Partielle Kämpfe

Im Falle eines Hitzschlags, Sonnenstichs oder Hitzekrämpfen, senke die Körpertemperatur, indem du den Körper in Wasser eintauchst oder indem du ihn mit nassen Kleidungsstücken bedeckst. Löse zwei Salztabletten in einer Tasse Wasser und trinke das. Ruhe dich aus, bis alle Symptome vorüber sind.

Überlebenshandbuch

Das Nachlaufen nach sogenannten partiellen Kämpfen – Anti- Sexismus, Anti-Rassismus, Anti-Speziezismus, Anti-Homophobie, Anti- was-weiss-ich-was, bzw. »Tierrechte«, Tierbefreiung, Hausbesetzer- Freiraumkämpfe, Anti-Knast etc.- stellt eine besondere Art der Verzweiflung in Reaktion auf den über uns herrschenden Alltag dar. Derjenige, oder diejenige, die sich die Fähigkeit nicht erarbeitet hat, die Wirklichkeit als Ganzes wahrzunehmen, derjenige, der sich nicht als Individuum sieht, welches das volle Außmaß des Wahnsinns, in dem wir gezwungen werden unser Dasein dahinzufristen, sehen kann und daraus folgernd auch über Schritte (zumindest) nachdenken kann, die die Herrschaft, die Macht als solche angreifen, der wird sich in Verzweiflungshandlungen und Ideologien wiederfinden. Verzweiflungen [*1] und Ideologien, die von den Erzeugern dieser Ideologien unter Umständen gar nicht »boshaft« gemeint sind, sondern deren Ansicht nach Befreiungsbewegungen errichten sollen. Eine boshafte Intention (boshaft im Sinne von andere Menschen kontrollieren zu wollen) kann wohl nur in gewissen Fällen nachgewiesen werden. Wie ist das zu verstehen? Es ist nicht leicht, mit der Wirklichkeit Schritt zu halten, bezüglich unserer Analyse selbiger, und dann auch darin einen Weg zu finden, diese zu bekämpfen. Und es ist nicht schwierig diese Verzweiflung nachzuvollziehen. Als sozialer Revolutionär sollte es aber mein Ansatz sein, eine Verzweiflung, wenn diese auftritt, zu durchtauchen, mich aus dieser selbst hervorzuziehen, aber nicht von dieser zu Ideologien verleiten zu lassen. Partielle Kämpfe bieten sich dem Verzweifelten an. Sie sind ein dankbarer Ort für diesen Menschen. Dankbar und zum exakt selben Zeitpunkt zutiefst undankbar.

Ich erläutere: dankbar, weil sie eine temporäre Befriedigung geben, ein Gefühl der temporären Erlösung von der Verzweiflung, ein Gefühl etwas gewonnen zu haben. Dies nämlich im Bezug darauf, gewisse Aspekte, wir können diese Aspekte zu erringen auch einen Raffinierungsprozess der Warengesellschaft bezeichnen. Im wahrsten Sinne. Nehmen wir die ach so gerne diskutierten Errungenschaften aus dem partiellen Kampf um die Tiere (Tierbefreiung, Tierrechte) als Beispiel; was passiert dabei? Es werden Veränderungen in der Gesellschaft errungen. (Das gilt auch für die Tierbefreier und Leute der ALF – wenn diese auch in ein diskutables Feld – wo zerstörerisch – treten) Wenn wir diese Veränderungen genauer betrachten, haben diese Errungenschaften in den meisten Fällen etwas mit der Warengesellschaft zu tun. Raffinierungen der Warengesellschaft um genau zu sein, Anpassungen an die Bedürfnisse einiger ihrer Konsumenten. Nehmen wir die Kritik an der Warengesellschaft als etwas Beachtenswertes, aus der Sicht eines kämpfenden Anarchisten, und mein Anspruch als solcher muß es sein, mich der Macht vollständig entgegenzustellen, dann müssen wir zugeben, dass wir nichts »gewonnen« haben, wenn wir der Macht einen Teilaspekt unserer Anliegen entgegenbringen konnten (das für sich stellt schon einen Dialog dar). Das Konzept »gewinnen-verlieren« ist für sich schon das der Akzeptanz der »Niederlage«. Diese Idee des Gewinnens kommt ohnehin von Seiten der Macht. Wer sich dieser Logik unterwirft, unterwirft sich auch der Macht. Es geht einmal mehr um eine Spannung in der wir uns befinden.

Und undankbar deswegen, weil die Verzweiflung mit voller Wucht zurückkommt, sobald der Macht ein Stück, dass sie vorher nicht herzugeben bereit war, »abgerungen wurde« – Beispiele: Veganes Essen in den Supermärkten, Linux-basierende Computersysteme, sexismus- neutrale Arbeitsstellen oder Werbungen, umweltschützende technologische Neuerungen; wir können in dieser kleinen Liste ein Muster erkennen: sie alle enthalten so etwas wie »Stützpfeiler« der unterdrückenden Gesellschaft und fast so etwas wie ein Adjektiv davor; Fleisch in Supermärkten – schlecht; Veganes Essen in Supermärkten – gut, usw. Alles was die partiellen Kämpfe tun, ist, die Unterdrückungsmechanismen, die sie ausmachen, zu raffinieren, also sie undurchschaubarer zu machen, aber auf keinster Weise, diese zu zerstören (was hier der gewünschte und akzeptable Diskussionsansatz ist). Und zur selben Zeit knallt es uns die Dialektik mit voller Wucht ins Gesicht. Die partiellen Kämpfer liefern einen wichtigen Bestandteil zur Synthese für die Anpassung des Warensystems an die Bedürfnisse seiner Konsumenten und seiner Zöglinge (die partiellen Kämpfer stellen natürlich auch solche dar). Und diese Rolle erfüllen die partiellen Kämpfer perfekt. Sie sind die Reibung, die das Warensystem notwendig hat, um interessante »Neuerungen« zu erschaffen. Sie fügen sich in die lange Liste der offiziellen Bedürfnisentwickler für das Warensystem. Nur dass diese ihren Beitrag »freiwillig« leisten. Das gilt übrigens auch für die Hausbesetzer und die Kämpfer für Freiräume. Und weil sie über ihr Elend nicht Bescheid wissen, glauben sie sich in einer Art Kampf zu befinden. Und die Hersteller der Waren [*2] geben auch klein bei, im Laufe dieser Kämpfe. Was die Militanten, dann dazu zwingt, in ihrer Logik haften zu bleiben und zum nächsten Schritt, zum nächsten erreichbaren Ziel überzugehen. Die Erreichbarkeit ist aber gerade der springende Punkt. Die Notwendigkeit, eine Perspektive zu sehen, zwingt diese Leute in die Logik der Erreichbarkeit. Was sie zu Teilnehmern am Raffineriebetrieb macht. Und es ist der Ausbruch aus dieser Logik, der den einzigen Ansatz liefert für den perspektivenlosen Kampf, die scheinbare Unerreichbarkeit des Unmöglichen, die den Schlüssel für unsere Gefährlichkeit darstellt.

Nun zurück zum ursprünglichen Thema. Die Verzweiflung, die die Kämpfer der partiellen Kämpfe verspüren (und das sind sie ja oftmals wirklich, das macht die Situation um so tragischer, weil sie viele Stunden und Energie in diese Kämpfe stecken, manchmal Jahre). Es ist eine Verzweiflung, die jeder verspürt, der sich konkrete Gedanken zum Thema Freiheit macht. Aber wie schon in anderen Worten gesagt, ist es ein Ablenkungsmanöver der Macht, uns in diese Kämpfe zu verwickeln, sodass in der Zwischenzeit der Teufel sich sein neues Arbeitszimmer aussuchen kann. Denn es sind natürlich die radikalen Elemente einer Gesellschaft, die auf diesen Trick hereinfallen. Denn niemand sonst kümmert sich um diese Themen konkret.

Wie entkommen wir nun dieser Logik? Über den Willen. Den Willen, angetrieben von der eigenen Würde, sich nicht austricksen zu lassen. Dem Teufel stracks in sein neues Arbeitszimmer zu folgen und ihm den Hintern heiß zu machen, sodaß er gar nicht erst auf taktische neue Überlegungen kommt [*3]. Dazu wird es notwendig sein, Konflikte eingehen zu wollen. Konflikte im Kreise der radikalen Elemente der Gesellschaft. Der »Brutalität« der Sozialer-Krieg-Methodologie, die eine Diskussion unter uns Kameraden miteinschliesst, ins Auge zu sehen (manche Diskussionen können nicht nett geführt werden). Um zu sehen, mit wem wir überhaupt Affinität teilen und mit wem nicht. Wer die neuen Chefideologen sein wollen und wer nur aus ihrer eigenen Unklarheit über die Spielchen dieser vermeintlichen Kameraden, an deren Kämpfen teilnimmt. Und wer seine eigene Mitläufermentalität abschütteln und zu einem Individuum werden will, welches mit der gesamten Bandbreite der grauenhaften Realität, in der wir leben fertigwerden kann. Zumindest mal inhaltlich, und sich so mental auf die kommenden Kämpfe vorbereiten kann. Die Schwierigkeiten, die sich ergeben, entweder durch die konkreten Angriffe der Repression, die ohnehin kommen, bzw. die Angriffe, die als Konterschläge kommen, weil wir, oder einige von uns sich entschieden, anzugreifen. Initiative im Sabotieren der staatlichen techno-kapitalistischen Diktatursmaschine zu ergreifen. Den Bürgerkrieg zum Sozialen Krieg zu machen.

Die Verzweiflung ist also ein verständliches Element. Bis zu einem gewissen Punkt ist diese eben ein Werkzeug der Macht. Aber eigentlich nur scheinbar. Weil die Verzweiflung in vielen Fällen in unseren Händen liegt. Das klingt nun etwas metaphysisch und könnte so gemeint sein. Wäre das so, würde mich das aber zu einem Teilaspekt der Repression machen. Der, der aussagen will, dass es an unserem Inneren liegt, zu entscheiden, wie wir uns fühlen. Also eine Art von Buddhismus vorschlagen. Ich erwähne das, um diesen Zweifel gleich mal auszuräumen. Nein, die Verzweiflung kann ich als Symptom der gesellschaftlichen Verhältnisse wahrnehmen. Ein psychologisches Symptom, mit dem ich lernen muß, zu arbeiten, um eben nicht hinters Licht geführt zu werden. Sie wird dann zu einer Art Indikator: ein Indikator, dass etwas hinterm Berg ist, das ich nicht verstehe, auf das ich keine passende Antwort habe, inhaltlich und praktisch. Und ich werde hinterfragen müssen, ob es eine Verzweiflung ist, die mich zur Anwendung einer partiellen Taktik bringt. Und mir über den Unsinn, den ich fabriziere klar werden. Und herauszufinden, wo denn nun das neue Arbeitszimmer der Macht ist, in das ich mich begeben muss, um ihr gegenüber mein Lächeln des Hohns bewahren zu können.

Nachsatz zur Anti-Sexismus-Diskussion

Sehen wir uns die Logik von partiellen Kämpfe anhand des Beispiels Feminismus an. Chauvinistisches Verhalten ist ein Unterdrückungsmechanismus. Es kommt schnell zu einem singulären Kampf dagegen. Was ich nicht verstehe, ist die Schlussfolgerung, wenn die Trägerinnen und Träger des anti-sexistischen Kampfes behaupten, dass wir erst einen Schritt weiter gehen können, erst wenn der anti-sexistische Aspekt in der Gesellschaft homogenisiert wurde, um dem nächsten Problem ins Auge zu blicken. Diese Logik ist mir zu simplistisch. Die Spezialistinnen und Spezialisten aus der feministischen Bewegung setzen sich in die Position zu entscheiden, was nun richtig und korrekt ist und was nicht Und wie man sich also zu verhalten hat, welche Worte man gebrauchen darf, etcetera. Und die vermeintlich ‚gut gemeinte‘ Definitionsmacht hat sich als eigene Autorität entpuppt, die ihre eigenen Machtdimensionen angenommen hat. Wir können sie getrost als Definitionsmacht-Diktat bezeichnen [*4]. Die Metapher vom am Ast zu sägen auf dem ich sitze fällt mir dabei ein. Es ist der schiere Versuch, alles zu homogenisieren, ein Kontrollorgan zu erschaffen, das entscheidet, ab wann der Kampf zur Zerstörung der Ausbeutung auch andere Aspekte enthalten darf. Sehen wir uns des Interesse halbers diese Logik genauer an. Das Fundament, die Grundpfeiler sozusagen, sind: Antisexismus, Antirassismus, Anti-Homophobie, Tierrechte. Wenn diese Themen erkämpft sind, folgt die nächste Ebene; wie könnte diese aussehen? Dass ich hier nun etwas planlos dastehe, liegt entweder daran, dass ich mich aus einer Angewidertheit heraus, nicht tief genug in das Thema eingearbeitet habe, das lasse ich mit mir diskutieren, oder es liegt daran, dass es dabei, zumindest hypothetisch, keinen weiteren Schritt gibt. Dabei frage ich mich, was bei diesen Partialexpertentreffen für Ideen vorliegen?! Nehmen wir an, alle Menschen halten sich an die Richtlinien, die von diesen Gruppen kommen. Wie sieht unsere Gesellschaft dann aus? Bedeutet das dann, sich in der sozialen Revolution zu befinden? Oder, dass die Gesellschaft dann einfach nur politisch-korrekt ist? Und damit eigentlich besser kontrollierbar, weil das garantiert, dass es keine Wilden mehr gibt. Ich habe nicht den Eindruck, dass eine Arbeit die sich in solchen Schritten vollzieht, hilft, aus der besagten Verzweiflung zu kommen. Ich denke, dass das Einzige was ich damit erreiche, ist, dass die Verzweiflung sich in den Hintergrund schiebt. Sie muß aber wieder zum Vorschein kommen, sobald sich die Macht an einem anderen Ort konsolidiert hat, der den Leuten von den Partialkämpfen unbekannt war, weil sie so sehr damit beschäftigt waren, Pelze aus den Regalen zu bringen, oder die Werbefirmen dazu gebracht haben, nicht mehr halb-nackte Frauenkörper in Bezug auf Auto- Werbungen zu verwenden, bzw. die Sprache homogenisiert, Gefluche sexismusfrei zu gestalten, also erfolgreich ein ständiges politisches Kontrollorgan in jedem Einzelnen installiert haben, eine Art neuer Bulle im Kopf, der aber dann die Form des linksradikalen erhobenen Zeigefingers annimmt.

Es gibt noch andere Formen der Motivation sich in partielle Kämpfe zu stürzen. Bei näherem Betrachten mag sich eine persönliche Verzweiflung ohnehin herausstellen, aber die tritt oft gepaart mit einer Ignoranz auf. Einer schützenden Ignoranz, die kritische Stimmen übertönen will, um diese Worte nicht für sich und andere hörbar zu machen. Dies ist auch eine verteidigende Haltung. Eine verteidigende Haltung gegenüber der eigenen Beschäftigtheit bzw. Aktivität, um nicht mit dem Nichts, dass die Gesellschaft einkleidet, konfrontiert zu werden. Ich sage hier nicht, dass diese Konfrontation mit dem Nichts etwas angenehmes ist. Aber wenn es darum geht Ansätze zu entwickeln, die der Macht auch wirklich Schaden zufügen sollen, dann ist diese Selbstkonfrontation mit diesem Nichts eine Grundvoraussetzung (bewusst oder unbewusst ist unwichtig, die Macht hat die Tendenz, den Kampf für die Freiheit in versteckte Winkel zu drängen und sie mit für sie nicht so gefährlichen Kämpfen zu ersetzen und damit die Protagonisten der Kämpfe zu entschärfen und ihnen ein Ventil zum Ablassen von Energie anzubieten).

Anmerkungen

[1] Die partiellen Kämpfe können natürlich auch andere Ursachen haben. Ich gehe hier von dem etwas naiven Ansatz aus, dass die Intention hinter diesen Kämpfen eine Idee der Freiheit ist, die sich an eine vollkommene Befreiung jedes Individuums anlehnt. Und gleichzeitig einer Anti-Autoritären Grundtendenz, sowie anti- Staatlichkeit und einem Vorgehen gegen die Technologie. Also einer Definition der Freiheit, wie sie tendenziell vermehrt in anarchistischen Diskussionen gefunden werden kann. Die Realität der partiellen Kämpfe zeigt ein völlig anderes Bild. Aber ich will für diese Diskussion dennoch diesen Ansatz durchführen, den naiven Ansatz, dass die Träger dieser Kämpfe eine Essenz der Freiheit im Sinne haben, wenn sie sich »Stück für Stück« durch die Gesellschaft kämpfen wollen. Es sollte nicht schwierig sein, anhand dieser Diskussion, diejenigen, die diese Essenz nicht im Sinne haben, zuerst vorzuführen und sich damit die Energie zu sparen, in einen Dialog mit ihnen zu treten.

[2] einige Ausnahmen ausgenommen, generell sind Menschen unserer Epoche träge, das gilt somit auch für die Unternehmer, die sich auch nicht so schnell an die Veränderungen der Warenwelt anpassen können, bzw. einfach von dieser überrollt werden. Auch sie leisten wichtige Beiträge für die Scheinbarkeit dieser Kämpfe, auch sie erfüllen ihre Seite der Rollenverteilung. Damit die partiellen Kämpfer sich auch wirklich als Kämpfer fühlen und damit niemals ein Verständnis über das volle Ausmaß dieser Welt entwickeln und damit an Orte gehen, an der sich die Macht nicht schützen kann. Die Macht muß ständig neue spektakuläre Rauchwolken entwickeln um dort die Militanten zu versammeln, weil es viel zu viele Orte gibt an denen sie sich nicht schützen kann. Sie muß das tun, weil sie dort dann auch ihre Polizei konzentrieren kann. Die Macht weiss, dass sie zwar die Polizei generell zur Verfügung hat, sie weiss aber auch über das gewaltige Limit, das über ihr, als Damoklesschwert hängt. Über den autokratischen Terror vergangener Tage allein kann sich die Macht nicht konsolidieren, es erfordert billige Zaubertricks. Und die Militanten fallen auf diese herein.

[3] gewisse Momente im (angreifenden) anarchistischen Kampf, geschichtlich gesehen, kommen zu dieser Dynamik. Bzw. Diskussionen, die sich auf den wilden Charakter des Menschen beziehen, auf seine Unkontrollierbarkeit. Luddisten etwa. Gewisse Abschnitte in der aufständischen Diskussion und dem aufständischen Kampf. Die Strukturen in denen sich Zigeuner/Roma&Sinti/Jenische aufhalten, die generell Fahrenden Gemeinschaften wären weitere Beispiele für Gruppen, die sich im Alltag spontan gegen die Macht organisieren können. Es ist kein Zufall, dass seit Jahrhunderten versucht wird, Landstreichern den gar aus zu machen. Die Macht hat es nicht so mit den nomadischen Gruppen in dieser Welt. Gewisse revolutionäre und revoltierende Gruppen haben sich die Unkontrollierbarkeit, die Unvereinnahmbarkeit, und die Bewegungsfähigkeit zu eigen gemacht und damit Charakteristiken vereinigt, die der Macht Schwierigkeiten bereiten, einerseits von diesen Menschen zu wissen und wenn sie von ihnen weiss, Schwierigkeiten zu haben an sie heranzukommen.

[4] Die Definitionsmacht stellt ein Diktat dar. Sie ist ein Befehl. Sie darf nicht in Frage gestellt werden und alleine wegen dieser Tatsache, hat sie sich als ernstzunehmendes in einer Diskussion, die von Anti-Autoritären geführt wird, ad absurdum geführt. Dass sie dennoch im Raume (oder in den Freiräumen um genau zu sein) steht, und eben nicht des Raumes verwiesen wird, sagt nichts Positives über sie selbst aus, sondern nur etwas über die »Anti-Autoritären«, die es aufgrund ihrer konfliktiven Schwäche nicht zustande bringen, das Diktat der Definitionsmacht zu zerstören. Und diejenigen, die die Definitionsmacht den sozialen Beziehungen aufzwingen, die Menschen hinter dem Diktat, können sich wohl kaum als Anti-Autoritäre bezeichnen, noch viel weniger als Anarchisten oder Anarchistinnen. Und ich unterstelle hier, dass die Probleme, die versucht werden über die Definitionsmacht zu lösen, unangetastet bleiben. Es ist der schiere Schein, der sich wahrt.

Weiters weist die Definitonsmacht auf den zumeist festiven Charakter der Projekte hin, in denen sie sich breitmacht. Die Konstanz im Sozialisieren über subkulturelle Parties und Feste ist vermutlich auch in direkter Relation mit dem Auftreten von sexistischen Übergriffen. Also eine Leere, die diese Handlungen natürlich nicht rechtfertigt, dafür aber ein Katalysator dafür zu sein scheint, ein Symptom dafür, was sich in der Mitte dieser ‚Gemeinschaft‘ abspielt. Die linksradikale oder ‚anarchistische‘ Partygesellschaft, die sich über dieses Partyverhalten definiert, was sich als weiterer Aspekt der Verzweiflung auf den Punkt bringen läßt. Das ständige sich Umgeben mit mehr oder weniger zufälligen Leuten hat diesen Charakter. Leute mit denen ich keine Affinität teile, sondern Identitäten, die sich da scheinbar gegen die Einsamkeit richten. Es ist fast so wie, als würde die Zueinandergehörigkeit über den gemeinsamen Feind festgemacht, im Gegensatz zu, über das eigentliche sich- Erkennen im Gegenüber. Etwas Ähnliches kann über die Feier-Zusammengehörigkeit gesagt werden. Es ist das sich gemeinsam in einem Raum mit Leuten zu befinden, mit denen diese Menschen in Bezug auf Affinität nichts gemein haben, aber sich dieser Wirklichkeit dennoch aussetzen, was in bestimmten Konstellationen eine gewisse Widerwärtigkeit in mir hervorruft. Wie eine Art Masochismus, der seinen orgiastischen Höhepunkt darin findet, wieder bewiesen zu haben, dass es wie immer die Männer sind, die die zu lebende Utopie unmöglich machen. Was diejeingen die das so ausdrücken, gleich wieder in ein Opferverhalten drängt, das sie selbst mit verursacht haben. Was an dieser Dynamik nicht verzweifelt sein soll, und eigentlich Ideenlos, wüßte ich nicht zu sagen.

In all dieser Diskussion geht es um Beziehungen, sowie um das Streben nach einer generalisierten Verantwortlichkeit. Einer Verantwortlichkeit, die sowohl im gemeinsamen und individuellen Angriff präsent ist, aber natürlich auch in den Beziehungen, die wir tagtäglich leben. Die Beziehungen mit meinen Kameraden und Kameradinnen sind kostbar. Dabei steht eine Menge auf dem Spiel. Von beiden Seiten. Von der Seite meines Freundes oder Freundin und von meiner Seite. All die Übergriffe, die stattfinden (und in welchen Fällen das ein vermeintlicher Übergriff ist, will ich erst gar nicht diskutieren, das erscheint in der Schlussfolgerung dieses Absatzes auch irrelevant), zeigen dass eine gewisse Idee, die die Basis dieser revolutionären Beziehung darstellt nicht vorhanden ist und meines Erachtens ist es sinnvoller anzufangen, diese Idee auszuarbeiten, als in allen ‚Gemeinschaftsräumen‘ und Toiletten Listen von Verhaltensregeln aufzuhängen, die dann in allen einen Kontrollmechanismus installieren und damit von vorneherein jedweden gemeinsamen, revolutionären Prozess verunmöglichen.

Aus: Alles geht weiter Nr. 1, S. 15-18.