eigenen Mentalität zu trennen bzw. diese zu reflektieren und einerseits Widersprüche auszumerzen und zum anderen zu lernen Widersprüche zu akzeptieren, die man mit sich und seiner Mentalität trägt. Das gilt im besonderen für jene, die sich die Rationalität der Befreiung anlernten, in (marxistischen, esoterischen, Motivations-, etc.) Seminaren, Lesekreisen, Subkulturen, Gruppentherapien, Therapien etc.

«Ressentiment kommt von Reaktivität: je schwächer jemand ist, desto geringer dessen Fähigkeit, Reaktion zu unterdrücken. Nach Nietzsche, je aktiver eine Person ist, je willensstärker und dynamisch, desto weniger Zeit und Raum verbleibt, um darüber nachzudenken was diesen alles angetan wird und deren Reaktionen (wie die Vorstellung, dass sie tatsächlich besser sind) werden weniger zwanghaft. Die Reaktion der willensstarken Person (ein «wildes Biest»), ist, wenn diese passiert, idealerweise eine kurze Handlung: sie ist nicht das zeitlich verlängerte Auffüllen von deren Intellekt.»

Bei Nietzsche ist Bewusstsein reaktiv, in dem Sinne, dass es auf die Reizungen reagiert ohne diese aufzunehmen; dank des Vergessens, zum Beispiel, können wir auf neue Stimulationen reagieren. Im Ressentiment ist dieser Prozess blockiert, weil die Erinnerung neue Reizungen ersetzt; Reaktion nimmt die Stelle neuer Handlungen ein (G. Deleuze). Mit anderen Worten, der Mensch des Ressentiments vergisst nicht, kann nicht vergessen. Wenn man seine Feinde, Unglücke oder Unfälle nicht zu ernst nimmt ist das ein Zeichen von Machtüberschuss, Erinnerung ist ein Zeichen von Schwäche. Was den Menschen des Ressentiments definiert ist die Schwäche, «seine Technik sich an Dinge zu erinnern» (F. Nietzsche). Sein Bewusstsein ist überwuchert von Erinnerung, er reagiert nur auf seine Erinnerung und woran er sich erinnert ist natürlich «nur das was wehtut» (G. Deleuze). Wie auch immer, er kann nicht handeln und stattdessen fühlt er; Reaktion wird zu etwas gefühltem. Und wegen seiner Unfähigkeit zur Handlung, gepaart mit der Unfähigkeit zu vergessen, ist er «niemals mit irgendwas fertig» (G. Deleuze). Eine klassische Darstellung einer solchen dyspeptischen Persönlichkeit finden wir in Dostoewskis Notizen aus dem Untergrund. Zum Beispiel sehen wir wie der Untergrund Mensch, der «nichts vergessen wird» (F. Dostoewski), seine Beziehung zu einem anderen Mann, den er hasst, beschreibt: «Ich stand am Billardtisch und in meiner Ignoranz blockierte ich den ganzen Weg, und er wollte vorbeigehen; er nahm mich bei den Schultern und wortlos, ohne Warnung oder Erklärung, schob er mich von dort wo ich stand an eine andere Stelle und ging an mir vorbei, als ob er mich nicht bemerkt hätte. Ich hätte ihm Schläge vergeben können, aber dass er mich zur Seite schob konnte ich nicht verzeihen. Nur der Teufel weiß, was ich gegeben hätte für einen echten, richtigen Streit, einen anständigeren, wahrhaftigeren sozusagen. Ich bin wie eine Fliege behandelt worden. Dieser Beamte war über 1,80 Meter, wohingegen ich ein dünner, kleiner Typ war. Aber der Streit war in meinen Händen. Ich hätte nur protestieren müssen und ich wäre sicherlich aus dem Fenster geflogen. Aber ich änderte meine Meinung und bevorzugte einen Rückzug voller Ressentiment. […] Ich war im Herzen niemals ein Angsthase, jedoch war ich immer ein Angsthase wenn es ums handeln geht.» (F. Dostoewski)

Des Untergrund Menschen paradoxe Schwäche liegt in seinem Wissen, dass er boshaft ist, während er nicht aus Boshaftigkeit handeln kann. Seine Rache ist aufgeschoben. Ressentiment kann nur entstehen, wenn gewaltige Gefühle wie Wut, Hass, Bosheit, Neid, etc. keinen Ausdruck finden, wegen einer körperlichen oder mentalen Schwäche oder aus Angst und daher unterdrückt werden müssen (Scheler). Und wenn einem echte Handlung verwehrt bleibt, wird die Vorstellung der Rache die einzige Kompensation. Rache, in diesem Fall, hängt nicht an einem spezifischen Objekt, sondern kann vorgestellt und symbolisch bleiben. Daher träumt der Mensch des Ressentiments ständig von einer zukünftigen Vergeltung, dass er es eines Tages «besser haben wird» (F. Nietzsche). Wartend und wartend, wird der Mann des Ressentiments voller Hass und in diesem Prozess findet seine Schwäche Ausdruck in dem Ersatz von Aggression mit Unterstellungen von Unrecht, der Delegation von Verantwortung an Andere und immer währenden Anschuldigungen (G. Deleuze). Solche Anschuldigungen an Andere sind für Ressentiments unbedingt erforderlich. Das führt oftmals zu einer Unfähigkeit andere zu bewundern, der Unfähigkeit zu lieben, «ein geheimer, boshafter, vulgärer und vielleicht nicht erkannter Instinkt Menschen schlecht zu machen» (F. Nietzsche). Daher, gemäß dem Untergrundmenschen, «sind handelnde Menschen nur aktiv weil sie dumm und limitiert sind» (F. Dostoevsky). Was der Mensch des Ressentiments nicht erreichen kann, ist per Definition schlecht.

Somit braucht Ressentiment eine feindliche, entgegengesetzte Welt; der Feind des Ressentiments kann nur ein «böser Feind» sein, weil der Mensch des Ressentiments von den Handlungen anderer «profitiert» (F. Nietzsche bzw. G. Deleuze). Das Paradoxe daran ist, dass der Mensch des Ressentiments in solch einer idealen Umgebung von seinem «bösen Feind» beraubt wäre, der feindlichen Welt, die er für seine Ohnmacht und sein Scheitern beschuldigen kann. In einem System, das zum Beispiel streng durch Verdienst charakterisiert ist, wäre es für den Untergrund Menschen unmöglich sein Scheitern als kontingent oder unverdient wahrzunehmen.

Nur insofern er einen externen Faktor beschreiben kann, anders als böse, kann der Mensch des Ressentiments gut sein; daher ergibt sich seine fundamentale Formel: «Du bist böse, darum bin ich gut», eine Formel basierend auf eine Umkehrung des Diskurses des Meisters: «Ich bin gut, deshalb bist du böse». Der Starke aber, hat keine feindliche Welt notwendig und muss den anderen nicht a priori als böse darstellen (G. Deleuze). Bezeichnenderweise jedoch, genau wegen seiner Umkehrung, kann Ressentiment nicht reduziert werden auf ein Verlangen nach Rache; was entscheidend ist, sind die Mittel zur Rache: Dass die reaktiven Kräfte den Handlungen der aktiven Kräfte entfliehen macht die Rache zur Möglichkeit; «eine Möglichkeit, die normale Beziehung von aktiven und reaktiven Kräften umzukehren, weshalb Ressentiment selbst immer eine unvollständige Revolte darstellt. Ressentiment ist der Triumph des Schwachen als das Schwache, die Revolte der Sklaven und deren Sieg als Sklaven» (G. Deleuze).

Raskolnikows [4] Fantasie zielte auf das bürgerliche Ressentiment und die Banalität ab, die die moderne Gesellschaft charakterisiert. Er wollte töten, weil er dem Schicksal, eine durchschnittliche Person zu sein, entfliehen wollte. Dennoch, unfähig dem Terror der Banalität zu entfliehen, seinem eigenen Ressentiment, was ihn zur tragischen Figur machte: Der Verstoß, die Überschreitung [transgression], endet darin, das Gesetz zu bekräftigen. […]

Anmerkungen

[2] Dostoewski arbeitete zeitlebens in seinen Romanen an einer Art von Persönlichkeitsprofil des passiv-nihilistischen Menschen voller Ressentiment.

[3] Rache als solche ist eine Fehlentscheidung – Rache basiert auf der Annahme, das getanes Unrecht gut gemacht werden kann, lässt sich also zurückführen auf Recht und Unrecht, als Anarchisten müssen wir aber lernen uns nicht von der Macht über diese Begriffe instrumentalisieren zu lassen, und so Projekte zu erschaffen, die so kohärent wie möglich sind, über die wir zu einer Art Kompensation kommen für das was uns bzw. unseren Kameraden angetan wird. Ein Teilgrund warum Anarchisten dem Konzept der Rache so sympathisch gegenüberstehen, mag die Verneinung des Staatsmonopoles sein, welche scheinbar einhergeht mit einer Racheaktion. In archaischen Gesellschaftsformen wurde die Rache aber sehr wohl als Rechtsmittel angesehen. Der Kampf Revolutionäre gegen Staat, in den sich die Revolutionäre so gerne und oft hineinziehen lassen basiert auf diesem Konzept; eine Vergeltung folgt der Vergeltung, folgt der Vergeltung usf., bis das eigentliche revolutionäre Projekt sich nicht mehr nachvollziehen lässt. «Und wenn einem wahre Handlung verwehrt ist, bleibt einem als einzige Kompensation die Vorstellung von Rache. Genauer gesagt heißt das, Rache die keinem spezifischem Objekt anhängig ist, sondern imaginär und symbolisch bleiben kann. Demnach träumt der Mensch des Ressentiments unaufhörlich von einem Vergeltungsschlag in der Zukunft, und dass er es eines Tages «besser haben wird». (F. Nietzsche)

[4] Rodion Raskolnikow, Protagonist von Fjodor Dostoewskis Schuld und Sühne; Raskolnikows Wandlung beschreibt Dostoewskis Wandlung vom atheistisch/skeptischem Revolutionär zum Christen. Etwas das für diesen Diskurs hier von Bedeutung ist und darum wert ist, erwähnt zu werden.

Aus: CW – Nihilismus aus: Alles geht weiter Nr. 3