Nachdem wir den theoretischen Korpus von Edelmans Arbeit erschöpfend analysiert haben, ist es unsere Aufgabe zu trennen, was für unser Projekt hilfreich ist und was hoffnungslos im Abgrund des Akademischen verloren ist. Während das immense Gewicht von Edelmans kultureller Kritik und der ausschließlich abstrakten Beschäftigung mit Lacan sicherlich verworfen werden kann, ist es das aufständische Potenzial seines Denkens, das wir aus seinen Büchern abspalten und als Werkzeug für eine anti-politische Praxis nutzen wollen. Um das zu tun müssen wir zunächst den anzestralen queeren Revolutionär, dem er hoffnungslos verschuldet ist, erkunden. Also wenden wir uns nun der Arbeit von Guy Hocquenghem zu.
Hocquenghem war nicht nur ein Autor und queerer Theoretiker, sondern auch ein queerer Revolutionär, der an der Revolte vom Mai ‘68 teilnahm und von den radikalen Ideen Deleuzes und Guattaris zu Sehnsucht verführt wurde. Nachdem er wegen seiner Homosexualität aus der Kommunistischen Partei geworfen worden war, trat er dem FHAR (Front Homosexuel d’ Action Revolutionnaire) bei und wurde der erste Schwule, der Mitglied dieser Gruppe lesbischer separatistischer Militanter war. Schließlich eignete er sich eine Kritik an der militanten Linken an und entwickelte eine Queertheorie, die zu nichts Geringerem aufrief als zur Zerstörung des Kapitalismus, der Familie, des Staates und schließlich der Zivilisation. Die große Mehrheit seiner Arbeit bleibt unübersetzt ins Englische und die anglophone Queertheorie erscheint ob dieses Mangels umso dürftiger. Das Wunder seiner Arbeit jedoch erleuchtete Edelman nicht, der Hocquenghem in No Future nur spärlich zitiert. Obwohl Edelman Guy nur eine handvoll hübscher Phrasen zuschreibt, behaupten wir, dass Lees Projekt queerer Negativität der Arbeit von ersterem zutiefst verschuldet ist. Queerness als Negation, die Zurückweisung verdinglichter queerer Identität, Widerstand gegen die Aufeinanderfolge von Generationen, die Kritik der Familie als Grundbaustein der sozialen Ordnung, die Kritik an Politik, Konzeptionen eines destruktiven Vergnügens: All das kann in Hocquenghems Theorie gefunden werden und sogar ohne durch Schichten akademischen Blödsinns und schlechter Wortspiele verwässert zu sein. Wir empfinden es als schreckliche Tragödie, dass Guy an AIDS starb, bevor er einen reicheren Kanon queerer Theorie schaffen konnte, und in seinem Andenken tragen wir seine Flamme weiter.
Kapitalismus, die Familie und der Anus
»Kapitalismus, die Familie und der Anus« ist das erste Kapitel von Homosexuelles Verlangen, der größten Sammlung von Hocquenghems Arbeiten, die ins Englische übersetzt wurden. Darin skizziert er eine Theorie der Grundbausteine des Kapitalismus als Vorwort zu seiner Theorie einer Queerness, die diese Strukturen vernichten könnte. Hocquenghems Theorie des Kapitalismus basiert größtenteils auf der Arbeit seiner Zeitgenossen, Gilles Deleuze und Felix Guattari, in dem Folianten Anti-Ödipus. Indem er auf ihrer Arbeit aufbaut, argumentiert er, dass die gesamte kapitalistische Gesellschaft durch die spezifische Beziehung der Familie reproduziert wird – auch ödipale Beziehung genannt. Dieses Konzept nutzt er, um zu beschreiben, wie das Kapital auf die grundlegende Zersetzung, die mit seiner Herrschaft einhergeht, reagieren muss. Während der Akkumulationsprozess Körper und Leben aus den Kontexten reißt, die ihnen Gehalt verleihen und es ihnen ermöglichen, sich selbst zu erhalten, dient die ödipale Beziehung der Familie dazu das Chaos dieser Zunichtemachung einzufangen und das menschliche Leben in das Schema der Reproduktion einzugliedern:
Die Familie wird dazu als eine künstliche, re-territorialisierte Einheit geschaffen, in die soziale Kontrolle verlagert wird und in der Formen sozialer Organisation reproduziert werden können. Der Vater wird zu einem familiären Despoten und die Mutter beispielsweise zu einem Bild der Erde und des Landes. Demnach ist das privatisierte Individuum, das von der Psychoanalyse innerhalb der ödipalen Familieneinheit studiert wird, ein künstliches Konstrukt, dessen soziale Funktion darin besteht, die Störungen, die das soziale Leben im Kapitalismus heimsuchen, einzufangen und zu kontrollieren.
Wir haben bereits ausführlich die symbolische Ordnung untersucht, die die Familie verteidigen soll, aber es lohnt sich, herauszuarbeiten, dass die Familie eine kapitalistische Form ist, die als Grundbaustein der sozialen Ordnung funktionieren soll. Disziplin, Arbeitsethos, Pflichtbewusstsein, Recht, Moral, der Geschlechterunterschied, Sexualität und natürlich Futurorität werden alle durch die Machenschaften der familiären Matrix in die Körper der Kinder eingeschrieben. In dem folgenden Auszug von Hocquenghem kann man den Keim von Edelmans gesamtem Argument hinsichtlich der wesentlichen Verbindung zwischen der Familie und dem reproduktiven Futurismus erkennen:
Indem es selbst zum Vater wird, gibt das ehemalige Kind den Ödipuskomplex an seine eigenen Nachfahren weiter, wie eine Fackel der Zivilisation und nimmt seinen Platz in der großen Abstammungslinie der Menschheit ein. Das unbestreitbare Bedürfnis des Ödipuskomplexes reproduziert – und nicht produziert – zu werden erklärt, warum die Kindheitskonflikte mit der Vaterfigur schließlich dadurch gelöst werden, dass der Sohn in die Fußstapfen seines Vaters tritt und eine neue Familie gründet: Tatsächlich basiert der gesamte Fortschritt der Gesellschaft auf dem Widerspruch aufeinanderfolgender Generationen.
Wir folgen Hocquenghem in seiner Versicherung, dass die Zivilisation und die Klassengesellschaft, die Teil von ihr ist, vollständig auf der erfolgreichen Reproduktion der familiären Einheit zum Zwecke der Befruchtung zukünftiger Generationen mit ihren Werten basiert. Die soziale Ordnung wird im Körper jedes Kindes wiedergeboren, indem sie in einer endlosen Vorwärtsbewegung von den Eltern an ihre Nachkommen weitergegeben wird. Hier können wir auch die nicht zitierte Quelle von Edelmans Argumenten hinsichtlich der Darstellung von Homosexualität, die diese familiäre Fantasie terrorisiert, finden:
Eine homosexuelle Neurose ist die Gegenreaktion auf die Bedrohung, die homosexuelles Verlangen für die ödipale Reproduktion darstellt. Homosexuelles Verlangen ist der … Schrecken für die Familie, weil es sich selbst produziert, ohne sich zu reproduzieren. Jede*r Homosexuelle muss sich dementsprechend selbst als das Ende der Spezies betrachten, als das Ende eines Prozesses, für den er nicht verantwortlich ist und der bei ihm selbst aufhören muss … Der Homosexuelle kann nur ein Degenerierter sein, weil er selbst nicht erschafft – er ist nur das kunstvolle Ende einer Spezies … Homosexualität wird als eine regressive Neurose betrachtet, absolut auf die Vergangenheit fixiert; Dem Homosexuellen ist es unmöglich, seiner Zukunft als Erwachsener und Vater entgegenzusehen, wie sie für jedes männliche Individuum vorgesehen ist.
Dieser Schrecken ist die Grundlage für das, was Edelman als die Fantasie beschreibt, auf der anti-queere Paranoia basiert; Diesen Komplex aus Schrecken und Verlangen, der so eng mit queerer Sexualität verbunden ist, dass Körper Wege des Geschlechtsverkehrs finden mögen, die keine Kinder produzieren und nichts mit der Reproduktion der sozialen Ordnung durch ihre kleinen Körper zu tun haben. Für Hocquenghem ist Homosexualität keine einheitliche Identität oder Community, sondern eine soziale Kategorie, die dazu dient, alle vielgestaltigen und queeren Verlangen einzufangen, die nicht in die soziale Form der Familie hineinpassen. Queerness verkörpert die allumfassende Fantasie all der unsagbaren Albträume, die die kapitalistische soziale Ordnung heimsuchen.
Hocquenghem beschreibt einen zunehmenden Imperialismus der Gesellschaft, der dazu dient, allem einen sozialen Status und eine Definition zu verleihen, selbst dem, das nicht klassifiziert werden kann. Und so werden die destruktiven und polymorphen Verlangen, die im Kern sozialer Beziehungen verborgen sind, in einer bestimmten Identität eingefangen, anstatt eine Möglichkeit zu sein, die jeden Körper verführen oder verzaubern könnte:
Kapitalismus erzeugt in seiner notwendigen Anwendung der Ödipalisierung Homosexuelle ebenso, wie er Prolatarier*innen produziert, und was erzeugt wird, ist eine psychologische, repressive Kategorie … Sie tragen zu einer perversen Re-Territorialisierung bei, einem gewaltigen Unterfangen um die soziale Kontrolle in einer Welt wiederzuerlangen, die zu Chaos und Dechiffrierung neigt.
Dieses Chaos, von dem man sagt, dass es von der Homosexualität versinnbildlicht wird, geht tiefer, als das, welches die ödipale Reproduktion plagt. Jenseits der Familie als kapitalistische Einheit beschreibt Hocquenghem auch die spezifische Art und Weise, auf die das Individuum als Subjekt des Kapitals und der Familie konstruiert wird. Für Hocquenghem ist das Individuum an sich in dem gefangen, was er die Privatisierung des Anus nennt. Er beschreibt den Anus als den geheimen, den schambehafteten, den demütigen Teil jedes Körpers, um den sich die individualisierte Subjektivität bilden muss. Er markiert die eigentliche körperliche Grenze, die die menschlichen Individuen von einander trennt.
Freud betrachtet die anale Phase als die Phase der Persönlichkeitsbildung. Der Anus besitzt keinerlei sozial erwünschte Funktion mehr, da all seine Funktionen exkrementell geworden sind: das bedeutet hauptsächlich privat. Der große Akt der kapitalistischen Entschlüsselung wird von der Konstitution des Individuums begleitet: Geld, das um zu zirkulieren, privat besessen werden muss, ist tatsächlich mit dem Anus verbunden, insofern, als dass der Anus der privateste Teil des Individuums ist. Die Konstitution der privaten, individuellen, ordnungsgemäßen Person geschieht durch den Anus; die Konstitution der öffentlichen Person geschieht durch den Phallus …
Jeder Mann besitzt einen Anus, der wahrhaft der seine ist, in den geheimsten Tiefen seiner eigenen Person. Dieser Anus existiert in einer sozialen Hinsicht nicht, da er genau das Individuum bildet und daher die Trennung zwischen der Gesellschaft und dem Individuum ermöglicht. Den Anus kollektiv und libidinuös neu zu besetzen würde eine entsprechende Schwächung des großen phallischen Signifikanten beinhalten, der uns beständig beherrscht, sowohl in den Hierarchien der Familie im Kleinen, als auch den großen sozialen Hierarchien. Die am wenigsten akzeptable Handlung des Verlangens (eben weil es die desublimierendste ist) ist diejenige, die sich auf den Anus richtet.
Für Guy ist die psychische Bedeutung des Anus in der Konstruktion des Selbsts eben der Grund, aus dem homosexuelles Verlangen die Zerstörung von Futurorität in der Familie mit der Selbst-Zerschmetterung, die im Vergnügen enthalten ist, verbindet. In den Arsch gefickt zu werden bedeutet die körperliche Integrität, durch die das Individuum und seine Gefilde des Privaten konstruiert werden, zu zerstören. Hocquenghem argumentiert für die Entprivatisierung des Anus und der Bildung dessen, was er »anale Gruppierungen« nennt – Formen sexueller Kollektivität, die die Familie zerstören und die keinen Zweck hinsichtlich der Zukunft der sozialen Ordnung erfüllen. Durch die Gruppierung von analem Verlangen sind queere Formationen in der Lage all die psychischen Fantasien zu sabotieren, die das Herz der zivilisierten Ordnung ausmachen.
Aus Jeffrey Weeks Vorwort zu Homosexuelles Verlangen:
Er argumentiert, dass seitdem der Anus von der kapitalistischen/phallischen Herrschaft privatisiert wurde, wir ihn gruppieren müssen, was letztlich bedeutet, die individualisierte Vorstellung von Homosexualität als ein Problem zurückzuweisen. Praktizierende Homosexuelle sind diejenigen, deren Sublimierung gescheitert ist und die daher ihre Beziehungen auf andere Arten begreifen können und müssen. Wenn also Homosexuelle als eine Gruppe öffentlich ihre Etiketten verweigern, so verweigern sie tatsächlich Ödipus, verweigern die künstliche Gefangenschaft des Verlangens, verweigern phallozentrische Sexualität …
Er argumentiert, dass wenn der Anus seine begehrenswerten Funktionen wiederherstellt, wenn Gesetze und Regeln verschwinden, Gruppenvergnügungen ohne die geheiligte Unterscheidung zwischen öffentlich und privat, sozial und individuell erscheinen werden. Und Hocquenghem sieht Zeichen dieses sexuellen Kommunismus in Institutionen der schwulen Subkultur, wo Streuung oder Promiskuität, die polymorphe Sexualität in ihrer Anwendung repräsentieren, vorherrschen …
In seiner eigenen Sublimierung zu scheitern bedeutet eigentlich bloß soziale Beziehungen auf eine andere Art und Weise zu betrachten. Wenn der Anus seine begehrenswerten Eigenschaften wiederherstellt und das Hineinstecken von Organen stattfindet, ohne einer Regel oder einer Gesetzmäßigkeit unterworfen zu sein, dann kann die Gruppe vielleicht Lust in einer unvermittelten Beziehung finden, in der die unantastbaren Unterschiede zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten, dem Individuum und dem Sozialen fehl am Platz sind. Wir können Spuren dieses Zustands ursprünglichen sexuellen Kommunismusses in einigen Institutionen des homosexuellen Ghettos finden, trotz all der Repression und schuldbewussten Sanierungen, denen diese unterzogen werden: In Dampfbädern beispielsweise, in denen homosexuelle Sehnsüchte anonym eingesackt werden, trotz der allgegenwärtigen Angst, dass die Polizei anwesend sein könnte.
Die Parasiten der Gesellschaft
Wir wenden uns kurz einem anderen von Hocquenghems Texten zu: The Screwball Asses [1]. Darin nivelliert er eine Kritik der (kommunistischen und homosexuellen) Linken, die noch immer auf die verschiedenen linken und revolutionären politischen Formationen anwendbar ist, die wir [heute] noch immer beobachten.
Seine einfache und doch entscheidende Behauptung ist, dass »die Forderung nach Anerkennung von Homosexualität wie sie ist, schlicht reformistisch ist.« Diese eine Zeile rückt unsere gesamte Zurückweisung von Identitätspolitik und ihres Anliegens nach Intelligibilität, mit dem sie sich ausschließlich beschäftigt, in den Vordergrund.
Er fährt fort:
Wie die Frauenbefreiungsbewegung, die sie inspirierte, entwickelte sich die revolutionäre homosexuelle Plattform aus dem Linksradikalismus und traumatisierte ihn bis zu dem Punkt, an dem er zu ihrem Zusammenbruch beitrug. Aber während sie den Linksradikalismus durch die Enthüllung seiner phallozentrischen Morphologie und seinem Tadel an marginalisierten Sexualitäten (und der Sexualität im Allgemeinen) zerklüfteten, fuhren und fahren diese autonomen Bewegungen trotz ihrer Ablehnung von Hierarchien damit fort, die anerzogenen Reflexe des politischen Sektors, der sie erzeugte, zu wiederholen: Wortgefechte, das Ersetzen des Verlangens durch die Mythologie des Kampfes.
Politik, selbst eine queere Politik, muss immer auf dem Opfer des Verlangens im Dienste und in Vertretung dieses oder jenes Kampfes basieren. Für Hocquenghem sind aktivistische Strukturen und militante Organisationen ebenso Teil der selbsterschaffenen Gefängnisse, gegen die er argumentiert. Er fährt fort zu schreiben: »Wir mögen gehofft haben, dass Homosexualität den klassischen Aktivismus vom nicht-Verlangen fortreißen könne und eine wahre Feier unserer konspirierenden Sehnsüchte erschaffen könne, aber das geschah ohne das schlechte Selbstbewusstsein von Homosexuellen in Betracht zu ziehen. Wir müssen zugeben, dass der Flächenbrand nur von kurzer Dauer war.«
Wir täten Unrecht, diese Formulierung ausschließlich auf die Aktivitäten der Mainstream-LGBT-Aktivist*innengruppen anzuwenden. Die grundsätzliche Beschränkung des politischen Aktivismus ist selbst auf die radikalsten queeren oder militanten anarchistischen Individuuen anwendbar. Militanz und Aktivismus können immer nur einen Flächenbrand von kurzer Dauer garantieren, der niemals die Flammen eines unverständlichen Antriebs der Queerness und Anarchie nähren können wird. Guy schreibt von Militanten, die »das Ereignis in eine Rolle einfrieren«, und »die Militanten der schwulen Bewegung haben ebensosehr eine natürliche Tendenz dazu, Spezialist*innen der Homosexualität zu werden, wie Psychiater*innen und Sozialarbeiter*innen.«
Guy fährt fort:
Das Linkstum durchläuft alles, was es berührt und trocknet es aus. Was auch immer vom Linkstum kommt, wird von Terror und Parteigeist durchdrungen sein. Aus Angst davor nicht der unausgesprochenen Schrift oder Gegenschrift, die uns vereinen soll, zu folgen, fühlen wir uns in dieser Umgebung immer, als wären wir die Student*innen oder Professor*innen derer, die vor uns gesprochen haben, selbst wenn das gegen unsere Absichten ist. Wir könnten sogar sagen, dass das Verlangen alle Beziehungen der Macht zu dekonstruieren, das ununterbrochene Ausschauhalten nach Machtbeziehungen eine zusätzliche, halluzinatorische Machtbeziehung schafft. Natürlich hat es innerhalb der FHAR Versuche gegeben und es gibt sie noch, die diesen gesamten Mechanismus der Verfolgten und Verfolger zurückweisen, aber die Krise wurde nicht gelöst. Heute liegt der kollektive Körper revolutionärer Queers entleert, leblos und nutzlos da; und das passierte der FHAR schneller als jeder anderen linken Gruppe.
Während er seine Kritik durch seine eigene Erfahrung in der FHAR verortet, können wir alle gewiss unser eigenes fehlgeleitetes Hineinstecken unserer Energie in ähnliche revolutionäre Gruppierungen verorten, sowie die Art, auf die Burnout ein solches Engagement unvermeidbar begleitet. Wenn wir beständig dem Gefühl einer Leere, Leblosigkeit und Nutzlosigkeit widerstehen, sollten wir unsere Aufmerksamkeit besonders auf die Aktivitätsbereiche, in denen wir uns engagieren, richten und versuchen zu bestimmen, welche vampirhaften Formen unsere Energie aussaugen. Wir werden unzweifelhaft immer zu dem Ergebnis kommen, dass diese depressive Langeweile aus einer Dynamik resultiert, in der freudvolle Experimente des Verlangens dem aufopferungsvollen Ruf »des Kampfes« untergeordnet werden.
In seinem charakteristischen Stil der versteckten Anspielung greift Guy die Beklemmung, die Aktivismus ausmacht, an:
Der Linke ist weder ein Spieler, noch ein Vergnügter; er drillt die Menschen bloß unabhängig davon, ob er die Homosexualität oder das Proletariat befreien möchte. Niemals überwältigt, rettet sich der Linke bloß selbst für das nächste Mal. Der Linke hat die Zeit nicht auf seiner Seite. Er ist immer in Eile. Er erzeugt überall Geschwindigkeit, um dich in eine Hysterie oder in Benommenheit zu stürzen. Aber es ist nicht die Art von Geschwindigkeit, die dich weit vorantreibt, so dass du dich selbst wunderst, wie viel Boden du zurückgelegt hast, dich über die Änderung der Perspektive und des Denkens wunderst. Stattdessen ist es die Hast des auf der Stelletretens, bis sich eine Entzündung bildet.
Das, was Guy beschreibt, lässt sich im terrorisierenden Einfluss verorten, den die Zukunft auf Aktivist*innen hat. Weil ein besseres Morgen heute eine gigantische Menge »guter Arbeit« erfordert, sind Linke aller Coleur in einer nie endenden Beklemmung der Beschäftigung gefangen und doch kommen sie den vor ihnen fliehenden Utopien niemals näher. Dass die Revolution am Horizont so nahe ist und doch vor uns flieht, bedeutet, dass wir uns die infantilen und unverantwortlichen Praktiken des Vergnügens nicht leisten können, die von dem tristen Kampf, der vor uns liegt, ablenken könnten. Die Ideologie des Linksradikalismus ist wahrhaft ein lebendiger Tod für alle, die er entzückt. Linksradikale argumentieren, dass wir Machtbeziehungen zerstören müssten und doch bleibt die Machtbeziehung des reproduktiven Futurismus, der ein endloses Projekt der Selbstdisziplinierung und Selbstkontrolle erfordert, von ihnen unbearbeitet.
Hocquenghem argumentiert, dass ein aufständisches Projekt entgegen dieses tristen Kampfes auf Freude basieren muss. »Eigenartigerweise«, schreibt er, »hören die professionellen Revolutionär*innen, wenn wir von Freude sprechen, immer nur das, was Kirchen oder Ideologien dort hinterlassen haben.« Wir sind keine professionellen Revolutionär*innen und genausowenig freudlose Prophet*innen, die an der Verbreitung ihrer Ideologie interessiert sind. Stattdessen müssen wir unsere Einsätze auf Praktiken der Freude und des Vergnügens setzen, wo sie nachhallen, um eine aufständische Infizierung zu entfesseln.
Hier zeigt sich Hocquenghem von seiner besten Seite:
Alle Revolutionär*innen werden zu Parasiten der Gesellschaft werden müssen und mehr und mehr unverantwortlich ihr gegenüber oder sie werden immer nur die Ritter der einen oder anderen Moral sein. Unsere Energie zielt auf die Zerstörung des Tieres ab, das uns am Leben hält.
Nur ein solches Projekt des Parasitären kann den Sackgassen des aktivistischen Wahnsinns und der militanten Eskalation widerstehen. Wir müssen auf Kosten unserer eigenen Feinde leben, kämpfen und genießen. Ein solches Projekt ist ein queeres in dem Sinne, als dass es von den Pfaden, die für uns vorgesehen wurden, abweicht und die Spezialisierung und Gefangenschaft der Zeit, wie sie dem Aktivismus inhärent ist, verweigern muss.
Unzivilisiertes Verlangen
In Hocquenghems Arbeit ist das negative Potenzial der Queerness intrinsisch mit seiner Vorstellung von Verlangen verbunden. In Homosexuelles Verlangen drückt er das wie folgt aus:
Wenn das Bild von Homosexualität ein komplexes Knäuel aus Furcht und Verlangen beinhaltet, wenn die homosexuelle Phantasie obszöner ist als jede andere und gleichzeitig aufregender, wenn es unmöglich ist, irgendwo als sich selbst eingestandene*r Homosexuelle*r aufzutauchen, ohne Familien in Aufruhr zu versetzen, ohne dass einem Kinder aus dem Weg gezogen werden und ohne gemischte Gefühle des Schreckens und Verlangens zu erregen, dann muss der Grund für all das sein, dass es für uns Westliche des 20. Jahrhunderts eine enge Verbindung zwischen Verlangen und Homosexualität gibt. Homosexualität drückt etwas aus – einen gewissen Aspekt des Verlangens –, das nirgendwo sonst zum Ausdruck kommt und dieses etwas ist nicht bloß die Vollendung des sexuellen Aktes mit einer Person gleichen Geschlechts.
Verlangen, nicht spezifisch homosexuelles, ist die Tendenz innerhalb der Gesellschaft, die auch ihren Ruin versinnbildlicht. Verlangen ist das polymorphe und perverse Überlaufen, das sich weigert innerhalb der ödipalen Reproduktion eingefangen zu werden oder in Identität eingesperrt zu werden. Queerness benennt in seiner Verbindung mit Verlangen die Negativität, die der Albtraum der sozialen Ordnung ist.
Verlangen kann daher nicht auf sexuelle Anziehung oder Orientierung reduziert werden. Verlangen ist ein chaotisches Gefilde, das sich der Repräsentation entzieht und folglich kann das repressive Gefilde des normativen Verlangens sich nur durch die Figuren derer, deren sexuelle Praktiken außerhalb seiner Matrix der Intelligibilität liegen, auf es beziehen. Die Gefahr und Angst, die mit Queerness verbunden sind, stehen im Verhältnis zu dieser Undenkbarkeit.
Aus Jeffrey Weeks Einführung zu Homosexuellem Verlangen:
Ziel ist es, unentfremdete Formen radikaler sozialer Handlungen zu suchen und die können nicht in den traditionellen zentralisierten Strukturen (besonders denen der Arbeiter*innenklasse) gefunden werden, da diese zu sehr am Kapitalismus beteiligt sind. Das Modell alternativer Lebensweisen stammt von den spontanen Formen der Handlung, die im Frankreich von ‘68 entwickelt wurden, Fusionen des Verlangens, die der einsperrenden Kraft des Normalen entfliehen. Schizoanalyse liefert die Alternative: Die Schizophrenie ist nicht revolutionär, aber der schizophrene Prozess ist das Potenzial der Revolution und nur in der Aktivität autonomer, spontaner Gruppierungen außerhalb der sozialen Ordnung kann die Revolution erreicht werden. Das Ergebnis, das für Hocquenghems Projekt zentral ist, ist eine Verehrung der Ausgeschlossenen und Marginalisierten als die wahre Substanz einer sozialen Transformation.
In dieser Analyse finden wir wichtige Verknüpfungen zwischen Hocquenghems Projekt und dem aufständischen anarchistischen Projekt, wie wir es verstehen. Die Verwebung der Sehnsüchte autonomer Gruppen im Prozess des Kampfes ist genau das, was wir unter einem aufständischen Prozess verstehen. Nicht die massenhafte Ausdehnung einer Partei, sondern vielmehr die Vervielfachung und Ausbreitung analer Gruppierungen. Nur indem wir die alten Formen »revolutionärer« oder »Arbeiter«organisationen vermeiden, können wir den Fallen ausweichen, die uns von der Rekuperation gestellt werden. Uns gemäß unserem Verlangen zu orientieren und dem »herrlichen Genuss des Gegenwärtigen« nachzugehen würde bedeuten, die progressiven Ideologien der Reform, der Inklusion, der Bewegungsbildung und des schrittweisen Wandels zurückzuweisen.
Die*der Homosexuelle strebt nicht nach einer friedlichen und harmonischen Anpassung an die Gesellschaft und seine überschwängliche Lust … führt ihn auf einen Pfad unablässigen Kampfes. Kurz gesagt, der Homosexuelle hat sich nicht in einen Partner der menschlichen Gesellschaft entwickelt. Hier ist mit menschlicher Gesellschaft natürlich das freud’sche Modell gemeint, in dem Homosexualität nur gemäß dem sublimierten ödipalen Komplex stattfinden kann. Auf der anderen Seite weist der Homosexuelle den Weg zu einer anderen Form von Beziehung, von der wir es kaum wagen können, als Gesellschaft zu sprechen.
Auch wenn die Assimilationstendenzen der Homosexuellenbewegung sicherlich bewiesen haben, dass es nichts inhärent Radikales oder Antisoziales an Homosexualität gibt, unternimmt Hocquenghem es hier eine bestimmte Tendenz innerhalb der Bewegung zu beschreiben, die sich der Repräsentation entzog. Wir können das die eigentliche Negativität nennen, die so eng mit Queerness verbunden ist, das Verlangen nach Chaos, das in der sozialen Ordnung selbst verborgen wird. Die anti-sozialen Beziehungen, die ihr Potenzial aus der Queerness ziehen, können als das Potenzial einer autonomen Bewegung gegen die Gesellschaft verstanden werden.
Das Auftauchen von autonomen Bewegungen, Bewegungen, die das Gesetz des Signifikanten umso mehr ablehnen, weil sie ein eigenes Gesetz bilden, hat die politische Welt vollkommen durcheinander gebracht. Die Verwirrung ist komplett, da die Verbindungen zwischen diesen begehrenswerten Situationen nicht gemäß dem logischen Modell des Signifikanten-Signifikaten auftreten, sondern es bevorzugen der Logik des Ereignisses zu folgen. Es besteht daher keinerlei Nutzen darin, zu versuchen, die Beziehungen zwischen diesen Bewegungen in rationaler oder strategischer Hinsicht herauszuarbeiten. Es ist unbegreiflich, dass die Homosexuellenbewegung eng mit der ökologischen Bewegung verbunden sein sollte. Dennoch ist es so. Im Hinblick auf Verlangen sind der Personenkraftwagen und die familiäre Heterosexualität ein und der selbe Feind, wie unmöglich es auch immer sein mag, das in politischer Logik auszudrücken.
Hier drückt Hocquenghem genau die Art und Weise aus, auf die Verlangen an die Verweigerung der Zukunft geknüpft ist, eine absolut negative Kritik und eine anti-politische Praxis. Politik kann nicht rational ausdrücken, warum das Auto und die Familie derselbe Feind von Queerness sind. Und doch ist es für uns mehr als offensichtlich, warum diese und buchstäblich jeder andere Apparat der modernen Gesellschaft ausgelöscht werden müssen. In Ermangelung der Mitte, dieses destruktive Verlangen durch die Politik auszudrücken, kann nur Anti-Politik einen Prozess erarbeiten, durch den queeres Verlangen gegen die physische Einrichtung der sozialen Ordnung materialisieren kann. Das Auto, die Familie, die Schule, das Gefängnis, die Boutique, die Überwachungsinfrastruktur: Alles ein Ausdruck einer Zivilisation, in deren Angesicht unser wirksamstes Verlangen ihre Auslöschung ist. Für ihn muss die Annulierung der Zivilisation mit einer Bewegung verbunden sein, die auf der Unbeherrschbarkeit des Verlangens basiert.
Wieder Hocquenghem:
Die Homosexuellenbewegung erscheint grundsätzlich unzivilisiert und es hat einen Grund, dass viele Menschen sie als das Ende der Reproduktion und folglich als das Ende der Spezies selbst betrachten. Es hat keinen Sinn darüber zu spekulieren, ob der Klassenkrieg durch einen Krieg gegen die Zivilisation ersetzt werden mag, der den Vorteil hätte, dem ökonomischen Kampf eine kulturelle und eine sexuelle Dimension zu verleihen. So weit zu gehen würde bedeuten, das bloße Konzept von Zivilisation herauszufordern und wir müssen uns mit Fourier auf die Vorstellung eines Kampfes gegen die Zivilisation, die als die ödipale Abfolge von Generationen verstanden wird, zurückbesinnen. Die Zivilisation bildet das interpretative Raster, durch das Verlangen zu gebundener Energie wird. Wilde Streikbewegungen unter Arbeiter*innen, Aktionen, die außerhalb der allgemein anerkannten politischen Rahmenbedingungen stattfinden und die keine formellen Forderungen aufstellen, nicht einmal nach der Erlangung von Macht, sind teil der Auflösung dieser Bindung. Die aufrichtigsten Linken werden das Verlangen nach einer neuen Gesellschaft als Beweis der Mangelhaftigkeit betrachten. Es ist bereits zu viel zu glauben, dass der »Wild-streikende« eine zukünftige zivilisierte Person ist, wie das Kind ein zukünftiger Erwachsener ist. Die Homosexuellenbewegung ist eine wilde Bewegung, weil sie nicht der Signifikant dessen ist, was eine neue Form sozialer Organisation werden mag, einer neuen Entwicklungsstufe der zivilisierten Menschheit, sondern ein Zerbersten dessen, was Fourier das »System des Irrtums zivilisierten Liebens« nennt; Sie zeigt, dass die Zivilisation die Falle ist, in die das Verlangen zu tappen fortfährt. … Die große Angst vor Homosexualität lässt sich in die Angst übersetzen, dass die Nachfolge der Generationen, auf der die Zivilisation basiert, stoppen könne. Homosexuelles Verlangen ist weder auf der Seite des Todes noch auf der Seite des Lebens: Es ist der Mörder zivilisierter Egos.
Und hier, lange bevor Edelman je seinen Stift auf das Blatt gesetzt hat, findet sich die lebhafte Verbindung zwischen der Fantasie des Futurismus, der Konstruktion des einheitlichen Selbst und ihrer Überschneidung im reproduktiven Futurismus. Sich gegen den reproduktiven Futurismus und die Reproduktion der sozialen Ordnung durch die endlose Abfolge von Generationen zu richten, bedeutet das Ende der Zivilisation zu signalisieren, ebenso wie das Ende der Subjekte, die sie ausmachen. Diese Zerstörung kann in der Degeneration und dem Zerfall sozialer Strukturen in queere Formationen gefunden werden, die in beständigem Streben nach Genuss und ohne einem Interesse an der Zukunft existieren. Die Ausbreitung dieser queeren, autonomen Gruppen deutet nicht auf eine bessere Welt hin; diese Gruppierungen des Verlangens können die Zivilisation nur als eine negative, anti-politische und wilde Kraft konfrontieren.
Das findet Widerhall in Susan Strykers »My Words to Victor Frankenstein«:
Obwohl wir das Privileg der Natürlichkeit aufgeben, lassen wir uns nicht beirren, da wir uns stattdessen mit dem Chaos und der Dunkelheit verbünden, aus denen sich die Natur selbst ergießt. Wenn das ebenso dein Pfad ist, wie es der meine ist, lass mich dir antragen, egal welchen Trost du auch in diesem ungeheurlichen Segen finden magst: Mögest du die belebende Macht der Dunkelheit in dir selbst finden. Möge sie deinen Zorn nähren.
Unser queerer Standpunkt gegen Zivilisation basiert nicht auf irgendeiner Vorstellung von Natürlichkeit, wir sind, wie wir sind, auf ewig damit verbunden, das Außerhalb jeder idealisierten natürlichen Ordnung anzuzeigen. Queers müssen immer diese Arten von nichtregenerativen, nichtproduktiven Wesen verkörpern, die keinen Platz in einer natürlichen Ordnung haben. Weder ist unser Kampf der Beweis der Legitimität von oder der Versuch der Naturalisierung von Queerness. Natur selbst ist eine disziplinierende Kategorie der Zivilisation, die gebraucht wird um das wilde Leben zu definieren und zu klassifizieren. Stattdessen sollten wir uns, wie Stryker insistiert, mit dem »Chaos und der Dunkelheit«, aus der sich die Natur ergießt, verbünden. Dieses Chaos und die Dunkelheit ist die gleiche unbegreifliche Kraft, die Hocquenghem Homosexuelles Verlangen nennt und Edelman den Todestrieb. Wir verorten uns selbst in dem Erguss des gleichen Chaoses, das die Annulation der Zivilisation verspricht.
Der Körper und Sprache
Auf die gleiche Art und Weise, auf die wir die Verschuldung von Edelmans Kritik gegenüber Hocquenghem hinsichtlich seiner Verweigerung der Politik und der Positivität gezeigt haben, ist es ebenso wichtig, dass wir die Weisen demonstrieren, auf die er auch von Hocquenghems Kritik der Sprache durch die Linse des Genusses zehrt. Wenn Edelman die Logik der Unbegreiflichkeit durch die Politik kritisiert, ist das tatsächlich eine recht oberflächliche Lektüre von Hocquenghems tiefergehenden Kritik der Sprache im Allgemeinen. Für Guy ist Sprache ein Apparat, in dem Verlagen eingefangen ist und der in seinem Projekt der Repräsentation immer scheitern muss. Es ist in diesem Kontext, dass wir die Beziehung dieser Ideen zu antizivilisatorischem Denken weiter erkunden wollen.
In The Screwball Asses nutzt Hocquenghem Genuss sowohl als das, was sich der Repräsentation durch die Sprache entzieht, als auch als die Kraft, die die Herrschaft der Sprache über das Leben unterbrechen kann. Hocquenghem beginnt seinen Essay mit einer kurzen Bemerkung:
Lass mich mit dem Geständnis beginnen, dass das Folgende ausschließlich an diejenigen Individuen gerichtet ist, mich denen ich nicht schlafen kann. Für alle anderen verwandelt die Lustbarkeit von Körpern die Rede in einen Knecht des Körpers, nichts anderes. Es ist nicht zwecklos folgendes zu präzisieren: wir sprechen von Sex nur vor Leuten, mit denen wir ihn nicht haben oder die gleichfalls einräumen kein Verlangen nach uns zu haben.
Mit diesem Vorbehalt besteht er auf einer grundsätzlichen Unfähigkeit der Sprache, die Form körperlichen Kampfes einzufangen, für die er argumentiert. Ihm zufolge muss unser Kampf auch von dieser Disjunktion beginnen. Wir lassen uns auf Sprache insoweit ein, wie wir sie im Dienste des Körpers nutzen können. Wir sprechen, wir bringen unsere Worte zu Papier um denen zuzuzwinkern, mit denen wir bisher nicht in einer Praxis des Genusses konspirieren konnten oder das gerade nicht können. Wenn Sex unaussprechlich ist, schließt das das Sprechen allerdings nicht davon aus, ein Medium des Sexuellen zu sein. Für unsere Mit-Konspirator*innen, diejenigen, mit denen wir unaussprechliche Erfahrungen geteilt haben, können diese Worte sich unserem eigentlichen Projekt nur annähern, können nur als schwache Erinnerungshilfen eines Paktes dienen, den wir in unserem Streben nach Wildheit teilen. Für den Rest sind sie Verführung.
Hocquenghem klagt alle existierenden »radikalen« Diskurse als Beteiligte an dieser grundlegenden Disjunktion zwischen dem Körper und jedem Versuch, seinen Kampf in der Sprache einzufangen, an:
Sowohl für den dialektischen Materialismus als auch die Psychonalyse ist der Betrachtungsgegenstand der Nicht-Körper. Alle Kämpfe für eine Rückkehr des Körpers sind von dem Nicht-Körper so sehr kontaminiert worden, dass wenn sie vom Körper sprechen, sie sein Exil nur unterstreichen können. Wir vergessen, dass der Inhalt des Sprechens bloß das Behältnis unseres Universums ist.
An verschiedenen Punkten in seinem Text beschwört er seine Leser*innen mit der Tyrannei der Sprache zu brechen, »mit dem Körper anstatt mit Worten zu sprechen oder unsere Körperlichkeit zu leben anstatt von Sexualität zu sprechen.« Er fragt, »wann werden wir in der Lage dazu sein, die Macht der Worte durch die Bewegung unserer Häute zu zerschlagen?«
Dieser Widerspruch zwischen dem Körper und der Sprache ist nicht einzigartig für Hocquenghems Denken. Wir kehren zu Silvia Federicis Buch Kaliban und die Hexe zurück, in dem sie diesen Widerspruch historisiert und in dem Prozess der Domestizierung von Menschen verortet. Sie argumentiert, dass »eine der Vorbedingungen für kapitalistische Entwicklung der Prozess war, den Michel Foucault als die ‘Disziplinierung des Körpers’ bezeichnete, der meiner Ansicht nach in dem Versuch des Staates und der Kirche bestand, die Kraft des Individuums in Arbeitskraft zu verwandeln.«
Sie argumentiert, dass dieser Prozess der Disziplinierung des Körpers die Form eines Konflikts zwischen Vernunft und den Leidenschaften des Körpers annahm:
Das Ergebnis erinnert an die mittelalterlichen Scharmützel zwischen Engeln und Teufeln um den Besitz der scheidenden Seele. Aber der Konflikt findet nun innerhalb der Person statt, die als ein Schlachtfeld rekonstruiert wird, auf dem sich gegensätzliche Elemente im Konflikt um Herrschaft befinden. Auf der einen Seite stehen die Kräfte der Vernunft: Sparsamkeit, Besonnenheit, Verantwortungsgefühl und Selbstbeherrschung. Auf der anderen Seite befinden sich die niederen Instinkte des Körper: Wollust, Müßiggang, systematische Verschwendung von Lebensenergie. Der Kampf wird an vielen Fronten ausgetragen, da die Vernunft gegenüber den Angriffen des fleischlichen Selbst wachsam bleiben muss und die »Weisheit des Fleisches« davon abhalten muss, die Macht des Verstandes zu kompromittieren. Im Extremfall wird die Person zu einem Gefilde des Krieges aller gegen alle.
Andere haben diesen »Krieg aller gegen alle« als die grundlegende Bedingung eines allgegenwärtigen Bürgerkrieges beschrieben, der beständig tobt, die soziale Ordnung durchdringt und den Mythos von sozialem Frieden durchkreuzt. Dieses Narrativ ist sehr ähnlich zu einer Vorstellung von Queerness, wie sie von Hocquenghem entwickelt wurde und später von Edelman ausgearbeitet und die Queerness als eine allgegenwärtige Gewalt, ein Potential versteht, zu dem jeder Körper fähig ist. Wenn wir Federici darin folgen, den Konflikt zwischen dem Verstand (und dessen Dienerin: Sprache) und der Leidenschaft des Körpers so zu verstehen, können wir unsere Queerness als eine parteiische Kraft innerhalb dieser Schlacht verorten. Federici fährt fort:
Der Konflikt zwischen Vernunft und Körper wird von den Philosophen als eine aufrührerische Konfrontation zwischen den besseren und niederen Qualitäten beschrieben … Der Kampf, der sich, wie es sich der Diskurs über die Person des 17. Jahrhunderts vorstellt, im Mikrokosmos des Individuums entfaltet, hat seinen Ursprung wohl in der Realität dieser Zeit. Er ist ein Aspekt des allgemeineren Prozesses der sozialen Umgestaltung, mittels dessen, im Zeitalter der Vernunft, die aufkommende Bourgeoisie versuchte, die untergeordneten Klassen in Übereinstimmung mit den Bedürfnissen der entstehenden kapitalistischen Wirtschaft umzugestalten … Dieser Kampf gegen den Körper ist zu seinem historischen Kennzeichen geworden … Die Umgestaltung des Körpers liegt im Herzen der bourgeoisen Ethik, da der Kapitalismus seine Aneignung zum »ultimativen Zweck des Lebens« macht, anstatt ihn als ein Mittel zur Befriedigung unserer Bedürfnisse zu betrachten, auch wenn das erfordert, dass wir alle spontanen Vergnügungen des Lebens verlieren.
Hier werden wir an Hocquenghems Erklärung von Genuss als »glückselige Vergnügung des Gegenwärtigen« erinnert. Federicis Historizismus liefert eine verführerische historisch-materialistische Struktur für unsere ganze Kritik. Der verzweifelte Kampf von Körpern gegen die Zukunft und in dem Streben nach Genuss ist derselbe Kampf, der der kapitalistischen Entwicklung von Anfang an entgegen steht. Der Sieg des Verstandes über die Leidenschaft entspricht der Herrschaft der bourgeouisen Ordnung über den rebellischen Körper, weil es sich eben um genau denselben Kampf handelt, der in jedem einzelnen Körper offenbar wird.
Der von seinen magischen Kräften entleerte Körper kann in einem System der Unterwerfung gefangen werden, wodurch sein Verhalten kalkuliert, organisiert, technisch gedacht und in Machtbeziehungen investiert werden kann … Die Entwicklung des Körpers zu einer Arbeitsmaschine [war] eine der Hauptfunktionen der ursprünglichen Akkumulation … Wie das Land musste auch der Körper kultiviert und zuallererst aufgehackt werden, so dass er seine verborgenen Schätze preisgeben konnte. Doch während der Körper die Bedingung der Existenz der Arbeitskraft ist, ist er auch ihre Grenze als Hauptelement des Widerstands auf ihre Kosten. Es genügte daher nicht, zu entscheiden, dass der Körper an sich keinen Wert habe. Der Körper musste sterben, damit die Arbeitskraft leben konnte.
Federici beschreibt wie dieser Disziplinierungskrieg geführt wurde, um die Körper von ihrer Fähigkeit zum Genuss zu trennen, damit diese als Arbeitskraft kommerzialisiert werden konnten.
Durch die Verwandlung von Arbeit in eine Handelsware zwingt der Kapitalismus die Arbeiter*innen dazu, ihre Aktivität einer äußeren Ordnung zu widmen, über die sie keine Kontrolle besitzen und mit der sie sich nicht identifizieren können. Der Arbeitsprozess wird dadurch zu einem Territorium der Selbstentfremdung … Das führt auch zu einem Gefühl der Abspaltung vom eigenen Körper, der verdinglicht, zu einem Objekt reduziert wird, mit dem die Person aufhört, sich unmittelbar zu identifizieren.
Es ist diese fundamentale Entfremdung, wie sie in dem Prozess der ursprünglichen Akkumulation verortet ist, die ihr zufolge die Basis unserer gegenwärtigen Entfremdung von unseren Körpern ausmacht, unserer todgeweihten Versklavung an die Abstraktion und die Sprache.
Federici erklärt, dass diese disziplinierende Gewalt sich immer auf die Auslöschung nicht-produktiver Arten des Seins konzentriert hat:
Die Gewalt der herrschenden Klasse zielte auf eine radikale Transformation der Person ab, beabsichtigte im Proletariat jede Form von Verhalten auszulöschen, das nicht der Auferlegung einer strikteren Arbeitsdisziplin entsprang … Nacktheit wurde ebenso bestraft wie viele andere unproduktive Formen der Sexualität und Sozialität.
Hier beobachten wir die Tyrannei des Kindes, durch die Zeit zurückverfolgt und in der Sprache selbst eingebettet. Der Angriff von Verstand und Sprache auf den Körper hatte immer schon darin bestanden, alle nicht-produktiven Sehnsüchte und Potenziale auszulöschen. Reproduktiver Futurismus wird dann zum Bezugssystem, durch das bestimmte Formen sozialen Engagements militärisch erzwungen werden, während andere ausradiert werden.
Dieser militaristische und wissenschaftliche Ansatz den Körper zu disziplinieren funktioniert durch die Gefangennahme des Körpers innerhalb der Sprache. Federici argumentiert, dass »wir in der mechanistischen Philosophie einen neuen bourgeoisen Geist erleben, der kalkuliert, klassifiziert, Unterscheidungen macht, und den Körper degradiert, nur um seine Fähigkeiten zu rationalisieren, und der nicht nur auf die Intensivierung seiner Unterwerfung [Subjektivierung] abzielt, sondern auch auf die Maximierung seines sozialen Nutzens.« Hier wirken die diskursiven Institutionen der Identität und Sexualität gemeinsam mit allen anderen rassifizierenden und vergeschlechtlichenden Apparaten zusammen, um entfremdete Körper mit bestimmten Werten und Funktionen zu belegen – Werte und Funktionen, die dazu dienen, die Gesellschaft in jedem Körper und Augenblick zu reproduzieren. Federici argumentiert, dass das für die Regentschaft jeder kapitalistischen Zukunft notwendig ist.
Von einem kapitalistischen Standpunkt betrachtet … kann die Zukunft hier nur insofern vorauskalkuliert werden, wie eine Gesetzmäßigkeit und Unveränderlichkeit des Systems angenommen wird; das heißt, nur insofern, als dass angenommen wird, dass die Zukunft wie die Vergangenheit sein wird und keine größeren Veränderungen, keine Revolution die Koordinaten der individuellen Entscheidungsfindung neu bestimmen werden … Die Verankerung des Körpers in Raum und Zeit, das heißt, die räumlich-zeitliche Identifikation des Individuums, ist eine notwendige Bedingung für das ordnungsgemäße Funktionieren des Arbeitsprozesses.
Später fährt sie fort:
Auch vom Standpunkt des Abstraktionsprozesses, dem das Individuum in der Übergangsphase zum Kapitalismus unterzogen wurde, können wir sehen, dass die Entwicklung der menschlichen Maschine der größte technologische Sprung, der Hauptschritt in der Entwicklung der Produktivkräfte war, die in der Periode der ursprünglichen Akkumulation stattfand. In anderen Worten: Wir können erkennen, dass nicht die Dampfmaschine, nicht einmal die Uhr, sondern der menschliche Körper die erste Maschine war, die vom Kapitalismus entwickelt wurde.
Wenn Federici richtig liegt, wenn unsere Körper zerstört und als Arbeitsmaschinen wieder zusammengesetzt wurden, und wenn diese Maschinen die ursprünglichen Maschinen waren, die die kapitalistische soziale Ordnung begründeten, dann müssen wir unsere Körper als Maschinen betrachten, die sabotiert werden müssen; unsere schiere Körperlichkeit, wie Hocquenghem argumentiert, muss zum Schlachtfeld werden.
Das Schlachtfeld liegt in jeder*m von uns. Der Krieg der Leidenschaften gegen den Verstand muss darüber hinaus, dass er ein äußerlicher Kampf ist, auch ein Kampf sein, den wir gegen uns selbst führen. Wir müssen nicht weniger gewaltsam innerhalb von uns gegen uns selbst als Individuen kämpfen, als wir gegen die äußeren Feind*innen kämpfen, die danach streben uns das disziplinierende Regime der Zukunft der Gesellschaft aufzuzwingen. Auf der Liste der Verwalter*innen und Polizeien, gegen die wir kämpfen, müssen wir die verwalterischen und polizierenden Apparate ergänzen, die in uns selbst operieren.
Wir können zu Hocquenghems The Screwball Asses zurückkehren, um erinnert zu werden, dass »der Versuch die Macht zu zerstören ein nur noch größerer Köder ist, besonders wenn wir es versäumen, diese ganz besondere Form der Macht abzuschütteln, die Selbstbeherrschung genannt wird.« Von einer Kritik der Zivilisation ausgehend, können wir diese Selbstbeherrschung als ein Resultat unserer Domestizierung in Subjekte verstehen. Wenn wir davon ausgehend konsequenterweise Sprache und symbolisches Denken als Motoren dieser Domestizierung verorten, wurde unsere schiere Fähigkeit zu denken von Geburt an durch diesen Prozess kolonisiert. Folglich müssen wir zu jenen Formen des Kampfes zurückkehren, die nicht vom Verstand gerechtfertigt werden. Wir müssen uns diesem unaussprechlichen Genuss als einem Werkzeug des Kampfes gegen Domestizierung zuwenden. Lasst uns uns erneut der Kritik der Domestizierung annehmen, um mit ihrer Hilfe zu erarbeiten, wie wir die Vorwärtsbewegung der kapitalistischen Zeit unterbrechen könnten.
Die Sexualität zerstören; die Domestizierung zerstören
Im vorangehenden Abschnitt, der sich ausführlicher mit Edelmans Arbeit beschäftigt, haben wir Jacques Camatte zitiert, der behauptet, dass Genuss durch die Zerstörung der Domestizierung stattfindet, die der Zivilisation innewohnt. Um Hocquenghems queeres Projekt gegen die Zivilisation genauer darzulegen werden wir das Konzept der Domestizierung erkunden und was es bedeuten könnte, sie zunichte zu machen.
Domestizierung, ödipal in ihrem ganzen Wesen, ist der Prozess des Sieges unserer Väter über unser Leben; die Arten und Weisen, auf die die von den Toten begründete soziale Ordnung fortfährt, die Lebenden heimzusuchen. Sie ist der Überrest angehäufter Erinnerungen, Kultur und Beziehungen, die uns vom linearen Fortschreiten der Zeit durch die Fantasie des Kindes übermittelt wurden. Es ist diese Investition der Schrecken der Vergangenheit in die Materialität unseres gegenwärtigen Lebens, die den Fortbestand der Zivilisation sichert. Um wieder Camatte in »Gegen Domestizierung« zu zitieren:
Was ist es, das die Menschen daran hindert all diese Krisen und Katastrophen, die an sich das Resultat der jüngsten Veränderung des Kapitals sind, in eine Katastrophe für das Kapital selbst zu verwandeln? Die Erklärung dafür kann in der Domestizierung der Menschheit gefunden werden, die stattfindet, wenn das Kapital sich selbst als menschliche Gemeinschaft konstituiert. Der Prozess beginnt mit der Zergliederung und Zerstörung menschlicher Wesen und das finale Ergebnis ist, dass das Kapital vermenschlicht wird.
So kommt es, dass innerhalb der ideologischen Beschränkungen des reproduktiven Futurismus jede Revolte gegen die Zivilisation undenkbar wird, weil das Kapital unser Wesen so vollständig kolonialisiert hat, dass sich unser eigenes Überleben vorzustellen immer bereits darin besteht, den Fortbestand der Zivilisationdurch die Selbstreproduktion des Kapitals zu denken. Wir haben keine Gemeinschaft, für die wir kämpfen könnten und keine Menschheit, die es zu bewahren gilt, weil beide bereits vollständig zersetzt und mit der Gemeinschaft des Kapitals und seinem vermenschlichten Subjekt, dem zivilisierten Ego, ersetzt wurde. Wir gehen weiter zu Camattes späterem Essay, »The Wandering of Humanity«:
Heute wird der Mensch nicht nur durch die Festlegung der Klasse verschlungen, in der er seit Jahrhunderten gefangen war, sonden auch als ein biologisches Wesen. Es ist eine Totalität, die zerstört werden muss. Entzauberung genügt nicht mehr. Die Revolte menschlicher Wesen, die unmittelbar in ihren täglichen Leben bedroht werden, geht über Entzauberung hinaus. Das Problem liegt darin, anderes Leben zu schaffen. Dieses Problem liegt zugleich außerhalb des antiken Diskurses der Arbeiterbewegung und ihrer alten Praxis, ebenso wie außerhalb der Kritik, die diese Bewegung als eine einfache Ideologie betrachtet (und Menschen als ideologische Abscheidungsstoffe).
Es ist eine harte Realität anzuerkennen, dass die Restrukturierung, der wir im Prozess der Domestizierung unterlegen sind, noch beängstigender ist, als uns nur als Subjekte zu formen. Das Kapital reicht bis zu unserer Biologie, der objektiven Tatsache unserer Existenz auf der Welt. Ausgehend von hier müssen wir weiter anerkennen, dass ein Kampf gegen die Zivilisation auch ein Kampf gegen uns, wie wir sind, sein muss, um die Strukturierung unserer Körper als Behältnisse der sozialen Ordnung zu zerstören. Hier müssen wir, indem wir Camattes vorangehendem Beharren auf Genuss folgen, die Reihe an selbst-zerschmetternden Maßnahmen ausfindig machen, die ein Projekt gegen Domestizierung ausmachen könnten. Wie Camatte sagt: »Der Mensch ist tot. Die einzige Möglichkeit dafür, dass ein Mensch aufs neue hervortritt, besteht in unserem Kampf gegen unsere Domestizierung, unserem Heraustreten aus ihr.«
Camatte fährt in »Wandering« fort auszuarbeiten:
Das heute auftauchende Phänomen zerstört mitnichten die negative Bewertung des Kapitals, sondern zwingt uns es hinsichtlich der Klasse zu generalisieren, die ihm einst antagonistisch gegenüberstand und in sich all die positiven Elemente menschlicher Entwicklung sowie heute der Menschheit selbst trug. Dieses Phänomen ist die Wiederherstellung einer Gemeinschaft und menschlicher Wesen durch das Kapital, das menschliche Gemeinschaft wie ein Spiegel widerspiegelt. Die Theorie des Spiegels konnte nur vor dem Hintergrund entstehen, dass der Mensch zu einer Tautologie wurde, einer Widerspiegelung des Kapitals. In der Welt des Despotismus des Kapitals können Gut und Böse nicht unterschieden werden. Alles kann verdammt werden. Negierende Kräfte können nur außerhalb des Kapitals entstehen. Da das Kapital all die alten Widersprüche absorbiert hat, muss die revolutionäre Bewegung das gesamte Produkt der Entwicklung von Klassengesellschaften zurückweisen. Das ist das Schlüsselmoment ihres Kampfes gegen Domestizierung.
Hier überschneiden sich erneut die Projekte queerer Negativität und der Kampf um die Zerstörung von Domestizierung. Die Gefangennahme jeder Positivität in der Zivilisation durch das Kapital gebietet das absolut negative Projekt. Und die Tautologie, derzufolge Kapital und Menschen einander ideal entsprechen, unterstreichen die Notwendigkeit unseres Projekts, auf queere Weise unsere Domestizierung in die unterschiedlichen sozialen Rollen zu hinterfragen. Wie Camatte schreibt, »muss jedes Individuum Gewalt gegen sich selbst anwenden, um in sich, ebenso wie außerhalb von sich, die Domestizierung des Kapitals und all seine bequemen selbstbestätigenden ‘Rechtfertigungen’ zurückzuweisen.« Aus diesem Grund beschäftigen wir uns mit queerem Verlangen, um die Nahtstellen der Subjektivität zu identifizieren und aufzutrennen.
In Hocquenghems Arbeit finden wir Worte, die auf so wunderschöne Weise all das ausdrücken, was wir wollen, deshalb zitieren wir einen längeren Abschnitt aus »To Destroy Sexuality« [2]:
Obwohl die kapitalistische Ordnung tolerant erscheint, hat sie in Wahrheit immer schon das Leben durch ihre affektiven Aspekte bestimmt, indem sie es vom Diktat ihrer totalitären, auf Ausbeutung, Privateigentum, männlicher Dominanz, Profit und Wirschaftlichkeit basierenden Organisation abhängig machte. Sie übt diese Kontrolle in all ihren unterschiedlichen Verkleidungen aus: In der Familie, in Schulen, am Arbeitsplatz, in der Armee, durch Regeln und Diskurse. Sie verfolgt unermüdlich ihre erbärmliche Mission der Kastration, Unterdrückung, Folter und Zerfleischung des Körpers, um ihre Gesetze umso besser in unser Fleisch einzuschreiben und ihre Mechanismen zur Verfechtung von Sklaverei in unser Unterbewusstsein einzuhämmern.
Der kapitalistische Staat bedient sich der Erinnerung, Stagnation, Skarifizierung und Neurose, um seine Normen und Modelle aufzuzwingen, um seine Zeichen aufzuprägen, seine Rollen zuzuweisen, und seine Programme zu verkünden … Er durchdringt unsere Körper, lässt seine Wurzeln des Todes in unsere kleinsten Risse eindringen. Er bemächtigt sich unserer Organe, beraubt uns unserer Vitalfunktionen, verstümmelt unsere Vergnügungen, zügelt all unsere »Lebens«produktivität unter seiner eigenen paralysierenden Verwaltung. Er verwandelt jeden von uns in … einen Fremden angesichts seiner eigenen Sehnsüchte.
Die Kräfte der kapitalistischen Inbesitznahme verfeinern ihr System der Aggression, Provokation und Erpressung beständig, um es zusammen mit einer massiven Verstärkung sozialen Terrors (individuelle Schuld) dazu zu nutzen, all jene Praktiken unseres Willens zu unterdrücken, auszuschließen und zu neutralisieren, die diese Formen der Herrschaft nicht reproduzieren. Und so hält sich diese tausendjährige Herrschaft unglüchlicher Befriedigung, Aufopferung, Resignation, kodifizierten Masochismus und Todes selbst aufrecht. Hier herrscht Kastration, die das ‘Subjekt’ zu einem schuldgetriebenen, neurotischen, arbeitssamen Wesen reduziert, das kaum mehr als ein Arbeiter ist.
Diese viel ältere Ordnung, die nach verwesenden Körpern stinkt, ist in der Tat entsetzlich, aber sie hat uns gezwungen, den revolutionären Kampf gegen die kapitalistische Unterdrückung gegen ihre tiefreichendste Wurzel zu richten – das lebende Fleisch unseres eigenen Körpers.
Wir können nicht länger untätig daneben stehen, während wir unserer Münder, unserer Ani, unserer Geschlechtsteile, unserer Gedärme, unserer Venen beraubt werden … nur damit sie diese in Teile ihrer entwürdigenden Maschine verwandeln können, die Kapital, Ausbeutung und die Familie produziert.
Wir können nicht länger untätig daneben stehen, während sie unsere Schleimhäute kontrollieren, regulieren und in Besitz nehmen, ebenso wie die Poren unserer Haut, ja die gesamte empfindungsfähige Oberfläche unseres Körpers.
Wir können nicht länger untätig daneben stehen, während sie unser Nervensystem als ein Relais im System ihrer kapitalistischen, föderalen, patriarchalen Ausbeutung benutzen. Und ebensowenig während sie unser Gehirn als ein Mittel der Bestrafung nutzen, programmiert durch eine umgebende Macht.
Wir können nicht länger nicht »kommen« oder unsere Scheiße, unseren Speichel, unsere Energie gemäß ihrer Gesetze mit ihren geringfügigen, tolerierten Übertretungen zurückhalten. Wir wollen den frigiden, verklemmten, schambehafteten Körper sprengen, den der Kapitalismus so verzweifelt aus unserem lebendigen Körper machen will …
Wenn wir die grundsätzliche Freiheit in diese revolutionären Praktiken integrieren wollen, dann schließt das unsere Flucht aus den Grenzen unseres eigenen ‘Selbst’ mit ein. Wir müssen das ‘Subjekt’ in uns vom Kopf auf die Füße stellen; dem Sesshaften entfliehen, dem zivilisierten Zustand und die Grenzen zu einem unbeschränkten Körper überschreiten; in der eigenwilligen Beweglichkeit jenseits der Sexualität, jenseits des Territoriums und des Repertoirs der Normalität leben …
Wir interessieren uns nicht dafür einfach [die] offizielle Sexualität einzureißen, wie man die Bedingung seiner Gefangenschaft in irgendeiner Struktur einreißen würde; wir wollen sie zerstören, uns ihrer entledigen, weil sie letzten Endes als eine, sich bis ins unendliche wiederholende Kastrationsmaschine funktioniert, die geschaffen wurde, um überall und in jedermann die unhinterfragbare Gehorsamkeit eines*r Sklav*in zu reproduzieren …
Was wir wollen, was wir ersehnen, ist die Repräsentationen einzutreten, so dass wir entdecken können, was unser lebendiger Körper wirklich ist.
Wir wollen diesen lebendigen Körper ebenso befreien, freisetzen, entfesseln, entlasten, wie all seine Energien, Sehnsüchte, Leidenschaften, die von unserem einschreibenden und programmierten Sozialsystem erdrückt werden.
Wir wollen in der Lage sein, jede unserer Vitalfunktionen auszuüben und die volle Entsprechung ihrer Vergnügungen zu erfahren.
Wir wollen Empfindungen wiederentdecken, die ebenso grundlegend sind, wie das Vergnügen zu atmen, das von den Kräften der Unterdrückung und der Luftverschmutzung erstickt wurde; oder das Vergnügen des Essens und Verdauens, das von den Rythmen der Profitabilität unterbrochen wurde und den Nahrungsmittelersatzprodukten, die sie produzieren; oder die Vergnügen zu scheißen und des Analverkehrs, die von der gängigen kapitalistischen Meinung über den Schließmuskel systematisch angegriffen werden. Sie schreibt uns ihre fundamentalen Prinzipien direkt in unser Fleisch ein: die Machtlinien der Ausbeutung, die Neurose der Akkumulation, die Mysterien von Eigentum und Anstand, etc. Wir wollen das Vergnügen wiederentdecken, das darin steckt, uns freudig zu schütteln, ohne Scham, weder aus Notwendigkeit noch zum Ausgleich, sondern ausschließlich für das Vergnügen uns zu schütteln. Wir wollen die Vergnügungen des Vibrierens, des Summens, des Sprechens, des Gehens, des sich Bewegens, des uns Ausdrückens, des Tobens, des Singens wiederentdecken – wir wollen die Vergnügungen unseres Körpers auf alle nur erdenklichen Weisen entdecken …
Wir streben danach unsere Körper anderen Körpern zu öffnen, zu einem anderen Körper; um Vibrationen zu übertragen, um Energien zirkulieren zu lassen, um Lüste auszulösen, so dass jede*r frei ist, die eigenen Fantasien und Ekstasen auszuleben, so dass wir ohne Schuld und ohne Unterdrückung all der sinnlichen inner- und interpersönlichen Praktiken, die wir brauchen, leben können, so dass sich unsere Alltagsrealität nicht in die langsame Pein verwandelt, die der Kapitalismus und die Bürokratie als Modell der Existenz projizieren. Wir streben danach, uns die eitrige Unruhe der Schuld auszureißen, die seit tausenden von Jahren die Wurzel jeder Unterdrückung gewesen ist …
Wir wollen uns aller Rollen und Identitäten, die auf dem Phallus basieren, entledigen.
Wir wollen uns der geschlechtlichen Trennung entledigen. Wir wollen uns der Kategorien Mann und Frau entledigen, ebenso wie schwul und hetero, Besitzer*in und Besessene*r, höher und niedriger, Herr und Sklave. Wir wollen stattdessen transsexuelle, autonome, bewegliche und vielfältige menschliche Wesen mit abwechslungsreichen Unterschieden sein, die Sehnsüchte, Befriedigung, Ekstasen und zärtliche Emotionen austauschen können, ohne sich auf Tabellen des Mehrwerts oder Machtstrukturen zu beziehen, die nicht bereits in den Spielregeln enthalten sind.
Birds of Fire
Um unsere Erkundung der Queerness als Wildheit, als einen verrückten Angriff auf die zivilisierte soziale Ordnung abzuschließen kehren wir kurz zu Edelmans Kritik in No Future zurück. Entsprechend seines akademischen Feldes der Kulturkritik wendet er sich einer Reihe von Arbeiten der Literatur und des Films zu, um sein Argument zu untermauern. Während wir das meiste dieser Nabelschau als absolut unbrauchbar jenseits der Akademie betrachten, wollen wir uns kritisch mit einem dieser Objekte von Edelmans Arbeit auseinandersetzen: mit Alfred Hitchcocks Die Vögel.
In seiner Auseinandersetzung mit Hitchcocks Klassiker argumentiert Edelman, dass die Antagonisten des Films, die Vögel, das repräsentieren, was er die zukunftsnegierende Kraft eines brutalen und blindwütigen Triebs, der die Queerness ist, nennt, die über den Hafen von San Francisco fliegen und die Manifestationen familiärer Ordnung und der Heteronormativität unterbrechen.
Die Wahl der des Kindergeburtstags als Ziel dieses absolut choreografierten Angriffs zeigt das Ausmaß, in dem die Vögel auf die sozialen Strukturen von Bedeutung abzielen, dass nämlich Bräuche wie Geburtstagsfeiern dazu dienen, diese zu schützen und nachzuspielen: Nicht nur die Kinder und die Sakralisierung der Kindheit ins Ziel zu nehmen, sondern auch die Organisation von Bedeutung selbst um die Strukturen der Subjektivitäten herum, die mit dem Tag der eigenen Geburt die Ideologie der reproduktiven Notwendigkeit feiern, anzugreifen.
Edelman folgt Hocquenghem darin, die Arten zu beschreiben, auf die die Vögel gegen die Hegemonie der Sprache funktionieren, wenn ihr unstetes Singen und Gekreische eine Warnung vor ihrem unmittelbar bevorstehenden Angriff ist. Das ist nicht unähnlich jener altertümlichen Beschreibungen der »Barbaren vor den Toren«, die die Feind*innen der Zivilisation als erschreckend inkohärent schildern, die nicht nur Krieg gegen die materiellen Grundlagen der Zivilisation führen, sondern auch gegen ihre Tyrannei des Verstandes. Edelman beschreibt Hitchcocks Vögel folgendermaßen: »Die Verse, die sie auf so perverse Weise singen, springen von Sinnhaftigkeit zu Unsinnigkeit, hin und her, ohne eine klare Richtung, wobei sie erzählerische Fragmente miteinander verweben, die auf ein Scheitern des heterosexuellen Familienlebens hindeuten.« Er fährt fort:
Wir können behaupten, dass die Vögel in Hitchcocks Film, vermöge ihres Tuns, die heterosexuelle Matrix der Paarung zu versauen – und sich mit ihr anzulegen –, die reproduktiven Riten der menschlichen Turteltauben des Films, für die sie sich, ebenso wie für deren Produkte, nicht einen fliegenden Fick interessieren, desublimieren. Sie gestikulieren also in Richtung des Todestriebs, der dem reproduktiven Futurismus innewohnt, verachten Domestizierung in Form von Romantik, die immer die Romantik des Kindes ist.
Sie kommen, weil kommen das ist, was sie tun, beliebig und unvorhersehbar, wie die Homosexuellen, die Keyes dafür verflucht, »ein Paradigma der menschlichen Sexualität« zu fördern, »das von der Familie und Fortpflanzung getrennt ist, und nur zum Zwecke von … sinnlicher Lust und Befriedigung betrieben wird.« Sie kommen also, um hier eine Verbindung herzustellen, so unmittelbar in Luftlinie zwischen der Störung in der Familie und ihrem Zerbersten, dem radikalen Verlust der Familiarität, der von dem Genuss entfesselt wird.
Edelman versucht hier mittels des Symbols der Vögel die Irrationalität der Queerness mit der Verweigerung des reproduktiven Futurismus zusammenzubringen. Für ihn repräsentieren die Vögel das Mitgerissenwerden der vom Genuss erfassten Körper, Körper ohne jedes Interesse an den Gesetzen der Heteronormativität oder den Mandaten des reproduktiven Futurismus.
Insofern die Vögel die Vögel die Bürde der [Queerness] hervorbringen, die darauf abzielt die Heteronormativität von ihrer eigenen Implikation im Trieb zu trennen, wäre es eigentlich exakter zu sagen, dass die Bedeutung von Homosexualität durch das bestimmt wird, was der Film durch sie repräsentiert: die gewaltsame Aufhebung von Bedeutung, der Verlust von Identität und Kohärenz, der unnatürliche Zugang zu Genuss, der seinen idealen Ausdruck in dem von Hitchcock selbst gewählten Werbspruch für den Film findet, »die Vögel kommen«.
Er beschreibt die Vögel auf eine Art und Weise, die dem Terror gar nicht unähnlich ist, mit dem die Diener*innen der Ordnung stets den Widerstand gegen diese Ordnung beschreiben werden: »mehr und mehr Vögel, ununterscheidbar, einander allesamt so ähnlich wie Klone, sinken herab als die visuellen Antitypen der reproduktiven Futurorität, die die Kinder als Figuren des Aufstiegs selbst verkörpern und sicherstellen sollen.« Diese mobartige Anonymität ist das Kennzeichen jener Beschreibungen, mit denen Staaten stets ihre Feind*innen beschreiben. Eagl ob äußere oder innere; Anti-staatlicher Widerstand wird immer als gesichtsloser, ununterscheidbarer, animalistischer Mob dargestellt: Der schwarze Block, eingebildete Terrorist*innen, irrationale Aufständische, sexuelle Abweichler*innen – immer dient die dunkle, formlose Masse des Anderen dazu, eine soziale Ordnung, die auf Erkenntnis, Rationalität und Normalität gründet, zu terrorisieren.
Edelman beschreibt die Vögel als »die uneingestandenen Geister, die stets die soziale Maschinerie heimsuchen und die Unverständlichkeit, gegen die kein Diskurs des Wissens obsiegt.« Als Feinde der Gesellschaft, die in ihr eingeschlossen sind, erkennen wir uns offensichtlich selbst in dieser Lesart wieder. Als diejenigen, deren Sehnsüchte gewiss nicht innerhalb der Gefilde der politischen Verständlichkeit gefangen werden können, müssen wir die Vögel als unseren eigenen Kampf symbolisierend betrachten. Ein Kampf, den Edelman als gegen »die Domestizierung, die Kolonisierung der Welt mit Sinn« gerichtet beschreibt.
Auch wenn er es niemals zitiert, so ist es doch absolut offensichtlich, dass sich Edelman durch die Beschreibung dieser Domestizierung der Welt durch Sinnhaftigkeit, ausführlich auf Hocquenghems Verständnis des Körpers als von der Sprache durch den Prozess der Domestizierung kolonisiert beruft. Edelman entwickelt die Vögel hier als eine Metapher für den körperlichen Kampf, in dem sich Hocquenghem zusammen mit seinen Gefährt*innen selbst verortete, den gleichen Kampf, den wir auch als den unsrigen verstehen. Ein letztes Mal Edelman: »Folglich streben die Vögel in ihrem Kommen danach, die Welt zu vernichten, weil sie die Welt, die sie nicht akzeptiert, so sehr hassen, dass sie wiederum nichts anderes als die Zerstörung dieser Welt akzeptieren werden.«
Hier müssen wir uns selbst als die Vögel begreifen, sonst hat uns dieser Text nichts anzubieten. Unser Projekt besteht darin, die Welt in Trümmer zu legen, daher kann es sich nicht auf eine zahme Untersuchung von Film und Literatur gründen. Nein, wenn wir nichts weniger als die Zerstörung der Welt akzeptieren, dann müssen wir Edelmans Forschungsfelder als aufs Engste mit der Selbstreproduktion dieser Welt verwoben anklagen. Wir müssen den Ballast von Kunst und Akademie loswerden, aber indem wir das tun, müssen wir sie um diese gefährlichen Kerne der Subversion enteignen, in deren Besitz die Akademie bloß deswegen gelangen konnte, weil sie sie uns zuvor weggenommen hat. Wenn wir irgendetwas von Edelman und seinen Vögeln übernehmen wollen, so ist es das Konzept des Widerstands als eine sturmartige Masse, ein dezentralisierter Schwarm von Körpern, die ihre Feind*innen rastlos angreifen. Entsprechend der Lesart der Vögel muss unser Sturm irrational, unbegreiflich, anonym, mobartig, offensiv, sinnlos, inkohärent und erbarmungslos sein.
Wir können Halberstam erneut darin folgen, Edelmans apolitische Verbundenheit seinem Forschungsfeld gegenüber zu kritisieren, ebenso wie darin, uns eine andere, monströse Form vorzustellen, die ein solcher Widerstand annehmen könnte. Halberstam schreibt:
In meiner Arbeit über »alternative politische Einbildungen« umarmt das Alternative die Reihe »anderer Wahlmöglichkeiten«, die jede politische, ökonomische und ästhetische Krise begleiten und ihre Resolutionen. Queerness benennt die anderen Möglichkeiten, die anderen potentiellen Resultate, die nicht-linearen und nicht-zwangsläufigen Verlaufsbahnen, die sich von jedem gegebenen Ereignis aus auffächern und zu unvorhersehbaren Zukünften führen. In The Many-Headed Hydra: Sailors, Slaves, Commoners, and the Hidden History of the Revolutionary Atlantic [3], verfolgen die Sozialhistoriker Peter Linebaugh und Marcus Rediker das, was sie »die Kämpfe um alternative Lebensformen« nennen, die den Aufstieg des Kapitalismus im frühen siebzehnten Jahrhundert begleiteten und ihm Widerstand leisteten. In Geschichten über Piraterie, enteignetes Volk und städtische Aufstände beschreiben Linebaugh und Rediker ausführlich die Formen kolonialer und nationaler Gewalt, die brutal alle Steine im Weg der Macht der Mittelklasse ausmerzte und die proletarische Rebellion als desorganisiert, beliebig und apolitisch darstellte. Linebaugh und Rediker umarmen stattdessen die Macht der Zusammenarbeit innerhalb des antikapitalistischen Mobs und sie widmen den Alternativen besondere Aufmerksamkeit, die diese »vielköpfige Hydra« von Widerstandsgruppen sich vorstellte und verfolgte. Wir müssen eine queere Agenda schaffen, die mit den vielen anderen Köpfen der monströsen Entität, die Widerstand gegen den globalen Kapitalismus leistet, zusammenarbeitet …
Wir wenden uns einer Geschichte von Alternativen, zeitgenössischen Augenblicken des alternativen politischen Kampfes und hoch- sowie subkulturellen Produktionen einer abgefahrenen, unangenehmen, übertriebenen und durchweg zugänglichen queeren Negativität zu. Wenn wir in der Queertheorie die anti-Soziale Wende vollziehen wollen, müssen wir bereit sein, uns von der Komfortzone des höflichen Austauschs abzuwenden um eine wahrhafte politische Negativität zu umarmen, eine, die dieses Mal verspricht, zu scheitern, Chaos zu stiften, die Dinge zu verkorksen, laut zu sein, widerspenstig, unhöflich, Ressentiment auszubrüten, zurückzuschlagen, ihre Stimme zu erheben und das Maul aufzumachen, zu unterbrechen, Attentate zu verüben, zu schockieren und zu zerstören und, um Jamaica Kincaid zu zitieren, jede*n ein bisschen weniger glücklich zu machen!
Während wir Halberstams Versuch begrüßen, die Monstrosität queerer Negativität innerhalb von Linebaughs und Redikers Geschichte von Aufständen und Revolten zu verorten, müssen wir erneut Halberstams nur teilweise Kritik kritisieren. Auch wenn unser Widerstand sehr wohl die Form einer vielköpfigen Hydra annehmen mag, so sind diese Köpfe keine »alternativen Möglichkeiten« oder »politische Einbildungen«. Ebensowenig sind sie Formen des künstlerischen Ausdrucks.
Wenn wir von unserem Projekt queerer Negativität eines mit Gewissheit sagen können, dann dass der Kapitalismus eine unbegrenzte Fähigkeit besitzt, jede alternative Politik oder künstlerischen Ausdruck, die wir uns vorzustellen vermögen, zu tolerieren und zu rekuperieren. Es ist keine politische Negativität, die wir in unserer Queerness verorten müssen, sondern vielmehr eine boshafte Anti-Politik, die jedem utopischen Traum einer besseren Zukunft am entfernten Horizont eines lebenslangen Opferdaseins entgegensteht. Unsere queere Negativität hat nichts mit Kunst zu tun, sondern vielmehr eine Menge mit städtischen Aufständen, Piraterie und Sklavenrevolten: mit all diesen körperlichen Kämpfen, die die Zukunft verweigern und die Irrationalität des Vergnügens, des Genusses, der Wut und des Chaoses verfolgen. Wir kämpfen nicht für eine Alternative, weil es keine Alternative gibt, die den sich immer weiter ausdehnenden Horizonten des Kapitals zu entfliehen vermag. Stattdessen kämpfen wir ohne jede Hoffnung darum, unsere Leben diesem sich ausdehenenden Horizont zu entreißen und mit wildem Genuss im Jetzt auszubrechen. Alles Geringere ist unsere fortgesetzte Domestizierung gemäß den Regeln der Zivilisation.
Glücklicherweise ist die monströse Neigung, auf die wir uns beziehen, nicht etwas, das bloß in Geschichtsbüchern gefangen oder jämmerlich in verschiedenen kulturellen Produktionen repräsentiert ist. Stattdessen ist eine lebendige, dynamische, queere Neigung der sozialen Ordnung wesenhaft und in beständigem Krieg mit ihr. Wir können sie in den Feuern überall auf der Welt betrachten, die die Realität erhellen, dass sich Körper überall ihrer Versklavung an die Zukunft der Zivilisation verweigern. Wir können den Schatten des Monsters bei den Streikenden in Montreal erkennen, die sich der zukunftsorientierten Abwiegelung, wie sie vom Staat angeboten wurde, verweigern und deren Angriffe von einem Student*innenstreik in einen sozialen Krieg mündeten. Wir sehen dasselbe in Seattle, wo diesen 1. Mai ein Mob die Symbole von Kapital und Gesetz zerstört haben. Wir sehen es in San Francisco und Oakland, wo die Enteigneten und Ausgeschlossenen in einem unregelmäßigen Rhythmus zusammenlaufen und sich zerstreuen, um Polizeiwachen zu belagern, Yuppie-Einrichtungen anzugreifen, Autos abzufackeln und Chaos zu verbreiten. In New York können wir sehen, wie sich Körper in den Abgrund der Metropole stürzen, um die Zähne gegen die nicht endenden Fluten zu fletschen und sie zu blockieren. Überall auf dem Planeten finden wilde Körper einander und beteiligen sich an der zeitlosen Verschwörung gegen das Bestehende. In jeder Nation begehen sie Brandstiftungen, plündern, sabotieren und verstümmeln. Die Vögel fliegen weiterhin gemeinsam, um zu zerreißen und zu picken und die Sehnen einer sozialen Ordnung zu zerfetzen, die sie verabscheuen.
Einige wunderschöne Ausdrücke dieser Neigung in Richtung Wildheit können in den Handlungen und Schriften individualistischer Anarchist*innen auf dem Territorium, das vom chilenischen Staat beherrscht wird, gefunden werden. Wir geben hier einen Auszug eines bestimmten Communiqués von einigen wunderschönen Vögeln inmitten des sturmartigen Kampfes, der dort tobt, wieder. Das folgende stammt aus »The Revolt Continues Until Total Liberation« [4] von der Individualistischen Zelle der Vögel des Feuers:
Hier war sie wieder, die unersättliche Jugend, die alles zerstört, Barrikaden errichtet, mit der Polizei zusammenstößt, nichts kann sie stoppen … In ihren Herzen lodern Feuer und Leidenschaft, in ihrem Inneren sind Liebe und Hass, Mut und Entschlossenheit. Die Schönheit des Chaoses ist zurückgekehrt um die Straßen zu zieren, es ist nicht nur das Feuer, das den Asphalt dekoriert, es ist auch die Energie der Jugend, die Abschaffung der Geschlechter, alle im Kampf …
Die Schule einzureißen ist heute möglich, wie sie mutwillig an … jenen Orten von diesen wunderschönen pajarillas in Brand gesteckt wurde, die verstehen, dass diese Zerstörung ein großer Schritt in Richtung der Eroberung des Lebens ist …
Die Reise ist intensiv und schwierig, sie ist es immer gewesen, wenn Individuen, die genug von ihren miserablen Lebensbedingungen haben, sich organisieren und angreifen. Man kann keine Angst vor jenen haben, die sich nur für ein bestimmtes Ziel organisieren, selbst wenn es nur darin besteht zu zerstören, denn wir wissen, dass um zu erschaffen es notwendig ist zu zerstören … Und alle die Argumente, die diese kleinlichen Politiker*innen angeblich haben, wenn sie über das Problem der Bildung sprechen, nützen niemandem, weil die Unzufriedenheit wächst und voranschreitet, obwohl die Bürokraten und Geschäftsleute beinahe immer gewinnen. Und sie glauben, dass es eine einfache Sache wäre, diese Leidenschaft zu unterdrücken, dass sie sie mit ein bisschen Tränengas und einem bisschen Wasser auslöschen werden, wie jede andere Flamme, also müssen sie daran erinnert werden, dass sie falsch liegen, wieder und wieder, diese Idioten.
Die Nacht erhellt unsere Schritte stets, ebenso wie uns die freie Liebe unbeschränkte Glückseligkeit erlaubt, uns in der wunderschönen Stille der Dunkelheit zu finden, oder am Fuße der ersten Strahlen der aufgehenden Sonne; (Strahlen, die diese seltsamen Arbeiter*innen nicht wärmen, die auf die Busfenster und U-Bahnscheiben sabbern). In die Hitze einer Barrikade einzutauchen ist wie Magie, etwas Allwaltendes, oder kann nur Gott allwaltend sein? Wir brennen die Kirchen mit ihren pädophilen Priestern in ihnen nieder, wir blicken diese feigen Vergewaltiger von vorne an, um ihnen in ihr Gesicht zu spucken … ein neuer Tag bricht an, aber dieser ist einer der schönsten, weil wir die Sonne, die uns mit ihrer Hitze wärmt, mit einem emanzipierenden Feuer voller Vergnügen und Hoffnung kombinieren …
Hier sind sie wieder, die Barrikaden, mit diesen sinnlichen Formen, zu denen wir vom Feuer verleitet werden …
Das Individuum, das sich in Richtung der größtmöglichen Glücklichkeit bewegt, wird niemals stolpern, ihre Reise ist einzigartig und unvergleichlich, es gibt nichts, was sie stoppen kann, nicht die Bullen in rot, die sie mit Stöcken schlagen, nicht die Moral, die ihr ihre Grenzen auferlegt, nicht die Bullenspitzel, die ihren Pfad beschmutzen, nicht das Dröhnen ihrer Sirenen, um sie zum Schweigen zu bringen … Wir vergessen stets die Gesellschaft und ihre Herrschaften, die Normen, Moral, Disziplin, Götter und ihre idiotischen Doktrinen auferlegen und stürzen uns nackt in eine Begegnung mit unserem inneren Wesen …
»Wir fühlen uns am Leben, wenn wir vom Duft der Blumen, dem Gesang der Vögel, dem Brechen der Wellen, dem Klang des Windes, der Stille der Einsamkeit erschauern«, [5] wir fühlen uns am Leben, wenn wir von der Hitze des Feuers, der Wärme des Chaos, der Nächte der Revolte erbeben …
»Wir stürzten in den Abgrund, um den Stimmen unserer Toten zu antworten« [6], derer, die im Kampfe mit der Waffe in der Hand und einem Leuchten in ihren Augen gestorben sind und denen, die unsterblich sind, wie der punkige Mauri, wie Claudia Lopez, denen, die in irgendeiner Nacht dem Tod so würdevoll entgegentraten. Ja, denn jene von uns, die sich entschieden haben, ein intensives und gefährliches Leben zu leben, erwartet der Tod mit offenen Armen, liebkost und küsst uns …
Warum fürchten wir den Tod nicht? Weil »wir an den Gedanken gewöhnt sind, dass der Tod uns nichts anhaben kann, weil alles, das Gute wie das Schlechte, vom Empfinden abhängt und der Tod der Verlust der Sinne ist. Der Tod kann uns nichts anhaben, weil er nicht existiert, solange wir existieren und wenn er existiert, wir nicht länger existieren.« [7]
Es ist wahr, wir wollen alles, wir träumen von großen Festessen und scheuen Wasser und Brot, wir wollen grandiose Orgien und verwerfen die Monogamie. Wir glauben an freie Liebe, weil wir wissen, »dass Eifersucht und exklusive Liebesaffären Teile des Selbst töten, die empfindsame Personalität verkümmern lassen, den analytischen Horizont beschränken, und vieles weitere. Und zudem gilt für die Liebe wie für beinahe alles andere, dass es nur der Überfluss ist, der Eifersucht und Neid auslöscht …« [8] Wir wollen gemeinsam mit den Tieren über Felder und durch Wälder laufen, wir wollen nackt an den Stränden, Flüssen und Seen baden und nicht in einer Bannmeile für Unanständigkeit enden.
»Wir bestätigen erneut das Recht nackt zu leben, unsere Kleidung auszuziehen, nackt zu wandern, unter Nudist*innen zusammenzutreffen, ohne jedes Bedenken, den Widerstand des Körpers gegen die Temperatur zu entdecken, das bedeutet das Recht der Entfaltung der individuellen Körperlichkeit zu bestätigen …« [9]
Die Revolte ist da, wir müssen unsere Teilnahme vergrößern, unser generöser Egoismus muss daran derzeit teilhaben, an dem Kampf, daran uns für bestimmte Ziele zu versammeln und zu organisieren, wie für die Zerstörung, den Genuss, liebevolle Kameradschaft, Begegnungen mit dem Chaos, in Richtung der Dämmerung des kreativen Nichts voranzuschreiten, um dann in unsere Verstecke zurückzukehren, mit den Vögeln zu frohlocken und zu tanzen, uns von der Energie der Bäume zu nähren, die Brise des Ozeans zu fühlen, der entzückenden Melodie des Windes zu lauschen …
Wir haben es bereits gesagt und wir sagen es erneut: Unsere Revolution hat bereits begonnen, wir machen sie von Tag zu Tag, indem wir freie Liebe machen, uns selbst gegen jeden Gott und jede Religion positionieren, die herrschende Sprache dekonstruieren, die sie uns auferlegt haben, offen jeder Gesellschaft mit Feindschaft begegnen, wir machen sie, indem wir aufhören Männer und Frauen zu sein, indem wir einzigartige menschliche Wesen werden. Um es quantitativ zu formulieren: unter unbegrenzten Beschäftigungen besteht unsere in der Suche nach totaler Zufriedenheit, endlosem Genuss, Vergnügen und ewiger Glücklichkeit …
Es ist die Stunde der sozialen Tragödie! Wir werden lachend zerstören. Wir werden lachend niederbrennen. Wir werden lachend töten. Wir werden lachend enteignen. Und die Gesellschaft wird fallen. Das Vaterland wird fallen. Die Familie wird fallen. Alles wird fallen, da der freie Mensch geboren ward. Es ist die Zeit gekommen, den Feind in Blut zu ertränken … [10]
Man vergleiche die Worte dieser Gefährt*innen mit Hocquenghems Schilderung professioneller Revolutionär*innen: »Eigenartigerweise verstehen professionelle Revolutionär*innen, wann immer wir von Freude sprechen, bloß das, was Kirchen oder Ideologien darunter verstehen … das Konzept der Freude wird nie angesprochen.«
Wir können hier einfach die Vögel für sich selbst sprechen lassen. In ihren Worten wird alles offensichtlich: Revolte ist unentwirrbar von Freude, der Genuss und die Schönheit des Kampfes, die notwendige Zerstörung vergeschlechtlichter und sexueller Rollen, die Zurückweisung jeder Moral und Beschränkung von Liebe und Körpern, die wesenhafte Verbindung zwischen Vergnügen und Glücklichkeit mit Zerstörung, die Vereinigung mit dem Todestrieb, das Bestehen auf Genuss, die Verweigerung aller Ideologien sowie Politiker, die die Revolte verwalten wollen.
Diese Neigung ist nicht einzigartig für ein bestimmtes Territorium, weder im chilenischen Staat noch anderswo. Vielmehr gibt es überall, wo Körper miteinander konspirieren und gegen ihre Zukunft revoltieren, das Beharren gegen die Möglichkeit einer besseren Zukunft; wir haben unmittelbare Freude in der Zerstörung, am Schmausen, an Orgien, am Verwildern und am Nacktbaden, lieben, jagen, tanzen und lachen, und all dem Rest des Lebens.
Seite an Seite mit ihnen müssen wir darauf bestehen, dass unser Kampf alles zugleich ist, queer, wild, destruktiv und freudvoll. Wir enden mit Worten aus einem anderen Communiqué, die die Verantwortung für das Niederbrennen einer Bank in Santiago de Chile übernehmen: [11]
Diese Aktion reifte in dem ewigen Hass eines Lebens, das in einer Welt von Erwachsenen verfault, eines langweiligen Lebens voller Zement und Regeln … jedes Mal, das sie uns in Männer und Frauen kategorisieren, jeden Tag in der Schule, mit jeder Bestrafung, mit jedem Kindheitstraum, der sich in erwachsenen Realismus verwandelte …, mit jeder*m Gefallenen, jeder*m Ermordeten, mit jedem einzelnen Partikel des verfluchten Asphalts … Lang lebe das Chaos, möge das Chaos brennen, möge das Chaos von unseren Lippen lächeln und mögen all jene von uns, die gegen jede Form der Unterdrückung sind, jede Sekunde unseres täglichen Lebens auf den Ruinen der Städte, der Welt und des brennenden Universums und seiner brennenden Verwalter lachen und tanzen … Feuer allen Gefägnissen! Allen Familien! All den Geschlechterrollen! Allen Autoritäten und allen Städten …
[1] Originaltitel: Les culs énergumènes, etwa »Die durchgedrehten Ärsche«. Es ist allerdings umstritten, ob Hocquenghem überhaupt Autor dieses ursprünglich anonym veröffentlichten Textes ist. Die unter dem Namen »Für den Arsch« im deutschen erschienene Übersetzung wird etwa Christian Maurel zugeschrieben. Man fragt sich ohnehin, wieso man einem anonymen Text unbedingt eine*n Autor*in zuschreiben sollte. Anm. d. Übers.
[2] dt. etwa »Die Sexualität zerstören«. Anm. d. Übers.
[3] dt. etwa »Die Vielköpfige Hydra: Segler*innen, Sklav*innen, gemeines Volk und die verborgene Geschichte des Revolutionären Atlantiks«. Unter dem Titel »Die vielköpfige Hydra. Die verborgene Geschichte des revolutionären Atlantiks« ist dieses Werk bei Assoziation A erschienen. Anm. d. Übers.
[4] dt. etwa »Die Revolte dauert bis zur absoluten Befreiung an«. Anm. d. Übers.
[5] Emile Armand, »To Feel Alive«
[6] Renzo Novatore, »Toward the Creative Nothing«
[7] Epikur
[8] Emile Armand, »Love between Anarcho-Individualists«
[9] Emile Armand, »Nudism«
[10] Renzo Novatore, »Toward the Creative Nothing«
[11] Vom Februar 2012.
Entnommen aus der gleichnamigen Broschüre vom Maschinenstürmer Distro.